Amelie Lanier, Sonstiges
September
2010

Moralkritik und Antimoralismus bei Nietzsche und Stirner

Wie das Konzept der Selbstbestimmung als Handlungsgrundlage versagt
Sendungsgestaltung: Amelie Lanier
Moralkritik und Antimoralismus bei Nietzsche und Stirner

Das Ich soll sich zurücknehmen, der Mensch soll seine Interessen zurückstellen zugunsten des Allgemeinwohls – das fordert die Moralphilosophie und auch die gewöhnliche Moral.
Gleichzeitig wird aber in der Konkurrenz auch zugestanden, daß jeder seine Interessen, solange sie im Rahmen des Erlaubten sind, wahrnehmen soll. Egoismus und Altruismus stehen in einem ständigen Wechselspiel: Du darfst – du sollst – du darfst nicht … An dieser tagtäglichen Heuchelei und ihrer philosophischen Erhöhung haben Stirner und Nietzsche sich gestoßen. Sie stellen den Egoismus, die Freiheit des „Ich“ über alles und übersehen dabei ein Stück weit die politökonomische Grundlage der kapitalistischen Konkurrenz.

1. Stirner und Nietzsche stellen gleichermaßen fest: Philosophie ist hauptsächlich Moralphilosophie, und diese ist säkularisierte Religion:

Das Jenseits außer Uns ist allerdings weggefegt, und das große Unternehmen der Aufklärer vollbracht; allein das Jenseits in Uns ist ein neuer Himmel geworden und ruft Uns zu erneutem Himrnelsstürmen auf.

(Stirner, 81) [1]

Allmählich hat sich mir herausgestellt, … daß die moralischen (oder unmoralischen) Absichten in jeder Philosophie den eigentlichen Lebenskeim ausmachten, aus dem jedesmal die ganze Pflanze gewachsen ist. In der Tat, man tut gut (und klug), zur Erklärung davon, wie eigentlich die entlegensten metaphysischen Behauptungen eines Philosophen zustande gekommen sind, sich immer erst zu fragen: auf welche Moral will es (will er –) hinaus? Ich glaube demgemäß nicht, daß ein »Trieb zur Erkenntnis« der Vater der Philosophie ist, sondern daß sich ein andrer Trieb, hier wie sonst, der Erkenntnis (und der Verkenntnis!) nur wie eines Werkzeugs bedient hat.

(Jenseits von Gut und Böse, 5/20)

… Ihr feinerer Ehrgeiz möchte gar zu gerne sich glauben machen, dass ihre Seelen Ausnahmen seien, nicht dialektische und vernünftige Wesen, sondern — nun zum Beispiel „intuitive Wesen“, begabt mit dem „inneren Sinn“ oder mit der „intellectualen Anschauung“. … Das treibt nun auch Philosophie! Ich fürchte, sie merken eines Tages, dass sie sich vergriffen haben, — das, was sie wollen, ist Religion!

(Morgenröte, 3/95)

Was beide an diesem Umstand stört, ist, daß die Moral, die Religion das Abstandnehmen vom eigenen Interesse fordert. Es werden sich lauter vermeintlich gute Gründe ausgedacht, warum man nicht das tun soll, was einem angenehm ist, sondern sich nach anderen, höheren Werten richten soll:

Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen.

(Stirner, 2)

Der Ausgangspunkt der beiden ist also – wenn man es einmal gutwillig auffasst [2] – der, daß sie feststellen: Den Leuten wird ein Moralkodex, oder ein System der Moral nahegelegt, das darin besteht, daß sie ihr eigenes Interesse, sei es materieller oder psychischer Natur, hintanstellen. Statt sich um die eigenen Belange zu kümmern, soll man sich an „höheren Werten“ orientieren. Und diesbezüglich gab es im 19. Jahrhundert tatsächlich einen Fortschritt seit den dunklen Zeiten des Mittelalters: Nicht wegen Gott und Jenseits soll man heute brav sein, sondern wegen anderer fraglos guter Werte: Menschheit und Menschlichkeit (heute ist jeder sehr für die Menschenrechte), Gemeinschaft, Solidarität, Freiheit, Gleichheit und Gerechtigkeit, usw.

2. Die Moralphilosophie und ihr Bemühen um Religionsersatz

Ich will jetzt einmal einen kleinen Exkurs machen in die Philosophiegeschichte, damit man versteht, was Stirner und Nietzsches Standpunkten vorausgeht, auf was für eine Art von Diskussion sich die beiden stützen, und was sie eigentlich angreifen.

Die Moralphilosophie ist eine jüngere Erscheinung in der Philosophie. Sie entsteht als Reaktion auf die Aufklärung als Angriff auf das Prinzip des Glaubens. Wenn die Menschen jetzt nicht mehr aus Angst vor den ewigen Höllenqualen brav und folgsam sind, wie läßt sich dann noch Gehorsam, Militär- und Frondienste usw aufrechterhalten? – so ungefähr haben verantwortungsvolle Geister gedacht und sich daran gemacht, sich sehr komplizierte Systeme und Argumentationsketten auszudenken, nach denen doch am Ende der Mensch am besten fährt, wenn er sich möglichst selbstlos aufführt.

Der, der diese Art der Philosophie perfektioniert hat, war Immanuel Kant. Er hat festgelegt: Was moralisch ist, „anständig“ also, – gesellschaftlich verantwortungsvoll, würde man vielleicht heute sagen – das ist selbstlos, und was aus Interesse geschieht, das ist nicht moralisch, das gehört sich sozusagen nicht. Wenn also jemand am Markt, im Basar richtig herausgibt und ordentliche Ware feilbietet, so ist das moralisch, wenn er das aus Anstand und Überzeugung macht. Macht ers jedoch, um sich den Käufer als Kunden zu halten, damit er morgen auch wieder kommt, oder um über Mundpropaganda zu noch mehr Kunden zu kommen, so ist das nicht moralisch, sondern ganz niedrig berechnend.
Beim Kant gab es kein Problem, anzuerkennen, ja, der Eigennutz, der tut dem Individuum schon gut, aber die Gesellschaft, so wie sie beschaffen ist, ginge darüber zugrunde, also muß der Eigennutz zurückgedrängt werden.

Diese Trennung vom Kant in zwei Arten von Motivationen – aus Interesse und aus Moral – hat dann zwei Verlängerungen gefunden.

Das eine war der Hegel, mit dessen Gedankenwelt Stirner sehr vertraut war. Hegel hat gemeint, die Lösung dieses Dilemmas zwischen dem Interesse und seiner Beschränkung liege in der Vernunft. Dem Menschen sei es gegeben, die Welt zu begreifen und nach seinem Willen zu gestalten, und damit lösen sich alle theoretischen Widersprüche und praktischen Gegensätze auf. Alle Zurücksetzung, die der individuelle Wille erfährt, liegt für Hegel in einem noch-nicht-begriffen-Haben, einer Unvollkommenheit in der Herausbildung des Verstandes, weshalb sich jemand in seiner „selbstischen“ Vereinzelung unglücklich macht und an seinen kleinlichen „endlichen Zwecken“ verzweifelt.
Die andere war der Schopenhauer, der Nietzsche zunächst beeinflusst hat. Schopenhauer hat diesen moralphilosophischen Gegensatz zwischen Wollen und Sollen zu einem allgemein menschlichen Problem uminterpretiert hat und gemeint, es sei ein Gegensatz zwischen Leben, Genießen einerseits und Denken andererseits, weswegen er dann über Säulenheilige reflektiert hat, die eben dem Genuß entsagt haben, um sich ganz der Spiritualität zu widmen. Schopenhauer war sehr für die Moral, die brauchts unbedingt, meint er, aber die Menschen sind zu schwach dafür. Sie schaffens gar nicht, wirklich moralisch zu sein, weil sie die Kraft zur Entsagung nicht aufbringen.

Bei all diesen Gedankengebäuden, wohlbemerkt, geht es nicht um eine Untersuchung der wirklichen Moral, die die Leute praktizieren, und nach den Gründen dafür, sondern nach idealen Moralkonstrukten, die das Funktionieren der Gemeinschaft garantieren sollen. Man redet immer im Konjunktiv, es geht um etwas, was nicht oder noch nicht ist, aber sein sollte.

3. „Ich“ als Gegenentwurf der moralischen Unterordnung

Und in diese Debatte der Moralarchitekten mischen sich unsere beiden Antimoralisten jetzt ein und empören sich über die Zurückweisung des Interesses. Und fordern sozusagen ein Recht auf Egoismus. Es geht ihnen nicht um irgendein konkretes Anliegen, das zurückgewiesen wird – man möchte z.B. ein Haus kaufen, bringt aber das Geld dafür nicht zusammen, oder: man verschaut sich in eine schöne Frau, die ist aber leider schon unter der Haube und deswegen nicht zu haben – sondern es geht um das Beharren darauf, sich doch einem jeden Bedürfnis, das einen sozusagen befällt, hingeben zu dürfen. Heraus kommt dabei ein sehr leeres: I bin i! Und für dieses Recht, doch auf sein „Selbst“ beharren zu dürfen, werden geistige Verrenkungen gemacht, die denen der Moral-Anhänger, der Ent-selbster um nichts nachstehen:

Ich Meinesteils gehe von einer Voraussetzung aus, indem Ich Mich voraussetze; aber meine Voraussetzung ringt nicht nach ihrer Vollendung, wie der »nach seiner Vollendung ringende Mensch«, sondern dient Mir nur dazu, sie zu genießen und zu verzehren. Ich zehre gerade an meiner Voraussetzung allein und bin nur, indem Ich sie verzehre. Darum aber ist jene Voraussetzung gar keine; denn da Ich der Einzige bin, so weiß Ich nichts von der Zweiheit eines voraussetzenden und vorausgesetzten Ich’s (eines »unvollkommenen« und »vollkommenen« Ich’s oder Menschen), sondern, daß Ich Mich verzehre, heißt nur, daß Ich bin. Ich setze Mich nicht voraus, weil Ich Mich jeden Augenblick überhaupt erst setze oder schaffe, und nur dadurch Ich bin, daß Ich nicht vorausgesetzt, sondern gesetzt bin, und wiederum nur in dem Moment gesetzt, wo Ich Mich setze, d. h. Ich bin Schöpfer und Geschöpf in Einem.

(Stirner, 80)

Im Menschen ist Geschöpf und Schöpfer vereint: … versteht ihr diesen Gegensatz? und daß euer Mitleid dem »Geschöpf im Menschen« gilt, dem was geformt, gebrochen, geschmiedet, gerissen, gebrannt, geglüht, geläutert werden muß …

(Jenseits von Gut und Böse, 5/161)

„Ich“ gibt als Kategorie leider sehr wenig her, wie man ja auch den beiden obigen Zitaten entnehmen kann. Ich bin mir vorausgesetzt und verzehre mich – irgendwie erscheint das weder praktikabel noch vergnüglich. Das Programm des Egoismus will das verletzte, zurückgesetzte Interesse restaurieren – heraus kommt aber ein leeres Kreisen um sich selbst, oder sogar eine Art von Selbstquälerei.

Zum „Ich“ zitiere ich hier einmal Hegel – der hat das schön hingesagt, daß das ein Begriff ist, bei dem man sich nicht lang aufhalten sollte, weil dabei nichts herauskommt:

Wenn ich Ich sage, so meine ich mich als diese einzelne, durchaus bestimmte Person. In der Tat sage ich jedoch dadurch nichts Besonderes von mir aus. Ich ist auch jeder andere, und indem ich mich als Ich bezeichne, so meine ich zwar mich, diesen Einzelnen, spreche jedoch zugleich ein vollkommen Allgemeines aus. Ich ist das reine Fürsichsein, worin alles Besondere negiert und aufgehoben ist, dieses Letzte, Einfache und Reine des Bewußtseins.

(Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften I, § 24, S 82-83)

Um dieses etwas dürftige Ich und das Beharren auf demselben doch irgendwie gut ausschauen zu lassen, wird es zu einem ziemlichen Ballon aufgeblasen. Alles, was „Ich“ tut, ist gut, also jede Handlung erhält dadurch einen Glorienschein, daß sie wirklich selbst gewählt wurde und nicht am Ende durch Gehorsam oder Unterwerfung unter ein Ideal stattfindet. Schließlich kommen ausgerechnet solche Handlungen und Gelüste als Beispiel des Egoismus daher, bei denen beim besten Willen kein Vorteil oder Genuß feststellbar ist, wie bei Stirner das Duell:

Zwei Menschen, die beide darüber einig sind, daß sie ihr Leben für eine Sache (gleichviel welche) einsetzen wollen, sollen dies nicht dürfen, weil’s der Staat nicht haben will: er setzt eine Strafe darauf. Wo bleibt da die Freiheit der Selbstbestimmung?

(125)

Man meint fast, hier macht er sich über seinen eigenen Standpunkt lustig, also gibt zu, daß die Selbstbestimmung gar nichts so Tolles ist. Aber leider nein, er meint es ernst, und es wird sogar das Duell als solches falsch besprochen. Stirner schummelt, gegen sein besseres Wissen sagt er, sie setzen „ihr Leben für eine Sache (gleichviel welche)“ ein, wo er doch genau weiß, daß es bei einem Duell um Ehre geht und um sonst nichts. Würde er das jedoch zugeben, also auch so hinschreiben, so wäre der ganze Beweiszweck futsch, weil Ehre ist doch zunächst von ihm als etwas „Heiliges“ bestimmt, also etwas Un-Ichiges, Un-Selbstisches. Er müßte zugeben, daß wegen etwas Höherem als dem normalen Strafgesetz gegen dieses verstoßen wird, und überhaupt nicht aus Eigennutz.
Aber da er den Egoismus rein negativ bestimmt, als Verstoß gegen Normen, so stilisiert er auch den Verbrecher zu einem Beispiel für Egoismus, eben nur deshalb, weil er gegen das Gesetz, also das Allgemeine, das „Höhere“, verstößt. Dabei wird der Verbrecher aus verschiedensten Motiven zu einem solchen, und manche davon sind hochmoralisch.

Auch Nietzsche zeichnet ein Bild seiner egoistischen Helden, das eigentlich nichts anderes ist als das von der Moralphilosophie entworfene verzerrte Menschenbild des „Wolfes“, der nur durch Unterordnung und Selbstbeschränkung überleben kann. Dagegen sagt Nietzsche: wenn er schon ein Wolf ist, so muß man ihm seine Natur lassen, er solls doch ausleben dürfen:

Sie treten in die Unschuld des Raubtier-Gewissens zurück, als frohlockende Ungeheuer, welche vielleicht von einer scheußlichen Abfolge von Mord, Niederbrennung, Schändigung, Folterung mit einem Übermute und seelischen Gleichgewichte davongehen, wie als ob nur ein Studentenstreich vollbracht sei, überzeugt davon, daß die Dichter für lange nun wieder etwas zu singen und zu rühmen haben. Auf dem Grunde aller dieser vornehmen Rassen ist das Raubtier, die prachtvolle nach Beute und Sieg lüstern schweifende blonde Bestie nicht zu verkennen; ... Diese ,Kühnheit’ vornehmer Rassen, toll, absurd, plötzlich, wie sie sich äußert, das Unberechenbare, das Unwahrscheinliche selbst ihrer Unternehmungen, ihre Gleichgültigkeit und Verachtung gegen Sittlichkeit, Leib, Leben, Behagen, ihre entsetzliche Heiterkeit und Tiefe der Lust in allem Zerstören, in allen Wollüsten des Siegs und der Grausamkeit ...

(Zur Genealogie der Moral, 5/275)

Es bleibt also bei aller Huldigung gegenüber dem Ich nur das etwas bescheidene Programm übrig, möglichst Gegensätze auszutragen, mit allen Mitteln, und ja nicht christlich die andere Wange hinzuhalten, sondern jede Watschn zurückzugeben.

Also, noch einmal meine Kritik an dieser, wie ich es nenne, negativen Vorgangsweise – im Sinne von logisch negativ, nicht in einem moralisch-wertenden Sinne: Man kommt nie wieder zum Eigeninteresse zurück, wenn man es als Verstoß gegen das Allgemeinwohl oder gesellschaftliche Normen definiert – dadurch hängt man sich nur in sehr eigenartiger Weise an genau das an, wogegen man eigentlich angetreten ist, und macht sich damit von diesem abhängig.

4. Der traurige Endpunkt: wenn man den Verzicht selbst wählt, geht er voll in Ordnung!

Dennoch sind weder Stirner noch Nietzsche als besondere Raufbolde oder Gewalttäter aufgefallen. Es geht ja nur darum, daß man könnte, wenn man wollte! Daß man sich von niemandem beschränken läßt!
In ihrem Beharren auf dem, daß man es sich doch selbst aussuchen soll, was man macht und will, – und dann ist alles in Ordnung! – landen sie beide leider wieder bei der ganz gewöhnlichen Moral, die dann Verzicht als etwas Gutes, wenn selbst Gewähltes ansieht:

Etwas »wollen«, nach Etwas »streben«, einen »Zweck«, einen »Wunsch« im Auge haben – das kenne ich Alles nicht aus Erfahrung. … Ich will nicht im Geringsten, daß Etwas anders wird als es ist; ich selber will nicht anders werden. Aber so habe ich immer gelebt. Ich habe keinen Wunsch gehabt.

(Ecce Homo, 6/295)

Eigner bin Ich meiner Gewalt, und Ich bin es dann, wenn Ich Mich als Einzigen weiß. Im Einzigen kehrt selbst der Eigner in sein schöpferisches Nichts zurück, aus welchem er geboren wird. Jedes höhere Wesen über Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefühl meiner Einzigkeit und erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins. Stell’ Ich auf Mich, den Einzigen, meine Sache, dann steht sie auf dem Vergänglichen, dem sterblichen Schöpfer seiner, der sich selbst verzehrt, und Ich darf sagen:
Ich hab’ mein’ Sach’ auf Nichts gestellt.

(197)

Das ist der Endpunkt von Stirners und auch Nietzsches Kritik an Moral und Idealismus: Das „Ich“, der Egoismus, der der Moral entgegengesetzt wird, entpuppt sich als leere Hülle: Nichts zu wollen, das ist wahrer Egoismus. Weil alles, was das Individuum sich als Ziel setzen kann/könnte, ist entweder bereits durch Moral verseucht, oder es hat einen zu allgemeinen und deswegen das individuelle Ich negierenden Charakter.

Durch ihr Hin und Her in dem moralphilosophischen Gegensatz entgeht beiden das Wesen der normalen, gewöhnlichen Moral, so wie sie von den modernen Staatsbürgern praktiziert wird: Dort sind nämlich immer beide Seiten vorhanden, der Eigennutz und der Verzicht.
Und der Ausgangspunkt, die Grundlage dafür ist nicht, wie Nietzsche und Stirner meinen, individuell-moralischer oder religiöser Natur, sondern hat handfeste materielle Grundlagen: Die bürgerliche Moral ist die Begleitmusik derjenigen Veranstaltung, die Konkurrenz heißt. Um sich gegen andere durchzusetzen, geht der moderne Bürger berechnend vor und überlegt, wie er am besten zu seinem Ziel kommt – auf jeden Fall mit einer gehörigen Portion Heuchelei.

Nietzsche war einmal nahe dran, draufzukommen, daß zur Moral diese beiden Seiten gehören, daß die Forderung nach Verzicht – bei den anderen – einem Interesse entspringt, daß sich selbst etwas sichern will:

Das Lob des Selbstlosen, Aufopfernden, Tugendhaften … – dieses Lob ist jedenfalls nicht aus dem Geiste der Selbstlosigkeit entsprungen! Der »Nächste« lobt die Selbstlosigkeit, weil er durch sie Vorteile hat! – Hiermit ist der Grundwiderspruch jener Moral angedeutet, welche gerade jetzt sehr in Ehren steht: die Motive zu dieser Moral stehen im Gegensatz zu ihrem Prinzip! Das, womit sich diese Moral beweisen will, widerlegt sie aus ihrem Kriterium des Moralischen! … Sobald … der Nächste (oder die Gesellschaft) den Altruismus um des Nutzens willen anempfiehlt, wird der gerade entgegengesetzte Satz, »du sollst den Vorteil, auch auf Unkosten alles anderen, suchen«, zur Anwendung gebracht, also in einem Atem ein »Du sollst« und »Du sollst nicht« gepredigt!

(Die fröhliche Wissenschaft, 3/393)

Er ist jedoch dieser Einsicht nicht weiter nachgegangen. Ebenso wie Stirner faßt er die Konkurrenz als etwas rein Ideelles auf, in der sich die stärkeren Charaktere gegen die Schwächeren durchsetzen.

[1Die Seitenzahlen beziehen sich bei Stirner auf die PDF-Internet-Ausgabe des „Einzigen, bei Nietzsche auf die Kritische Studienausgabe, Band/Seitenzahl.)

[2Man kann es natürlich auch weniger gutwillig auffassen und zwar so, daß ihre Kritik an der Heuchelei und Unterordnung schon der Ausgangspunkt ist, – daß also der Mangel an Selbstbewußtsein, sich seine Pflichten selbst zu wählen und dann zu ihnen zu stehen, den eigentlichen Stein des Anstoßes bildet.

Konzept eines Vortrages, gehalten auf dem VII. Pierre Ramus-Symposion in Wien am 10. September 2010, erschienen im Jahrbuch 2011 der Max Stirner Gesellschaft e.V.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)