FORVM, No. 478/479
November
1993

Perspektiven einer neuen Agrarpolitik

Das vorliegende Papier versucht, die übliche agrarpolitische Ebene der Diskussionen um Milchpreise, -kontingente, Direktzahlungen usw. zu verlassen und tiefer vorzustoßen zu den primären Ursachen des Niedergangs der bäuerlichen Landwirtschaft. In der Folge sollen Gründe, Möglichkeiten und Perspektiven einer Umkehrung der Entwicklung aufgezeigt werden.

Die Frage wird wie folgt abgehandelt:

  1. Rückgang von Beschäftigung und Wertschöpfung
  2. Suche nach der primären Ursache
  3. Erkennbare Fehlentwicklungen
  4. Korrigierende Maßnahmen
  5. Ergebnisse dieser Umsteuerung — Folgen für die Bauern

1. Wirtschaftlicher Niedergang der Landwirtschaft

Daß der Bereich der Land- und Forstwirtschaft an wirtschaftlicher Bedeutung in den letzten Jahrzehnten enorm an Boden verloren hat, ist ein offenes Geheimnis und läßt sich mit Zahlen eindrücklich belegen:

  1. Rückgang der Beschäftigten in auf 1/5!
    Österreich 1951 1.079.000 32,3%
    1971 460.000 14,9%
    1990 207.000 5,7%
    Vorarlberg ca. 2,0%
  2. Rückgang der Wertschöpfung BNP [*] auf 1/6!
    Österreich 1950 17,0%
    1970 7,0%
    1991 2,7%
    Vorarlberg 1989 12%
  3. Vergleich des Produktionswertes der Land- und Forstwirtschaft mit dem der Nahrungs- und Genußmittelindustrie
    Mio S
    Land- und Forstwirtschaft (1989) 862
    Nahrungs- und Genußmittelindustrie (1991) 6.792

Der gesamte Produktionswert der Land- und Forstwirtschaft Vorarlbergs beträgt Anfang der 90er Jahre etwa 1/8 (!) des Produktionswertes des bei etwas oberflächlicher Betrachtung als nachgelagerter Verarbeitungsbereich zu bezeichnenden Nahrungs- und Genußmittelbereiches.

Aus diesen Zahlen ergeben sich aus meiner Sicht primär zwei Fragen:

  • Was ist die primäre Ursache dieses Bedeutungsverlustes der Land- und Forstwirtschaft?
  • Was ist von einer Volkswirtschaft und ihren Bewertungskriterien zu halten, die Bewirtschaftung des Großteils der Landesfläche mit 1 bis 2% der gesamten wirtschaftlichen Leistungen ausweist?

2. Primäre Ursachen dieser Entwicklung

Wenn man den Bedeutungsrückgang der Land- und Forstwirtschaft geschichtlich zurückverfolgt, läßt sich ihr Anfang mit dem Beginn der »industriellen Revolution« datieren.

  • Zu diesem Zeitpunkt begann der Ersatz des bis dahin über Jahrtausende zentralen Umwandlers von Sonnenergie in Lebensmittel im weitesten Sinn durch ein neues Energie- und Rohstoffsystem. Kohle und andere Rohstoffe aus der Erde — in industriellem Maßstab abgebaut und verwendet — verdrängten die Land- und Forstwirtschaft zuerst sehr langsam, aber stetig und scheinbar unaufhaltsam. Explosionsartig ausgeweitet hat sich diese Entwicklung dann in den vergangenen vier Jahrzehnten.

Wesentlich an dieser Entwicklung und vor allem an ihrem Tempo dürften die sozialen Ungerechtigkeiten in den landwirtschaftlichen Wirtschafts- und Lebensverhältnissen mitgespielt haben.

Daten hiezu:

  1. Der Stromverbrauch Österreichs stieg von 1950 (5.660 GWh auf ca. 50.000 GWh 1990) um das 9-fache.
  2. Der Elektro-Energie-Verbrauch der Schweiz stieg von 1950 (172,7 Peta-Joule auf 724,1 PJ 1990) um das 4,2-fache.
  3. Der Energieverbrauch pro erzeugter Kalorie Nahrungsmittel in der Landwirtschaft hat ebenfalls drastisch zugenommen (nach Rieseberg, Verbrauchte Welt, brauchen wir heute 0,48 l Öl, um 1 kg Brot essen zu können).
  4. Über die nicht direkt energetischen Stoffströme liegen mir im Moment leider zu wenig Informationen vor. Unsere Waren- und Abfallberge machen jedoch das Wachstum dieses Bereichs für jeden Sehenden unübersehbar.

Die Landwirtschaft stand der sozialen Frage viel zu passiv gegenüber — aus heutiger Sicht weniger aus Ressourcenmangel, denn aus Mangel an Einsicht und Bereitschaft zur gerechten Verteilung!

3. Folgende erkennbare Fehlentwicklungen unseres Energie- und Rohstoffsystems werden heute deutlich

  • Lebenszerstörung durch Hunger und Elend
  • Lebensbedrohung durch Abfälle (Ozonloch, Treibhauseffekt, Belastung durch Schadstoffe und Radioaktivität, ...)
  • Lebenszerstörung durch Ressourcenverschleiß (rücksichtsloser Abbau mit allen katastrophalen ökologischen und sozialen Folgen)
  • Massive weltweite Fluchtbewegungen und zunehmende Gefahr bewaffneter Auseinandersetzungen um Ressourcen
  • Abnahme ökonomischer, persönlicher und gesellschaftlicher Selbstbestimmung und -gestaltung (»Niemandssteuerung« — Büchele)
  • Flucht in Scheinwelten/Drogen usw.

Eines wird immer deutlicher:

Die Entwicklung unseres Energie- und Rohstoffsystems — weg von der Nachhaltigkeit — verursacht enorme ökologische und soziale Kosten, die in den Preisen noch völlig unzureichend wiedergegeben werden. Dort wo diese Schäden, die in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker ins öffentliche Bewußtsein dringen, monetäre Wirkungen zeigen, tun sie dies vor allem als nachsorgende, reparierende Maßnahmen (z.B. Reinigungstechnologien für Luft und Wasser, eine Vielzahl neuer sozialer Dienste, Spenden für 3. Welt). Der damit verbundene Anstieg öffentlicher Ausgaben wird in unserem Abgabensystem zu etwa 3/4 über den Produktionsfaktor Arbeit hereingebracht, was diesen gerade für eine nachhaltige Wirtschaftsweise wichtigen Produktionsfaktor unverträglich verteuert.

Fazit

Der im heutigen Ausmaß vorliegende und ökologisch wie sozial unverträgliche Abbau einer nachhaltigen Wirtschaftsweise ist wesentlich Ergebnis einer politisch bedingten öffentlichen Fehlsteuerung.

Sie besteht im Wesentlichen:

  1. in der mangelnden Anrechnung der ökologischen und sozialen Kosten des Verbrauchs unserer Rohstoffe in deren Preise;
  2. in einer ungerechtfertigt hohen öffentlichen Belastung der im formellen Bereich abgewickelten Arbeit.

Damit zwingen wir Unternehmen und Haushalte täglich, ihre wirtschaftlichen Entscheidungen — oft wider besseres Wissen und Wollen — gegen nachhaltiges Wirtschaften zu treffen.

4. Korrigierende Maßnahmen

Der Weg, der zu Beginn der 90er Jahre als neue Agrarpolitik der Regierenden sichtbar wird, ist etwa folgender:

  • Durch Abbau der Preisstützungen und Handelsbeschränkungen sollen Agrarpreise auf Weltmarktniveau fallen (niedriges Weltmarktpreisniveau kommt allerdings wesentlich durch enorme ökologische und soziale Schäden zustande).
  • Sogenannte »Direktzahlungen« sollen zumindest auf Zeit den Einkommensrückgang für die Bauern ausgleichen und die Landschaftspflege sichern.
  • Durch flankierende Maßnahmen — wie Vorruhestandsregelungen, Flächenstillegungen, Rationalisierungsförderungen usw. — soll der Strukturwandel in die bisherige Richtung weiterhin gefördert werden.
  • Durch Projektförderungsmaßnahmen soll den Bauern auch Bio-Landbau, Selbstverarbeitung und -vermarktung schmackhaft gemacht werden.

Als generelle Linie dieser Reform ist ein Ersatz der sicherlich längst überfälligen Mengensubvention auf Überschußprodukte durch Direktzahlungen erkennbar. Das Motto dabei: »Eine wirtschaftlich so erfolgreiche Industriegesellschaft kann und muß sich eben eine Lebensraumerhaltung durch die Landwirtschaft leisten.« Dabei wird eine weitere Reduktion der Zahl der Landwirtschafts-Tätigen um ca. 1/3 im Lauf der nächsten 10 Jahre als Rationalisierungsfortschritt in Kauf genommen. Dieser Direktzahlungspfad ist ein typischer Nachsorgeweg mit gravierenden Nachteilen:

  • er folgt weiter einem entwicklungspolitisch als Fehlentwicklung deutlich erkennbaren Reduktionsmodell der Landwirtschaft zu einem Dienstleistungssektor;
  • seine Umsetzung fördert statt des notwendigen Umbaues unseres Energie- und Rohstoffsystems eine enorme Kontrollbürokratie;
  • er leistet keinen Beitrag zur weltweiten Entwicklung einer ökonomisch autonomen, ökologisch und sozial verträglicher und gerechter Rohstoffversorgung.

Ein wirklicher Umbau hat als Ziel, nachhaltige Wirtschaftsweise ins Auge zu fassen. In einem solchen Sonnenenergieszenario hat die Landwirtschaft bei der Umwandlung von Sonnenenergie in »Lebensmittel im weitesten Sinne« eine unersetzliche Primäraufgabe. Maßnahmenseitig heißt das vor allem und in erster Linie Herstellung von Kostenwahrheit gegenüber den konkurrierenden Energie- und Rohstoff versorgungssystemen durch:

  • Einführung einer Primärenergieabgabe (z.B. 10-Jahresprogramm Energiepreis verdoppeln, als Einstieg erste Phase des Vorschlags der Arbeitsgemeinschaft zum Schutz der Atmosphäre, Graz, 1/93 ...)
  • Entlastung des Produktionsfaktors Arbeit von sozialen Kosten (Sozialversicherung, Lohn-/Einkommen-, Mehrwertsteuer, ...). Eine Verdoppelung der Energiepreise ermöglichte eine Halbierung obiger Abgaben im selben Zeitraum.
  • Ansetzen weiterer Preise für den nicht nachhaltigen Verbrauch gesellschaftlicher Güter (Landschaft, Luft-, Wasser-, Boden-, Lärmbelastung, ...) und öffentlicher Einzug bis zur Herstellung nachhaltig verträglicher Lebensverhältnisse.
  • Direktzahlungen und Projektförderungen haben in diesem Szenario eine wichtige Funktion als Übergangshilfen, die mit stärkerem Greifen der Umsteuerung auslaufen.
  • Sehr wesentlich erscheint auch eine landwirtschaftsinterne Vorbereitung (Bildungsangebote, Entwicklung moderner Betriebsstrukturen — sozialgerechte und heutigen Standorten entsprechende Verhältnisse mit Mitarbeitern, ...) auf die neue, wesentlich erweiterte Rolle.
  • Selbstredend sind sämtliche umweltbelastende Förderungsprogramme (Entwässern, Planieren, überdimensionierte Baumaßnahmen, ...) abzuschaffen.

Abschließend soll die Wirkung dieser Umsteuerung am Beispiel Brennholz etwas erläutert werden:

  • Heute kostet ein Raummeter Buchenbrennholz etwa S 700,—. Bei den heutigen Arbeitskosten ist eine Brennholzbereitstellung zu diesem Preis wenig lukrativ. Um überhaupt noch einen Teil des Brennholzes aus dem Wald zu bringen, fördert das Land aus dem »Fond zur Rettung des Waldes« (geringer Brennholznutzungsgrad, geringe wirtschaftliche Bedeutung, ...)
  • Zukünftig (in 10 Jahren) könnte ein Raummeter Buchenbrennholz S 1.400,— kosten. Bei gleichzeitig verringerten Arbeitskosten wäre Brennholzbereitstellung wesentlich interessanter und eine öffentliche Förderung sicher unnötig!

5. Ergebnisse dieser Umsteuerung Folgen für die Bauern

  • Durch die Verteuerung der Energie wird die fremdenergiebedingte Überschußproduktion in der Landwirtschaft reduziert.
  • Der überdimensionale internationale Verschub von Lebensmitteln und anderen Rohstoffen, der heute bodenständige Landwirtschaft in aller Welt ruiniert, wird durch höhere Transportkosten weniger lukratıv.
  • Für die Landwirtschaft eröffnet sich eine enorme neue Aufgabe im Bereich des Ersatzes fossiler Energie- und Rohstoffträger (Biomasse als Energieträger, pflanzliche Rohstoffe als Ersatz von Erdöl in allen möglichen Bereichen, Baustoffe ...). Dabei ist allerdings auch auf energetische Effizienz in diesem Bereich zu achten. Nicht alle heute bekannten Verfahren können eine positive Energiebilanz vorweisen.
  • Durch diesen erweiterten Aufgabenbereich und die verringerten Gesamtarbeitskosten kommt es vermehrt zur Anwendung neuer Arbeitsmethoden und einer insgesamt wesentlichen Erhöhung der Beschäftigung in der Land- und Forstwirtschaft und des Beitrages zum Bruttosozialprodukt.
  • In der entstehenden Sonnenenergiewirtschaft wird Landwirtschaft nicht auf ein teures Hobby der Industriegesellschaft reduziert, sondern sich als fundamental wichtiger Primärsektor entwickeln.
  • Dieser Umsteuerungsprozeß wird mit dem volkswirtschaftlichen Schwachsinn, daß auf ca 80% der Landesfläche weniger als 2% unserer Wertschöpfung entstehen sollen, aufräumen und das geistige Verhältnis der Menschen zur Umwelt nachhaltig ins Positive verändern.

[*Bei der Beurteilung der folgenden Werte ist die aus heutiger Sicht deutlich erkennbare Mangelhaftigkeit dieses Begriffes als Maß des Erfolges einer Volkswirtschaft zu beachten. Sie fällt insbesondere auch zu Ungunsten des Beitrags der Landwirtschaft aus.

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