FORVM, No. 387/394
September
1986

Hindu-Faschismus

Der Titel soll nicht den Eindruck erwecken, ich hätte irgendwelche Ressentiments gegen den Hinduismus — das wäre bei einem Hindumönch kaum möglich. Liest man solche Ausdrücke wie „christlicher Faschismus“ oder „jüdischer“ oder „islamischer Faschismus“, dann vermutet man freilich meist mit Recht, daß der Autor diesen Systemen freundlich gesonnen ist, z.B., wenn Arafat vom „zionistischen Faschismus“ oder ein indischer Kommentator vom „islamischen Militärfaschismus in Pakistan“ spricht.

Mein Titel ist aber sorgsam gewählt; nimmt man Jacques Derrida ernst — ich sehe in seiner Dekonstruktion sozial und politisch analytische Nutzanwendung erster Güte — dann gilt es nicht nur, bestimmte belletristische oder philosophische Thesen zu dekonstruieren, sondern eben alle beschreibenden Wortbildungen ideologischer Natur. Hierzu gehört auch die Entfernung aus historisch kontrollierten Spezialzusammenhängen. Ganz leicht fällt es, den Nazismus als Faschismus zu erörtern, im englisch-amerikanischen Sprachgebrauch sind die Ausdrücke fast synonym. Sollen solche Worte aber analytischen Wert haben, müssen wir sie aus dem geschichtlichen Urkontext ziehen und für thematisch verwandte Situationen anwenden können.

Um das Jahr 2000 wird die Hälfte der Menschheit eine hinduistische Menschheit sein. Denn im Gegensatz zu der sehr erfolgreichen, wenn auch etwas krassen chinesischen Geburtenkontrolle ist die indische Bevölkerung, sehr zur Sorge ihrer Führerschaft, anscheinend nicht, oder nicht schnell genug kontrollierbar. Nun ist es aber so, daß man den Hinduismus außerhalb des rein Demographischen gar nicht so definieren kann wie etwa die Mittelmeerreligionen. Jeder halbwegs belesene Rabbiner, Mullah, Pastor oder Priester, und viele Laien, können, wenn man sie drängt, die Essenz des jüdischen, islamischen, oder christlichen Glaubens in wenigen Sätzen zusammenfassen, und zwar so, daß sie dabei zwar wenig, aber nichts falsches über diese Traditionen aussagen. Seit der Mitte dieses Jahrhunderts stellt eine ganze Reihe von Hindulehrern fest, daß auch der Hinduismus ganz klipp und klar und bündig definiert werden kann. Das kann er aber nicht, und die Herren irren sich gewaltig, oder sie betrügen sich. Diese Behauptungen sind ein auf den Kopf gestelltes Überbleibsel der Kolonialherrschaft — alle diese hochpatriotischen, anti-imperialistischen Sprecher wissen nicht, daß diese Suche nach einem einfachen Nenner des Kulturkerns ein Import des christlichen Abendlandes war. [1]

Diese Einstellung ist auch ein Teilaspekt des Hindufaschismus, und daher sehe ich sie gleichfalls syllogistisch als einen abendländischen Import. Weder den klassischen noch den traditionellen, von der englischen Sprache und von der abendländischen Kultur und ihren ideologischen Zwisten unberührten heutigen Hindugelehrten, wie etwa den Mitgliedern der brahmanischen Asketenorden, noch den Priestern an den zahlreichen heiligen Stätten verursachte die Komplexität, das Nicht-auf-einen-einfachen-Nenner-bringen-Können des Hinduismus je das geringste Unbehagen.

Vergessen wir nicht, daß Mahatma Gandhi selbst ein Produkt des Abendlandes war, in einem sehr wirklichen Sinne: seine zivile und eine religiöse Grundhaltung wurde durch den Puritanismus des britischen Mittelstands in seinen Londoner Studienjahren sehr stark und unauslöschlich beeinflußt. Gandhi’s Ansicht, daß der Hinduismus einfach und klar sei, daß seine Lehren ın ihrem Kern zunächst mit der christlichen, dann aber auch der islamischen und allen anderen Religionen identisch wäre, wird heute von allen modernen, d.h. vom Englischen her informierten Hindus geteilt — das nenne ich „offizielle Kultur“ des heutigen Indiens. Religionswissenschaftlich ist das ganz falsch und recht kindisch, aber diese Tatsache mindert natürlich keineswegs die Größe des Mahatma.

Mit einem anglisierten Hinduismus, wohl von Gandhi zuerst repräsentiert, fiel auch meines Erachtens die Absorbierung einer europäischen Art des politischen Denkansatzes zusammen. Vergessen wir nicht, daß ja Vorstellungen wie „Demokratie“, „Sozialismus“, „Nationalismus“ in allen Ländern der dritten Welt ideologische Importe der vormaligen Kolonialherren waren. Selbst der Begriff „Indien“ als geopolitische, nationale Großeinheit, als ein einheitlicher Staat, als eine Nation, ist ein fremder, von den Briten konstituierter Begriff, und es ist irgendwie doch ironisch, daß die Freiheitskämpfer Indiens, Kenyas, Afghanistans usw., bis heute für politische Einheiten kämpfen und fallen, die selbst von den Kolonialherren geschaffen worden waren.

Freilich wäre es ganz falsch und für das Verstehen der indischen ideologischen Situation hinderlich, anzunehmen, daß der verwestlichte Teil des indischen Denkens isoliert dastünde, daß man ihn in seine rein indischen und seine importierten Komponenten sauber zerlegen könnte. Es handelt sich hier vielmehr um einen sehr komplexen, recht undurchsichtigen Mechanismus, der beide Quellen vermischt und der das heutige politische Denken und auch das politische Handeln in Indien zu erklären vermag.

Kolonialkonstrukt „Nationen“

Und hier sind wir schon in mediis rebus — beim Hindu-Faschismus, unserem Thema. In den indischen Sprachen gab es ebensowenig Worte für Faschismus wie für Nationalismus, Demokratie und dergleichen. Diese importierten Begriffe haben zwar alle im offiziellen, journalistischen, rundfunk- und fernsehverbundenen indischen Sprachgebrauch Verwendung, sind aber alle Neologismen, die im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte erfunden, aus dem Englischen übersetzt und ziemlich künstlich und forçiert eingebürgert worden sind. Dies wird so gemacht, daß Sprachspezialisten, auch von der Regierung beauftragte, mit Sanskritwurzeln die griechischen und lateinischen Wurzeln ersetzen, dies dann kombinieren und neue Termini schaffen. Ganz analog verfährt man ja z.B. auch in ostafrikanischen Ländern und anderswo. Aber diese neuen Begriffe sitzen oberflächlich, eben weil sie kulturfremd sind. Sie lassen sich daher frei und grenzenlos interpretieren — es gibt dann einen indischen Sozialismus, Kommunismus, Nationalismus usw., und die führenden Eliten verwenden diese Termini nach Belieben.

Nun gibt es aber keinen terminologischen „Faschismus“ in Indien, und a fortiori auch keinen terminologischen Hindu-Faschismus, der als solcher von denen, die ich hier Hindu-Faschisten nenne, gebraucht würde, um sich selbst zu bezeichnen. [2] Vielleicht ist jedoch gerade das Nichtvorhandensein eines Wortes für „Faschismus“ unbewußt besonders wirksam. Ein Wort, dem ausschließlich aggressive, unmenschliche, geschichtlich verworfene Bedeutungen anhaften, wird nicht übersetzt und auf sich selbst angewendet: man kann ohne solch ein belastetes Wort frisch und fröhlich all das denken und tun, was man damit verbunden weiß. Das heißt nicht, daß es da keinen Faschismus gibt. Ihn selbst brauche ich nicht zu definieren, denn ich nehme an, FORVM-Leser erkennen ihn, wo er sich zeigt. Alles aber, was der Faschismus in seinen europäischen und seit Ende des Zweiten Weltkrieges in seinen lateinamerikanischen Varianten über sich sagt — nicht, was er tut, denn das leugnet man ab — eignet der Rhetorik des Hindu-Faschismus: Der Staat muß stark sein, Demokratie ist schwach und fremd, unwirksam, entmannend. (Es sei denn, ein spezifischer faschistischer Staat nennt sich selbst eine Demokratie, wie etliche der kleineren südamerikanischen Bananenrepubliken: dann sind’s eben die anderen, oder die Feinde innerhalb der eigenen Grenzen, die diese widerwärtigen Züge aufweisen.) Das unpersönliche, bürokratische, namenlose Erarbeiten und Weiterleiten öffentlicher Funktionen, die Wahl der Führerschaft durch echte, d.h. heimliche Wahlen, all das ist nicht tragbar. Stattdessen braucht man einen starken Mann oder eine charismatische Frau, die gut aussehen, die souverän sind und denen die Menschen begeistert und willig in den Tod folgen, sei es ein Fürst, ein König, ein waffenstarker Politiker oder Soldat, und in Indien ein zaubermächtiger Asket, ein Gott oder eine göttliche Inkarnation. Jemand, dessen Urteil ihm selbst von irgendeiner der Allgemeinheit nicht zugänglichen Macht offenbart wurde und der es sozusagen nur ausführt, ein Charismatiker, der privilegierte Informationen besitzt, die seine Zeitgenossen nicht haben. In Indien ist man sich solcher Kriterien nicht nur ganz ungeniert bewußt, man verkündet sie offen.

Eben haben wir aber die spezifisch indische Schwelle übertreten: der göttliche oder gottähnliche Charismatiker ist nicht nur in der epischen Literatur der Hindutradition, dem Mahabharata und der Ramayana zentral, wo diese weltbesiegenden Götter in Menschengestalt („Avatar“ heißt wörtlich „herabgestiegen“) den mythischen Kern bilden. Eine solche Selbstdarstellung wird jederzeit, also auch jetzt akzeptiert, doxologisch fundiert, ist kein in illo tempore: wem es heute, sagen wir 1986 gelingt, — und wer zunächst selbst glaubt, daß er avatarische Berufung und Kraft besitzt — diesen Ruf zu erlangen und beizubehalten, der hat als Menschenführer oder -verführer sein Ziel erreicht. In der Bhagavadgita, einem der wichtigsten Hindutexte, heißt es ausdrücklich, daß derjenige, der seine Einheit mit dem Göttlichen erkannt hat, alles tun kann, was ihm beliebt. Selbst wenn er tötet, hat er nicht getötet, denn er identifiziert sich ja nicht wie die anderen Menschen mit seinem Körper, seiner individuellen, empirischen Person, sondern mit der Gottheit. Dieser Satz ist der doktrinär-religiöse Kern, den Machtsucher für sich in Anspruch nehmen.

Und dies ist freilich etwas ganz anderes als etwa die komfortable Symbiose der griechischen Generäle von Papandreu, oder die sich selbst zu lebenslänglichen Präsidenten ernennenden afrikanischen oder lateinamerikanischen Sergeanten und Obersten. Denn auch wenn sie wenigstens anfänglich einen bedeutenden Teil der Bevölkerung auf Grund ihres Charismas für sich gewinnen, ist dies kein character indelebilis wie etwa das Priestertum des katholischen Priesters, oder das Avatartum des Hindugotthelden. Die Wut, die die Stößners und andere Präsidentengeneräle erfaßt, wenn die Kirchenfürsten, die sie vorerst unterstützt haben, sich gegen sie zu stellen beginnen, erklärt sich aus dem Abbruch dieser komfortablen Symbiose — denn in der guten alten Zeit kamen Kirche und Fürst meist recht gut und zu beider Vorteil miteinander aus. Im Hindufaschismus ist dies aber radikal anders: nie würde ein General oder ein auf rein weltliche Macht und auf weltliche Erziehung sich berufender strong man an die Spitze kommen. Das Konzept eines Kadermilitärs, weitgehend unpolitisch, ist in Indien britischen Ursprungs, die ersten Generäle der indischen Armee nach 1947 wurden alle noch in Sandhurst ausgebildet. Diese Auffassung des Berufsarmeeischen erkennt nicht nur persönliches Charisma nicht an, sondern es befördert den Charismatiker erst gar nicht zu hohem Rang. Aber die starke Tendenz im Hindufaschismus — ich komme gleich zu einem wichtigen Beispiel —, in paramilitärischen Organisationen religiös-politische Charismatiker als Führerfiguren zu suchen und zu etablieren, ist ein Grundkriterium des Faschismus überhaupt, insbesondere aber des Hindufaschismus. Hierauf komme ich nochmals zurück.

Wir haben in den Vereinigten Staaten freilich Parallelen: Der saudumme, aber immer noch nicht ungefährliche Ku-Klux-Klan, die gar nicht dummen, aber nicht minder gefährlichen Senatoren Helms und Laxalt, die Pastoren der aggressiveren Fundamentalistengruppen Jim Jones und Jonestown, alle waren nur ausbrechende Geschwüre eines Kryptofaschismus, antisemitisch, antischwarz. Alle haben gesinnungsstützende Dicta aus dem Alten und Neuen Testament zur Verfügung. Eines aber fehlt ihnen vollständig: der Begriff und die pragmatische Nutzmöglichkeit des Begriffs des Avatars, die kanonisch unterstützte Möglichkeit, daß ein starker Mensch mit allen denkbaren Ansichten und Absichten vielleicht eine Inkarnation, ein Avatar sein mag. Ich sehe mit den großen intellektuellen Vorteilen einer immanentistisch-monistischen Lehre wie der des Hinduismus auch große Nachteile: vor allem die Gefahr, daß ein Charismatiker, der zu politischer Macht gelangen will, sich direkt auf die Schriften berufen kann, auf Vorbilder wie die Kulturheroen Rama und Krischna. Wird ihm das wenigstens von einem Teil der Bevölkerung geglaubt — und glaubt er es selber (dies halte ich für psychologisch obligat), dann ist er freilich gefährlich, weil ihm göttliche Wesenshaftigkeit eignet. In den dualistischen Weltreligionen, d.h. den drei mittelmeer-entsprungenen, käme ein solcher Denkansatz gar nicht zustande, denn wie immer geliebt ein Mensch von Gott sein mag, wie immer auserkoren und ausgesondert, er kann nicht Teil der Gottheit sein, er bleibt Geschöpf. Im Islam ist diese Unmöglichkeit am schärfsten ausgedrückt: die größte Sünde, die größte Blasphemie ist shirk, das Aufstellen von Partnern für Allah.

In der politischen Praxis in Indien wirkt sich dies nun so aus: die „offiziellen“ Nationalisten waren die Anhänger und Mitglieder des Nationalkongresses, sind es heute wieder, und alle bekannten und bekennen sich zu Gandhi und zu seiner Axiomatik der Gewaltlosigkeit (ahimsa), die ja auch völlig in den Hinduschriften verankert ist. Aber auf der rechten Seite des Kongresses, und schon sehr bald nach seiner Begründung vor einem Jahrhundert, kam da noch in gleichem Maße ein politischer Hinduismus zum Wort, der ahimsa entweder nicht betonte oder ablehnte, dessen Führung z.T. traditionelle Hindugelehrte, wie B. G. Tilak, teils einfache, politisierte Hindus innehatten. [3] Der Hindu Mahasabha („Hindu-Groß-Partei“) — zu seinen Vätern zählte Pandit Madan Mohan Malaviya, Gründer der Benares Hindu University, der allerersten und größten, jetzt staatlichen Universität des Landes — wurde unter den Augurien des aggressiven Hinduismus konzipiert. Die Sympathien der zahlreichen Journalisten, Redner, Hochschullehrer, Schriftsteller, Rechtsanwälte, die dem Mahasabha entweder als Mitglieder angehörten oder ihm sehr nahe standen, waren natürlich gemeinsam mit den „gewaltlosen“ Kongreßpolitikern gegen die britische Herrschaft. Jedoch die Gewaltlosigkeit war ihnen zu uneffektiv und schlicht zuwider. Sie beriefen sich auf die heroischen, soldatisch-charismatischen Texte und Figuren aus der Hindudogmatik und Mythologie, die ja zusammen mit den völlig friedlichen Elementen diesen komplizierten Kodex ausmachen.

Keuscher „Führer“

Jemand, der potentiell oder wirklich politisch mächtig ist, und unter dem Banner des aggressiven, charismatisch-heroischen Hinduismus aufzutreten vermag, hat in Indien, wie schon gesagt, gewonnen: Millionen von Menschen schließen sich ihm an. Das Heilige war es ja auch bei Gandhi, das Indien zu ihm zog: man sah und sieht ihn als Avatar der Nächstenliebe, der Askese, des Opfersinns, der Gewaltlosigkeit. Das ist außerhalb Indiens wohl bekannt. Was aber nicht oder nur Wissenschaftern und Orientalisten bekannt ist, sind diejenigen Ideologien und Ideologen Indiens, welche die andere Wahl getroffen haben und die bewußt oder vielleicht nicht ganz bewußt, aber zumindest informiert, in die Rolle des heldischen Avatars fallen. Da war vor allem Subhas Chandra Bose. „Netaji“ (ganz wörtlich und bewußt „Herr Führer“), dessen Name außerhalb Indiens nicht in aller Munde ist wie Gandhi oder Nehru. Jedoch in Indien, und darüber hinaus in Südostasien und überall dort, wo es große indische Minoritäten gibt, ist bis zum heutigen Tage „Netaji“ der politische und kulturelle Heros, mehr als Nehru, mehr als Gandhi. Ganz gleich, ob man mit einem Hindu, Sikh, Muslim, Parsi oder einem indischen Christen spricht, sobald das Gespräch auf den Unabhängigkeitskampf und auf die Fehler der indischen Regierungen seit der Unabhängigkeit kommt, leuchten die Augen auf und Netaji Boses Name fällt. Man spricht von ihm als einem, mit dem und unter dem es anders aussähe als jetzt, besser, irgendwie paradiesisch.

Ganz kurz seine Geschichte — die wirkliche, nicht die mythologisierte: aus einer reichen, aristokratischen bengalischen Familie stammend, war er Primus seiner Klasse, geriet mit einem seiner britischen Lehrer in eine Auseinandersetzung und gab ihm, dem Lehrer, eine Ohrfeige. Er wurde natürlich sofort relegiert, und das kam in alle Zeitungen. Als junger Mann ging er nach England, wo er die äußerst renommierte und schwere Indian Civil Service Prüfung bestand, in Indien seinen Anspruch auf hohen Staatsdienst aufgab, und sich der Kongreßpartei anschloß — er wurde sehr schnell zum Bürgermeister von Kalkutta gewählt. Mit Gandhi war sein Verhältnis von allem Anfang an gespannt. Bose wollte nichts von der politischen Gewaltlosigkeit wissen, er identifizierte sich mit einem äußerst radikalen antibritischen Aktivismus, der eine interessante, weil nicht definierte Mischung von rechts und links war. Als Führer des Forward-Blocs war er bald der stärkste — und bei der indischen Jugend der beliebteste. Die britische Regierung nahm ihn mit allen anderen hohen Nationalistenführern während des Kriegs gefangen. 1941 entkam er recht abenteuerlich aus der Haft und aus Kalkutta, gelangte zunächst nach Moskau, zur Zeit des kurzen Flirts zwischen Moskau und Berlin. Er erschien dann mit einem italienischen Paß in Berlin und gründete mit Hilfe der vielen indischen Studenten und anderen nach Kriegsausbruch im Achsengebiete verbliebenen Inder die „Zentrale Freies Indien“, die einen Kurzwellensender nach Asien besaß. Vor allem aber baute er innerhalb der Wehrmacht den Kern der späteren Indischen Nationalarmee (Indian National Army, heute nur INA genannt), die „Legion Freies Indien“ auf, indem er von Rommel in Afrika gefangene britisch-indische Truppen auf die andere Seite brachte, um das englische Imperium zu bekämpfen. Anfang 1942 setzte er sich aus verschiedensten Gründen aus Europa ab und gelangte mit einem U-Boot in das japanisch besetzte Singapur. Aus Mitgliedern der sehr großen indischen Minoritätsgruppen in Südostasien, alle von Japan erobert, sowie aus Überläufern und Gefangenen aus der britisch-indischen Armee gründete er dann dort die starke Indian National Army. Knapp vor Ende des Kriegs in Asien flüchtete Netaji mit einem japanıschen Flugzeug nach Tokio, aber die Maschine stürzte ab und verbrannte. Bose starb drei Tage später an seinen Verbrennungen in einem Spital in Taipeh. [4]

Nun aber kommt das hier für uns wichtigste: Niemand oder kaum jemand in Indien und den Nachbarländern glaubt das. Der indische Mythos sagt: Bose ist nicht umgekommen, die offiziellen Berichte waren offizielle internationale Lügen, er hält sich irgendwo heimlich auf. Und man hofft, er kommt wieder. Heute noch glaubt man in Indien, daß Bose irgendwo gefangen lebt. Von wem gefangen, fragt keiner, und warum, schon gar niemand. Daß er heute 88 wäre, macht nichts — Friedrich Barbarossa ist schon 862, und auch er wird nicht alt. Götter, Heilige und charismatische Heroen altern nicht.

Bose war mit einer Wienerin verheiratet und nach dem Krieg drang die Kunde von Wien nach Indien, daß Netaji ein Töchterchen Anita in Wien habe. Aber in Indien glaubte man das lange nicht, ebensowenig wie seinen tödlichen Unfall, denn ein heiliger Heros ist Brahmachari, „einer, der im Absoluten wandelt“, d.h. er ist keusch. Wie Hitler hatte auch Bose im indischen Mythos keine weltlichen Berührungen, die zu Nachwuchs führen hätten können.

All dies ist für meine Darstellung aber nur eine kleine Minimal-Einführung. Das Mysterium Bose, seine absolute Charismatik, läßt sich nicht etwa aus seiner politischen Brillanz ableiten — sein Buch India’s Struggle for Freedom dokumentiert eine erstaunliche ideologische Naivität. In Berlin sagte er einmal: „Ich habe Kommunismus in Rußland gesehen und ich habe Nationalsozialismus hier gesehen. Was wir in Indien brauchen, ist Nationalkommunismus.“ Hierzu ist ein Kommentar freilich weniger überflüssig als ganz unmöglich, besonders, wenn man seinen Status in Indien kennt. Oft wird die Frage gestellt: war Bose Faschist? Das kommt nun darauf an, wie weit man die Definition von „Faschismus“ ausdehnen will. Persönlich glaube ich nicht, daß er es war. Seine Sympathie für die Nazis und die italienischen Faschisten war nicht oder nur spurenweise ideologisch, sonst aber rein politisch-pragmatisch („Ich bin Realpolitiker“, sagte er einmal — er sprach fließend deutsch). Das schließe ich daraus, daß ja seine Sympathıeen für Japan auch nur rein pragmatıscher Art gewesen sein konnten, da die japanische imperiale Ideologie keine „Ideologie“ im technischen Sinn, also nicht exportierbar, rein lokal-japanisch war; weiters glaube ich eher, daß er, wenn man überhaupt bei ihm von Ideologie sprechen will, eher noch zum sowjetischen Typus tendierte. Wie dem auch sei, die Nazis und die Italiener und das japanische Imperium waren alle antibritisch, waren die einzigen effektiven Gegner des britischen Imperiums. Auch imponierte ihm das militärisch-disziplinierte, das Ordentliche, Geplante, Pünktliche, alles das, was er in Indien als nicht vorhanden tadelte. Darüber wird gerade heute in Indien viel geschrieben und noch mehr geredet — das muß ich hier übergehen.

War er nun, wenn man „Faschismus“ genügend inklusiv definiert, ein Hindu-Faschist? Dies ist freilich noch schwieriger zu beantworten. Zunächst ist ja nur einer Charismatiker, den sein Volk oder eine andere Gruppe dazu macht. Hitler wäre in London bestenfalls ein „Hyde-Park-Orator“ gewesen; Bose vielleicht nicht viel mehr. Aber wie ist es nun mit Bose’s spezifischem Hindu-charisma? Oberflächlich betrachtet, sah er säkulär aus. Er sprach nicht nur säkulär, sondern wetterte oft gegen die Macht und die Korruption der Pandits (Hindu-Priester) und Tempel, und gegen ritualistischen Aberglauben. Das sagt aber gar nichts, denn das tun ja seit je auch Berufsheilige aller Arten und Länder, und das tat Gandhi jeden Tag sowie alle Brahmanen, die ich kenne und die drei Stunden täglich religiöse Observanzen vollziehen. Ich weiß nun aber aus nicht leicht zugänglichen, aber durchaus verläßlichen Quellen (über die ich gerne, wenn gefragt, Auskunft gebe), daß Bose als junger Mann vom Hinduismus als Kult und Idee nicht nur stark angezogen war, er beabsichtige ernstlich, einem der Hindu-Mönchsorden beizutreten und in den Himalayas zu meditieren. Sein Vorbild war Swami Vivekananda, ein Bengale, der den Hinduismus im Westen bekannt machte und in Indien beim anglisierten Mittelstand radikal rehabilitierte. Hohe monastische Ekklesiasten rieten Bose davon ab. Einer der Generaläbte sagte ihm angeblich: Du hast Wichtigeres für Indien zu tun, als Mönch und Einsiedler zu werden.

Hier liegt aber nur ein regional-kulturelles Substrat vor, ohne dem die religiöse Charismatik Bose’s nicht verständlich ist. Die Zentralgottheit Bengalens ist die Göttin Durga oder Kali, Weltmutter, Weltverführerin und Weltzerstörerin in einem. Oft wird sie als begehrenswerte junge Frau dargestellt, oft als wildtanzende, schwarze Dämonin mit Totenköpfen im wirrem Haar und Schlangen als Gürtel usw. Sie ist die Schlüsselgottheit der Stadt Kalkutta, in ihrem Tempel in Kalighat („Stufen der Kali“) werden seit undenklichen Zeiten bis heute täglich Ziegenbockopfer gebracht. Die Mythologie der Durga-Kalı ist tief, faszinierend, aber weder für den uninformierten Abendländer noch auch für die meisten Hindulaien außerhalb Bengalens leicht faßlich oder verdaulich. Blut, die rote Farbe, das Leben, die Gewalt, die Sinneslust, die Beherrschung des männlichen durch das weibliche Prinzip in einem anfangs- und endlosen kosmischen Spiel, und die auf diesen reichen Komplex bauende Ikonographie der Häuser und Tempel Bengalens — all dies bewirkt seit je, daß alles Mutterhafte als Manifestierung der Durga-Kali gesehen und verehrt wird, vor allem als Ma Bharat „Mutter Indien“, oder Ma Banga „Mutter Bengalen“. Die politischen Märtyrer (Terroristen nannten die Engländer sie natürlich), wie Khudiram Bose (kein Verwandter Netaji’s) und andere hatten ihren Namen auf den Lippen, als sie zum Galgen gingen. Wie konnte dies alles nicht auf den talentieren, schüchternen, suchenden, unruhigen, reicher Aristokratie entstammenden jungen Bose einwirken?

Das indische Volk spürt die Abwesenheit dieses religiösen Elements in den Verantwortungs- und Entscheidungsträgern, wenn sie es nicht besitzen, und die Einschätzung aller Politiker und aller gesellschaftlich wichtigen Personen ruht im eigentlichen, nicht entfremdeten Volk darauf: wer diesen göttlichen Funken hat, ist der beste, stärkste, nachfolgewürdigste, wer ihn nicht hat, ist bestenfalls ein zufällig Mächtigerer, ein Beamter, aber keiner, zu dem man emporschaut wie zu einem möglichen Avatar, einem potentiellen Kulturheros.

Hier war einer, vor dem, so glaubte man, das biritische Imperium zitterte. Ich habe auf meinen Wanderungen durch indische Dörfer und Städte in kleinen und großen Schreinen unter den Ikonen der Hindugottheiten dutzendemale Statuen und Ikonen von Netaji Bose gesehen, mit Blumen und Räuchergaben geehrt wie die anderen Gottheiten. Meist trug er eine stilisierte japanische Militärkappe auf dem Kopf und die modifizierte japanische Uniform der Indian National Army, oft blau, oft andersgefärbt. (Blau ist eine der göttlichen Farben, nämlich die der Hauptinkarnation Krischna. Sanskrit Krsna heißt blauschwarz.) Zweimal, einmal in Kalkutta und einmal in einem Dorf in Maharashtra, tausende Kilometer westlich von Bengalen, war Netaji mit dem Elefantenkopf des Gottes Ganescha dargestellt, auch dieser mit der japanischen Militärkappe, Ganescha ist der Sohn der Durga-Kali, und er ist der Gott, der alle Hindernisse beseitigt. Weder Gandhi noch Nehru, noch irgendein anderer ist meines Wissens in solchem Grade apotheotisiert worden. Allerdings sah ich noch vor ganz kurzem in Delhi ein Bild der Mrs. Gandhi, das mit den Emblemen der Muttergottheit versehen war. Bei Netaji verschmilzt das Asketisch-Heilige mit dem heroischen Bild.

Bose ist aber nur eine frappante Verkörperung der heroisch-charismatischen Vorstellungswelt des Populärhinduismus. Die Sikhs, jetzt natürlich im Zentrum nationaler und internationaler Betrachtung, haben als ihren Idealtypus den „sant-sipahi“, den „Heiligen Soldaten“. Im Goldenen Tempel in Amritsar, der heiligsten Stätte der Sikhs, werden die Schwerter und Waffen der Gurus, der Gründer der Sikh-Religion, aufbewahrt und ritualistisch präsentiert. Bindranwala, der bei der Besetzung des Tempels in der „Blue Star“-Aktion der indischen Armee ums Leben gekommene Sikh-Radikale, sah sich selbst als Erbe der sant-sipahi Tradition, und für die anderen Radikalen ist er es auch. Zwischen „Blue Star“ und der Ermordung von Frau Gandhi besteht wohl der direkteste kausale Zusammenhang. Das Vorbild des sant-sipahi Ideals war Guru Gobind Singh, der zehnte und letzte Gründerguru der Sikhs. Er war Aristokrat, Krieger, Kämpfer, Denker und Heiliger.

Yogi Hitler

Nun haben wir aber auch den Schlüssel zu einer merkwürdigen, im Westen unverständlichen und vor allem unbeachteten — weil unbekannten — Situation, die dem politisch denkenden Abendländer paradox erscheinen muß: die große, ziemlich unverblümte indische Bewunderung Adolf Hitlers. Dieses Thema ist für uns hier ganz zentral. Spricht man mit Auslandsvertretern der indischen Regierung, mit den ideologischen Gewaltlosigkeitsgläubigen, mit den offiziellen, englisch sprechenden Vertretern der verwestlichten indischen Elite, dann hört man freilich nur routinehafte Negativa über Hitler. Diese offiziellen, in einer Fremdsprache sprechenden Stimmen sind von denen der allgemeinen Weltpresse, der Nachrichtenagenturen und von den Bulletins der Vereinten Nationen nicht zu unterscheiden. Aber die Masse, mit der das Abendland in keinerlei Kontakt steht, die Englisch nicht versteht, und die sich nicht schriftlich ausdrückt, fühlt ganz anders. Die offizielle, antifaschistische Elite Indiens ist eine winzige Minorıtät, kaum der Gipfel eines Eisbergs, aber sie ist weltpolitisch und zum Teil innenpolitisch ausschlaggebend. Aber nicht nur im einfachen Volk, sondern auch bei sehr, sehr vielen belesenen, gelehrten, sich ın der jeweiligen Eigensprache ausdrückenden traditionellen Denkern, Priestern, ja überhaupt bei den meisten nicht im politischen Hauptstrom stehenden Lehrern, Denkern sowie allerdings auch — und dazu komme ich gleich — bei einer beachtlichen Anzahl von aktiven Politikern und politischen Führern regionaler und nationaler Ebenen und bei ihrer noch viel größeren Anhängerschaft finden wir, ohne besonders suchen zu müssen, im ganz unbefangenen, nicht gesteuerten Gespräch Sympathie, Bewunderung für Hitler.

Diese Einstellungen nehmen manchmal groteske Formen an, und auch darauf komme ich gleich zurück. Ich möchte aus rein pragmatischen Gründen nicht anführen, wie hoch hinauf in der politischen Machtstruktur diese Einstellung vorhanden ist, aber sie ist tatsächlich auf allen Niveaus des politisch strukturierten Regierungspersonals vertreten. Dazu gehören natürlich nicht die Linksintellektuellen, die einen Teil sowohl der politisch administrativen Macht als auch der verschiedenen Oppositionen ausmachen. Dazu gehören aber auch nicht, und das ist derzeit wichtig, der indische Ministerpräsident und seine ermordete Mutter, die Tochter Nehrus, und natürlich vorerst schon gar nicht Nehru selbst. Wo politische Gegner diese Leute als Faschisten bezeichnen, und das geschieht natürlich dauernd, dann ist das politische Gegenrhetorik. Das Wort „Faschist“ wird in Indien, wie anderswo, sehr großzügig herumgeworfen und auf Gegner angewandt — im heutigen indischen Sprachumgang politischer Prägung wird „faschistisch“ meist mit „anti-säkulär“ identifiziert. Indien ist auf Grund seiner Verfassung ein säkuläres Land, die Säkularität steht wörtlich in der Verfassung. Will man heute eine politische Persönlichkeit oder Partei oder Gruppe als übel anprangern, nennt man sie faschistisch und sich selbst säkulär. Diese übermäßig großzügige Anwendung von „Faschismus“ ist natürlich nicht das, um das es hier geht.

Warum bestehen nun diese weitverbreiteten, verblüffenden Sympathien für Hitler und das Naziregime? Lesern dieses Essays müßte die ideologische Grundlage für diese Sympathien schon intuitiv klargeworden sein, doch bedarf dies empirischer Unterbauung. Wie alle überlebenden Altvölker sind die Inder Symbol-Sucher und von Symbolen beeinflußbar — ich glaube mehr als die Abendländer, bei denen eine aggressive, oft naive Antisymbolik Teil der modernen Erziehung, Teil des modernen Menschenumgangs geworden ist. Nun sollte wohl bekannt sein, daß das Hakenkreuz der Nazi indischen Ursprungs ist, um so peinlicher, weil seine originale, tiefhumane Bedeutung von den Nazis auf den Kopf gestellt wurde: Das englische Wort für Hakenkreuz, swastika, ist nicht Englisch, sondern reines Sanskrit, su, „gut“, etymologisch urverwandt mit Griechisch eu-, „asti“, „es ist“, etymologisch mit est, esti, ist, verwandt, und -ka das Sanskrit Nominalaffix, das gleiche wie Lateinisch -icus, -ica. Also heißt swastika „Das, was heilvoll ist“. Die Wahl des Hakenkreuzes als Parteisymbol der Nazi ist hier nicht Thema und Zeitgeschichtlern wohlbekannt. In Indien jedoch ist die Svastika — und zwar sieht sie genau so aus wie das Nazi-Hakenkreuz, nicht „umgedreht“, wie indische und andere Apologeten indischer Symbolik erklären — seit Jahrtausenden ein heilvolles, gänzlich positives Symbol. Frauen in vielen Teilen des Landes bereiten täglich aus Reispaste und anderen Ingredienzien eine Farbe, mit der sie dann Svastika und andere glückbringende Zeichen auf die Schwelle vor dem Haus oder im inneren Hof malen. Alle religiösen Bücher, Hochzeitsannoncen, überhaupt alles Gedruckte, das irgendwie hinduistischen Zusammenhang andeutet, trägt das Hakenkreuz als Kennzeichen.

Hier ist heuristisch der erste Schritt getan: nirgends sind die meisten Menschen einer Gesellschaft Sozialwissenschafter oder Ethnologen. Sieht oder hört der durchschnittliche Mensch, wie ganz andere Menschen in ganz anderen fernen Ländern ihm teure, weil seiner Kultur ureigene Symbole kennen, sie ebenso achten, werten und wählen, in ihnen ebenso wie er das „in hoc signo ...“ sehen, dann entsteht in diesem Durchschnittsmenschen eine zunächst ganz unbefangene Sympathie. In unserem Falle wurde solche Sympathie allerdings noch durch die Verkettung historischer Zufälle gewaltig gestärkt — jene fernen Exekutoren der Svastika waren die Geißel des Erzfeinds, des britischen Imperiums. Die anfänglichen Erfolge des deutschen Heeres waren für den Inder wie für andere überwältigend — aber nur die Inder, die Hindus, konnten die in jener fernen Kriegshandlung manifestierte Kraft des Svastika, ihrer Svastika nachfühlen! Der Mann, der dies alles verursachte, war — so glaubte und glaubt man in Indien der Hindus — all das, was ein religiöser Heros seın muß: Asket, Zölibatär, Vegetarier und ganz heimlich natürlich auch Yogi, der mit Hilfe der esoterischen Macht der von ihm gewählten Svastika die Bedrücker Indiens bedrückte. An Eva Braun glaubte man in Indien ebenso schwer wie an Emilie Schenkl (i.e. Frau Bose).

Aber nun wird es noch lustiger: aus wieder wegen Platzmangel nicht anführbaren Gründen besteht in Indien seit etwa hundert Jahren bei Hindugelehrten und anderen Informierten die tief verankerte Meinung, daß die Deutschen seit je tiefstes Verständnis für Indien und seine Philosophie haben; daß die Deutschen — lange vor Hitler — Teile der Veda, Teile der heiligen Schriften in den Westen entführt hatten — man frage niemanden wie — und daß die Deutschen dann auf der Basis der vedischen, in Indien selbst lange vergessenen oder verlorenen — oder entwendeten? — Rezepte solch kolossale Dinge, wie Flugzeuge und dann vor allem die mächtigere Atomwaffe bauten! Daß letztere gar keine deutsche Erfindung oder doch nur sehr partiell eine solche war, wird nicht geglaubt oder ignoriert. Es geht noch weiter: an deutschen Mittelschulen sei Sanskrit obligat, an allen deutschen Universitäten läsen und lernten Hunderte von Gelehrten seit je Sanskrit und die vedischen Schriften. Das Deutsche sei dem Sanskrit ganz nahe verwandt (stimmt, aber „ganz“ stimmt nicht, nicht mehr als Englisch, aber das will man nicht hören, und viel weniger als Russisch, aber das weiß man nicht), und auf den Straßen Berlins könne man mit jedem Sanskrit sprechen usw. Gegenbeweise werden beiseite geschoben — man dreht da in Indien sozusagen den Empfänger ab, man hört nicht hin.

Erstreckte sich diese Art der Konfabulation nur auf Sanskrit und esoterische Dinge, wär’s ja höchstens heiter. Leider ist dem aber nicht so. Das Nichtbeachten objektiver Daten in sehr weiten Kreisen Indiens — und keineswegs etwa nur in uninformierten, moderner Erziehung nicht zugänglichen Kreisen — betrifft auch die Scheußlichkeiten Hitlers und des Dritten Reiches. Sie werden ignoriert, nicht geglaubt, beiseite geschoben. Besteht man auf Tatsachen, auf dem Holocaust, dann ist man Imperialist oder arbeitet für den CIA oder KGB. Ich entsinne mich, wie Swami Hari Giri, ein hochangesehener, gelehrter Hindumönch, selbst natürlich strengster Vegetarier und Zölibatär, sehr erregt auf meine in einer Predigt angeführte Kurzdarstellung von Hitlers „endgültiger Lösung“, von Auschwitz als Quintessenz des menschlich möglichen Übels reagierte. Das war beim Kumbhamela im Jahre 1954, das findet nur alle zwölf Jahre statt und ist ein Zusammentreffen der Mehrheit aller Hindumönche mit Millionen Hindulaien. Hari Giri und ich waren auf dem gleichen Podium, und unsere Zuhörerschaft belief sich auf mindestens achtzigtausend. Er rief in einer Art Gegenpredigt aus: „Wie wagt Agehananda es, Hitler Maharaj (wtl. „Großkönig Hitler“ — aber „Maharaj“ ist der Titel aller lebenden Heiligen, Mönche, Asketen sowie auch der schon lange verschwundenen Prinzen Indiens) mit solchen Anschuldigungen zu beleidigen?“ Ich versuchte, die Reaktion Hari Giris und die der ersten Reihen, d.h. der mir direkt sichtbaren Gläubigen zu eruieren. Alle hörten alles, denn große Lautsprecheranlagen gibt es sehr viele in Indien. Ich sah aber nur ernst zustimmendes Kopfschütteln, und zwar sowohl bei meiner als bei Hari Giris Ansprache — das kommt daher, wenn man ein heiliger Mann ist, hat man immer recht. Aber außerhalb solcher religiösen Versammlungen, oft und in weit voneinander entfernten Orten des Landes, bestanden wohlinformierte, wohlmeinende und meist ganz milde Menschen darauf, daß die Fotografien der Lager, die horror-pictures von Bergen-Belsen und Auschwitz Collagen seien, von CIA oder KGB aus verschiedenen, jedenfalls nicht deutschen Quellen zusammengeklebt, um den gemeinsamen ehemaligen Feind schlechtzumachen. Daß Hitler weder Zölibatär noch Vegetarier war, daß er über Indien, die Inder und die indischen Arier nicht sehr schöne Dinge in Mein Kampf geschrieben hatte, die jeder nachlesen könnte, daß er in jenem Unbuch sehr pro-britisch war, den Engländern riet, ja nie Indien die Freiheit zu geben, das will schwer eingehen, denn es widerstrebt dem Hindu und auch vielen Nichthindus, etwaige negative Dinge über den einmal akzeptierten Charismatiker zu erfahren. Die damit verknüpfte Symbolblindheit einerseits, das Sympathisieren mit Macht- und Entscheidungsträgern per se, vor allem wenn sie indische Grundsymbole (die Svastika) gebrauchen, andererseits die Interpretation Hitlers analog dem Hindu-Avatar-Inkarnationskomplex der Hinduheroen sowie das Zuschreiben solcher Askesearten wie Keuschheit, Vegetarianismus, militärische Selbstzucht und Disziplin und zuletzt natürlich die Verkettung historischer Tatsachen, die das Dritte Reich zum welteinzigen wirklich gefürchteten Gegner des britischen Weltreichs machten — dies sind wohl, im großen und ganzen, dıe Hauptelemente der Hindu-Sympathien für das tausendjährige Reich von zwölfjähriger Dauer und für dessen Zentralfigur. Der italienische Faschismus ist in Indien kaum beachtet und wird kaum jemals genannt. Mussolini wurde nie von irgendeinem Hindu als potentieller Avatar gesehen und, so hörte ich von von einem Mönch, der mit mir nach Amarnath im Himalaya pilgerte, Mussolini „war dick und verheiratet, fraß lauter Fleisch und Fisch und trank roten Wein“. Mit solchen Eigenschaften qualifiziert sich niemand fürs Avatartum.

echt arisch

Auch das eben Dargestellte ist bloß Illustrierung. Ich behaupte, es gibt einen Hindufaschismus ohne jedwede Bezugnahme auf den Nazismus. Von außen betrachtet ist es so, daß man in großen Teilen Asiens zwar demokratische und manchmal sogar sozialistische Systeme anerkennt, und daß solche ja auch wirklich funktionieren: Indien selbst ist die größte Demokratie der Welt. Jedoch glaube ich, daß die volkstümliche politische oder apolitisch-ideologische Grundeinstellung der Großvölker Asiens nicht oder noch nicht demokratisch, auch nicht sozialistisch ist, sondern ın verschiedenen Graden oligarchisch, elitär, teils wohl noch monarchistisch — ein König oder Prinz wird im Volke besser verstanden als ein namenloser Beamter oder Bürokrat. Man versteht und schätzt einen starken, persönlich bekannten Gesetzgeber, einen mächtigen, weisen Richter, einen großzügigen Patron, einen Mäzen, einen Geldverleiher, selbst wenn er ein Wucherer ist — und man versteht sie besser und vertraut ihnen leichter als den namenlosen, unpersönlichen, unnahbaren, gesichtslosen Agenten der Moderne, sei es die Verwaltung, das Gericht, die Bank. Die auf allgemeinen Regeln, die keine Ausnahme kennen, und die auf unpersönlichen Mitteilungstechniken beruhenden Institutionen der modernen Demokratie sind noch nicht verständlich. Kann jedoch jemand diese Institutionen verwenden und ist er obendrein auch ein Charismatiker, dann sind sie freilich wirksam, [5] egal, ob er das dann Demokratie, Sozialismus, selbst Kommunismus oder Ramrajya Rama’s (d.h. des inkarnierten Gottkönig Rama’s Herrschaft), das von Mahatma Gandhi angestrebte Ideal, nennt. Die oft gedachte, immer erhoffte, aber nie verwirklichte Wiederholung der Ramrajya-Situation im Epos Ramayana, oft kitschig verfilmt, oft in Schulbüchern zitiert, wird bei der Volksmehrheit Indiens als Modell aller Regierungsformen stipuliert: da kann nun ein Politiker einbauen, was er will: Sozialismus, Kommunismus, Kapitalismus, Faschismus. Das Urbild des Herrschers, des echten Verwalters, ist ein König, kein Beamter. Kann ein Beamter wie ein König zu sein scheinen, dann kann er auch beim Volk ein verstandener, geschätzter Verwalter sein. All dies erklärt eben wieder, im besten Falle, den unglaublichen, den abendländisch orientierten Intellektuellen peinlichen Enthusiasmus für Königin Elisabeth, als sie vor einem Jahr Indien besuchte; im schlechtesten Fall die Bewunderung Hitlers und im mittleren Fall die Einstellung zu Netaji Bose.

Es gibt aber eine greifbare, namhafte politische Gruppe, teils aktiv, teils latent, hauptsächlich aber ideologisch infiltriert in größere, offizielle Parteien, die Sitze im Parlament haben, und die ich nun ohne weiters faschistisch-hindufaschistisch nenne. Sie ist ein Prototyp für den Hindufaschismus, auch wenn sie selbst als Partei heute noch keinen Sitz im Parlament hat. Sie heißt RSS. Rashtriya Seva Sangha, „Heimat-Dienst-Partei“. Schon ein halbes Jahrhundert vor dem RSS entstand schon, gleichzeitig fast mit der viel heterogeneren, viel weniger nach links oder nach rechts gerichteten Kongreß-Partei, der Hindu Mahasabha, die „Hindu-Groß-Versammlung“, begründet vom schon erwähnten Pandit Madan Mohan Malaviya, einem tiefreligiösen, gelehrten Brahmanen, Freund, aber nicht Stimmungsgenosse von Mahatma Gandhi. Von ihm zum Gründer des RSS, Guru Golwelkar, ein Brahmane aus der Gegend von Bombay, zieht sich sehr deutlich ein ganz eindeutiger ideologischer Faden.

Golwelkar nun, etwa in den 30er Jahren, sah ganz offen die Hitlerjugend als das Modell für die indische, sprich Hindu-Jugend, und die RSS-Jugendorganisation sah der HJ aber schon sehr ähnlich. Eine Zeitlang sah das offizielle Parteinamenssymbol so aus: RSS, mit bewußter und geplanter Entlehnung der germanischen Siegesrune bei der SS. Golwelkars Kleidung war ocker wie die des Hindumönchs. Die Kommandoworte der Jugendgruppen und der parmamilitärischen RSS-Truppen (sie durften allerdings keine Schußwaffen tragen, das war nur der Armee erlaubt — sie trugen kurze Stöcke) waren auf Sanskrit, der heiligen klassischen Sprache des Hinduismus. Und, so drückte sich ein besorgter hochrangiger indischer Regierungsbeamter mir gegenüber aus: „Diese Leute sind gefährlich. Sie tragen Uhren, und der tägliche Blick auf die Uhr ist Teil des Drills.“ „Indische Zeit“ nennt man in Indien gutmütig und humorvoll eine sehr dehnbare Zeitbestimmung. Gibt es eine Verabredung für acht Uhr, trudeln die Verabredeten um Neun, halb zehn ein, das ist normal und niemand regt sich auf. Die RSS wollte, nach deutschem Muster, nichts von solcher Schlappheit wissen. Wie bei uns in Amerika der Ku-Klux-Klan, die Birch Society oder die Amerikanische Nazipartei, gehören ja überhaupt paramilitärische Einheiten und Einstellungen zu rechtsradikalen Gruppen säkulärer, besonders aber religiöser Art. Mit dem echten Militär wollte der RSS und wollen analoge Gruppen im Westen nichts zu tun haben; das Militär ist, wie die offiziellen Kirchen, der Antichrist. Der Staat ist mit Satan verbündet. Als politische Partei war die RSS etliche Jahre verboten, seine Führerschaft wurde inhaftiert oder sonst irgendwie incommunicando gemacht. Jetzt gibt es den RSS wieder, er hat mehr Mitglieder und mehr nichtaffilierte Sympathisanten als zuvor. Der neue RSS wirbt um Gruppen, die früher als Nichthindus galten, um Muslims und andere Minoritäten. Er gibt sich mit einem neuen Gesicht als mehr oder weniger liberal aus, als säkulär. Das glaubt man ihm aber selten, schon gar nicht die Regierungspartei und auch nicht die verschiedenen Linksgerichteten: sie weisen auf die Nicht-Säkularität des RSS und ihm nahestehender Ideologien hın. Und vor allem: Liest man ganz objektiv (so das möglich ist) zwischen den Zeilen der neuen, so liberal-säkulär klingenden RSS-Literatur und der Reden seiner Führung, dann erkennt man nach wie vor, und im Grunde recht unmodifiziert, die Elemente, die ich als faschistisch bezeichne.

Und dies bringt mich zum Ende meiner Darstellung. Wir erleben hier eine peinliche, weil auf grenzenloser anthropologischer Unkenntnis beruhende beharrliche Verwendung von epitheta ornantes wie „arisch“ und „Arier“ für die Hindureligion und für die Hindus. Alles, was echt indisch, patriotisch selbstbewußt, eigenwüchsig ist, ist „arisch“. Leser des FORVM wissen, daß das Wort arisch, das schon bei den schlagenden Verbindungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts verwendet wurde, dann bei allen Schattierungen von Deutschnationalen und schließlich beim Nazismus dem Sanskrit entnommen worden ist. Arya heißt auf Sanskrit „nobel“, „edel“ (verwandt mit Eire, Irish). Aristokratische Frauen, wie etwa Sita im Epos Ramayana, sprachen ihre Männer mit „arya“, „aryaputra“, „Arier“, „Sohn des Ariers“, an, aber das hatte natürlich keinerlei rassische Bedeutung. Wissenschaftlich korrekt darf man „arisch“ einzig und allein im linguistischen Zusammenhang verwenden: arische Sprachen sind Synonyme für indogermanische Sprachen. Es gibt keine arischen Rassen, Völker, Kulturen, Menschen. Wer Englisch oder Deutsch oder Russich spricht oder Hindi oder Bengalisch, ist Arier, wenn man will, wo immer er herkommt; wer Ungarisch, Türkisch, Arabisch, Chinesisch, Finnisch spricht, ist kein Arıer, denn das sind nichtindogermanische Sprachen. In Indien sind die Sprachen des dravidischen Südens nichtindogermanisch; auch die Stammessprachen und die tibetoiden Himalayasprachen sind nichtarisch, nicht indogermanisch. „Arisch“ auf Rassen und Menschengruppen bezogen, ist gröbster anthropologischer Unfug.

Wird solch unwissenschaftlicher Unsinn zum Dogma, ist der Weg ins Unheil gebahnt. Die allerersten, berühmtesten und am meisten geachteten Lehrer, Scholasten, Kommentatoren der Hinduphilosophie waren und sind aus dem Süden, also Nichtarier, d.h. sie sprachen daheim nichtarische Sprachen. Sir Sarvepalli Radhakrishna, zuerst Spaulding Professor für indische Philosophie in Oxford, dann Botschafter in Rußland, schließlich Präsident der indischen Republik, war Südinder — er sprach Telugu und Tamil, dravidische Sprachen. Sind diese Denker und Kulturträger keine Arier? Zu solchen Erwägungen kommt es nicht, weil die orthodoxen Hindugelehrten, die Pandits, den anthropologisch-linguistischen Sachverhalt einfach nicht kennen. Sieht man nun die neue RSS-Literatur ein, so merkt man, daß auf einmal alle, um die man wirbt, „Arier“ sind; Minoritäten wie die Sikhs waren es ja immer, denn ihre Sprache, Panjabi, ist eine arische Sprache des Nordens: die Primitivstämme, die tibeto-burmesischen Gruppen des Himalaya sind es aber nicht. Das erinnert freilich an die Politik Ribbentrops: Japaner und Araber waren auf einmal Arier, aber Zigeuner (die eine nordindische arische Sprache, das Romani, sprechen) wurden lustig mit allen anderen vergast.

Erschreckend, und für den Laien verblüffend, ist, daß Hindus, die sanftmütigen Vegetarier und Vertreter der Gewaltlosigkeit, die ihr Leben spirituell ausrichten, vom nationalistischen Hinduismus sprechend oft den Ausdruck aryadharma, „Lehre, Religion, Lebensweise der Arier“, verwenden; eine wichtige, im 19. Jahrhundert gegründete Reformbewegung heißt Arya Samaj, „Gesellschaft der Arier“. Niemand scheint sich der Gefahr solcher Nomenklatur auch nur entfernt bewußt zu sein. Jedoch komplizieren kulturgebundene Umstände die Sache sehr: der Rassismus ist in Indien nicht nur ebenso stark vorhanden wie in den USA oder in Südafrika, sondern er wird in Indien sans gêne, gänzlich unbefangen und naiv betrieben. Dünklere Hautfarbe wird in jeder Weise negativ empfunden. Sie steht für Zugehörigkeit zu den unteren, „nichtarischen“ Kasten, den Primitivstämmen, zum Süden Indiens. Das klassiche Sanskritwort für Kaste war varna, und das heißt „Farbe“. Schwer ist es, dieses gefährliche kulturelle Erbe einzudämmen oder gar zu entfernen. Der hellhäutige Hindu sieht auf den dunkelhäutigen Nachbarn hinunter, selbst wenn der Nachbar Brahmane ist und er, der erblich weniger pigmentierte, Nichtbrahmane. Über Neger wird en principe die Nase gerümpft, die vielen afrikanischen Austauschstudenten an indischen Universitäten können ein Lied über ihre Isoliertheit singen, kaum je werden sie von Indern eingeladen. Wenn man die täglichen, spaltenlangen Heiratsinserate in den indischen Zeitungen durchliest (selbst die in India Abroad, der Wochenzeitung der indischen Immigranten in den USA — ca. 25.000 Abonnenten), bemerkt man, daß über die Hälfte „fair complexioned“, „helle Hautfarbe“, angeben, also als etwas Wünschenswertes, besonders bei der gesuchten Braut.

Ideologisch-politisch manifestiert sich all das indirekt darin, daß der traditionelle Hinduasket zum politischen Wegweiser wird, was hier aber die Hautfarbenwertskala betrifft. Die allermeisten Führer der Hindu-Rechten waren und sind hochkastige Hindus und der Yogi, der Asket, wird irgendwie als Epigone des arisch-hellhäutigen, vedischen Erbes gesehen. Nicht etwa, daß Hochkastenzugehörigkeit offiziell ein Kriterium ist — das wäre zu einfach. Im Gegenteil: alle Politiker, seien sie zentral konformistisch, seien sie links- oder rechtsradikal, alle betonen laut ihr Ablehnen der Kastenhierarchie, ihre Solidarität mit den unteren, weil dunkelhäutigen, Volksgruppen. Aber nur im extremen Südwesten, im Staate Tamilnadu mit der Hauptstadt Madras, entstand eine anti-nordindische, anti-brahmanische, anti-arische politische Bewegung, die auch länger in der Provinzregierung war und dem Kongreß echte Opposition bot. Aber hier entstand dann leider bald eine ebenso gefährliche Umdrehung der rassistischen Kriterien. Jetzt wurde gegen die Brahmanen, gegen alle Nordindische, gegen die Nationalsprache Hindi (die größte arische Sprache Indiens, mit etwa 200 Millionen Sprechern) losgezogen. Auch hier ist ein faschistischer, lies rassistischer Ansatz klar vorhanden. Jetzt ist es in Tamilnadu schlecht, hellhäutig zu sein, brahmanisch zu denken (was immer das heißen soll): Rassismus mit umgekehrten Vorzeichen.

Die blutigen Tragödien der letzten Monate sind letztlich warnende Zeichen: Die Sikh-Religion steht zum Hinduismus theologisch-weltanschaulich etwa so wie der Calvinismus zum Katholıizismus. Hindus und Sikhs gleicher Kaste heirateten bis heute ohne weiteres; es gibt im Panjab kaum eine Hindufamilie, die nicht Sikhs als Mütter, Väter, Onkel, Schwager hätte. Aber die Wortführer der Separatisten, der Khalistan-Bewegung, erfinden und bestehen auf Unterschiede, die es nicht gibt, die trivial sind. Sie wollen sich und die Hindu-Majorität als verschiedene Nationen sehen, als Menschen anderer Kultur, anderer Rasse. Druck erzeugt Gegendruck. Wir bemerken heute mit Kummer, daß militante Hindus die Sikhs als feindliche Nation innerhalb der Nation betrachten. In und um Delhi waren in letzter Zeit, etwa ab Ende 1984, ein Bart und ein Turban oft Signal zur Gewalt, ganz ähnlich wie der Judenstern für die marodierenden SA-Kommandos. All das sind Faschismen, ob man sie so nennt oder nicht.

[1Zwar führten die Missionare relativ wenig Bekehrungen durch, aber unbewußt hinterließen sie doch die Suche nach Einfachheit in den indischen Gemütern.

[2Im Gegensatz dazu redet und schreibt man sehr viel über andere terminologische Importe wie Hindu-Sozialismus, Sikh-Sozialismus und sogar über Buddhistischen Kommunismus in Sri Lanka. Das funktioniert recht problemlos in all den indischen Sprachen, aber im indischen Englisch natürlich noch besser.

[3Genauso gibt es ja auch katholische Politiker, die von Theologie nichts wissen und auch nıchts wissen wollen — in meiner Kindheit in Wien wurden sie die „Schwarzen“ genannt.

[4Nach einer anderen Version stürzte er beim Flug von Taipeh in dıe Sowjetunion ab. J. D.

[5Indira Gandhis Identifizierung mit dem Sozialismus — und auch die ihres Vaters und ihrer Söhne — ist eher ein Fabianismus und liegt auf keinen Fall weiter links als die der Labour Party. Aber all diese Ismen bedeuten dem Mann und der Frau im Volke herzlich wenig.

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