FORVM, No. 289/290
Januar
1978

Anschluß von innen

Was Dokumente Österreichs weiland Diktator Schuschnigg nachrufen

Kurt Schuschnigg, Österreichs Bundeskanzler von 1934 bis 1938, starb am 18. November 1977 im Alter von 79 Jahren. Über seine Mitschuld am Anschluß Österreichs ans Hitlerreich sollte anläßlich der 40-Jahr-„Feiern“ diskutiert werden (März 38 bis März 78). Wir regen das auch deshalb an, weil wir schon einen anderen Vater der Ersten Republik mit seinen Texten beworfen haben: Karl Renner (NF Oktober 1977). Gerechtigkeit muß sein!

Auch bei Schuschnigg fiel uns ein bisher unbeachteter Text in die Hände: Der Mann hat seine Gefängnisaufzeichnungen vor Drucklegung so bearbeitet, daß er nicht als Anschlußanhänger dasteht.

Wie wendig wandelbar erweist sich also Schuschnigg in diesen drei unter ganz verschiedenen Zeitumständen erschienenen autobiographischen Büchern? Es ergibt sich, daß er auf Wendigkeit verzichtet hat. Seine Bücher sind auch nicht apologetisch.

Heinrich Drimmel
Die Presse, 19. November 1977

Reichspest + Surmscharen

Als der Diktator von Österreich starb, konnte sich niemand mehr an ihn erinnern. Im Februar 1934, damals Justizminister unter Dollfuß, ließ Schuschnigg einige schwerverletzte Schutzbündler standrechtlich niedermachen. „Schuldlos schuldig“ findet ihn der Altsozialdemokrat Koref aus Linz in einem Nachruf. [1] Sein Kaiser Otto, der ihn am Totenbett besuchte, meint: „Er war ein tiefreligiöser Mensch, hat aus edelsten Motiven gehandelt.“ [1] Und was den Anschluß betrifft, spricht ihn Österreichs auflagenstärkste Zeitung im nachhinein glatt frei: „Schuschnigg ist in die Geschichte als der Mann eingegangen, der seit 1934 vergeblich darum kämpfte, Österreich die Unabhängigkeit zu erhalten.“ [2]

In Österreich interessiert sich niemand für Geschichte, das stört beim Händereichen übern grünen Tisch. Und so teilt man sich die historische Wahrheit fifty-fifty auf: Fünfzig Prozent Schuld für den Arbeitermörder und fünfzig Prozent für den gemordeten Arbeiter.

Für den Anschluß gibt’s sogar einen Bonus. Während Schuschniggs Außenminister Schmidt von einem Wiener Gericht Mitte 1947 noch mit Hängen und Würgen von kriegsverbrecherischer Anschlußbegünstigung freigesprochen wurde, gilt der Diktator von 1934 bis 1938 heute allgemein als beinahe schon heldenhafter Widerstandskämpfer. Altbürgermeister Koref (SPÖ): „Schuschniggs Auftreten gegenüber den Machtgelüsten Hitlers möchte ich als durchaus mannhaft bezeichnen.“ [1] Hans Huebmer, ein überlebender Redakteur der katholischen Reichspost (ein von den Arbeitern seinerzeit Reichspest genanntes Blatt), überschreibt den Nachruf so: „Die Geschichte wird seine Rechtfertigung bringen. Ein Prophet, den sein Volk nicht gehört hat.“ [3] (Nachdem er, Schuschnigg, es, das Volk, erst ein bißchen abgeschlachtet hatte und dann partout nicht zum Kampf gegen den äußeren Feind aufrufen wollte ...)

Daß die Sünden dieser Alpindiktatoren und Auslieferanten Österreichs bis heute ungebeichtet sind, hat jedenfalls damit zu tun, daß die beiden Nachkriegskanzler seinerzeit mit von der Partie waren: der erste, Figl, als niederösterreichischer Häuptling von Schuschniggs Privatgarde „Ostmärkische Sturmscharen“ (im Volksmund natürlich: Ostmärkische Surmscharen ...); der zweite, Raab, als Kommandeur der niederösterreichischen Heimwehren. Während diese beiden aber den mehr austriakischen Flügel vertraten (auch im Sinne von Wein & Schnitzel) und die ersten zwei Jahrzehnte der Nachkriegskoalition mit dem Bleideckel des Surmhaften kulturell zudeckten, repräsentierte Schuschnigg den ostmärkischen Typus des asketisch-deutschtümelnden Intellektuellen, der mit seiner Reichsmythologie mehr oder weniger bewußt die Brücke zur Hitlerei schlug.

„Ich trete vor.“ „Du trittst zurück!“ „Lassen wir Hitler den Vortritt ...“
(gestiefelter Bundeskanzler Schuschnigg Bauch an Bauch mit Bundespräsident Miklas bei Bundesheermanövern in der Nähe von Zwettl)

Deutschbewußt katholisch

„Ich war“, schreibt Schuschnigg selbst in seinem ersten Buch Dreimal Österreich, „in streng dynastischen und großösterreichischen Gedankengängen aufgewachsen, wobei die starke Betonung des Deutschbewußtseins stets eine besondere Rolle spielte.“ [4] Er stammt aus einer Familie von Offizieren und Beamten, die das Nationsklassenprinzip — Deutsche als Herrscherschicht der Monarchie — verkörperte. „Nachdem nun das deutsche Element in diesen Kreisen sehr stark vertreten war, alle aber durch die Amts- und Kommandosprache selbst zu Trägern deutscher Kultur in österreichischem Geiste wurden, lag auch die nationale Bedeutung dieser staatserhaltenden Kräfte, gerade vom deutschen Blickkreis aus gesehen, auf der Hand.“ [4] Schuschniggs Vater erwarb soldatischen Kleinadel, die Linie stammt aus Kärnten, aus dem Klagenfurter Becken (das Becken ist fruchtbar noch!). Später wehrte er sich immer wieder gegen die Unterstellung slowenischer Abstammung (Tschuschnig?), wie sie etwa in einem Österreichbericht eines Berliner Naziemissärs vom Herbst 1937 auftaucht („Slowene dem Blute nach“). [5]

Der 1897 geborene Tiroler war von seinem General-Vater ins Feldkircher Jesuitengymnasium Stella Matutina gesteckt worden, ein spartanisches Pensionat in einer ehemaligen Kaserne mit einer „starken Reichsverbundenheit unserer Lehrer und Erzieher“, „in ihrer Volksbewußtheit konsequente Männer“, diese „deutschen Jesuiten“, die ihren Schülern beibrachten, „daß klares nationales Denken mit echt katholischem Empfinden durchaus vereinbar sei“. [6] Die großdeutsche Einstellung wird noch verstärkt durch das Erlebnis der „Waffenbrüderschaft“ im Ersten Weltkrieg. Schließlich sieht sich der Kaiserjägeroffizier mit dem „gegenrevolutionären Material eines ganzen Großstaates in unserem kleinen Lande zusammengedrängt“ (Leuthner [7]).

Das depravierte Personal der Monarchie, Offiziere, Beamte und Unternehmer, sah sich aus dem „Donauraum“ verstoßen und begann von einer Rekonstruktion zu träumen, natürlich. „Daß der Gedanke des Reiches lebendig bleibe, allerdings in das Gebiet des Geistigen und Kulturellen transponiert, bleibt Österreichs geschichtlich begründete Erbpflicht“, [8] schreibt Schuschnigg 1937.

Als jüngster christlichsozialer Abgeordneter kam er 1927 ins Parlament, wurde unter Dollfuß 1932 Justizminister, 1933 auch Unterrichtsminister, Mitte 1934 als Nachfolger von Dollfuß Bundeskanzler. 1933 tat er sich zum erstenmal als Ideologe des deutschen Flügels des Regimes hervor — mit einer Rede vor dem allgemeinen deutschen Katholikentag im Wiener Stadion (am 9. September 1933). Hitler hatte den deutschen Katholiken die Ausreise verboten, und so bekamen die österreichischen Politiker die Chance, sich als die besseren Deutschen darzustellen (Sekretär dieser Veranstaltung war der erst 1965 berühmt gewordene Taras Borodajkewycz). Schuschnigg gab seinem Vortrag den Titel Die Sendung des deutschen Volkes im christlichen Abendlande. [9]

Gott oder Hitler?

Was gab es da nicht alles zu beklagen! „Vergötzung der Masse“, „Entseelung der Kultur“, „Säkularisierung alles Geistigen“ ... all das erzeugte bei entwurzelten Kleinbürgern und Beamten „ein unstetes, schwankendes Hin und Her, angetrieben von der Sehnsucht nach irgendeinem nebelhaften Neuen, anderen“. Sehnsucht nach Autorität, Sehnsucht nach Faschismus. Ein Reich komme, geleitet „von der zwingenden Hand des Führers, der über den Zeiten steht“ (Hitler? Nein, Gott!), im Sinne der Civitas Dei des Augustinus: „Reich Gottes auf Erden, heiliges Reich, in seiner Idee dazu bestimmt, das christliche Abendland, die Welt zu umfassen“; historisches Beispiel wäre das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ bis hin „zu Karl V., in dessen Reich die Sonne nicht unterging und das christliche Abendland und damit das deutsche Volk zur Weltmacht gelangt war“. (Solche Häufung papierener Stilblüten aus dem Alpenländischen Heimatruf wird vom Nachrufer Drimmel heute noch als „rhetorische Brillanz“ ausgegeben, [10] und Nachrufer Huebmer findet [3] in der Rede „Sätze, die nach 44 Jahren so aktuell wirken, als wären sie heute gesprochen“ — aber das ist ja schon mehr ein Programm für Taus, den Grundsätzer, paßt auch sonst in die katholische Furche, in der es zu lesen ist, wo auch Schuschnigg in den letzten Jahren Beiträger war ... der Kreis schließt sich. Wach auf, du Christ!

Schuschnigg befeuert die Stadionbesucher von 1933 mit der „abendländischen Sendung des deutschen Volkes“, er bezeugt, daß es „Aufgabe der Deutschen war, die Kulturfackel des Christentums dem Abendland zu entzünden“.

Was aber ist der Sinn „unserer räumlichen Lage im Herzen Mitteleuropas, unserer Grenzlandstellung im gesamtdeutschen Raum“? Er liegt „in der Verteidigung mit Blut und Eisen, Ostmarkwächter und Pioniere des deutschen Volkstums, damit des christlichen Abendlandes zu sein“.

Ei was nicht gar! Keine fünf Jahre später, am 15. März 1938, wird Hitler am Heldenplatz in Wien mit folgenden Worten den Anschluß verkünden: „Ich proklamiere nunmehr für dieses Land seine neue Mission. Sie entspricht dem Gebote, das einst deutsche Siedler aus allen Gauen des Altreichs hieher berufen hat: Die älteste Ostmark des deutschen Volkes soll von jetzt ab das jüngste Bollwerk der deutschen Nation sein.“ [11]

Schuschnigg mit seinem General-Vater im Kreise der Surmscharen

Preußische Militärstiefelknechte

Schuschnigg und die Seinen dachten mehr an ein Reich mit Zentrum Wien, in dem der Donauraum Preußen das Gleichgewicht gehalten hätte — das war die alte großdeutsche Idee, die seinerzeit auf dem habsburgischen Panier stand. Hitler war Kleindeutscher, er wollte Österreich Preußen unterordnen, weil er nur so die Unterstützung der Reichswehr und des konservativen Blocks von Ruhrkapital und Junkern bekam, die alte Hohenzollernbasis (in Österreich: Schönerer!). Die österreichischen Konservativen mußten sich der Logik der Macht beugen, ihre „deutsche und abendländische Mission“ (Schuschnigg 1933) reduzierte sich auf die eines Stiefelknechts für den preußischen Barras.

Zu solch demütiger Bescheidung kam die österreichische Herrscherschicht durch ihr wiederholtes Scheitern in Anläufen, das „Donaureich“ aus eigenem zu rekonstruieren; die großen Wirtschaftsskandale der Ersten Republik — vom Zusammenbruch der Bodenkreditanstalt 1929 bis zum Phönixskandal 1936 — sind alle deswegen passiert, weil die österreichische Bourgeoisie versuchte, von der neuen, zu schmalen Kapitalbasis aus Geschäfte am Balkan im großen Stil der alten Zeit zu betreiben.

So lernte die österreichische Bourgeoisie, daß sie das deutsche Kapital und letztlich den deutschen Militärstiefel brauchte, um das „Reich“ wieder zu errichten. Indem sich immer mehr Fraktionen der herrschenden Klassen dieser Logik anschlossen, änderte das Regime seinen Charakter und öffnete sich dem Anschluß von innen her. Diese Transformation geschah ruckweise durch Schübe in der Führungsgarnitur, die das prodeutsche Element immer weiter in den Vordergrund brachten. Dabei spielten die Rechtskatholiken die entscheidende Rolle der Steigbügelhalter der Nazis, in Deutschland der rechte Zentrumsflügel um Papen und die Zeitung Germania, in Österreich (unter Mithilfe Papens als Wiener Botschafter) Glaise-Horstenau, Seyß-Inquart, eine Menge Professoren wie Spann, Eibl u.a.

Was Anfang 1938 in Deutschland und Österreich geschah, war im politischen Kern dasselbe: Ausschaltung der Konservativen zugunsten einer imperialistischen Vorwärtsdynamik, als deren Exekutoren sich Hitler und die Seinen anboten und durch schweigendes Zurücktreten von den damals Herrschenden auch akzeptiert wurden. Der Anschluß muß demnach als Öffnung von innen verstanden werden, als ein Bündnis der österreichischen Bourgeoisie mit der deutschen auf der Basis eines imperialistischen Expansionsprogramms, unter Ausschaltung konservativer Gruppen (Arbeiterklasse und liberale Bourgeoisie waren ja schon weggeräumt), die am Expansionsprogramm nicht so stark interessiert waren und opponierten.

Reich vom Hl. Gral mit Seegeltung

Eine klare Vision dieses „Reichsprogramms“ entwarf der Wiener Professor Othmar Spann bereits in den Vorlesungen, die er im Jahr 1920 an der Wiener Universität hielt, wo er den darbenden jungen Intellektuellen eine imperialistische Alternative zur Revolution bot:

Eine neue Ottonen-, eine neue Stauferzeit sehe ich kommen, bedingt durch folgende zwei Tatsachen. Deutschland ist als die größte, leistungsfähigste festländische Macht nach dem Weltkriege zurückgeblieben (denn Frankreichs Zukunft ist zuletzt doch nur, ein zweites Spanien zu werden); und infolge der Auflösung des alten Österreich sind Deutschland daher allein dessen Aufgaben zugefallen. Die Balkanisierung Europas reicht jetzt bis nach Prag und Warschau. Niemand als Deutschland wird hier auf die Dauer Ordnung schaffen können und die stets latenten tschechisch-polnischen, polnisch-ukrainischen, ungarisch-tschechischen, ungarisch-rumänisch-serbischen, serbisch-bulgarischen (usw.!) Kriege niederzuhalten vermögen. Dabei wird England mit natürlicher Notwendigkeit der politische Bundesgenosse Deutschlands werden. Denn um Deutschlands Seegeltung und überseeische Weltgeltung zu mindern, muß es trachten, diese auf dem Festlande zu beschäftigen. Und hier hat es ja wirklich seine natürlichen Aufgaben. Wir verstehen heute klar, warum Polen, Böhmen, Ungarn, Südslawien (selbst Griechenland) einstens deutsche Lehen waren. So muß es wieder kommen. Wenn das deutsche Volk seinen Mann stellt und die Dinge den durch ihre Natur gesetzten Verlauf nehmen, wird eine glänzende, an die alte Kaiserzeit gemahnende Zukunft unser harren. [12]

Diese Thesen stammen nicht nur von dem einflußreichsten Programmatiker des deutsch/österreichischen Rechtskatholizismus der Zwischenkriegszeit, sie sind auch typisch für alle anderen Vertreter dieses Genres, deren Reichsphantastereien Klaus Breuning in einem Band von 400 Seiten gesammelt hat: Richard Kralik, Hans Eibl, Edgar Jung, Martin Spahn, Joseph Eberle, Friedrich Muckermann, Anton Böhm, Kurt Ziesche, Karl Gottfried Hugelmann und Dutzende andere. In Gaming und Maria Laach, im Bund Neuland und in Henleins Turnerscharen, in den Heimwehren und in den Vereinen der Auslandsdeutschen, in den Zeitschriften Der Gral und Schönere Zukunft braute sich das Milieu zusammen, das Hitler seine „Machtergreifungen“, „Anschlüsse“ und „Umbrüche“ ermöglichte.

Gemeinsam ist ihnen der pseudoreligiöse Zusammenklang ihrer Reden, bis man nicht mehr weiß — betet der Kerl oder politisiert er? So schließt z.B. Schuschnigg seine Rede zum Katholikentag 1933: „Österreich, deutsches Volk, christliches Abendland, such ihn überm Sternenzelt! Wir wollen ihn rufen in dieser gewaltigen Stunde: Vater unser, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name, zu uns komme dein Reich, dein Wille geschehe, im Himmel also auch auf Erden. Amen!“

Wer ist das — ER? Gott? Hitler? Hitler nimmt den Faden auf, er bedient sich dieser Chiliastik in seinen Reden 1933ff, zur Hoch-Zeit des Bündnisses mit den Katholiken; z.B. im Berliner Sportpalast am 10. Februar 1933: „Die Stunde kommt, in der die Millionen, die uns heute hassen, hinter uns stehen werden und mit uns dann begrüßen werden das gemeinsam geschaffene, mühsam erkämpfte, bitter erworbene neue deutsche Reich der Größe und Ehre und der Kraft und der Herrlichkeit und der Gerechtigkeit. Amen!“ [13]

Oder Hitler am 12. März 1938 in Linz: „Wenn die Vorsehung mich einst aus dieser Stadt heraus zur Führung des Reiches berief ... für des ganzen großen deutschen Volkes Einheit, für des Reiches Macht, für seine Größe und für seine Herrlichkeit jetzt und immerdar. Deutschland, Sieg Heil!“ [14]

Teutonisch oder österreichfromm — wie sich’s grad trifft
(Schuschnigg bei Dollfußgedenkfeier im Arkadenhof des Wiener Rathauses)

Hitler, Kaiser und Wahlkönig

Schuschnigg selbst sah sich in die Logik seiner Reichtheologie verwickelt, als er, nach der Niederlage, im Wiener Gestapogefängnis im Hotel Metropol am Morzinplatz Aufzeichnungen [*] über seine Vergangenheit zu machen begann — eine Art Rechtfertigungsschrift, in Erwartung seines von der Gestapo vorbereiteten Prozesses; diese Aufzeichnungen stellen eine Extension und Ausarbeitung jener „Erklärung“ und „Bitte“ vom 11. Juni 1938 an die „höchste Stelle“ dar, deren Veröffentlichung im Spiegel 1968 einiges Aufsehen erregte. [**]

Schuschnigg hat die Gefängnisaufzeichnungen aus dem Herbst 1938 später von nazifreundlich auf nazifeindlich umredigiert und in sein Nachkriegsbuch Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot aufgenommen (siehe die Gegenüberstellung auf S. 89 [hier: unten]). Im Originaltext „jubeln die Freiheitsglocken über das deutsche Sudetenland“ (Oktober 1938), wird Hitler zum „Wahlkönig“, gar zum „Kaiser“ ausgerufen, die „Vorsehung“ tritt an seine Seite, und die Größe der Person wird schier unmeßbar ... Wörtlich so:

Während ich diese Zeilen niederschreibe, jubeln die Freiheitsglocken über das deutsche Sudetenland. Eine geschichtliche Leistung allerersten Ranges, die überhaupt kaum ihresgleichen in der Vergangenheit aufzuweisen vermag, findet damit ihren krönenden Abschluß. Man mochte sich zum Nationalsozialismus stellen wie immer, die Erfolge sind seine lautesten Künder; sie wurden zu unleugbaren Apologeten für ihn und seinen Begründer. Der Führer hat Anrecht auf den historischen Ehrentitel vieler deutscher Kaiser, die sich Mehrer des Reiches nannten. Leuchtender und makelloser wie ehedem, denn es blieb der Welt die Gottesgabe des Friedens erhalten. [15]

In alten Zeiten wäre der Führer ganz zweifellos der gekrönte Wahlkönig seines Volkes geworden. Eines der schönsten Worte, das er sprach, fiel bei der Überführung der alten deutschen Kaiserkrone aus der Wiener Schatzkammer nach Nürnberg: „Hiemit setzt das Deutsche Volk im großdeutschen Reich sich selber die Kaiserkrone auf.“ So sagte der Führer. [16]

Dem alten Österreicher aber bleibt der eine Herzenswunsch, daß der Ostmark im Reich und mit ihr dem ganzen deutschen Volk eine Zukunft segensreichen Glücks beschieden sei: Wer sich den Glauben bewahrt hat, der wird gut daran tun — gerade in den Tagen sudentendeutscher Befreiung —, sich vor der Vorsehung und ihrem sichtbaren Walten in gehorsamer Demut zu beugen. [16]

Unterrichtsminister Schuschniggs Rede vor dem deutschen Katholikentag in Wien setzte eine andere von Dollfuß fort, die dieser im gleichen Geist auf dem vorangegangenen deutschen Katholikentag in Essen gehalten hatte. Schuschnigg schreibt darüber 1938:

Dollfuß war katholischer Großdeutscher gewesen. Das heißt, er war grundsätzlich auf der Anschlußlinie gestanden. Diese geistige Grundhaltung läßt sich zurückverfolgen bis in seine Studentenzeit. Er brachte sie zum letzten Male auf dem deutschen Katholikentag in Essen im Jahre 1932 zum offenen Ausdruck. Der Kampf, der kam — und dies muß offen ausgesprochen werden —, war der aussichtslose Versuch, sich dem Nationalsozialismus als der allein volkstragenden und staatsgestaltenden Bewegung einschließlich seiner weltanschaulichen Postulate, als zweiter und ideell gleichrangiger deutscher Partner entgegenzustellen. [17]

Schuschniggs kleiner Trompeter bläst den Marsch:
Vom Kruckenkreuz zum Hakenkreuz die (Haydn-)Melodie blieb dieselbe, nur der Hymnentext änderte sich

Burgtor aufgesperrt

So war es also in Wirklichkeit hinter der Fassade mit dem Österreichertum der „Grünen“ bestellt — alles morsch und abbruchreif. Wir brauchen uns nicht zu wundern, daß Schuschnigg wenige Wochen nach seiner Stadionrede, am 30. Oktober 1933, nach München fuhr, um im Auftrag von Dollfuß mit Heß und Himmler zu verhandeln. In dieselbe Richtung gehen die Verhandlungen mit dreißig österreichischen Nazis im Bundeskanzleramt am 27. Oktober 1934, nicht lang nach der Ermordung Dollfuß’ durch „Kameraden“ derselben. Der Offizier, Historiker und katholische Akademiker-Obmann Edmund Glaise-Horstenau machte den Mittler zwischen den beiden Milieus, Schuschnigg ernannte ihn zum Staatsrat, am 14. Mai 1936 zum Minister.

Das waren die Stufen in einem Erosionsprozeß, der über das Abkommen vom 11. Juli 1936, über das Siebenerkomitee, über die volkspolitischen Referate bis zur Zernatto-Seyß-Punktation und zum Berchtesgadner Abkommen vom 12. Februar 1938 führte, in dem der Anschluß bereits angelegt war.

Seit dem italienischen Abessinienkrieg vom Herbst 1935 war mit der österreichischen Selbständigkeit zwischen den beiden Faschismen nicht mehr viel los (Mussolini brauchte deutsche Hilfe), und seit die deutsche Aufrüstung unter den Bedingungen der Autarkiepolitik immer mehr in die Devisenklemme geriet, stieg von dorther der Druck in Richtung Annexion eines Rohstofflieferanten. Göring, der Beauftragte für den Vierjahresplan, Hitlers Rüstungsmanager, wurde folgerichtig zum Motor des Anschlusses. Überall verkündete der feiste Reichsmarschall freimütig Deutschlands Absichten bezüglich Österreich: im Oktober 1936 in Budapest dem Ministerpräsidenten Gömbös („Zusammenschluß“), Anfang 1937 Mussolini (der Anschluß müsse kommen), am 19. November 1937 dem amerikanischen Botschafter Bullitt („Alle Deutschen am Rande des Reiches dem Deutschen Reich anzuschließen“), und am 11. November 1937 brieflich an den österreichischen Außenminister („Zoll- und Währungsunion“). Österreichs Regierung war also gewarnt. Sie tat nichts.

Hitler hatte in einer Geheimbesprechung vom 5. November 1937 die Reichswehrführung mit seinen Eroberungsplänen konfrontiert (Österreich, Tschechoslowakei) und war auf Widerspruch gestoßen (Hoßbach-Protokoll). Die Reichswehrspitzen werden daraufhin mit verschiedenen Tricks abserviert, es kommt zum großen Personalschub vom 4. Februar 1938 (gegangen werden Blomberg, Fritsch, Neurath, Papen u.a.). Papen versucht im Spiel zu bleiben, indem er seinen Vermittlerjiob vom Jänner 1933 noch einmal probiert: Er bringt Schuschnigg mit Hitler zusammen.

Schuschnigg wird am 12. Februar 1938 in Berchtesgaden mit einem Abkommenstext konfrontiert, dessen Punkt II/10 „Die Angleichung des österreichischen an das deutsche Wirtschaftssystem“ vorsieht; [18] Schuschnigg kann diese faktische Anschlußformel im Endtext in „Intensivierung des Wirtschaftsverkehrs“ abschwächen, [19] gesteht aber den Nazis die Kontrolle über Polizei und Bundesheer zu (in Gestalt „gemäßigter“ Rechter wie Seyß, der Sicherheitsminister wird) und öffnet den nunmehr legalisierten Nazis die Staatspartei sowie den Staatspropagandaapparat.

Gamsbart ahoi!
Von Afro-Raubzügen überbeansprucht, mußte Benito Mussolini seinen lieben Sohn Austrofaschismus vernachlässigen

War Schuschnigg Jungfrau?

Ein bisher unaufgeklärter Punkt ist Schuschniggs grundsätzliches Verhalten im Hinblick auf ein Anschluß-Ja: Hat er als „Kompensation“ für die Mäßigung des Protokolltextes eine mündliche Anschlußzusage gemacht? Görings Staatssekretär Keppler, der den wirtschaftlichen Anschluß betrieb und von Hitler ausdrücklich mit den österreichischen Agenden beauftragt war, notiert nach einer Besprechung bei Hitler am 26. Februar folgende Äußerung der Nummer Eins: „Seine Absichten über Österreich habe er Schuschnigg völlig klar dargelegt, und Schuschnigg habe erklärt, daß er auf lange Sicht mitmachen könne.“ [20] Schuschnigg erzählt in seinem Nachkriegsbuch eine Dialogpassage, wo das stattgefunden haben könnte:

HITLER: Ich gebe Ihnen die einmalige Gelegenheit, Herr Schuschnigg, daß Sie auch Ihren Namen in die Reihe der großen Deutschen einfügen können. Das wäre eine verdienstliche Tat, und alles könnte sich regeln. Ich weiß, daß man gewisse Besonderheiten in Österreich berücksichtigen muß; das wird keine Schwierigkeiten machen.

SCHUSCHNIGG: Herr Reichskanzler, Sie kennen meinen grundsätzlichen Standpunkt, den ich aus persönlicher Überzeugung und auch pflichtgemäß vertrete! -— Welches sind Ihre konkreten Wünsche?

HITLER: Darüber können wir uns am Nachmittag weiter unterhalten. [21]

Der Gedankenstrich — dort wird’s gewesen sein (wenn er eine Aufzeichnung von dem Gespräch gemacht hat und auch so redigiert hat wie die aus dem Metropol, dann wird sich’s im Nachlaß finden ...). Papen, kein schlechterer Reporter als Schuschnigg, rapportiert folgenden Dialog vom Nachmittag des 12. Februar (dem vierten Jahrestag des Arbeitermordes, wo der Täter seine Früchte erntet ...), als er zur „Entlastung“ Schuschniggs Hitlers Arbeitszimmer betrat:

HITLER: Ja, aber Sie haben doch selbst, Herr von Papen, in einer entscheidenden historischen Stunde sich um Deutschland ein Verdienst erworben, als Hindenburg Sie aufforderte, eine Regierung unter meiner Leitung zu bilden. Herr von Schuschnigg würde als großer Deutscher in die Geschichte eingehen, wenn er mir heute die Hand böte und ein neues Verhältnis zum Reich anbahnte.

PAPEN: Das ist durchaus richtig, mein Führer, auch ich sehe die mitteleuropäische Rolle des Reiches nur wiederhergestellt in engster Verbindung mit Österreich. Bisher waren Sie immer meiner Meinung, daß dies nicht durch Zwang, sondern durch ein von beiden Seiten gewünschtes Ineinanderwachsen sich vollenden müsse, Warum also heute plötzlich Zwang? — Lassen Sie dem Kanzler Zeit, und fordern Sie nicht Dinge, die er allein nicht bewilligen kann. [22]

Feigheit unter Offizieren:
Nach seiner Rückkehr aus Berchtesgaden am 13. Februar 1938 (hier mit Bundesheergenerälen Jansa, links, und Zehner, rechts) wagte es Schuschnigg nicht, den vollen Umfang seiner Konzessionen einzugestehen

Österreich — notwendiges Übel

Keppler wieder notiert über seine Besprechung mit Schuschnigg am 5. März 1938 in dessen Wohnung im Wiener Belvedere: „Er betonte seine unbedingte Treue zum Volksdeutschtum, zu einer gemeinsamen Politik, worin er uns nie enttäuschen werde, und erklärte weiterhin, daß auf lange Sicht er es auch für richtig halte, daß ein Deutsches Reich geschaffen werde. — Über den Zeitpunkt besteht offensichtlich noch Meinungsverschiedenheit ... Ich hatte den Eindruck, daß Schuschnigg keineswegs vergewaltigt werden will, daß er aber bei vernünftiger Behandlung in größerem Umfange mitgehen wird für den Fall, daß ihm dies prestigemäßig ermöglicht wird.“ [23]

Und Schuschnigg selbst? In seinen Gefängnisaufzeichnungen gab er alles zu: „Der Anschluß Österreichs war am 12. Februar 1938 in Berchtesgaden entschieden.“ [24] Und: „Wer schon von früher her den nationalen Gedanken als oberstes Ziel und höchstes Ideal im Herzen trug, dessen Standort war nunmehr eindeutig bestimmt. Er konnte das neue Österreich nicht anders denn als zeitbedingtes, notwendiges Übel empfinden.“ Was dachte ein deutsch gesinnter Monarchist wie Schuschnigg? „Er dachte an ein künftiges Reich der Deutschen mit einem selbständigen österreichischen Gliedstaat. Nicht Anschluß, sondern Zusammenschluß der Deutschen war seine Parole.“ [25] Das Stichwort Görings an Gömbös!

Schuschnigg verschont in seiner Selbstgeißelung auch die eigenen religiösen Gefühle nicht: „Das universale Denken der Kirche geriet nach dem äußeren Anschein in gefährliche Nähe zum Internationalismus der Marxisten.“ [26] Das klingt fast schon wie Selbstkritik aus einem der Moskauer Prozesse ...

Wollte Österreich selbständig bleiben bis zur kommenden Reichslösung im föderalistischen Sinn, wie wir sie erträumten, dann blieb kein anderer Weg zu gehen als der, den wir gegangen sind. Aber es konnte nicht selbständig bleiben, weil das nationale Lebensgesetz des Jahrhunderts entgegenstand. Zu seiner Verwirklichung war niemals das Weimarer Reich, sondern nur das Reich des Führers befähigt ... Denn ohne Nationalsozialismus, wie immer man sich im einzelnen zu ihm stellen mag, keine Erfüllung der zeitgebotenen Einheit des Volkes, die nunmehr für alle Zeiten gesichert ist. [27]

„Auch der konservative Österreicher von einst hat durch den Führer aus großdeutschem Traum zu großdeutscher Wirklichkeit gefunden.“ [28] In diesem Punkt denkt er wie Renner: „Hätte ich stimmen dürfen ich hätte selbstredend den Ja-Zettel in die Urne geworfen.“ [29] Darf ich bitte mitmachen, Adi?

Schon in seinem Gesuch an Hitler, das Schuschnigg zwei Wochen nach seiner Inhaftierung durch die Gestapo verfaßte, finden sich Spuren des grundsätzlichen Ja zum Anschluß:

Volkspolitisch dachte ich mir die Entwicklung so, daß enge wirtschaftliche Verbindung — zunächst ohne Zoll- und Währungseinheit — angestrebt werde, bei gleichzeitigem regem Kulturaustausch. Für den Verlauf der Entwicklung schwebte mir ein alter Gedanke vor: nämlich Österreich als selbständiger Staat in staatsrechtlicher Bindung mit dem Reich, eben so, daß Außenpolitik und Militärhoheit gemeinsam in Berlin geführt und Österreich ein moderner Bundesstaat werde.

Die heutige Lösung ist ebenso zwangsläufig als endgültig, historisch und begründet. Der Führer, und nur er konnte sie bringen und hat damit das Problem gelöst, das seit 1866 offenstand. Er hat somit vollendet, was Bismarck begonnen hat ...

Ich bin überzeugt, daß die vom Führer entschiedene Lösung der vollkommenen Eingliederung Österreichs ins Reich der halben Lösung eines verschleierten Anschlusses oder einer loseren staatsrechtlichen Bindung, wie sie mir vorschwebte, vorzuziehen und auf die Dauer richtiger ist ...

Persönlich erkläre ich meinen festen und freien Willen, in bedingungs- und vorbehaltloser Loyalität zu Führer, Reich und Volk zu stehen, und wäre froh, der deutschen Sache dienlich sein zu können.

Wien, am 11. Juni 1938

gez. Kurt Schuschnigg e.h.

Ich bitte, meine Erklärung der Höchsten Stelle vorlegen zu wollen, und ersuche um gütige Entgegennahme. Falls dies nicht möglich ist, erbitte ich die Rückerstattung ohne weitere Verwendung. [30]

Dieses Angebot zur Mitarbeit am Regime war vielleicht im Falle Schuschnigg etwas übertrieben, zumal ja ein Prozeß gegen ihn vorbereitet wurde (es ging vor allem um die Hinrichtung von Juliputschisten = Dollfuß-Mördern), den Hitler erst 1939 abblies. Immerhin wurden einige von Schuschniggs Mitarbeitern herangezogen: Seyß in Holland, Gilaise-Horstenau als Deutscher General in Agram, Neubacher als Sonderbotschafter in Südosteuropa — irgendwie hätte sich Schuschnigg beim wirtschaftlichen und politischen Knacken von Balkanländern gewiß nützlich machen können.

Zwoa Stutzn, a gführige Krachlederne, juche, da Hitla is mei hexte Idee ...
(der bekannteste Österreicher unseres Jahrhunderts in Graz, der „Stadt der Volkserhebung‘‘)

Faschist sein heißt ganze Arbeit tun

Im Gegensatz zu vielen anderen Konservativen hat Schuschnigg die Überlegenheit des Faschismus gegenüber dem bloßen Autoritarismus ausdrücklich anerkannt. Das eigentliche Spezifikum des Faschismus ist ja die restlose Zerschlagung der Arbeiterbewegung, auch in ihrer gewerkschaftlichen Form — nur das garantiert entsprechende Aufrüstung und Militarisierung für einen Krieg nach außen. In Österreich war das Regime nicht „total“, und Schuschnigg bekennt es als „Fehler“ seines Regimes, daß „die konsequente Durchführung des autoritären Gedankens“ nicht gelang. [31]

Während dort [im fascistischen Italien] die breiten Massen der Arbeiter und Bauern, um nur diese beiden Gruppen zu nennen, in ihrer Gänze erfaßt werden konnten, gelang dies in Österreich wohl hinsichtlich des überwiegenden Großteils der Bauern, nicht aber, trotz allen Bemühens, hinsichtlich der ehemals sozialistisch organisierten Arbeiterschaft; zumindest nicht ihrer breiten Schichten. Hiefür habe ich zwei Gründe. Die marxistische Führerschaft von einst war zwar politisch ausgeschaltet, aber ihr Einfluß blieb weiter bestehen, teils durch die Kanäle der Emigration von 1934, teils durch unbehelligt im Lande gebliebene Vertreter. Die Folge war, daß der angestrebte Volksgemeinschaftsgedanke die Klassenkampfidee nie gänzlich zu unterdrücken vermochte. [32]

Der andere Grund war (in Schuschniggs Augen) die fehlende Rüstungskonjunktur — was die österreichische Bourgeoisie in die Arme der Deutschen trieb: Hitler sollte die Niederschlagung der österreichischen Arbeiter vollenden.

Wenn Schuschnigg also in Berchtesgaden den ersten Schritt auf dem „evolutionären“ Anschlußweg getan hat — warum hat er dann überhaupt die Volksabstimmung angesetzt, die Hitler ja provozieren mußte? Weil er erst nach Rückkehr erkannte, daß seine relative Position nicht haltbar war — nur ein totales Mitgehen mit Hitler oder eine totale Konfrontation war möglich; letztere freilich nur bei Befreiung der Arbeiterklasse von ihren Fesseln — was Schuschnigg nicht wollte („Die drei Pfeile mußte ich aber unter allen Umständen verhindern“ [33]).

Als Schuschnigg von Berchtesgaden zurückkam, traute er sich nicht, den vollen Text des Abkommens herzuzeigen — weder der Regierung noch den Diplomaten des Ballhausplatzes, die dazu angehalten wurden, die Westmächte zu beruhigen. Als Keppler bei seinem Besuch am 5. März und Seyß in seiner Rede in Linz am 6. März ihn in die Zange nahmen — Keppler mit der wirtschaftlichen Anschlußforderung, Seyß mit dem Parteianspruch der Nazis —, sah sich Schuschnigg innen- und außenpolitisch auf einer schiefen Ebene abrutschen.

So entschloß er sich zur Volksabstimmung über Österreichs Eigenstaatlichkeit per 13. März. Das sollte die Vaterländischen gegen die Nazis mobilisieren. Hitler stimmte am 12. März mit den Füßen seiner Soldaten ab. Er war in die spiegelbildliche Dialektik eingespannt: er mußte die innere Krise — Freispruch des Generals Fritsch vor dem Militärgericht, möglicher Putsch der Reichswehr — nach außen wenden.

Schuschnigg wurde zunächst in seiner Wohnung im Belvedere konfiniert, kam am 28. Mai 1938 in eine Zelle im Wiener Gestapohauptquartier, im Oktober 1939 transportierte man ihn nach München und von dort im Dezember 1941 weiter ins KZ Sachsenhausen-Oranienburg, wo er bis Kriegsende in einem Blockhaus der Abteilung für Sonderhäftlinge mit Frau und Kind wohnte. Seine Angehörigen waren keine Häftlinge und hatten die Möglichkeit auszugehen.

Heim zu den Mutters, nach Chile

1947 ging Schuschnigg in die USA, wurde 1948 dort Professor für politische Wissenschaften an der katholischen Saint Louis University und 1956 US-Bürger.

In einem Vortrag in Paris im Oktober 1946 über Das Schicksal Europas kam Schuschnigg auf die Schuldigen an Hitler zu sprechen. Er fand drei Gruppen: Die „Menge“, die „Denker“ und — die Frauen! „Und schließlich trifft die Frauen nicht gerade die geringste Schuld — die Frauen mit ihrer natürlichen Vorliebe für das Rührselige lassen sich oftmals durch glänzende Äußerlichkeiten und Kräfte der Leidenschaft beeinflussen; die Frauen, die gesichert sind, wenn sie religiöse, soziale und sonstige Bindungen haben, neigen andernfalls zur Hysterie.“ [34]

Interview 1968: „Ich war nie ein Anhänger des Anschlußgedankens, habe nie an den Anschluß geglaubt und auch nie gedacht, daß der Anschluß für Österreich oder Deutschland ein Vorteil wäre.“ [35] Der Reichsgedanke wurde jetzt mehr ins Europäische umgedeutet ...

Als Schuschnigg Anfang 1967 nach Tirol zurückkehrte (in den Heimatort mit dem beziehungsvollen Namen Mutters), wurde er Publizist. Er schrieb regelmäßig Artikel in der rechtskatholischen Furche, deren Linie seiner Mentalität entsprach (zu ihren Mitarbeitern gehören Otto Habsburg, Heinrich Drimmel und die andern).

1973 erschien z.B. eine dreiteilige Serie über Brasilien, [36] wo sich der Exdiktator von Österreich darüber freuen konnte, daß durch zehn Jahre Militärregierung „geordnete Verhältnisse an den Hohen Schulen“ wiederhergestellt wurden, daß „der Schlendrian und die Korruption ausgemerzt“ waren, daß „gesicherte nationale Höchstleistung“ geboten würde, „bevor man an eine sozial gerechtere Verteilung der Revenuen denken könne“, daß die Inflationsrate drastisch gesenkt werden konnte, daß „Präsident Geisel von Anbeginn den Willen zu einer gelockerten Zügelführung erkennen“ ließ, aber wiederum nicht so locker, daß nicht „Übergriffe der lokalen Polizeibehörden zu Beschwerden und zur Korrektur durch die Kommandostellen der Armee und die Bundesregierung geführt“ hätten, und daß Präsident Medici „der Säuberung der Verwaltung von Korruption und Protektionswirtschaft in den oberen Rängen“ seine „unleugbare Popularität“ verdanke, und daß die Militärregierung gegen das Chaos scharf reagiert hätte mit der Argumentation „Anarchie sei das größte Übel von allen“.

Punkt. Dorten wieder angelangt, kann sich der Diktator zur ewigen Ruhe legen. Das Weitere besorgen die Herren Strauß & Pinochet.

Kurt Schuschnigg:

... immer europäische Ostmark gewesen

Kurt Schuschnigg gab seinen im Gestapogefängnis im Herbst 1938 gemachten Aufzeichnungen den Titel Des dritten Österreich Weg zur Ostmark (Persönliche Aufzeichnungen für meinen Buben in späterer Zeit, niedergeschrieben in den Monaten September-November 1938). Nach dem Krieg hat er das Manuskript für sein Buch Requiem in Rot-Weiß-Rot (Zürich 1946) stark bearbeitet. Hier eine Gegenüberstellung.

Schuschnigg 1938Schuschnigg 1946
In rückhaltloser Bejahung der vom Führer geschaffenen großdeutschen Einheit über die Trümmer seines [Schuschniggs] eigenen Lebensglaubens hinweg ganz einfach als Deutscher (S. 2) Über die Trümmer seines [Schuschniggs] eigenen Lebensglaubens hinweg ganz einfach als Österreicher (S. 155)
... und eine neue deutsche Zeitrechnung durch das Handeln des Führers begann (S. 2) So kam es, daß Adolf Hitler vorläufig Recht behielt (S. 156)
... daß der Führer dem deutschen Volk ein Mahnwort Goethes ins Gedächtnis rief (S. 3) Ein bekanntes Mahnwort Goethes (S. 156)
Italien und dessen weitschauender Duce (S. 4) Italien (S. 157)
Das alte Österreich ... sein erster Totengräber — die Tschecho-Slowakei (S. 4) Das alte Österreich ... sein lachender Erbe — die Tschechoslowakei (S. 157)
Die Kriegsschuldlüge (S. 5) Die Kriegsschuldthese (S. 158)
... des von sozialistischer Hand geschändeten guten Rufes jenes Vaterlandes (S. 9) ... des freventlich geschändeten guten Rufs jenes Vaterlands (S. 166)
Mit dieser Jugend, deren Drang und Sehnsucht nicht richtig zu werten, unser entscheidender Fehler war, schuf der Führer nun auch in Österreich den Ausgangspunkt einer neuen historischen Entwicklung (S. 11f) Mit dieser Jugend, deren Drang und Sehnsucht, aber auch deren jahrelange systematische Irreleitung nicht voll zu werten unser entscheidender Fehler war, versuchte Adolf Hitler nun auch in Österreich den Ausgangspunkt einer neuen historischen Entwicklung zu schaffen (S. 170)
So wurde ... der österreichische Konservativismus geboren, der in allererster Linie Antimarxismus, dann aber auch in hervorragendem Maße Antiparlamentarismus war (S. 13f) So wurde ... der neu-österreichische Konservativismus geboren, der später aus Verzweiflung auch Antiparlamentarismus wurde (S. 173f)
Dem Nationalsozialismus gelang der Einbruch bis tief ins sozialistische Lager, das er vom marxistischen Irrwahn befreite, um einen nationalen Sozialismus an dessen Stelle zu setzen ... in seinen Reihen stand binnen kurzem mit der ganzen ungeheuren Kraft eines elementar zum Ausbruch drängenden Idealismus der übergroße Teil der deutschen Jugend (S. 17) Dem Nationalsozialismus gelang der Einbruch bis tief ins sozialdemokratische und kommunistische Lager, das er vom Marxismus zu befreien vorgab, um einen nationalen Sozialismus an dessen Stelle zu setzen ... in seinen Reihen stand binnen kurzem mit der ganzen ungeheuren Kraft eines elementar zum Ausbruch drängenden und skrupellos ausgebeuteten Idealismus der übergroße Teil der deutschen Jugend (S. 181f)
Mit dem Jahre 1938, in dem der Führer im Reich sein Aufbauwerk vollendet hat (S. 17) Mit dem Jahre 1938, in dem Hitler im Reich mit seinen Vorbereitungen zu Ende war (S. 182)
Die Bolschewisierung des Landes zu vermeiden, die damals näher denn je lag, war unser aller gemeinsame Sorge (S. 23) Den Untergang des Landes zu vermeiden, der damals näher denn je lag, war unser aller gemeinsame Sorge (S. 192)
... ähnlich der eigenen deutschen Heimat (S. 64) ... ähnlich der eigenen Heimat (S. 219)
Die Monumentalbauten des neuen Rom, in denen sich der Fascismus, ähnlich dem Nationalsozialismus im Reich, sein eigenes, überzeugendes, historisches Denkmal setzt (S. 67) Die Monumentalbauten des neuesten Rom, in denen sich der Faschismus, ähnlich dem Nationalsozialismus im Reich, nicht immer glücklich sein eigenes historisches Denkmal zu setzen sucht (S. 222)
Österreich ... immer aber Ostmark gewesen (S. 79) Österreich ... immer aber europäische „Ostmark“ gewesen (S. 261)
Österreich hat zwar den Marxismus abgeschüttelt; es lehnte die Demokratie ab und bekannte sich nach fascistischem Muster zum autoritären Staat. Es hat aber hiebei einen kardinalen und tödlichen Fehler begangen, der die innerstaatliche Konstruktion des Experiments auf halbem Wege steckenbleiben ließ: Es versuchte den autoritären, aber nicht den totalen Staat zu gestalten. Ich bekenne mich mitschuldig an diesem gedanklichen Fehler (S. 80) Österreich hatte mit dem sogenannten Austro-Marxismus gebrochen; es rückte, der Not gehorchend, von der parlamentarischen Demokratie ab und stand im Verdacht, sich in immer stärkerem Ausmaß dem „Austro-Faschismus“ — (je nach Geschmack bisweilen auch Kleriko-Faschismus genannt) — zu verschreiben. Nun bekannten wir uns zwar als autoritärer Staat. Dabei hatten wir aber — wenigstens nach deutschem Urteil — einen anscheinend kardinalen und tödlichen Fehler begangen: wir versuchten den autoritären, aber nicht den totalen Staat zu gestalten; mag sein, daß wir darum in unserer innerstaatlichen Gestaltung auf halbem Wege steckenblieben. Ich bekenne mich gerne mitschuldig an dieser entscheidenden Gedankendistanzierung (S. 263)
Der Antisemitismus der österreichischen Regierung (S. 87) Der angebliche „Antisemitismus“ der österreichischen Regierung (S. 281)
Daß dieser Zwang ohne Schwertstreich erfolgte, ist jene einmalige Leistung, die in tausendjähriger Geschichte nicht ihresgleichen hat (S. 94) Daß dieser Zwang ohne Schwertstreich erfolgte, bedeutet den in der Geschichte vereinzelt dastehenden Erfolg der Faust-auf-den-Tisch-Politik Adolf Hitlers (S. 296)

[1Kronen-Zeitung, 20. November 1977

[2Kronen-Zeitung, 19. November 1977

[3Die Furche, 25. November 1977

[4Kurt Schuschnigg: Dreimal Österreich, Wien 1937, S. 32

[5National Archives, Washington, T 120, R 751, F 345.001

[6Schuschnigg: Dreimal Österreich, a.a.O, S.35

[7Ebenda, S. 61, zit. Arbeiter-Zeitung vom 17. November 1918

[8Ebenda, S. 20

[9Gedruckte Broschüre, 11 Seiten

[10Die Presse, 19. November 1977

[11Wolfgang Rosar: Deutsche Gemeinschaft. Seyß-Inquart und der Anschluß, Wien 1971, S. 316

[12Klaus Breuning: Die Vision des Reiches. Deutscher Katholizismus zwischen Demokratie und Diktatur (1929-34), München 1969, S. 37

[13Friedrich Heer: Der Glaube des Adolf Hitler. Anatomie einer politischen Religiosität, München 1968, S. 250

[14Rosar, a.a.O. S. 307

[*Als nach der Verlesung der Zeugenaussage Schuschniggs im Guido-Schmidt-Prozeß die kommunistische Volksstimme mit der Veröffentlichung von Auszügen aus Schuschniggs Manuskript begann (1. Juni 1947, fortgesetzt am 4. und am 8. Juni), sah sich Schmidts Verteidiger veranlaßt, einen Durchschlag des Manuskripts, der sich in seinem Besitz befand, dem Gericht zu übergeben. Aus einem beiliegenden Brief des Länderbank-Direktors Josef Joham ging hervor, daß dieser das Manuskript von Schmidt erhalten hatte, der es seinerseits 1941 von Glaise-Horstenau bekam (vermutlich ist es von Schuschniggs Frau aus dem KZ herausgeschafft worden). Der Vorgang ist im gedruckten Protokoll des Schmidt-Prozesses festgehalten (Der Hochverratsprozeß gegen Guido Schmidt vor dem Wiener Volksgericht, Wien 1947, S. 613f). Das Dokument befindet sich jetzt bei den Prozeßakten (Geschäftszahl Vg 1g Vr 1920/45 Hv 110/47). Zweifel an der Echtheit wurden von keinem Beteiligten geäußert. Der Staatsanwalt bezog sich in seinem Plädoyer mehrmals auf den Text.

Schuschnigg schwieg zu der ganzen Angelegenheit. Die KPÖ gab 1947 eine hektografierte Broschüre heraus, die den Text von Schuschniggs Buch dem Manuskript gegenüberstellt (ein Exemplar befindet sich in der Österreichischen Nationalbibliothek, Signatur 596.038-C). Der Titel des 95-Seiten-Manuskripts lautet: Des dritten Österreich Weg zur Ostmark (Persönliche Aufzeichnungen für meinen Buben in späterer Zeit, niedergeschrieben in den Monaten September-November 1938). In Schuschniggs Buch Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot. Aufzeichnungen des Häftlings Dr. Auster, Zürich 1946, entspricht dies den Seiten 154-298; der gedruckte Text ist zum Teil ident mit dem Manuskript (im folgenden zitiert als: Gefängnisaufzeichnungen), streckenweise umgearbeitet, manches ist ausgelassen, manches ist im Druck neu.

[**Das Original von Schuschniggs Brief an Hitler vom 11. Juni 1938 (Stempel RFSS Geheim, SD-Hauptamt 6303, Eing. am 21. Sept. 1938) liegt jetzt im Prager Staatsarchiv (laut Spiegel vom 18. März 1968). Die vollständige Veröffentlichung (mit einer Stellungnahme Schuschniggs) besorgte Otto Leichter in seinem Buch Zwischen zwei Diktaturen. Österreichs revolutionäre Sozialisten, Wien 1968, S. 333 - 340

[15Schuschnigg: Gefängnisaufzeichnungen, a.a.O., S. 44

[16Ebenda, S. 48

[17Ebenda, S. 27

[18Akten zur deutschen auswärtigen Politik (AdaP) 1918-45, Serie D, Band 1, Baden-Baden 1950, S. 421f

[19Ebenda, S. 423f

[20Ebenda, S. 450

[21Kurt Schuschnigg: Ein Requiem in Rot-Weiß-Rot. Aufzeichnungen des Häftlings Dr. Auster, Zürich 1946, S. 44

[22Franz Papen: Der Wahrheit eine Gasse, Innsbruck 1952, S. 474

[23AdaP, a.a.O. S. 456f

[24Schuschnigg: Gefängnisaufzeichnungen S. 29

[25Ebenda, S. 52

[26Ebenda, S. 52f

[27Ebenda, S. 54

[28Ebenda, S. 54f

[29Ebenda, S. 47

[30Otto Leichter: Zwischen zwei Diktaturen. Österreichs revolutionäre Sozialisten, Wien 1968, S. 333ff

[31Schuschnigg: Gefängnisaufzeichnungen, S. 18

[32Ebenda, S. 30

[33Leichter, a.a.O., S. 336

[34Pressedienst Strohmaier, 30. Oktober 1946

[35Expreß, 9. März 1968

[36Die Furche, 11. Jänner, 10. und 24. März 1973

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