MOZ, Nummer 45
Oktober
1989
Indiens Städte vor dem Kollaps:

Kein Platz, kein Heim: Kalkutta

Ende des Jahres stehen in der „größten Demokratie der Welt“ Parlamentswahlen an. Der zukünftige indische Premier wird voraussichtlich wieder Rajiv Gandhi heißen. Regierungspartei wird, Umfragen zufolge, die „Congress-Partei“ bleiben — trotz zahlreicher innen- und aussenpolitischer Affären und Skandale. Der neuen Regierung obliegt die Aufgabe, so schnell wie möglich eines der größten Probleme des Subkontinents in den Griff zu bekommen: Indiens Großstädte stehen vor dem Kollaps, weil die Flucht in die Metropolen unvermindert anhält. Prognosen zufolge werden um die Jahrtausendwende allein 350 Millionen InderInnen in Städten leben.

Kino bedeutet für viele Slumbewohner Befreiung vom Alltag

Es regnet in Strömen. In dieser Nacht werden Krishna, seine Frau Anita und die beiden zwei- und dreijährigen Kinder Santosh und Seema kein Dach über dem Kopf haben. Irgendein Bürgersteig wird es sein, auf dem sie ihre müden Köpfe zum Schlafen legen. Nachmittags haben Männer der Stadtverwaltung Bombays ihre Hütte niedergerissen, die in unmittelbarer Nähe einer modernen Mittelklasse-Wohnsiedlung im Zentrum der Stadt lag. Sie bestand aus mehreren zusammengeflickten Jutesäcken, die von einem Gerüst aus Bambusstangen getragen wurden. Für die Familie von Krishna war es nicht das erste Mal, daß sie eine solche Demütigung erfahren mußte. Trotzdem werden sie alle zurückkehren, sobald genügend Baumaterialien zusammengetragen sind. Krishna wird dann das Armenquartier erneut irgendwo in der Stadt aufschlagen.

Wohnort: Straßenunterführung

Krishna zählt mit seiner Frau und den beiden Kinder zu den etwa 5 Millionen Einwohnern der 10-Millionen-Stadt Bombay, die in armseligen Hütten leben, in „zopadpatties“, wie sie in der wohlhabendsten Stadt Indiens genannt werden. Insgesamt sind es in Indiens Großstädten 25 Millionen, die armselige Bretterbuden, nicht genutzte Wasserrohre, eine aufgespannte Plastikplane oder schlicht ein Stück der lauten und schmutzigen Straße, eine kleine Ecke in einem Bahnhof oder einer Straßenunterführung ihr Zuhause nennen, Kinder werden dort gezeugt und geboren — Zehntausende sterben jährlich auf der Straße, ohne das Säuglingsalter überlebt zu haben. Trinkwasser kommt für sie aus dem Loch einer defekten Leitung, die eigentlich den oft in unmittelbarer Nähe zu den Slums lebenden Reichen das begehrte Naß bringen soll. Sanitäre Anlagen sind unbekannt, die Notdurft wird an den stinkenden Kanälen verrichtet, die es überall gibt.

Krishna ist einer von Millionen Vergessenen, einer der Verdammten des 800-Millionen-Landes voller Gegensätze. Seine Familie zählt zu denjenigen, die von den meisten Reichen verachtet werden. Die Hütten, der ganze Schmutz und Gestank der Slums passen nicht in ihr westlich geprägtes Bild von einem modernen Indien. Ihr Indien ist die wirtschaftlich und technologisch aufstrebende südasiatische Supermacht, die Atomkraftwerke oder Mittelstreckenraketen baut. Die Armen sind daher nichts anderes als ein Schandfleck in ihrem ästhetischen Empfinden.

Slum in einer indischen Großstadt

Wie Krishna, der vor 10 Jahren nach Bombay kam, verlassen auch weiter Jahr für Jahr Millionen Menschen das verdorrte Land und ziehen in die Städte auf der Suche nach Arbeit (siehe auch Kasten: Prostitution [*]). Sie wollen der wachsenden ländlichen Armut, Schuldknechtschaft oder der Unberechenbarkeit von Großgrundbesitzern entfliehen. Andere erhoffen sich von der Stadt grössere Anonymität, in der vor allem Kastenbewußtsein weniger stark ausgeprägt ist. Viele hängen auch einfach einem Traum nach: daß in der Stadt Milch und Honig fließen, glauben Menschen im ländlichen Indien immer noch. „Es ist so, als ob mehrere tausend Rettungsboote versuchten, einige wenige Inseln zu erreichen“, umschreibt der Soziologe Chandan Sengputa die Landflucht. Einige neue Faktoren für das Anwachsen der Städte kommen hinzu: Wegen zahlreicher, vor allem von der Weltbank finanzierter „Entwicklungsprojekte“ müssen immer mehr Menschen ihre angestammten Wohngebiete verlassen. Viele werden sogar vertrieben, wenn ihr Land für industrielle oder militärische Zwecke genutzt werden soll. Beispiel dafür sind die Riesenstaudammprojekte von Narmada und Theri oder die Raketenstation von Balasore im Bundesstaat Orissa. Von Balasore, wo insgesamt 60.000 Menschen aus 45 Dörfern ihre Heimat verlassen sollen, wurde Ende Mai die erste indische Mittelstreckenrakete „Agni“ abgefeuert — trotz des großen Widerstandes der Bevölkerung, die seit mehreren Jahren für ein Bleiberecht kämpft.

20 Millionenstädte

Während der letzten zweieinhalb Jahrzehnte ist die Zahl der in den Städten lebenden Menschen um das Vierfache angewachsen. 1951 waren es 56 Millionen, mittlerweile sind es 230 Millionen: mehr als ein Viertel der Gesamtbevölkerung Indiens lebt heute in Städten. Und glaubt man den Prognosen von Städteplanern, so wird es noch viel schlimmer kommen. Bis zur Jahrtausendwende soll es in Indien 16 oder vielleicht sogar 20 Millionenstädte geben. Bombay, Kalkutta, Delhi und Madras, wo schon weitgehend Chaos herrschen und jeder Dritte in Slums lebt, werden zusammen dann über 50 Millionen Menschen „beherbergen“ müssen. Den Prognosen zufolge werden zu den Stadtmonstern noch einmal 200 Städte mit Einwohnerzahlen von über 100.000 hinzukommen. Weil die ländliche Migrationswelle in Zukunft die Riesenstädte weit eher meiden wird, werden dann gerade die mittelgroßen Städte mit einem überdurchschnittlichen Wachstum rechnen müssen.

Der kürzlich veröffentlichten Untersuchung „India 2021“ zufolge wird in etwas mehr als 10 Jahren eine Milliarde Menschen in Indien leben, 350 Millionern davon in Städten — die Mehrzahl von ihnen, so wie Krishnas Familie, ohne feste Bleibe, immer auf der Flucht vor der Willkür der Behörden und ohne Aussicht auf Besserung. Programme, um die Landflucht zu stoppen oder die städtische Wohnungsnot zu lindern, gibt es nur wenige. Die Regierungen der letzten Jahrzehnte haben diesbezüglich ihren Kopf in den Sand gesteckt und darauf gehofft, daß die Städte ihre Probleme irgendwie selber in den Griff bekommen. „Es existiert praktisch keine Städte- oder Wohnungsbaupolitik“, kritisiert der Planer N. Buch.

Werbung für Coca Cola in den Slums

Um das Leben in den Metropolen erträglicher zu gestalten, müßten riesige Beträge in die Bereiche Wasserversorgung, Kanalisation, Straßenbau, Stromversorgung und Wohnungsbau investiert werden. In ihrem Bericht an die Regierung nennt die „Nationale Städtekommission“ konkrete Zahlen: um dem permanenten Wachstum der Städte gerecht zu werden, müßten während der kommenden 25 Jahre jährlich umgerechnet zwischen vier und fünf Milliarden Mark investiert werden. Um die Wohnungsnot zu beseitigen, bedürfte es mindestens 50 Millionen neuer Wohneinheiten innerhalb der nächsten 15 bis 20 Jahre.

Aber anstatt die notwendigen Gelder für die Verbesserung der Lebensverhältnisse der Armen und Obdachlosen und für die Sanierung der Städte bereitzustellen, werden riesige Summen für den Bau von Monumenten, Mausoleen und äusserst fragwürdigen Prestigeobjekten bereitgestellt, meinte kürzlich das Nachrichtenmagazin „Illustrated Weekly“. „Wenn es darum geht, Wohnraum für die Armen zu schaffen, zieht sich die Regierung mit der Bemerkung aus der Verantwortung, es seien keine Mittel vorhanden“, kritisiert das Blatt weiter. Darüber hinaus ist Premier Gandhi offensichtlich mehr daran interessiert, Indien zu einer militärischen Großmacht aufzupolieren. Milliarden fließen jährlich in den Verteidigungsetat, mit dem modernste Rüstungsgüter beschafft werden — angesichts des Elends von Millionen ein nur schwerlich zu überbietender Zynismus.

Mit Gelegenheitsarbeiten halten sich viele Slumbewohner über Wasser

Anstatt Schrittmacher für Fortschritt zu sein, werden die Städte dem totalen Zusammenbruch nicht entgehen können. Der endlose Strom der Zuwanderer wird sich auch zukünftig weiter in menschenunwürdige Wohnviertel ergießen und die Metropolen immer mehr in gigantische Slums verwandeln. Schon heute stehen viele städtische Dienstleistungsunternehmen vor dem Versorgungsnotstand. Nichts geht mehr. Ein Viertel der Bevölkerung in den meisten Städten hat weder Zugang zu Leitungswasser noch existiert eine adäquate Abwasserbeseitigung. Wasserknappheit gab es früher nur im Sommer. Jetzt klagen viele Städte über permanenten Wassermangel. Die 5 Millionen Metropole Madras im südlichen Indien hat es während der letzten Jahre besonders hart getroffen. Dort gibt es oft nur nachts Trinkwasser. Um größere Katastrophen zu vermeiden, mußten im letzten Sommer Hunderte von Tankfahrzeugen eingesetzt werden, die aus den ländlichen Gebieten Wasser für die durstende Bevölkerung in der Metropole herankarrten. Ergebnis war das zum Teil drastische Absinken des Grundwasserspiegels in den Gebieten rund um Madras.

Mit acht Stundenkilometern durch Kalkutta

Auch in anderen Städten ist die Situation oft nicht besser. In der am schnellsten wachsenden Stadt Indiens, in Bangalore im Bundesstaat Karnataka, die heute schon 4 Millionen Einwohner zählt, sind die Wasserhähne 22 Stunden am Tag trocken. In den meisten Stadtteilen Lucknows im Norden Indiens tröpfelt das Wasser alle paar Stunden einmal. Und in den Städten, wo es das kostbare Naß gibt, ist es oft verschmutzt. Selbst die Regierung gibt zu, daß 40% des Wassers verunreinigt sind. Verseuchtes Wasser, die offenen Kanalsysteme, durch die menschliche Exkremente ungeklärt in Flüsse oder ins Meer fließen, oder die stinkenden Abfallhaufen, in denen Ratten und Lumpensammler wühlen, sind Ursache für zahlreiche Krankheiten wie Tuberkulose und Lepra, wie kürzlich Professor Ramalingaswami auf einer Tagung des „Indischen Wissenschaftskongresses“ feststellte.

Zu all den Problemen gesellt sich in den meisten Städten Indiens noch ein Verkehrschaos ungeahnten Ausmaßes. Hunderttausende Personenwagen, schwarze Rauchwolken emittiernde Busse oder Lastwagen verursachen eine dramatische Luftverschmutzung, an der auch die in den Ballungszentren existierenden Industrieunternehmen nicht unschuldig sind. Die Luftverschmutzung erreicht in vielen Gebieten Werte, die 300% über den erlaubten Grenzwerten liegen. Über eine Million Privatfahrzeuge bahnen sich ihren Weg durch die permanent verstopfte Hauptstadt Delhi, 500.000 durch Bombay und 400.000 bewegen sich mit einem Stundenmittel von 8 km durch das bengalische Kalkutta. Hinzu kommen Tausende von überfüllten Bussen, die dem schier ins unendliche wachsenden Fahrgastaufkommen schon lange nicht mehr gewachsen sind. 5.000 Busse befördern alleine in Delhi täglich 5 Millionen Menschen. Und weil die Städte sich auch flächenmäßig weiter ausdehnen, muß der öffentliche Nahverkehr immer mehr Vororte bedienen.

Flucht in den Alkohol

Der riesige Schmelztiegel der Kulturen, den die Städte bilden, wird immer explosiver. Tumulte brechen bei der geringsten Provokation aus. Es kommt immer häufiger zu gewalttätigen Ausschreitungen zwischen den vielen Volks- und Religionsgemeinschaften, die in den Städten oft Tür an Tür leben. Viele Slumbewohner lassen sich für ein paar Rupien bereitwillig von politischen Parteien „kaufen“ oder von dubiosen Figuren aus der Unterwelt der Städte anmieten, um deren schmutzige Geschäfte zu erledigen.

Die Zurschaustellung des Reichtums einiger weniger inmitten des schrecklichen Elends erhöht die Spannungen weiter. Viele Jugendliche versuchen, durch Drogenkonsum die Widersprüche in der Gesellschaft zu vergessen, Alkoholismus und Gewalt in der Familie sind die Resultate einer ausweglosen Situation. Die Slums produzieren immer mehr Kriminalität. Angesichts von 13 Millionen obdachlosen Kindern warnen Soziologen vor südamerikanischen Verhältnissen in Indiens Städten: Kinderbanden, nach Art der „Los Gamines“, sind für sie zukünftig durchaus vorstellbar.

[*Einen solchen Kasten gibt es auch in der gedruckten Ausgabe nicht.

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