Amelie Lanier, Nachtrag: Histomat
 
2014
Nachtrag zum „Kapital“:

Der Historische Materialismus

Die Rechtfertigungslehre des Marxismus-Leninismus und der Sowjetmacht

I. Geschichtsteleologische Aussagen von Marx

Das Protektionssystem war ein Kunstmittel, Fabrikanten zu fabrizieren, unabhängige Arbeiter zu expropriieren, die nationalen Produktions- und Lebensmittel zu kapitalisieren, den Übergang aus der altertümlichen in die moderne Produktionsweise gewaltsam abzukürzen.

(Das Kapital I, 24. Kapitel, S. 784/85)

Der „Übergang aus der altertümlichen in die moderne Produktionsweise“ hat hier den Charakter einer historischen Notwendigkeit, die die (vermeintlichen) Akteure bloß vollstrecken – indem sie, wie in diesem Falle, Protektionismus betreiben.

Der Protektionismus, also das System der Schutzzölle, hat seinen Grund in der Bemühung der imperialistischen Nationen bzw. deren Politiker, die eigene Wirtschaft gegen die ausländische Konkurrenz zu schützen. Sie ist also ein Mittel der imperialistischen Konkurrenz. In dieser obigen Aussage hingegen ist es ein „Kunstmittel“, also etwas, das dem „natürlichen“ Gang der Dinge wenn schon nicht widerstrebt, aber ihm auch nicht entspringt. D.h., es gibt eine historische Entwicklung, die ist nicht abzuwenden, und man kann sie durch Handlungen nur entweder beschleunigen oder verlangsamen. Alle konkreten Handlungen, die Gesetzgebung, letztlich sogar Krieg erscheinen als eine Art unbewußter „Geburtshilfe“ der „Entwicklung“, die früher oder später so sicher kommt, wie das Amen im Gebet:

Die Gewalt ist der Geburtshelfer jeder alten Gesellschaft, die mit einer neuen schwanger geht.

(Das Kapital I, 24. Kapitel, S. 779)

Den Embryo erkennt man zwar nicht, aber einmal geboren, so wird rückwirkend geschlossen, daß das jeweilige „Neue“ in irgendetwas „Altem“ schon im Keim vorhanden war.

Diese Idee der Entwicklung ist nicht immer verkehrt:

Das Privateigentum des Arbeiters an seinen Produktionsmitteln ist die Grundlage des Kleinbetriebs, der Kleinbetrieb eine notwendige Bedingung für die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktion und der freien Individualität des Arbeiters selbst. … Auf einem gewissen Höhegrad bringt sie die materiellen Mittel ihrer eignen Vernichtung zur Welt.

(Das Kapital I, 24. Kapitel, S. 789)

Wenn ein Privateigentum, also der Ausschluß der einen von dem Eigentum der anderen (Land, Produktionsmittel, Wohnraum) einmal eingerichtet ist, so besitzt diese Eigentumsform die Tendenz, die Enteignung der Mehrheit zugunsten einer Minderheit voranzutreiben und eine Klasse von Eigentumslosen zu schaffen.
Im „Kapital“ wird nachgewiesen, wie sich aus Ware, Tausch, Markt erst Kapital und daraus dann eben die Konzentration des gesellschaftlichen Reichtums in den Händen weniger entwickelt, und wie diese ökonomischen Grundlagen zur für den Kapitalismus charakteristischen Verteilung von Armut und Reichtum führen.

Der Entwicklungsgedanke hat also eine rationale Seite. Er hat aber falsche Verlängerungen.

Gleichzeitig wird nämlich aufgezeigt, wie gewisse Beschlüsse von politischen Akteuren erst die Bildung von Kapital überhaupt erst ermöglichen – z.B. in der Manufakturperiode. Ebenso wird gezeigt, wie die Entstehung der modernen Wissenschaft und Technik diesen Prozeß vorantreibt.

Entwicklung ist also eine Sache, aber die Eingriffe in dieselbe sind eine andere Sache. Sie sind für den Gang der Dinge genauso unabdingbar, wie die in Keimform angelegten Möglichkeiten. Insofern gibt es in der historischen Entwicklung keine Notwendigkeiten wie bei den Naturgesetzen, sondern sie sind Ergebnis von Entscheidungen. Diese Entscheidungen können individueller oder kollektiver Natur sein.

Marx faßt aber letztlich die Entwicklung des Kapitalismus ebenso als unabänderlich auf, wie auch seine Beendigung durch Selbstzerstörung, Selbstaufhebung:

Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. … die kapitalistische Produktion erzeugt mit der Notwendigkeit eines Naturprozesses ihre eigne Negation.

(Das Kapital I, 24. Kapitel, S. 791)

Wenn man diese Vorstellung eines notwendigen Endes des Kapitalismus durch seine immanenten Widersprüche ernst nimmt, so müßte man sich nur zurücklehnen und warten, bis es soweit ist. Man gerät in den Widerspruch jedes Determinismus’, der sämtliche Handlungsmöglichkeit bestreitet und verunmöglicht.

Das war aber auch nicht die Sichtweise von Marx. Er löste den Widerspruch für sich so auf, daß er meinte, für den Tag X, wenn es den großen Krach gibt, müßte die Arbeiterklasse bereit sein, mit sich auch den Rest der Menschheit zu befreien und ein besseres Gesellschaftssystem zu errichten. Sie müßte aber die Mängel bzw. Widersprüche des Kapitalismus begriffen haben, um nicht wieder in ihn zurückzufallen.

Diese Sichtweise ist im Grunde antirevolutionär. Sie hält eine Revolution für überflüssig. Der große Crash kommt sowieso. Aber dann muß man bereit sein, eine eigentumslose Gesellschaft zu errichten, die frei ist von Tausch, Markt und Geld.

Das sind die Schlußfolgerungen, die sich aus den obigen Zitaten, bzw. aus der Lektüre des Kapital ergeben, bzw. ergeben könnten.

II. Engels als Theoretiker des Entwicklungsgedankens – und Apologet der Staatsmacht

In eine ähnliche Kerbe schlug Engels, als er im Anti-Dühring feststellte, daß die Übernahme der Produktion durch den Staat den Prozeß der Selbstzerstörung beschleunige:

Der moderne Staat, was auch seine Form, ist eine wesentlich kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, der ideelle Gesamtkapitalist. Je mehr Produktivkräfte er in sein Eigentum übernimmt, desto mehr wird er wirklicher Gesamtkapitalist, desto mehr Staatsbürger beutet er aus. Die Arbeiter bleiben Lohnarbeiter, Proletarier. Das Kapitalverhältnis wird nicht aufgehoben, es wird vielmehr auf die Spitze getrieben. Aber auf der Spitze schlägt es um.

Warum eigentlich?

Die gesellschaftlich wirksamen Kräfte wirken ganz wie die Naturkräfte: blindlings, gewaltsam, zerstörend, solange wir sie nicht erkennen und nicht mit ihnen rechnen.

Das tut ja ganz so, als hätten die Vertreter und Verwalter des Kapitalismus überhaupt keinen Einfluß auf die gesellschaftlichen Entwicklungen, sondern wären bloße Marionetten einer vorgezeichneten Gesetzmäßigkeit. Die Handlungen der Politiker, Gesetzgeber, Unternehmer werden hiermit sozusagen vom Tisch gefegt, sie sind bedeutungslos und tun zur Entwicklung des Kapitalismus nichts hinzu.

Haben wir sie aber einmal erkannt, ihre Tätigkeit, ihre Richtungen, ihre Wirkungen begriffen, so hängt es nur von uns ab, sie mehr und mehr unserm Willen zu unterwerfen und vermittelst ihrer unsre Zwecke zu erreichen. Und ganz besonders gilt dies von den heutigen gewaltigen Produktivkräften.

Wer ist „wir“? Hier kennt Engels auf einmal keine Klassen, keine gesellschaftlichen Gegensätze, keine unvereinbaren Interessen, sondern nur ein allgemeinverbindendes „Wir“, das lediglich unter Unwissenheit leidet. Deswegen die ganzen Troubles mit Kapital und Armut!

Solange wir uns hartnäckig weigern, ihre Natur und ihren Charakter zu verstehn – und gegen dieses Verständnis sträubt sich die kapitalistische Produktionsweise und ihre Verteidiger – solange wirken diese Kräfte sich aus trotz uns, gegen uns, solange beherrschen sie uns, wie wir das ausführlich dargestellt haben.

Sehr eigenartig. Woanders, im Kapital hieß es, daß alle Kräfte der Wissenschaft in den Dienst des Kapitals gestellt werden, also irgendeine Art von Wissen und Wollen wohl vorliegt. Die Aufrechterhaltung des Produktionsverhältnisses ist wohl nicht einem „Sträuben“, etwas zu begreifen, geschuldet, sondern dem Interesse, dieses Produktionsverhältnis aufrechtzuerhalten.

Aber einmal in ihrer Natur begriffen, können sie in den Händen der assoziierten Produzenten aus dämonischen Herrschern in willige Diener verwandelt werden.

„Herrschen“ tun also nur „Kräfte“, nicht Personen – diese sind, wie schon öfter angeklungen ist, nur Vollstrecker, Apologeten, Agenten des Kapitals, oder „Charaktermasken“ desselben.

Das alles ist ein falsches Verständnis dessen, wie „Hegel auf die Füße zu stellen“ sei: Der meinte nämlich in Bezug auf wichtige Persönlichkeiten, Herrscher und Feldherren einmal,

„daß die großen Männer das gewollt, was sie getan, und das getan, was sie gewollt haben.

(Hegel, Enzyklopädie I, Die Lehre vom Wesen, § 140, Zusatz)

Wenn aber „wir“ alles begriffen haben, dann gibts kein Halten mehr:

Mit dieser Behandlung der heutigen Produktivkräfte nach ihrer endlich erkannten Natur tritt an die Stelle der gesellschaftlichen Produktionsanarchie eine gesellschaftlich-planmäßige Regelung der Produktion nach den Bedürfnissen der Gesamtheit wie jedes einzelnen …

Aber wie dahin kommen?

Indem die kapitalistische Produktionsweise mehr und mehr die große Mehrzahl der Bevölkerung in Proletarier verwandelt, schafft sie die Macht, die diese Umwälzung, bei Strafe des Untergangs, zu vollziehn genötigt ist. Indem sie mehr und mehr auf Verwandlung der großen, vergesellschafteten Produktionsmittel in Staatseigentum drängt, zeigt sie selbst den Weg an zur Vollziehung dieser Umwälzung. Das Proletariat ergreift die Staatsgewalt“ (so, so) „und verwandelt die Produktionsmittel zunächst in Staatseigentum. Aber damit hebt es sich selbst als Proletariat, damit hebt es alle Klassenunterschiede und Klassengegensätze auf, und damit auch den Staat als Staat.

Die Revolution geschieht sozusagen nebenbei, weil das Proletariat auf einmal zum Subjekt wird, und durch bloße Masse. Das Bewußtsein zu den zu erreichenden Zielen ergibt sich sozusagen von selbst, und ist sehr bestimmt: Der Weg zum Kommunismus führt über den Staat. Warum dieser Weg zu wählen ist, bedarf keines Argumentes. Der Entwicklungsgedanke, so wie er bisher vorgestellt worden ist, erklärt die Staatsmacht zu einer bloßen Hülle der geschichtlichen Kräfte, derer sich jeder für seine Ziele bedienen kann – die Kapitalisten genauso wie das Proletariat. Denn

die bisherige, sich in Klassengegensätzen bewegende Gesellschaft hatte den Staat nötig, das heißt eine Organisation der jedesmaligen ausbeutenden Klasse zur Aufrechterhaltung ihrer äußern Produktionsbedingungen, also namentlich zur gewaltsamen Niederhaltung der ausgebeuteten Klasse in den durch die bestehende Produktionsweise gegebnen Bedingungen der Unterdrückung (Sklaverei, Leibeigenschaft oder Hörigkeit, Lohnarbeit). Der Staat war der offizielle Repräsentant der ganzen Gesellschaft, ihre Zusammenfassung in einer sichtbaren Körperschaft, aber er war dies nur, insofern er der Staat derjenigen Klasse war, welche selbst für ihre Zeit die ganze Gesellschaft vertrat: im Altertum Staat der sklavenhaltenden Staatsbürger, im Mittelalter des Feudaladels, in unsrer Zeit der Bourgeoisie. Indem er endlich tatsächlich Repräsentant der ganzen Gesellschaft wird, macht er sich selbst überflüssig.

Man sieht, wie der Gedanke der Entwicklung zu einer Verharmlosung des staatlichen Gewaltmonopols geführt hat, und wie dieses jetzt für beliebige Ziele „im Namen des Proletariats“ verwendet werden kann. Und dann löst sich alles quasi von selbst:

Sobald es keine Gesellschaftsklasse mehr in der Unterdrückung zu halten gibt, sobald mit der Klassenherrschaft und dem in der bisherigen Anarchie der Produktion begründeten Kampf ums Einzeldasein auch die daraus entspringenden Kollisionen und Exzesse beseitigt sind, gibt es nichts mehr zu reprimieren, das eine besondre Repressionsgewalt, einen Staat, nötig machte. Der erste Akt, worin der Staat wirklich als Repräsentant der ganzen Gesellschaft auftritt – die Besitzergreifung der Produktionsmittel im Namen der Gesellschaft – ist zugleich sein letzter selbständiger Akt als Staat. Das Eingreifen einer Staatsgewalt in gesellschaftliche Verhältnisse wird auf einem Gebiete nach dem andern überflüssig und schläft dann von selbst ein. An die Stelle der Regierung über Personen tritt die Verwaltung von Sachen und die Leitung von Produktionsprozessen. Der Staat wird nicht „abgeschafft“, er stirbt ab.

(Alles Zitate von Engels aus: Anti-Dühring, S. 261-262)

Die Geschichtsteleologie mündet erst darin, die Personen ihres Subjektcharakters zu entkleiden, dann führt sie zur Bestreitung jeglicher eigener Ziele der Staatsgewalt und damit zu deren Verharmlosung als bloß neutrales Gerüst, dessen sich jeder bedienen kann, und schließlich zur Erhebung derselben zu einem Instrument des Proletariats, das zu einem eigenen Subjekt erklärt wird – dem ersten, das in dieser Sichtweise die Bühne der Weltgeschichte betritt.

III. Fortsetzungen

Diese Gedanken von Marx und Engels waren den Sozialdemokraten ein willkommener Anlaß, von revolutionärer Tätigkeit Abstand zu nehmen, sich als Politiker in den Staatsapparat zu integrieren, und die Arbeiterklasse möglichst für den Tag X vorzubereiten, wenn der Kapitalismus zusammenbrechen und das Proletariat unter ihrer Führung auf die fetten Weiden das Kommunismus ziehen würde.

Es ist wahrscheinlich, daß sie andere Motivationen hatten, und überhaupt sehr an Staat und Nation hingen, aber es ließ sich jedenfalls jeder politische Schritt damit rechtfertigen, daß die Entwicklung „noch nicht so weit“ sei.

Die offizielle Stellung der russischen Sozialdemokraten war – im Einklang mit dem 3-Phasenmodell Feudalismus – Kapitalismus – Kommunismus – die längste Zeit die, daß Rußland erst eine Phase der kapitalistischen Akkumulation durchlaufen müsse, daß sie sich daher für eine bürgerliche parlamentarische Demokratie einsetzen müßten, um die Bedingungen für Vergesellschaftung zu schaffen. Deshalb unterstützten sie auch die Februarrevolution, die eine verfassungsgebende Versammlung als Vorbereitung einer bürgerlichen Demokratie einrichten wollte.

Dagegen agitierte Lenin lange, zuletzt mit den Aprilthesen – nicht, indem er den Entwicklungsgedanken verwarf, sondern indem er den Stand der Entwicklung anders bestimmte: die Zeit IST reif.

IV. Diskussion der obigen Texte

Wie verhält sich DIAMAT zu HISTOMAT? Nicht entgegengesetzt, sondern es handelt sich offensichtlich um verschiedene Werkzeugkästen der sozialistischen Weltanschauung. Wenn der eine Schlüssel nicht paßt, sucht man im anderen herum.
Es ist schwer festzustellen, wo der eine aufhört und der andere anfängt.

Er wird im Nachhinein Marx und Engels als Methode der Analyse zugeschrieben. Von ihnen selbst stammt das nicht. Selbst wenn Marx von seiner „dialektischen Methode“ schreibt, so war das eben seine. Es war der Nachwelt vorbehalten, dafür Allgemeingültigkeit zu beanspruchen, es also zu der Methode zu erheben.

Im heutigen China sind Histomat und Diamat derzeit sehr populär zur Rechtfertigung ihres Zickzackkurses: „In Widersprüchen denken“ wird als Allheilmittel gegen offensichtliche gesellschaftliche Widersprüche eingesetzt.
Dieses Instrumentarium wurde auch seinerzeit im Realsoz immer in die Schlacht geworfen, wenn irgendwo ein lästiger Widerspruch auftrat: der wurde nicht, im Unterschied zu Marx oder Hegel, als etwas Aufzulösendes betrachtet, sondern es galt als wissenschaftlich, ihn mit Dialektik-Gefasel stehenzulassen.

Materialistische Geschichtsauffassung heißt: Die Produktionsweise bestimmt das Denken der Menschen, ihre Ideen, und nicht umgekehrt.

Hier wird erstens etwas als eine Ursache für alles – „die Geschichte“ – erklärt, was ja so nicht hinhauen kann. Aber es findet auch zweitens eine Vermischung der Gegenstände statt:
Wenn man die Produktionsweise untersuchen will, so ist das der Gegenstand, will man ein Gedankengebäude oder eine Philosophie, eine Weltanschauung untersuchen, so ist eben das der Gegenstand.

Auf diese Vorstellung beruht auch das Begriffspaar „Basis – Überbau“: Man erklärt alles außer der Produktionsweise zu „Überbau“, und zu etwas Bedingtem.

Als Ergebnis des ganzen kommt heraus: Der einzelne Mensch, aber auch das Kollektiv kann eigentlich in die Geschichte nicht eingreifen.

Frage: Wie ändert sich dann die Produktionsweise, nach dieser Anschauung?
Antwort: Durch das Aufeinanderprallen ihrer inneren Widersprüche! Also selbsttätig.
Daraus ergibt sich einer der Grundwidersprüche des Realsozialismus: Sie meinten, sie seien die Verwalter einer historischen Tendenz, in die sie nicht eingreifen können.
Der menschliche Wille ist in dieser Sichtweise gegenstandslos, er stört eigentlich nur.

Das ganze ist natürlich eine Reaktion auf die bürgerliche Geschichtsschreibung, die nur einzelne Mächtige kennt, deren Wille die Geschichte bestimmt, und Ideen, wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, die die Menschheit bewegen. Die Idee des Motors, des Weltbewegenden wird einfach umgedreht, aus der Triebfeder wird ein Bedingtes, aus der Wirkung wird die eigentliche Ursache.

Der Fehler ist die Frage: was bestimmt die Geschichte? Die wird schon von den Leuten gemacht, nicht von irgendeiner verborgenen Instanz bestimmt.

Aus der Produktionsweise selber läßt sich keine Stellung zu ihr ableiten. Hier kommt übrigens ein anderer Klassiker des Marxismus-Leninismus ins Spiel: Das „Klassenbewußtsein“ – weder läßt sich aus der Stellung des Bürgers, noch aus der des Arbeiters eine Weltanschauung folgern. Daß eine Produktionsweise gewisse Ideen „nahelegt“, mag wohl sein – aber auch hier arbeiten Heere von Apologeten daran, diese Sichtweisen zu verbreiten und warm zu halten. Also auch hier ist jede Menge Geist im Spiel, weil man sich auf die „Naturwüchsigkeit“ des Mitmachens aus guten Gründen nicht verlassen will.

Einwand: Aber es ist doch richtig, nach Prinzipien, Gesetzen zu suchen, die den historischen Ereignissen innewohnen?
Antwort: Es ist vielmehr sehr schädlich, nach solchen Triebkräften zu suchen, die „dahinterstehen“, anstatt sich um die durchaus sichtbaren Interessen zu kümmern, die gerade im Spiel sind. Dergleichen pseudo-wissenschaftliche Suche nach Gesetzen will eben genau diese Interessen nicht zum Gegenstand der Untersuchung machen.

Die Suche nach einer Triebkraft der Geschichte ist der Fehler, und dann ist es gleich, ob man „Geist“, „Materie“, „Produktion“ oder „Gott“ einsetzt. Die Menschen machen die Geschichte, und es ist eigenartig, diesen Umstand mit angeblichen „Triebkräften“ zu bestreiten.

Natürlich hat die Frau Merkel eine andere Entscheidungsgewalt als ein Arbeiter am Fließband bei VW.

Einwand: Aber die Entscheidungen sind doch nicht zufällig.
Antwort: Nein, natürlich nicht, sie sind absichtlich!
Einwand: Aber warum sich jemand für das eine oder andere entscheidet, das ist ja so überhaupt nicht bestimmbar.
Antwort: Eben! Und das stört diejenigen, die so einer Richtung wie dem Histomat anhängen.
Einwand: Aber legen nicht die Verhältnisse ein bestimmtes Denken nahe?
Antwort: In unserem Gesellschaftssystem wird natürlich alles unternommen, damit gewisse Sichtweisen durchgesetzt werden. Aber das sind doch private Unternehmen und staatliche Einrichtungen – Medien, Unterrichtswesen –, die sind sichtbar und nicht „Triebkräfte“. Auch die Konkurrenz ist zwar eingerichtet, und die Menschen müssen sich drin bewähren, aber daraus lassen sich auch verschiedene Schlüsse ziehen, und sie werden auch gezogen.
Die sehr populäre Suche nach Schuldigen z.B. ist eine von oben geförderte Veranstaltung, die sich m.E. keineswegs notwendig aus der Konkurrenz ergibt, aber der Aufrechterhaltung des Systems dient, weil sie die Suche nach Gründen unterbindet.

Einwand: Warum sind so wenig Leute gegen den Kapitalismus? Was sind die Gründe?
Antwort: Das, was sie sich dazu denken!
Einwand: Du sagst also: Die Geschichte ergibt sich aus den Handlngen der Menschen, diese wiederum aus ihrem Denken, und dieses Denken läßt sich nicht begründen?
Antwort: Es läßt sich nicht aus etwas außerhalb dieses Denkens begründen. Um herauszufinden, warum jemand wie denkt, muß man sich mit deren Gedanken befassen! Mit dem Histomat findet eine Art Entmündigung statt. Die Gedanken und Handlungen der Menschen sollen aus etwas außerhalb ihres Willens, ihrer Interessen und Gedanken hergeleitet werden. Sie werden zu bloßen Vollstreckern von Notwendigkeiten erklärt.

V. Die praktische Anwendung des Histomat im Realen Sozialismus

Im Realsozialismus mußte man sich dieser Sichtweise befleißigen, sonst wurde man zum Idealisten erklärt und konnte keine Karriere mehr machen. Mit der Wende wurde allen diesen „Materialisten“ der Teppich unter den Füßen weggezogen. Nämlich beruflich, aber auch ideell. Alle Grundlage ihrer Überzeugung brach zusammen.

Frage: Aber kann das wirklich so eine Bedeutung haben, diese Idee der historischen Tendenz?
Antwort: Also, diverse Parteitage der KPdSU drehten sich praktisch nur um diese Frage, was die derzeitige historische Tendenz sei und wie die Partei darauf zu „reagieren“ habe. Ebenso hatte die Komintern ihre Kaffeesudleser, die anhand scharfsinniger „Analysen“ nachzuweisen versuchten, welche Richtung die Geschichte gerade nimmt, und was die entsprechende Politik sein soll. Viele Leute wurden als „Abweichler“ drangsalisiert und oft auch umgebracht, weil sie die solchermaßen vorgeschriebenen historischen Tendenzen nicht „erkannten“ und anerkannten. Da gabs z.B. den Begriff der „Avantgarde“, der „bewußten Teile der Arbeiterklasse“ bzw. „die Partei“ selbst – die erkennen die jeweiligen Tendenzen und handeln entsprechend, und der Rest der Schafherde folgt dann … Die Verbohrten stellen sich dagegen und müssen dann – leider, leider! – liquidiert werden, im Interesse des „Fortschritts“.

Auch die „Idee des Sozialismus in einem Land“ und der Aufgabe der Unterstützung von Revolutionen anderswo oder der Weltrevolution wurde so begründet: früher oder später bricht das kapitalistische System sowieso zusammen, und dann eilen wir herbei und bauen die neue Welt auf. Darauf warten wir, und halten unser System fit für den Tag X.

Das bestimmte auch die Wirtschaftspolitik, mit der Idee des ewig waltenden „Wertgesetzes“. Die Geschichte der Ökonomie der DDR z.B. ist zu einem guten Teil die Geschichte der Preisreformen: Wie finden wir einen Preis, der dem Wert entspricht?

Oder in der SU: Jetzt, wo wir – entgegen der Tendenz! – die Macht übernommen haben, müssen wir die Kapitalakkumulation „nachholen“ und die SU industrialisieren, die Produktivkräfte entwickeln usw. Durchlaufen von „Phasen“ als eine Unterabteilung des Histomat.

Abteilung Prinzipien: Die Vorstellung, der Mensch sei gut und solidarisch, war zwar eine ideologische Grundlage der SU, hat aber nichts direkt mit dem Histomat zu tun, sondern gehört unter „Menschenbild“ wieder in eine andere Werkzeugkiste.

Gegen die Stellung der „Entwicklung“ und der „Phasen“ gab es im vorrevolutionären Rußland die Stellung der Narodowolzen, die vom Bauerntum direkt zum Kommunismus übergehen wollten, unter den Stichworten „Mir“ und „Obschtschina“.

Einwand: Phasen an und für sich sind ja nicht verkehrt. Man kann doch was in Phasen planen: erst mach ich dies, und wenn das fertig ist, mach ich das.
Antwort: Ja. klar, aber hier gehts doch um Phasen, die man nicht in der Hand hat, sondern die man erst geschehen lassen muß, bevor man eingreift. (Feudalismus –> Kapitalismus = Entwicklung der Produktivkräfte –> Sozialismus/Kommunismus)

Einwand: Die Idee der „Entwicklung der Produktivkräfte“ als Voraussetzung für Kommunismus ist doch nicht verkehrt?
Antwort: Die ist in jeder Richtung verkehrt. Erstens „entwickelt“ das Kapital die Produktion in diejenige Richtung, die Gewinn verspricht, und nicht in diejenige, die den Bedürfnissen der breiten Masse entspricht, die noch dazu nur beschränkt zahlungsfähig ist.
Zweitens findet diese „Entwicklung“ vom Standpunkt des Standorts statt. Das Kapital geht dorthin, wo es sich aus der Produktion, aber auch der Realisation des Mehrwerts was verspricht. Da kann es schon sein, daß ein Land wie Griechenland oder Ungarn oder Bulgarien desindustrialisiert wird, um einen Markt für die entwickelten Kapitale des Westens zu schaffen.
Dieser „Entwicklungs“-Gedanke war sicher bei vielen osteuropäischen Führern maßgeblich in ihren Vorstellungen, sie seien „rückständig“ und müßten sich jetzt durch Hereinholen des westlichen Kapitals „entwickeln“ lassen.

VI. Wissenschaftliche Einwände gegenüber denjenigen Elementen des Histomat, die der bürgerlichen Wissenschaft entlehnt sind

Einer dieser Einwände betrifft das Name-Dropping: Bei den späteren Texten des Histomat, nach seiner Etablierung als Staatsideologie, wird nie etwas argumentiert, sondern nur verwiesen darauf, daß Marx/Engels/Hegel es angeblich gesagt hätten. Mit dem Verweis auf angebliche Autoritäten wurden den Leuten unhaltbare Behauptungen um die Ohren geknallt.

Einwand: Daß damit Staat gemacht wurde, heißt ja noch nicht, daß die Theorie falsch ist – vielleicht wurden nur die falschen Konsequenzen daraus gezogen?
Antwort: Die Theorie ist aber falsch, weil eben eine Entmündigung des Subjektes stattfindet, und bietet Raum für entsprechende Konsequenzen, wie z.B. derjenigen, einen Staat schaffen zu wollen, den auch eine Köchin regieren kann – wo also wie auf Knopfdruck alles von selbst abläuft.

Einige Hinweise darauf, wie falsche und moralische Sichtweisen in die Welt gesetzt werden, anstatt sich um die tatsächliche Welt und was in ihr abrennt, zu kümmern.

Sehr populär sind in der bürgerlichen Wissenschaft Argumentationen mittels absurder Situationen:
Es gibt nur Brot für 5, wir sind aber 8. Was tun?
Wir sind in der Wüste und es gibt nur ein Glas Wasser, wir sind zu viert. Was tun?
(Für all diese Situationen gibt’s ohnehin keine Lösung.)
Wollen – müssen – sollen – wie werden die Modalverben verwendet? Ist Arbeit tatsächlich ein Grundbedürfnis des Menschen?

Unterabteilung: eine Debatte über den Determinismus

Einwand: Die Kritik am Determinismus, daß er entmündigt, erscheint mir verkehrt. Wenn er wirkt, wie ein Naturgesetz, so gilt er auf jeden Fall, wie jedes Naturgesetz. Wie die Gravitation – die wirkt ja auch auf jeden Fall, unabhängig vom Willen.

Antwort: Aber die ist ja ein Naturgesetz. Es geht ja nur um sogenannte Gesetze über Gesellschaft oder Menschen, die nicht gelten, sondern in Form der Behauptung als „wissenschaftliches“ Postulat in die Welt gesetzt werden.
Das ist eben das Verkehrte am Histomat, daß er ein naturgeschichtliches Gesetz für die Gesellschaft behauptet.

Frage: Kann man nicht entscheiden, ob der Mensch determiniert ist oder nicht?
Antwort: Kein Determinismus-Fan kann danach handeln – er ist nicht praktizierbar. Dennoch schmücken sich manche Leute gern damit. Man kann einfach jeden Schritt damit begründen, man habe ja nicht anders können!

Frage: Wenn der Determinismus so gut zum bürgerlichen Konkurrenzsubjekt paßt – wir können ja nicht anders! – warum hat er so gut zum RealSoz gepaßt? Warum haben die diese Ideologie so dankbar weiterentwickelt?
Antwort: Mit dieser Ideologie haben die ihr System erst eingerichtet und dann noch gerechtfertigt!
Frage: Wenn man sagt, die Arbeit bestimmt alles, ist das eine Art Determinismus: Arbeit zu wollen und ohne Arbeit nicht sein zu wollen?
Antwort: Damit werden die Eigenschaften, die dem Menschen zugeschrieben werden, eine Natureigenschaft – eben ein Determinismus. Die Arbeitswut wurde damit dekretiert, aber so, daß sie der Natur des Menschen entspräche. Damit wurde der Arbeittscheue zu einem Verrückten und Schädling.

Frage: Woher das Interesse, gesellschaftliche Prozesse in Form von Naturgesetzen determinieren zu wollen?
Antwort: Das beantwortet sich aus dem Beweiszweck, den die Marxisten-Leninisten hatten: sich selbst als Vollstrecker historischer Notwendigkeiten und deshalb berufene Führer der Arbeiterklasse darzustellen. Mit dem Histomat wurde auf weltanschaulicher Ebene einer der vielen Widersprüche des RealSoz eingerichtet, deswegen auch Säuberungen und Arbeitslager.

Die Umschreibung der Geschichte unter Stalin betrachtete auch die Nation als Determinismus: So wurde der Entwicklungsgedanke der russischen Nation – also, alle müssen daran mitarbeiten, um Rußland groß und stark zu machen! – seit Ivan dem Schrecklichen als Eigenschaft und Anliegen jedes anständigen Russen festgelegt, und wer dem nicht entsprach – ab ins GULAG oder gleich erschießen!

Determinismus ist auch in der Geistesgeschichte populär als Gegenposition zum „Freien Willen“ der Kirche und der Jurisprudenz – Freiheit ist Voraussetzung für Strafe. Also sagen Gegner dieser Art von praktizierter Moral: Der freie Wille ist eine Erfindung!
Dabei entsteht das Prinzip der Strafe aus der Existenz und Unterstützung eines Gewaltmonopols, nicht aus dem Willen selbst. Schuld und Schuldfähigkeit wird aus dem freien Willen argumentiert, hat aber seinen Grund eben in der überlegenen, über dem Einzelnen stehenden Gewalt und der Zustimmung zu ihr.

Frage: Histomat geht nicht ohne Determinismusfrage, oder?
Antwort: So ist es. Aber letztlich ist der Histomat, wenngleich wissenschaftstheoretisch ein toter Hund, nicht sehr weit weg von dem, was heute in der bürgerlichen Wissenschaft als „wissenschaftlich“ etabliert ist.
Das Bekenntnis zu Bekenntnis zu Schulen, Methoden und Sichtweisen als quasi-Eintrittskarte in die Welt der Wissenschaft ist heute das tägliche Brot aller, die studieren oder sich als Lehrender in den Geisteswissenschaften etablieren wollen.

VII. Der Historische Materialismus bzw. einige seiner Elemente als Teil der Geistesgeschichte

Wir schauten in den Wikipedia-Artikel zum Historischen Materialmushttp://de.wikipedia.org/wiki/Histor...hinein:

Da steht einmal ein Zitat aus „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“ (Marx’ „Prolegomena“, die er dem Kapital vorausschickte) über den „progressiven“ Charakter gewisser Gesellschaftsformen:

…die im Schoß der bürgerlichen Gesellschaft sich entwickelnden Produktivkräfte schaffen zugleich die materiellen Bedingungen zur Lösung dieses Antagonismus. Mit dieser Gesellschaftsformation schließt daher die Vorgeschichte der menschlichen Gesellschaft ab.

Was ist mit „progressiv“ gemeint? Nur das Sich-Weiterentwickeln, also im Unterschied zu „statisch“? Oder mit Antagonismen behaftet und deswegen den Keim von Veränderung in sich tragend? Dann wäre die kapitalistische tatsächlich die letzte Gesellschaftsform vor dem Kommunismus, in dem alle Gegensätze aufgehoben sind? Zumindest alle, die sich zur „Sprengung“ der alten Gesellschaft weiterentwickeln müssen? Hier deutet sich schon wieder ein Gummiparagraph an. Man kann alles als „progressiv“ oder „reaktionär“ deuten, je nach „Einschätzung“ zu den Tendenzen, die jeweils aktuell als „Generallinie“ festgelegt worden sind.

Wenn aber dann künstlich neue Gegensätze geschaffen werden (z.B. Wertgesetz), so kann man das dann auf die Menschennatur schieben, und versuchen, das p.t. Publikum zum „neuen Menschen“ umzuerziehen.
Bei diesem schwierigen Übergang von Gegensatz zu Nicht-Gegensatz wird die Übergangsgesellschaft eingeschoben, als eine Art Mistkübel, in dem man alle Widersprüche und dummen Theorien aufbewahren kann, weil man ist einfach noch nicht soweit.

Woher kommt immer wieder der Hinweis auf die Urgesellschaft? Das war Engels‘ Steckenpferd, und ein wichtiges Element in der Theorie des Fortschritts – im Vergleich zur Urgesellschaft: wie weit sind wir gekommen! Eisenbahn, Waschmaschine, Michelangelo usw.
Andererseits: Urkommunismus! Also, im Keim war die „natürliche“ Lebensform des Menschen bereits da.

Frage: Stimmt das eigentlich, was da über die Urgesellschaft steht?
Antwort: Keine Ahnung. Aber es kann ja wohl nicht der Witz sein, daß man die Urgesellschaft studieren muß, wenn man sich über den Kapitalismus informieren will.

„Fortschritt“ wird über die Produktion so definiert: erst war bloßes Überleben – dann kommt es zur Erzeugung von Mehrprodukt – und dadurch irgendwann zu Kommunismus, Überfluß, Muße. Die Idee ist die: erst wurde Herrschaft, Gewalt aus Mangel geboren. Warum eigentlich? Aus Mangel ergibt sich doch nicht notwendig eine feudale Gesellschaft, Leibeigenschaft usw. Woanders, außerhalb Europas wurde damit anders umgegangen. Die europäische Geschichte wird hier zur Menschheitsgeschichte umfabuliert, und daraus eine „Entwicklung“ zusammengeschustert.
Die Herleitung der Klassengesellschaft aus den (biblischen) Getreidespeichern erscheint doch etwas gewagt. Das scheint dem Engels sein Schmarrn zu sein.

Die ganze „Urgesellschaft“, so wie Engels sie konstruiert, ist nur unter der Idee des Entwicklungsgedankens interessant. Sie wird zum Punkt A erklärt, der Kommunismus zum Punkt B, und dann wird eine Entwicklung zusammengebastelt, die von A nach B führt.
Dabei wird die solchermaßen aufbereitete europäische „Entwicklung“ als Maßstab genommen, und andere Entwicklungen anderswo aus unterschiedlichen „Bedingungen“ erklärt, die da waren oder nicht da waren.
So kann man auch jede nicht in den Entwicklungsgedanken passenden Ereignisse oder Fakten zur Ausnahme erklären und sich langmächtig darüber ergehen, warum hier in der Entwicklung A –> B ein Wellental eingetreten ist.
In diese Ecke gehört auch die vor allem von Wittfogel betriebene Debatte um asiatische Produktionsweise: Da wird nicht der Entwicklungsgedanke selbst kritisiert, sondern mit uni- oder polilinear wieder weitere Gummiparagraphen eingeführt, mit denen man den Gedanken an sich retten, aber den theoretischen Gegner kleinmachen kann, mit der Behauptung, er „vereinfache“.

Ein klassischer Satz für den ganzen Histomat-Schmarrn, den Marx selbst in dieser Form gar nicht beabsichtigte:

Die Gesamtheit dieser Produktionsverhältnisse bildet die ökonomische Struktur der Gesellschaft, die reale Basis, worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher bestimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen.

(Marx, Vorwort von „Zur Kritik der Politischen Ökonomie“, MEW 13, S 8)

Der Staat, das Kreditwesen, das Bewußtsein – alles nur ein Ergebnis des Austausches der Waren und der Produktion für Gewinn?!

„Das Sein bestimmt das Bewußtsein“ nicht einmal in dem Sinne, daß es sein Gegenstand ist. Jede Menge esoterisches Zeug sind doch Zeugnis dafür, wie sich der Geist von der Wirklichkeit emanzipieren kann … Auch alle möglichen Verrücktheiten gehören dazu.
„Positiv denken!“ ist z.B. eine typische Anleitung dafür, wie man angeblich das Sein durch das Bewußtsein bestimmen kann.

Der Überbau wächst übrigens in allen darauf Bezug nehmenden Schriften von Marx und Engels ungefähr genauso geheimnisvoll aus der Basis heraus, wie sich der Heilige Geist von oben herabsenkt. Es wird auf bestimmte Produktionsverhältnisse hingewiesen, und auf daneben existierende andere Erscheinungen, und daraus eine Bedingtheit konstruiert.
Besonders absurd ist dieses Bild mit Bezug auf den Staat, der ja (Manufakturperiode ff.) gewisse Produktionsverhältnisse erst durchsetzt. Er lauft also keineswegs mit heraushängender Zunge den Produktionsverhältnissen nach, um dann immer wieder einen passenden juristischen Überbau hinzustellen.

Frage: Kann man das so verstehen: Wenn du im Kapitalismus und in einer parlamentarischen Demokratie lebst, so mußt du denken, daß Wählen notwendig und richtig ist?
Antwort: Ist das so? Also ich denke nicht so – daher kann es keine Notwendigkeit dieser Art geben.

Das Wikipedia-Blabla, daß man auch andere Erklärungen zulassen kann, so auch Max Weber, ist wieder so ein Versuch, den verkehrten Gedanken zu retten, indem man sagt, man kann auch „andere Erklärungsansätze“ zulassen … Entweder eine Erklärung ist richtig, oder sie ist falsch.

Gerade eine Epoche sozialer Umwälzung kann man nicht beurteilen nach dem Bewusstsein bzw. der Ideologie, das sie selbst von sich hat.

(Hier macht Wikipedia eine Umformulierung des Satzes von Marx aus dem Vorwort zur „Kritik der politischen Ökonomie“, MEW Bd. 13, S. 9, wo der Satz lautet:

Sowenig man das, was ein Individuum ist, nach dem beurteilt, was es sich selbst dünkt, ebensowenig kann man eine solche Umwälzungsepoche aus ihrem Bewußtsein beurteilen …)

Natürlich nicht. Aber das ist ja kein Beweis dessen, daß das Sein das Bewußtsein bestimmt, sondern zeigt nur, daß es in jeder Epoche auch falsche Erklärungen gibt, bzw. manche Leute ihren Geist in den Dienst einer Macht oder Klasse oder Nation stellen, anstatt sich um die korrekte Erklärung der Wirklichkeit zu bemühen.

Luthers Wirken, oder die Kreuzzüge – wie hat das mit den Produktionsbedingungen zu tun? Um diese Gedanken und Ereignisse zu erklären, nützt der Verweis auf die Produktionsbedingungen wenig – aus denen lassen sich religiöse Überzeugungen nicht herleiten. Da muß man schon nachschauen, um was es beim Glauben eigentlich geht.

Man sieht, in was für Scheißhausdebatten man hineinkommt, wenn man immer eine Sache aus was anderem herleiten und ein allgemeines, allem zugrundeliegendes Prinzip finden will.

Es ist übrigens gegenüber einer teleologischen Geschichtsbetrachtung auch keine gute Idee, dauernd zu fragen, wie es anders hätte laufen können und ex post über mögliche Alternativen zu räsonieren – so kommt man ja genauso wenig drauf, was jetzt eigentlich los war.

Dieses ganze Basis- und Produktions-Gefasel ist bloß die Umkehr der bürgerlichen Geschichtsschreibung, die alles von großen Männern und Ideen ableitet, und um nichts richtiger.

Die Produktion oder die Ökonomie muß man sich anschauen, wenn man die erklären will, und die Theorien muß man untersuchen, wenn man sich zu denen eine Meinung bilden will. Aber mit dieser Bedingung-Bedingtes-Logik wird ständig ein Gegenstandswechsel vollzogen und keines von beiden richtig und erschöpfend abgehandelt.

Dann kann man in dieser verkehrten Wissenschaftsauffassung noch einen Eiertanz um „im Prinzip richtig“, aber „es gibt Ausnahmen“ aufführen. Damit kann man natürlich jeden Unsinn retten. Das ist auch mit „abschwächen“ nicht rettbar, weil so eine deterministische „Theorie“ kann man nicht „abschwächen“. Entweder – oder!

Ursache-Wirkungs-Verhältnisse sind in den Geisteswissenschaften immer problematisch. Aber die Sehnsucht, solche theoretisch herzustellen, ist groß. Z.B.: warum wird jemand gewählt?!
Dieses Interesse ist aber sehr praktisch, man möchte einen solchen Determinismus herstellen. Jede Partei wüßte gerne: auf welchen Knopf muß ich drücken, um gewählt zu werden? Auch deswegen sind solche Determinismus-„Theorien“ in der Demokratie populär. Sie speisen sich aus dem Ideal, einen solchen Determinismus herzustellen, die Wähler auf die eigene Partei zu verpflichten. Deswegen lassen die Parteien auch einiges springen, um via Werbung auf so vermeintliche Determinismus-Knöpfe zu drücken.

Man kann natürlich bei Theorien feststellen, welchen Interessen sie dienen, aber das ist etwas anderes, als zu sagen, sie wären durch die Verhältnisse „bedingt“.

Wahlanalysen sind ja aus dem genannten Manipulationsinteresse so interessant, verraten aber nichts Gutes über den Geisteszustand der Wähler. Man erhält ja auch nicht einfach „Informationen“ von den wahlwerbenden Parteien, sondern Werbung für Staat & Kapital, und dafür, daß sie deren Interessen am besten wahrnehmen würden. „Manipulation!“ wird immer beim Gegner dingfest gemacht, wenn man meint, sie wäre ihm besser gelungen.

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