FORVM, No. 244
April
1974

Aufzucht wider die Natur

Kindergarten im Kapitalismus

Kindergarten und Schule sind die Kehrseite des Fabrik-Systems. Die Überwindung der „antiautoritären Phase“ durch die Linke legt den Blick frei auf die Strukturen hinter dem Autoritätskonflikt. Das Kinderladen-Problem ist nicht mehr der Angelpunkt der Welt, sondern das Tor zu einer sozialen Erfahrung — zur Erfahrung jener Zwänge, die das Kapital auf uns ausübt.

1 Fabrik braucht Kinderbewahranstalt

Bekanntlich verlor die Familie durch die Verlagerung der Produktion aus der privaten Hauswirtschaft in die „öffentlichen“ Manufakturen und später in die Fabriken ihre ökonomische Basis. Damit wurde auch die Ausübung ihrer Erziehungsfunktion wesentlich verändert. „Vor der Einführung der großen Industrie wurde ein großer Teil der Waren in kleinen Handwerksbetrieben und bäuerlichen Wirtschaften erzeugt ... die Kinder waren von klein an mit der Werkstatt des Vaters und den hauswirtschaftlichen Verrichtungen der Mutter vertraut. Sie beobachteten Meister und Gesellen bei der Anfertigung der Produkte ... Sobald sie über die notwendige Körperbeherrschung verfügten, halfen sie zwanglos bei den verschiedensten Arbeiten oder spielten Tischler, Schuster, Schreiner oder Bauer. Die kleinen Mädchen wurden schon früh auf die Rolle einer Hausfrau vorbereitet, sie nahmen am Leben und Schaffen ihrer Mütter teil und lernten dadurch alle notwendigen Verrichtungen im Hause kennen. Die Kinder wurden so von klein an auf ihre späteren Aufgaben vorbereitet, sie setzten sich bereits im Spiel mit der Arbeit der Eltern auseinander und konnten sich die allgemeinsten Kenntnisse und Fertigkeiten des väterlichen Berufes ohne besondere Erziehungsveranstaltungen aneignen.“ [1] Als aber der Vater — im Proletariat waren es meist beide Elternteile — zur Lohnarbeit außer Haus gehen mußte, verlor die Familie damit die Funktionen einer produktionsverbundenen Erziehung; sie konnte die Kinder nicht mehr für die späteren beruflichen Anforderungen qualifizieren.

Die Kinder der Proletarier, deren Eltern 16 Stunden am Tag in der Fabrik schufteten, wurden schon in frühem Alter — durchaus schon ab dem fünften Lebensjahr [2] — in die Produktion einbezogen. Amtsprediger Döhner aus Freiberg macht 1829 in einem Artikel auf das traurige Los der kleinen Kinder aufmerksam, „dem sie bei Entfernung ihrer Eltern preisgegeben sind ... ‚Was macht Sie mit Ihren kleinen Kindern‘, fragte ich unlängst eine Witwe, ‚wenn Sie, wie so oft, nach G. geht?‘ — ‚Ich schneide ihnen Brot in eine Schüssel Milch ein und schließe die Tür ab‘, war die Antwort der Mutter, die noch früh vor dem Erwachen der zwei- und dreijährigen Mädchen sich entfernt und vor abends acht Uhr nicht zurückkehren kann ... Von mehreren Müttern stupider und stumpfsinniger Kinder habe ich auf meine Frage: ‚Hat Sie ihnen denn etwa früher Schlafpulver gegeben?‘ die Antwort erhalten: ‚Das ist freilich nicht aus dem Hause gekommen.‘ ... Hier gibt man ihnen Schlafpulver und macht sie dadurch dumm oder sperrt sie ein und dort heißt man die etwas Größeren sich auf den Straßen herumtreiben und legt bei ihnen dadurch den Grund zum Müßiggang, zur Arbeitsscheu, Betteln und Dieberei: hier übergibt man sie einer durch ihr Alter mürrisch und launenhaft gewordenen Frau oder pfercht sie in die vielleicht schon von Kindern angefüllte Stube eines Verwandten oder Nachbarn ein, unbekümmert um die dort herrschende Unreinlichkeit ... dort überläßt man sie der Aufsicht und Wartung älterer, die Schule versäumender Geschwister, die zum Teil dieser Wartung selbst noch bedürfen ...“ [3]

Diese Zustände beunruhigten auch das Bürgertum, das ja an einem gesunden und einsatzfähigen Arbeiternachwuchs interessiert sein mußte. Es reagierte mit „privaten Initiativen“, mit Kinderbewahranstalten für Proletarierkinder. Diese Kinderbewahranstalten stellen die früheste Wurzel unseres heutigen Kindergartens dar.

2 Vorurteil bei den Rohen ...

Von Beginn des 19. Jahrhunderts an entstanden Bewahranstalten als Vorschuleinrichtungen verschiedener Form: von der Stube einer alten Frau bis zu den großen Asylen. Vor 1830 — der Phase der noch zögernden Entwicklung der industriellen Revolution in dem zersplitterten deutschen Bund — zunächst nur vereinzelt vorhanden, stieg ihre Zahl mit der rasch zunehmenden Industrialisierung nach dem Fall der Zollschranken 1834 („Deutscher Zollverein“) erheblich an und erreichte zwischen 1830 und 1848 den Kulminationspunkt. Initiatoren waren private „Wohltäter“, später auch Vereine. Hier mischten sich humanitäre Motive mit dem Klasseninteresse. Das wahre Erziehungsziel der Kinderbewahranstalten wurde in den Programmschriften einzelner Anstalten offen ausgesprochen. So schreibt J. G. Wirth, der in Augsburg Kinderbewahranstalten einrichtete:

Da bei weitem der größte Teil der in diese Anstalt aufgenommenen Kinder armen Eltern gehört, und für einen Stand erzogen werden soll, welcher vorzugsweise einen gesunden, kräftigen und gewandten Körper, Lust und Liebe zu anstrengender Arbeit und möglichste Beschränkung seiner Bedürfnisse zu seinem künftigen Fortkommen und zu seinem äußeren Lebensglücke nötig hat: so muß in den Kleinkinderbewahranstalten alles sorgfältig vermieden werden, was nachteilig auf den Gesundheitszustand einwirkt, ... die Pfleglinge schwächt und verweichlicht, den Hang zum Wohlleben hervorruft und Bedürfnisse erzeugt, die in späteren Lebensjahren nicht mehr befriedigt werden können, und im Entbehrungsfalle leicht eine Quelle der Unzufriedenheit und des Unfriedens eröffnen dürfte. [4]

Die forçierte Errichtung öffentlicher Vorschulanstalten seit den dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts läßt sich nicht allein durch den Druck erklären, der von der rasch anwachsenden Industrie auf die Familie ausgeübt wurde. Es kamen auch politische Beweggründe dazu. Unruhen und Volksaufstände ließen eine möglichst frühe Beeinflussung der Proletarierkinder im Sinne der Obrigkeit wünschenswert erscheinen. Die Angst der Besitzenden, das Proletariat könnte sich gegen sie zusammenschließen und mit Gewalt die „natürliche Ordnung“ zerstören, spiegelt sich in den Rechtfertigungsversuchen der Bewahranstalten wieder:

Bei der übergroßen Vermehrung der Armenklasse, ... bei dem zügellosen, nur für den Moment lebenden Proletarierleichtsinn wächst die Armut heran zur politischen Macht, und wenn nicht die Humanität es dem Menschenfreunde zur Pflicht machte, so mildernd als möglich in das Elend einzugreifen, so gebietet die Klugheit sowohl dem Staate, als auch jedem einzelnen, sich irgendeines Besitztums Erfreuenden, den Armen soviel als möglich Waffen zu reichen zum Kampfe gegen die Armut und deren Folgen, damit sie nicht eines Tages den Kampf gegen die Besitzenden zu eröffnen mögen ... Die ewig Darbenden bilden leicht in ihrer Seele einen gewissen Neid gegen die Genießenden aus; nach ihren Begriffen beruht eine vollkommene Glückseligkeit nur in dem Besitze, von dem sie ausgeschlossen sind, und es deucht ihnen, als hätten die Reichen sie davon ausgestoßen, sich ihren Anteil angeeignet. Leicht nisten sich Haß und Vorurteil in den Gemütern der Rohen ein, und je mehr solche durch persönliche Aufopferung, durch liebendes Wirken der Höhern und glücklich Gestellten gemildert werden, umso besser ist es. Die Eindrücke der Kindheit auch auf diese Art zu beeinflussen, möchte für den einzelnen wie auch für das Ganze, von heilsamen Folgen sein. [5]

Die Parole der Kinderbewahranstalt hieß: „Wohl dem, der mit Geduld erträgt, was ihm Gott auferlegt.“ [6] Nach Wilderspin, dessen Buch über seine Tätigkeit in einer Londoner Kleinkinderschule in Deutschland großes Interesse erregte, waren Religion und Sittlichkeit die wichtigsten Aufgaben der Bewahranstalt. Die Kinder sollten vor allem mit Hilfe der religiösen Erziehung am selbständigen Denken gehindert werden. Sie wurden von früh an daran gewöhnt, fremdes Eigentum zu achten, genügsam, gehorsam und mit ihrem Los zufrieden zu sein. Sie wurden zu Ordnungsliebe, Arbeitswilligkeit, Fleiß und Verträglichkeit erzogen und bekamen frühzeitig Anhänglichkeit und Ehrfurcht für ihren Fürsten und die Einrichtungen des Klassenstaates eingeflößt. [7]

Eine weitere Aufgabe der Kinderbewahranstalt war die Vermittlung der elementaren Kenntnisse des Lesens und Schreibens, und schließlich sollten die Arbeiterkinder für die materielle Produktion vorbereitet werden. Dabei bildete sich die Tendenz heraus, die Kinder nicht unter Zwang arbeiten zu lassen, sondern Freude am Tätigsein in ihnen zu wecken: keine Unzufriedenheit mit ihrem Los sollte aufkommen. Die Kinder lernten einzelne Rohstoffe unterscheiden und übten sich im Zupfen, Sortieren, Klöppeln, Tütenkleben, Flechten usw.

Kindergarten-Stereotyp aus einer Tageszeitung:
„Man riskiert ein Auge, wenn der Onkel Reporter ein Bild vom Mittagsschlaf macht.“

3 „Kindergarten“ für die Reichen

Die Veränderungen der Produktionsweise berührten auch die bürgerliche Familie. Auch sie bedurfte der Vorschuleinrichtungen. Das wurde zur Aufgabe Friedrich Fröbels. Fröbel sagt zwar, daß der Kindergarten die Erziehungseinrichtung für alle Kinder des Volkes wäre, und fordert, daß seine Erziehungsweise auch Eingang in die Kinderbewahranstalten finde. Er hat aber die besonderen Bedürfnisse der Kinder, die diese Anstalten besuchen, weder praktisch noch theoretisch irgendwie berücksichtigt. Sowohl die Organisation der Arbeit des Kindergartens wie auch die Auswahl des Stoffes war den Interessen der Kinder, die aus wohlgeordneten Familienverhältnissen kamen, angepaßt. Für die Kinder, die den ganzen Tag sich selbst überlassen blieben, war diese Auswahl nicht ausreichend, um ihre Erziehung zu sichern. Hier hätte der Kindergarten, wenn er seinem Anspruch, die Erziehungsstätte zu sein, gerecht werden soll, einen Teil der Funktionen übernehmen müssen, die bis dahin von den Familien ausgeübt wurden. [8]

Dementsprechend unterschied sich das Erziehungsziel des „Kindergartens“ deutlich von dem der „Kinderbewahranstalt“: Während die „Zurichtung für Detailfunktionen“ [9] für die Kinder des Proletariats genügte, sollten dagegen die Kinder der Bourgeois lernen, sich „als Ganzes in sich und in Übereinstimmung und Einigung mit dem Lebensganzen zu sich, frei und selbständig zu entwickeln, zu erziehen, sich so zu belehren, zu unterrichten“. [10] War eine Erziehung zur Arbeit auch für alle Klassen verbindlich geworden, so differenzierte sich doch die Art dieser Arbeit nach klassenspezifischen Kriterien: Dem Profitstreben entsprechend mußte das Interesse bestehen, auf der einen Seite den Angehörigen der arbeitenden Klasse bereits im Kindesalter die Bereitschaft zu rastlosem Schaffen und williger Einordnung in die neuen Ausbeutungsverhältnisse anzuerziehen, während andererseits die Angehörigen der bürgerlichen Klasse zu fähigen, aktiven und skrupellosen, dem Konkurrenzkampf gewachsenen Unternehmern heranzubilden waren. [11]

In diesem Sinne unterschied sich die Beschäftigung der Kinder im Kindergarten von der in der Bewahranstalt. Fröbel rückte das „spielende Lernen“ in das Zentrum seiner Betrachtung und entwickelte systematisch „Spielgaben“, die eine allseitige und nicht-funktionale Persönlichkeitsentwicklung anregen sollten. Er ging dabei von den vorhandenen Fähigkeiten des Vorschulkindes aus und strebte die Überwindung des mechanischen Anlernens toter Lehrsätze an, wie es vordem in der Pädagogik dominierend gewesen war.

1848 hatten die fortschrittlichen Lehrer eine einheitliche Volksbildung mit Einschluß der Vorschulerziehung gefordert. [12] In der Ära des Neoabsolutismus wurden solche Forderungen zunächst von der Tagesordnung abgesetzt. So wurde beispielsweise 1854 die Trennung zwischen Kinderbewahranstalten und Kindergärten in einem zeitgenössischen Programm begründet:

Es zeigt sich hier wieder von neuem, daß das gekünstelt und unnatürlich wäre, wenn man die Kinder aus allen Ständen gemeinschaftlich in den Kleinkinderschulen erziehen wollte. Es sind hier und da und namentlich nach dem Alles auf den Kopf stellenden Jahr 1848 in dieser Hinsicht Versuche gemacht worden, aber die Sache ist nirgends auf einen grünen Zweig gekommen, weil sie eben unnatürlich, ja ich möchte sagen inhuman ist. Denn die Armen, wenn sie die sauberen Kleider, die gesunden Köpfe und Ohren, die großen Stücke Brod mit Butter, Weck und Kuchen u.a.m. sehen, werden leicht neidisch, und wenn sie größer geworden sind und in ihrem Tun, in ihren Kleidern, Hüten, Schleiern, Handschuhen nicht mit den Vermögenden es gleich machen können, so kann sich sogar noch mehr Neid, ja Haß entwickeln. [13]

4 Reinlichkeit

So blieb es im Deutschland des 19. Jahrhunderts bei getrennten Einrichtungen für die Kinder beider Klassen. Allerdings wurde die nunmehr „Volkskindergarten“ genannte Bewahranstalt den Bedürfnissen des fortschreitenden Kapitalismus angepaßt. Hier war es vor allem Henriette Schrader-Breymann, die die entsprechenden Schritte unternahm. Aus den Fröbel-Kindergärten konnte sie für die „‚Volkserziehung“ nicht viel übernehmen, da diese Kindergärten durch mathematisch ausgeklügelte Beschäftigungen die Kinder einseitig förderten. Dagegen postulierte sie die Arbeitserziehung: die Kinder sollten durch Mitwirken im Haushalt, bei der Gartenarbeit und der Tierpflege praktische Kenntnisse erwerben, aber auch durch Einführung in die Anfänge des Handwerks und Kunsthandwerks Verständnis für die industrielle Tätigkeit entwickeln. Eine stärkere Betonung des schöpferischen Spiels bildete das Gegengewicht zur nützlichen Arbeit. Ein solches Erziehungsprogramm konnte weit mehr als das der Bewahranstalten in den Proletarierkindern die Freude an der Arbeit entwickeln und zur zielgerichteten Erziehung und Betreuung der Proletarierkinder im Interesse ihrer späteren Eingliederung in den Ausbeutungsprozeß beitragen. Hier wurde im Sinne der Klassenharmonie gearbeitet: Konnte man die Lebensbedingungen der Arbeiterkinder verbessern und eine positive Einstellung zu ihrem „Schicksal“ erzeugen, bestand die Möglichkeit, Unzufriedenheit und Unruhen an der Wurzel zu unterbinden, also „wesentlich dazu beizutragen, den Vulkan der sozialen Revolution, auf dem wir stehen, zu schließen“. [14]

Auch in Österreich entwickelte sich die Trennung zwischen Kinderbewahranstalten und Fröbel-Kindergärten. Sinn und Funktion der Bewahranstalt zeigt der folgende Bericht an die Studienhofkanzlei:

... es werden zugleich ihre (sc. der Kinder) physischen, sittlichen und geistigen Kräfte entwickelt, sie werden angenehm und nützlich beschäftigt, frühzeitig an Tätigkeit, Reinlichkeit und Ordnung gewöhnt, ihr sittliches und religiöses Gefühl wird geweckt und genährt und so wird der Grund zu ihrem zeitlichen und ewigen Wohl gelegt. Diese segensreichen Wirkungen haben auch unter allen Ständen Zustimmung gefunden. [15]

Zwar wurde die Vorschulerziehung 1872 per Gesetz vereinheitlicht und die dort genannten Ziele entsprachen ungefähr den Fröbelschen Prinzipien, doch bestand faktisch die Trennung zwischen Kinderbewahranstalt und Kindergarten bis ins 20. Jahrhundert weiter. [16] Allerdings gingen ab 1905 die Bewahranstalten alten Typs verhältnismäßig zurück, bei gleichzeitigem Anwachsen der Fröbel-Kindergärten. Gab es 1884/85 noch 117 Kinderbewahranstalten gegenüber 104 Kindergärten, so zählte man 1912/13 in ganz Österreich nur noch 244 Kinderbewahranstalten gegenüber 548 Kindergärten. [17]

Aber mit dem Verschwinden der Bewahranstalten zugunsten der Kindergärten nach dem Ersten Weltkrieg hatte sich keineswegs das alte Fröbelsche Ziel der allseitigen Bildung der Persönlichkeit auch für die Proletarierkinder durchgesetzt. Vielmehr reduzierten sich die ursprünglich bürgerlich-fortschrittlichen Methoden auf ein Minimum.

Kinderkollektiv in der Umgebung von Wien

5 Familie als Feigenblatt

Die 1927 durchgeführten Gesetzesänderungen in Richtung „demokratische Bildung“ oder „Individualisieren in der Kinderbetreuung“ [18] mußten angesichts der Erziehungswirklichkeit im Kindergarten, der immer mehr zur Massenbetreuungsanstalt absank und von fürsorgerischen statt von pädagogischen Erwägungen bestimmt wurde, Leerformeln bleiben. 1916 wurde der Kindergarten der Leitung des Jugendamtes unterstellt: „Die öffentliche Fürsorge beauftragte den Kindergarten, ergänzend und wo nötig ersetzend neben die Familie zu treten, und mit ihr erziehliche und gesundheitliche Fürsorge zu leisten.“ [19]

Noch heute wird das Verhältnis des Kindergartens zur Familie entweder als „ersetzendes“ oder als „ergänzendes“ beschrieben: „Hiebei sind unter ersetzenden Einrichtungen solche gemeint, die ‚nur dann eintreten, wenn die Familie ausfällt oder unzulänglich ist oder wenn der zu Erziehende nach seiner Artung (!) und Verhaltensweise innerhalb der normalen Einrichtungen nicht erzogen werden kann; unter ergänzenden solche, die auch bei durchaus intakter Familie und einer im Bereiche des Normalen sich haltenden Artung und Verhaltensweise des zu Erziehenden die von Familie und Schule geleistete Erziehungsarbeit in einer über diese hinausgehenden Weise erweitern. [20]

Im Grunde genommen möchte sich der Kindergarten jedoch als eine ergänzende Institution zur Unterstützung der Familie verstehen, und so wird seine Stellung auch in den diversen Landesgesetzen formuliert: „Der österreichische Kindergarten ergänzt und stützt die Familienerziehung.“ [21] Von diesem Primat der Familie während der ersten sechs Lebensjahre enthusiasmiert, ließen sich 1945 Verteter der Gemeinde Wien zu so schwärmerischen Formulierungen hinreißen wie: Aufgabe des Kindergartens sei es, „die Familie in ihrer wichtigsten Funktion, erste Stätte wahrer Menschenbildung zu sein, zu unterstützen“; [22] oder „Der Kindergarten ist eine Hilfsinstitution der Familie“; „Es geht um die Grundlage der Gesellschaft, um die erste Zelle der Kultur, um die Wurzel des menschlichen Glücks: um die Familie.“ [23]

Der Kapitalismus braucht die Familie für eine systemstabilisierende Erziehung, die von einer vergesellschafteten Vorschulerziehung nicht annähernd geleistet werden könnte: in öffentlichen Institutionen, die den Kindern aller Klassen gleichermaßen offenstehen, kann weder die Ideologie der Privatheit erzeugt noch die Reproduktion der Klassen garantiert werden. Auf Grund der Profitorientiertheit des kapitalistischen Wirtschaftssystems muß Erziehung als eine unrentable Ausgabe so billig wie möglich gehalten werden. (So wurden im Budget 1974 der Gemeinde Wien nur ganze 0,15% als Aufwendungen für Kindergärten angegeben.)

Außerdem rechtfertigt die Familienideologie das Fehlen von Kindergärten: „das kleine Kind gehört zur Mutter“; „für das Vorschulkind ist der Kindergarten eine zwar ergänzende, aber bei intakter Familie nicht unbedingt notwendige Institution“. [24] Da fällt die Misere auf dem Kindergartensektor nicht so stark ins Gewicht. In ganz Österreich stehen Kindergartenplätze nur für ein Drittel aller Kinder, in Wien knapp für die Hälfte (43%) zur Verfügung; zudem gibt es viel zu wenige Kindergärtnerinnen, weshalb die Gruppen unverantwortlich groß sind: [25] Laut gesetzlicher Regelung kommen auf eine qualifizierte Kindergärtnerin in Wien für die Altersgruppe der Drei- bis Fünfjährigen 32 Kinder, 22 für die Zwei- bis Dreijährigen und 16 für die Ein- bis Zweijährigen.

Kinderladen

6 DDR besser

Die Ausgaben für Bildung und Erziehung liegen in kapitalistischen Ländern wesentlich niedriger als in sozialistischen. Das läßt sich an Hand der Tabellen zeigen, die einen Vergleich der Kindergartenplätze und der Erzieher-Kind-Relation zwischen der BRD, der DDR [26] und Österreich [27] bringen.

Anteil der Kindergartenbesucher an der Gesamtheit der Vorschulkinder
BRD DDR Ö Ö
1967 1969 1967/68 1971/72
27% 60% 27,7% 34,2%
Zahl der Kinder auf einen Erzieher im Kindergarten
BRD DDR Ö Ö
1967 1969 1967/68 1971/72
    Drei- bis Sechsjährige
ca. 45 ca. 15 32 27

Da wird klar, daß die Erziehungssituation in den beiden kapitalistischen Ländern BRD und Österreich wesentlich mehr vernachlässigt wird als in der sozialıstischen DDR. In der im Vergleich zur BRD doch ärmeren DDR gibt es mehr als doppelt so viele Kindergartenplätze wie in der BRD; in der BRD kommen dreimal so viele Kinder auf eine qualifizierte Erzieherin im Kindergarten, in Österreich etwas mehr als doppelt so viele als in der DDR.

Das Defizit im Bereich der Vorschulerziehung kann unter kapitalistischen Bedingungen nicht beseitigt werden — nicht einmal in dem Ausmaß, das für die kapitalistische Wirtschaft, für ihre Weiterentwicklung und für die Erhaltung ihrer Konkurrenzfähigkeit nötig ıst. Wenn der Vorschlag des Deutschen Bildungsrates [28] realisiert werden soll, daß 1980 100% der Fünf- bis Sechsjährigen (eine Erzieher-Kind-Relation von 1:25 vorausgesetzt) den Primärschulbereich, und 75% der Drei- bis Fünfjährigen (bei einer Erzieher-Kind-Relation von 1:15) den Kindergarten besuchen sollen, müßten im Zeitraum von 1971 bis 1980 jährlich 16.500 Erzieher in die Praxis gehen. Der bisherige jährliche Erzieherzuwachs liegt jedoch im besten Fall bei 2000. Es müßten also in den siebziger Jahren 94% der bis 1980 benötigten Erzieher erst ausgebildet werden. Das heißt, der aktuelle Fehlbestand an Erziehern kann bei gleichbleibender Erzieherzufuhr nicht vor dem Jahr 2000 gedeckt werden. [29] Für Österreich gibt es keine statistisch fundierte Zukunftsplanung, aber die Situation dürfte hier kaum rosiger aussehen als in der BRD.

Einerseits liegt es im Interesse des Kapitals, die Familie aus ideologischen und wirtschaftlichen Gründen zu stabilisieren; anderseits erweist sich die Familie unfähig, ihre Erziehungsfunktion in der Weise auszuüben, wie sie die Entwicklung der kapitalistischen Produktionsweise mit sich gebracht hat. So kommt es dazu, die Vorschulerziehung aus der Familie hinaus in öffentliche Institutionen zu verlegen.

Die Frau — und vor allem die Proletarierfrau — muß aus der Familie abgezogen und zur Lohnabhängigen gemacht werden, weil sie in gewissen Industriesparten als billigere Arbeitskraft gebraucht wird — in der Metallindustrie, in der Elektroindustrie, in der Feinmechanik, in den chemischen Industrien. Die Arbeit, die den Frauen in der Industrie abverlangt wird, ist durch folgende Merkmale gekennzeichnet: rasches Arbeitstempo, besonders schmutzige Arbeit, keine Abwechslung, keine Verantwortung, sitzende Tätigkeit, größter Grad der Spezialisierung in monotonen Arbeitsgängen. [30] Dafür lassen sich Männer nicht einsetzen. Zusätzlich werden Frauen als „Reservearmee“ für Hochkonjunkturzeiten gebraucht; d.h. daß in zyklisch wiederkehrenden Perioden mehr Frauen in den Produktionsprozeß eingegliedert werden, was natürlich bedeutet, daß mehr Kinder tagsüber in öffentlichen Institutionen untergebracht werden müssen. Hier suchen bereits die Unternehmer die Lücken durch Betriebskindergärten zu stopfen. Die Zielsetzung, die ein Kapitalist für die Errichtung eines solchen Kindergartens angab, läßt nichts an Offenheit zu wünschen übrig: „Es sind betriebswirtschaftliche Argumente, die den Bestand des Kindergartens rechtfertigen ... Unsere weiblichen Angestellten arbeiten konzentrierter, wissen sie doch, daß das Kind ganz in der Nähe ist ...“ [31]

Der heutige Kindergarten verfolgt dieselben Ziele wie schon die Kinderbewahranstalt: Er muß für die Kinder der arbeitenden Frauen zumindest die elementarsten Lebensbedingungen der Aufsicht bereitstellen und den Kindern darüber hinaus minimale Kenntnisse und eine entsprechende Gesinnung einpauken, damit ein gesunder Arbeiternachwuchs garantiert ist. Der Kindergarten gerät also in Gegensatz zu seiner ideologischen Funktion als „Ergänzung“ der Familie. Am Kindergarten wird gespart. Also kann er die ersetzende Stellung in den meisten Fällen weder quantitativ noch qualitativ ausfüllen: [32] Es gibt in der Regel nicht einmal genug Kindergartenplätze für die Kinder berufstätiger Mütter.

Gemeindekindergarten am Eisenstadtplatz, Wien

7 Das Kind als Staatsinvestition

Die Forschungslawine auf dem Gebiet der Kleinkindererziehung wurde bekanntlich durch den „Sputnikschock“ in den USA ausgelöst, der auf das damals geringere Intelligenzlerpotential in den USA im Vergleich zur Sowjetunion aufmerksam machte. Die daraufhin stark forçierten Forschungen zur Entwicklung der Intelligenz zeigten, daß 50 Prozent des später erreichten endgültigen Intelligenzniveaus bereits im vierten Lebensjahr ausgebildet sind, 80 Prozent im Alter von acht Jahren. [33] Dazu kommt, daß auch Faktoren wie Leistungsmotivation, kognitiver Stil, verbale Fähigkeiten im Vorschulalter zur Entwicklung gelangen und sich bei Schuleintritt schon ziemlich stabilisiert haben. [34] Was sich in dieser Periode fehlentwickelt hat oder unentwickelt geblieben ist, kann später nur sehr schwer und nur in geringem Maße korrigiert werden. Vielmehr kommt es in der Regel zu einer Kumulierung des Lerndefizits, da das Versäumen eines Lernschritts sehr wahrscheinlich auch das Versäumen des nächsten nach sich zieht — die Fehlentwicklung verstärkt sich auf diese Weise. Die Wurzel des Schulversagens von Kindern — vor allem von Arbeiterkindern — ist also in der Entwicklung vor der Schule zu suchen.

Die Bedingungen für eine menschenwürdige Kleinkindererziehung sind heute annähernd nur in liberalen Mittel- und Oberschichtfamilien und in den privat organisierten Eltern-Kind-Gruppen vorhanden. Die Notwendigkeit, auch einem Teil der Arbeiterkinder Zugang zu den besser qualifizierten Berufen zu verschaffen, stellt das Kapital jedoch vor eine neue schwierige Aufgabe. Da die Arbeitsbedingungen der Proletariereltern so beschaffen sind, daß sie nicht anders als repressiv erziehen können, müßte man entweder ihre sozio-ökonomische und sozio-kulturelle Situation verändern — dann könnte man die Arbeiterkinder weiter in den ersten Jahren in der Familie aufwachsen lassen; oder man müßte die Arbeiterkinder praktisch von Geburt an in noch zu schaffenden Kleinkinder-Institutionen aufziehen. Beides verbietet sich aus wirtschaftlichen wie ideologischen Gründen. Weder kann auf die systemstabilisierenden Funktionen der Familie verzichtet werden, noch kann die Arbeitssituation für gering qualifizierte, bloß mechanische Tätigkeiten verrichtende Arbeitskräfte, die nach wie vor gebraucht werden, grundsätzlich verändert werden; ebensowenig können aus wirtschaftlichen Erwägungen auf genügend breiter Basis die benötigten Kleinkinderinstitutionen geschaffen werden.

Man behilft sich daher mit korrigierenden Eingriffen, deren Effizienz nach den bisherigen Erfahrungen recht zweifelhaft ist. Für die ersten Lebensjahre erhofft man sich Hilfe von einer „Frühaufklärung“ der Eltern, die jedoch — da auch dafür nur bescheidene Mittel zur Verfügung stehen — nur in Form von Elternberatung ablaufen kann. Eine solche Aufklärungsform tangiert aber weder die materielle noch die psychische Situation der Arbeitereltern. Zum Aspekt der psychischen Veränderung berichtet A. E. Richter aus seiner Praxis: es

erwiesen sich einfache technische Elternberatungen meist als sinnlos. Wir hatten in der Regel nur Erfolg, wenn wir es verstanden, auf den affektiven Motivationshintergrund der Eltern einzuwirken. Denn die schädlichen erzieherischen Zwänge, Verbote, Informationsvorenthaltungen, Strafen usw. erwiesen sich eben meist nur als Folge des gesamten affektiv begründeten Interaktionssystems zwischen Eltern und Kind. [35]

Mit dieser Frühaufklärung — die erst verwirklicht werden muß — sollen Maßnahmen einer „kompensatorischen Erziehung“ verbunden werden, welche die Mängel der Familienerziehung auf dem Gebiet der Intelligenzförderung und der Sprachbeherrschung auszugleichen haben. Auch mit diesbezüglichen Versuchen hatte man bisher nicht den erwarteten Erfolg, zudem wäre damit nur ein Teil der Qualifikationen — nämlich die kognitiven — garantiert.

Unter den gegenwärtigen widersprüchlichen Bedingungen ist höchstens ein Krisenmanagement möglich. Und es wird von der Wirksamkeit einer auf die Ableitung von Technologien gerichteten Wissenschaft abhängen, wie gut und wie lange ein solches Krisenmanagement durchgehalten werden kann. Es wäre aber ein fataler Irrtum zu glauben, die historisch möglichen Liberalisierungen würden kampflos von den Kapitalisten konzediert werden.

[1E. Barow-Bernstorff, K.-H. Günther, M. Krecker, H. Schuffenhauer, Beiträge zur Geschichte der Vorschulerziehung, 3., bearb. Aufl., Berlin 1971, S. 115.

[2Vgl. A. H. Niemeyer, Beobachtungen auf Reisen in und außer Deutschland, Bd. III, Halle 1824, S. 242 f.

[3G. F. Döhner, Über Bewahr- und Beschäftigungsanstalten für noch nicht schulfähige Kinder armer Eltern im Allgemeinen und eine in Freyberg zu errichtende insbesondere, in: Sächsischer Volksschulfreund, Freiberg 1829, S. 267 ff. Die katastrophale Lage der Proletarierkinder illustriert auch ihre Sterblichkeitsziffer im Vergleich zu den Kindern höhergestellter Klassen: Dies zeigt, „daß die Kindersterblichkeit nicht in erster Linie auf einen niedrigen Entwicklungsstand der Medizin, sondern in der Hauptsache auf die menschenunwürdigen Verhältnisse zurückzuführen ist, unter denen die Kinder des Proletariats aufwuchsen, während von 1000 Kindern in der herrschenden Feudalaristokratie nur 57 bis zum fünften Lebensjahre starben, wurden von 1000 Kindern der Ausgebeuteten 345 Vorschulkinder ein Opfer der barbarischen gesellschaftlichen Zustände. Aus der Klasse des bevorrechteten Adels erreichten mehr als 90 Prozent das 15. Lebensjahr, von den Berliner Proletarierkindern mußten dagegen 41,6 Prozent vor Vollendung des 15. Jahres sterben (E. Barow-Bernstorff et al., a.a.O., S. 114).

[4J. G. Wirth, Mitteilungen über Kleinkinderbewahranstalten sowie über Kleinkinderschulen und Rettungsanstalten für verwahrloste Kinder, Augsburg 1840, S. 38 f.

[5A. Winter, Die Klein-Kinder-Schule, Leipzig 1846, S. VIII f. und S. XV f.

[6J. G. Wirth, a.a.O., S. 171.

[7E. Barow-Bernstorff et al., a.a.O., S. 128.

[8N. Christensen, Über Wesen und Funktion des Kindergartens in den Auffassungen F. Fröbels, Neue Erziehung, Heft 7/1952, S. 145 f.

[9G. Heinsohn, Vorschulerziehung heute?, Frankfurt/M. 1971, S. 69.

[10F. Fröbel, zit. in M. Günzel-Haubold, Psychologische Probleme des Kindergartens, in: Handbuch der Psychologie, Bd. 10, Göttingen 1959, S. 204.

[11E. Barow-Bernstorff et al., a.a.O., S. 157.

[12Nach der Interpretation von E. Barow-Bernstorff und K.-H. Günther (et al, a.a.O. S. 183 f.) geschah diese Forderung nach einheitlicher Bildung für die Kinder aller Klassen auch von den fortschrittlichen Lehrern im Sinne der „Klassenharmonie“ unter der Zielsetzung der Erhaltung der bürgerlichen Gesellschaftsordnung. Das zeigt, daß sich zu diesem Zeitpunkt die Kluft zwischen Bürgertum und Proletariat bereits auftat. E. Barow-Bernstorff zitiert als Beleg die Petition der Rudolstädter Lehrerversammlung, in der es u.a. heißt: Ziel der „öffentlichen Elementar-Volkserziehung“ ist es, das „Absondern der Stände“ zu verhindern, damit man „das Proletariat mit der Wurzel wird ausrotten können ... Die politische Neugestaltung, welche jedem Staatsbürger politische Rechte einräumt, fordert ein bis in die untersten Schichten gleichmäßig gebildetes Volk, wenn nicht die Freiheit in Anarchie der Massen ausarten soll“.

[13J. Fölsing, Blüthen und Früchte der Kleinkinderschulen nach hundertjährigem Bestehen, Forst 1880, S. 14 f.

[14Aus den Thesen des Freiherrn von Bissing-Beerberg zur christlichen Kleinkinderschule, zit. in: E. Barow-Bernstorff et al., a.a.O., S. 144.

[15Bericht des Guberniums an die Studienhofkanzlei vom 28.6.1836, Stmk. Landesarchiv, Gub. 44: 4186/1832, zit. in: Ch. Heckel, Der österreichische Kindergarten 1832-1938, Dissertation Graz 1969, S. 16.

[16Noch 1925 waren die beiden Institutionen getrennt, denn man überlegte im Zuge der Bemühungen um die Vereinheitlichung der Kleinkindererziehung, daß eine gemeinsame Benennung für Kindergarten und Kinderbewahranstalt als „Kindergärten mit oder ohne Tagesheimstätten“ wünschenswert sei, vgl. Ch. Heckel, a.a.O., S. 175.

[17Zit. nach Ch. Heckel, a.a.O., S. 131.

[18Zit. nach Ch. Heckel, a.a.O., S. 176 ff.

[19Ch. Heckel, a.a.O., S. 161.

[20R. Meister, Stellung und Funktion des Kindergartens im System der Erziehung, in: A. Niegel (Hrsg.), Gegenwartsfragen der Kindergartenerziehung, Wien 1950, S. 314.

[21Vgl.. Landesgesetz vom 29.11.1965, Landesgesetzbaltt für das Land Steiermark 10/1966, § 5; Landesgesetz Wien vom 18.11.1966, § 2; Kindergartengesetz des Landes Vorarlberg, Landesgesetzblatt 33/1964, § 1; Kindergartengesetz des Landes NÖ vom 5.3.1964, Landesgesetzblatt Nr. 93/1964, § 5; zit. in Ch. Heckel, a.a.O., S. 301.

[22Vizebürgermeister K. Honay (Amtsführender Stadtrat für das Wohlfahrtswesen), Wir dienen der Jugend!, in: Neue Kindergärten der Stadt Wien, hrsg. anläßlich der Eröffnung des Kindergartens im Hugo-Breitner-Hof von der Gemeinde Wien, Wien 1954, S. 4.

[23A. Tesarek (Leiter des Jugendamtes der Stadt Wien), Der Kindergarten ist eine Hilfsinstitution der Familie, in: Neue Kindergärten ..., a.a.O., S. 6.

[24In diesen Zusammenhang gehört auch die Äußerung von A. Schwarz (Dezernent für die Wiener Kindertagesheime) in einem Gespräch zur Zukunftsplanung im Kindergartenausbau: Demnach sollen bis 1975 75 Prozent der Kindergartenplätze in Wien vorhanden sein, und damit sei auch der Bedarf gedeckt, denn: die Eltern der übrigen 25 Prozent Kinder würden diese ohnehin nicht in den Kindergarten schicken. Es wird also vom vorhandenen Bewußtseinsstand der Eltern ausgegangen, der sich noch einigermaßen bequem mit den wirtschaftlichen Erwägungen deckt. Erkenntnisse — die durchaus auch in der bürgerlichen Pädagogik vorhanden sind — über die Notwendigkeit von Gruppenerfahrungen im Vorschulalter, die eine Garantie von Kindergartenplätzen für alle Kinder fordern, kommen nicht zum Tragen.

[25In seinem „Strukturplan für das Bildungswesen“ (Stuttgart 1970, S. 131) schlägt der Deutsche Bildungsrat für den Kindergarten bereits eine Erzieher-Kind-Relation von 1:15 vor. Die Erfahrungen in „repressionsarm“ geführten Kindergruppen in der BRD und in den USA weisen eher darauf hin, daß die Relation noch niedriger, etwa 1:8, sein sollte. Diese Hypothese wird auch vom Umstand unterstützt, daß die Berliner Kindergärtnerinnen die Relation 1:15 so unerträglich fanden, daß sie streikten, um eine niedrigere zu erreichen. Auch in diesem Punkt geht man in der MA 11 mit der Wirtschaftlichkeit konform. A. Schwarz meinte zu dem Thema: darüber herrschten ziemliche Meinungsunterschiede in Fachkreisen, man übertreibe da ziemlich in den Kinderladengruppen, wenn man auf eine Relation von ca. 1:8 heruntergehe; seiner Auffassung nach sollte es eine Relation zwischen 1:20 und 1:25 sein, wobei das zweite das realistischere Ziel darstelle.

[26Aus G. Heinsohn, a.a.O., S. 153-156.

[27Die Daten für Österreich stammen aus den „Beiträgen zur österreichischen Statistik. Die Kindergärten (Kindertagesheime)“, hrsg. vom Österreichischen Statistischen Zentralamt, und zwar aus den jeweils angegebenen Jahrgängen. In dieser Zahl sind die sechs- bis siebenjährigen Zurückgestellten mit einbezogen (vgl. Heinsohn, S. 157).

[28Strukturplan, a.a.O.

[29G. Heinsohn, a.a.O., S. 157 ff.

[30H. Pataki, Industrialisierung der Frau, Fließband und Akkord, NF Juni 1973, S. 47.

[31Arbeiter-Zeitung vom 17.2.1971.

[32Die Folgen der Massenlenkung im Kindergarten werden durchaus auch von Vertretern der Kindergartenpädagogik gesehen. Um zu zeigen, wie eine Massendisziplinierung die Persönlichkeitsentwicklung behindert und Neurosen fördert, zitieren M. Schmaus & M. M. Schörl in ihrem Lehrbuch für Kindergärtnerinnen („Die sozialpädagogische Arbeit der Kindergärtnerin“, München 1964, S. 23) eine Untersuchung des Jugend- und Gesundheitsamtes Bielefeld, in der sich ergeben hat, „daß hinsichtlich der nervösen Störungen bei den Schulanfängern die Kindergartenkinder überwiegen. Sie haben tatsächlich mehr nervöse Störungen als die Kinder, die nicht im Kindergarten sind.“ In welchem Verhältnis im öffentlichen Kindergarten die Massenlenkung zu tatsächlicher individueller und emanzipierender Förderung steht, ließe sich nur durch eine Untersuchung der dort praktizierten Erziehungsstile beweisen. Darüber gibt es keine Daten. So bleibt nur, aus den viel zu umfangreichen Gruppengrößen zu schließen, daß eine andere Form als Massenbetreuung nicht möglich ist. Bezeichnenderweise haben sich ja die Privilegiertesten eine neue Vorschulerziehungsform im früheren „Kinderladen“ geschaffen, der heute unter der entschärften Benennung der „Eltern-Kind-Gruppen“ geführt wird, so daß die frühere Trennung in Kinderbewahrungsanstalten und Kindergärten heute in der Trennung öffentliche Kindertagesheimstätten — Kinderläden wieder auftaucht.

[33B. S. Bloom, Stability and change in human characteristics, New York 1964.

[34H. Heckhausen, Förderung der Lernmotivierung und der intellektuellen Tüchtigkeiten, in: H. Roth (Hrsg.), Begabung und Lernen, Stuttgart 1971; U. Oevermann, Schichtenspezifische Formen des Sprachverhaltens und ihr Einfluß auf die kognitiven Prozesse, in: H. Roth, a.a.O.; B. Bernstein, Language and Social Class, Brit. J. Soc. 1960.

[35H. E. Richter, Psychoanalytische Beiträge zur Familienerziehung, b:e, 5. Jg., Heft 1 (1972), S. 30.

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