FORVM, No. 273/274
September
1976

Faschismus in den USA?

Die Konturen einer neuen Ordnung

Durch Vietnam vom Thron des Weltherrschers gestoßen, versucht der US-Imperialismus seine Vorherrschaft unter neuen, schwierigeren Bedingungen zurückzuerobern. Die Waffen sind, wie zur Zeit des Marshallplans, wirtschaftliche: Kredit- und Währungspolitik‚ Getreidemomonol usw. Die Kosten haben diesmal die amerikanischen Massen zu tragen. Herbert Marcuse zeigt die Bedingungen und die Grenzen ihrer Belastbarkeit auf.

Ohne starkes Regime ist das alles nicht zu schaffen. Dementsprechend hat die US-Bourgeoisie bei den heurigen Präsidentschaftswahlen gar keinen Reformkandidaten mehr zugelassen. Während in der großen Depression der dreißiger Jahre immerhin noch ein Roosevelt auftauchte, hat der Wähler jetzt nur mehr die Wahl zwischen schwarz und schwarz: Reagan, Ford, Carter sind allesamt erzkonservative Frömmler des Free enterprise. Wie sie die Belastungen der nächsten Krisenrunde zu verteilen gedenken, hat Ford durch die Aushungerung New Yorks kaltschnäuzig demonstriert. Sein wahrscheinlicher Nachfolger Jimmy Carter ist weniger Erdnußfarmer als Gouverneur von Lockheed und Coca-Cola (beides Firmen aus Georgia). In Carters Lockheed-Geschäften ist bereits ein neues Watergate angelegt ... M. S.

Herbert Marcuse

Kann man von einer Repression oder einem Repressionssystem sprechen, das speziell auf die Vereinigten Staaten zugeschnitten ist? Dem Anschein nach bestehen nur graduelle, rein quantitative Unterschiede zwischen den Mechanismen des amerikanischen Systems und jenen der anderen fortgeschrittenen (monopolkapitalistischen) Länder. Ihr gemeinsamer Zug ist die Verbindung zwischen den traditionellen, durch die Ordnungskräfte ausgeübten Formen politischer Unterdrückung (von gewaltsamer Unterdrückung über wirtschaftliche Sanktionen, Klassenjustiz bis zur Diskriminierung) und einem ständig perfekter werdenden technischen und ideologischen Indoktrinierungsapparat (Medien, Schule usw.).

Satt, unterdrückt, zufrieden

Das Besondere bei den Vereinigten Staaten ist die Leichtigkeit und das Ausmaß, mit der die große Mehrheit der abhängigen Bevölkerung in das soziale System integriert wird. Diese Integration erfolgt auf einer doppelten Grundlage: 1. Unerbittliche Repression, mit der die Entwicklung einer militanten Arbeiterbewegung unterbunden wird; 2. unbegrenzte Produktivkraft des kapitalistischen Produktionsprozesses, wodurch trotz wachsender Schwierigkeiten ein relativ hoher Lebensstandard aufrecht erhalten werden kann.

Doch werden die Grundlagen der Integration eben durch jene Tendenzen unterminiert, durch die sie ermöglicht und perpetuiert werden. Denn gerade diese repressive Macht der „Konsumgesellschaft“, die Unterwerfung des Konsumenten unter die Eskalation der Bedürfnisse und Waren, die ständige Schaffung neuer Bedürfnisse verschärfen die Widersprüche innerhalb des Systems und beschwören unweigerlich die Verstärkung der repressiven Kontrollen herauf.

In dem Maße, in dem die Mehrheit der Bevölkerung ihre Grundbedürfnisse befriedigt hat (sowohl auf der materiellen als auch auf der kulturellen Ebene), erzwingt die wachsende Kapitalakkumulation die Produktion von „Luxusgütern“, zusätzlich zu den notwendigen Gütern. Im kapitalistischen Rahmen führt dies zur beschleunigten Produktion eines gigantischen Abfalls: geplanter Bruch, technischer Schnickschnack („gadgets“) und Handel mit Zerstörungsmitteln. Die Luxusgüter werden zu Notwendigkeiten, die das Individuum — Mann wie Frau — kaufen muß, um in dem auf Wettbewerb ausgerichteten Arbeits- und Freizeitmarkt seinen „Status“ zu halten. Dies wiederum führt zu einer vollkommen auf entfremdete, entmenschte Leistungen ausgerichteten Existenz; der Zwang zur Erreichung eines gewissen Konsumniveaus führt zu einer Erwerbstätigkeit, welche Unterordnung und das System der Unterordnung reproduziert.

So hat der amerikanische Kapitalismus eine neue Dimension der Unterdrückung hervorgebracht: den konzertierten Einsatz des technologischen Sieges über den Mangel (Befriedigung der Grundbedürfnisse) zur Sicherung der Abhängigkeit auf Lebenszeit.

Die Potentielle Revolution

Der Widerspruch zwischen einer Produktivität, welche die Unterwerfung von Männern und Frauen unter ihre Arbeitsinstrumente aufheben könnte, und den Bedingungen, unter denen eben diese Produktivität die Entfremdung und Unterdrückung fördert und verewigt, ist in das Bewußtsein bzw. in das Unbewußte der Leute an der Basis vorgedrungen. Anzeichen dafür zeigen sich in einer allgemeinen Abnahme des „Arbeitsethos“, in spontanen Sabotageakten, in der sich überall einschleichende Gewalt usw., kurz im Zerfall der operationellen Werte, von denen das Funktionieren der kapitalistischen Gesellschaft abhängt.

Trotzdem wäre es ganz falsch, in der Schwächung des sozialen Gefüges, im Verfall der kapitalistischen Ideologie und im Zusammenbruch ihrer Werthierarchie an sich schon eine revolutionäre Kraft zu sehen. Diffus und ohne wirksame organisatorische Verankerung in der Gesamtbevölkerung, inartikuliert und quer durch die traditionellen Klassenfronten laufend, bleibt diese Kraft in den Grenzen der Subjektivität gefangen. Der Widerstand richtet sich nicht so sehr direkt gegen die Struktur des Systems und seine Produktionsweise, als gegen individuelle Verhaltensweisen und Einstellungen (gegen Autoritäten, Chefs, „die“ schlechthin). Ja, schlimmer noch, jene an der untersten Ebene der Ausbeutungshierarchie am Arbeitsplatz neigen im allgemeinen dazu, für ihr „Versagen“, in der Stufenleiter aufzusteigen, einzig und allein sich selbst verantwortlich zu machen. [*] So bildet sich ein Schuldgefühl, das den Interessen des Establishments nur allzu gelegen kommt: die Selbstunterdrückung unterstützt die von oben auferlegte Repression.

Scheinhumanisierung statt Selbstverwaltung

Dennoch unterliegt die ununterbrochene Reproduktion von Unterdrückung objektiven Bedingungen, die ihr Fortschreiten ernsthaft behindern. Das ungehemmte Bedürfnis nach Steigerung der Arbeitsproduktivität ruft Maßnahmen und Methoden auf den Plan, welche die Möglichkeit einer Emanzipation durchleuchten lassen, und die sich, sollten sie im großen Rahmen angewendet werden, zweifellos gegen das angestrebte Ziel wenden würden. Dazu zählen die Erweiterung der Automation und die Reorganisierung der Arbeit mit dem (scheinbaren) Ziel einer „Humanisierung“, die darin besteht, den Arbeitern und Arbeiterinnen mehr Verantwortung für ihre Arbeit zuzugestehen, die Spezialisierung zu reduzieren usw.

Im Rahmen des Kapitalismus stoßen diese beiden Methoden an systemimmanente Grenzen: bei voller Kapazitätsauslastung würde die Automation zu einer Verringerung des Mehrwerts und zu einem Ansteigen der Arbeitslosigkeit führen, bis zu jenem Punkt, an dem sie mit dem Prinzip der Kapitalakkumulation nicht mehr vereinbar wäre; würde man die „humanisierende“ Reorganisation der Arbeit über die von den Public-Relations-Fachleuten der Betriebe empfohlene psychologische Befriedung hinaustreiben, bis zu einer weiterreichenden Selbstverwaltung, so würde diese in Widerspruch zur kapitalistischen Hierarchie geraten, sowohl innerhalb als auch außerhalb der Welt der Arbeit.

Nur in Verbindung mit dieser objektiven Dynamik zeigen die emanzipatorischen ideologischen Kräfte ihre Möglichkeiten auf und bieten Hoffnung auf radikale Veränderungen. Die Bilder einer qualitativ anderen menschlichen Existenz, eines Lebens, das man sich nicht mehr lebenslänglich verdienen müßte, die Reduzierung der entfremdeten Arbeit auf ein unerläßliches Minimum und, damit im Zusammenhang, das Entstehen einer neuen Empfindsamkeit, einer neuen Moral, die Wiederentdeckung des Körpers und der Natur als bereichernde und lebensschützende Kräfte erscheinen heute als historische Vorwegnahme einer einem neuen Realitätsprinzip unterstellten Gesellschaft — einer Gesellschaft, die das Erbe des Kapitalismus antreten und dessen Ende besiegeln würde.

Im wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Kampf gegen die Unterdrückung konkretisieren diese Bilder andeutungsweise eine Revolution, die an Tiefe und Reichweite alle vorangegangenen Revolutionen übertreffen würde; die wirklich einen qualitativen Sprung in die Freiheit darstellen würde. Angesichts dieser sehr realen Möglichkeit verstärkt die etablierte Ordnung ihr Repressionssystem und weitet es auf die Sphäre aus, wo sich Bedürfnisse und Befriedigungen des Individuums bilden. Genauso wie die Menschen in der materiellen Kultur an die Produkte, die das System liefert, angepaßt werden müssen, muß man im Bereich der intellektuellen Kultur den Teil der „transzendierenden“ Bedürfnisse und Befriedigungen, die nutzlos und dem Establishment sogar gefährlich sind, unterdrücken, zugunsten von Werten und Denkweisen, die für den Prozeß der gesellschaftlichen Reproduktion notwendig sind.

Derzeit ist ein konzertierter Angriff im Gange, um die Schulen und Universitäten auf eine Berufsausbildung hinzutrimmen: den Anteil der Human- und Sozialwissenschaften zu beschneiden und das Niveau des nichtprofessionellen Unterrichts zu senken. Auf diese Weise wird das für ein gutes Funktionieren des Systems notwendige, immer gigantischer werdende Arbeitskräftepotential von Kindheit an dazu angehalten, in sich selbst seine soziale Existenz und seine Unterwerfung zu reproduzieren — durch die Sprache, die man es lehrt, durch die Gefühle, die man ihm auferlegt, durch die Formen der Bedürfnisbefriedigung, die man ihm wünschenswert erscheinen läßt.

Repression funktioniert:
Polizeieinsatz gegen streikende Landarbeiter der UFW (Union of Farm Workers) in Lamont, California

Neues Proletariat

Aber kann der monströse wissenschaftliche und pseudowissenschaftliche Repressionsapparat, kann die ununterbrochene Neuschaffung von Bedürfnissen und Befriedigungen, die dazu bestimmt sind, die Sklaverei erträglich zu machen, können sie unbegrenzt den destruktiven Charakter des Systems und die Mittel seiner Beseitigung verschleiern? Die sechziger Jahre haben ein Erbe der Verweigerung und der neuen Ideen hinterlassen, die in der Tiefe, unter der Oberfläche der Integration, weiterarbeiten. Das radikale Potential hat sich verschoben: das Industrie„proletariat“ („blue collar‘‘) ist nicht mehr Alleininhaber des historischen Privilegs der Revolution, das es heute mit anderen Gruppen teilt: mit der Intelligenzija, insbesondere den Studenten, mit den Frauen, den Jugendlichen, den rassischen und nationalen Minderheiten. Die Aktivierung dieser Gruppen bezeichnet die Erweiterung der potentiellen Basis der Revolte und die Totalität der Veränderung — den Übergang also vom Quantitativen zum Qualitativen.

Mit der Totalisierung der Kontrollen erringt jetzt die andere Seite die Initiative. Vielleicht ist ein neues Gesellschaftssystem im Entstehen begriffen: ein neo- oder semifaschistisches Regime mit einer starken Verankerung in der Bevölkerung. Gewisse Anzeichen weisen in diese Richtung: der Rückgang der kapitalistischen Expansionsmöglichkeiten, das Anwachsen der abhängigen Bevölkerung, die Allianz der Mafia mit legalen Geschäftsgruppierungen, das Vordringen von Gewalt, der allgegenwärtige Rassismus, die Konzentration von Vernichtungswaffen in den Händen legaler Organe, die Korruption, die den gesamten demokratischen Prozeß infiziert.

Diesem Gespenst des Faschismus auf amerikanisch liefert die von Spaltungen zerfressene Linke ohne eine wirksame Organisation ein sehr ungleiches Gefecht. Ihre Hauptwaffe bleibt nach wie vor die politische Bildung — die Gegen-Erziehung — in Theorie und Praxis: ein langer und mühevoller Weg, der darin besteht, den Leuten bewußtzumachen, daß die Unterdrückung, welche zur Erhaltung der etablierten Gesellschaft erforderlich ist, nicht mehr sein muß und daß sie beseitigt werden kann, ohne durch ein anderes Herrschaftssystem ersetzt zu werden.

© Le Monde diplomatique (rückübersetzt aus dem Französischen)

[*Jonathan Cobb/Richard Sennett: The Hidden Injuries of Class, New York 1972 (Knopf), $ 2,45, öS 75

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