FORVM, No. 305/306
Mai
1979

Unter Aufsicht

Schulreform auf Grundeis

Aus diesem Grund darf man den sogenannten Reformen, die, von oben her angeregt oder sanctioniert, von Jahr zu Jahr in den Spalten der Amtsblätter auftauchen, kein gläubiges Vertrauen entgegenbringen, da in solchen Fällen entweder reactionäre Hintergedanken im Spiele sind, oder leere Nichtigkeiten, mit denen das Publikum genasführt wird, zu reformatorischen Großtaten aufgebauscht werden.

Die Fackel, 1899

Reif durch Cicero

„Ah, so ist das? Mit dem Gesetz kommst du mir? Gut! Ich schlage das Gesetzbuch auf, lesenach und sage: Gut, gut ... und das Abmeldeformular kostet 25 Schilling. Denn solche Leute, die in den Lücken des Gesetzes leben, die muß man hinausexpeditieren, die gehören hinaus. (Schreit:) Hinaus!“

Eine alltägliche Episode. Ort der Handlung: Realgymnasium der Marianisten in Wien. Personen: Direktor Magister Haunschmied und ein Schüler. Konflikt: Der Schüler hatte sich auf das Schulunterrichtsgesetz (SchUG 1974) berufen.

Angst bestimmt das Klima in Österreichs Schulen. In meinen Gesprächen mit Schülern wurde ich immer wieder gebeten, keine Namen zu nennen, über diesen oder jenen Direktor nichts zu schreiben ...

„Die Schüler einer Schule haben das Recht der Schülermitverwaltung in Form der Vertretung ihrer Interessen und der Mitgestaltung des Schullebens“, steht im SchUG. Lehrer und manche Zeitungen fürchteten bei Erscheinen des Gesetzblattes, das brächte den Schülern zu viele Rechte und zuwenig Pflichten. Mit dem SchUG hatte die Staatsdruckerei einen Bestseller! In manchen Klassen kaufte sich jeder dritte das Bundesgesetzblatt, das die Arbeitssituation der Schüler verbessern sollte. In der Oberstufe (9. bis 12. Schulstufe) dauert seine Arbeitszeit 35 Stunden pro Woche, mit Hausaufgaben und Prüfungsvorbereitung kommt er auf 45. Schulstreß — das ist kein hohles Schlagwort! Schülerselbstmorde, Aufputschmittel zum Lernen und Valium, um bei der Prüfung cool zu wirken, sind üblich.

Über den Schüler wird andauernd entschieden. Ob er mathematische Funktionen integrieren oder differenzieren kann, ob er Cicero richtig übersetzt — daran wird gemessen, ob er „reif“ ist, oder ob er, wie sich Professoren gerne ausdrücken, „lieber in die Lehr“ gehen soll. Hier mitreden zu können bedeutet für Schüler, das eigene Leben ein bißchen zu gestalten. Eine aktive Schülermitverwaltung, die gemeinsam mit fortschrittlichen Lehrern Freiräume ausbaut und zu neuen alternativen Unterrichtsformen weiterentwickelt — das war die Utopie der Schüler, die das SchUG als ersten Schritt zu einer umfassenden Bildungsreform begrüßten. Doch sie merkten sehr bald, wie wenig ein Gesetz an der „jahrzehntelang in Kraft gewesenen faschistischen Schulordnung“ (SP-Werbung über Schule vor Kreisky) zu ändern vermag.

Wie man ein Gesetz umgeht

Einer der wenigen konkreten Punkte des Reformwerkes ist die „Ankündigungspflicht für mündliche Prüfungen“. Lehrer dürfen nicht mehr überfallsartig den gesamten Semesterstoff abfragen. Da das SchUG für „Zettelarbeiten“ keine Vorwarnfrist vorsah, nahm plötzlich diese Form der Leistungsfeststellung sprunghaft zu.

Seit nun dieses Hintertürl geschlossen wurde, beklagen sich Schüler, daß „Wiederholungsprüfungen“ (sollen eigentlich den Stoff der letzten zwei, drei Stunden in Erinnerung rufen) immer häufiger zu regulären Prüfungen ausgebaut werden. Lehrerargument: Grundlegendes Wissen muß jederzeit abfragbar sein. Was aber im Einzelfall „grundlegendes Wissen“ ist, entscheidet der Lehrer.

Die verbotene Schulhaft heißt heute „Nachholen versäumter Pflichten“, die abgeschafften Strafarbeiten nennt man schlicht „zusätzliche Hausaufgabe“. Selbst wenn sich ein Lehrer genau an den Wortlaut des Gesetzes hält, kann er dem Schüler alles machen.

In der Absicht, überlange Prüfungen zu unterbinden, wurde deren Höchstdauer mit 15 Minuten festgelegt. Wie drehen’s die Lehrer? Sie überziehen zwar nicht die Prüfungsdauer, reduzieren aber auch nicht die Anzahl der Prüfungsfragen. Was zu spät gesagt wird, zählt nicht mehr. Natürlich begreifen die Schüler, was hier gespielt wird. Nur die Allernaivsten geben (im Bund mit schwarzen Lehrern) dem Gesetz die Schuld.

Der Wille des Lehrers ist am ehesten durch höfliche Bitten zu beeinflussen. Ein Gnadengesuch das Klassensprechers schmeichelt dem Lehrer. Die Forderung einer Klasse, weniger streng zu prüfen, beeindruckt ihn kaum. Die gönnerhaft „geschenkte“ Note verpflichtet den Schüler, macht ihn zum speichelleckenden Untertanen. Das sind entscheidende Augenblicke in der Sozialisation des jungen Staatsbürgers. Der österreichische Weg nach oben führt allemal durch das Hinterteil des Vorgesetzten.

Mitbestimmung für die Cola-Dose

Herzstück unserer Schuldemokratie ist der Schulgemeinschaftsausschuß (SGA), in dem je drei gewählte Vertreter von Schülern, Lehrern und Eltern das tun sollen, was man im Ministerium „Demokratie lernen“ nennt. Seine Aufgabe ist „die Festsetzung des Umfangs der Mitwirkungs- und Mitbestimmungsrechte der Schüler und die Festsetzung des Wirkungsbereiches der Schülervertreter“ sowie „die Aberkennung der Wählbarkeit eines Schülers als Schülervertreter“, Elternvertreter haben in beiden Fragen kein Stimmrecht.

Und die Schüler? Sie sitzen zwar den Lehrern stimmengleich gegenüber, können aber keine Forderung ohne Zustimmung mindestens eines Lehrers durchbringen, weil Anträge bei Stimmengleichheit als abgelehnt gelten. Hohe Schule der Demokratie!

Beispiele: Lehrer boykottierten den SGA (und machten ihn damit beschlußunfähig), weil sie Eltern und Schüler gegen sich wußten. Eine Direktorin verhinderte die Abstimmung, weil ein Lehrer fehlte und die Schüler sich sonst zu weitgehende Rechte gesichert hätten. Zwei Schülervertreter wurden im SGA so lange vom Direktor angeschrien, bis sie für das Verbot der eigenen Schülerzeitung stimmten.

Der Schulleitung bleibt immer die Ausrede, die Forderungen der Schüler entsprächen nicht den Aufgaben der österreichischen Schule, wie sie im Schulorganisationsgesetz (SchOG) festgelegt wurden. Wie soll der rechtsunkundige Schüler beurteilen, ob sein Direktor die Gummiparagraphen richtig auslegt?

Schüler haben gelernt. Im SGA vorgebrachte Schülerwünsche sind recht bescheiden. Man weiß, daß man mit weitreichenden Vorschlägen ohnehin auf Granit beißt. Am zweiten Bundesgymnasium in Wien 19 verlangten die Schülervertreter einen Getränkeautomaten und ein Raucherzimmer. Nach vierjährigen Verhandlungen gelang es den Schülern, ihre „Partner“ zu überzeugen, daß in der Pause geleerte Cola-Dosen keine ernsthafte Beeinträchtigung des Unterrichts darstellen. Die Schule hat jetzt ihren Getränkeautomaten — und zählt deshalb bereits zur demokratischen Elite. Schüler durften am Schulgelände ein Fest veranstalten, und gibt es mal ernstere Troubles, interveniert der rührige Schulsprecher beim meist kooperativen Direktor.

Doch auch in dieser Schule hat die Freiheit ihre Grenze. Als die Schülerzeitung Kritik über den Selbstmordversuch eines Schülers berichtete, der sich von einer Professorin ungerecht behandelt fühlte, hatte der Schulsprecher nichts Eiligeres zu tun, als sich von dem Artikel, den er selbst angeregt hatte, zu distanzieren und Flugblätter gegen die Kritik zu verteilen.

Mitten im Satz geheult

Das Faule an der Schuldemokratie ist, daß der Schüler als Schülervertreter vom treuen Untertanen zum gleichberechtigten Partner mutieren müßte — und wieder zurück, sobald er geprüft wird. Womöglich muß er gegen einen Lehrer argumentieren, der ihm gerade ein Nichtgenügend verpaßt hat oder es vielleicht morgen tun wird. Die Angst, Lehrer würden in der Benotung aufmüpfiger Schüler ihren Ermessensspielraum ausnützen, ist allgegenwärtig. „Und meistens passiert das auch“, sagt Joachim Weiss, Vorsitzender des Bundesschülerbeirats und damit oberster Schülervertreter Österreichs.

Ein Lateinprofessor, den seine Klasse bei einer von Schülern durchgeführten „Lehrerbenotung“ mit „nichtgenügend“ beurteilte, schlug sofort zurück. Nachdem er die Rädelsführer der Aktion durch Schriftvergleich nicht ausfindig machen konnte, dozierte er sieben Stunden lang seltenen Lateinstoff, der im Lehrplan nicht vorgesehen ist. Auf die Frage der Schüler, ob sie das lernen müßten, gab er keine Antwort. In den nächsten fünf Stunden prüfte er das Ganze ab. Verpfiffen wurde trotzdem niemand. Solche Schülersolidarität ist freilich äußerst selten und wird durch die Verlockung, sich bei den Lehrern einzuschmeicheln, andauernd untergraben.

Als sich der Direktor des ersten Bundesgymnasiums in Wien 19, Doktor F. Weissensteiner, über einen Artikel in der Kritik beschwerte, sah sich Kritik-Redakteurin und Schulsprecherin Lieben bald allein gelassen. Viele Schüler fanden plötzlich, daß Angriffe auf den Direktor das „partnerschaftliche Schulklima“ stören, obwohl jeder zweite Leser der Kritik war. Unter Aufsicht der Lehrer wurde eine öffentliche Abstimmung inszeniert, die für die Kritik denkbar schlecht ausging.

Im beanstandeten Artikel wird die Bestrafung des 18jährigen Ernst B. beschrieben, der durch Ansägen einer Leiter den 30 Zentimeter tiefen Absturz eines Maurers verursacht hatte.

Der Ernst und der Direktor sind in die Klasse gekommen, der Ernst hat schon rote Augen gehabt. Dann hat er sich vor die Klasse hinstellen und sagen müssen, daß er einen großen Blödsinn gemacht hat, daß es ihm leid tut, daß er sich bei uns entschuldigt, daß wir daraus lernen sollen und am Schluß noch, daß er dem Direktor für seine Milde dankt, weil er ihn nicht sofort hinausgeschmissen hat, obwohl er es hätte tun können. (Weissensteiner hat mit falschen Karten gespielt, ohne Konferenzbeschluß kann er niemanden hinausschmeißen.) Dann plötzlich ist der Ernst mitten im Satz steckengeblieben und hat richtig angefangen zu heulen. Noch bevor wir etwas sagen konnten, war der Direktor mit ihm schon wieder verschwunden.

Wieder einmal war ein Direktor Herr des Schülerschicksals. Er hat den Schüler öffentlich heruntergeputzt, um allen anderen zu zeigen, daß ihnen das auch passieren könne. Er hat den Jammerlappen um den Preis der Erniedrigung begnadigt. Weissensteiner fühlt sich natürlich als glänzender Demokrat. Angriffe auf seine Methoden nennt er „Polemisieren mit unfairen Mitteln“; mit renitenten Schülern will er sich nur versöhnen, „wenn sie gelernt haben, Konflikte auf demokratische Art auszutragen“. Aber was ist demokratisch? Der Wille des Direktors. Seit der Reform wird die Gewalttätigkeit der Schule mit geschwollenem Vokabular verschleiert. Autoritäre Entscheidungen werden als Ergebnisse demokratischer Willensbildungen verkauft.

Direktor Weissensteiner
fühlt sich als glänzender Demokrat

Twaroch als Elternvertreter

Ein Vorarlberger Schuldirektor meldete Bedenken an über die Schülerzeitung Arche, weil ein Artikel über Wiederholungsprüfungen „den Vorstellungen, die maßgebliche Mitglieder des SGA vom fairen Journalismus haben dürften“, nicht entsprach. „Maßgeblich“ ist zunächst einmal er selbst, dann die Lehrer, vielleicht die Eltern. Schüler sicher nicht.

Paul Twaroch, ehemals ORF-Generalsekretär, dann gewählter ÖVP-Gemeinderat in Wien und jetzt Landesintendant, machte in seiner Funktion als SGA-Elternrat einer Schülerzeitung den Vorwurf, sie wolle „nur politische Meinungen zu tausend Stück publizieren“. Ausgerechnet ein ORF-Typ! Politisch heißt linksradikal, und als Indiz genügt bereits der Verdacht, im Vorwärts-Verlag zu drucken. Auch die Bezeichnung „Redaktionskollektiv“ gilt als kommunistisch. Artikel über Chile werden in fast allen Schülerzeitungen zensuriert. Neben politischen und sexuellen Themen ist Schülerzeitungen vor allem Kritik an der Schule untersagt.

Beispiele: Die Schülerzeitung Unterberger Forum kritisierte die Veranstalter des „Tags des Sports“ am Bundesrealgymnasium Wien 20. Nach einem 1.500-MeterLauf hätten sich Schüler „nicht nur an der gesunden Wirkung des Sports erfreuen dürfen, sondern sie hatten mit Kreislaufschwierigkeiten zu kämpfen“. Die Redakteure mußten sich höflichst entschuldigen. „Tag des Sports“-Organisator Professor Dusovsky wies die Entschuldigungen zweimal zurück, zuletzt, weil die Schüler für eine „unabsichtliche Beleidigung“ um Verzeihung baten. Absichtlich, unabsichtlich? Dusovsky: der Artikel hätte das „Unterrichtsklima auf Jahre verschlechtert“. Eine Feststellung, die ihre Wirkung auf Schüler, die maturieren wollen, nicht verfehlt.

Der Welser Schülerzeitung Treffpunkt wurde Berichterstattung über den Zustand der Turnsäle zum Verhängnis. Die Behauptung, „daß der Turnsaalboden so dreckig ist, daß man jedes Mal nach dem Turnen mit einer zwei Zentimeter dicken Schmutzschicht auf den Sohlen herauskommt“, reichte, um die Redakteure zum Landesschulinspektor vorzuladen. Die Folge: Sie druckten eine untertänige Richtigstellung.

Diese überflüssigen Produkte ...

Eine Dissertation über Schülerzeitungen [1] ergab, daß der Großteil von der Schulleitung zensuriert wird und der Rest Selbstzensur übt. Kein Wunder, bei dem Klima: Die ÖVP-nahe Professorenunion (ÖPU, Obmann war der kurz vor seinem Tod als Turrini-Gegner hervorgetretene VP-Schulexperte Direktor Rudolf Zörner) sprach von der „Terrorwaffe Schülerzeitung“. Im ÖPU-Organ Der Professor (Heft 6/7, 1976) tönt es: „Stellt Subventionen und Patronanzen für die Handvoll Berufsjugendlicher und Wichtigtuer ein, und die überflüssigen Produkte des Pseudojournalismus werden von selbst verkommen.“ Ein Wiener Direktor kann an seiner Anstalt „keine Schülerzeitung brauchen. Die machen mir nur die Kinder kritisch, und das werden sie ohnehin früh genug.“ Eine Linzer Direktorin weigerte sich, zwei Schüler für ein Schülerzeitungsseminar freizugeben, obwohl sie durch einen Erlaß des Unterrichtsministeriums dazu verpflichtet wurde.

„Man hat sich in den früheren Jahren von radikalen Schülern schon so viele Kompromisse abringen lassen, daß man nicht bereit ist, auch noch die geringsten Zugeständnisse zu machen“, empfing der SGA des Bundesgymnasiums Dornbirn den Schülervertreter Reinhard Geiger. Geigers „radikale“ Vorgänger waren die Macher der Schülerzeitung Rübe, denen man u.a. Angriffe auf die CV-Verbindung Siegberg übelgenommen hatte, der neben Direktor Turnher auch etliche Lehrer und Eltern angehören. Nun ist auch Schüler Geiger Siegberg-Mitglied. In der ersten Nummer seines neu gegründeten Organs Zwicker ereiferte er sich daher vor allem über „Härte und Schärfe“ der Rübe. In der zweiten Nummer gab’s einen Artikel „Der Amtsschimmel“ über die Zustände im SGA, und der Bonus aus dem ersten Zwicker war verbraucht.

In einer „Gerichtsverhandlung“ (der Ausdruck stammt von Direktor Turnher) mußten sich die Redakteure vor Eltern und Lehrern verantworten. Der Schulsprecher distanzierte sich, der Zwicker rücke „die ganze Schule in schlechtes Licht. Auch in der dritten Nummer erschien noch Kritik, sachte freilich. Trotzdem wurde Geiger vom SGA als „Dreckschleuder“ beschimpft, seine Zeitung als „Produkt redaktionellen Schmutzes“ hingestellt. Der Direktor höchstpersönlich entrang Schülern das Blatt, wenn er es in der Pause entdeckte. Die Lehrerkonferenz drohte Geiger mit Ausschluß. Begründung: „Verstoß gegen die Verpflichtung zur Einordnung in die Gemeinschaft der Schule (SchUG 843) und zur Harmonisierung des Zusammenlebens in der Schulgemeinschaft (Ergänzungsblatt zum 843) durch Provokation der Mitschüler bzw. der Schülervertretung, der Elternvertretung im SGA und der Lehrer.“

Schüler Geiger,
obzwar MKVer, resigniert
Geigers Organ Der Zwicker

Aus Demokratie lernt man, daß es keine gibt

Schüler Geiger, obzwar MKVler, heute resigniert: „Die Schule und der Bürokratismus sind schlimmer, als es in den kühnsten Beschreibungen behauptet wird.“ — „Sehen Sie“, tröstete man ihn im Ministerium, „jeder kommt einmal in das Alter, in dem er die bittere Erfahrung macht, daß die Illusionen, die er sich über die politischen Zustände in seinem Land macht, einfach zerstört werden.“

Zerstört werden Jahr für Jahr auch die Illusionen, die sich Landesschulsprecher über ihr Amt machen. Alle neun Landesschulsprecher bezeichnen die Arbeit ihres Vorgängers als erfolglos. Bundesschulsprecher Weiss: „Ich werde offensichtlich zum Narren gehalten.“ Eingaben des Bundesschülerbeirats (in dem alle Landesschulsprecher sitzen) bleiben im Ministerium monatelang unerledigt liegen, bis sie wegen formaljuridischer Bedenken zurückgewiesen werden, deren Stichhaltigkeit der Schüler nicht überprüfen kann. Schulexperte der Sozialistischen Jugend (SJ), Christoph Matznetter: „Man reagiert im Ministerium nur auf Druck, und der stärkste Druck kommt halt leider von den Lehrern. Wenn man Reformen verlangt, redet sich das Ministerium auf die Professorenvertreter, die konservative Opposition und die Medien aus.“ Staberl und Hübl haben ein gewichtigeres Wort als jede noch so aktive Schülervertretung.

Christoph Matznetter,
obzwar von der Sozialistischen Jugend, resigniert auch (im Großraumbüro)

Die Vorarlberger Schülerräte boykottieren den für sie „sinnlosen“ Bundesschülerbeirat. Aus Protest traten kürzlich zwei von sechs Mitgliedern des Wiener Landesschülerbeirates zurück. Auch an den Schulen selbst bröckelt die demokratische Fassade: Eine Wiener Schulklasse weigerte sich heuer, einen Klassensprecher zu wählen. „Wir können uns ganz gut gemeinsam wehren und wollen nicht einen einzelnen Schüler an exponierter Stelle den Angriffen der Lehrer aussetzen.“ Bei Klassensprecherwahlen bekommen in letzter Zeit oft Mao, Hitler (!) oder Idi Amin die meisten Stimmen. Der gewählte Schüler hat vielleicht nur eine Stimme mehr als das Rennpferd Anastasia aus der Krieau.

Parteien, Interessenvertretungen und Medien halten das, was höhere Schülervertreter sagen, für die Meinung der Schülermehrheit. Und die hätte man natürlich gern auf seiner Seite. Daher reicht der lange Arm der Parteien bis in obere Etagen der Schülervertretung. Schwarze Lehrer und Direktoren empfahlen bei der letzten Landesschulsprecherwahl „ihren Kandidaten, Rote wußten, daß der SP-Kandidat „ein sehr fähiger Mann sein soll. Das hört man allgemein, sogar der Direktor sagt’s.“ Kein Wunder, hat sich doch der betreffende Schulsprecher schleunigst von der Schülerzeitung Sumpf, die er selbst ins Leben gerufen hatte, abgesetzt, als er merkte, daß diese dem Direktor nicht genehm war.

Schwarzer Sieg in Wien

Am heftigsten wird von den katholischen Privatschulen intrigiert. Der Landesverband Katholischer Elternvereine Wiens versammelte die Sprecher aller klerikalen Schulen und legte ihnen „unseren Kandidaten Norbert Huber“ ans Herz. Da die an Mittelschulen relativ schwache Sozialistische Jugend (SJ) heuer einen eigenen Kandidaten aufstellte, statt wie bisher den unabhängigen zu unterstützen, zerfielen die Mehrheiten. Der tiefschwarze Huber wurde so von ahnungslosen Schulsprechern mit relativer Mehrheit gewählt.

Was tun? Im Vorjahr forderte der Bundesschülerbeirat ein Schülervertretungsgesetz (SVG), in dem auch die höheren Ränge der Schuldemokratie gesetzlich fixiert werden sollten. Inzwischen sind selbst die Autoren dieses Vorschlags wieder davon abgekommen. Eine gesetzlich in allen Details geregelte Schülervertretung bindet an die Ministerialbürokratie, lähmt Schülervertreter, entfernt sie von ihrer Basis, die in Apathie verfällt. Schüler brauchen kein neues Gesetz, sondern ein höheres Maß an Konfliktbereitschaft. Nur wenn die Schüler selber mündig werden, kann sich was ändern.

Jungwählervereine

Politische Schülerorganisationen entstehen nicht von der Basis, sondern sind meist Jungwählervereine der Parteien. Bündnisse entstehen anläßlich realisierbarer Forderungen, die doch — bei roten wie schwarzen Organisationen — der Schulrealität eine Nasenlänge voraus sind.

  • Mittelschüler-Kartellverband (MKV): Mittelschülerverein des CV, Dachverband einer Unzahl farbentragender (aber nicht schlagender) Verbindungen. Der MKV ist stark in Provinzstädten und an Privatschulen. Er stellt die Kader für die schwarze Schülerarbeit. Langwierige Aufnahmeriten, bei Eintritt lebenslange Mitgliedschaft (z.B. ÖVP-Akademiepräsident Alfred Maleta), Aufnahmeverbot für Mädchen und Frauen. Für progressive Schülerpolitik unbrauchbar.
  • Union Höherer Schüler (UHS): Von MKV und Junger ÖVP nach dem Vorbild der Deutschen Schüler Union gegründet. Soll auch Schülerinnen ansprechen, als „moderne“ Variante des MKV. Der UHS erhält reichlich Subventionen von der ÖVP. Ihm kommt entgegen, daß die meisten Mittelschüler aus dem Elternhaus eine konservative Grundhaltung mitbringen. Er ist im Moment die stärkste Schülerorganisation. Grundsätzliche Mängel des Schulsystems lastet er der sozialistischen Schulpolitik an. Zeitung: Klartext
  • Sozialistisches Schülerzentrum (SSZ): 1973 schloß die SPÖ den Verband Sozialistischer Mittelschüler (VSM) aus und brachte sich damit um die Schülerorganisation. Zunächst mußte die Partei hilflos dem Aufstieg der UHS zusehen. Nach Kompetenzstreitigkeiten zwischen den parteirechten Kinderfreunden und der parteilinken Sozialistischen Jugend (SJ) entstand 1977 als Kompromiß das SSZ. Häuptling: SJ-Mann Christoph Maznetter. Aktionen wie „Latein — Nein danke“ sollen die Konfliktbereitschaft gegenüber der Obrigkeit stimulieren. Zeitung: Ventil.
  • Liberale Schüleraktion (LISA): Schmalbrüstiger FPÖ-Verein. Verteilt an Schulen die als Schülerzeitung getarnte Neonazi-Schrift Sonderblatt. Querbezüge zu schlagenden Verbindungen.
  • Roter Schülerbund (RSB): Maos an der Schule, kaum aktiv.
  • Roter Maulwurf: Teil der Gruppe Revolutionäre Marxisten (GRM), kaum aktiv.
M. K.

Schüler & Gewerkschaft

25 Schülerredakteure von sechs Schülerzeitungen gründeten 1977 die Gewerkschaftsgruppe Schülerzeitungen (GGS) als autonome Unterorganisation der Sektion Journalisten im ÖGB. Heute unterstützen 500 Redakteure von über 100 Schülerzeitungen die Hauptforderung der GGS: Der Unterrichtsminister (als oberster Hausherr aller Bundesschulen) muß Vertriebsfreiheit für schülereigene Zeitungen garantieren.

Der Kampf um so einen Erlaß wird sich noch hinziehen. Bisher hat das Ministerium einen Schülerzeitungsbeirat kreiert sowie einen Erlaß, der aber leicht nach hinten losgeht: Der Inhalt von Schülerzeitungen müsse den „Aufgaben der österreichischen Schule“ (§ 2 SchOG) entsprechen. Mehrere Direktoren nahmen den Erlaß schon als Argument gegen Schülerzeitungen. In ihren Händen wird der Gummiparagraph zur Zensurbestimmung. Die GGS versucht, durch Schülerzeitungsseminare neue jugendeigene Zeitungen anzuregen. Sie rechnet mehr mit der Aktivität von unten als den Verhandlungsergebnissen von oben.

Die Schülerzeitungsagentur (SZA), vom Vereinszirkular zum Schülerpressespiegel ausgebaut, sorgt für Information der übers ganze Land verstreuten Aktivisten.

Öffentlichkeitsarbeit: In der GGS-Broschüre „Zensur an Österreichs Schulen“ werden 14 Schülerzeitungsverbote dokumentiert (zu beziehen über GGS, A-1010 Wien, Bankgasse 8, um öS 35).

M. K.

Literaturverbot in Kärnten

Recht Makabres ereignete sich an der Bundeshandelsakademie und Bundeshandelsschule in Feldkirchen (Kärnten). Direktor Johann Neuhold verbot einem Deutschprofessor, „Turrini-Werke“ als Lesestoff im Unterricht zu verwenden.

Makaber ist dies deswegen, da der Lehrplan für Deutsch die Gegenwartsliteratur mehr gelesen haben will, und Peter Turrini ist unumstritten einer der wichtigsten Gegenwartsliteraten, den Österreich zu bieten hat.

Wir fordern hiemit Direktor Neuhold auf, dieses Verbot sofort rückgängig zu machen, ansonsten wird sich diesbezüglich wohl der Landesschulrat damit beschäftigen müssen.

Demokratie Schülerzeitung/Weizelsdorf Jänner 1979

[1Herbert Lackner: Schülerpresse und ihr politisches Bewußtsein, Dissertation, approbiert 1977 am Institut für Publizistik und Kommunikationsforschung, Universität Wien

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