Amelie Lanier, Nachtrag: Histomat
 
2014

Der Historische Materialismus

Die Methodenlehre des Marxismus

Intellektuelle Eitelkeit, Bequemlichkeit und Machtansprüche als Paten des universellen Erklärungsanspruches, der „wissenschaftlichen Weltanschauung“.

Der historische und dialektische Materialismus bedient einerseits das aus der Philosophiegeschichte hinlängliche bekannte Bedürfnis nach dem Kriterium der Wahrheit, als einer sicheren Handlungsanleitung, oder einer Art Maschine, wo man oben Fakten hineinfüllt und unten kommen die richtigen Erklärungen heraus.
Vom Standpunkt der Wissenschaft aus – eben derjenigen Tätigkeit des Geistes ist, die sich um Erklärungen der gesellschaftlichen, natürlichen oder sonstwas Dinge und Ereignisse bemüht, – ist klar, daß es ein solches Kriterium, einen solchen Apparat nicht geben kann. Nachdenken muß man schon, wenn man auf etwas draufkommen will.

Der historische und dialektische Materialismus bedient darüber hinaus das verkehrte intellektuelle Bedürfnis nach einer Art geschlossenen Systems, mit dem sich alles gscheit zerreden läßt und wo einem kein Kollege was ins Zeug flicken kann. Wenn alle Irrtümer schon von vornherein als „bedingt“ oder „zeitgemäß“ interpretiert werden können, so kann einem nie jemand einen Fehler nachweisen. Der solchermaßen ausgestattete Wissenschaftler kann sein Fähnchen nach jedem Wind drehen und sich immer darauf berufen, daß eben die Umstände jetzt eine ganz andere, der vorherigen entgegengesetzte Stellungnahme erfordern.

Drittens aber bedurfte die Sowjetmacht einer universellen Rechtfertigungslehre, mit der alle ihre Schritte und Schwenke dem Fußvolk als wissenschaftlich begründet und deswegen unumgänglich notwendig präsentiert werden konnten. Eine Methode oder Weltanschauung, die sich auf alle Sphären der Gesellschaft oder der Natur anwenden ließ, um sich beide auch theoretisch untertan zu machen.

Argumentiert wurde diese gummiartig dehnbare Universal-Sichtweise einerseits zirkulär – die Natur / die Gesellschaft sei so beschaffen, daß sie nur mit dieser Methode erkannt werden könne, die Methode wurde entwickelt, um endlich die Natur und Gesellschaft angemessen erkennen zu können. Zusätzlich wurde, um alle Zweifel auszuräumen, die Ahnengalerie geöffnet und Marx, Engels und Lenin als Wegbereiter dieser Krönung der Geistesgeschichte und Kronzeugen der Richtigkeit des Diamat und Histomat aufgeführt.

Es gibt natürlich bei den Größen des Marxismus-Leninismus Tendenzen in die Richtung, aber zu einer richtigen Ausarbeitung dieser Denkvorschrift – um nicht mehr und nicht weniger handelt es sich dabei – kam es unter Stalin, als Staatsideologie der Sowjetunion.

In dieser Frage unterscheidet er sich übrigens nicht von seinem großen Gegenspieler Trotzkij, der ebenfalls Wert auf eine solche universelle Methode legte.

Die Entstehungsgeschichte des Diamat und Histomat zieht sich vom Kapital und Engels’ „Anti-Dühring“ und „Dialektik der Natur“ über Lenins Schriften, vor allem „Materialismus und Empirokritizismus“ bis hin zu dem von Stalin verfaßten oder gutgeheißenen Schrift „Über dialektischen und historischen Materialismus“ im für die sowjetische Ideologiegeschichte sehr grundlegenden Werk „Geschichte der KPdSU, kurzer Lehrgang“ aus dem Jahre 1938. Die Entwicklung dieser Heilslehre hängt auch zusammen mit der „Wiederentdeckung“ und Veröffentlichung der „Deutschen Ideologie“ in Teilauszügen in Deutschland 1904, in der SU 1926, und schließlich vollständig 1932. Der Leiter des Moskauer „Instituts für Marxismus-Leninismus“, David Rjasanov, wurde 1931, also noch vor der Veröffentlich der Deutschen Ideologie und der ebenfalls von ihm redigierten Frühschriften Marx’ aus der Leitung des Instituts entfernt und 1938 sehr schnell aus dem Weg geräumt, um die Neuinterpretation der maxistisch-leninistischen Wissenschaftstheorie nicht zu stören.
Eine Kritik der „Deutschen Ideologie“ findet sich übrigens hier.

Das ist nur die Zusammenfassung des ausführlichen Brainstormings, das wir als Abschluß unserer Kapital-Lektüre und aus Anlaß verschiedener geschichtsteleologischer Aussagen im 24. Kapitel durchgeführt haben. Wer sich für die gesamte Debatte interessiert, bitte weiterlesen!

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