Weg und Ziel, Heft 1/1997
März
1997

Vom Fortschritt in der Geschichte über den Wert zum Gut

Überlegungen zu den Aufsätzen von Gerhard Scheit

Gerhard Scheits Texte gehören zu den anregendsten, die uns gegenwärtig be­kannt sind. Egal ob es sich um musik- ­oder theaterwissenschaftliche Schriften [1] handelt, um geschichtsphilosophi­sche oder werttheoretische Abhandlungen. [2] Vor allem die Entwicklung einer elementaren Kritik des Gebrauchswerts scheint uns von immenser Bedeutung. G. Scheit wird seinem Namen also gerecht.

Wer weit geht, geht allerdings auch manchmal in die Irre. Die Aufgabe die­ses Beitrags besteht nun darin, das Scheitsche Schriftgut hinsichtlich der hier aufgeworfenen Fragestellungen zu sondieren und sich mit den vorgestell­ten Thesen und Einwendungen an un­sere Adresse auseinanderzusetzen. Die Wichtigkeit bedingt auch die unbeab­sichtigte Länge der Ausführungen.

Fortschritt und Geschichte

Sicher will der Fortschrittsbegriff verallgemeinern, er sagt nichts weniger aus, als daß Geschichte zwar kein Ziel, wohl aber Logik und Richtung kennt, kein wildes Durcheinander von Even­tualitäten ist. Ohne Verallgemeinerung der Geschichte — die nun frei nach Ad­orno stets zu konstruieren wie zu ver­neinen ist — haben Praxis und Perspek­tive keinen Sinn, müßten ersetzt wer­den durch die jeweils aktuelle Gelegenheitsvernunft, den Opportunismus. Genau das ist der Punkt, wo postmo­derne Überlegungen ansetzen. Der Fortschritt, das ist zweifelsfrei eine dieser heute verpönten großen Erzäh­lungen. Die Begründung einer soziali­stischen Möglichkeit kann nur zielfüh­rend sein, wenn Fortschritt nicht gene­rell geleugnet wird.

Natürlich hat Scheit recht, wenn er meint, daß wir einerseits den Fort­schrittsbegriff entleeren, um ihn ande­rerseits wieder aufzufüllen. [3] Darin er­kennen wir auch keine Tragik. Er ist eben vom pompösen aufklärerischen Beiwerk zu befreien, vor allem von der Vorstellung eines Automatismus, der der Möglichkeit stets die Notwendig­keit unterschiebt und die Verwirkli­chung als sicher erscheinen läßt. Dem ist nicht so. Aber auch nicht umge­kehrt.

Fortschritt, wie wir ihn verstehen, ist jedenfalls von seiner allzupositiven Alltagsassoziation zu befreien, es gilt ihn dialektisch zu fassen, nicht mecha­nisch. Marx selbst charakterisierte Fortschritt sowohl positiv als auch ne­gativ. Im Ersten Band des „Kapitals“ schreibt er etwa: „Und jeder Fortschritt der kapitalistischen Agrikultur ist nicht nur ein Fortschritt in der Kunst, den Boden zu berauben, jeder Fort­schritt in der Steigerung seiner Frucht­barkeit für eine gegebne Zeitfrist zu­gleich ein Fortschritt im Ruin der dau­ernden Quellen der Fruchtbarkeit.“ [4]

Dort wo wir schreiben: „Fortschritt sagt lediglich, daß die Menschheit nicht beharrend bei sich bleibt, sondern den Kreislauf der ersten Natur durchbre­chen konnte“, meint Scheit: „Die Beto­nung wäre allerdings auf die Vergan­genheitsform zu legen: Fortschritt war (Hervorhebung von F.S.) der Ausstieg des Menschen aus der Evolution: die Entstehung der Gesellschaftlichkeit (...).“ [5]

Nun wissen wir nicht, was hier ge­nau unter Betonung zu verstehen ist: jedenfalls legt der Satz nahe, daß es Fortschritt im Übergang zur zweiten Natur gegeben hat, dieser sich damit aber vorerst erledigt hätte. Wir hinge­gen setzen auf eine Permanenz des Fortschreitens und somit des Fort­schritts: das Heraustreten aus der er­sten Natur ist nicht nur an seinen er­sten Ermöglichungen zu messen, son­dern an seinen andauernden Verwirkli­chungen, wovon die fetischistische Form des Werts bisher wohl in ihrer universellen Penetranz die entwickelt­ste Stufe darstellt. Daß Scheits Überle­gungen — denken wir ihn zu Ende — zu der etwas wilden Konstruktion führen, Fortschritt nur noch an den Übergän­gen von der ersten zur zweiten und von der zweiten zur dritten Natur festzu­machen, sei ebenfalls angemerkt. Was aber war dazwischen und nachher? Fortschritt meint also nicht bloß die Entstehung, sondern auch die Ent­wicklung der Gesellschaftlichkeit.

Fortschritt und Wert

Weiters behauptet Scheit, daß unser (zweiter) Definitionsversuch lediglich das Wertgesetz paraphrasiere: „Was heißt eines vergleichbaren qualitativen Produkts“, frägt er, „wenn die Ver­gleichbarkeit nicht durch den Wert hergestellt wird? Die Trennung von Qualität des Produkts (Gebrauchswert) und Quantität der Arbeitszeit (Tausch­wert) ist bereits der Modus des Wertes.“ [6]

So ganz will uns das nicht einleuch­ten. Zwar stimmt es, daß diese Tren­nung einen Modus des Werts darstellt, aber es stimmt auch, daß diese Tren­nung erst in und mit der Ware konsti­tuiert wurde. Der Trennung ist also keine Identität von Gebrauchs- und Tauschwert vorausgegangen, sondern Zustände, die weder das eine noch das andere überhaupt kannten.

Die Frage, die sich nun stellt, ist, ob eine Vergleichbarkeit außerhalb der Kategorien des warenproduzierenden Systems überhaupt gewährleistet wer­den kann, ob es eine Qualität gibt, die nicht apriori durch das Mitdenken des Werts schon infiziert ist. Der Wert wäre sodann total oder absolut, alles ihm zu­gehörig oder zumindest analogisiert. So recht will auch das nicht in unseren Kopf. Aus der absolutistischen Ten­denz ist nicht seine unbedingte Ver­wirklichung zu folgern.

Der Wert ist außerdem ja nicht die geopferte Zeit, sondern die spezifische Zurichtung der Zeit für den Markt. Nicht Arbeitszeit an sich schafft Wert, sondern nur gesellschaftlich nützliche Arbeitszeit. Der Kapitalismus rechnet nicht in bloßen Zeiteinheiten (das wäre schon fast sozialistisch), sondern in wertgewichteten Zeiteinheiten. Prinzi­piell ist es natürlich sinnvoll, Trakto­ren und Schuhe, Kopierer und Misch­maschinen in kürzerer Tätigkeitsdauer, mit weniger Verschleiß an Muskel, Nerv und Hirn herzustellen. Bloß das kann überhaupt Freiraum und Freizeit für alle Menschen, nicht nur für bestimmte Privilegierte, hervorbringen. Es gilt zu Gegebenheiten vorzudringen, die eben nicht von Reproduktion und Produkti­on, kurzum vom Alltag diktiert wer­den.

Selbstverständlich ist der Fort­schrittsbegriff auch an den Wert ge­knüpft. Für die Vorgeschichte gilt: Die Herausbildung des Werts und die Ent­wicklung des Werts ist ein Fortschritt. Die Krise des Werts ist somit auch die Krise des Fortschritts. In einer Zeit, wo der Wert verfällt, das Wertgesetz im­mer weniger greift [7] — auch wenn es sich nach wie vor kolonialistisch aufführt und betreibt — die Wertkritik hingegen aufsteigt, muß auch der abendländisch­aufklärerische Fortschrittsbegriff in die Krise geraten. Was allerorten sinn­lich erfahrbar ist. Nichtsdestotrotz ist die Kritik von Wert und Fortschritt keine, die aus ihren unmittelbaren Ge­gebenheiten abgelöst werden kann.

Kapitalakkumulation und Fort­schritt waren jedoch niemals identisch, sehr wohl aber liefen sie eine ganze hi­storische Epoche (von den Anfängen des Kapitals bis zum Fordismus) syn­chron. Das heißt ohne Kapitalakkumu­lation kein Fortschritt, konkret: keine Demokratie, kein Rechts- und Sozial­staat. Damit sollen die repressiven Momente gar nicht verschwiegen werden. Die gehören ebenso dazu. Diese Synchronität ist heute gestört und erscheint nicht mehr herstellbar. Und darin liegt ja gerade die Besonderheit der aktuel­len Phase.

Es drängt sich also die Frage auf, ob die Koppelung von Fortschritt und Wert eine eherne ist, oder ob die gleich­zeitige Krise von beiden nicht eine Ab­koppelung andeutet, deren Chance be­griffen werden muß, das heißt, daß eben die Wertkritik nicht zu einer prin­zipiellen Fortschrittskritik führen muß, daß sich Fortschritt nicht nur vor dem Wert — und darauf hat Gerhard Scheit ja andernorts zurecht hingewiesen [8] — formulieren läßt, sondern auch nach, vor und neben dem Wert. Aus der Amalgamierung von Wert und Fortschritt ist nicht eine eherne Verwachsenheit zu schließen. Aus der Notwen­digkeit der Überwindung des Werts ist keine Liquidation des Fortschritts ab­zuleiten. Freilich muß so etwas wie der „wertlose“ Fortschritt erst erkannt und bewußt werden.

Zweifellos ist der Gedanke an den Fortschritt gleichzeitig mit der Eta­blierung von Ware und Wert aufgekom­men, was aber nicht heißt, daß er nur dieser Welt zugehörig sein muß. Ver­schiedene Kategorien haben verschie­dene historische Festigkeiten, man könnte reziprok auch von divergieren­der ontologischer Härte sprechen.

Begreifen wir die sogenannte zwei­te Natur, die Vorgeschichte, als eine be­stimmbare Entwicklungsepoche, dann sind Quasi-Ontologisierungen der sie zentral kennzeichnenden Momente nicht nur nicht ausgeschlossen, son­dern unbedingt erforderlich. Die Stoß­richtung gegen die Ontologisierung kann ja selbst keine ontologische sein, die sich kategorisch auf alles und jedes anwenden und ausweiten läßt, sondern sie war stets gerichtet gegen die bür­gerliche Ontologisierung der Herrschaft und ihrer Begrifflichkeiten in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Das Problem ist auch, daß man um den Fortschrittsbegriff nicht herum­kommt, er ist zu kritisieren, man kann sich seiner aber nicht entledigen. Ob die von uns vorgenommene Doppelung trägt, oder ob sie nicht vielleicht ein (un)geschickter Schwindel ist, sei vor­erst einmal dahingestellt. Wichtig ist es, sich dem Problem zu stellen, nicht aus der arbeiterbewegten Euphorie in einen pessimistischen Nihilismus zu verfallen.

Schiefe Metapher

„Begreift man den Fortschritt un­mittelbar als Kapitalakkumulation und Durchsetzung des Wertgesetzes — dann ist diese Notbremse die einzige Perspektive, die auf dem Planeten bleibt.“ [9] Scheits Kritik ist hier wider Willen bei der Affirmation der Kapital­herrschaft gelandet. Was er uns zu Un­recht unterstellt, Fortschritt und Kapi­talakkumulation identisch zu setzen, diesem Gedanken frönt er nun selbst.

Ein Problem scheint für uns nun darin zu liegen, daß die Scheitsche Wertkritik ohne Krisentheorie verläuft, sozusagen auf halben Weg stehenbleibt. Scheits Skeptizismus rührt wohl auch daher, weil die Krise der Verwertung in seinen Betrachtungen — soweit wir sie kennen — keine Rolle spielt. Letztlich bleibt nur eine Rückkehr zum Politizismus, so sehr Gerhard Scheit dem praktisch auch fernstehen mag. Die Alternative ist sodann auch eine volunta­ristische. Folgendes Bild entsteht in unserem Kopf: Kräftige Männer, ge­wappnet mit einer scharfen Ideologie­kritik greifen rettend ein. Scheit fällt hier selbst hinter die Kritik der politi­schen Ökonomie zurück, die wahre Schranke des Kapitals ist nicht mehr wie bei Marx das Kapital selbst, [10] sondern das sind die Bremser auf der Lok.

Die Notbremse erscheint uns des­halb als schiefe Metapher, weil — wird sie erfolgreich gezogen, wofür es so überhaupt keine Indizien gibt — wir nachher auch nirgendwo anders sind als vorher. Wenn schon, dann gilt es die Schienen zu sprengen, Örtlichkeit als Synonym für Möglichkeit abseits der vorgegebenen Strecke zu entfalten. Nicht Stillstand, sondern Überwin­dung, nicht Verengung, sondern Ausweitung wäre angesagt.

Benjamins und mit ihm Scheits Denken ist zutiefst pessimistisch, mehr als daß das Werkel gestoppt werden kann, will es nicht zulassen. Wer soll sie nun aber ziehen, diese Bremse? Vom Proletariat als emanzipatorischer Kraft und dem Klassenkampf als revolutio­närer Form hat Scheit sich ja zurecht verabschiedet. Wer soll das nun können wollen? Wie soll das über die Schiene gehen?

Umgekehrt, das Werkel wird sich von selbst stoppen, der gesellschaftli­che Stau verweist schon Richtung Mo­torschaden. Was aber nicht unbedingt anheimelnd sein muß. Das Sich-Selbst-Stoppen ist nicht als positives Ereignis zu sehen. Ohne bewußtgemachte (ge­trennt wie zusammengeschrieben, also in doppelter Deutung) Alternative ist das Allerschlimmste zu fürchten, näm­lich die fortschreitende Entzivilisierung der gesellschaftlichen Kommuni­kation, wie wir sie schon heute in zahl­reichen Weltgegenden ausmachen kön­nen. Wenn weder Kapitalismus noch Sozialismus möglich sind, ist der Weg in die sekundäre Barbarei vorgezeich­net.

Welche Wertkritik?

Ganz unsentimental: Der kapitali­stische Fortschritt ist der spezifische Fortschritt, der eben wegen seiner öko­nomischen, politischen und militäri­schen Potenz siegreich gewesen ist. Ob einmal etwas anderes möglich gewesen wäre, andere Dynamiken ihre histori­schen Chancen nicht nutzen konnten, mag erstens möglich gewesen sein, darf aber zweitens auch bezweifelt werden, drittens vor allem aber ist es, denken wir perspektivisch, müßig. Die Ent­wicklung der Menschheit ist nun mal so verlaufen. Falsch und richtig sind keine Kriterien zur Beurteilung der Geschichte.

Der Wert ist also nicht das gesell­schaftlich Böse, das zu Verneinende schlechthin, sondern das in seinem ge­sellschaftlichen Umfeld zu Dechiffrierende. Eine dialektische Kapi­talismus-Kritik ist kei­ne rein negatorische, so nach dem Motto: Die Entwicklung der Menschheit ist falsch verlaufen. Das klingt äußerst christlich­abendländisch, erinnert stark an den Sünden­fall. Unserer Einschät­zung nach war der Wert zur Herausbildung bür­gerlicher Verhältnisse (vom Rechtsstaat bis zur Demokratie, bis hin zu bürgerlichen Leit­bildern wie Freiheit, Gleichheit und Solida­rität) das treibende Ferment. Kurzum: Un­sere Möglichkeiten ver­danken wir der positi­ven Dialektik des Kapi­talismus. Die bürgerliche Sichtweise verallgemeinert hier bloß unzulässig, will von Hegel bis Fukuyama gleich das Ende und den Höhepunkt mensch­licher Entwicklung überhaupt erblicken.

Die zentrale Bedeutung der Wert­kritik rührt primär nicht daher, weil sie die fundamentalen Grundlagen des Kapitalverhältnisses angreift, eben nicht bloß die Folgen kapitalistischer Zustände beklagt und politisch aus­gleichen möchte, sondern weil diese Kritik heute erstmals verallgemeine­rungsfähig wird, ihren bloß esoterischen Charakter verliert und exoterische Potenz gewinnt. Diese gilt es allerdings erst zu exemplifizieren.

Die Frage nach der Universalisierung der Wertkritik stellt sich nicht auf der zeitlichen Achse, sehr wohl aber auf der räumlichen. Der aktuelle Vor­rang der Wertkritik ergibt sich nicht daraus, daß sich mit ihr beliebig rück­wärts argumentieren läßt, das wäre si­cher Unfug, ihre Relevanz rührt daher, daß — unabhängig davon, wie die vorkapitalistische Geschichte vieler Ge­sellschaften ausgesehen haben mag — der Kapitalismus sich universell durch­setzen konnte. Der Weltmarkt wurde hergestellt auf Grundlage seiner Prin­zipien, egal was vorher gewesen. Es ist der Wert, der die Welt in Atem hält. Doch er wird kurzatmiger.

Profit 1980: Das Haus soll abgerissen werden, um Parkplätze für einen Supermarkt zu schaffen

In der Marxschen Kritik der politi­schen Ökonomie ist die Wertkritik selbstverständlich angelegt, aber sie ist noch nicht entwickelt, bzw. ist — abge­sehen vom Ersten Abschnitt des Ersten Bandes des „Kapitals“ in der Kritik des Mehrwerts enthalten, muß aus je­ner gelöst werden. Die Kritik des Mehr­wertes ist nämlich auch durchaus als Affirmation des Wertes zu lesen — Robert Kurz hat darauf in seinen Untersuchungen zum „doppelten Marx“ stets hingewiesen — somit kann die Realisierungsform des Kapitalismus durch den Mehrwert von der spezifi­schen Substanz der Warenproduktion, dem Wert, getrennt werden. Die gesam­te bisherige marxistische Kritik blieb weitgehend in dieser Beschränkung be­fangen.

Gebrauchswert und Wert

Vorerst einmal gilt es festzuhalten, wo Gerhard Scheit eindeutig recht hat: Die Begriffe Tauschwert und Ge­brauchswert sind grundsätzlich als zwei verschiedene Arten von Abstrak­tionen intendiert, beim ersten wird vom konkreten Produzieren abstrahiert, beim zweiten vom konkreten Produkt. Beides sind Abstraktionen von Arbeit. Der Tauschwert respektive Wert ver­körpert das abstrakt Allgemeine der lebendigen Arbeit, der Gebrauchswert das abstrakt Allgemeine der toten Ar­beit. Der Gebrauchswert ist aus der Kritik nicht auszunehmen, wenngleich es sich bei dieser um keine Wertkritik im eigentlichen Sinne handelt, sondern um eine Warenkritik im Allgemeinen. Wogegen Scheit sich also zurecht aus­spricht, ist die Ontologisierung und Heiligsprechung des Gebrauchswerts.

„Das heißt die Tren­nung von Tausch- und Gebrauchswert ist ei­gentlich nicht durchzuhalten, [sie] ist nur eine vorübergehende Ar­beitsabstraktion — ebenso wie die Tren­nung von Produktiv­kraft und Produktions­verhältnissen. Man sollte darum die Ab­straktion des Ge­brauchswerts durchaus nur als eine Art Ar­beitshypothese betrachten — notwendig, um den Tauschwert in Ruhe studieren zu können, gewissermaßen unter den Bedingungen des Laboratoriums. Diese Arbeitshypothese hat sich indessen im Be­wußtsein vieler verfestigt zu einer on­tologischen Differenz, mit der das Di­lemma des Fortschrittsbegriffs ebenso zusammenhängt wie eine gewisse Blindheit für die Ökologie. Aus der Ab­straktion gewannen die Gebrauchswerte und die Produktivkräfte ihre Un­schuld und der Fortschrittsbegriff sei­ne Unangreifbarkeit.“ [11] „Gebrauchs­wert ist ebenso wie Wert ein Begriff, der auf die Warenform gemünzt ist — und nur in diesem Zusammenhang mit ihr einen Sinn ergibt. Die Fetischierung, die mit ihm betrieben werden kann, soweit er unabhängig vom Tauschwert verwendet wird, beginnt bereits in der ontologischen Scheidung von Quantität und Qualität.“ [12] Nur die Ware hat demnach Gebrauchswert und Tauschwert.

Insofern sind auch unsere Aussagen in den »Streifzügen« (Nr. 2/1996) zu relativieren. Zwar schreiben wir dort noch ganz richtig: „Die Ware wird ver­standen als die konkrete Einheit von Gebrauchswert und Tauschwert“, lei­ten diese Grundbestimmung aber dua­listisch aus: „Verschwindet der Tausch­wert (respektive der Wert), dann ver­liert das Produkt zwar seinen Warencharakter, bleibt aber stofflich aufrecht. Verschwindet hingegen der Gebrauchs­wert (z.B. durch Konsumtion, Verderb­nis, Diebstahl), dann geht mit ihm auch der Wert unter. Der Gebrauchswert ist eine Bedingung des Tauschwerts, der Tauschwert keine Bedingung des Gebrauchswerts.

Der Tauschwert ist an den Ge­brauchswert geknüpft, das Gut kann auch anders vorgestellt und hergestellt werden. Das heißt Tauschwert respek­tive Wert sind nicht natürlich aneinan­der gebunden, sondern nur unter be­sonderen historischen Bedingungen zur Ware verschmolzen. Als Ware ist die Ware ein gesellschaftliches Verhältnis, kein bloßer Gegenstand. Was aber auch weiter heißt: Das charakteristische Spezifikum der Ware ist der Wert, nicht der Gebrauchswert. Jener ist der Punkt, um den sich in der bürgerlichen Pro­duktion alles dreht. Der Gebrauchswert (oder besser noch: der Gebrauch) ist ein soziales Apriori der Menschwer­dung, Wert ein besonderes Verhältnis der Warenwirtschaft. Produkt und Ware sind nicht identisch, sondern le­diglich historisch analogisiert.“ [13]

Diese Passage ist unter den Ein­wänden Gerhard Scheits zurückzuneh­men und neu zu formulieren. In ihrer Schlichtheit kommt sie über die Stand­punkte, gegen die Scheit zurecht pole­misiert (Adorno, Haug, Pohrt) nicht hinaus, ja huldigt geradezu den unbe­fleckten Gebrauchswerten. Es geht also nicht an, den Gebrauchswert als Positivum gegenüber dem Tauschwert hin­zustellen, jener selbst ist eben auch keine ontologische Größe, somit eben nicht zu verwechseln mit dem Produkt schlechthin, sondern eine historische Bestimmung.

Marxens Gebrauchswert

Marxens diesbezügliche Ausfüh­rungen sind alles andere als eindeutig, so sicher und abgeschlossen und letzt­endlich verführerisch einfach sie manchmal wirken. [14] Marx selbst aber durchbricht des öfteren dieses krude ABC des Gebrauchswerts. In den Grundrissen schreibt er etwa: „Die Ware selbst erscheint als Einheit zwei­er Bestimmungen. Sie ist Gebrauchs­wert, d.h. Gegenstand der Befriedigung irgendeines Systems menschlicher Be­dürfnisse. Es ist dies ihre stoffliche Sei­te, die den disparatesten Produktionsepochen gemeinsam sein kann und de­ren Betrachtung daher jenseits der po­litischen Ökonomie liegt.“ So weit, so obligat. Doch gleich weiter heißt es: „Der Gebrauchswert fällt in ihren Be­reich, sobald er durch die modernen Produktionsverhältnisse modifiziert wird oder seinerseits modifizierend in sie eingreift. Was im allgemeinen an­standshalber darüber gesagt zu werden pflegt, beschränkt sich auf Gemein­plätze, die einen historischen Wert hat­ten in den ersten Anfängen der Wissen­schaft, als die gesellschaftlichen For­men der bürgerlichen produktion noch mühsam aus dem Stoff herausgeschält und mit großer Anstrengung als selb­ständige Gegenstände der Betrachtung fixiert wurden.“ [15]

Marx stand mehrmals davor, das profane Alltagssätzchen über den Ge­brauchswert zu sprengen, zog sich dann aber doch meist auf die traditionelle Position des Abendlandes zurück. Der Mut, die Phalanx von Aristoteles bis Ricardo endgültig zu verlassen, fehlte hier, wenngleich hervorgehoben wer­den muß, daß Marx seinen Schwer­punkt auf die Analyse des Werts, und noch mehr des Mehrwerts legte. Einsicht und Notwendigkeit, beim Ge­brauchswert Akzente zu setzen, waren aber auch objektiv unterdeterminiert, das heißt, sie standen in der prakti­schen Kritik einfach (noch) nicht auf der Tagesordnung.

Eine Marxsche Theorie der Ge­brauchswerte liegt nicht vor. Nicht ein­mal eine implizite. In seiner letzten ökonomischen Schrift schreibt er, daß „der Gebrauchswert — als Gebrauchs­wert der Ware selbst einen historisch­spezifischen Charakter“ [16] besitzt. Über den Nationalökonomen Adolph Wag­ner meint er darin: „Nur ein vir obscurus, der kein Wort des ,Kapitals‘ verstanden hat, kann schließen: Weil Marx in einer Note zur ersten Ausgabe des ,Kapitals‘ allen deutschen Professoral­kohl über ,Gebrauchswert‘ im allge­meinen verwirft und Leser, die etwas über wirkliche Gebrauchswerte wissen wollen, auf ,Anleitungen zur Warenkunde‘ verweist, — daher spielt der Ge­brauchswert bei ihm keine Rolle. Er spielt natürlich nicht die Rolle seines Gegenteils, des ,Wertes‘, der nichts mit ihm gemein hat, als daß ,Wert‘ im Na­men ,Gebrauchswert‘ vorkommt.“ [17]

Fassen wir zusammen, versuchen wir eine Stringenz dieser nur hinge­worfenen Gedanken zu rekonstruieren: Erstens wird klar ersichtlich, daß Ge­brauchswert und Tauschwert nicht (wie bei Smith und Ricardo) als die zwei Bestimmungen des Werts gelten, sondern als die zwei Bestimmungen der am Markt realisierbaren Ware. Zweitens zeigt sich deutlich, daß Marx, wo er gezwungen war, seinen Stand­punkt zu präzisieren, über die einfache Division hinausdachte, der Gebrauchs­wert nicht mehr als Daseinsbedingung der zweiten Natur auftritt, sondern ganz plötzlich eine „historisch-spezifi­sche“ Einordnung vorgenommen wird. Die inhaltliche oder dialektische Me­thode verlangte nach einer Differenzie­rung der Ware in ihre Aspekte, um überhaupt die Verwertung des Werts darstellen zu können, ebenso aber auch die Wiederverschmelzung der beiden in der konkreten Ware. Während erster Aufgabe breiter Raum gewidmet wur­de, blieb letztgenannte in den Skizzen stecken.

Der Gebrauchswert ist ohne Wert nicht zu denken. Will eine umfassende Kritik der Ware geleistet werden, dann kann sie die stoffliche Dimensionie­rung des Gebrauchswerts nicht bloß auf den Tauschwert überwälzen, son­dern muß die Ware in ihrer Totalität in Frage stellen. Der Tauschwert ist dem Gebrauchswert nicht äußerlich. In der Ware sind sie untrennbar eins, erst de­ren Analyse muß sie teilen, um eben die Ware inhaltlich zu durchdringen. Marx ausnahmsweise einmal ganz deutlich in diesem Sinne: „Wir haben vorher ge­sehen, daß nicht gesagt werden kann, daß sich der Tauschwert in der einfa­chen Zirkulation realisiert. Es ge­schieht dies aber deswegen, weil ihm der Gebrauchswert nicht als solcher gegenübertritt, als ein durch ihn selbst als Gebrauchswert bestimmter; wäh­rend umgekehrt der Gebrauchswert als solcher nicht im Verhältnis steht zum Tauschwert, sondern nur dadurch be­stimmter Tauschwert wird, daß die Ge­meinsamkeit der Gebrauchswerte — Ar­beitszeit zu sein — als äußrer Maßstab an sie angelegt wird. Ihre Einheit fällt noch unmittelbar auseinander und ihr Unterschied noch unmittelbar in eins. Daß der Gebrauchswert als solcher wird durch den Tauschwert und daß der Tauschwert sich selbst vermittelt durch den Gebrauchswert, muß nun gesetzt sein.“ [18]

Die Gemeinsamkeit der Gebrauchs­werte liegt im Tauschwert. An sich gibt es weder den einen noch den anderen. Um ein Produkt in-Wert-zu-setzen muß es Gebrauchswert haben (oder zumin­dest unterstellen). Denn: Gebrauchs­werte werden getauscht, nicht Tausch­werte. Damit sich jene durch diese ver­wirklichen, müssen sie nicht nur kon­sumiert, sondern auch zirkuliert wer­den, das heißt dem Kauf und Verkauf zugänglich sein.

Wenn die Produktion hingegen kon­krete allgemeine Tätigkeit darstellte (eben nicht abstrakte allgemeine Ar­beit für den Markt), dann hätte sie we­der Tauschwert noch Gebrauchswert. Sie wäre einfach für uns da, gestaltete sich in fetischfreier Form — so die un­vorstellbare Normalität. Mit der Über­windung des Werts fällt auch der Gebrauchswert. Sozialismus ist also nicht das Reich der Gebrauchswerte, son­dern das Reich vergesellschafteter Pro­duktion, Distribution und Konsumtion. Mehl steht als Mehl im Gebrauch, nicht mehr als Gebrauchswert.

Vielleicht wäre hier auch nützlich, die alten Synonyme Gebrauchswert und Gut zu scheiden, als Gut nur noch gelten zu lassen, was konkret gut tut und verallgemeinerungsfähige Potenz aufweist. Gut könnte verstanden wer­den als spezifische Einheit von Quali­tät und Quantität im entsprechenden Maß. Worin sich möglicherweise schon deren Aufhebung andeutet.

Krise und Praxis

Vor allem die ökologische Krise verdeutlicht auf empirischer Ebene die Trennung von Gebrauchswert und Gut: An Atomkraftwerken, Sondermüll und genmanipulierten Lebensmitteln ist die klassische Gleichsetzung auch sinnlich obsolet geworden. Vergessen wir nicht: Stofflich gefährlich an den Produkten ist der Gebrauchswert, nicht der Tauschwert, auch wenn jener unfrag­lich in dieser Produktionsweise diese Produkte dimensioniert. Schaffte die Arbeiterbewegung nicht die Verknüp­fung der beiden, kam sie über eine Kri­tik des Mehrwerts nicht hinaus, so ist die Ökologiebewegung nie essentiell von einer Kritik der Produkte zu einer der Produktionsverhältnisse vorangeschrittten.

Die Wertkritik ist jene Kritik, die beide synthetisch in sich aufhebt, ohne ihre Beschränkungen zu teilen. Die Kritik des Kapitalismus, ja weiter die Kritik der Warenproduktion ist im Kern eine Kritik der Ware, somit eine Kritik, die Gebrauchswert und Tausch­wert miteinschließt, ohne eine Seite zu verabsolutieren.

Im Gegensatz zu Marxens Behaup­tung — und auch da ist Scheit auf der richtigen Fährte — schmeckt man dem Weizen an, woher er kommt, verrät die Karotte die Aufzucht, riecht man das Schwein im Schweinsbraten etc. Die gesamte Biowelle und Bioproduktion, so obskur sie uns manchmal erscheint, so verlogen sie oft auftritt, verdeutlicht die Krise des Gebrauchswerts, die Ten­denz, daß die Menschen die Produkte nicht einfach hinnehmen wollen, wie Fabriken und Agro-Industrien sie ausspeien. Was industriell logisch und bil­lig ist, ist den Menschen nicht immer recht. Was ein konstruktiver Wider­spruch ist.

Natürlich zwängt sich das neue Be­dürfnis, wie jedes andere, in die Geset­ze von Markt und Geld, kommt von ihnen nicht los. Aber es steht mehr an, als dieses Bedürfnis und seine Umset­zung als bloß neue Verwertungsmög­lichkeit zu diskreditieren. Die Grenzen werden sich dann zeigen, wenn diese qualitativen Produkte zwar hergestellt, aber immer weniger bezahlt werden können, da das Kaufpublikum regional und sektoral auch in den reichen Staa­ten des Nordens kleiner wird.

Die Formen der praktischen Aus­einandersetzung müssen sich daher verschieben. Der Gordische Knoten des Werts wird dann (zumindest im Kopf) gelöst, wenn die Menschen nicht mehr für mehr Geld und mehr Arbeit eintre­ten, sondern für mehr materielle und ideelle Möglichkeiten, kurzum für mehr Leben demonstrieren, wenn der kapi­talistische Überlebenskampf sich wirk­lich in einen kommunistischen Lebenskampf transzendiert. Wenn sie nicht mehr für den Fetisch mobilisieren, sondern gegen ihn, dann ist der Limes des bürgerlichen Denkens überwunden. Die vom englischen Schatzkanzler und späteren Premier William Gladstone in seiner Budgetrede 1864 aufgestellte, und heute noch immer gültige Behaup­tung: „Das menschliche Leben ist in neun Fällen von zehn ein bloßer Kampf um die Existenz“, [19] muß endlich und endgültig der Vergangenheit angehö­ren.

[1Zum Beispiel Gerhard Scheit, Dra­maturgie der Geschlechter. Über die gemeinsame Geschichte von Drama und Oper, Frankfurt am Main 1995; Walter Pass/Gerhard Scheit/Wilhelm Svoboda, Orpheus im Exil. Die Ver­treibung der österreichischen Musik von 1938 bis 1945, Wien 1995; Ger­hard Scheit, Hanswurst und der Staat. Eine kleine Geschichte der Komik: Von Mozart bis Thomas Bernhard, Wien 1995.

[2Gerhard Scheit, Notbremse (I). Zur Aktualität einer Metapher Walter Benjamins. Von Benjamin zu Marx, »FORVM«, Nr. 452-454, 2. Juli 1991; Notbremse (II). Die Vertreibung aus dem Paradies der Produktivkräfte. Von Karl Marx zu Günther Anders, »FORVM«, Nummer 458/459, 18. März 1992; Notbremse (III). Theorie der Gebrauchswerte, »Sinn und Form«, 45. Jg. (1993), Nr. 2.

[3Gerhard Scheit, Fortschritt und Not­bremse, »Weg und Ziel«, Nr. 5/1996, S. 6.

[4Karl Marx, Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Erster Band (1867), MEW, Bd. 23, S. 529.

[5Ebenda, S. 7.

[6Gerhard Scheit, Fortschritt und Not­bremse, S. 6.

[7Vgl. dazu Franz Schandl/Gerhard Schattauer, Die Grünen in Öster­reich. Entwicklung und Konsolidierung einer politischen Kraft, Wien 1996, S. 37-54.

[8Gerhard Scheit, Notbremse (III)., S. 333.

[9Gerhard Scheit, Fortschritt und Not­bremse, S. 7.

[10Vgl. Karl Marx, Das Kapital, Dritter Band (1894), MEW, Bd. 25, S. 260.

[11Gerhard Scheit, Der Fetisch des Ge­brauchswerts. Eine Anmerkung zu einem vergessenen Begriff, »Streifzü­ge« 2/1996, S. 5. Apropos Unschuld: Auch wenn die Produktivkräfte ihre Unschuld verlieren, haben sie damit nicht — wie vorherrschend in der Ökologiebewegung vertreten — Schuld gewonnen. Schuld und Un­schuld sind religiöse Assoziationen, die später in die bürgerliche Rechtsbegrifflichkeit Eingang gefunden ha­ben. In unserer Debatte wären sie aber irreführend.

[12Ebenda, S. 6.

[13Franz Schandl, Der Wert. Smith, Ricardo, Marx. Überarbeitetes Refe­rat im Kritischen Kreis, »Streifzüge« 2/1996, S. 2.

[14Vgl. dazu etwa: Karl Marx, Das Ka­pital, Erster Band, S. 50, 57, 75-76.

[15Karl Marx, Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (1857/58), MEW, Bd. 42, S. 767.

[16Karl Marx, [Randglossen zu Adolph Wagners „Lehrbuch der politischen Ökonomie] (1879/1880), MEW, Bd. 19, S. 370.

[17Ebenda, S. 369.

[18Karl Marx, Grundrisse zur Kritik der politischen Ökonomie, S. 195-196.

[19Gladstone, zit. nach: Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, S. 681.

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