Weg und Ziel, Heft 1/1997
März
1997

Raumschiff Erde

Die Gesellschaftswissenschaften haben vorläufig noch wenig mit dem zu tun, was man aus der Lehre über die Natur als Wissenschaft zu betrachten gewohnt ist. Diese Unzulänglichkeit trifft insbesondere auf die Wirtschaftswis­senschaften zu. Es bedarf keiner langwierigen Beweise für die Behauptung, daß die Wirtschaftspraktiker und Wirt­schaftspolitiker ziemlich unabhängig davon im Dunkeln tap­pen, ob sie von Betriebs­und Volkswirtschaftlern an­geleiteten werden oder nicht. Zur Bekämpfung der ständig weiter steigenden Arbeitslosigkeit etwa fällt allen zusammen so gut wie nichts ein. Das scheint in den Staatskanzleien sonderbarerweise nieman­den zu ängstigen, obwohl es noch gar nicht so lange her ist, daß die bürgerli­che Gesellschaft drauf und dran war, unter anderem wegen lang anhaltender Massenarbeitslosigkeit in Scherben zu fliegen.

Leider ist aber auch die politische Ökonomie seit ihrer „Erfindung“ durch Karl Marx viel zu wenig weiterentwickelt worden, um sie heute ernsthaft als Wissenschaft im Sinne der Mathematik, Physik usw. anzusprechen zu können. Zeugnis davon legt auch der hier vorgelegte Schwerpunkt zu Fragen der Entwicklung des heuti­gen Kapitalismus ab. Die Zahl divergierender Ansichten übertrifft die Zahl der Autoren bei weitem. Genau besehen erinnert marxistische Gesellschaftsanalyse, wenn man sich an die hier vorgelegten Beispiele hält, an folgendes Bild: Ein Raumschiff, das den Namen Erde tragen könnte, ist im All unterwegs. Je nach dem Standpunkt des Betrachters scheint es, entweder seine Fahrt zu beschleunigen und Bal­last abzuwerfen oder in einem Akt der Selbstzerstörung seinem eigenen Untergang zuzusteuern oder von seinen Steuermännern willkürlich ins Schlingern gebracht zu wer­den oder beachtliche Kraftreserven ins Treffen zu führen. Jeder Befund stimmt zwar; trifft aber immer nur bedingt und aus einem Blickwinkel zu.

Stärken zeigt die politische Ökonomie noch heute immer dann, wenn ihre Anwender sich auf die Kritik der Kritik als Grundmethode von Karl Marx besinnen. Das macht unter anderem eine der Qualitäten von Robert Kurz aus. Aber auch alle anderen hier vertretenen Autoren erweisen sich dort am aussagestärksten, wo sie sich in ihren Beiträgen auf diese Methode verlassen. Allerdings hat es keinen Sinn zu vertuschen, daß Marxisten aller Schattierungen vor allem dann ebenso regelmäßig wie kräftig danebenhauen, wenn es um Prognosen oder Vorhersagen darüber geht, welche Maßnahmen zu welchen Ergebnissen führen wer­den. Der Untergang des Kapitalismus ist bisher ebenso pünktlich ausge­blieben, wie er vorherge­sagt wurde. Das ist natür­lich kein Grund, sich nicht immer wieder auch mit den Perspektiven und Ten­denzen auseinanderzuset­zen, die angesichts der jeweils aktuellen Entwick­lung des kapitalistischen Verwertungsprozesses er­kennbar sind. (Was in diesem Schwerpunkt oh­nehin geschieht.)

Allerdings besteht kein Grund, das Licht dieses Schwerpunkts unter den Scheffel zustellen. Verwie­sen sei auf folgende Bei­träge: Helmut Rizy hat Dokumente vom VI. Treffen des São Paulo-Forums zu einem Artikel zusammen­gestellt, der eine schlüssige Analyse der Entwick­lung des gegenwärtigen Kapitalismus darstellt und alternative Vorstellungen von fortschrittlichen Kräfte aus der Dritten Welt enthält. Robert Kurz skizziert „Das Ende der Nationalökonomie“ angesichts von Globalisierung und Be­deutungsverlust der Nationalstaaten. Hubert Schmiedbauer dokumentiert das Unvermögen der tonangebenden politi­schen Kräfte in Österreich so etwas wie eine Industriepolitik auf die Beine zu stellen. Lutz Holzinger analysiert Entwicklungstendenzen in der Automobilwirtschaft, die möglicher­weise auf andere Sektoren übergreifen werden, und führt die aktuellen Verwerfungen der ökonomischen Entwicklung in erster Linie auf verstärkte Schnitte der „Kouponschneider“ zurück. Einen kleinen Exkurs stellt P. Josef Populorums Artikel dar, in dem es um Geschichte und Zukunft des ruhenden und fließenden Verkehrs geht. Und Ernst Lohoff befaßt sich mit den Perspektiven des Euro — dem Thema, das heute als Alpha und Omega jeder wirtschaftspolitischen Debatte in der Europäischen Union betrachtet werden muß.

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