Weg und Ziel, Heft 1/1997
März
1997

Der unsichtbare Gott

Anmerkung zu den Artikeln von Andreas Rasp und Helmut Rizy in »Weg und Ziel« 5/1996

Oft ist das Interessanteste an einem Text das, wovon er schweigt. So sind die Bemerkungen von Andreas Rasp zum ‚Menschen‘ und zu verwandten Spukgestalten ein gutes Beispiel für die heimliche Anwesenheit des Staates in einem Text — im Gegensatz zu Hegel, der den Staat geradezu wie ein Exhibitionist zur Schau stellt und den Rasp nicht mag. Der Autor hingegen setzt der Spukgestalt des Allgemeinmenschlichen das real existierende Allgemeinösterreichische entgegen. Doch dieses bleibt wie von einem Feigenblatt verdeckt.

Polemisiert wird nämlich gegen die wichtige theoretische Arbeit von Franz Schandl, der offenkundig zu jenen gezählt Wird, die den Arbeitern im Namen des Allgemeinmenschlichen „Borniertheit“ vorwerfen und sie nicht „lieben“ (S. 14). Ich weiß nicht, wie es um die Gefühle Schandls für die Proletarier steht. Ich denke aber, er versteht gut, daß sie ihre Interessen vertreten wollen. Nur vermeidet er nicht, die Begrenztheit dieser Vetretung hervorzuheben — und das mit Recht. Doch Rasp will von Grenzen nichts wissen — denn die österreichischen Grenzen sind die Grenzen seiner Welt.

Die große Masse der Arbeiter und der zersphtterten Individuen, „die dennoch kollektive Interessen haben“, können — so Rasp — ihre Interessen „nur über eine vermittelnde Instanz, eben die Politik, ausdrücken und verfechten.“ (S. 14) Wer den Staat verinnerlicht hat, blendet automatisch aus, daß die politische Instanz „soziale Errungenschaften“ (S. 14) immer nur in der Form von Ausgrenzung gewährt. Sich an sie zu wenden, schließt demnach notwendig eine Borniertheit ein: nämlich die Borniertheit, um den Reichtum innerhalb eines Staates zu streiten und die, die außerhalb sind, davon abzuhalten. Dieser Borniertheit sollte man sich zumindest bewußt sein, wenn man seine Interessen oder die der Arbeiter politisch oder gewerkschaftlich vertritt. Andernfalls ist man schon ein Bündnispartner des Nationalismus.

In anderer Weise bemerkenswert, wovon Helmut Rizys Text über Abrahams Kindeskinder schweigt. Hier wird das Verhältnis von Judentum und Islam vom 2.
Jahrtausend v.u.Z bis zur unmittelbaren Gegenwart der israelisch-palästinensischen Konflikte dargestellt — und vom Christentum fast ganz, vom nationalsozialistischen Massenmord an den Juden ganz geschwiegen als gehörten der christliche Antisemitismus und die nationalsozialistische Politik nicht zu den Bedingungen der heutigen Situation. Dem Autor scheint es wichtiger, darauf hinzuweisen, daß „die Hebräer“ im 2. Jahrtausend v.u.Z. „im Zuge ihrer Eroberung die Urbevölkerung des Landes erbarmungslos ausrotteten“; ihr Gott Jahwe habe ihnen diesen „blutigen Eroberungszug“ geboten (S. 29).

Es ist unklar, aus welchen Quellen hier geschöpft wird. Jedenfalls handelte es sich bei der ‚Landnahme‘ um einen kriegerischen Vorgang, der sich nahezu überall auf der Welt zwischen Nomaden und Seßhaften abspielte und teilweise noch immer abspielt; „erbarmunglos ausgerottet“ — das heißt gewaltsam umgebracht wurden dabei viele — daran besteht kein Zweifel; es sollte indes nicht verschwiegen werden, daß es ebenso zu einer Vermischung der nomadischen Hebräer mit den ansässigen Kanaanäern kam.

Will der Autor mit seinen Ausblendungen eine Kontinuität des Judentums nahelegen, die vom 2. Jahrtausend bis zu jener Äußerung reicht, die vom Vater des Mosche Dayan zitiert wird (S. 33) — worin die Araber mit „Moskitos, Insekten und wilden Tieren“ verglichen werden?

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