FORVM, No. 423/424
März
1989

Die Wissens-Schlächter: Freud, Galilei und die Tyrannei der Wahrheit

Ein Philosoph aus Pittsburg, Adolf Grünbaum, bearbeitet die „Grundlagen der Psychoanalyse“ mit dem Sezierrnesser. Paul Feyerabends neues Buch, mit dem plakativen Titel „Farewell to Reason“, ruft hingegen den Philosophen zu: Hände weg vom Seziermesser!

I.

Feyerabends jüngstes Buch — „Farewell to Reason“ — hat ein Register mit rund 450 Namen. Sie reichen von Aischylos bis zum Quantenphysiker Zurek. Angelsachsen werden am häufigsten genannt, den zweiten Platz halten Mitteleuropäer (darunter Hitler, Kokoschka, Kardinal König, Nestroy). Die antiken Klassiker folgen. Ein paar Franzosen sind auch dabei, wenige Italiener (natürlich Galilei!), ein Mongole (Dschingis Khan), ein Chinese (Lao Tse), der altpersische Großkönig Kambyses sowie die Russen Tolstoj, Pawlow und Lysenko.

Im Blickfeld des Westmenschens sieht so die Erde aus: den Großteil der Kugel bedecken Länder englischer Sprache, nicht zu übersehen sind die Hartwährungsländer in der Mitte Europas. Hellas erscheint zeitlos schön, der exotische Rest liegt im Schatten.

Ist das nicht blamabel? Was darf man von Feyerabends Aufruf zum Relativismus halten, von seinem Einspruch gegen eine rationalistische Weltkultur? Für eine unüberschaubare Vielfalt menschlicher Lebensformen und Traditionen schwärmend, die wir in ihrer Eigenart und sogar Unvernunft zu respektieren haben, trottet der Philosoph weiterhin im engen Kreis abendländischer Überlieferung, mit Rockmusik, Computerkunst und Quarks auf den letzten Stand gebracht.

Voodoo, eine Dritte-Welt-Region, die mit ihrer Willkür zum „anything goes“ nicht übel paßt, fehlt in diesem Buch, welches uns doch von den Übeln der Vernunftideologie heilen will. Die chinesische Akupunktur, die Barfußärzte und die großen Sprüche des Großen Vorsitzenden hatte der methodologische Anarchist in den siebziger Jahren empfohlen; Professor Paul Feyerabend findet seit dem Absturz der Viererbande kein Wort mehr für die Experimente der maoistischen Kulturrevolution.

Freilich, dank meisterhafter Rhetorik könnte sich der Meister-Relativist auch aus dieser Schlinge ziehen. Eventuell so:

Ja, ich bin Relativist, Pluralist, Anarchist, Dadaist sowie Anti-Dadaist. Nebenbei auch Opportunist. Ich fälle keine Werturteile über Gesellschaften, Erkenntnistheorien oder Weltbilder. Aber ich sehe die Welt natürlich relativ, von meiner eigenen Tradition aus, der eines österreichisch-kalifornisch-schweizerischen Philosophielehrers. Voodoo habe ich in meinem Bestseller ‚Wider den Methodenzwang‘ kurz gestreift. Ich mische mich nicht ein, wenn sich China zum westlichen Weg bekehrt. Ob wir für Aids medizinisches High Tech brauchen? Ich bin weder Schamane noch Molekularbiologe und schon gar nicht vatikanischer Moraltheologe. Ich kenne mich in Astronomie und bei den Quantensprüchen aus.

Diese erfundene Apologie würde so schließen:

Relativismus (oder Pluralismus etc.) ist kein Standpunkt. Für mich zählt, daß es immer eine Menge anderer sinnvoller Standpunkte (oder Methoden etc.) gibt. Ich verabschiede mich von der reinen Vernunft.

Gleichgültigkeit und Resignation begleiten jeden Relativismus. Wozu Angriff und Verteidigung, wenn beides „relativ“ ist? Den Abschied von der Vernunft stellt sich Feyerabend aber leidenschaftlich vor. Durchaus vernünftig ist sein Wunsch, extreme Vielfalt zu erhalten und geistige Inzucht zu vermeiden. Sein „Relativismus“ wirkt kämpferisch und hat einen politischen Hintergrund: ihn bekümmert die weltweite Ausdehnung der westlichen Monokultur Wissenschaft, die Vernichtung älterer und leistungsfähiger Traditionen. Die moderne Gefahr heißt: Modernisierung. Wäre Feyerabend Hegelianer, müßte er sagen: Wenn der Gegensatz (die Negation) verschwindet, dann droht das Ende.

Wie wäre es mit Bluff, Vorurteilen und Hochstapelei? Ohne menschliche Triebe hätte es nie eine mathematische Physik und keine „Verifikation“ des Kopernikanischen Systems gegeben. Im Buch „Wider den Methodenzwang“ ist ausführlich geschildert worden, daß Galileis Leistung auf der Rücksichtslosigkeit des Pioniers basierte, sich über Bedenken hinwegzusetzen, Einwände zu ignorieren und lästige Tatsachen zu leugnen.

Was die Wissenschaftstheoretiker „a priori“ versprechen, ist ein Denken, das sowohl „richtig“ als auch „erfolgreich“ arbeitet. Fortschritte macht die Forschung, indem sie ihre Schritte fortwährend prüft. Feyerabends „anything goes“ setzt genau hier ein. Gründlich bezweifelt er, ob Erkenntnisgewinn mit methodischer Sauberkeit vereinbar ist.

Poppers Steckenpferd, die Falsifikation, kommt aus der banalen Erfahrung, daß man sich eine Vorstellung macht, die dann bitter enttäuscht wird. Also heißt es: aus Enttäuschungen lernen („trial and error“). Genauso gibt es jedoch die Erfahrung, daß sich eine Idee bewährt, nachdem sie hundertmal widerlegt worden ist. Unbelehrbar sein, das bringt etwas. Feyerabend verweist auf die Geschichte der Atomistik. Eine maximale Anzahl von Erfahrungen, Methoden, Dogmen und Interessen: daraus entsteht ein „nicht-triviales“ Wissen. Die reine Vernunft ist eine Einbahnstraße, die sich als Sackgasse erweist.

„Farewell to Reason“ plädiert für regionales Wissen. Gemeint sind Erkenntnisse, die keine allgemeine Zustimmung verlangen, weil sie örtlich und zeitlich beschränkt sind, begrenzt auf Teilhaber einer bestimmten Tradition und abhängig von der „Region“ ihres Gegenstands. Einheitswissenschaft — von Comte bis Popper die Parole — stellt aus Feyerabends Sicht ein Phantom und ein Monstrum dar. Erkenntnisse (ebenso wie Irrtümer) lassen sich nicht über einen Leisten schlagen; von „Wirklichkeit“ und „Wahrheit“ ist im Plural zu sprechen, daher gibt es auch unzählbar viele Arten, etwas zu wissen.

Folglich wechseln die Maßstäbe, um Wahrheit und Irrtum zu unterscheiden. Das Bild eines stetigen Fortschritts, einer Addition von Annäherungen an die Wahrheit — für Feyerabend ein schreckliches Klischee, eine „Trivialisierung des Wissens“, wie er das Kapitel über Sir Karl Popper in „Farewell to Reason“ höhnisch überschreibt. Der Wahrheit „nähert“ man sich nicht „an“ wie einer Sache, die man „näher“ in Augenschein nimmt. So denken nur kurzsichtige Philosophen. Von der wissenschaftlichen Praxis, wo Unvernunft oft schöpferischer ist als die Vernunft, habe die Wissenschaftstheorie keine Ahnung.

Wo Logik, Systematik und Methode herrschen, da werden heimtückisch die Vorzüge der Mythologie, des Common Sense und sogar der Hollywood-Filme gelobt. Im Kapitel über den Vorsokratiker Xenophanes, das zweite Feindbild neben Popper, rechnet Feyerabend mit den schrecklichen Vereinfachungen der Rationalisten ab, er nimmt Partei für eine unüberschaubare Sinnenwelt, praktische Lebenserfahrung und die vermenschlichten Götter auf dem Olymp. Soweit es den Relativismus betrifft, wandelt Feyerabend auf den Spuren von Pasolinis „Ketzererfahrungen“ („Empirismo eretico“, das Buch von 1972).

Gegen den Empirismus zitiert er jedoch die Ansicht Ernst Machs, eine wissenschaftliche Theorie entstehe aus dem Instinkt des Forschers — und nicht aus der Zusammenfassung von Beobachtungen („Mach’s Theory of Research and its Relation to Einstein“).

Dem Leser wird das Hexeneinmaleins beigebracht. Einerseits Begeisterung für den „Renaissancegeist“ der Kernforschungszentren, andererseits Warnungen vor dem Wissenschaftsbetrieb, wo Wissen außer Macht auch Geld bedeutet. Bedingungslos ist der Haß auf die „Ratiofaschisten“, Hohepriester am Altar der Göttin Vernunft, die Anspruch darauf erheben, unser Denken zu kontrollieren und unsere Sinne zu enteignen. Aber: Um die Ungereimtheiten zwischen allgemeiner Quantentheorie und allgemeiner Relativitätstheorie anzuprangern, ist die Logik gut genug.

Konsequent praktiziert der Inkonsequente seine berühmte Grundregel aus dem „Methodenzwang“-Buch: „Es gibt keine Regel, die unter allen Umständen gültig bleibt, und keine einzige Instanz, auf die man sich immer berufen kann.“ Auch kritisches Denken ist nicht immer das Wahre. Schade, daß die Gedankengänge „Farewell to Reason“ so selten den Kampfplatz polemischer Auseinandersetzungen verlassen.

Der Autor macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. „Mir stinkts“ möchte er sagen. Gegen Sir Karl führt er eine persönliche Kampagne; Feyerabend gräbt alte Geschichten aus gemeinsamen Jahren mit Popper aus, er bewältigt die Vergangenheit der „kritischen Rationalisten“, von denen er einst als Talent ihrer Schule gefeiert worden ist.

Im bundesdeutschen Positivismusstreit hatte Hans Albert 1965 eine Arbeit des jungen Feyerabend in einer Fußnote erwähnt und für sich in Anspruch genommen: „Es ist interessant, daß Feyerabend, der die Poppersche Konzeption vertritt, hier mit seinen Argumenten gerade den radikalen Empirismus treffen will, dem Habermas in dieser Beziehung wohl näher steht.“ Aus heutiger Sicht ist es natürlich keine Frage mehr, wer wem da näher steht. Für die Floskel „der die Poppersche Konzeption vertritt“ sind die Popperianer unterdessen hart bestraft worden. Aus Poppers Munde zitiert Feyerabend die Bemerkung, Paul sei leider „gegensuggestiv“ ...

Nicht weniges im jetzigen „Relativismus“ und „Pluralismus“ erinnert an die Dialektik von Jürgen Habermas im Disput mit Hans Albert. Den Habermas von „Erkenntnis und Interesse“ kommentiert eine Stelle aus „Farewell to Reason“ (p. 139): „Wie können die Handlungen von Menschen, die sich selbst als Herren der Natur und Gesellschaft gesehen haben, und deren Leistungen jetzt beides zerstörerisch bedrohen, mit dem Rest der Welt wieder integriert werden?“ Wovon Feyerabend nun „Abschied“ nimmt, ähnelt der instrumentellen „Vernunft“ Horkheimers.

Eine breite Spur zieht „anything goes“ in der angelsächsischen Philosophie. Neuerdings verzichtete man leichten Herzens auf „Übereinstimmung mit der Realität“ — das Wahrheitskriterium — und gesteht sogar ein, daß Erkenntnistheorien dem wissenschaftlichen Fortschritt ideologische Hilfsdienste leisten. Kant, Bertrand Russell und Carnap werden als Propagandisten entlarvt. Werfen wir das Zeug über Bord, rufen die Urenkel des logischen Positivismus. Die Zeiten sind vorbei, da man auf „Wahrheit“, „Wirklichkeit“ und derlei Pathetik angewiesen war, die seinerzeitigen Waffen im Streit mit Kirche und Metaphysik. Jetzt läuft unser Wissenschaftsbetrieb bestens auch ohne solche Imponierwörter; das Wissen der Wissenschaft methodologisch zu begründen, ist überflüssig geworden.

So liest man es bei Richard Rorty, in seinem Buch „Der Spiegel der Natur“ (erstmals 1979 in Princeton erschienen). Ein elegantes Manöver: Der radikalen Skepsis nimmt Rorty den Wind aus den Segeln, indem er die Ansprüche der reinen Vernunft im Museum deponiert. Im übrigen bleibt alles beim alten. Galilei mag falsch argumentiert haben: richtig war der Erfolg.

Opportunismus, gewiß! Nur, Feyerabends Sache ist eine andere. Er greift die Logik der Forschung an, um ihren Imperialismus ins Herz zu treffen. „Notes on Relativism“, das 1. Kapitel von „Farewell to Reason“, befaßt sich mit dem Nebeneinander eigenständiger Kulturen und der Frage, wie sie voneinander profitieren und vor der westlichen Dampfwalze gerettet werden können. Rorty hingegen wähnt unbekümmert, wir bräuchten keine Gründe mehr für (oder gegen) die Wissenschaft, weil wir ihren Endsieg in der Tasche haben. „Realer Szientivismus“, analog zum Schlagwort der Ära Breschnew. Hinterlistig fädelt Rorty eine Kabale ein, um der neopositivistischen Theorie-Sprache Vorteile zu erschleichen.

Ein wenig Science-Fiction im „Spiegel der Natur“: Bewohner eines fernen Sterns in der Galaxis haben und kennen keine Gefühlsausdrücke, innere Zustände beschreiben sie im Vokabular der Neurologie. Anstatt „Ich habe Schmerzen“ konstatieren sie nüchtern „Meine C-Fasern feuern“. Wir Irdischen fällen über Schmerz & Lust private Urteile, die niemand überprüfen kann. Die Galaktiker, in Neurologie und Biochemie uns sternenweit voraus, drücken sich zwanglos in der Nervensprache aus, womit die Gefühle empirischer Kontrolle unterliegen.

Absurd ist das Gedankenexperiment, weil Rorty den Galaktikern außer einer weit überlegenen Neurologie anscheinend auch eine unwahrscheinliche Selbstwahrnehmung im Körper zutraut; die Sternenmenschen spüren ja die Faser — nicht den Schmerz.

Auf Erden kennt man die Nervensprache bisher nur aus Daniel Paul Schrebers „Denkwürdigkeiten eines Nervenkranken“. Rortys galaktisches Phantasieren malt keineswegs eine Vision, die unser Bewußtsein erweitert. Er möchte eher das Bewußtsein degradieren. Der Ausflug in die Hirnmythologie soll mithelfen, einen Stolperstein auf dem Marsch zur Einheitswissenschaft zu überspringen. Als irrationales Zwitterding erscheint die psychische Realität: sie in objektive Daten aufzulösen, wäre logisch und schön.

Ein Lehrstück also über den Machthunger der instrumentellen Vernunft. Angenommen, irgendwann würde in der Praxis das Gedankenexperiment tatsächlich funktionieren — die universalen Naturgesetze wären um ein Stück Realität „universaler“ geworden, jedoch mit dem Endergebnis des „gläsernen Menschen“. Der totale Rationalismus: Eigendiagnosen hätten Gefühle ersetzt, die dann öffentlich gemessen werden können. Hinter dieser Methode steckt Manipulation, nicht Erkenntnis.

Wie Feyerabend sagt (p. 239): Wissenschafter können sehr weit kommen, indem sie sehr wenig denken.

II.

„Eine philosophische Kritik“ ist der Untertitel von Adolf Grünbaums Buch „Die Grundlagen der Psychoanalyse“, einer scharfsinnigen Auseinandersetzung auf dem jüngsten Stand der Wissenschaftsphilosophie. Im alten Athen haben schon Sokrates und Alkibiades über so etwas dialogisiert, im „Symposion“ erzählte man beim Wein von Homo- und Heterosexualität.

Die Zeiten haben sich geändert und mit ihnen auch die Philosophie. Sie hat kein Ohr mehr für die Fabel der Diotima. Um „Wissen“ und „Tatsachen“ dreht sich alles, der Eros wird zum Forschungsprojekt der Spezialisten. Tests ersetzen die antiken Dialoge. Von höherer Warte aus über Ich und Es und Triebschicksale zu sinnieren, erspart sich Grünbaum, ein US-Philosoph aus Pittsburgh. Nicht der Weg zur Liebes- und Arbeitsfähigkeit beschäftigt ihn, er untersucht, wie weit Freuds klinische Methode fähig sei, die Theorien des Ubw zu unterstützen, unverfälschte Beobachtungen zu sammeln und kausale Rückschlüsse zu ziehen.

Freie Einfälle und ihre Deutung: erkennt man so die wahren Ursachen von Fehlleistungen, Träumen, seelischen Störungen? Grünbaum vermeidet behavioristische oder neurologische Einwände und ähnliche Grundsatzdebatten; seine Frage „Ist Freuds Theorie empirisch überprüfbar?“ meint lediglich, ob im „Setting“ die psychische Realität zur Geltung kommen kann.

Postfeyerabendianische Einflüsse haben abgefärbt. Wenn in den „Grundlagen“ eine Studie aus dem Jahr 1872 zitiert wird, eine Statistik der Erfüllung von Gebetswünschen, so erinnert das an Feyerabends Vorschlag, die Astrologie als kosmologische Hypothese ernst zu nehmen. Wegen der Wissenschaftlichkeit der Psychoanalyse zerbricht sich Grünbaum keineswegs den Kopf. Als „kausale Therapie“ wird das Verfahren immanent beurteilt, nach Freuds eigenen Maßstäben. Daß Einheitsmethode Unsinn ist, daß Wissenschaftstheorie den Praktikern keine Vorschriften machen darf, steht hier fest. Und auch, daß fremde Blickwinkel geduldig zu akzeptieren sind.

Im Schlußkapitel der „Grundlagen“ wird Popper gegeißelt: seine Freud-Kritik sei „exegetische Mythenbildung“, eine fahrlässige Verstümmelung. Grünbaum möchte der Analyse auf den Zahn fühlen, ohne ihn gleich zu ziehen. Mit dem Begriff Grundlage ist genau das gemeint, was seit Thomas Kun auf ein griechisches Fremdwort getauft wurde. „Paradigmen“ sind Denkmuster einer Wissenschaft, wie bei Aristoteles die Zweckhaftigkeit oder der homogene Raum in der klassischen Mechanik.

Im Buch Grünbaums werden jene Merksätze respektiert, die Kuhn für die Struktur wissenschaftlicher Revolutionen entwickelt hat: „Ein Paradigma ablehnen, ohne gleichzeitig ein anderes an seine Stelle zu setzen, heißt die Wissenschaft ablehnen.“ Und: „Die Unfähigkeit, eine Lösung zu finden, diskreditiert nur den Wissenschafter und nicht die Theorie.“ Daraus folgt, daß Irrtümer nicht das Fundament der Psychoanalyse bloßstellen, solange sie sich als lernfähig behauptet. An „exakten“ Methoden ist sie nicht ohne weiteres zu messen (Messungen der Libido zu versuchen, wäre nach dem Buchstaben Freuds nicht undenkbar). Eine Revolution, wie Freud sie im Schilde führte, verletzt logischerweise die etablierten Regeln. Kurz, Grünbaum maßt sich kein definitives Urteil an, er schlägt methodische Verbesserungen vor.

Freuds „Master Proposition“, also sein Paradigma, besagt, die Einsicht eines Menschen in die relevante Ursache seiner Neurose bedeute das einzig richtige Heilmittel. Grünbaum nennt es die „Ihese von der Notwendigen Bedingung“. Notwendig bedingt sie, daß im Verlauf einer Kur Theorien der Psychoanalyse unmittelbar bestätigt oder widerlegt werden.

Die richtige Deutung heilt, die falsche tut es nicht. Das Rezept lautet also: Heilung durch Erkenntnis. Erfolg oder Mißerfolg in der Behandlung entscheidet über Wahrheit und Irrtum in der Theorie. Diesem Sokratischen Optimismus widerspricht allerdings in Freuds Alterswerk ein therapeutischer Nihilismus, der die Suggestion mehr oder minder unverblümt ins Gespräch bringt. Jedoch, ohne die „These von der Notwendigen Bedingung“ krache Freuds stolzes Theoriegebäude zusammen, Es besitzt ja keine andere empirische Bestätigung als die freiwillige Einsicht des Analysanden.

Wo dem Kranken nichts Richtiges einfalle, besetze die Autorität der „ärztlichen Konstruktion“ den Platz fehlender Erinnerungen, zitiert Grünbaum den späten Freud und fügt hinzu, von Einsicht dürfe dann keine Rede mehr sein. Sagt doch der Meister selbst, ausschlaggebend sei die Übertragungsliebe. Anstatt Selbsterkenntnis zu vermitteln, wie es die Master Proposition verlangt, demonstriere der Analytiker die rhetorische Macht seines Einredens und Überredens.

Der eine glaubt, was der andere sagt, und der glaubt, was er sagt, weil es der andere glaubt ... ein kommunikativer Teufelskreis! Er ist lange vor Grünbaums „Grundlagen“ den Analytikern aufgefallen und subtil untersucht worden.

In den Vorlesungen an der Clark University im Jahre 1909 hatte Freud gelehrt: „Wenn ich gefragt werde, wie man Psychoanalytiker werden kann, so antworte ich, durch das Studium eigener Träume.“ Eine spätere Generation nahm Abstand von der Traumdeutung; mit dem Argument: sobald der Mensch weiß, daß Träume etwas bedeuten, beeinflußt ihn der Wunsch, „etwas Wertvolles“ zu träumen. Träume wachsen sich bisweilen zu einer Art „geheimen Liebesleben“ aus, bemerkt Erik Erikson. Für die „Hand des Analytikers“ werden sie dann „zu reich, zu tief und durchdringlich“ (nach: J. v. Scheidt (Hrg.), „Der unbekannte Freud“, Frankfurt 1987, pp. 105/6).

Placebo-Effekte im analytischen Setting hat man in den zwanziger Jahren erörtert. Sandor Ferenczi gestand seine Resignation: „Heilen“ ließe sich mit allen möglichen Techniken, „mit Vaterdeutungen, mit Mutterdeutungen, mit historischen Erklärungen und mit Hervorhebung der analytischen Situation, ja auch mit der guten alten Suggestion und Hypnose. Vor therapeutischen Mißerfolgen aber ist keine Art der Behandlung gefeit, selbst wenn man bereits alle Entstehungsbedingungen jeder Neurose und Psychose kennte.“ („Bausteine zur Psychoanayse“, Frankfurt 1984, 2. Bd. p. 123)

Ein Protest gegen den Anspruch auf totales Wissen, geistesverwandt mit Feyerabends Skepsis gegenüber der modernen Physik.

Kuhns Mahnung im Gedächtnis, von „Diskrepanzen“ werde jede Theorie gequält, bemüht sich Adolf Grünbaum, für die Psychoanalyse doch noch Rettung & Hilfe zu finden. Um persönliche Einflüsse im Setting aufzuheben, helfe allein der Test durch „extraklinische“ Untersuchungen, die mit eher anonymen Methoden arbeiten. Als Beispiel für eine solche Bewährungsprobe greift der Philosoph aus Freuds Werken eine riskante These heraus: die Erklärung der Paranoia. Der Verfolgungs- und Beeinflussungswahn gehe zurück auf verdrängte Homosexualität, heißt es in der Studie über Schrebers „Denkwürdigkeiten“.

Diese Behauptung, meint Grünbaum, läßt sich heute testen. Im Zuge des Coming-out habe sich das Tabu gelockert; anzunehmen ist, daß nunmehr weniger homosexuelle Wünsche verdrängt werden als früher.

Falls die Ätiologie Freuds stimmt, müßte sich die Menge paranoider Erkrankungen verkleinert haben, in dem Maße, als jetzt die Zahl der Homosexuellen größer sei. Grünbaum empfiehlt, Statistiken auszuwerten und zu vergleichen. Er schlägt epidemiologische Untersuchungen vor, wie sie in der Medizin der Usus sind. Klinische Beobachtungen, daß gewisse Einfälle auftauchen, werden gar nicht bezweifelt. Gezweifelt wird am Verfahren der freien Einfälle: ob die Worte auf der Couch verläßlich Ursache und Wirkung enthüllen?

Einen richtigen Großversuch hat Wilhelm Reich Anfang der dreißiger Jahre entworfen. Überprüft sollte die herrschende Meinung werden, erbliche Veranlagung sei wichtiger als die Macht der Erziehung und der Umstände.

Diese Streitfrage wird erst dann endgültig entschieden sein, wenn sich eine maßgebende offizielle Stelle dazu entschließen wird, ein Massenexperiment zu machen, etwa 100 Kinder von psychopathischen Eltern gleich nach der Geburt zu isolieren, einem gleichmäßigen Erziehungsmilieu auszusetzen und die Ergebnisse später mit dem von 100 anderen, im psychopathischen Milieu verbliebenen Kindern zu vergleichen.

(W. Reich, „Charakteranalyse“, Frankfurt 1985, p. 164).

Methodisch streng gedacht! Eine Kontrollgruppe, der Forscher spielt den lieben Gott, das Schicksal ist eine „maßgebende offizielle Stelle“. Und wer verbürgt sich für ein „gleichmäßiges Erziehungsmilieu“? Wissenschaftliche Vernunft steigert sich zum Größenwahn, und alles im Dienst eines guten Zwecks.

Was die Ursachen der Paranoia betrifft: des statistischen Aufwands bedürfte es eigentlich nicht. Ein einziges Faktum falsifiziert: ein Mensch, der paranoid ist, obwohl er seine homosexuellen Wünsche nicht verdrängt. Anscheinend ist der Autor der „Grundlagen“ darauf versessen, den Wissenschaftsbetrieb mit Quantitäten zu füttern — im Unterschied zur Freudschen Ansicht, es komme auf die Qualität des Einzelfalls an.

Statistik im Dienst der Psychoanalyse: so selten ist das gar nicht, wie Grünbaum meint. In der Zeitschrift „Psyche“ (1986) referiert Gottfried Fischer über „Empirische Forschungen zur Wirkung von Traumata bei Kindern und Jugendlichen“. Eine Untersuchung an 5000 Studenten in Schottland konstatiert: der frühe Verlust von Vater oder Mutter ist Depressiven und Alkoholikern überdurchschnittlich häufig zugestoßen. Damit wird übrigens Heinz Kohuts Ätiologie der narzißtischen Störung bekräftigt. Andere Studien weisen nach, „daß etwa 70 Prozent brutal geschlagener Kinder später Verhaltensauffälligkeiten zeigten“. Bedächtig kommentiert der Referent die Befunde: „Daß sich an äußeren Ereignissen als solchen nicht ablesen läßt, ob sie eine pathogene Wirkung entfalten.“

Bedenken davor, das Gewicht einzelner Vorfälle in der Kindheit zu überschätzen, wurden in einem Wiener Vortrag Freuds im Jahr 1913 gemacht. Psychoanalytische Prinzenerziehungen, wie sich Freud spöttisch ausdrückte, würden späteren Neurosen kaum vorbeugen, „da das Kind ja seine Sexualität doch stets mitbringe und irgendwie unterbringen müsse. Die Kindertraumen spielten ihre wahre Rolle als Ersatzkomplexe“. Freud meint Reminiszenzen an ein „Verweilen auf dem Nachttopf oder die Entblößung irgendeiner Person“. (Zitiert nach Lou Andreas-Salome, „In der Schule bei Freud. Tagebuch eines Jahres“, Frankfurt 1983, p. 91).

Breitangelegte „extraklinische“ Prüfungen, ja oder nein? Die Gretchenfrage ist sicher falsch gestellt. Freud hat in seinen Büchern über den Witz und die gewöhnlichen Fehlleistungen reichlich Material von der Straße aufgelesen; als Gesellschaftsreportage kann man die „Traumdeutung“ genießen. Gedeutet wird freilich auf eine Weise, die sich der große Mann „klinisch“ erworben hatte. [1]

Methodische Verwirrungen unter Analytikern sind kaum zu leugnen; Jacques Lacan beklagt, „daß wie nirgendwo sonst jemand, der ein Urteil abgibt, ganz und gar kein Risiko mehr eingeht, sich als unfähig zu entlarven“. (Lacan, „Schriften I“, Frankfurt 1975, p. 75). Werfen wir einen Blick darauf, wie prominente Physiker die Beweisfrage handhaben.

Interessant, daß Einstein (gegen Max Born) die statistische Deutung der Quanten bekämpfte, weil in ihr die Kausalität verschwindet. Gerade um „kausale Relevanz“ zu gewinnen, beharrt Grünbaum (gegen Freud) auf der Statistik. Max Born erwiderte, Einstein unterschätze „die empirische Grundlage der Quantentheorie“. Born präzisiert: „Ich lege auf die Masse der ‚Beweise‘ keinen so großen Wert als auf einzelne krasse Dinge, wie z.B. das Gibbs’sche Paradoxon oder den Stern-Gerlach-Versuch“. Manchmal vermittelt der Briefwechsel den Eindruck, theoretische Physik sei ein gigantisches Kreuzworträtselraten.

„Einzelne krasse Dinge“ hätte auch Freud anrufen können. Zu guterletzt argumentiert der „Statistiker“ Born mit seiner Intuition: „Ich finde eine deterministische Welt ganz abscheulich — das ist ein primäres Gefühl.“ (Briefwechsel Einstein/Born, Reinbek 1972, p. 160).

Die „Grundlagen“ bleiben im Grunde das Buch eines braven Methodologen, trotz Kuhn & Feyerabend & „anything goes“. Dem Popper heimzuleuchten, darauf ist Adolf Grünbaum aus, er möchte die „glänzende theoretische Vorstellungsgabe“ Freuds ins rechte Licht rükken, beeindruckt von seinem Verständnis für die Feinheiten der Induktion und Falsifikation. In der Logik der Forschung habe sich der Schöpfer der Psychoanalyse besser ausgekannt als der „kritische Rationalist“.

III.

Innere und äußere Realität: ihr Verhältnis ergibt Diskussionsstoff. Was bei einer analytischen Behandlung herauskommt, so erläutert es ein moderner Freudianer, sei „eine persönliche Wahrheit, auf die sich beide Dialogpartner einigen“. Gemeint sind Analytiker und Klient im Setting. (Rolf Vogt, „Innere und äußere Realität in Psychoanalysen“, Psyche 1988). Der Ausdruck „persönliche Wahrheit“ — eigentlich ein hölzernes Eisen — scheint allerdings Kierkegaard näher zu stehen als Freud. Der Autor ergänzt, durch „außeranalytische Argumente“ sei die persönliche Übereinstimmung in der Kur weder zu beweisen noch zu widerlegen.

Eintritt verboten für die „extraklinischen“ Tests Grünbaums, heißt das. Aber es heißt auch, daß sich der Akzent vom (Selbst-)Erkennen verlagert aufs Gefühlte und Erlebte, also in Richtung auf „Betroffenheit“; wie wenn der Arzt den Finger auf den Schmerzpunkt legt. Neben die Erkenntnis tritt die Gefühlsreaktion.

Den Endzweck einer Analyse definiert ein Fachmann folgendermaßen: „Lösungen unbewußter Konflikte sind dann erreicht, wenn sie zu einer Integration mit den bewußten und unbewußten Selbstbild gelangen können.“ (Michael Buchholz, „Der Traum in der Familientherapie“, Psyche 1988). Mühevoll paßt zu diesem Wortlaut der klassische Begriff „Einsicht“, auf keinen Fall in einer Bedeutung, mit der Wissenschaftstheoretiker etwas anzufangen wissen. Das analytische Verständnis ist auf Einfühlung angewiesen.

Analog dazu verwandelt sich die Bedeutung von „Deutung“ (der Analytiker bietet Deutungen an, die im Gegenüber Einsichten auslösen). Zwei spanische Analytiker schreiben, „aus dem Verständnis der mit dem Patienten erlebten Interaktion“ heraus werde gedeutet. Eine Deutung verarbeite „die im Hier und Jetzt zu beobachtende emotionelle Spannung“. (E. de Folch und P. Folch, „Die negative Übertragung“, Psyche 1988).

Synthetisch — so wirkt die Psychoanalyse der Gegenwart. Anstatt im Inneren das Unbekannte auszugraben, macht man sich an eine psychische Arbeit, eine seelische Naturheilkunde, ohne Spaten und Hacke. Seinen Job sieht der Analytiker heute weniger als Suche nach Erkenntnisgewinn, vielmehr als Beteiligter im Hin und Her von Übertragung und Gegenübertragung.

Selbstredend stellen obige Zitate „Idealisierungen“ dar, wohl eine Stufe über dem praktischen Durchschnitt. Wesentlich ist, daß die heilige Formel „Bewußtwerden von Unbewußtem“ so gut wie unwesentlich geworden ist.

Und nun gehe man zurück ins Jahr 1909, zu den Vorlesungen an der Clark University: „Wo ein Symptom besteht, da findet sich auch eine Amnesie, eine Erinnerungslücke, und die Ausfüllung dieser Lücke schließt die Aufhebung der Entstehungsbedingungen des Symptoms in sich ein.“ Hier spricht Freud seine Master Proposition mit aller nötigen Schärfe aus: Wissen heilt! Sicher, die Entdeckung pathogener Phantasien, des Durcharbeitens, der Gegenübertragung und der „Triebökonomie“: all das hebt die Wirkung der Gefühlskräfte hervor, eine Macht vielleicht jenseits der (Selbst-)Erkenntnis. Also die Erfahrung, daß Wissen und Bewußtsein allein nicht heilen.

Wo bleibt dann das Wahrheitskriterium? Der Maßstab, um Irrtum und Erkenntnis zu trennen? Der Unterschied zwischen Einsicht und Suggestion, der die Analyse von einem Verkaufsgespräch unterscheidet? Adolf Grünbaum verlangt darauf eine definitive Antwort, die für ihn nur im klaren Ja oder Nein zur Master Proposition liegen kann.

So unbillig ist das Verlangen des Philosophen nicht. Alice Miller etwa behauptet, die meisten Neurosen hätten sexuelle Belästigungen in der Kindheit zur Ursache, was die meisten Analytiker heutzutage aber aus den „Produktionen“ ihrer Klienten nicht heraushören. Da hilft nur Grünbaums Rezept: empirische Untersuchungen außerhalb des Settings. [2]

Setzt sich das durch, dann wäre die Psychoanalyse lediglich ein Spezialfall der angewandten Sozialwissenschaft. Im Widerspruch dazu steht der Appell an „persönliche Wahrheit“, der den Wortwechsel im Setting als eine Domäne für sich ausgrenzt, unberührt von Gesetzmäßigkeiten der Natur und Gesellschaft.

Der erste Teil der „Grundlagen“, knapp ein Drittel des Buches, widmet sich der Beweisführung, für Freud bedeute die psychische Realität ein Netz kausaler Abläufe, in gleichen Begriffen und ebenso „gesetzmäßig“ zu verstehen wie die Tatsachen der Außenwelt. Was Methodik betrifft, sei Freud ein Vorbild gewesen, ein Forscher ganz nach dem Herzen der Methodologie. Ein Jammer nur, daß er tadellose Induktionen und Falsifikationen auf eine ewig unsichere klinische Basis stützte, immer unter dem Verdacht auf „Erzeugung von Scheinbefunden“. Mußte nicht er selbst die Verführungsberichte seiner Hysterikerinnen im nachhinein als neurotische Vorspiegelungen disqualifizieren?

Aus Freuds Werk zapft Grünbaum frisches Blut für eine Wissenschaftsphilosophie ab, die seit Thomas Kuhn und Paul Feyerabend am Ende ihres Lateins ist. Weil Freud als Kronzeuge der Einheitsmethode nominiert wird, gehen die „Grundlagen“ eher milde mit der Psychoanalyse um. Erbarmungslos aber wetzt Grünbaum das logische Messer, um die „Hermeneutiker“ in Stücke zu schneiden; nämlich die Freud- Auslegungen von Paul Ricœur („Die Interpretation“) sowie von Jürgen Habermas (in „Erkenntnis und Interesse“).

Nichtwissen/Wissen/Heilung: diese Kette in der Kur liefert für Grünbaum den Beweis, daß die Kausalität in Freuds Theorie und Praxis regiert. Auch wenn es sich um eine Psychologie handelt: Ursache & Wirkung herrschen — nicht die Motive! Abgekanzelt werden in den „Grundlagen“ die Auffassungen der Hermeneutiker, die das Verstehen auf Kosten des Erklärens betonen. Darüber erbost sich der Wissenschaftsphilosoph, weil Absichten bei weitem nicht so greifbar sind wie Ursachen. Die einen kann man leicht unterstellen, die anderen sind empirisch zu erforschen.

Vielleicht denkt der Autor der „Grundlagen“ an Galilei. Aus Gottes Weltplan hätte sich nie das Kopernikanische System ableiten lassen, entstanden ist es aus Rückschlüssen von Wirkungen auf Ursachen. Wichtig bei Freud ist zwar der „Wunsch“, er fungiert aber als kausaler Faktor.

Die Hermeneutiker tun hingegen alles, um Freuds Bekenntnis zum psychischen Determinismus als subtiles Mißverständnis zu verstehen. Der Wunsch ist etwas essentiell Subjektives, eine „persönliche Wahrheit“, in der sich‘ unser Leben offenbart wie das Denken im Gedanken. Auch wenn Wünsche Berge versetzen, so stellen sie noch larige keine Ursachen dar. Der Unterschied ist, daß Ursachen nur existieren, wo Wirkungen sind. Ausgeschlossen, daß eine Ursache „versagt“. Sie folgt unerbittlichen Naturgesetzen. Absichten und Wünsche können jedoch fehlschlagen, sich entweder gar nicht oder auf die falsche Art verwirklichen.

Ein Wunsch mag sogar „unerklärlich“ sein, was bei einer Ursache sinnlos wäre. „Ich möchte ...“ Dafür braucht es ein Subjekt, das sich einer Umwelt symbolisch gegenüberstellt. Ein „Text“ ist der Wunsch, er drückt sich aus, er findet seinen Sinn (seine „Repräsentanz“, wie Freud sagt), selbst wenn er weder Worte noch Buchstaben findet.

Einen weiteren Anhaltspunkt für die Hermeneutiker gibt das Verbalisieren im analytischen Setting, das Sprachspiel von Einfällen und Deutungen, wo ein Sinn in den anderen übersetzt wird. Und nicht bloß Informationen und Aufklärungen ausgetauscht werden.

Paul Ricœur: „Die Analyse erreicht und durchdringt wirklich so etwas wie einen Text.“ („Die Interpretation“, Frankfurt 1974, p. 410). Ricœur ist von der „Quasi-Sprache des Unbewußten“ überzeugt (p. 415). Habermas über die Freudsche Traumtheorie (halluzinative Wunscherfüllung): „Träume gehören zu den Texten, die dem Autor selbst als ein Entfremdetes und Unverständliches gegenübertreten“ („Erkenntnis und Interesse“, Frankfurt 1968, p. 270). Die Psychoanalyse stelle eine „Tiefenhermeneutik“ dar, die sich schicksalhafter Selbsttäuschungen annimmt.

Ricœur und Habermas (sowie ihr Antagonist Grünbaum) sind Philosophen, die branchenüblicherweise die Sache rein literarisch studiert haben. Vernehmen wir einen Fachmann, einen Dissidenten der modernen Psychoanalyse. Jacques Lacan behauptet forsch, „daß das Symptom sich ganz in einer Sprachanalyse auflöst, weil es selbst wie eine Sprache strukturiert ist.“ Der Meinung Lacans zufolge sei es eine Sprache, „deren Sprechen befreit werden muß“. („Schriften I“, p. 109).

Dem hält Grünbaum entgegen, man könne zwar Träume und Symptome „Zeichen“ nennen, aber nur so, wie ein Fußabdruck im Sande einen menschlichen Fuß „bezeichnet“. Jede Wirkung ist ein Zeichen, insofern sie auf ihre Ursache zurückschließen läßt. Ein grober Denkfehler, den Freud nie begangen hätte: Solche kausalen Zeichen mit Symbolen zu verwechseln, die absichtlich in die Welt gesetzt werden, um Botschaften zu übermitteln! Wie Fingerabdrücke den Täter „verraten“, läßt sich die geheime Absicht aus Miene oder Sprechweise eines Menschen erraten. Eventuell auch aus seinen Träumen. Körpertemperatur und andere organische Symptome erlauben kausale Rückschlüsse auf unsichtbare Vorgänge im Organismus. Mit Semantik hat das absolut nichts zu tun. Erklären ist nötig, „Verstehen“ fehl am Platz. Warum sollte es bei den Produktionen des Ubw anders sein?

Kurz, der Begriff „psychischer Apparat“ ist wortwörtlich gemeint, ohne hermeneutische Ausflüchte. Auf Freud beruft sich Grünbaum, er zitiert aus der „Traumdeutung“: „Der Traum will niemandem etwas sagen, er ist kein Vehikel der Mitteilung.“ Folglich dürfte der Träumer dann nicht „Autor“ und der Traum nicht „Text“ genannt werden, entgegen der Auffassung von Habermas.

Der Methodologe verwickelt sich hier übereifrig in die Fallstricke seiner „immanenten“ Methode, Worte des Meisters unwidersprochen hinzunehmen. Im Eifer des Gefechtes ignoriert Grünbaum das Faktum der „Gefälligkeitsträume“, die im Buch sonst als warnende Beispiele für die Gefahren der Suggestion angeführt werden. Das sind doch Mitteilungen? In den gleichen Zusammenhang gehört Eriksons Befund, daß sich in den Traum der Ehrgeiz einmischt, „etwas Wertvolles“ zu träumen. Die „Korrespondenzbedürftigkeit des Traumes“ konstatiert ein heutiger Analytiker und versteht so die Traumberichte: „Der Träumer braucht die Resonanz des Hörers“ (Michael Buchholz). Auf dem Theorie-Stand von 1900 die Psychoanalyse einzufrieren, das meint unser Wissenschaftsphilosoph doch nicht im Ernst?

Angenommen, das seelische Symptom wäre symbolisch zu verstehen, als Andeutung eines verbotenen Wunsches, dann müßte sich eine inhaltliche Verwandtschaft mit dem Angedeuteten ergeben. Grünbaum führt die Ätiologie der Paranoia aus dem Fall Schreber falsifizierend ins Treffen. Wie ließe sich aus dem Text des Verfolgungswahns eine unterdrückte Homosexualität herauslesen? So bedeutend ist die thematische Entfernung der beiden, daß die Rede von „Ausdruck“ und „Bedeutung“ heiße Luft bedeutet. Symptome sind schlicht und einfach Wirkungen, keine „Texte“ — die These Grünbaums schlägt die Hermeneutiker.

Schlagen wir vorsichtshalber im Text Freuds nach, im 3. Abschnitt der Schreber-Studie mit dem Titel „Über den paranoischen Mechanismus“. Eine verblüffende Mechanik, die da enthüllt wird. Den Fall Schreber, so wird resümiert, beherrschen unbewußter Vaterkomplex und zentrale Wunschphantasie. Freud kommentiert: „An alledem ist nichts für die Krankheitsform der Paranoia Charakteristisches.“ Wie grenzt sich diese Krankheitsform ab? Hier zeigt der „Mechanismus der Symptombildung“ seine Künste.

Freud liefert eine erstaunliche Deduktion. Er leitet den Wahn aus einem Satz ab; aus dem für Schreber unmöglichen Gedanken: „Ich liebe ihn (den Mann).“ In zwei Schritten wird dieser Satz gewissenhaft entstellt.

Erster Schritt: Ich liebe ihn nicht, weil ich ihn hasse (bei Freud: „Ich hasse ihn ja“). Zweiter Schritt: Ich liebe ihn nicht, ich hasse ihn ja, weil er mich verfolgt.

Zählen wir zusammen: eine Negation („Ich liebe ihn nicht“) plus zwei Argumentationen („weil ich ...“ und „weil er ...“). Insgesamt drei grammatische Arbeitsvorgänge. Ein schönes Stück Rhetorik im Ubw! Begreiflich also, daß Ricœur an eine „Quasi-Sprache des Unbewußten“ glaubt und Habermas vom „Autor“ der Symptome spricht. Man versteht nunmehr auch, weshalb Lacan die Mechanismen der Verdichtung und Verschiebung in der Traumarbeit mit den Stilblüten von „Metapher“ und „Metonymie“ gleichsetzt.

IV.

„Mechanismus der Verdrängung“, so heißt es zwar, aber es ist eine intelligente Mechanik. Darf man trotzdem Ursache & Wirkung sagen? Gewissermaßen ja, doch nur, weil die Kausalität ein besonders weites Feld darstellt. Daß die Ursache wirkt, wie macht sie das eigentlich? Keiner der Weltweisen hat das Geheimnis des Kausalnexus gelüftet. Immerhin gibt es die Möglichkeit, sich auf statistische Signifikanzen zu stützen, wobei freilich Fehlschlüsse häufig sind (siehe „50 Millionen Amerikaner können nicht irren“).

Im Streit mit den Hermeneutikern zieht Adolf Grünbaum den kürzeren; damit wackeln auch seine Einwände gegen die analytische Grundregel. Etwa die Skepsis betreffend den Erkenntniswert freier Einfälle auf der Couch: Ist es denn nicht logisch, daß sich im „befreiten Sprechen“ eine Symptomatik aufzulösen vermag, die durch grammatische Operationen erzeugt wurde? Jene unbewußte Sophistik der Selbsttäuschung zu entwirren, darin besteht die Macht der Einsicht. Wohlgemerkt, hier geht’s um das Paradigma der Freudschen Theorie, um den Schlüsselgedanken, wie er im „Grundlagen“-Buch unvollständig und falsch zur Sprache kommt.

Von daher fällt neues Licht auf die Gefahren der Suggestion im Setting; augenscheinlich ist „Unschärfe“ die offene Flanke der Psychoanalyse. Für unausrottbar hält Grünbaum die „suggestive Kontamination“. Selbst einem scharfsichtigen Analytiker wird die Willfährigkeit seines Gegenübers üble Streiche spielen. Betroffen sind davon Einfälle, Erinnerungen, Einsichten und Deutungen; ihre Glaubwürdigkeit sei über keinerlei Zweifel erhaben.

In den „Grundlagen“ werden einige Beobachtungen zur Suggestion notiert. Therapeuten scheinen außerstande zu sein, nicht irgendwie zu indoktrinieren: Freudianer finden ödipales Material, Jungianer ihre Archetypen, Adlerianer natürlich den Minderwertigkeitskomplex ... Die Willfährigkeit ist womöglich eine biologische Konstante. Von Bertrand Russell stammt die Bemerkung, daß sich Ratten im Labor jeweils so gebärden, wie es dem Gedankengebäude des jeweiligen Versuchsleiters entspricht, ja sogar seinem Nationalcharakter („Grundlagen“, p. 390).

„Meine allergrößte Angst ist, daß sie eine Hexe ist, die mir den Kopf abschneiden will“: eine männliche Übertragungsphantasie in der Therapie mit einer Frau. Befragen wir also Menschen, die auf der Couch Erfahrungen gesammelt haben. Nicht untypisch der Bericht: „Meine Analytikerin verwendete einen theoretischen Ausdruck. Ich habe sie sofort unterbrochen, aus Angst, daß ich als Person preisgegeben werde, um die Familie oder ein System zu retten.“ Eine lapidare Aussage: „Ich höre mir selbst zu auf dem Umweg über sie.“

Existiert die suggestive Übermacht im Setting? Ein Wiener erzählt von seiner Analytikerin: „Ich habe nie das Gefühl, daß sie einen Zusammenhang herstellt, daß sie mir etwas erklärt. Ich weiß nachher nie, was sie gesagt hat.“ Wie entsteht dann die heilende Einsicht ins Innnenleben? Ein Betroffener erklärt: „Den inneren Widerstand spürt man, man entwickelt eine Sensibilität, man beobachtet sich: Körpersprache, Hände, Beine, Versprecher — die Arbeit mußt du selber leisten.“ Nach zwei Jahren in der Kur faßt jemand zusammen: „Der Analytiker kommt mir vor wie ein Zen-Meister, der die Guru-Rolle ablehnt. Der Schüler will das Lebensrezept, der Analytiker verweigert es.“

Was beweisen diese Berichte? Auch sie könnten ja das Ergebnis einer geheimnisvollen Suggestion sein, die beiden Seiten nicht bewußt wird. Unbestritten ist, daß die Person des Therapeuten auf jeden Fall als Medizin wirkt. [3]

Vielleicht nehmen Analytiker die Suggestion leichter, weil sie sich mit neurotischen Widerständen schwerer tun? Andererseits bedeuten willfährige Reaktionen ihr tägliches Brot. Rolf Vogt, im schon erwähnten Aufsatz „Innere und äußere Realität“ (Psyche 1988), liefert ein Fragment zur Gefügigkeit im Setting.

Nach 12 Jahren kehrt ein früher Klient Vogts in die Behandlung zurück. Den Analytiker erfreut das Wiedersehen und verärgert der Rückfall ins alte Leiden. Sein Gegenüber wird nervös, als ob er diese unterschwellige Enttäuschung gefühlt hätte. Der Klient beginnt, sich musterhaft selbst zu analysieren: Warum er in den beruflichen Streß hineingeraten sei usw. Die emotionale Wechselwirkung zwischen dem leisen Ärger des einen und der Willfährigkeit des anderen führt rasch „in medias res“, zum persönlichen Dilemma hinter den hystero-epileptischen Anfällen. Der Gemütszustand des städtischen Gärtnermeisters, wie in Vogts Aufsatz geschildert, hat etwas gemeinsam mit der Panik einer Laborratte.

Der kommunikative Teufelskreis: Fritz Morgenthaler stellt die Zwickmühle in der erfolgreichen Analyse dar. Der Klient verherrlicht seinen Retter, der unverschuldet zur übermenschlichen Autorität aufsteigt. Gegen diese Unterwürfigkeit können gute Deutungen nichts mehr ausrichten, weil sie die Anbetung automatisch vergrößern. (F. Morgenthaler, „Homosexualität, Heterosexualität, Perversion“, Frankfurt 1987, p. 23.)

Unter Umständen dreht sich der kommunikative Teufelskreis in die andere Richtung. Über Neid — anstatt Idealisierung — klagen die einmal bereits zitierten spanischen Analytiker Folch und Folch: „Gerade die adäquate Deutung, die etwas im Patienten bewegt, führt auch dazu, daß er mit Angst oder mit neidvollen Angriffen reagiert.“ Der Mensch verhärtet sich „aus der Furcht vor seinem eigenen Neid“ (Psyche 1988).

Egal, ob Neid oder blinde Idealisierung: der Analytiker bleibt im kommunikativen Teufelskreis hängen. Naheliegend, auch an Freuds Begriff der negativen therapeutischen Reaktion zu denken.

Die Crux „persönlicher Gleichungen“ wird freimütig erörtert, doch im Vertrauen darauf, damit fertig zu werden. Warum sollte Datenerhebung bei sozialwissenschaftlichen Untersuchungen solider sein als Befunde in der langjährigen Zusammenarbeit im Setting? Daß die Gesprächssituation unersetzlich und einmalig ist: darauf legt Freud viel Wert. Gegenüber dem experimentellen Verfahren von Pierre Janet, einem Pariser Rivalen in der Hysterie-Forschung um 1895, betonen die Vorlesungen an der Clark University eine grundsätzliche Differenz. Zu seinen eigenen Resultaten sei er gekommen, bemerkt Freud herablassend, „da ich nicht wie Janet von Laboratoriumsversuchen, sondern von therapeutischen Bemühungen ausging.“

Grünbaums „Grundlagen“ strengen sich an, eben dieses Naheverhältnis von Theorie und klinischer Praxis zu zerstören. Im Setting werde die Theorie angewendet, aber nicht zuverlässig genug getestet. Den Verdacht auf „Weltbild“-Wissenschaft haben die Freudianer am Hals; allerdings machte auch Darwin keine Laborversuche, er sammelte Beobachtungen von Viehzüchtern und auf Weltreisen.

Passiver Empirismus: darin hebt sich die Master Proposition am stärksten von experimentellen und statistischen Methoden ab, etwa von den Tests der Pharmazeuten, der Apparatemedizin und von epidemiologischen Untersuchungen. Sandor Ferenczi nannte es die Pflicht des Analytikers, „jeden neuen Fall unvoreingenommen und gleichsam naiv anzuschauen“ („Bausteine“, Bd. 2, p. 118). Also so, als ob man die Sache insgesamt erst erfinden müßte (freischwebende Aufmerksamkeit). Es gibt praktische Erweiterungen der Psychoanalyse, in der Pädagogik, der Psychosomatik, der Kunst, in Kinofilmen, den Geisteswissenschaften und sogar der Wissenschaftsphilosophie (in Gaston Bachelards „Psychoanalyse der objektiven Erkenntnis“, der Bibel des französischen Strukturalismus). Was aber ganz ausgeschlossen ist: eine freudianische Technologie!

Kleine physikalische Randerscheinungen werden von den Naturwissenschaften entdeckt und dann in titanischen Nutzanwendungen gesellschaftlich ausgeweitet — oder ausgebeutet. Man denke an den Magnetismus, ursprünglich ein winziges und witziges Phänomen, oder an die Elektrizität, die sich ja „natürlich“ bloß im Gewitter zeigt. Freud konzentrierte sich ebenfalls auf Randerscheinungen, eher unnütze, wie den Traum oder die Fehlleistungen. Literarischen Nutzen mag man aus der „Traumdeutung“ ziehen, eine Industrie ist auf dem Ubw nicht aufzubauen. Würde der Durchschnittsmensch an Atomspaltung glauben, ohne die Bomben auf Hiroshima und Nagasaki?

In einem Punkt sind die Hermeneutiker zu korrigieren. Mit den Wissenschaftsrevolutionen der Neuzeit berührt sich die Freudsche Theorie von ihrer inneren Logik her. So gesehen ist sie tatsächlich eine „Naturwissenschaft“. Das Ubw gleicht den Umkehrungen seit Kopernikus & Galilei. Farbe ist keine Eigenschaft der Materie, Bewegung genauso „träge“ wie Ruhe, Wasser ein zerlegbares Mineral, schneller als der Schall läßt sich beschleunigen, wir erblicken das Licht verschwundener Sterne: den sinnlichen Augenschein straft schon die Schulphysik Lügen. Umwertung aller psychischen Werte: so lautet die Parallele zum „Und sie bewegt sich doch!“ Träume sind keine Schäume, Versprecher wollen etwas sagen, es gibt eine Sexualität des Kleinkindes, Bestohlenwerden ist genauso bös wie Stehlen, das Unbewußte ist zeitlos und stets Gegenteil des Bewußten.

Im Feldzug gegen Poppers „Trivialisierung des Wissens“ verweist Feyerabend auf ein physikalisches Dilemma bei den Teilchen, welches keine „weitere Annäherung an die Wahrheit“ erlaubt. Es sei sinnlos, „von der Temperatur eines Systems zu reden, in dem alle Elemente genaue Standorte haben. Das ist genau der physikalisch/historische Zustand, an den Niels Bohr dachte, als er von den komplementären Aspekten der Welt sprach“. („Farewell to Reason“, p. 184)

Mag sein, daß sich die Finsternis der Suggestion im Setting und sonstwo durch eine Bohrsche Analogie ein bißchen aufhellen läßt. Was Grünbaum postuliert, ist „epistemische Wahrheit“, gereinigt von Einflüssen des Beobachters; die Prozesse von Übertragung und Gegenübertragung erscheinen als Faktoren der „Unschärfe“ und „Verunreinigung“.

Was aber hindert uns, einmal versuchsweise den Wort- und Gefühlsaustausch „komplementär“ im Sinne der Mikrophysik zu verstehen? In der Wechselwirkung mit dem „Anderen“ existiert Psychisches — und nirgendwo sonst. Also nicht mit Sitz im Zentralnervensystem. Und sicher auch nicht derart unbeweglich wie ein Klotz! Der Paradigmenwechsel ist aus dieser Sicht zu empfehlen. Seelisches als integraler Bestandteil des Lebendigen, das ein Umfeld oder eine „Aura“ mit sich führt, unberechenbare Fernkräfte ausstrahlt und darauf angewiesen ist, von fremden Kraftzentren stimuliert („erhitzt“) zu werden. Wenigstens wäre die Willfährigkeit der Ratten im Labor mit der eines Klienten im Setting philosophisch unter einen Hut gebracht. [4]

V.

Unsympathisch scheint dem „Anarchisten“ die Freudsche Lehre zu sein. Feyerabend kreidet ihr an, die Augen vor der Größe archaischer Weltbilder zu schließen, in ihnen primitive Projektionen zu „durchschauen“ ... Kurz, ihn stört das Kopernikanische daran, die westliche Verhärtung des Realitätsprinzips. Auch eine Magd der Vernunft, meint er vermutlich, die darauf aus ist, wertvolle Überlieferungen zu vernichten.

Der Ausdruck „regionales Wissen“, ein Stichwort aus „Farewell to Reason“, eignet sich allerdings dazu, den Status der Psychoanalyse zu veranschaulichen. Das Grundübel liegt im verwirrenden Gegensatz von Subjekt & Objekt. Deswegen erscheint uns Erkenntnis leicht als etwas Unbegreifbares, zu suchen entweder in unsichtbaren Sinnesdaten oder in den Gedankendingen der formalen Logik.
Regionales Wissen heißt jedoch: Kenntnisse, die sich ein Mensch erworben hat, weil sie ihm nützlich oder lieb und wert sind. Und die ein anderer entwertet, indem er andere Bezugspunkte setzt. Das Wissen der einen wird nie das der anderen; es wird auch nicht falsifiziert, es altert oder verschwindet oder es wird ruiniert, wie ein Tempel, den der Feind plündert.

Freud hatte davon eine Ahnung. Das System des Paranoikers enthielt für ihn auch ein Stück (Selbst-)Erkenntnis. Am Schluß der Schreber-Studie wird bemerkt, die „Gottesstrahlen“ des Nervenkranken seien „nach außen projizierte Libidobesetzungen“. Freud konstatiert „eine auffällige Übereinstimmung mit unserer Theorie“ und läßt die Frage offen: „Ob in der Theorie mehr Wahn enthalten ist, als ich möchte, oder in dem Wahn mehr Wahrheit, als andere heute glaublich finden.“

Im Jahr 1915, am Anfang der Abhandlung „Über Triebe und Triebschicksale“ heißt es, starre Definitionen seien unvereinbar mit dem Fortschritt der Erkenntnis. Man brauche gewisse abstrakte Ideen, „die man irgendwoher, gewiß nicht aus der neuen Erfahrung allein, herbeiholt“. Dem Forscher sei sogar ein „Maß an Unbestimmtheit“ erlaubt. Prägnanter haben sich auch Kuhn & Feyerabend nicht ausgedrückt.

Nicht schwer, daraus Empfehlungen für die analytische Disziplin abzuleiten. Den Rat, Kontakt mit anderen „Regionen“ (sogar Religionen!) zu suchen. Lacan interessierte sich für Zen, jüngere Analytiker wie Tilmann Moser akzeptieren den Wildwuchs auf dem Markt rivalisierender Psychotherapien und wünschen sich wechselseitiges Lernen. Auch das kann „Metapsychologie“ sein: den diversen westlichen Schulen dialektisch ebenso gerecht zu werden wie exotischen Auffassungen von Traum, Halluzination und Krankheit. In der Ansicht Ferenczis, heilen könne man „mit allem“, steckt der Hinweis auf eine freudianische (oder „anarchistische“) Phänomenologie.

Früher als „anything goes“ hat es das Brainstorming auf der Couch gegeben. Daß es sich um eine Psychologie ohne feste Größen handelt, müßte den Verehrer von Niels Bohr („Farewell to Reason“, p. 185) beeindrucken. Was den Pluralismus und Relativismus der Kulturen betrifft: Brücken des Verstehens bauten Ethnoanalytiker von Devereux bis Morgenthaler und Parin. [5]

Regional wie ein „Dialekt“ sind die Aussagen der Freudianer, weil ihnen die Härte formaler Gesetze fehlt. Streng genommen sind es Kataloge: ein Nacheinander von Bruchstücken, Einzelfällen, Einsichten, verwegen verallgemeinert in der Theorie. Nun würdigt Feyerabend die „Liste“ als elementare Form des Wissens. Auflisten sei richtiger als Konstruktion von Formeln. („Farewell“, p. 98)

Wo bleibt der methodische Geist? Die Schranken statistischer Forschung in den Humanwissenschaften gab Edgar Zilsel aus dem Wiener Kreis seinerzeit zu bedenken. „Über ein Gas, das man in ein Gefäß mit durchlässigen Wänden einschließt, und das nur aus einer Million Molekülen besteht, von denen wiederum einige äußerst groß wären, würden ziemlich ungenaue Gasgesetze ermittelt werden.“ (Zilsel, „Die sozialen Ursprünge der neuzeitlichen Wissenschaft“, Frankfurt 1976, p. 162) Eine Million Moleküle ... ins Nichts versinken da die Anzahlen, mit denen Therapeuten zu rechnen haben. Für sie kommen regionale „Mundarten“ in Frage. Konkrete Befunde, die von Ort, Zeit und einzelnen Menschen abhängig und damit „variabel“ sind.

Privates Wissen ist es, eben „persönliche Wahrheit“, nicht frei von „persönlichen Gleichungen“, was in den intimen Traditionen der Lehranalysen überliefert wird. Boshafte Vergleiche mit Kirche, Weihe, Beichte, Wortsakramenten liegen nahe. Wie sollte das einen Denker und „Opportunisten“ abschrecken, der unter der Kapitelüberschrift „Galilei und die Tyrannei der Wahrheit“ eine feurige Verteidigungsansprache für den Kardinal und Jesuiten Bellarmin hält?

Feyerabend kehrt den Spieß um, mit dem Abschied von der Vernunft verdreht er auch Galileis Porträt. Im „Methodenzwang“-Buch hatten wir den kühnen Einzelkämpfer an der Wiege der neuzeitlichen Physik bestaunt, einen mathematischen Demagogen, dem jedes Mittel recht & billig war, seine radikale Sicht der Himmelsdinge durchzuboxen. Kein methodisch sauberer Forscher, vielmehr ein Danton der Wissenschaft.

„Ich verstehe aber das Handwerk, mit Gehirnen umzugehen, so meisterlich ...“ rühmt sich Galilei im „Dialog über die Weltsysteme“ von 1632. Der Bahnbrecher und sein Temperament erinnerten an den Marinetti des „Futuristischen Manifests“, wo sich ja auch alles um Tempo und Bewegung dreht. Hätten wir folgenden Lehrsatz nicht in der Schule gelernt, er würde uns wie eine kubistische Phantasie in den Ohren klingen: es laufe „auf dasselbe hinaus, ob man die Erde allein sich bewegen läßt oder das ganze übrige Weltall“.

„Capricci“, „libertá“, „eccitamento“: mehr als drei Jahrhunderte vor dem „anything goes“ waren das die Parolen Galileis. Launen, Freiheit, Erregung! Im „Methodenzwang“-Buch befand sich der Autor im Gleichklang mit seinem Helden. Die Lust daran scheint Feyerabend vergangen zu sein. Den Pionier und Märtyrer der Naturwissenschaft zieht er förmlich noch einmal vors vatikanische Tribunal.

Das Galilei-Kapitel in „Farewell to Reason“, ursprünglich ein Vortrag auf Videoband für die päpstliche Akademie in Krakau, benützt den illustren Fall, um mit den Anmaßungen des wissenschaftlichen Fortschritts abzurechnen — und überdies die Kirche freizusprechen! Zwischenfrage: Wäre Galilei im Jahre 1633 auf dem Scheiterhaufen gelandet wie vor ihm Giordano Bruno, hätte auch dann unser „Opportunist“ den Nerv, an eine klerikale Adresse die Ehrenrettung der Inquisition zu verkünden? („Auf Wenn-Fragen gebe ich keine Antwort!“ würde Professor Paul Feyerabend antworten.)

In Wahrheit war der große Physiker ein Tyrann und seine „Wahrheit“ im Grunde die Einbildung eines Fachidioten. So sieht der Fall jetzt aus: „Galilei forderte nicht einfach die Freiheit, seine Forschungsergebnisse veröffentlichen zu dürfen, er wollte sie anderen Leuten aufzwingen. In der Beziehung war er aufdringlich und totalitär wie viele moderne Propheten der Wissenschaft — und genauso unwissend.“ („Farewell“, p. 249)

Ja, was wußte denn der schlimme Bube nicht? Daß die Spezialmethoden der Astronomie viel zu beschränkt sind, um zu Wahrheit & Wirklichkeit den richtigen Weg zu finden. Mein Gott, denkt sich der Leser, der Astronom Galilei mit seinem Fernrohr wird doch ein bißchen mehr von der Himmelsmechanik erraten haben als der Kardinal Bellarmin, der so heilig war, daß er die Fliegen nicht von seiner Nase verjagte. Total falsch, blitzt unser Philosoph in die stille Meditation, der Kardinal hatte auf der Zunge eine Masse erkenntnistheoretischer Gründe und selbstverständlich den christlichen Glauben im Herzen ... Vor lauter Skepsis und Anarchie ist nämlich der Denker sozusagen fromm geworden.

Pro & Contra Galilei: viele haben sich mit dem Skandal des 17. Jahrhunderts befaßt, der einen Descartes hat resignieren lassen. Besonders gründlich Hans Blumenberg, Herausgeber einer deutschen Galilei-Auswahl („Sidereus Nuncius“, Frankfurt 1965). Feyerabend setzt in „Farewell to Reason“ den Punkt aufs i und malt sich und uns aus, wie heutige Kapazitäten urteilen würden, wären sie Zeitgenossen im seinerzeitigen Streit über das Kopernikanische System. „Einstein, mit seiner Mißachtung für die Bestätigung in Kleinigkeiten und mit seiner unheimlichen Fähigkeit, im aktuellen Wirrwarr zukünftige Glorie vorauszusehen, könnte die Partei des Kopernikus ergriffen haben, aber viele andere Physiker hätten sich die Haare gerauft“ (p. 258).

Roberto Bellarmino war kein Physiker. Ober sich die Haare gerauft hat? Seine „ausgeglichene und anmutige Weisheit“ wird im Buch gefeiert. Sehen wir sie uns näher an! Feyerabend zitiert aus einem Brief des Kardinals an einen Karmeliter in Neapel, einen kopernikanischen Gesinnungsgenossen Galileis. Der mächtige Glaubenshüter verlangt zuerst einen „wirklichen“ Beweis dafür, daß die Sonne im Mittelpunkt des Weltalls steht. Er fährt fort: „Ich glaube solange nicht daran, daß es solche Beweise gibt, bis sie mir gezeigt werden.“

Ausgeglichen? Anmutig? Weit mehr die Arroganz eines Advokaten, genauer: die Chefsprache, die sich die Entscheidung darüber anmaßt, was „wirklich“ ein Beweis ist. Also die Rechthaberei eines echten „Wahrheitstyrannen“. Bis in alle Ewigkeit wird niemand den Beweis „zeigen“! Auf den Kirchenfürsten fällt die Geschichte vom ungläubigen Thomas hundertmal zurück.

Gute alte Bekannte sind der Kanonikus Kopernikus und sein Erdkreislauf für die katholische Kirche gewesen. Mehr als ein halbes Jahrhundert früher ist das Werk des Kopernikus einem Papst gewidmet worden; daß man es in Rom gelesen hat, dafür gibt es einen „wirklichen“ Beweis: die Gregorianische Kalenderreform. Und daß der Theologe Bellarmin im Unrecht war, als er die Bibel zitierte: Feyerabend notiert es in einer Fußnote auf Seite 253.

Kardinal Bellarmin, bereits beim Inquisitionsprozeß gegen Giordano Bruno tätig, packte die astronomische Angelegenheit professionell an — im robusten Stil der Kontroverstheologie. Wir sind im Zeitalter der Glaubenskriege! Verglichen mit Feuer und Schwert stellte ein Fernrohr „wirklich“ einen schwachen Beweis dar. Übrigens, auch ein Buch Bellarmins ist auf den Index gesetzt worden; der Kardinal fand also nichts dabei, am 26. Februar 1616 mit Galilei ein ernstes Wort über Erde, Sonne, Mond und alle Sterne zu sprechen.

Die Kluft von Glauben und Wissen, wie noch „Farewell to Reason“ den Fall Galilei interpretiert, hat damals kaum den Ausschlag gegeben. Sonst hätten die Protestanten, weit bibelgläubiger, das Sonnensystem weitaus hitziger bekämpfen müssen ... Bürokratische Entscheidungsfindung in der hochkomplizierten kirchlichen Hierarchie: das trifft die historischen Abläufe in Rom von 1616 und 1633.

Freilich, da hakt Feyerabend ein und sagt ungefähr, verbürokratisiert und verpolitisiert sei heutzutage unsere Wissenschaft womöglich noch ärger! Ein Rad im Getriebe gesellschaftlicher Macht ist Big Science geworden. Abgesehen davon, daß sie potenten Interessen dient, besteht sie energisch auf ihren eigenen Interessen, für die dann Wissenschaftstheoretiker ein ideologisches Deckmäntelchen schneidern. Herrschaftswissen: Feyerabend beklagt Denkverbote in Medizin und Lehrplan. Darum Abschied von der Vernunft: die Absage an den Imperialismus der Rationalisten.

Applaus ist zu spenden, wenn Bürgerinitiativen den Atomingenieuren in die Suppe spucken, christliche Fundamentalisten den Darwinismus durch die biblische Schöpfung ersetzen, ein jesuitischer Großinquisitor einem kleinen Physiker Angst macht. Galilei war und ist der Heilige des wissenschaftlichen Fortschritts. Verehren wir lieber den Heiligen Roberto Bellarmino, er steht im römisch-katholischen Kalender.

VI.

Wir reden von „rationalem Denken“ und denken dabei an verflossene Evidenzen des mechanistischen Weltbildes. Etwa an logisches Argumentieren, eine unzuverlässige und häßliche Unterart der Rhetorik. Betrachten wir hingegen die Azande in Afrika: Orakel, Hexerei und eine traumhafte Logik bilden dort ein wasserdichtes System, das sich gegen jeden erdenklichen Einwand wappnet (p. 74). Bei unseren „vernünftigen“ Streitgesprächen glauben wir zwar, unser Denken zu steuern, tatsächlich jedoch werden wir beim Diskutieren regelmäßig von Ermüdung und Entmutigung entwaffnet. Orakel machen es besser, sagt Feyerabend; sie sparen den Streit und beflügeln außerdem die Gedanken.

Mehr Chancen für New Age! Entmachtung der Vernunftideologie! Relativismus allerorten! Sicher, das läßt sich machen. Die Vokabelhefte können wir austauschen. Was dann? Retten uns Regentänze, Zauberer, Horoskope vor Epidemien und Katastrophen? „Anything goes“ ist auf den gutgebauten bürgerlichen Rechtsstaat angewiesen, weil ohne ihn Protestler und Bürgerinitiativen in der Zelle verschwinden.

Der philosophische „Opportunist“ mag erwidern: von allem nehme man das Richtige. Phantasie von den einen, High Tech von den anderen, falls nötig. Was die Menschenrechte betrifft: vielleicht erscheinen sie bald als „irrational“. Legt nicht die Logik gewisser Forschungen gewisse Experimente nahe? Je mehr Schutz, Hilfe, Rettung wir vom Wissenschaftskomplex erwarten, um so schlimmer wird sein Appetit auf Menschenfleisch. [6]

Dem Abschied von der Vernunft läßt sich eine innere Dialektik nachweisen. Feyerabend benützt einerseits vernünftige Argumente und bedient sich andererseits der typischen Vereinfachungen einer abstrakten Pseudologik. Vernünftig ist die Einsicht, daß Vernunft ihre Grenzen hat (Immanuel Kant!). Vernünftig sein heißt ja auch: sich in bizarren Lagen zurechtzufinden. Eine willkürliche Abstraktion ist die Einheitsidee von „Wissenschaft“, ein Golem, der sich rhetorisch ausgezeichnet als Prügelknabe für die sieben Todsünden der Menschheit eignet. Um einen echten „Komplex“ handelt es sich, zu dem die Wissenschaftstheoretiker vor und nach Sir Karl Popper weniger beigetragen haben, als der kampflustige Autor von „Farewell to Reason“ unterstellt.

Science Fiction ist die größte Gefahr. Daß wir uns die Zukunft lediglich in Techno-Phantasien ausmalen können, soweit ist es ja schon. Geht es auf die Dauer gut, als Meister über Leben und Tod die künstliche Intelligenz einzusetzen? Gegen eine übel angewandte Forschung brauchen wir noch mehr Forscher, weiteren technischen Fortschritt zur Heilung technischer Katastrophen. Am Lauf der Dinge können wir nichts ändern, lehrt Paul Feyerabend, der Philosoph. Ändern läßt sich unsere Einstellung: die Ansicht des Entweder/Oder.

[1Grünbaum ignoriert die Wiener Experimente mit Hypnose von 1912, die Freud in der „Neuen Folge der Vorlesungen“ erwähnt. Menschen, die den hypnotischen Befehl erhielten, sexuell zu träumen, ersetzten in ihren Träumen das Unanständige durch Symbole. Experimente in New Haven im Jahr 1939 brachten ähnliche Ergebnisse. Der posthypnotische Gehorsam gegenüber peinlichen Anweisungen des Hypnotiseurs führte zu Kompromissen in Form von Fehlleistungen, Entstellungen, krassen Verleugnungen und witzigen Übertreibungen: alles echt unbewußt! (Milton H. Erickson, Experimental Demonstrations of the Psychopathology of Everyday Life. In: Lee & Herbert, Freud and Psychology. Penguin 1970)

[2Der britische Wissenschaftsphilosoph B. A. Farrel schreibt, bestimmte Thesen der Psychoanalyse seien empirisch widerlegt worden: „Jeder kleine Knabe glaubt, alle Menschen hätten einen Penis wie er.“ „Alle kleinen Knaben glauben, den Mädchen werde der Penis abgeschnitten.“ „Alle kleinen Mädchen leiden unter Penisneid und möchten Knaben sein.“ „Alle Kinder sind geil auf den gegengeschlechtlichen Elternteil und eifersüchtig auf den gleichgeschlechtlichen.“ „Alle Kinder machen eine Latenzperiode durch.“ Farrell bemerkt, daß die „klinischen Phänomene“ vielleicht durch Faktoren hervorgerufen werden, die in der „experimentellen Situation“ nicht vorhanden sind (B. A. Farrell, The Scientific Testing of Psychoanalytic Findings and Theory. In: Lee & Herbert, Freud and Psychology.)

[3Die Suggestion, eine numinose Größe? Grünbaum spitzt Argumente zu, mit denen die Psychoanalyse auf Selbsttäuschungen und Selbstbetrug des „Neurotikers“ hinweist. Warum sollte das Gespräch von Analytiker und Analysand im Setting davor sicher sein? Freud setzt Evidenzen im Bewußtsein voraus, auf die wir bauen können: z.B. das Gedächtnis, das sich im Verlauf einer Analyse enorm verbessern sollte. Dagegen zitiert Grünbaum empirische Studien über die chronische Unzuverlässigkeit der Erinnerungen. Wenn aber jede Leistung des Bewußtseins zweifelhaft ist, dann verliert auch das Ubw sein Recht. Die Psychoanalyse ist — in Grünbaums Sicht — also „unbewußt“ eine naive Bewußtseinspsychologie, die sich viel zuviel von der Einsicht erwartet.

[4In „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ greift Freud die Ansicht an, Suggestion sei ein „Urphänomen“, das alles erklären soll, ohne selbst erklärt zu werden. Das dehnbare Wort Suggestion bezeichne jede beliebige Beeinflussung. Freud erklärt die Suggestion als einen Sonderfall der Hypnose, die ihrerseits aus dem Glauben an eine „übermächtige und gefährliche Persönlichkeit“ entstehe. Hypnose sei (ebenso wie Suggestion) ein Beweis für den animalistischen „Hordentrieb“ des Menschen und seine Unterordnung unter das Alpha-Tier. Bewundernswert, wie klar Freud schon 1921 das Führerprinzip der Nazis erahnt hat. Allerdings, akzeptiert man diese Erklärung, dann würde die Suggestion erst recht Teil eines biologischen „Urphänomens“.

[5Voodoo operiert mit bösen und guten „Geistern“, die den „Introjekten“ der Psychoanalyse entsprechen. Freud bringt dafür kein Verständnis auf. Sein Kampf gegen Magie und Religion macht ihn fanatisch. „Es ist nun einmal so, daß die Wahrheit nicht tolerant sein kann“, predigt er im Stil eines Großinquisitors und verfolgt jene „Anarchisten“, die unter Berufung auf Einstein die Wissenschaft relativieren. Feyerabends „Abschied von der Vernunft“ ist genau das Feindbild, gegen das Freud im Namen der Einheitswissenschaft polemisiert („Über eine Weltanschauung“, in der „Neuen Folge der Vorlesungen“, 1932). Er verlangt die Diktatur der Vernunft im Seelenleben und liefert damit dem Anarchisten Belastungsmaterial gegen die „Tyrannei der Wahrheit“. Zur Entlastung Freuds sei gesagt, daß seine 35. Vorlesung ein Jahr vor der Errichtung des katholischen Ständestaats in Österreich geschrieben wurde, also im Klima des wachsenden Bürgerkriegs.

[6Auf die Wahlverwandtschaft der Aufklärung (der modernen oder postmodernen) mit dem Amtsdeutsch der Expertisen macht Ulrich Beck in seinem Buch „Gegengifte“ aufmerksam. „Im Bereich der Großgefahren gehören Handeln und Denken der Technik und Naturwissenschaften verschiedenen Zeitaltern an“ (Beck, Gegengifte, Frankfurt 1988, S. 22). Man erinnere sich an den Spruch der Nazis: „Nationalsozialismus ist angewandte Biologie.“

  • Paul Feyerabend: Farewell to Reason. Verso, London/New York 1987
  • Adolf Grünbaum: Die Grundlagen der Psychoanalyse. Eine philosophische Kritik. Reclam, Stuttgart 1988. Aus dem Englischen von Christa Kolbert.
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