FORVM, No. 305/306
Mai
1979

ach trendbewußte junge frau —

zur neuesten philosophie des feminismus

wir machen das maul nicht auf! wenn wir es doch aufmachen, kommt nichts raus! wenn wir es auflassen, wird es gestopft: mit kleinbürgerlichen schwänzen, sozialistischem bumszwang, sozialistischen kindern, liebe, sozialistischer geworfenheit, schwulst, sozialistischer potenter geilheit, sozialistischem intellektuellem pathos, sozialistischen lebenshilfen, revolutionärem gefummel, sexualrevolutionären argumenten,

gesamtgesellschaftlichem orgasmus, sozialistischem emanzipationsgeseich. GELABER! wenn’s uns mal hochkommt, folgt: sozialistisches schulterklopfen, väterliche betulichkeit; dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wundersam, erstaunlich, wir werden gelobt, dann dürfen wir an den stammtisch, dann sind wir identisch; dann tippen wir, verteilen flugblätter, malen wandzeitungen, lekken briefmarken: wir werden theoretisch angeturnt! kotzen wir’s aus: sind wir penisneidisch, frustriert, hysterisch, verklemmt, asexuell, lesbisch, frigid, zukurzkommend, irrational, penisneidisch, lustfeindlich, hart, viril, spitzig, zickig, wir kompensieren, wir überkompensieren, sind penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch, penisneidisch. frauen sind anders! BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BÜRGERLICHEN SCHWÄNZEN

Frauenjahrbuch, Frankfurt 1975 [1]

der urige prolet tritt

vor genau 10 jahren erschienen in frankfurt am main. im jahr der trauer, 1978, immer noch/schon wieder mit staunen gelesen. 10 jahre danach erscheint im frankfurter sponti-blatt pflasterstrand, im artikulationsorgan der männlichen obersensiblen, der artikel eines genossen, der frisch von der vorhaut weg, nicht ohne genießerisches verbalschmunzeln, ansonsten aber höchst engagiert, EHRLICH, ja, vor allem ehrlich, berichtet, wie er seine freundin schwanzfickt, am liebsten zu tode ficken würde, in den schwangeren bauch tritt, prügelt. das alles tut er, weil’s ihm ein unbeschreibliches (dann aber doch beschriebenes) bedürfnis ist, und: weil es endlich an der zeit ist, mal ganz offen rauszusagen, was uns so lange schon stinkt: daß die weiber schon mehr oder weniger die macht übernommen haben, zumindest bei uns softies, die wir’s uns gefallen lassen, daß sie uns ihre prüde, frigide moral aufzwingen, uns in unseren urigsten gefühlen und bedürfnissen beschneiden, und überhaupt: jetzt reicht’s! der punkt ist erreicht, wo sich das unterdrückte, triebversagte, gefrustete, geknechtete individuum erhebt wider seine unterdrückerin, sie mal kräftig in den bauch tritt, wie’s ja auch der urige prolet gemacht hätte.

10 jahre erbarmungsloser feministinnenherrschaft sind genug! ein kopfloser geist geht um in europa, den herrschenden ein liebes hündchen, scharf und wachsam, liebevoll tendenzwende gerufen, die konterrevolution, ohne vorhergegangene revolution. der pflasterstrand-artikler ist kein einsamer rufer in der wüste, er ist ein mit der horde heulender wolf, den die großmutter aus dem bett geworfen hat. der wolf ist zum jäger übergelaufen, die rotkäppchen jedoch sind schon wieder bereit, sich für die taten ihrer großmutter zu entschuldigen.

im jahre des herrn 1978 beraten in wien annähernd hundert ex-AUF-frauen darüber, wer ihnen ein kommunikationszentrum bezahlen soll. die gemeinde, oder vielleicht ein ministerium? naja, die autonomie ist doch schon irgendwie ein alter hut, und der kampf, die politik, das liegt uns frauen wirklich nicht, ist uns nie gelegen, wir haben doch schließlich rechte, menschenrechte, die müssen uns gewährt werden, wozu haben unsere großmütter darum gekämpft, wenn der poldi gratz wirklich ein prinz ist, muß er uns auch ein schloß schenken. wiener gemeindefixierte ausgabe des großen geschehens.

die frauenbewegung, stärker denn je, ist unfaßbarer denn je. sie ist nicht einzuordnen, katalogisierbar. frauenbeweglerinnen werden ständig mit der anderen fraktion verwechselt, mit den falschen identifiziert. da ist ein eifriges distanzieren, verteufeln, abgrenzen, vermitteln, appellieren im gange, da fallen die courage-frauen in ohnmacht, wenn man sie mit den emma-macherinnen verwechselt, und das frauenprojekt selbstuntersuchung wirft mit spekula um sich, wenn man es für die gruppe sozialistische reproduktion hält.

UND SIE BEWEGT SICH DOCH! über und unter den quereleien bewegt sie sich, immer mehr frauen wehren sich auf immer mehr gebieten, immer mehr meinungsmacher fühlen sich genötigt, irgendein wort zu frauen fallen zu lassen, und sei’s der größte blödsinn, er kann doch nicht mehr völlig ungebrochen verzapft werden.

die hydra lebt

die bewegung selbst war nie eine partei, nie ein starres gebilde, das sich spalten ließe. die bewegung ist genauer geworden, sie hat sich die probleme einzeln vorgenommen. nach herstellung eines gewissen grundkonsenses sind die frauen grüppchenweise auseinandergegangen, um auf jeweils spezifische probleme einzugehen, sich bestimmtere analysen, methoden, strategien, theorien zu überlegen, um spezifischere praxis zu machen. der große kommunikationszusammenhang bewegung ist da, informationen werden mannigfaltig ausgetauscht, die kleingruppen arbeiten, es ist nicht nötig, die große partei vorzuspielen, die alles koordiniert, regelt, kontrolliert. es gibt keine einheitsmeinung, keine einheitsparolen, frauen assoziieren sich frei.

Es gibt tausenderlei projekte, die in den letzten zehn jahren entstanden sind: frauenzeitschriften, häuser für geschlagene frauen, ein feministisches gesundheitszentrum, gewalt-gruppen, frauenbuchläden, frauencafes, frauenkarategruppen, frauen organisieren sich in berufsgruppen, als filmemacherinnen, journalistinnen, in den gewerkschaften, in den bürgerrechtsbewegungen, der anti-akw-bewegung, als mütter, töchter, lesbierinnen etc.

frauen, die sich frei assoziieren, wissen, was sie tun. sie wissen, wofür, warum sie was machen. sie werden das auch nicht so schnell aufgeben, nicht so leicht konvertieren.

und doch, der kopflose geist der tendenzwende hat seinen weiten mantel auch über die frauenbewegung gebreitet, und einige von uns sind klammheimlich drunter mitgelatscht. die beobachterin im jahre des herrn 1978, am ende dieses 10. jahres danach, konstatiert im subjektiven rückblick tendenzen und gefahren.

unter den tausend klein- und kleinstgruppen in der bewegung finden sich große konsensgruppen zusammen: frauen, die sich quer über europa in bestimmten analysen und methoden, strategien und überlegungen einig wissen. der grundkonsens war schnell erreicht, von fast allen seiten unterschrieben, er blieb immanent: der grundkonsens zwischen feministinnen, sozialistinnen, parteien (zumindest sozialdemokratischen) war die forderung nach mehr, die behauptung des defizits, des cultural lag der frauen, die erkenntnis ihres nachholbedarfs und der glaube, ein mehr bis zur gleichheit wäre die lösung der probleme: mehr kindergärten, mehr rechte, mehr lohn, gleicher lohn, gleiche arbeit, gleiche ausbildung. ulrike prokop analysiert diesen konsens sehr richtig als verselbständigung beschränkter strategien: „... ohne Interesse an den Widersprüchen im alltäglichen Lebenszusammenhang der Frauen und an den Möglichkeiten ihrer Selbsttätigkeit stagnieren jedoch die Forderungen der bürgerlichen und proletarischen Frauenbewegung nach Gleichberechtigung, nach gleichem Recht der Frauen auf Ausbildung und Berufstätigkeit, nach ökonomischer Unabhängigkeit zu formalen Leitbildern.“ [2]

die forderung nach gleichheit bleibt immanent, sie ist formal in dieser gesellschaft einlösbar, sie ändert nichts, zumindest nicht zum positiven, sie fördert lediglich die identifikation mit dem aggressor und zum andern den rückzug in die idylle des briefeschreibens an „verantwortliche persönlichkeiten des öffentlichen lebens“: wir fordern ...

konsumermattung

das emanzipatorische ideal implizierte wesentlich die utopie vom neuen, vom anderen menschen. kritisches bewußtsein und sensibilisierung in der studentenbewegung verwiesen die gesellschaftliche analyse an das privatleben, an den reproduktionsbereich, die unberührte zweisamkeit in heim und familie, die cella sacra, an deren schwelle bisher das helle licht der aufklärung ehrfürchtig erlosch. hans-jürgen krahl forderte die „Organisation einer qualitativen Empirie, die sich bezieht auf die Produktion von Gebrauchswerten, die Befriedigung von Bedürfnissen und die Erzeugung von Interessen ...“ [3]

die befriedigung von bedürfnissen wird vom ausgebeuteten menschen der sechziger jahre in der konsumation gesucht, die konsumation gehört ins private. in ihrer orientierung am konsumbereich und in der forderung nach konkreter utopie, nach selbstverwirklichung der menschen im hier und jetzt, im kampf gegen die gesellschaft, die diese selbstverwirklichung verhindert, in der organisierung der kommunen, der entwicklung alternativer verkehrsformen postulierte die studentenbewegung für kurze zeit die lust am spezifischen, am individuum, an der imagination, der utopie. bevor sich jedoch irgendeine form von kontinuität entwickeln kann, brüllen die bürgerlichen individuen (studentenrevolutionäre) nach den massen und deren abscheu vor derartigen perversionen. das spezifische, das imaginierte menschliche wird diffamiert als kleinbürgerlicher individualismus. hansjürgen krahl warnt schon im sommer 1969 davor, daß der „revolutionäre Protest in den Metropolen ... mit der Einführung tradierter Klassenkampfkategorien und taktischer Realitätsprinzipien den kompromißlosen Impetus revolutionärer Negation erstickt, daß er über der klassenbewußten Realpolitik die Revolution vergißt“. [4]

über den ermattungen der betriebsarbeit wurde der kampf um die alternativen verkehrsformen vertagt, die glorifizierung proletarischen umgangs feierte fröhliche urständ. die tomaten der frauen am SDS-kongreß klatschten da als volltreffer auf die klassenverratsbewußte exkleinbürgerliche heldenbrust. die frauen, deren primärbereich die als sekundär erkannte reproduktionssphäre ist, erklärten den genossen den geschlechterkampf. 2 jahre später formulierten radikale feministinnen ihre ablehnung der gleichheit. die gesellschaft wurde als patriarchalisch analysiert, iriterpretiert und abgelehnt. gleichheit wurde als anpassung an die normen der patriarchalischen gesellschaft erkannt und verworfen, die realpolitik wurde gegen die revolte hic et nunc eingetauscht.

nach der euphorie der §-218-bewegung, der ersten frauenzentren, selbsterfahrungsgruppen, der emanzipation vom legitimationszwang vor den genossen, der erstmals praktizierten autonomie in der hinwendung auf das eigene geschlecht, die eigenen spezifischen bedingungen, geschichte, widersprüche, formulieren sich die ersten autonomen forderungen. nach der ungebrochenen einigkeit der ersten stunden verweisen die entstehenden differenzen auf die mannigfaltigkeit der strukturen, bedürfnisse, vorstellungen. die erste größere eskalation provozieren die lesbierinnen, die durch ihr aggressives, legitimation und toleranzgeheische erstmals verweigerndes öffentliches coming-out die peinlichste aller fragen stellen: wie kannst du privatleben und politik vereinbaren, wie kannst du dich in der frauenbewegung autonom organisieren und zu hause deinem typ eine gute frau sein, wie kannst du deine schizophrenie aushalten, den sexismus bekämpfen zu wollen und dabei täglich schön brav die pille zu fressen?

fackel in die cella sacra

die lesbierinnen warfen die brennende fackel in die cella sacra, und was da erleuchtet wurde, wäre besser im dunkel geblieben. in der allgemeinen verunsicherung profilierten sich allein die reformistinnen, die mit dem verweis auf a) die „neuen“ frauen, b) die arbeiterin, c) überhaupt die normale hausfrau, die das allesamt nicht vertragen könnten und sich mit abscheu von uns wenden ... das große wort vom frauenverschrecken feierte seinen einzug in die frauenbewegung, gerierte sich als neue, besonders sorgfältige beobachtung und gleichzeitig als älteste revolutionäre erfahrung: die massen, die massen, es könnt ihnen nicht passen. es war der 19. brumaire kautskys.

die letzten, die vor der frauenbewegung in ebendiesem problem aneinander- und auseinandergeraten waren, waren die theoretiker der studentenbewegung. krahl: „Diese allgemeinen Überlegungen richten sich auch gegen das Argument, die direkte Aktion isoliere die APO nur von der Bevölkerung und passe sich taktisch zu wenig an deren Bewußtsein an. Sieht man davon ab, daß die taktische Anpassung an falsches Bewußtsein dieses noch nie verändert, aber fast immer die revolutionären Prinzipien über Bord geworfen hat, so falsifiziert sich dieses Argument an ihrem eigenen Erfolgskriterium.“ [5]

die frauenbewegung begann mit dem bekenntnis illegaler aktionen: frauen erklärten öffentlich „ich habe abgetrieben“. eine als kriminell sanktionierte handlung wurde als das deklariert, was sie de facto war: normaler bestandteil weiblichen alltags. die defaitistische angst um die „neuen“ frauen ist eine massive projektion eigener angst auf die imaginierte bewußtlosigkeit und hilflosigkeit der berüchtigten „neuen frauen. unsere beschützer haben uns immer wieder erfolgreich vor unserer eigenen befreiung gerettet. der frauentümliche umgang mit frauen versteht die frauen als tümlich.

die reformerinnen bilden heute noch eine starke gruppe in der frauenbewegung. eine gruppe von ihnen würde sich am liebsten jeden bittbrief von der regierung finanzieren lassen, entwickelt dem system seine reformen, verbucht jede vom reibungslosen funktionieren des kapitalismus diktierte reform als eigenen erfolg und geht tapfer und doppelbelastet den langen marsch durch die institutionen.

die andere gruppe, das ist die möchtegernmütterchenpartei, die hausfrauen aus leidenschaft, sie organisieren, ordnen ein, um, checken, terminisieren, korrespondieren, machen, überzeugt davon, daß das system einmal an ihrer besseren einteilung scheitern wird. sie sind permanent überarbeitet, gestreßt, sehnen sich nach einem sekretariat, einer schönen koordination, irgendwer muß ja doch die verantwortung übernehmen. da schlägt angesichts längst abgewandter inhalte die wildgewordene form um sich. die verhinderten bürokratinnen (eine partei schickt sich einfach nicht für die frauenbewegung) organisieren sich an dem nervenzusammenbruch oder parteieintritt — für eine bewegung, die sich längst woanders bewegt. indem sie ihr rollenverhalten in die bewegung transportieren, die dieses rollenverhalten kritisiert, provozieren sie als putzfimmelige mütter den exodus der töchter, deren revolte als totale alle verhaltens-verkehrs-kampf- und organisationsformen meint.

die reformistinnen nisten sich ihr nest und puppenheim am rand des weiten mantels der tendenzwende in geschäftigem vereinswesen. stets die grenzen vor augen, perpetuieren sie ordnung, hierarchie, delegation von verantwortung, das jeweils herrschende vereinsrecht im kopf und streß im magen.

zurück zur mutterschaft?

ihnen strukturell fatal verwandt und doch meist verfeindet sind die urmütter der bewegung. die leibseienden, mondphasenrhythmischen, fruchtbaren, erdnahen, instinktbewahrthabenden wahrsagerinnen aus dem menstruationsblut. sie fixieren die geschlechterdifferenz auf ihre akuten ausprägungen, identifizieren sich mit den diffamierenden zuschreibungen, ohne je deren bedingtheit zu hinterfragen. das urweib erhebt sich aus dem schlamm, die frau als primär, a priori, per se mutter.

„Die Mutterschaftsideologie reduziert gerade in ihrem Rückbezug auf matristische Ursprünge die Frauen auf biologische Funktionen. Von der Machtfülle, die die Frauen in matristischer Zeit ... tatsächlich hatten, bleibt in der Projektion dieser Bilder ... nur noch das Gebärvermögen bestehen — als entspräche diese Reduktion nicht einer alten misogynen Weiblichkeitsideologie.“ [6]

sylvia bovenschen enthüllt die neue sicht der frau als des kaisers neue kleider. biologistische argumentationen spazieren haarscharf an faschistischer optik vorbei. da erscheint die ideologie in der verkleidung des mythos.

wie stark diese tendenzen sind, zeigt die diskussion in der allgemein als linkslastig verstandenen berliner frauenzeitschrift courage um peter-paul zahl und der bericht über die anhörung irmgard möllers in stammheim. [7] hier wird die hilflosigkeit der frau, das alte märchen von „frauen und kinder zuerst“ repetiert, als wär’s der weisheit letzter schluß. die gewalt, die macht, der kampf, das BÖSE in der welt — es schreckt die gebenedeiten unter den weibern, die die mitleidende geste für solidarität setzen und denen die achtung verweigern, die mitleid nicht fordern. wo man weint, da laß dich ruhig nieder — in der schwäche finden wir uns wieder. die mutter-kind-welt wird als harmonisch und friedlich per se gegen die welt des krieges, der politik, des kampfes gestellt. was hier — und das interessiert auch über die spezifische auseinandersetzung hinaus — doziert wird, ist einmal kritikloser antagonismus von gut und böse und dann in der verherrlichung der frau als mutter die diffamierung der kinderlosen frauen. freud strahlt vom himmel, die erfüllung der frau ist halt doch der ersatzpenis, die reife sexualität der frau, ihre schicksalshafte bestimmung wird schon wieder mal erkannt. die frage „was wollen die frauen“ wird schon wieder mal beantwortet.

die tendenzwende tobt auch als restauration der reproduktionsfähigkeit. der BRD-staat läßt die fachleute überlegen, wie man die absinkende geburtenrate steigern könnte, das gespenst nullwachstum wird bedrohlich an die wand gemalt, ein panoptikum verhungernder pensionisten wird den frauen als zukunft vorgeführt — alle buhlen um die frucht ihres leibes. und nora entdeckt plötzlich, daß sie schon immer mit puppen spielen wollte. hier werden widersprüche, probleme, schwierigkeiten, die situation einer mutter in der heutigen gesellschaft verschleiert, verpackt und als ursprüngliche befriedigung an die frauen verkauft.

bevor wir nicht annähernd eine situation geschaffen haben, in der wir frei wählen können zwischen „kinder oder keine“, solange sich die nicht-mütter legitimieren und ihr abweichendes verhalten erklären müssen (auch vor sich selber), solange ist es verfrüht und zynisch, von der großen chance und dem unendlichen glück der mutterschaft zu sprechen. alles gerede von frau und natur und frieden und machtlosigkeit bleibt affirmative argumentation und ein bumerang ins gesicht all derer frauen, die sich gerade aus diesem netz zu befreien suchen. in ebendieselbe kerbe schlägt die massive theoriefeindlichkeit der profibauchfrauen. sie formiert sich paradoxerweise gerade unter denen, deren arbeitszusammenhang die theorie ist, den studentinnen und intellektuellen. sie lehnen die herrschende theorie und wissenschaft mitsamt ihrem instrumentarium ab — gewissermaßen in einem immanenten arbeitskampf —, sind aber nicht willens, alternative methoden und inhalte zu entwickeln, und verweigern allen frauen den zugang zu ebendieser entscheidungskompetenz.

... daß frauen nicht denken können

es ist eines der ältesten und abgeschmacktesten ondits, daß die frauen nicht denken können. allein daß noch dagegen argumentiert wird, beweist, daß es noch nicht aus der welt ist. es ist schon einer der wichtigsten schritte zur selbstbefreiung, das sapere aude, das den frauen nun schon wieder verteufelt werden soll. frauen, die das neue, intellektfeindliche postulat erreicht, die ausgegangen sind, wissen zu suchen, erkennen zu lernen, nicht selten in volkshochschulen — in der alten sozialdemokratischen hoffnung, daß wissen macht sei. diese illusion ist nicht produktiv auflösbar durch ihre schlichte negation in allen punkten: negation des wissens und der macht. denn wenn auch wissen nicht macht ist, ist doch unwissen ohnmacht und die unfähigkeit, zu erkennen, machtlosigkeit, die, zum entschluß erhoben, sich zu masochismus transformiert: mater dolorosa durch den schleier geschützt vorm bösen blick der abstraktion. es ist schlicht menschenverachtend, die frauen auf ihren instinkt und ihre emotionen zu reduzieren. hier wiederholt sich — frauenspezifisch — der umschlag der aufklärung zum irrationalismus.

die frauenbewegung hät in ihren autonomen reflexionen zum thema die synthese aus intellekt und emotionen, aus öffentlich und privat, aus analyse und connection zum desiderat erklärt, als aufgabe postuliert, als imaginierte menschlichkeit phantasiert. die antagonismen widersetzten sich konsequent, die dialektik verweigert die einsicht in ihr funktionieren, die differenten reaktionen auf die eskalierten widersprüche gerieren sich als einzig richtige strategie.

die „neue theorie“ wagt sich dennoch ins gefecht: helene cixous, irigaray, prokop, bovenschen, gerhard und andere entwickeln an spezifischen problematiken feministische optik. hier werden erstmals die scheinbar „eh schon klaren“ vertrauten begriffe befragt auf ihre genauigkeit und verworfen als pauschalierend, oberflächlich, unzutreffend. sicherheiten der marxistischen wissenschaftlichkeit werden als projektionen entlarvt, vertagte fragestellungen neu formuliert, altbekannte zitate widerlegt.

ute gerhard untersucht familie, rechte und arbeit der frauen im 19. jahrhundert und revidiert mit akribischer genauigkeit das altgediente dogma von der entstehung der kleinfamilie durch den kapitalismus, die massenhafte abwanderung der frauen in die betriebe mit beginn der industriellen revolution und die fortschreitende fortschrittlichkeit der rechtssituation. in liebevoller sorgfalt wird ein großer teil der verwendeten dokumente zur eigenen überprüfung im anhang mitgeliefert. [8]

ulrike prokop hinterfrägt die forderung nach gleichheit und die allseits beliebte interpretation der situation der frau als defizitär und fordert und entwickelt statt dessen „eine Bestimmung und Analyse der im weiblichen Lebenszusammenhang vorherrschenden Produktion und der darin bestehenden Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse und zweitens eine Analyse der Ambivalenzen im weiblichen Bewußtsein; das sich im weiblichen Lebenszusammenhang und aus den Widersprüchen der darin „bestehenden Produktion bildet. Erst hiedurch gelangt man zu einer Betrachtungsweise, die über die übliche Konfrontation ‚schlechter‘ empirisch gegebener Merkmale (z.B. Ichschwäche) und ‚guter‘, idealer (Leistungs- und Konkurrenzorientierung) hinausgeht.“ [9]

gute nacht, opa lacan!

hier werden präzise die gefahren der verabsolutierungen der individuellen entwicklungen genannt: die erkenntnis, daß der lebenszusammenhang der frauen ihnen erlaubt, menschliche qualitäten zu bewahren und zu transportieren, schlägt um in affirmation des herrschenden frauenideals, wenn bedingungen des lebenszusammenhangs zugunsten dieses effekts idealisiert werden. und gleichzeitig konkretisiert das erkennen der dialektik der unterdrückung das postulat der differenz: in der mannigfaltigkeit der menschlichen strukturen bewahrt die geschlechterdifferenz den frauen fähigkeiten zur menschlichkeit, die das desiderat der idealen, enthierarchisierten, herrschaftslosen gesellschaft imaginabel und als konkrete utopie experimentierbar machen.

die deutschen theoretikerinnen demonstrieren ihre wissenschaftliche sozialisation durch die kritische theorie und benjamin, indem sie das instrumentarium im sinne der weiblichen optik expandieren und damit eine qualitativ neue methode entwickeln.

großzügiger verfahren die französinnen, die sich lachend von „großpapa lacan“ abwenden und „eine umarbeitung des bezugs zur metasprache“ (cixous) deklarieren: „Denn ich denke, daß wir total erdrückt sind ... durch die superverdrängenden Wirkungen, wie sie von der Metasprache herrühren, d.h. vom Kommentar des Kommentars, von der Kodifizierung, so daß eine Frau, sobald sie den Mund aufmacht, gefragt wird — und zwar mehr als ein Mann —, in wessen Namen sie spricht, von welcher Theorie sie ausgeht; wer ihr Meister ist und wo sie herkommt: kurz: sie hat zu deklinieren ... ihre Identität nachzuweisen.“

cixous distanziert sich von ihrem „meister“, von der französischen schule der psychoanalyse, indem sie den großen fall, die typisch weibliche erkrankung aus der radikal differenten optik der frau neu interpretiert:

Schweigen. Das Schweigen ist das Merkmal der Hysterie. Die großen Hysterikerinnen haben die Sprache verloren, sie sind stimmlos, sie haben manchmal mehr als die Sprache verloren: sie werden bis zum Würgen gedrängt, nichts kommt durch: sie sind enthauptet, ihre Sprache ist durchschnitten und das, was spricht, wird nicht gehört, weil es der Körper ist, der spricht, und weil der Mann dem Körper nicht zuhört. Schließlich ist die Frau, die zur Hysterie getrieben wird, die Frau, die nichts weiter als Verwirrung ist und die verwirrt. Der Meister schwärmt für die Verwirrung von dem Augenblick an, wo er sie meistern kann und wo er über sie verfügt. [10]

der wahnsinn ist essentielle problematik feministischer theorie und praxis: der wahnsinn der frauen und der wahnsinn des systems, der system hat. der wahnsinn als praktische erfahrung der frauen und als erfahrung der praxis korrigiert die euphorie der theorie und verhindert ihre verabsolutierung: die bewegungsimmanente rehabilitierung „weiblicher“ gefühle, femininer weigerung, bruchlos den wahnsinn des systems mitzumachen, muß eine kritische analyse dieser gefühle implizieren: sensibilität, verletzbarkeit, offenheit, zärtlichkeit, phantasie, verweigerung der schematischen ordnung, die bereitschaft, qualitativ neue, alternative verkehrsformen zu entwickeln, sind zugleich potentielle gefühle, die frauen überwältigen, die frauen zum ausflippen bringen, zum: auffälligen verhalten — oneway ticket in die psychiatrie.

wer interessiert sich schon für mich?

der wahnsinn in dieser gesellschaft ist kein göttlicher, kein normsprengendes genialisches überfliegen der grenzen. wahnsinn in dieser gesellschaft, sofern er auffällig wird, bedeutet niedergespritzt werden, zwangsjacke, gitterbett, erniedrigung, entmenschlichung, totale auslieferung, schlimmstenfalls e-schocks.

die tränenglänzende identifikation mit sylvia plath, mit den hexen auf dem scheiterhaufen ist arbeit an der eigenen opferhaltung, die arbeit dagegen leistet die feministische therapie: praktische projektarbeit, die die schöne formel „von frauen für frauen“ konkretisiert: entwicklung alternativer therapiemodelle, therapie, selbsttherapie und theoretische aufarbeitung der konkreten erfahrungen. der kontakt mit hilfesuchenden frauen lehrt wieder die eminente bedeutung von schweigen und sprache. roswitha burgard beschreibt ihre erfahrung als therapeutin als zuallerersteinmal zuhörende:

Ich habe in meinen Gesprächen die Erfahrung gemacht, daß alle Frauen ein dringendes Bedürfnis hatten, sich mitzuteilen, und im Verlaufe des Gesprächs immer deutlicher ihren Unwillen über die täglich sich wiederholenden Demütigungen und Erniedrigungen herausbrachten ... Ich habe oft Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit bei meinen Gesprächspartnerinnen erlebt: sie konnten nicht glauben, daß sich eine Person freiwillig mit ihnen beschäftigen wollte. Sie fühlten sich in unseren Gesprächen seit langer Zeit zum ersten Mal wieder als eigenständige Person wahrgenommen. [11]

feministische praxis funktioniert, sie formiert sich in kleingruppen, die auf der basis gegenseitiger vertrautheit und einer solidarität, die nicht länger gedachter anspruch bleibt, sondern sich in neuen beziehungsformen zueinander konkretisiert, punktuelle arbeit leisten.

die kampfformen der frauen sind so spezifisch wie ihre sonstigen methoden. sie orientieren sich nicht an forderungen der herrschenden vernunft, sie sind listig und subversiv, nicht faßbar, da nicht „korrekt“ organisiert. frauen sind gewöhnt, mit der illegalität zu leben: sie haben seit jeher abgetrieben, ob es verboten war oder nicht, frauen stellen die höchste rate an den „erschreckend zunehmenden kaufhausdiebstählen. frauen haben ein enormes maß an widerstand in sich, die geschichte der revolutionen zeigt frauen stets als die entschlossensten und ausdauerndsten kämpferinnen.

aber frauen tragen das instrument ihrer unterwerfung, ihrer rückverweisung an den herd, der liquidation der geschichte in sich: es ist ihre gebundenheit in die familie, in die heilige heterosexuelle, monogame, „natürliche“ zweierbeziehung mit potentieller erweiterung: ehe und kinder.

die familie als beginn und ziel unseres lebens ist der mythos, den wir in uns tragen, die bilder vom trauten heim, der horror vor der einsamkeit, die „natürlichkeit“ von kindern — das sind die bilder, die unsere träume formen, das selbstverständliche, das zu bekämpfen anstrengung erfordert. suzanne brogger formuliert verzweifelt, doch unwiderrufbar entschlossen: „Angenommen, dies sei unsere Natur geworden, dann sehe ich keine andere Möglichkeit, als die Natur zu ändern. Unter anderem, um zu überleben.“ [12]

dürfen feministinnen heiraten?

die lukács-schülerin ágnes heller kommt in ihrer untersuchung des alltagslebens, der individuellen reproduktion, unter anderem zu der feststellung: „Vom Gesichtspunkt unserer menschlichen Entfaltung sind die Beziehungen die entscheidenden Verkehrs formen des Alltagslebens: je intensiver sie sind, je mehr sie auf Gleichheit beruhen, je stärker das Moment der freien Wahl in ihnen ist, je mehr auf der Basis der ‚Liebenswürdigkeit‘ zustande gekommene, frei gewählte Beziehungen das Leben der Menschen kennzeichnen, umso menschlicher ist ihr Leben. Solche Beziehungen sind der höchste Wert im Alltagsleben.“ [13]

dieser „höchste Wert im Alltagsleben“ realisiert sich für die meisten menschen nicht als frei gewählte beziehungen auf der basis der liebenswürdigkeit, sondern als internalisierte zwangshandlungen, die die norm vorschreibt, und deren scheitern (scheidung) gesellschaftlich sanktioniert wird, wobei bei der frau noch massiv schuldgefühle produziert werden.

der kampf gegen die familie, gegen die norm des paares, gegen die zwangsverordnete heterosexualität war stets der radikalste. die negierung dieser heiligen werte fand in kein noch so revolutionäres parteiprogramm eingang. von lenin bis landauer kann sich kein männlicher revolutionär wirklich eine gesellschaft vorstellen, die alle werte, normen, selbstverständlichkeiten, natürlichkeiten über bord wirft, um neue, freie menschliche beziehungen zu entwickeln.

wenige haben es gewagt, und es waren frauen: louise michel zum beispiel. sie, wie die anderen waghalsigen, praktizierten ein leben ohne vorbild, ohne sicherheit, außerhalb des rahmens, sie lebten, was sie forderten, und ihr leben machte ihnen die forderung zur existentiellen notwendigkeit. doch die gesellschaft und die betroffenen in allen politischen lagern entwickeln ungeahnte kräfte, um dieses sakrileg zu verhindern, um den frevel schon in seinen verbalen ansätzen zu ersticken.

lebt jetzt!

ist die familie kaputt, braucht sie eine kur, rekonvaleszenz, mach ferien von der ehe, heißt es dann, oder lebt ein bißchen auf probe zusammen, damit ihr seht, wie’s geht. die neueste erfindung ist das institutionalisierte, kommerzialisierte alleinleben. früher fuhren die söhne reicher eltern auf kavalierstour durch europa, ehe sie sich in den ernst des lebens warfen, heute lebt der schicke junge mann und auch schon die trendbewußte junge frau erst mal (und zwischendurch) als single, bevor er/sie sich in den ernst des ehelebens stürzt. alles ist mittel zum zweck partnerschaft, alle wege führen in die familie. niemand ist davor gefeit. das beweisen die klammheimlichen eheschließungen in der frauenbewegung. im mantel der tendenzwende läßt sich hübsch ein nestchen bauen. die einsamkeit, vom paarmenschen a priori negativ besetzt, dräut an allen ecken und enden, und jetzt, wo das politische klima so rauh wird, wird’s daheim erst richtig gemütlich. beim warmen ofen aus dem fenster schauen — oder: backe, backe kuchen, der jogi hat gerufen. auch in landkommunen wird normal geliebt, grade da, so nah der erde, fühlt man sich der natur besonders verpflichtet.

derselbe faden ist es auch, der die revolutionäre bewegung unweigerlich zurückzieht in die nester der reaktion, in die kompromisse, die „realpolitik“, die preisgabe der utopie und damit den verrat an sich selbst und ihren idealen. der blick nach vorn stößt sich wund an visionen von atomkrieg, drittem weltkrieg, kzs, polizeistaat, faschistischem terror, 1984 — keine generation zuvor hat in eine derart hoffnungslose zukunft geblickt.

der frauenbewegung ist die konkrete utopie immanent. frauen praktizieren jetzt, heute, alternative lebensformen, verändern ihre beziehungen zueinander, entwickeln stärke, sind in bewegung. es sind die menschen, die ihre geschichte machen, es liegt auch an uns, was aus uns wird. es gibt keinen rückzug für uns: während wir unsere pflanzen begießen, sterben draußen die letzten bäume an pollution, indem wir uns „anständig“ verhalten, programmieren wir uns selbst für die totale anpassung. wenn in 20 jahren die einen verheiratet sind, die anderen aufsichtsrätinnen in konzernen für spekulumerzeugung, die dritten im knast, wurden heute die gefahren nicht erkannt, verdrängt, euphemisiert.

die cassandras aller länder öffnen die augen und eröffnen den kampf. frauen sind sand im getriebe. sollte doch noch eine menschliche zukunft möglich sein, verdankt sie sich den frauen.

[1Zit. nach: Frauenjahrbuch, Verlag Roter Stern, Frankfurt 1975, S. 17

[2Ulrike Prokop: Weiblicher Lebenszusammenhang. Von der Beschränktheit der Strategien und der Unangemessenheit der Wünsche, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1977, S. 10 f

[3Hans Jürgen Krahl: Konstitution und Klassenkampf. Zur historischen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletarischer Revolution, Verlag Neue Kritik, Frankfurt 1971, S. 320

[4Ebenda, S. 203

[5Ebenda, S. 277

[6Sylvia Bovenschen u.a.: Aus der Zeit der Verzweiflung. Zur Genese und Aktualität des Hexenbildes, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1977, S. 267

[7Zit. nach Courage 3/78 (Berlin)

[8Ute Gerhard: Verhältnisse und Verhinderungen. Frauenarbeit, Familie und Rechte der Frauen im 19. Jahrhundert, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1978

[9Ulrike Prokop: a.a.O.

[10Helene Cixous: Die unendliche Zirkulation des Begehrens, Merve Verlag, Berlin 1977, S. 32

[11Roswitha Burgard: Wie Frauen „verrückt“ gemacht werden, Frauenselbstverlag, Berlin 1977, S. 142

[12Suzanne Brogger: ... sondern erlöse uns von der Liebe. Stationen einer neuen Weiblichkeit, Fischer Taschenbuch, Frankfurt 1978, S. 83

[13Ágnes Heller: Das Alltagsleben. Versuch einer Erklärung der individuellen Reproduktion, Suhrkamp Verlag, Frankfurt 1978, S. 298

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