FORVM, No. 339-341
Mai
1982
Gespräch über das AKH

Turmbau zu Pavillon

Der Skandal um den Neubau des Allgemeinen Krankenhauses (AKH) Wien besteht für die Medien in ein paar Schmiergeldmillionen, die einige Baumanager dort genommen haben. Wir sehen das Schlimme darin, daß der Riesenbau das Wiener Gesundheitswesen krakenartig zu verschlingen droht. Darüber sprachen wir mit einem Mitglied des privaten »Arbeitskreises AKH«‚ der sich auch diese Sorgen macht. [*]

Der Turmbau schon
Ist die Korruption
Günther Nenning

Dieses Mammut

Ihr seid also die Davids, die gegen den Goliath AKH angetreten sind. Wie seid Ihr auf die Idee gekommen?

Kainrath: Diese Mammutentwicklung, die sich bei dem Bau in den letzten Jahren abgezeichnet hat, war auch für uns erschreckend. Wir beschäftigen uns schon seit einiger Zeit mit Gesundheitspolitik. In unserem »Arbeitskreis AKH« sind wir auf den Zielplan der »Krankenversorgung und Altenhilfe in Wien« gestoßen, der 1975 einstimmig vom Gemeinderat verabschiedet wurden. Der schien uns vernünftig. Interessanterweise ist dort das AKH kaum vorgekommen. [1]

Was steht in dem Plan drin?

Kainrath: In Schlagworten: eine Reduktion der Akutbetten in den Spitälern, ein massiver Ausbau der Altenfürsorge, eine Betriebsintensivierung in den Gemeindespitälern (bekanntlich beträgt die Dienstzeit der Ärzte dort nur fünf Stunden am Tag, von acht bis 13 Uhr). Wir haben dann Alternativen zum AKH abgewogen. Daß das alte AKH aus der Zeit Kaiser Josef II. aufgelassen werden muß, ist klar. Die Arbeitsverhältnisse sind für alle Beteiligten elend und auch für die Patienten untragbar. Nun war also die Frage, was kann man an diesem gigantischen Block, der von Jahr zu Jahr definitiver wird, noch korrigieren?

Was sind da Eure Vorschläge?

Kainrath: Wir sagen, man soll zunächst die Kapazität im neuen AKH auf etwas mehr als die Hälfte des Geplanten reduzieren, also nur 1300 Betten statt der geplanten 2100. Auch die utopische Zahl von 6000 bis 8000 ambulanten Fällen wäre massiv zu vermindern. [2] Heute ist es so, daß das AKH Universitätsklinik ist und gleichzeitig die Standardversorgung für die umliegende Bevölkerung bringt. Wir meinen aber, daß das AKH vorwiegend »Klinikpatienten« aufnehmen sollte. Das sind Patienten, die entweder einen hohen diagnostischen und therapeutischen Aufwand benötigen oder für die Lehre notwendig sind.

Was ist das Negative bei einer großen Einheit, wo entstehen Probleme?

Kainrath: Kürzlich hat uns ein Arzt erzählt, er war in Madrid in einem 2000-Betten-Krankenhaus, und er hat das in höllischen Farben gemalt. Er hat die allgemeine Verantwortungslosigkeit kritisiert, die in so einem Monsterbetrieb entsteht. Niemand ist voll verantwortlich, jeder nur für einen ganz kleinen Ausschnitt. Es gibt wohl Krankenhäuser mit 2000 Betten, die sind aber dann nicht zusätzlich Universitätsklinik für 2000 bis 4000 Studenten mit zusätzlich noch Forschung!

Was bedeutet so ein Ding praktisch?

Kainrath: Der Komplexitätsgrad und die daraus folgende Bürokratisierung des Allgemeinen Krankenhauses ist eigentlich unerhört, macht es zum Monstrum. Wenn die Leute von der VOEST oder von den Baufirmen sagen: »So a Bauvolumen hamma scho öfters auf de Fiaß gstöt«, z.B. große Industrieanlagen, dann ist das falsch. In einem Spital müssen Entscheidungen meist rasch, unbürokratisch und verantwortungsbewußt, aber nicht standardisiert wie in einer Fabrik getroffen werden.

Blutiges Telefon

Zum Beispiel wurde vor ein paar Wochen im alten AKH eine neue Telefonanlage installiert, die auch das alte AKH noch bedient und die mittels Computer zentralgesteuert wird. Kurz darauf soll es zu einem Ausfall gekommen sein, der einen halben Tag dauerte. Was ist, wenn ein Arzt gerade operiert und bei einer Komplikation einen Spezialisten herbeirufen möchte? Man sieht, mit dem höheren Komplexitätsgrad der Technik werden auch die Risiken erhöht. [3]

Etwa eine Stromstörung, wenn alle Geräte, Lifte und Lichter [4] ausfallen?

Kainrath: Sie haben zwei Notstromaggregate, die sind aber so gigantisch groß, daß man damit schon wieder ganze Stadtteile versorgen könnte. Der Witz ist, daß sogar eines der Stromaggregate immer mitlaufen muß! Eine riesiger Aufwand.

Die Techniker sagen natürlich, es läßt sich alles machen. Die sagen, wir brauchen 300 bis 400 Spezialisten zum Inganghalten der Basistechnik.

Das klingt nach Raketentechnik.

Kainrath: Sie meinen, wenn der Frankfurter Flughafen von der technischen Seite her funktioniert, dann muß das AKH auch funktionieren. Sie haben jede denkbare Möglichkeit durchgecheckt. Ob es aber auch beim Eintritt von undenkbaren Möglichkeiten funktioniert?

Welche technischen Systeme könnten versagen?

Kainrath: Im neuen AKH überlagern sich fünf Transportsysteme, ein Containertransporter, eine Kleinbehälteranlage, eine Rohrpost, eine Müllabsauganlage und normale Aufzüge. Die sind nicht gekoppelt, laufen unabhängig voneinander. Im schon fertiggestellten Gebäude der Psychiatrie/Kinderklinik werden die automatisierten Transportsysteme nicht benützt! Es ist bezeichnend, daß die Baugesellschaft AKPE, die das AKH errichtet, erst heuer einen Auftrag über das Studium der inneren Verkehrsorganisation vergibt.

Föhn in der Orgel?

Die ziehen doch irgendwelche Schläuche mit Gasen und Flüssigkeiten durch das ganze Haus ... je größer sowas wird, umso anfälliger müßte es doch sein?

Kainrath: Ich vermute, was sie nicht in den Griff kriegen werden, ist die Klimaanlage mit verschiedenen Kreisen für unterschiedliche Keimfreihaltung. Da werden Föhneffekte auftauchen.

Sind diese voraussehbaren technischen Mängel und Engpässe Euer Hauptargument?

Kainrath: In diesem Sektor tauchen wir so auf wie Maschinenstürmer. Mit Befürchtungen, Ängsten und Gefühlen, ohne handfeste Daten. Wohingegen die natürlich immer mit dem Prestige ihrer Position sagen können: das haben wir alles im Griff. Auch wenn es nicht stimmt.

Möglicherweise stimmt es für kleinere Einheiten, aber die Zusammenwirkungseffekte der großen kennen sie noch nicht.

Kainrath: Eben, die Risikogröße können sie nicht wegdiskutieren. Sie versuchen sie durch hohe Investitionen aufzufangen. Und dann müssen zur Bedienung eben qualifizierte Leute her.

Eine Betriebsfeuerwehr steht dauernd Schlauch bei Fuß.

Kainrath: Die Techniker orakeln: Ja, wenn wir keine guten Leute kriegen, klar, dann bricht alles zusammen. Da malen sie wieder sehr schwarz. [5] Aber wenn die qualifizierten Leute da sind, dann kann ja eh nix passieren. Das ist wie die Kontrolle bei der Radioaktivität.

Was sind also Eure Haupteinwände?

Kainrath: Wir sind bei unseren strategischen Überlegungen von zwei Grundfragen ausgegangen: erstens, funktioniert das neue AKH technisch? Zweitens, besteht der Bedarf? Da beide Fragen mit Ja oder Nein beantwortet werden können, gibt es vier Möglichkeiten: wenn beide Fragen mit Ja beantwortet werden, kann das AKH weiter gebaut und besiedelt werden wie geplant, dann ist alles o.k. Das ist aber heute ein bloßer Glaube der Macher.

Die Zahl der Möglichkeiten, wo man was ändern muß, ist viel größer, nämlich drei: wird’s funktionieren — was wir sehr bezweifeln — und ist kein Bedarf da, dann muß man das Konzept ändern; wird’s nicht funktionieren und es ist ein Bedarf da, muß man es auch ändern, und ist weder der entsprechende Bedarf da noch funktioniert es, was wir eigentlich glauben, dann muß man erst recht etwas ändern. Wir haben uns also viel mehr Möglichkeiten überlegt als die Befürworter des AKH.

Da steht es drei zu eins für Euch.

Ja, mach nur einen Plan

Kainrath: Wir können sehr gut nachweisen, daß es mit der Bedarfssituation gar nicht so aussieht wie die AKH-Planer tun. Wir gehen dabei von »Zielplan« der Gemeinde Wien selber aus.

Ist der fundiert und überlegt?

Kainrath: Ja. Der Wiener Gesundheitsstadtrat Stacher, der selbst Primararzt ist, hat den Plan initiiert. Wenn man ihn genau liest, merkt man, daß ein Widerspruch zwischen der Gesamtplanung für die Wiener Spitäler und dem AKH-Konzept besteht. Wir haben im Generalplan zum AKH eine Stelle gefunden, wo es heißt, in einigen Bereichen konnten wir dem Zielplan nicht folgen, weil die Bettenanzahl für das AKH schon feststand.

Und warum ist die so hoch? Wegen der Forderungen der Professoren?

Kainrath: Genau! Seit den 50er Jahren haben die Professoren gesagt, wir wollen unsere Einheiten vergrößert und modernisiert haben. Damals hat man sich zu einem Zentralbau entschlossen. Durch die Schwierigkeiten der Koordination zwischen Bund, Land und Fakultät hat sich die Planung fast 20 Jahre hinausgeschleppt. In der Zwischenzeit hat man erkannt, daß diese Großkrankenhäuser schlecht sind, man kommt international wieder davon ab, auch weil das Geld nicht mehr da ist. Dann wurde 1975 erstmals ein neuer Spitalsplan für Wien erstellt, eben der »Zielplan«.

1979 ist er dann fortgeschrieben worden. Diese zweite Fassung wurde aber geheimgehalten. Sie kam nicht mehr in den Gemeinderat, Stacher hat gesagt, er will die Ergebnisse der Volkszählung 1981 einarbeiten.

Zu viele Betten

Was ist denn das Hauptanliegen dieses Plans?

Kainrath: Die Hauptaussage ist, daß die Bettenanzahl in den Wiener Spitälern um 3000 reduziert werden muß. Gegenwärtig, Stand 1979, gibt es hier 12.700 Betten, ohne die Psychiatrie. Das setzt sich zusammen aus dem alten AKH mit 1900 Betten und der Wiener »Peripherie« mit 10.800. Das soll bis 1990 auf 9700 reduziert werden.

Wenn man nun berücksichtigt, daß zu gleicher Zeit das Sozialmedizinische Zentrum Ost gebaut werden wird, was dort auch sehr notwendig ist, östlich der Donau ist ein regionaler Fehlbestand, dann kommen noch 800 Betten dazu, und das neue AKH wird laut Plan auch um 110 größer als das alte, so daß man noch zusätzlich Betten einsparen muß, wenn man die ursprünglich angepeilte Ziffer erreichen will.

Das heißt also, daß man nicht um 3000, sondern um fast 4000 bestehende Betten reduzieren muß, und zwar ausschließlich an der Peripherie. Es handelt sich da um städtische und private Spitäler, letztere sind zum Teil konfessionell, auf die hat man keinen Einfluß. Wenn also die gesamte Bettenreduzierung nur in den Gemeindespitälern vorgenommen werden müßte, würde das den Bestand dort auf die Hälfte reduzieren!

Warum überhaupt weniger Betten? Fehlt das Geld?

Kainrath: Auch der Bedarf. Eine Untersuchung in einem ganz neuen Schwerpunktkrankenhaus hat gezeigt, daß ein Drittel der Betten durch reine Pflegefälle belegt ist. Für eine Routineaufgabe wie Alterspflege teure Maschinen zu unterhalten ist unrationell, man muß Pflegebetten, also Pensionistenheime und ähnliches bauen, wohin man dieses Drittel langsam auslagern kann. Da gibt es riesige Einsparungsmöglichkeiten bei den teuren Akutbetten. Außerdem werden die teuren Geräte bzw. das Spital überhaupt nur vier, fünf Stunden am Tag benützt. Man könnte die Ärztedienstzeit verlängern.

Man wird also in den Großspitälern etwa einen Pavillon als Altenspital einrichten, mit weniger teuren Einrichtungen und weniger Personal, also geringeren Betriebskosten.

Hat der »Zielplan« Gesetzeskraft?

Kainrath: Das ist ein Beschluß des Gemeinderats und gilt als Programm. Es steht auch drin, daß ein Realisationsplan, also ein konkretisierter Plan, folgen soll. Er ist nie gefolgt.

Wenn es so ist, daß die Ärzte die Bettenziffern beim AKH hochgetrieben haben, warum ist die Gemeinde, die es in ihrem Zielplan doch besser wußte, darauf eingestiegen?

Ärztefeudalismus

Kainrath: Zu der Zeit, als das AKH geplant wurde, war dieser Zielplan noch nicht einmal in Ansätzen vorhanden. Stacher hat uns auch erzählt, grundsätzlich hätte er nichts dagegen, daß man die Universitätsstruktur umändert. Er hat aber daran erinnert, daß er schon Mitte der 70er Jahre daran gescheitert ist. Das dürfte wohl der psychologische Grund sein, daß er, der im wesentlichen inhaltlich so denkt wie wir, sich hat einspannen lassen für die jetzige Variante.

Den Medizinerfeudalismus hat schon Karl Kraus in der »Fackel« anno 1899 gegeißelt. [6] Die medizinische Fakultät hat man bei der Universitätsreform nicht angetastet. Ich erinnere mich noch an den alten Professor Jedlicka, er hatte sein Zeitgeschichte-Institut neben dem AKH, der hat geächzt unter der Aussicht auf Mitbestimmung und hat hinübergezeigt: Da ham sie sich nicht getraut zu reformieren, weil da rechnen sie, daß sie sich einmal hinlegen müssen unters Messer.

Kainrath: Es ist ein Grundfehler, daß die Medizinerwünsche nie in Frage gestellt worden sind. Man hat einfach addiert. Die bestehende Struktur ist anachronistisch. Im vorigen Jahrhundert sind zum Beispiel zwei Hautkliniken entstanden — heute würde eine genügen. Ein hoher Prozentsatz der dort behandelten Fälle sind Bagatellfälle, die in diesem teuren Zentralkrankenhaus nichts verloren haben.

Wir haben in unserer Arbeitsgruppe den Bettenbedarf jetzt erstmals analysiert. Dabei haben wir am Beispiel einiger Fachrichtungen — bei Professor Salzer die Orthopädie, bei Professor Wagner die Chirurgie und bei Professor Kummer die Interne — festgestellt, daß wir im AKH mit einem Teil der derzeit vorgesehenen Betten auskommen würden, ohne die Qualität der Spitzenversorgung und der Ausbildung der Studenten zu reduzieren.

Würde das nicht auch eine Demokratisierung der medizinischen Hierarchie erfordern?

Kainrath: Es würde sie ermöglichen, nicht unbedingt erfordern. Eines wäre allerdings schon impliziert, eine engere Zusammenarbeit des AKH mit den Peripheriespitälern.

Halbe Füllung

Wenn ich mir Euren Vorschlag ansehe, habe ich einen Einwand. Ihr wollt den Zentralbau nur zur Hälfte auffüllen aber wenn man einmal den Fuß dort hineinsetzt, ist man wahrscheinlich schon im Sündenbabel drin und kann nicht mehr raus. Wer entscheidet denn letztlich, wie weit wirklich aufgefüllt wird, wer hat die Macht, Halt zu sagen?

Kainrath: Das wird ein großes Dilemma. Die Frage war für uns, wie können wir realistische Kompromisse machen, ohne zu sagen, reißt es nieder.

Aber der Professor Loitlsberger [7] und selbst der frühere Planer Rumpold sagen doch: niederreißen!

Kainrath: Erst hat Rumpold dafür geplant und schwer verdient. Jetzt hat er halt die große Idee, es schafft auch Arbeitsplätze, wenn wir’s wieder niederreißen. Das finde ich zynisch.

Vielleicht kann man’s als Konferenzzentrum brauchen?

Kainrath: Das ist uns taktisch zu radikal. Die Politiker können sich ein zweites Zwentendorf nicht leisten. Wir sagen als Annäherung, für die erste Besiedelungsstufe nehmen wir einen Turm, oder man könnte in beiden Türmen die vier obersten Geschosse freilassen. Also als erste Besiedelungsphase die halbe Kapazität des Geplanten. Dann beobachten wir: funktioniert es, ist der Bedarf da? Je nachdem wird das Konzept geändert.

Wie groß sind denn die größten Spitäler in Österreich?

Kainrath: Lainz hat 1500 Betten ohne Altersheim. Dort sind aber acht Pavillons über ein großes Areal verteilt. Im Rudolfspital sind etwa 900 Betten in einem Gebäude. Das wäre eine manipulierbare Größenordnung, die wir aus der Erfahrung kennen.

Und wie schaut’s im AKH aus?

Kainrath: Im Psychiatrie-Kinderspital-Trakt des AKH, der schon in Betrieb ist, gibt’s 390 Betten. Der steht extra. (Zeigt auf den Plan.) Da sind noch Erweiterungsbauten Ost und Erweiterungsbauten West vorgesehen, die sind zum Teil noch gar nicht in Bau. Nicht nur, daß sie den Haupttrakt mit den beiden Bettentürmen bauen, sie bauen noch riesige Sachen dazu hinten und vorn, Speiseraum, Feuerwehr, Tierhaltung ...

Man könnte, wie ursprünglich geplant, die Hilfseinrichtungen in das Kerngebäude hineinverlagern, wenn man es nicht mit Betten auffüllt. Die Techniker haben uns gesagt, bei der Besiedelung sind sie sehr flexibel. Sie meinen, daß diese Halbbesiedelung bis 1987 stattfinden könnte.

Sünden im Bettenturm

Gut, man kann es so machen. Aber werden die, die es durchführen, das auch wirklich einhalten? Die Politiker könnten ja ein Lippenbekenninis ablegen: Das ist eine gute Idee, machen wir das AKH kleiner, dezentralisieren wir. Man beginnt sachte, und die Macht der Ordinarien treibt die Bettenzahl dann hoch. Wie die Zersiedelung des Wiener Walds.

Kainrath: Die Gefahr besteht.

Wenn man einmal den Fuß ins Zentralgebäude hineingesetzt hat, ist es wahrscheinlich schwieriger, die Erosion Eures Konzepts einzubremsen, als wenn man überhaupt draußen bleibt.

Kainrath: Wenn man bei der halben Kapazität sieht, daß es funktionieren wird, dann sind auch wir nicht dagegen, daß man den Rest auch noch besiedelt, da wären wir ja blöd. Wir glauben allerdings, daß es nicht funktionieren wird. Die Crux wird sein, wie man bewertet, ob es funktioniert oder nicht. Das kann fair oder unfair geschehen.

Warum soll es nicht funktionieren?

Kainrath: Nehmen wir Göttingen, dort haben sie ein neues Klinikum hingebaut mit 1500 Betten. Als nächste Ausbaustufe waren 2000 vorgesehen. Sie sind draufgekommen, daß es völlig unmöglich ist, zu erweitern und haben die letzte Ausbaustufe ersatzlos gestrichen. Trotz moderner »Führungslinien« mußte für Patienten und Besucher ein Lotsendienst eingerichtet werden!

Das wäre dem Staat aber zu teuer gekommen, also haben sie einen Hilferuf an die Caritas gerichtet und die hat dort in der Einganghalle etwa 20 Kojen aufgestellt, freiwillige Helfer machen dort Lotsendienst. Sie führen die Besucher zum Krankenzimmer, allein würden sie nicht hinfinden. Dort sind im Vergleich zum AKH weniger Betten (1500 gegen 2100) sowie ein Universitätsbetrieb, der höchstens ein Viertel von unserem ausmacht.

Wie steht es mit den Betriebskosten? Offiziell heißt es 3,4 Milliarden Schilling für das ganze AKH, dann hört man aber wieder zehn Milliarden.

Kainrath: Wenn man das AKH voll besiedelt, dann wird das Schwergewicht des AKH gegenüber den Peripheriespitälern gigantisch. Die Ärzte in den Gemeindespitälern werden dann sagen: San mir a Dreck? Wir wollen auch eine bessere Ausstattung! — Es wird ein Bedarfsschub entstehen, und es wird überhaupt kein Geld da sein. Sie haben jetzt schon wegen dem AKH die Sanierung der bestehenden Gemeindespitäler vernachlässigt.

Das schwarze Loch: 6 Milliarden

Woran sieht man das?

Kainrath: Die Budgets sind sehr beschnitten, die Spitäler merken es auf Schritt und Tritt. Wenn sie eine physikalische Therapeutin brauchen, heißt es: Ja leider, in den nächsten Jahren ist nichts mehr drin!

Wurde der Bau des Sozialmedizinischen Zentrums Ost wegen dem AKH verzögert?

Kainrath: Stacher bestreitet das, er sagt, daß er kein Personal hätte. Aber intern wird natürlich zugegeben, daß da ein Zusammenhang besteht, daß sich die Investitionen für das AKH verzögernd auf den Bau des Zentrums Ost ausgewirkt hätten.

Das AKH ist offenbar für das Wiener Spitalswesen dasselbe wie ein schwarzes Loch ın der Astrophysik: es verschlingt die umliegende Materie! Es kommt mir so vor wie die Geschichte vom Wiener Wohnbau, der durch den Abfluß der Mittel in die U-Bahn beschränkt wurde.

Kainrath: Das stimmt in gewisser Weise, denn das Budget für das Gesundheitswesen wird nicht größer, und innerhalb des Gesundheitswesens nimmt das AKH die dominierende Stellung ein. Das wird natürlich bei den Betriebskosten noch viel schlimmer werden. Beim Bau greifen sie zu Sondermitteln, verschulden sich außertourlich für die Investitionen, machen außerbudgetäre Löcher. Bei den Betriebskosten geht das nicht. Die Betriebskostenfrage ist die entscheidende.

Ist das nicht Zukunft, noch nicht wirklich greifbar?

Kainrath: Die Ziffern sprechen eine recht deutliche Sprache. Wir konnten feststellen, daß die jetzt veranschlagten 3,4 Milliarden jährlichen Betriebskosten für das AKH zu niedrig gegriffen sind. Es gibt zwei Betriebskostenrechnungen, eine von der ABO [8] aus dem Jahre ’80 mit knapp vier Milliarden und die neueste mit 3,4 Milliarden. Die halbe Milliarde Unterschied geht hauptsächlich auf die Personalkosten zurück, wobei sich beide auf Angaben der Magistratsabteilung 17 beziehen. Die Personalkosten machen 60 bis 70 Prozent der Betriebskosten aus.

Also welche Angaben stimmen?

Kainrath: Es ist anzunehmen, daß die höheren Zahlen stimmen. Im alten AKH entfallen 2,3 Personalstellen pro Bett. In der Planung für das neue AKH sind 3 Planstellen pro Bett vorgesehen.

In einem vergleichbaren amerikanischen Spital, etwa der Mount Sinai Clinic in New York mit 1200 Betten (aber nur 1000 Studenten!) entfallen 4,6 Personalstellen auf ein Bett! Wir werden also zu wenig Personal haben, um die Betten zu betreiben. Oder die Betriebskosten werden noch kräftig ansteigen. Darüber hinaus haben wir die ABO-Leute gefragt; sie sagen, die vier Milliarden beziehen sich nur auf die Betriebskosten des Zentralbaus, nicht auf die schon bestehenden Einrichtungen, so daß das wahrscheinlich überhaupt nur 70 oder 80 Prozent der Gesamtkosten sein werden.

Wenn Ihr das jetzt alles berücksichtigt ...

Kainrath: ... dann kommen wir auf sechs Milliarden, Preisbasis 1980. Das ist genau das, was die Gemeinde Wien für das Spitalswesen jährlich ausgibt! Bei den Betriebskosten des AKH würde allerdings der Bund die Hälfte zahlen. Die Gemeinde müßte also drei Milliarden aufwenden, die Hälfte ihres gesamten Spitalsbudgets.

Oder legen wir es einmal pro Bett um. Im alten AKH kostet derzeit der Betrieb eines Bettes unter einer Million Schilling im Jahr, im neuen 1,6 Millionen. An der Peripherie kostet das Bett nur 350.000 Schilling. Also im AKH kostet ein Bett mehr als viermal soviel wie an der Peripherie! Das ist natürlich ein wichtiges Argument, wenn wir sagen: Betten an die Peripherie verlegen, soweit das mit der Qualität der Betreuung zu vereinbaren ist. Unser System ist billiger.

Wenn man das hochrechnet — im halbbesiedelten AKH kämen die Betten noch etwas teurer, weil die Grundbelastung höher wäre, man müßte zwei Millionen pro Bett jährlich annehmen —, dann kämen wir bei den 1300 Betten unseres Vorschlags auf rund 2,6 Milliarden Schilling jährliche Betriebskosten. Wir müßten dann auch noch Universitätseinrichtungen an der Peripherie schaffen, da rechnen wir noch einmal eine halbe Milliarde, und so kämen wir billiger als die bisher veranschlagte Ziffer von 3,4 Milliarden.

Und in Wirklichkeit?

Kainrath: In Wirklichkeit werden es sechs Milliarden sein. Das entspricht auch dem, was international für die Betriebskosten angesetzt wird: daß nämlich der Betrieb jährlich ein gutes Fünftel der Investitionen (Bausumme) kostet. Die Baukosten betragen 26 Milliarden Schilling, Preisbasis 1980.

Das Teure kommt noch

Wieviel ist bis jetzt verbaut?

Kainrath: Es fehlen noch die teuren Einrichtungen. Der Hochbau steht bereits zu drei Viertel. Beim weiteren Ausbau gibt es bereits bindende Bestellungen, Gegengeschäfte etc. — man könnte das nicht einfach stoppen. Den Hauptbau kann man kaum aufhalten, was den Baufortschritt betrifft. Auch das politische Problem der Arbeitsplatzsicherung, das da dranhängt, spielt eine Rolle. Hingegen könnte man noch immer auf einen Teil der ausufernden Erweiterungsbauten verzichten.

Kommen wir noch kurz auf die Affären zu sprechen. Da sind auf der einen Seite die großen Firmen, seien es die Elektromultis, sei es die verstaatlichte Stahlschmiede VÖEST, dann auf der anderen Seite die öffentliche Hand als Geldgeber, der Bund und die Gemeinde. Welche Rolle spielen die Multis?

Kainrath: Die tauchen bei uns nicht auf. Wenn ein Geschäft für die drinnen ist, machen sie alles, die reißen es auch um viel Geld wieder ab.

Also, wo ist jetzt der Teufel in dem Spiel? Welche Rolle hat das große Kapital? Die VÖEST wird ja jetzt die Bauleitung übernehmen. Wenn man sich vorstellt, die größte Stahlfirma im Land, na was wird die tun? Es wird noch mehr Stahl festgerammt in der Erden ...

Kainrath: Die VÖEST hat ihr eigentliches Geschäft schon gemacht, nämlich den Stahlbau, den Rohbau, die Zwischenwände — das ist praktisch schon gelaufen. Ob man die zweite Hälfte des AKH besiedelt, kann der VÖEST egal sein. Die teuren Apparate werden zum Großteil im Ausland gekauft.

Und die Firmen sind so ganz unschuldig ...

Kainrath: Gewiß gibt es eine Tendenz zum Großkrankenhaus, etwa bei Siemens, bei hochspezialisierten Technikfirmen, etwa auf dem Sektor Klimatechnik. Daß diese Firmen Interesse an komplexen Großgebäuden haben, scheint mir logisch. Der Ingenieur Winter von der AKPE etwa ist ja mit Siemens immer in engstem Kontakt gestanden.

Wenn die VÖEST das Management macht, hat sie natürlich zusätzliche Möglichkeiten, ihre Firmeninteressen ins Spiel zu bringen. Sie wird versucht sein, eine Firma Aufträge zuzuschanzen, mit der sie Gegengeschäfte aushandeln kann.

Wenn sie etwa in der DDR ein Stahlwerk baut ...

Kainrath: ... dann liegt es nahe, eine DDR-Firma im AKH zu beschäftigen.

Amateure & Profis

Wie siehst Du die Entwicklung solcher Managertypen à la Winter und Wilfling?

Kainrath: Das ist offenbar ein gegenseitiges Aufschaukeln, daß diese Experten, seien sie nun Beamte oder Manager von Firmen, sich gegenseitig helfen. Das Prestige so eines Experten steigt, wenn er mit einem eigenen Slang herumwerfen kann, Dienstreisen macht usw. Hat er einmal ein bestimmtes Naheverhältnis zu einer Firma, wird er umso unentbehrlicher, je komplizierter so ein Gebäude ist.

Er wechselt dann auch vom Staat zur Firma und zurück?

Kainrath: Ja, da gibt’s Wechselbeziehungen, es herrscht eine enge Verflechtung. Ob er jetzt auf der einen oder anderen Seite arbeitet, ist dann oft eine taktische Frage, so wie Skirennläufer taktisch überlegen, ob sie Amateure bleiben oder Profis werden sollen. Manchmal verdienen sie als Amateure mehr, dann werden sie keine Profis. Ähnlich kann es sein, daß ein Beamter mit Provisionen besser raussteigt, steuerlich vielleicht, als wenn er in die Firma überwechselt. Bei der Gemeinde hat er einen sicheren Arbeitsplatz mit Pension.

Wir sind mit unseren Vorschlägen nie auf einen Widerstand seitens der Firmen gestoßen. Das mag daran liegen, daß es ihnen wurscht ist oder daran, daß wir zu kleine Fische sind. Auch die Klinikvorstände sind nicht mit uns in Kontakt getreten, es liegt bisher unter ihrer Würde, sich mit uns einzulassen. Andererseits hat der Ärztekammerpräsident Piaty in der Ärztezeitung sogar einen positiven Artikel über unser Konzept geschrieben.

Vielleicht steht er als kleiner Primar Euch näher?

Kainrath: Es gibt ja durchaus Konservative unter den Ärzten, die auch Angst vor der großen Maschinerie haben, weil sie dann ihre feudale Autonomie verlieren.

Und die Bauplaner?

Kainrath: In den Gesprächen mit den AKPE-Direktoren, die das AKH bauen, die uns bereitwillig ihre Unterlagen gezeigt haben, ist es uns manchmal so vorgekommen, als würden manche unserer Gedanken bei ihnen intern auch schon aufgetaucht und wieder verdrängt worden sein, wobei stets die Ordinarieninteressen die Hauptrolle spielten.

Es gibt möglicherweise eine langfristige Koexistenz zwischen Pharmaindustrie, Medizintechnik und Ordinarien, aber das ist schon so verinnerlicht, daß sich das nicht mehr herausdestillieren läßt. Immer wurde uns aber bestätigt, daß sie alle Wert auf viele Betten legen. Das ist noch die feudale Struktur: Land — Betten. Das Image steigt derzeit bei den Ärzten noch mit dem Imperium. Das spielt die Hauptrolle, nicht so sehr das Einkommen.

Das Wissenschaftsministerium wird ja bisher immer ausgeklammert, dabei ist es ja für die Universität und die Ordinarien zuständig. Könnte nicht ein Wissenschaftsminister, der seine Aufgabe ernst nimmt, da etwas machen?

Kainrath: Ich glaube sogar, daß das der Schlüssel zum Problem ist. Der müßte sagen, wir strukturieren die Universität, die medizinische Fakultät um. Ohne das haben wir keine Chance.

Wie werden denn gegenwärtig Investitionen getätigt?

Kainrath: Das ist individuelles Geschick. Der Ordinarius verhandelt mit dem Wissenschaftsministerium und irgendwelchen anderen Geldgebern, dem Forschungsfonds, dem Bürgermeister. Ein tüchtiger Primarius bei der Gemeinde hat mehr Geld als ein untüchtiger Ordinarius im AKH.

Die Gettosituation des AKH muß aufgebrochen werden. Immer mehr Studenten sollen an die Peripherie gehen. Das praktische Studium ist an der Universität kaum möglich, an der Peripherie geht das wesentlich besser. Ab nächstem Jahr soll ein Blockstudium stattfinden, das geht nur unter Einbeziehung der Peripherie. Da braucht man mehr Personal, die Voraussetzungen sind absolut nicht gegeben — es wird ein Chaos werden. Das Ministerium hat die praktischen Konsequenzen noch nicht angefaßt.

Zeichnung Hans Linthaler (Fluggeld der Bewegung 5. November)

Die Arrivierziger

Innenminister Lanc hat für Figuren wie Winter und Wilfling den Ausdruck »Arrivierziger« geprägt. Du, Willi, bist ja auch aus der Generation, wie fühlst Du denen gegenüber? Wie hat sich denn diese Generation auseinanderdividiert — da gibt es doch SPÖler, die beim großen Lotto mitgespielt haben, wie Winter, Wilfling, Rumpold, dann aber auch solche, wie Du, die das alte Ethos der Sozialdemokratie vertreten, die wurden an den Rand gedrängt.

Kainrath: Das sind macht- und geldhungrige Leute. Bei der ÖVP gibt es ja auch solche, siehe Rauchwarter. Typen aus kleinstbürgerlichem und Arbeitermilieu, die jede Möglichkeit wahrnehmen, um hinaufzukommen. Mit der Sozialdemokratie war das so, daß sie einerseits mit der Wirtschaft verflochten wurde und andererseits in den Staat hineingeflossen ist, verstaatlicht wurde.

Aber es ist doch nirgends festgelegt, daß man so etwas wie dieses Allgemeine Krankenhaus in der Form machen muß? Man könnte doch sagen, dem Volke dienen, und macht etwas, das nicht so teuer ist, wo die Leute menschlicher behandelt werden.

Kainrath: Das wäre wohl möglich, aber es erfordert eine bestimmte Anstrengung. Und wenn der Staat auch die Tendenz hat, die Dinge laufen zu lassen, unterstützt durch Korruption oder sonstige Vergünstigungen ...

In Anlehnung an die absolutistische Vergangenheit, siehe Ordinarien ...

Kainrath: Man müßte also einen Druck gegen die Ordinarien ausüben, gegen die Zentralisierung der Wirtschaft. Der bequemere Weg ist, mitzulaufen.

Der Fehler der Sozialdemokratie wäre dann, daß sie sich angepaßt hat und den reformerischen Widerstand nicht mehr aufbringt, den sie in den 20er Jahren noch hatte.

Kainrath: Genau, sie ist ja mit diesem Auftrag geradezu zur Macht gekommen, förmlich hochgetragen worden aus dem Widerstandsmilieu der Arbeiter. Den Druck der Basis gibt es heute nicht mehr. Es gibt so eine gewisse Unruhe unter den altmoralischen und jungmoralischen Schichten — aber die breite Masse der Sozialdemokraten sehe ich eigentlich in dieselbe Richtung rennen wie die Führung. So gesehen scheint mir das Verrätermodell, das so oft auftaucht, falsch.

Konservative Basis

Man kann also nicht die Führung beschuldigen?

Kainrath: Nicht allein. Sie hat zwar auch nichts gemacht, aber sie wurde auch von ihrer Basis nicht genötigt.

Die Bequemlichkeit reicht ja tief herunter. Sie ist auch eine Form der Korrumpierung. Man gibt sich irgendwie hin und man hat ja auch gute Gründe dafür, weil’s einem ja ganz gut geht, sowohl macht- wie prestigemäßig, also warum sollte man eigentlich dagegen sein?

Die Massen haben also auch etwas bekommen.

Kainrath: Ja, weil wir auch auf Kosten der Dritten Welt gelebt haben, auf Kosten der Natur, wenn Du so willst, auf Kosten der Ressourcen. Ich habe einmal eine Ziffer gelesen: zwischen 1914 und 1950 ist das Nationaleinkommen konstant geblieben, zwischen 1950 und 1980 hat es sich vervierfacht. Und da ist eben für die untersten Schichten etwas abgefallen, für uns alle, und da kann man sagen: was soll das mit dem sozialistischen Ethos?

Jetzt in der Krise, wo man an Grenzen stößt, wo nichts mehr verteilt werden kann ...

Kainrath: ... wird sich vermutlich die Auseinandersetzung verschärfen. Aber in welche Richtung, ist noch offen. Auch das Autoritäre verschärft sich ja.

Über unseren konkreten Fall gesagt: wenn sich die Ordinarienwünsche durchsetzen, müßte man das Geld durch eine Politik der harten Hand eintreiben.

Kainrath: Wenn die Politiker gescheit wären, müßten sie eigentlich sagen: die Ärzte haben uns hineingedrängt, hier gibt es andere Ärzte, die uns eine Argumentationshilfe bieten, dem was entgegenzusetzen.

Ihr seid eine kleine Gruppe, Ihr habt Euch Gedanken gemacht. Seht Ihr Euch als grüne Arbeitsgemeinschaft im Rahmen des Systems?

Kainrath: Wir haben das nie so diskutiert. Mein Motiv ist es aber sehr wohl. Unsere Arbeit paßt in die allgemeinen Bestrebungen gegen Großtechnologie, gegen zentralisierte Organisationsformen — alles liegt auf der Linie, die man als grün bezeichnet.

Es grünt so rot

Willi, Du bist ja Mitglied der SPÖ. Es hat in letzter Zeit in Österreich grüne Bestrebungen auf zwei Linien gegeben; außerhalb der SPÖ ist eine Alternative Liste entstanden, ein noch recht schwankendes Gebilde, man weiß nicht, ob was draus wird; innerhalb der SPÖ gab’s Versuche, grün-rote Arbeitsgemeinschaften zu gründen ...

Kainrath: Ja, Hugo Breitner-Kreis im Herbst ’81 und der Kreis um Cap und Blau im Frühjahr ’82 ...

Das wurde dann vom Parteivorstand zurechtgestutzt. Ist die Möglichkeit, innerhalb der Sozialdemokratie etwas zu erreichen, schon ausgeschöpft? Glaubst Du, daß diese Bewegung in absehbarer Zeit aus dem Parteirahmen hinausgehen wird?

Kainrath: Ich halte es für wahrscheinlich, daß es die SPÖ nicht schafft, sich in grüner Richtung zu reformieren. Was sie so an Werbematerial verbreiten mag, bleibt dahingestellt, aber daß sie sich ernsthaft lösen wird von diesem Weg, glaube ich nicht.

Siehst Du auch persönliche Konsequenzen voraus?

Kainrath: Das kann ich mir sehr gut vorstellen. Aber vorerst einmal muß man natürlich sagen, daß in der Partei ein Großteil der Bevölkerung der unteren Schichten versammelt ist, und daß das daher noch der Diskussionsboden ist.

Würdest Du sagen, die Politiker sind heute noch flexibler als die Basis der SPÖ?

Kainrath: Das geht quer durch alle Schichten. Man findet immer wieder aufgeklärte Leute in den obersten Rängen und sture Industrialisierer in den untersten Schichten, und vice versa.

Deutsche Blässe

Vielleicht möcht sich auch Bruno zu diesem Thema äußern? (In der letzten Phase des Gesprächs hat sich Bruno Aigner, Sekretär der Parlamentsfraktion der SPÖ, an den Caféhaustisch gesetzt.) Was meinst Du, wie groß ist der Spielraum in der SPÖ, um grünes Gedankengut, etwa beim Thema AKH, zu diskutieren, auszutragen?

Aigner: Ich glaube, das Ergebnis der kürzlichen Wahlen in Niedersachsen [9] war ein unheimlicher Schreckschuß für die SP, das ist manchem Funktionär sehr in die Glieder gefahren. Ich glaube aber nicht, daß die SPÖ flexibler ist als die SPD. Schon von der Geschichte her: die Flügelkämpfe waren hier nie so kraß wie in der SPD. Das hat zu tun mit objektiven Voraussetzungen, mit unserer Mentalität, auch mit subjektiven Faktoren — es gab und gibt immer sehr integrative Persönlichkeiten in der SPÖ.

Diskutieren kann man das Problem bereits, das Klima, kommt mir vor, wird immer entkrampfter. Ich muß aber dem Willi recht geben, ich bin auch sehr skeptisch, ob das Diskutieren nicht nur oberflächlich ist. Gesundheitsminister Steyrer, der es mit seinen Umweltschutzbestrebungen sehr ehrlich meint und der jetzt dieser Arbeitsgemeinschaft vorsteht, er wird an seine Grenzen stoßen.

Ich könnte ja jetzt zum Ruhme der SPÖ anführen, Zwentendorf ist nicht eröffnet worden, das ist ja schon mehr als nur reden, da tat man was, zumal etwas, das einem selber schwergefallen ist. Ginge sowas nicht auch beim AKH?

Aigner: Ich glaube, daß bestimmte Kreise in der SPO doch sensibler reagieren, von Kreisky angefangen über Heinz Fischer und Charly Blecha, Herbert Salcher, Kurt Steyrer und andere. Ich glaube auch, daß die Bewegung objektiv stärker wird, die mehr »Grün im Rot« will, weichere, kleinere Strukturen, mehr Mitbestimmungsmöglichkeiten z.B. Ob sie sich durchsetzt, ist eine zweite Frage.

Ist es überhaupt noch drin, daß beim AKH eine Wende eintritt wie bei Zwentendorf, nur durch die Diskussion auf der Expertenebene, wie sie jetzt stattfindet?

Aigner: Beim AKH bin ich sehr skeptisch.

Wo sind die Arbeiter hin?

Kainrath: Ich habe den Eindruck, daß die Einschätzung vieler wichtiger Leute in der SPÖ sehr nahe bei uns ist. Das spräche dafür, daß etwas drin wäre. Dagegen spricht, daß da eine Maschinerie läuft. Es ist unrealistisch anzunehmen, daß die Politiker soviel Mut haben, da reinzufahren. Aber das Unbehagen am AKH ist zweifellos größer als das allgemeine Unbehagen an der Industrialisierung. So gesehen müßte man sagen, in der SPÖ gibt es im Hinblick auf eine Änderung des AKH-Konzepts noch eine Hoffnung, wenn man sie überzeugen könnte, es wäre noch zeitgerecht. Sie haben uns aber immer wieder gesagt, es ist schon zu spät.

Die finanziellen Zwänge könnten vielleicht vom Budget her eine Denkhilfe geben.

Kainrath: Das glaube ich auch, darum schlagen wir ja diese Zwischenvariante vor: besiedelt nur die Hälfte des AKH und schaut euch das dann an, da verliert ihr nicht das Gesicht und könnt dort aufhören.

Euer Dialog ist nur der von Fachleuten mit den Mächtigen. Das Volk ist noch nicht involviert.

Kainrath: Das ist symptomatisch für die ganze grüne Diskussion: wo sind diese materiellen Interessen, die ehemals die Interessen der Arbeiterklasse waren? Die waren ja einfach, sie waren verdammt arm und ausgepowert; die anderen haben das Geld gehabt und haben ihnen die Arbeit genommen oder gegeben. Die Interessenlage der Grünen ist ja viel komplizierter, da kann man nicht so unmittelbar an materielle Bedürfnisse anknüpfen, da brauchst Du langfristige Einsichten über Naturhaushalte, das Verhältnis zur Dritten Welt, Gerechtigkeitsvorstellungen, Moralvorstellungen ...

Daher stoßen alle Grünen auf das Problem, daß sie nicht an eine Masse appellieren können, sondern an die ideelle Vernunft, an was langfristiges. Die Arbeiterklasse zeigt sich ja völlig unfähig, in der Richtung zu denken, nicht nur die Funktionäre, sondern auch die Basis.

Aigner: Es gibt ja auch objektive und subjektive Gründe für Deformationen ...

Kainrath: Von den Gründen kannst Du Dir aber auch nichts abschneiden! Die Arbeiterklasse ist derart an den Kapitalfluß gebunden, das muß man sich einmal anschaun! Es ist wirklich zu einem Bündnis gekommen zwischen Kapital und Arbeiterschaft, das ist ja in den Organisationsformen der Sozialpartnerschaft sehr schön ausgedrückt. Das ist kein Zufall und auch kein Verrat, sondern eigentlich eine logische Konsequenz.

Was wir machen, klingt zwar im altehrwürdigen sozialistischen Sinn läppisch, daß wir uns an die Mächtigen wenden, sowas wurde immer schon belächelt von der Arbeiterklasse. Wir glauben, daß wir sehr wohl ein realistisches Modell anbieten, das beim AKH vom Weg der Großtechnologie wegführt. So weit wir können, versuchen wir eine möglichst breite Öffentlichkeit dafür zu interessieren. Nur so entsteht genügend Druck, um die Politik zu verändern. [10]

[*Seit Anfang 1981 trafen einander regelmäßig zwanzig bis dreißig fortschrittlich denkende Fachleute jüngeren und mittleren Alters um darüber nachzudenken, wie man aus der Sackgasse des AKH-Neubaus herauskommen könnte. Sie taten das ohne obrigkeitliche Anregung, von ihrem Gewissen und von ihren Interessen getrieben. Sie tauften sich »Arbeitskreis AKH«. Wilhelm Kainrath, 42, Stadtbaurat im Rathaus, ist dort am linken Flügel, der Arbeitskreis umfaßt aber auch Leute, die der ÖVP entweder angehören oder nahestehen. Bereits Ende 1980 hatten einzelne Mitglieder des Arbeitskreises Gespräche mit führenden Beamten und Politikern über ein Alternativkonzept zum AKH. Ende 1981 schrieb der Arbeitskreis an die AKH-Verantwortlichen einen Brief. Er wurde von folgenden Personen unterzeichnet: Stadtbaurat Dipl.-Ing. Wihelm Kainrath (Architekt), a.o. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Kummer (Primararzt und Internist im Wilhelminenspital), Mag. Renate Machat (Soziologin), Mag. Hugo Potyka (Architekt), a.o. Univ.-Prof. Dr. Martin Salzer (Primararzt des Orthopädischen Krankenhauses Wien-Gersthof, früher Assistenzarzt im AKH), Heinrich Schmid (Vorstand des österreichischen Berufsverbands für Diplomsozialarbeiter), Dr. Hannes Schmidl (Österreichisches Gesundheitsinstitut), a.o. Univ.Prof. Dr. Otto Wagner (Oberarzt an der I. Chirurgischen Universitätsklinik im AKH).

[*Seit Anfang 1981 trafen einander regelmäßig zwanzig bis dreißig fortschrittlich denkende Fachleute jüngeren und mittleren Alters um darüber nachzudenken, wie man aus der Sackgasse des AKH-Neubaus herauskommen könnte. Sie taten das ohne obrigkeitliche Anregung, von ihrem Gewissen und von ihren Interessen getrieben. Sie tauften sich »Arbeitskreis AKH«. Wilhelm Kainrath, 42, Stadtbaurat im Rathaus, ist dort am linken Flügel, der Arbeitskreis umfaßt aber auch Leute, die der ÖVP entweder angehören oder nahestehen. Bereits Ende 1980 hatten einzelne Mitglieder des Arbeitskreises Gespräche mit führenden Beamten und Politikern über ein Alternativkonzept zum AKH. Ende 1981 schrieb der Arbeitskreis an die AKH-Verantwortlichen einen Brief. Er wurde von folgenden Personen unterzeichnet: Stadtbaurat Dipl.-Ing. Wihelm Kainrath (Architekt), a.o. Univ.-Prof. Dr. Friedrich Kummer (Primararzt und Internist im Wilhelminenspital), Mag. Renate Machat (Soziologin), Mag. Hugo Potyka (Architekt), a.o. Univ.-Prof. Dr. Martin Salzer (Primararzt des Orthopädischen Krankenhauses Wien-Gersthof, früher Assistenzarzt im AKH), Heinrich Schmid (Vorstand des österreichischen Berufsverbands für Diplomsozialarbeiter), Dr. Hannes Schmidl (Österreichisches Gesundheitsinstitut), a.o. Univ.Prof. Dr. Otto Wagner (Oberarzt an der I. Chirurgischen Universitätsklinik im AKH).

[1Gleichzeitig lag SPÖ-intern ein Bericht vor, den ein »Spitzenausschuß« unter Federführung des heutigen Magistratsdirektors Josef Bandion erstellt hatte. Alle wesentlichen Kritikpunkte wurden dort bereits angeführt: »Nachteile des Zentralbaus: ... Mit der Zustimmung zu den diesbezüglichen Professorenvorstellungen scheint man mehr deren persönlichen Wünschen als der objektiven Überzeugungskraft ihrer Argumente nachgekommen zu sein.« — »Reparatur- und Krisenanfälligkeit der überaus komplizierten Gesamtanlage, für die es in Österreich kein Beispiel gibt.« »Kein Überblick über die Höhe der Betriebs- und Instandhaltungskosten nach Fertigstellung.« — Man wußte vom Spitalsplan: »... ergibt sich aber ... derzeit schon ein Übermaß an Spitalsbetten für die Bundeshauptstadt.« Also Kommando retour? Geht nicht, denn: »Gegen eine Überprüfung des Gesamtkonzepts bzw. Einstellung des Kernbaues sprach der Umstand, daß diese politisch zu vertretende Entscheidung eine starke Diskussion in der Öffentlichkeit ausgelöst hätte, eine Desavourierung der Vertreter des bisherigen Konzeptes bedeutet hätte ...« (zit. nach Alfred Worm: Der Skandal. AKH-Story, Analyse, Dokumente, Wien 1981, S. 64 ff).

[2Für den Zustrom von täglich 900 Ärzten, 1900 Schwestern und Pflegern, 700 Technikern, 6000-8000 ambulanten Patienten und 2000-4000 Studenten, das macht zusammen 11.500-15.500 Menschen, wurden in der »größten Tiefgarage Europas« ganze 2500 Parkplätze gebaut (Worm, a.a.O.,S. 63).

[3Bei einer Diskussion von Gemeindeprimarärzten Mitte Februar 1982 über das neue AKH füllten 23 der 44 anwesenden Primarien einen Fragebogen aus. Mehr als 90 Prozent von ihnen hielten »gravierende Betriebsstörungen im neuen AKH für möglich bzw. wahrscheinlich«. Alle hielten die rasche Fertigstellung eines funktionierenden AKH für wichtig. Mehr als 90 Prozent hegten Zweifel am derzeitigen AKH-Konzept (Quelle: Aussendung Arbeitskreis AKH).

[4»90 Prozent der Räume im Flachbaukörper haben ein Tageslicht (Untersuchungs- und Funktionsräume)« Bandion-Bericht, siehe Anm. 1.

[5Rechnungshofpräsident Dr. Jörg Kandutsch vor dem parlamentarischen AKH-Untersuchungsausschuß: »Diese unheimliche Haustechnik bedarf in Zukunft einer Wartung, einer Pflege und eines Mitarbeiterstabes, der in der Lage ist, diese Riesenorgel noch zu steuern« (Worm, a.a.O., S. 56).

[6Die Fackel Nr. 4, Anfang Mai 1899 und Nr. 8, Mitte Juni 1899.

[7Das Interview mit Univ.-Prof. Dr. Erich Loitlsberger, Ordinarius für Betriebswirtschaftslehre an der Universität Wien, siehe bei Worm, a.a.O., S. 75 ff.

[8ABO = Arbeitsgemeinschaft für Betriebsorganisation, mit der Betriebsorganisationsplanung des AKH beauftragte Firma (370-Millionen-Schilling-Auftrag). Mit der Publikation eines Kontrollamtsberichts über diesen Auftrag wurde der AKH-Skandal im März 1980 öffentlich.

[9Wahlen in Niedersachsen am 21. März 1982: Die SPD fällt von 42,2 auf 36,5 Prozent der Stimmen (-5,6), die Grünen steigen von 3,9 auf 6,5 Prozent (+2,6), die CDU erringt erstmals die absolute Stimmenmehrheit.

[10Wilhelm Kainrath hat diesen Schluß bei der Manuskript-Korrektur formuliert. Mit seiner Erlaubnis zitieren wir, was am Tonband zu hören war: »Andererseits muß man sehen, das ist ein tatsächliches Dilemma jeder fortschrittlichen Politik heutzutage: daß Du übers Appellieren und Moralisieren hinaus noch keine besseren Kanäle gefunden hast.«

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