FORVM, No. 395/396
Januar
1987

Notstand und Notwehr
Das Ende des Pazifismus

Ein imaginäres Interview

Keiner von denen — und ich spreche vor allem von Politikern, Generälen, Wissenschaftern und Journalisten — keiner von denen, die die atomare Massenbedrohung und den Massenmord vorbereiten, mit diesem drohen oder die Möglichkeit des Massenmordes durch sogenannte friedliche Atomanlagen mindestens in Kauf nehmen — keiner von denen darf mehr und soll mehr seines Lebens sicher sein. Da sie uns pausenlos programmatisch und professionell in Angst versetzen, sollen nun endlich auch sie in Angst leben müssen. Die uns bedrohen, sollen von uns bedroht werden. Und nicht nur bedroht werden, sondern dadurch, daß wir unsere Drohungen hier und dort wahrmachen, eingeschüchtert, dadurch zur Einsicht gebracht und dadurch zur Umkehr veranlaßt werden. Damit am Ende niemand mehr bedroht sei, nicht wir und auch sie nicht. Ob uns das gelingt, ob wir durch unsere Gegenbedrohung die Gefährdung der Menschheit noch neutralisieren können, das weiß ich nicht. Aber daß wir das ohne unsere Gegendrohung nicht können, das weiß ich.

Charles Meunier
In: „Le Canard Déchainé“, Montréal, Februar 1986. Deutsch von G. A., 28. Sept. 86

§ 1 — Ende des Pazifismus

Man munkelt, Sie protestieren dagegen, als „Pazifist“ bezeichnet zu werden. Sie werden verstehen, daß dieses Gerücht uns stutzig gemacht hat. Sogar erschreckt hat.

Das ist überflüssig. Was ich mit der Abweisung dieser Einordnung meine, ist allein, daß, wer sich heute noch „Pazifist“ nennt, dadurch unkritisch zu unterstellen scheint, daß machtpolitische Ziele auch mit friedlichen Methoden durchgesetzt werden könnten. Da das heute aber nicht mehr der Fall ist, da heute jeder Krieg, jedenfalls jeder zwischen Weltmächten — aber auch Kleinstaaten sind heute ja bereits „atomar mündig“ —, automatisch und vermutlich schon nach Minuten in eine Totalkatastrophe umkippen würde, da, wie ich schon vor 30 Jahren behauptet habe, [1] kein Kriegsziel mehr existiert, das nicht durch den Effekt der Kriegsmittel zerstört würde, weil nämlich jeder Effekt unvergleichlich größer sein würde als jedes denkbare oder wünschbare Ziel sein könnte, gibt es keine Alternative zum Pazifistsein. An die Stelle der ohnehin unwahren Parole „Der Zweck heiligt die Mittel“ sollten wir heute die wahre Einsicht stellen: „Die Mittel zerstören die Zwecke“. [2] Weil dem so ist, gibt es keine Alternative mehr zum Pazifistsein. Und deshalb bin ich keiner. Wo es keine Alternative mehr gibt, da erübrigt sich ein Spezialausdruck wie „Pazifist“.

Wir sind Ihnen sehr dankbar für die Klarstellung. Um so dankbarer, als kurioserweise auch das Gegenteil über Sie gemunkelt wird.

Und was?

Daß Sie sich — entschuldigen Sie, bitte, aber ich kann ja nichts für dieses Gerücht ...

... welches Gerücht?

Daß Sie sich ausdrücklich gegen die grundsätzliche Beschränkung auf Gewaltlosigkeit ausgesprochen haben.

Aber warum soll das ein Gerücht sein, das ist doch die reine Wahrheit!

§ 2 — Unsere Verneinung der Gewaltlosigkeit ist die Bejahung unseres Rechtes auf Notwehr im Notstand

Die reine Wahrheit?

Ihr Staunen wirkt wahrhaftig so, als glaubten Sie, ich hätte mich jemals ausdrücklich auf das Prinzip der Gewaltlosigkeit festgelegt. Davon kann natürlich keine Rede sein.

„Natürlich“ nennen Sie diesen Frontwechsel?

Nennen? Und „Frontwechsel“? Das Recht auf Notwehr tödlich Bedrohter und in jeder Sekunde Angreifbarer ist natürlich natürlich! Selbst das Naturrecht ...

Die Absage an Gewaltlosigkeit nennen sie „Notwehr“?

Schon wieder dieses „Nennen“! Sie ist Notwehr! Und da die Bedrohung total und die mögliche Vernichtung global ist, hat unsere Notwehr total und global zu werden. Zum Verteidigungskrieg aller Bedrohten. Und das heißt: aller Menschen heute und morgen.

§ 3 — Moral bricht Legalität

Wie und warum sind Sie zu dieser ... sonderbaren Position gekommen?

Sonderbar? Sonderbar und aufklärungsbedürftig wäre es umgekehrt, wenn ich zu dieser Position nicht gekommen wäre.

Immer die gleiche Volte!

Also schön. Wessen Leben, wie das meiner Generation, in der Epoche der Angriffskriege und Diktaturen abgelaufen ist, wer wie ich diese Epoche seit mehr als 70 Jahren bewußt ...

Was?

Ja, seit August 1914. Wer diese Epoche bewußt miterlebt hat, und das heißt: Wer in keinem Augenblick seines Lebens fortgeblickt hat, hat fortblicken können von den mit seinem Leben gleichzeitig stattfindenden Schändlichkeiten, wo immer auch diese passierten (denn Distanz vermindert unsere Verpflichtung nicht); und wer selbst in Augenblicken der Freude nicht fortgeblickt hat und nicht in Zeiten des Glücks, denn man hat „emotional immer zweihändig“ zu spielen ...

(Der Interviewer signalisiert völliges Unverständnis)

Das ist kaum ein Verdienst gewesen. Und ist kein Verdienst. Vielleicht sogar ein Defekt. Gleichviel, wer ein Zeitgenosse von Verdun gewesen ist und von Auschwitz und von Hiroshima, von Algerien und Vietnam und, und, und ... — wenn Sie in die Welt hineinhorchen könnten, aber die meisten von uns sind taub, dann würden Sie sich sofort die Ohren zuhalten müssen, um das keinen Augenblick abbrechende und aus allen Himmelsrichtungen zugleich kommende Gellen ....

(Der Interviewer hält sich entsetzt die Ohren zu)

Lassen Sie das! — Wer also dazu verurteilt gewesen ist und noch heute ist, diese pausenlos gellende Epoche Tag für Tag und Jahr für Jahr zu durchleben ...

Ja?

Und jetzt kommt eben die Konsequenz, die Sie nicht erwartet haben ....

Nun?

Der kann nicht und darf nicht Anwalt der Gewaltlosigkeit um jeden Preis werden oder sein oder bleiben, weil Erpreßte und Angegriffene — und das konzediert nicht nur das Völkerrecht, sondern sogar das Kirchenrecht — zur Notwehr gegen Gewaltdrohungen und erst recht gegen Gewaltakte legitimiert sind, sogar verpflichtet sind. Wir Atomgegner kämpfen also, wie gesagt, einen Verteidigungskampf gegen so enorme Bedroher, wie es deren nie zuvor gegeben hatte. Also haben wir das Recht, Gegengewalt auszuüben, obwohl hinter dieser keine „amtliche“ und „rechtmäßige“ Macht, also kein Staat, steht. Aber Notstand legitimiert Notwehr, Moral bricht Legalität. Diese Regel zweihundert Jahre nach Kant eigens zu begründen, erübrigt sich ja wohl. Daß Kantianer wie wir heute als „Chaoten“ etikettiert werden, das braucht uns, auch wenn wir beim Hören dieses Wortes an Bierdunst zu ersticken glauben, nicht weiter aufzuregen, das ist nur das Zeichen des moralischen Analphabetismus derer, die uns so etikettieren. Da wir ja wissen, wer der ingeniöse Präger dieser Invektive gewesen ist, daß es derselbe Mann ist, von dem wir schon vor Jahren „Schmeißfliegen“ und „Ratten“ genannt worden sind, sollten wir ruhig auch diesen Namen als Ehrennamen akzeptieren. Ich tue das jedenfalls.

§ 4 — Gewaltfähigkeit, genannt „Macht“, maßt sich das Monopol auf Legalität an

„Chaoten“ nennen sie uns also deshalb, weil wir das Monopol ihrer auf Gewalt (d.h.: auf Droh- und Schlagfähigkeit) beruhenden Macht nicht anerkennen. Da sie die Macht, ihre Macht, als Ordnung ausgeben, gelten wir eo ipso als „Unordentliche“ und als solche eben als „Chaoten“, denen sie dann sogar die Haartracht, die für Dürer oder für Schiller noch selbstverständlich gewesenen langen Haare als Beweis von Verwahrlosung, also von Kriminalität, also von Sowjethörigkeit ankreiden. Wer lange Haare trägt (die Zahl der Anti-Atom-Lockenköpfe ist in Wahrheit natürlich sehr gering), der hat offenbar kein Recht darauf, sich für das Überlebensrecht der Menschheit einzusetzen. Wie abstrus das auch sein mag, aber als Argument für Wackersdorf etc. verwenden die Sträuße und Zimmermänner die Behauptung, daß gegen Atomrüstung allein Ungewaschene und Langhaarige aufträten. [3]

§ 5 — Die Inversion

Während wir, die Verteidiger des Friedens und die Gegner der Bedrohung, wenn wir uns nicht auf rein verbales Protestieren beschränken, als „Gewalttäter“ bezeichnet werden, bezeichnen alle wirklich aggressiven Mächte sich selbst als „defensiv“. Natürlich hat hinter den chemischen Vergiftungen Vietnams oder jüngst hinter der Bebombung von Tripolis kein „Department of Aggression“ gestanden, sondern ein „Department of Defense“, obwohl natürlich weder Vietnam noch gar dem winzigen Libyen im Traum eingefallen war, Amerika anzugreifen oder angreifen zu wollen (oder zu können). Wenn sich die Angreifer „Verteidiger“ nennen (und, durch sich selbst korrumpiert, noch nicht einmal darüber staunen, daß sie dieses verlogene Etikett tragen und beanspruchen), dann ist es umgekehrt auch nicht überraschend, daß sie uns, die für den Frieden Kämpfenden, als „Aggressive“ behandeln, also gegen uns, wie z.B. in Wackersdorf, Waffen einsetzen, die unzweideutig Kriegswaffen sind. Diese ihre konterrevolutionäre Tätigkeit macht uns tatsächlich zu Revolutionären und verursacht eine Situation, die der eines unerklärten Bürgerkriegs wirklich nahekommt. Trägt eın Bürger einen Schaden davon, dann beweist er damit, daß er angegriffen hat.

§ 6 — Über Happenings und die Dialektik der Gewalt

Ihr Ausdruck „Notwehr“ läßt mich nicht los. Überschreiten Sie nicht durch Verwendung dieses Terminus einen, wie soll ich sagen, einen Rubikon?

Einen? Den!

Eben.

Aber nicht ich überschreite den. Der ist ja längst überschritten worden. Von denen, die uns bedrohen. Oder sehen Sie vielleicht in denen, die sich selbst verteidigen, die Schuldigen? Würden Sie sagen, daß wir die Verteidigung vom Zaun brechen?

Nein, das natürlich nicht.

Sehen Sie. Im übrigen braucht man das alles nicht so verschmockt auszudrücken. Prahlerei mit humanistischer Bildung ist bei diesem Thema fehl am Platz, beweist sogar Feigheit. Je schlimmer das Thema, desto nüchterner haben wir uns auszudrücken.

Und wie würden Sie das alles ausdrücken?

Das habe ich bereits getan, aber ich fürchte, Sie wollen das nıcht verstehen. Was ich meine, ist: Bloße Beteuerungsmaßnahmen sind ineffektiv, deshalb blamabel. Und unmoralisch.

Aber man kann doch nicht ...

Wie gut man kann oder gekonnt hätte oder hätte können müssen, werden Sie sofort erkennen und zugeben, wenn Sie ins Vorgestern zurückspringen.

Was meinen Sie damit?

Was wäre die angemessene Bekämpfung Hitlers gewesen? Finden Sie, die wenigen Versuche, ihn unschädlich zu machen und die leider jämmerlich geendet sind, seien unmoralisch gewesen? Wäre es etwa moralisch gewesen, ihn (wie es ja bis auf Ausnahmen geschehen ist) nicht anzurühren, obwohl man wußte, daß er ohne Wimpernzucken Millionen von Menschen für seine Wahnsinnsziele opfern würde?

Wie Sie das Heute nur mit dem Damals vergleichen können!

Mit Ihrem Einwand haben Sie gar nicht so unrecht! Denn das Damals war ja, trotz der 60 Millionen Toten, nur die Generalprobe gewesen für das, was uns nun unvergleichbar bevorsteht.

Wieso Generalprobe?

Weil die heutigen Hitlers, da ihnen Waffen, die schon nicht mehr als „Waffen“ bezeichnet werden dürften, in die Hand gefallen sind, ungleich gefährlicher sind, als Hitler es gewesen war. Ich fürchte, Sie erkennen nur gewesene Hitlers als gefährlich, eben als gefährlich gewesene. Heutige dagegen erkennen Sie lieber gar nicht an, und zu diesem Zweck erkennen Sie diese auch nicht.

(Der Interviewer überlegt)

Aber kehren wir zurück zur Hauptsache. Allein mit gewaltlosen Mitteln (die wahrscheinlich gar keine Mittel sind, weil sie gewaltlos bleiben) konnten gewesene Hitlers nicht und können und dürfen heutige Hitlers nicht bekämpft werden. Nicht nur fürchten Hitlers diese Maßnahmen nicht, sie verlachen diese einfach. Nein, sie verlachen diese noch nicht einmal, weil sie ihnen selbst zum Verlachen zu gering erscheinen. Ebensowenig können bloße Unterlassungen als „Kampfmethoden“ in Frage kommen, z.B. Fasten, das ja nicht den Hitlers wehtut und nicht den Reagans und Straußens, sondern nur denen, die in archaisch religiösem Opferstil durch ihren Verzicht einen Übermächtigen erpressen wollen. Askese oder sich selbst angetaner Schmerz haben noch niemals einen Gott oder eine Übermacht erfolgreich erpreßt. Ebenso unseriös sind Sentimentalitäten wie z.B. das Überreichen von Blumensträußen an Polizisten, die diese, da schlagstockbewaffnet, noch nicht einmal physisch entgegenzunehmen imstande sind. Kurz und gut: Happenings sind nicht genug!

(Befremdet:) Happenings! Dieser Vergleich überschreitet doch wohl ...

Nein. Gar nichts überschreitet er. Und ist auch nicht nur ein Vergleich. Gewaltlose Widerstandsaktionen ähneln nicht nur Happenings. Sie sind Happenings.

Und warum sind sie das?

Deshalb, weil Happenings verspielte Scheinakte sind und Als-Obs, die so tun, als seien sie mehr: nämlich wirkliche Aktionen oder mindestens Bastarde von Sein und Schein, von Ernst und Spielt.

Das schon. Aber ...

Kein Aber. Nur Und. Und aus solchen „Als-Obs“ und Scheinakten, die vorgeben, Aktionen zu sein, haben bis vor einigen Monaten jedenfalls die Widerstandsdemonstrationen eben gleichfalls bestanden. (Die Scham davor, bloße Komödie zu spielen, scheint unterdessen ja zaghaft eingesetzt zu haben.) Damit will ich natürlich nicht behaupten, daß es zwischen den Happenings in den sechziger Jahren und den heutigen keine Unterschiede gebe. Die Akteure und das Publikum bzw. die Gegner sind ja auch nicht mehr dieselben. Ebensowenig der Stil und die soziale Rolle der Unternehmungen. Während die früheren Happenings vor 20 Jahren von Einzelnen prätentiös, zuweilen geistreich oder surrealistisch drapiert, vor Mitmenschen, die als Publikum gemeint waren, durchgeführt wurden, handelt es sich heute ja bei den gewaltlosen Widerstandsaktionen unserer Jahre um Massenunternehmungen, deren Teilnehmer gar nicht auf den Gedanken kommen, etwas Originelles oder Geistreiches durchzuführen und das Wort „Surrealismus“ noch nie gehört haben, vielmehr kleinbürgerlich ernst auftreten, oft sogar salbungs- oder weihevoll; ganz abgesehen von den sehr Zahlreichen, die ihre Protestdemonstrationen aufs Inferiorste in Volksfeste mit Würschteln verwandeln: vorweggenommener Leichenschmaus. Und mit Gitarren: Wo die auf drei Akkorde beschränkten Klampfen trıumphieren, beginnt die Herrschaft der Vulgarität. Gewiß, der soziale und der Stilunterschied zwischen den vorgestrigen und den heutigen Happenings ist unbestreitbar. Nichtdestoweniger hat sich das Schillern zwischen Sein und Schein, zwischen Ernst und Spiel erhalten. Glauben Sie vielleicht, es sei eine geschichtliche Koinzidenz, daß diese zwei „Als-Obs“, diese zwei Formen der Scheinopposition oder -revolution: Happenings und Gewaltlosigkeit in dem gleichen Vierteljahrhundert aufgetreten sind? Sind die zwei nicht Symptome ein und derselben Krankheit? Sind sie nicht offensichtlich beide die Zappeleien des durch die Übermacht der Apparate entmachteten und dadurch antiquierten Menschen?

So habe ich die zwei nie zusammengesehen.

Dann ist es höchste Zeit. Beide sind brave Als-Obs. Schrecklich brave.

Schrecklich brave?

Richtig. Denn die Als-Ob-Täter prahlen ja noch mit ihrem Als-Ob. Sie geben ja ihre Harmlosigkeit pompös als „Humanität“ oder als Ehrfurcht oder gar als „Geist der Bergpredigt“ aus. Nichts schrecklicher übrigens, als wenn sich solche Bravheit und solcher „Mut zur Feigheit“ auf Jesus zu berufen wagt.

Mut zur Feigheit? Jesus? Ich weiß überhaupt nicht mehr, wovon Sie reden.

Von allen Scheinaktivitäten. Im besten Falle handelt es sich — ich sage: es handelt sich ..., denn hier von Handelnden zu sprechen, hieße, den Mund zu voll nehmen — im besten Fall handelt es sich also um Protestierende, die deshalb gewaltlos bleiben, weil ihnen jede technische Möglichkeit, den ihnen furchtbar überlegenen Maschinen wirklichen Widerstand zu leisten, versagt bleibt; die sich aber nicht aus Prinzip, sondern aus Not mit dem Als-Ob zufriedengeben. Der dritte Band meiner Antiquiertheit des Menschen wird leider ein Kapitel über die durch die Übermacht der Geräte und Gerätebeherrscher verursachte „Antiquiertheit der Revolutionen“ enthalten müssen. [4] Aber die Einsicht in deren Antiquiertheit darf uns natürlich nicht davon abhalten zu überlegen, welche neuen Typen von Revolution erfunden und inauguriert werden müssen. Denn durch die Erschwertheit des Kampfes ist dessen Erforderlichkeit ja nicht ausgelöscht.

So systematisch haben Sie also Ihre philosophischen Thesen zusammengebaut?

Philosophien „baut“ man nicht „systematisch zusammen“. Was meinen Sie denn damit?

Nun, Ihre seit Jahrzehnten vertretene These von der Überlegenheit der von uns produzierten Geräte über uns Produzenten und Ihre Kritik der Gewaltlosigkeit und Ihre Revolutionsskepsis.

Noch einmal: „Systematisch zusammengebaut“ ist ein schiefer Ausdruck. Und ein viel zu ehrenvoller. Denn der Zusammenhang der von Ihnen genannten Elemente ist nicht mein Werk oder Verdienst. Der besteht eben tatsächlich. Man braucht nur hinzuschauen.

Aber das alles stimmt doch nicht diese Gleichsetzung von Happening und Gewaltlosigkeit. Hat Gandhi vielleicht mit Happenings vorliebgenommen?

(Nach Denkpause): Weltgeschichtlich gesehen, fürchte ich, ja. Oder würden Sie die millionenfach abfotografierte Tätigkeit des nackten Handwebers Gandhi für mehr halten als für ein maschinenstürmerisches Happening? Die Industrie hat er damit nicht aufhalten und die Kastenmisere Indiens nicht tangieren können. Im Ernst. Wenn Gandhi zu „gewaltlosem Widerstand“ aufgerufen hat, dann hat er das „faute de mieux“ getan. Vermutlich ist er nicht stolz darauf gewesen, sondern vergrämt darüber, daß er sich damit hat abfinden müssen. Was er damit gemeint hat: „Vielleicht können wir, obwohl uns Macht und dadurch die zum Handeln erforderliche Gewalt versagt bleiben, doch irgendwie Widerstand leisten.“ Entscheidend gewesen ist für ihn also nicht — und das ist des Pudels Kern — die Gewaltlosigkeit als solche (als einzig moralisch erlaubte Methode oder als Prinzip oder als Ziel), sondern die sehr dünne Eventualität, trotz Waffenlosigkeit vielleicht doch Widerstand leisten zu können. Im Vordergrund stand also nicht die Bejahung des „Ohne“ (ohne Waffen), sondern die des „Trotz“ (trotz der Waffenlosigkeit).

Kurz und gut: Sie sind für Gewalt?

Für Gewalt aus Notwehr.

Und das gilt endgültig, ein für allemal?

Nein, natürlich nicht! Hoffentlich nicht. Sondern nur solange, wie Notwehr gegen den Notstand notwendig bleibt. Wir setzen Notwehr ausschließlich zu dem Zweck ein, mit ihr ihre Erforderlichkeit überflüssig zu machen und zum Verschwinden zu bringen. „Dialektik der Gewalt“, wenn Sie so wollen.

Gewalt also zwecks Aufhebung von Gewalt?

Richtig. Da wir nur ein einziges Ziel kennen: die Erhaltung des Friedens, hoffen wir, daß wir nach dem Siege (wenn wir den erringen sollten, was wir pausenlos bezweifeln müssen) Gewalt nicht mehr benötigen werden. Unsere Gewaltausübung darf immer nur als Verzweiflungsmittel, immer nur als Gegengewalt, immer nur als Provisorium eingesetzt werden. Denn letztlich zielt sie auf nichts anderes ab als auf den Zustand der Gewaltlosigkeit. Solange freilich die etablierten Mächte gegen uns, die Machtlosen, die absichtlich von ihnen Entmachteten (und damit gegen unsere erhofften Kindeskinder) Gewalt einsetzen, gleich ob durch die Drohung, unsere Wohngebiete in verseuchtes Schuttgelände zu verwandeln, oder durch die Errichtung angeblich harmloser Kraftwerke — solange sie uns zu beherrschen oder zu erpressen oder zu demütigen oder zu vernichten suchen, oder solange sie unsere mögliche Vernichtung auch nur (aber dieses „nur“ reicht!) in Kauf nehmen, solange sind wir — ich bedaure — durch diesen Notstand genötigt, auf den eigenen Gewaltverzicht zu verzichten. In anderen Worten: Unter keinen Umständen dürfen wir unsere Friedensliebe dazu mißbrauchen, den Skrupellosen die Chance zu eröffnen, uns und unsere Kindeskinder auszulöschen. Dieser Gefahr unerschütterlich ins Auge zu blicken und dabei die Hände in den Schoß zu legen, wie es 99% unserer Mitmenschen tun, das beweist keinen Mut, noch nicht einmal Tapferkeit, sondern — entschuldigen Sie diesen unanständigen Ausdruck — nur Demut.

Was meinen Sie damit?

Daß es gegenüber den Skrupellosen keinen würdeloseren Mut gibt als Demut.

Ich sehe also, Sie sind wirklich für Gewalt!

Nochmals: Für Gegengewalt. Die „Notwehr“ heißt.

Dieses Hin- und Herlavieren zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit, Ihr „Gewalt ist nicht Gewalt“ — das alles klingt doch recht unglaubhaft. Und beinahe so zwielichtig wie die Worte von Minister Zimmermann.

Der Vergleich ist mindestens originell.

Der hat, genau wie Sie, die Unterscheidung zwischen Gewalt und Gewaltlosigkeit verwischt. Laut „Welt“ hat er nämlich gesagt: „Auch gewaltloser Widerstand ist Gewalt. Und zwar deshalb, weil er Widerstand ist.“

Kurz: Widerstand als solcher ist gewalttätig. Eine schöne Gleichung.

Ja.

Und inwiefern soll diese Gleichung, dieses die Prinzipien aller Diktaturen zusammenfassende dictum meiner Maxime ähneln? Es besagt doch das genaue Gegenteil von meiner Maxime! Denn was ich — Sie wissen ja, wie furchtbar ungern — behaupte, ist ja nicht: Gewaltlosigkeit ist Gewalt, sondern umgekehrt: Die Ausübung der uns aufgezwungenen Gegengewalt ist allein deshalb legitim, weil sie auf den Zustand der Gewaltlosigkeit abzielt. Also auf die Sicherung des (nicht von uns) bedrohten Friedens. Nur dann, wenn. Und Sie finden im Ernst, daß diese Maxime moralisch ebenso zwielichtig ist wie Zimmermanns jede Freiheit, jede Äußerung unabhängiger Meinung, jeden Widerspruch als Aufmüpfigkeit verurteilende Gleichung?

(Der Interviewer schweigt)

Freilich, in gewissem Sinne bedeutet meine Maxime auch etwas Negatives. Daß wir mit Hilfe von freundlichem Zureden, von (wie es so ekelhaft heißt) „Streicheleinheiten“ oder mit vernünftigen Argumenten unfähig bleiben werden, die Fürsprecher von Raketen und Brütern zur Raison zu bringen.

Daß ein professioneller Aufklärer und Rationalist wie Sie derart gegen Vernunft und Argumente spricht!

Deshalb! Nur Schwärmer überschätzen die Macht der Vernunft! Die erste Aufgabe des Rationalismus besteht darin, sich über die Macht der Vernunft, über deren Überzeugungskraft keine Illusionen zu machen. Und deshalb komme ich immer wieder zur selben Einsicht. Gewaltlosigkeit gegen Gewalt taugt nichts. Diejenigen, die die Vernichtung von Millionen Heutiger und Morgiger, also unsere endgültige Vernichtung vorbereiten oder mindestens in Kauf nehmen, die müssen verschwinden, die darf es nicht mehr geben.

Das heißt also ...

Sollich es noch einmal wiederholen?

Bitte.

Es geht nicht in Ihren Kopf hinein?

Nein.

So wenig wie in meinen. Allein werden die das ja nicht erledigen.

Das heißt also: Die müssen vernichtet werden?

Stellen Sie sich nicht dümmer als Sie sind. In unserer Welt zu leben ist eben kein Honiglecken. Und wer nicht die Courage aufbringt, sich auf das Schuldigwerden einzulassen, der bleibt unreif und ...

Und?

... unmoralisch.

(Ungläubig leidenschaftliches Kopfschütteln des Interviewers.)

Seien Sie doch bitte vernünftig! Was, finden Sie, hätte Ihrer Ansicht nach mit Hitler, Himmler & Co. geschehen sollen, geschehen müssen, als es unbezweifelbar wurde — und das war es schon vor der Wannseekonferenz —, daß diese ... Menschen nicht die geringsten Hemmungen haben würden, Mitmenschen wie Brennmaterial zu verheizen — daß dieser Ausdruck auch heute noch aus harmlosen Mündern kommt, ist unerträglich — Millionen von ihnen zu verheizen. Also was finden Sie? Hätte man sich da auf friedlich gesittete Demonstrationen dagegen beschränken sollen? Dürfen? Aber Sie wissen ja selbst: Noch nicht mal friedliche Demonstrationen hat man gewagt. Geschweige denn ...

Ich weiß. Selbst das hat man eben nicht gekonnt.

Richtig. Weil Widerstand à la Zimmermann eo ipso als Gewalt gegolten hat.

Also sind sie salviert.

Davon kann gar keine Rede sein. Denn es war ja noch viel schlimmer.

Warum?

Weil sie sich noch nicht einmal aufgeregt haben darüber, nein: wohl noch nicht mal gemerkt haben, daß sie nicht mehr protestieren konnten oder durften oder ...

Oder?

Daß sie nicht mehr zu protestieren wünschten. Im Gegenteil: Gejubelt haben sie darüber. Mit Fackeln, Pauken und Trompeten darüber gejubelt, daß man nicht mehr protestieren durfte. Das Nicht-protestieren-Dürfen hat man genossen. Die totale Hörigkeit genossen als totale Zugehörigkeit. Das total Negative als total Positives. Nicht Ihre Schuld. Die Ihrer Eltern.

Auch nicht gerade tröstlich.

Bedaure. — Aber hätten die nicht die Vernichter vernichten müssen?

Wahrscheinlich. — Und nun vergleichen Sie also die heutigen Bedroher mit den damaligen?

Gewiß. Aber auch die heutigen Nicht-Widerständler mit den damaligen. Die heutige Aufgabe ist nicht geringer als es die damalige gewesen wäre. Wäre. Und vielleicht noch größer und noch unaufschiebbarer als die damalige. Weil noch mehr auf dem Spiel steht.

Ich weiß.

Das bezweifle ich. Und um noch einmal auf das schändliche Wort von Zimmermann zurückzukommen, auf dieses entrechtende, höhnende, lieblose, undemokratische und unchristliche Wort „gewaltloser Widerstand ist Gewalt, weil Widerstand“ — dieses „Weil“ ist in der Tat das niederträchtigste Weil, das ich je gehört habe. Nicht nur seine diktatorische Mentalität bezeugt Zimmermann durch diese Formel, er prahlt mit ihr geradezu. Statt aus seinem hätte sie glatt aus dem bellenden Mund Hitlers kommen können. Sie ist ein um 50 Jahre verspätetes Echo.

Soweit, glauben Sie, sind wir beinahe?

Das ıst keine Sache des Glaubens. Wer wie Zimmermann verkündet, gewaltloser Widerstand sei, weil Widerstand, Gewalt, der versagt jedem Widerspruch sein Recht und macht dadurch jede freie Meinungsäußerung, jede Kritik an Maßnahmen der herrschenden Macht zur strafwürdigen Anmaßung. Und das ist das Ende jeder Freiheit. So würde z.B. jede noch so freundlich nahegebrachte Warnung vor Kriegsspielzeug verdächtig werden, sie sei eine als „christlich“ oder als „gewaltlos“ getarnte Gewaltaktion gegen die sogenannten „freiheitlichen Werte“. Natürlich gibt es zuweilen — das läßt sich nicht abstreiten — Fälle, in denen Freundlichen, die sich für offiziell nicht Gebotenes oder gar für amtlich Verbotenes direkt einsetzen, gewisse vorübergehende Erfolge beschieden sind. Aber in den Augen der Zimmermänner stehen eben Erfolge eigentlich nur den Machtinhabern zu. Und eigentlich (aber natürlich unausgesprochenerweise) dürfen Erfolge ausschließlich durch Drohung mit Gewalt (die Macht und dadurch Legitimität beweist) durchgesetzt werden. Was die erhobene und zuschlagende Hand des Establishments kann (und deshalb angeblich darf und soll), das darf der streichelnden nicht gestattet sein. In den Augen der Zimmermänner ist Güte, die einzugreifen sucht (was ihr zuweilen sogar glückt), nichts als ein Trick. Und Sanftheit nichts als getarnte Gewalt. Jedes Schaf gilt ihnen als ein Wolf im Schafspelz — echte Schafe gibt es aus der Perspektive der Mächtigen nicht, und das bedeutet natürlich auch: Echte Christen sind in den Augen derer, die nur der Gewalt und der auf Macht beruhenden Gewalt Legitimation zuerkennen, eo ipso Heuchler. Daß das von den Zimmermännern niemals zugegeben werden würde, gehört zum Wesen der Zimmermänner. Und daß die sich als „gewaltlos“ tarnenden Wölfe im Schafspelz von den rechtschaffenen Wölfen (die, weil sie Machteigentümer sind, auch legitim das Gewaltmonopol besitzen) nicht geduldet werden können, das versteht sich von selbst.

Ist nicht vielleicht wirklich ein wahrer Kern in dem Mißstrauen gegen die Gewaltlosigkeit? Haben sich nicht die Mächtigen, auch die mächtigen Kirchen, auch diejenigen, die die Religion der Liebe verkörpern, oft nur deshalb mit Gewaltlosigkeit bescheiden können, weil sie, wenn sie ihre Ziele im Guten nicht durchsetzen konnten, jederzeit auf Gewalt zurückgreifen konnten? Und weil sie wußten, daß die Ohnmächtigen das wußten?

Das ist schon richtig. Nun sprechen Sie von der Gewaltlosigkeit, die sich die Mächtigen auf Grund ihrer Macht, unter Umständen sogar für lange Zeit leisten und als Pressionsmittel verwenden können. Aber das ist ja nicht unser Thema. Denn wir sprechen ja die ganze Zeit von den Ohnmächtigen, die sich im Notstand befinden und die es sich, wenn sie überleben wollen, nicht leisten können, auf Gewalt zu verzichten, die also zur Notwehr verpflichtet sind, mindestens zu dem Versuch, mit Gewaltakten die Menschheit zu retten.

Auf Sie als Pazifisten kann man also nicht mehr rechnen.

Doch. Aber Frieden ist mir nicht Mittel, sondern Ziel. Und deshalb kein Mittel, weil Frieden das Ziel ist. Ich kann nicht weiter mitansehen, daß wir, die wir samt unseren Nachkommen durch Gewalttätige tödlich gefährdet werden, die Hände in den Schoß legen, daß wir uns scheuen, Gewalt gegen die drohende Gewalt einzusetzen. Da Hölderlins von Sonntagsrednern gern zitierte Behauptung, daß, wo Gefahr drohe, auch das Rettende nahe sei, einfach unwahr ist — in Auschwitz und Hiroshima hat sich bekanntlich nichts Rettendes genähert —, ist es unsere Aufgabe, als Rettende einzuspringen: also die Gefahr dadurch zu vernichten, daß wir die Vernichter gefährden.

Sind Sie zu Ende?

Nein. Mitgeben möchte ich Ihnen einen letzten Satz: Auf den Friedhöfen, auf denen wir liegen werden, wird niemand uns beweinen, Tote können Tote nicht beweinen.

[1G. A.: Die Antiquiertheit des Menschen I, 261

[2ibd. S. 251

[3Der philiströse Appell an die Kurzhaarigen (= Sauberen) aller Länder ist um so komischer, als — was die philiströsen und ungebildeten Herren natürlich nicht ahnen — die von ihnen gepriesene Mode der Kurzhaarigkeit, als Protest gegen den perückentragenden Adel, von Sansculotten eingeführt worden war. Wie so oft, ist Ignoranz auch in diesem Fall Quelle der Geschichte; nicht nur die der Geschichtsschreiber, sondern die der Geschichte Machenden.

[4vgl. Antiquiertheit II, S. 355 ff.

Eine Nachricht, ein Kommentar?
Vorgeschaltete Moderation

Dieses Forum ist moderiert. Ihr Beitrag erscheint erst nach Freischaltung durch einen Administrator der Website.

Wer sind Sie?
Ihr Beitrag

Um einen Absatz einzufügen, lassen Sie einfach eine Zeile frei.

Hyperlink

(Wenn sich Ihr Beitrag auf einen Artikel im Internet oder auf eine Seite mit Zusatzinformationen bezieht, geben Sie hier bitte den Titel der Seite und ihre Adresse bzw. URL an.)