FORVM, No. 413/414
Mai
1988

Gutenachtgeschichten

In der Entwicklung künstlicher Intelligenz würden von führenden Wissenschaftlern in den USA menschliche Gehirnleistungen als ‚überholt‘ betrachtet und Denkmaschinen als legitime Nachkommen der Menschen angesehen ... So werde ernsthaft diskutiert, hochentwickelte Computer in den Weltraum zu schießen. Dort könnten diese ‚unsterblichen Maschinen‘ einen für wahrscheinlich gehaltenen atomaren Holocaust überleben.

„Süddeutsche Zeitung“ 24.3.1988

Ein Gibbon ist dem Leben in einem schwächeren Schwerefeld wie in einem Raumschiff von vornherein besser angepaßt als der Mensch. Noch mehr gilt das für Affenarten mit Greifschwänzen. Durch Pfropfen von Genen könnten solche Eigenschaften auch der menschlichen Rasse angezüchtet werden ... Und selbst wenn die Gefahr (eines Atomkrieges J. L.) übertrieben wäre, hätte es einen Sinn, strahlungsresistente Typen zu züchten, sobald wir wissen, wie man es macht.

„DIE ZEIT“ 25.3.1988

Fraglich nur, wer wen überholt, die Computerkonstrukteure die Gentechniker oder die Bombenbauer alle beide. Oder die Geschichten die Geschichte: Die Story vom bombenfesten Menschenaffen wurde 1962 schon auf einem Genetikerkongreß zum Besten gegeben, vorgeblich als humoristische Einlage. Bis heute ist umstritten, wie ernst der Spaß gemeint war, aber der Streit ist müßig, auf den Spielwiesen des Fortschritts verlieren die herkömmlichen Unterschiede und Unterscheidungen ihre Geltung. Möglichkeit und Wirklichkeit lösen sich ebenso im einen Reich der Phantasie auf wie die Fähigkeit, beide aus- und gegeneinander zu halten, nicht zufällig toben sich in den SDI-Laboratorien höchstbegabte Halbwüchsige aus. Und wenn eines der „whiz kids“ von der baldigen Entwicklung einer „brain-bomb“ tagträumt, deren Strahlung die Menschen um den Verstand bringt, [1] dann muß diese Bombe noch längst nicht wirklich geworden sein/werden können, sie ist schon explodiert, hat im Kopf ihres Ersinners ihre Wirkung schon getan.

Nicht nur im Kopf. Der zeitgemäße Irrsinn zeichnet sich vor früheren Spielformen durch seine Realıtätstüchtigkeit aus, zumindest in der Simulation läßt die Welt sich beinahe so rasch um- und aufbauen, wie sie sich außerhalb der Simulation in die Luft sprengen läßt. „Diesen Monat von IBM: Wie man 30 Millionen Jahre spart. Nehmen wir mal an, Sie wären die Mutter Natur AG und wollten als nächstes ein Modell rausbringen, das in 10 Sekunden von 0 auf 50km/h kommt ... Das Ergebnis wäre der Delphin. Und es hätte Sie ein paar Millionen Jahre voller Versuche und Fehlschläge, genetischer Sprünge, Testgenerationen, Evolution et cetera gekostet. Außer natürlich, Sie hätten dieses Projekt auf einem Computer Aided Design & Manufactoring System von IBM entwickelt.“

Offenbar halten sie selbst alles für möglich und alles Mögliche für wirklich. Man wird deshalb gut daran tun, ihnen auch alles zuzutrauen, überprüfen kann man es ohnehin nicht, dem Unkundigen ist leicht eine Plutoniumfabrik für eine Wiederaufbereitungsanlage vorgemacht, oder ein Nervengas für ein Pflanzenschutzmittel. Natürlich kann man sich kundig machen, ganzen Landstrichen haben die Kernkraftwerksbauer zu einem vertieften Wissen um die explosive Materie der Atomphysik verholfen. Aber man kann nicht jede Fakultät studieren und nicht jedes Forschungszentrum bereisen, um sich auf dem Laufenden zu halten.

Vor allem dann nicht, wenn das Laufende immer geschwinder enteilt und als letztes Hemmnis die Zeit selbst aus dem Wege zu schaffen verspricht.

Dann hinken sogar Computerencyklopädien hilflos dem Stand des Fortschritts hinterdrein und lassen die Urteilskraft nicht einmal mehr wissen, worüber sie urteilen soll (wenn sie denn noch urteilen soll). Der schlichte Sachverhalt ist nicht länger eruierbar. Denn die Sachverhalte sind nicht länger schlicht. Bislang hatte jedes Urteil über Segen oder Fluch von diesem oder jenem mit der schieren Größe und Komplexität des jeweiligen Gegenstandes (genug) zu tun und konnte sich auf seine Eindeutigkeit immerhin verlassen; dieses Atomkraftwerk stand da und die Wirkung jener Bombe war dort zu besichtigen, wo nichts mehr stand. Nun aber, im Zeitalter der Genesismaschinen, werden die Gegenstände flüchtig, ihre Konturen verschwimmen in Simulationen, sie lassen sich ausgerechnet dort nicht mehr greifen, wo Zahlen und Maße den Zugriff ermöglicht und den Begriff geschärft haben, in den exakten Wissenschaften der Mathematik und Natur. Die Nüchternheit selbst gerät ins Delir und läßt ihre dürren Fakten hinter üppigen Phantasiegebilden verschwinden.

„Chimären“ hießen derlei Gestalten im Volksmund früher, als die Angst der Menschen mehrere Schrecken zugleich in einen Körper projezierte und eine Ziege beispielsweise mit Löwenkopf und Schlangenschwanz ausstattete. „Chimären“ heißen derlei Gestalten heute in der Fachsprache jener Wissenschaft, die mit der Verschmelzung von Schaf und Ziege immerhin schon ihr Gesellenstück vorweisen kann. IBM bastelt nicht allein an der Nachbesserung der Natur, die Gentechnik macht den Simulationen Beine.

Ob’s auch wahr ist, was sie uns alles erzählen? Die Entscheidung fällt schwer bis unmöglich. Wenn im Gegenstand Wirklichkeit und Möglichkeit ineinander fließen, hat die Wahrheit als Urteilskriterium ausgedient. Morgen schon, oder wenigstens übermorgen könnte der humorige Greifschwanz aus der Retorte springen und sich köstlich darüber amüsieren, daß er gestern noch als joke erzählt wurde.

Mag schon sein, daß ein solches Fortspinnen der Story ebenso naiv ist wie die Story selbst. Aber gerade dann wäre es ihr angemessen. Kritik hat schließlich ihrem Gegenstand auf den Fersen zu bleiben. Soweit sie kann.

Und solange es ihn gibt. Die Genesismaschine von IBM kreiert ein gänzlich neues Etwas, das mit herkömmlichen Gegenständen nichts zu tun hat und nurmehr aushilfsweise „Gegenstand“ genannt werden kann, da ihm nichts entgegen steht, keine Beschwernis von Zeit und Raum, kein Widerspruch von Wirklichkeit und Möglichkeit, keine analytische Kategorie und schon gar keine ethische. Man steht dem Ganzen fassungslos gegenüber.

Nicht einmal das. Die bislang erstaunlichste Leistung des Undings liegt darin, daß ihm kein kynischer Hund nachkläfft, von den Meistern jener Zunft, die einmal die Zeit auf ihren Begriff zu bringen sich mühte, ganz zu schweigen. Allenfalls die zornigen alten Männer wehren sich noch und rufen die Gewalt oder andere Antiquiertheiten zu Hilfe. In der allerersten nacherzählten Geschichte, in der vom Fortgang der Evolution zum Computer, bringt der ehemalige Computerforscher und nunmehrige Mahner Joseph Weizenbaum ganz ernsthaft den Ernst in Anschlag: Die Wissenschaft denke „ernsthaft“ neue Monstrositäten aus.

Aber der Appell an den Ernst hat dort seine Kraft verloren, wo alles sich in Spiel auflöst. Natürlich (natürlich?) sind die genialen SDI-kids restlos infantil, darin liegt gerade die erste Wirkung der Gehirnbombe. Darin liegt aber auch ihre Unangreifbarkeit, sie sind so wenig zu greifen wie ihre Projekte. Denn sie sind ihre Projekte, nichts bleibt außerhalb. Mögen Veteranen des Fortschritts sich an Feiertagen oder im Ausgedinge mit der Reflexion dessen befassen, was sie in ihrem Alltag getan und erfunden haben („Die Verantwortung des Wissenschaftlers etc.“), die Kinder der Wissenschaft leiden an derlei Bewußtseinsspaltung nicht mehr, sie sind in neuer Weise gewissenlos. Bislang lag das Konstituens der exakten Wissenschaften in der methodischen Ausblendung des Subjekts: Vor Betreten des Labors hatte der Forscher seine Privatperson mit ihren Empfindsamkeiten und Skrupulositäten an der Garderobe abzugeben und fand sie dort nach beendetem Experiment wieder vor, konnte sie zum Nachdenken nutzen, wenn er wollte.

Nun ist die Wissenschaft weiter und das ausgeblendete Subjekt kehrt im Inneren des Computerverbundes wieder, freilich nicht als moralisch urteilsfähiges oder auf seinen Ernst ansprechbares Subjekt. Sondern als Wachträumer, der seine persönlichsten Phantasien als Produktivkraft freisetzt. Oder als Destruktivkraft. Aber auch diese Unterscheidung besagt wenig für den, der die Schöpfung ebenso leicht simulieren kann wie den Weltuntergang. Wenn Kinder einen Frosch aufblasen, wundern sie sich hinterher, daß die Fetzen nicht wieder auferstehen. Noch nicht einmal diese Reste von Realitätskontrolle bleiben beim simulierten Frosch oder der simulierten Welt.

Mit dem Ernst der Akteure ist nicht länger zu rechnen. Das wäre nur halb so schlimm, könnte man wenigstens auf den eigenen Humor und den des Publikums vertrauen. Aber wer kann noch lachen (oder, mit demselben Effekt: sich das Lachen im Hals stecken lassen), wenn die Phantasie des Witzes der ihres Gegenstandes nicht länger gewachsen ist?

Lange Zeit fand Kritik ihre letzte Zuflucht in Satire, im Vertrauen darauf, ein leichtes Überhöhen oder Extrapolieren einer Situation oder Entwicklung werde dieselbe in ihrem Unsinn kenntlich machen und die Adressaten mittels Chok das Fürchten oder Lachen lehren, bestenfalls gar das Handeln: Die Moral zog sich am Schopf ihres Gegenstandes aus der eigenen Bodenlosigkeit. Aber diese List der Vernunft kann nur gelingen, solange die jeweilige Entwicklung ein Weiterspinnen noch zuläßt. Und nicht selbst schon leistet. Stanley Kubrick konnte in seinem „Doctor Strangelove“ mit der Erfindung einer „doomsday-machine“ noch einen kleinen Vorsprung des (Noch-Nicht-)Möglichen vor dem Wirklichen herausschlagen. Inzwischen ist er erfunden, der vollautomatisierte Weltuntergang, wenigstens träumen sie davon in der Semirealität der SDI-Simulationen.

Nehmen wir mal an, Sie wären die Mutter Natur AG. Ganz im Ernst, nehmen wir es einmal an, warum sollten wir es denn nicht annehmen? Wenn uns das Wahrheitskriterium nicht mehr orientiert im Feld von Wirklichem und Möglıichem, kann es zumindest nicht schaden, sich auf das Schlimmste einzustellen.

Und nehmen wir weiter an, Sie wollten als nächstes keinen veralteten Plunder wie den Delphin auf den Markt werfen, sondern ein Modell, das den veränderten Lebensbedingungen gerecht wird. Beispielsweise einen pestizid- und strahlungsresistenten Landmann, der neben dem Kernkraftwerk frostfestes Kraftfutter (aus dem Sortiment Ihrer Konkurrenz) zieht und es anschließend an seine 10.000-Liter-Kuh verfüttert. Warum eigentlich nicht? Warum sollten wir es nicht machen, wenn wir es könnten? Welche Moral oder wer oder was sonst spräche mit welchen Gründen dagegen? Ihr Magen ist ein schwacher Einwand, er ließe sich schon beizeiten anpassen an die neue Kost.

Nur ruhig Blut. Die Suppe wird erst gekocht, und dann werden die Löffel ausgeteilt. Schließlich leben wir noch, und zwar nicht schlecht, von Zeilenhonoraren ist hier nicht die Rede. Sondern von dem Privileg, in relativer Ruhe über allerlei Spielformen des Weltuntergangs schreiben und lesen zu können. Vielleicht fällt uns doch noch etwas ein?

Und wenn schon nicht uns, dann wenigstens jenen, die die Gesellschaft eigens in Brot und Professorenwürden setzt, auf daß sie sich etwas einfallen lassen? Wo bleiben sie eigentlich im Fortschrittsgetümmel, die Herren von der Philosophischen Fakultät? Weit und breit nichts zu sehen. Doch. Dort drüben versammelt sich ein ganzes „Kursbuch“ um die neue Weltweisheit: Um die Reclamausgabe der Genesismaschine.

„Die Geisteswissenschaften“, belehrt uns Odo Marquard ein ums andere Mal, „die Geisteswissenschaften helfen, als erzählende Wissenschaften, jene lebensweltlichen Verluste zu kompensieren, die die durch die experimentierenden Naturwissenschaften angetriebenen Modernisierungen herbeiführen.“ [2]

„Kompensation“ heißt der Schlüssel, mit dem der Philosoph die Studierstube absperrt und seine verdutzte Hörerschaft ins Kinderzimmer winkt: „Die Philosophie muß wieder erzählen dürfen“ und verzaubert sich flugs in eine „Kompensationsfee“, die den Hänseln und Greteln noch mitten in der Wüste weismacht, sie hätten sich erstens nicht verirrt, sondern gingen zweitens in einem Walde, der drittens gar nicht verstorben ist, so für sich hin.

Marquard ist ein gewitzter Apologet des Fortschritts, er läßt die Illusion fahren, die Menschen könnten sich in der von ihnen resp. ihrer Wissenschaft und Technik gemachten Welt noch zurechtfinden, zu weit sind „Entnatürlichung“ und „Entgeschichtlichung“ vom Fassungsvermögen fort geschritten. Diesen Fortschritt halten die Menschen nicht länger aus. Aber nicht etwa deshalb, weil er ihre Welt kaputt macht. Sondern weil er ihre „Lebenswelt“ obsolet werden läßt, ihre subjektive Orientierung in der Welt. Mit den Verhaltenssicherheiten von gestern ist schon heute nichts mehr anzufangen. Und erst morgen? Morgen sollen die Sitten und Bräuche von vorgestern die vollends Unmündigen bei Laune und „Ersatzerwachsensein“ halten, morgen sollen die „Geisteswissenschaften“ (gemeint ist Marquards Vorstellung der Geschichtswissenschaft) an die Fortschrittsfront geworfen werden und Gespenstergeschichten zum allgemeinen Besten geben.

Die Welt ist durch Technik und Wissenschaft „farblos“, „fremd“ und „kalt“ geworden? Das ist sie, und daran ist, für Marquard auch im normativen Sinn, nichts zu ändern. Aber der „lebensweltliche Farbigkeitsbedarf“ läßt sich schließlich auch mit einer bunten Brille beheben („Sensibilisierungsgeschichten“), mit „Christentum“, „Humanismus“ und anderer „Denkmalpflege“. Denn „eines ist die Wahrheit, ein anderes, wie sich mit der Wahrheit leben läßt: für jene ist — kognitiv — das Wissen, für dieses sind — vital — die Geschichten da“. Und wenn jene unerträglich wird, dann muß der Augapfel neu tapeziert werden, auf daß „die Wirklichkeit aussehender“ aussehe, „als Verlockung zum Lebenbleiben“.

Nur an Mitstreitern mangelt es Marquard bislang. Aber das macht nichts, auch hier und gerade hier bewährt sich die Kompensationshypothese. „Philosophie ist die Simulation von Lebenserfahrung“ dort, wo mangels Welt keine Erfahrungen mehr gemacht werden können. So legt er denn immer wieder los, wahrhaft wie die Genesismaschine selbst. Und als ihr kongenialer Partner bei der Doppelconference. Kann machen, daß die Lahmen sehn.

Und daß die Blinden wieder gehn. Denn purer Menschenfreundlichkeit entspringt der ganze Zauber nicht. Nicht nur die Menschen halten den blinden Fortschritt nicht länger aus, auch der Fortschritt hat von den Lahmfüßen genug und will sich nicht ewig dreinreden lassen, sollen sie sich lieber von den guten alten Zeiten erzählen. „Die Geisteswissenschaften sind ... nicht modernisierungsfeindlich, sondern — als Kompensation der Modernisierungsschäden — gerade modernisierungsermöglichend ... Und je mehr versachlicht wird, desto mehr — kompensatorisch — muß erzählt werden.“ Und je mehr erzählt wird, desto flotter läuft das Werkel. Und wenn sie nicht an ihren Bomben und Giften gestorben sind, nein, dann erzählen sie auch nicht mehr, dann sind sie stockheiser.

Aber kein Märchen ohne finstere Gestalten. „Miesmacher“ hießen sie früher einmal, heute leiden sie differenzierter an „einer Art negativer Trunkenheit“ und/ oder einer „als Reflexion zelebrierten Dummheit“. Es geht ihnen einfach zu gut, deshalb schicken sie ihre „Übelstandsnostalgie“ und ihren „frei flottierenden quasimoralischen Revoltierbedarf auf (die) Suche nach Gelegenheiten, sich zu entladen“. Ausgerechnet bei ihren Wohltätern werden sie fündig und sprayen als Teufel an die Wand, was ihnen die Spraydose erst in die Hand drückt: Den Staat, den Kapitalismus, die Technik. „Je mehr Umweltschonung sie (die Technik J. L.) faktisch ermöglicht, desto mehr wird sie zur Umweltbelastung erklärt“, und weil sie vor nichts halt machen, unterliegt neuerdings gar die Naturwissenschaft „wieder einer Zensur in Namen des Heils“, wie im finstersten Mittelalter!

Der Sandoz-Werkschor stimmt dazu die Weise vom Fischlein im Rhein an. Denn Gesang stillt den Tonfarbenbedarf und das Liedgut muß vor dem Vergessen bewahrt werden, auf daß es den „Kontinuitätensinn“ wachhalte und den „Konstantenverächtern der Kritischen Schule“ eine Harmonielehre erteile: „Die Beweislast hat der Veränderer!“, mahnt der Refrain. Denn die Veränderer sind die, die sich der Veränderung in den Weg stellen, anstatt dem Fortschritt „nüchtern Bejahungshilfe“ zu leisten.

Kein Zweifel, der nimmt uns auf den Arm, und zwar ganz schön. Lachen wir lieber mit, Lamentieren wäre müßig: Die „nationale Geistheilung“ (Karl Markus Michel) hat Konjunktur, und die macht sie nicht selbst. Marquard erzählt seine Geschichte seit dreißig Jahren. Daß er ausgerechnet jetzt so gerne gesehen ist, im Feuilleton von „ZEIT“ bis „Furche“, bestätigt nur, daß seine Diagnose stimmt: Die Vernunft kann sich selbst nicht mehr folgen, ihre praktische Abteilung gibt den Wettlauf mit der theoretischen auf und richtet sich in der Behaglichkeit ein.

Marquards Pointe liegt nicht in seiner Aufspaltung der Welt in eine wirkliche und eine zum Überleben. Das kann ein Habermas auch, der gleichfalls seit dreißig Jahren dasselbe schreibt, und beinahe dasselbe wie Marquard: Technik und Wissenschaft werden beim einen wie beim anderen aus der Reflexion entlassen, nur heißt deren Freigehege bei Habermas „Diskurs“ oder „kommunikatives Handeln“ (oder schon wieder anders) und macht der Trockenheit seiner Namen alle Ehre. Habermas hält an den Ansprüchen der einen praktischen Vernunft fest und läßt sie zugleich ins Leere laufen, über die Vernünftigkeit aller Inhalte soll befunden werden, wenn erst einmal die formalen Diskursbedingungen entdeckt sind. Bis dahin ist der „Diskurs“ mit sich selbst beschäftigt und vermag weder die Lebenswelt noch den Fortschritt zu orientieren, geschweige denn beide zusammenhalten. Das Publikum gähnt nicht einmal mehr.

Wie anders kuschelt sich’s in Onkel Marquards Ohrensessel. Gerade weil er jede bewußte Verbindung zwischen Welt und Lebenswelt kappt und nicht nur zwei unterschiedliche Entwicklungslogiken festschreibt, sondern beide als moralische Subjekte mit gleichen Rechten ausstattet — der Fortschritt soll weitergehen, die Menschen sollen leben —: Gerade deshalb bringt er die Welten wieder zusammen: Auf der Kompensationsschaukel. Und unterhaltsam ist er auch, er nimmt uns wirklich schön auf den Arm mit seinen Konstanten, hie Welt, hie Lebenswelt, auf ewig getrennt, Wundern wird er sich erst, wenn die eine Welt der anderen trotz seines Verbots hineinredet und unter seinen Hörern der erste Greifschwanz auftaucht.

Freilich ist das eine boshafte Unterstellung, der Greifschwanz wird wahrscheinlich gar nicht erst auftauchen bei Marquard. Weil er möglicherweise kein lebensweltliches Farbigkeitsbedürfnis mehr hat.

„Der Dogmatismus nennt sich heutzutage Kritik und ist die Position der Totalkompetenz der Philosophie.“ Jetzt schlägt Marquard zurück, aber er ist ein höflicher Philosoph, Namen nennt er nie. Hinter irgendwelchen sieben Lehrkanzeln also soll sie noch hausen, die „quasigöttliche Souveränität“, die sich selbst zum Weltgewissen aufschwingt und der Wirklichkeit allerlei Vorschriften machen will. Wen meint er nur mit dieser neuen Gespenstergeschichte, den Weltgeist, die Weltrevolution? Die gehen doch nicht einmal mehr in Philosophischen Proseminaren um!

Aber diesmal muß man Marquard Abbitte leisten, im „Kursbuch“ rettet noch einer die Geisteswissenschaft. „Ich möchte meine Ausführungen in dem Gedanken zusammenfassen, daß heute nichts so dringend und lebensfördernd wäre wie die Entwicklung des kulturwissenschaftlichen Denkens auf allen Ebenen ... Und noch ein Wort ... Die rationale Aufarbeitung der Technik für die menschlichen Lebenszusammenhänge ... ist unabtrennbar davon, daß kein Schritt der technologischen Entwicklung ohne gleichzeitige Erweiterung des demokratischen Mit- und Selbstbestimmungsrechts möglich ist.“

Ende der feierlichen Deklaration zur Rettung des Schönen, Guten und Wahren, gez. Oskar Negt. Die technologische Entwicklung wird sich grämen und allenfalls im erbaulichen Ton Trost dafür finden, daß ihr Fortschreiten von aller menschlichen Mitbestimmung von ebenderselben „unabtrennbar“ an die Kette gelegt wird.

Dann wird sie einen milderen Herren suchen und hinübertrotten zu Marquard, wo sie sich keine Märchen anhören muß.

Denn der Märchenerzähler ist ein Realist, er ratifiziert den Stand des Fortschritts: Die herkömmliche Moral gilt nur noch im Museum. Die alten Götter sind entzaubert, neue haben sich, allen geschichtsphilosophischen Listen der Vernunft zum Trotz, nicht eingestellt.

Aber das Marterl von Wackersdorf? Seine Widerstandskraft wissen selbst Atheisten zu schätzen, im Innern des Museums werden alle Feindschaften begraben, seit die Abrißbirne an die Außenwand klopft. Die Fundamente sacken trotzdem ein. Ein christlicher Schöpfungsbegriff wird dem Umbau der Welt so wenig gerecht wie irgendeine Vorstellung von der Natur, die nur in der Idylle des Städters schön friedlich ist, und diese Idylle nur dort nähren kann, wo sie gar nicht Natur ist, sondern Kultur, selbst Produkt des Umbaus. Wie sollen ökologische Regelkreise — selbst ein terminus technicus, aber das nebenbei — menschliches Handeln legitimieren und warum sollte die Evolution ausgerechnet dann einhalten, wenn sie ganz neue Schubkräfte freisetzt?

Und die Bauherren des Fortschritts, die Aufklärung mit ihrem Vertrauen in die Mündigkeit des Subjekts und die objektiven Tendenzen hin zum Reich der Freiheit? Sofern sie nicht unerschütterlich wie Negt den Bauplan vor die Augen halten, wundern sie sich, wie ihnen das Gebäude ihrer eigenen instrumentellen Vernunft über den Kopf wächst und, weit und immer weiter entfernt von der Gewährung irgendwelcher Mitbestimmungsrechte, seinen Bewohnern immer enger auf die Haut rückt. Wissenschaft und Technik bleiben beim Umbau der außermenschlichen Natur nicht stehen, warum sollten sie auch? Es ist ihr Prinzip, fort und fort zu schreiten und alles mit ihrer Vernunft zu durchdringen: Alles zur Vernunft zu bringen, ob es nun mithalten nicht kann oder will.

Wenn beispielsweise der alte Wald nicht vernünftig genug ist für den Sauren Regen, ist es dann nicht geradezu Pflicht der Vernunft, für die neuen Umweltbedingungen einen neuen Wald zusammenzuklonen? Und wenn beispielsweise der Alte Adam?

Stellen wir uns noch einmal vor, Sie könnten den Greifschwanz aus der Genesismaschine ziehen, oder er begegnet Ihnen an der nächsten Straßenecke. Dann ist er nicht nur wahr, sondern auch moralisch schwer anfechtbar. Die fortschrittsimmanente Ethik hat er für sich, und jede transzendente, etwa den „Menschen als Maß“, wird er mit Recht von sich weisen, nirgends steht geschrieben, daß das Subjekt der Vernunft ausgerechnet der Mensch in seiner heutigen Gestalt ist und bleiben soll, oder überhaupt der Mensch. Und wenn es irgendwo geschrieben steht, dann hat es für ihn keine Relevanz, weil der Fortschritt zum einem gerade gegen die Willkür der alten Autoritäten angetreten ist und zum anderen seinerseits eine Blankovollmacht vorweisen kann, unterzeichnet von uns, die wir die Vernunft gepachtet haben. Es ist ein und dieselbe Vernunft, deshalb fällt uns nichts Vernünftiges gegen sie ein.

Nur Unvernünftiges. Die ganze Vorstellung macht Schaudern, mir wenigstens läuft es eiskalt den Rücken herunter, und ich weiß nicht einmal warum. Die Urteilskraft sitzt in der Haut, irgendwelche Reflexe bieten der Kritik ihre allerletzte Heimstatt. Kaum huscht die erste patentierte Kunstmaus durch die Nachrichten, da sträuben sich ganz automatisch die Haare zu Berge. Mehr habe ich nicht einzuwenden. Ist es nicht ganz vernünftig, zu Zwecken der Krebsforschung Kunstmäuse herzustellen? Wäre es nicht noch vernünftiger, und vor allem: humaner, den Versuchstieren das Leiden zu ersparen und demnächst eine schmerzunempfindliche Maus zum Patentamt zu tragen, eine, deren Haare sich nicht zu Berge sträuben? Dann habe ich nichts mehr einzuwenden.

Aber vielleicht fällt Ihnen etwas ein. Das FORVM schreibt aus gegebenem Anlaß einen Wettbewerb zum Thema „Ethik im Zeitalter der Genesismaschine“ aus. Zu gewinnen gibt es, ja, das soll Ihnen gerade einfallen: Was und wie es noch etwas zu gewinnen gibt.

PS: Einsendeschluß: 30. August

[1Über den Stand der SDI-Forschung und den Bewußtseinsstand der SDI-Forscher informiert immer noch am besten: W. J. Broad, „Star Warriors“, New York 1985 (deutsch unter dem Titel „Der Krieg der Sterne“, Schweizer Verlagshaus 1986).

[2O. Marquard, „Abschied vom Prinzipiellen“, Reclam 1981; ders. „Apologie des Zufälligen“, Reclam 1986; „Kursbuch“ 91: „Wozu Geisteswissenschaften?“ Ich weise die Zitate im einzelnen nicht nach, da es ganz gleichgültig ist, in welche der vielen Geschichten Marquards man hineinblättert, es ist immer dieselbe. Natürlich ist das kein Einwand.

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