FORVM, No. 284/285
August
1977

Weimar in Italien

Arbeitslose als Voraussetzung des neuen Faschismus
Straßenschlacht in Rom, 21. April 1977:
Studentenprotest gegen Universitätsreform. Ein toter Polizist wird abgeschleppt

„Heil Hitler“ in Rom

In Italien geht’s drunter und drüber.

Drunter siedet die Hölle aus Ultralinks und Ultrarechts.

Drüber finden die Machteliten zu keinem regierungsfähigen Kompromiß, nicht nur nicht zum „historischen“ Berlinguers, sondern zu überhaupt keinem.

In der Mitte, wo parlamentarische Demokratien regiert werden, ist nichts.

„Italien in der Stunde von Weimar“ war Schlagzeile in der politischen (liberalkonservativen) Illustrierten L’Europeo. Der Artikel schloß mit zwei deutschen Worten: „Heil Hitler!“ [1]

Knapp vor seiner Ermordung sagte Seismograph Pasolini: „Ich glaube, daß Italien heute etwas ähnliches erlebt wie Deutschland beim Aufstieg des Nationalsozialismus.“

Italien lebt nicht in einer präfaschistischen Periode, sondern in einer pränazistischen.

Die Ähnlichkeiten mit der eigenen Geschichte vor Mussolinis Marsch auf Rom sind fast Null, die Ähnlichkeiten mit der deutschen Geschichte vor Hitlers Machtergreifung sind deutlich — wenngleich die Italiener sie jetzt erst entdecken.

Italien war 1921/22 überwiegend noch ein Agrarland, die Weimarer Republik 1929-1933 bereits weitgehend industrialisiert — wie Italien heute. Die Leute, mit denen Mussolini auf Rom marschierte, waren „reduci“, Heimkehrer aus dem Krieg mit agrarischem Hintergrund, geführt von reaktionären Grundbesitzern. Hitlers Sturmtruppen waren massenhaft junge Arbeitslose, Verzweiflungsprodukt der großen industriellen Krise — wie heute die jungen Ultralinken, die jungen Ultrarechten in Italien.

Arbeitslose auf den Unis versteckt

Es gibt heute eine Million junge Arbeitslose in Italien. Dazu kommen 1,2 Millionen erwachsene Arbeitslose, nach offizieller Zählung, dazu geschätzte drei Millionen „lavoro nero“, „Schwarzarbeiter“, die in den Registern der Sozialversicherung nicht aufscheinen, Gelegenheitsarbeiter ohne ständigen Arbeitsplatz, derzeit faktisch arbeitslos. Das macht, bei 55 Millionen Einwohnern, rund zehn Prozent Arbeitslose; in der Weimarer Republik, mit 8,75 Millionen Arbeitslosen auf dem Höhepunkt der Wirtschaftskrise, bei 62 Millionen Einwohnern, waren es rund 14 Prozent. Die Ziffern sind also durchaus vergleichbar. [3]

Die neue italienische „Studentenbewegung“, der Teufel, den unsere Massenmedien in heller Begeisterung auf ihre Titelseiten malen, ist in Wahrheit eine Arbeitslosenbewegung. Binnen weniger als einem Dezennium (1969-1977) schnellte die Zahl der Studenten an italienischen Universitäten von 500.000 auf 900.000; Rom hat 140.000 Studenten; Bologna 60.000 bei 480.000 Einwohnern (ein Achtel!). Die Bewegung des Jahres 1968 hatte den Effekt, daß fast alle Barrieren für die Immatrikulation beseitigt wurden. [4]

Eine sehr große Zahl junger Arbeitsloser fand an den Universitäten einen „Aufbewahrungsort“ — was auch der Grund war, warum die bürgerlich-kapitalistischen Klassen der studentischen Reformforderung des (fast) freien Eintritts zustimmten. Soweit die Bevölkerung der italienischen Universitäten nicht ohnehin aus jungen Leuten besteht, die schon arbeitslos waren, als sie dort hinkamen, besteht sie aus Leuten, die arbeitslos sein werden, wenn sie diesen „Aufbewahrungsort“ verlassen.

Die italienischen Hochschulen bestehen somit fast zur Gänze aus Arbeitslosen.

Ohne Aussicht auf Arbeit in der gegenwärtigen Krise — es gibt „draußen“ schon 600.000 arbeitslose Jungakademiker — will die junge industrielle Reservearmee ihren „Aufbewahrungsort“ nicht verlassen; sie verlangt und kriegt Besoldung: von Stipendium zwecks Studium, „borsa di studio“, ist längst nicht mehr die Rede, die Zahlung heißt schon „presalario“, „Vor-Gehalt“. [5] Gefordert wird das höchstmögliche Gehalt bei geringstmöglichem Studienaufwand; bei Besuch der humanistischen Institute besteht keine Frequenzpflicht und das für „presalario“ erforderliche Minimum von 27 Punkten (von 100 erreichbaren) soll bei Prüfungen erreicht werden durch bloßes Gespräch mit dem Professor, wobei der Gegenstand auch sein kann, warum der Student sich nicht in der Lage sieht zu studieren („nuovo modo di fare gli esami“). [7]

„Sexuelle Freiheit für PC!“

Die bürgerlich-kapitalistischen Klassen Italiens, die sich zunächst recht schlau vorkamen, möglichst viele junge Arbeitslose auf den Universitäten zu verstecken um den Billigpreis des „presalario“, sind nun konfrontiert mit der Bitternis, daß sie die Truppen, die täglich gegen sie aufmarschieren, auch noch selber finanzieren.

Auf den zweiten Blick zeigen sich natürlich die Unterschiede zwischen der heutigen italienischen und der Weimarer Republik in ihrer pränazistischen Agonie. Die jungen Arbeitslosen Italiens stehen überwiegend ultralinks, nicht ultrarechts. Die studentischen Arbeitslosen haben einen intellektuellen, ironischen Anstrich. Die „Indiani metropolitani“, die Stadtindianer, bemalen sich die Gesichter und skandieren:

  • „Schulen für alle sind ungerecht, wir wollen den Numerus clausus“;
    „Tanassi (sozialdemokratischer Lockheed-Korruptionist) ist unschuldig, wir sind die Täter“;
    „Lama (KP-Gewerkschaftspräsident) Christus Superstar, wir opfern dir alles auf immerdar“;
  • „Alle Macht den Unternehmern“;
  • „Sexuelle Freiheit. für KP-Funktionäre“. [8]

Solche Sachen hat die SA bestimmt nicht gerufen. Und ein neuer Hitler als Führer einer Sturmtruppe junger Arbeits loser ist überhaupt nicht in Sicht.

Während in der Weimarer Zeit die Arbeitslosen von links nach rechts drifteten, ist in Italien heute die Bewegung gegenläufig. „Wohin sind die jungen Faschisten verschwunden?“ fragt L’Europeo und antwortet: Die Protestmotive der jungen Ultrarechten 1971/74 finden sich wieder bei der jungen Ultralinken 1977; das junge arbeitslose Subproletariat aus den Vorstädten („borgate“), das damals im Gefolge der bürgerlichen Jungfaschisten war, findet sich heute im Gefolge der Ultralinken. „Damals schossen sie von rechts, heute schießen sie von links, aber es sind dieselben.“ [9]

Damit aber ist der Vergleich zur Weimarer Republik schon wieder da. Bei den liebenswürdigen Sprücherln der „städtischen Indianer“ ist es ja nicht geblieben, bei den Unruhen am „schwärzen Samstag“ in Mailand, 26. März 1977, waren unter 50.000 ultralinken Demonstranten 200 mit Pistolen, Gewehren und Maschinenpistolen bewaffnete, ähnliche Ziffern schätzt man für Bologna, Rom usw. Es wurde geschossen, Molotow-Cocktails wurden geworfen, Auslagenscheiben zertrümmert, Geschäfte geplündert, Autos, die heiligen Kühe der Bürger, in Brand gesteckt. Polizei erscheint in Bürgerkriegsausrüstung, mit Panzerwagen und allem drum und dran, inklusive der im Kampf zwischen gewalttätigen Anarchisten und gewalttätigen Polizisten seit hundert Jahren üblichen Agents provocateurs:

Polizei schießt auf Polizei

Auf der Piazza Independenza (Rom), Anfang Februar, tauchten etwa zehn Personen auf, mit langen Haaren, Jeans, T-Shirts, Lodenjankern und roten Halstüchern. Sie schossen wild herum, einmal auf den Demonstrationszug, dann wieder auf die Polizei. Einer von ihnen wurde am Fuß verwundet ... einige Polizisten kamen gelaufen und riefen: ‚Festnehmen, er hat geschossen‘, da schrie ein Unteroffizier: ‚Laßt ihn los, das ist einer von den unseren!‘ [10]

Italien 1977 taumelt in eine Spirale der Gewalt, durchaus vergleichbar jener der letzten Jahre vor Hitler. Durchaus vergleichbar mit den Zeiten der Weimarer Republik ist auch die andere Seite der Medaille: mit der Gewalt von Ultralinks/Ultrarechts verbindet und verbündet sich die Handlungsunfähigkeit einer faktischen Mitte-links-Regierung (SP plus bürgerliche Parteien in der Weimarer Zeit; KP, SP, bürgerliche Parteien in Italien), damit die Auflösung der parlamentarischen Demokratie, ja der Republik schlechthin, die doch seit Kriegsende ganz schön lang dauerte (15 Jahre Weimar, 33 Jahre in Italien).

Auf den zweiten Blick beginnen hier schon wieder die Unterschiede, ohne daß die Ähnlichkeiten aufhören. Der fatale Schock einer schweren ökonomischen Krise trifft die italienische Republik nach mehr als doppelt so langer Lebenszeit, verglichen mit Weimar; und nach einer Lebenszeit, die eine lange Periode des „Wirtschaftswunders“, Rekonstruktion nach dem Krieg, Industrialisierung, Modernisierung, Aufbau eines Sozialstaats in sich schloß — zwar hatte auch die Weimarer Republik ihr „Wirtschaftswunder“, doch es war viel kurziebiger (nach Bewältigung der Inflation 1923/24 bis zu Beginn der Krise 1929).

Die mehr als doppelte Lebensdauer der italienischen Republik, verglichen mit der Weimarer, hat neben dem ökonomischen auch einen politischen Grund. Hinter der Weimarer Republik standen nur die Sozialdemokraten und relativ schwache bürgerliche Kräfte (Zentrum); die großen Parteien zur Linken wie zur Rechten, KPD wie NSDAP, standen außerhalb, in mörderischer Feindschaft zur parlamentarischen Demokratie. Das ist in Italien total anders; der Bogen der verfassungstreuen Parteien („arco costituzionale“) umfaßt alle Parteien einschließlich KPI, ausschließlich der neofaschistischen Minipartei (MSI) — und dies im ungebrochenen Zurückreichen bis zur Staatsgründung 1944/45; die Kommunisten waren entscheidende Autoren des Verfassungstextes. Schon damals spielte die KPI die staatstragende Rolle einer echten Sozialdemokratie.

Bruderkrieg:
Linksextrame Studenten stürmen auf KP-Gewerkschafter ein (Universität Rom, 17. Februar 1977)

Spaltung der Linken bringt Faschismus

Für die von Berlinguer angestrebte Regierung der nationalen Konzentration — sprich: Etablierung der parlamentarischen Demokratie in ihrer authentischen modernen Fassung als gemeinsamer Ausschuß aus Sozialdemokratie und Kapital — gibt es also viel bessere ökonomische wie politische Voraussetzungen in der langjährigen Vergangenheit dieser Republik, verglichen mit Weimar.

Aber reicht das?

Geht man vom Axiom aus: die deutsche Demokratie hätte überlebt, wenn a) die Linke einig, b) die bürgerlich-kapitalistischen Klassen kooperationswillig gewesen wären — So ist die Ähnlichkeit zwischen Weimar und Italien mit fataler Plötzlichkeit wieder da. Weder a) noch b) ist in Italien derzeit gegeben.

  1. Zwar ist die parlamentarische Linke ausreichend einig; KP, SP und die kleine „Sozialdemokratische Partei“ wollen sich miteinander und mit den bürgerlichen Parteien alliieren in einer Konzentrationsregierung — aber draußen wütet eine „autonome“ Linke, zwar in tausend Gruppen und Grüppchen, insgesamt aber ein gewaltiges, unberechenbares Störpotential, vielleicht ein größeres als aufständische USPD, Spartakus/KPD in den frühen Weimarer Tagen. In Wahrheit ist auch in Italien die Linke gespalten, eine Grundvoraussetzung für Faschismus damit gegeben.
  2. Zwar ist die Kooperationsbereitschaft der bürgerlich-kapitalistischen Klassen keineswegs bei Null. Seit den Tagen des gemeinsamen Beschlusses der Verfassung, über 33 Jahre hinweg, bilden bürgerliche und linke Parteien ein solides antifaschistisches Amalgam — das ist ganz anders als in der Weimarer Republik. Dieses antifaschistische Amalgam ist auch transformierbar in ein Amalgam gegen Ultralinks. Unter dem Titel „So etwas hat man noch niemals gesehen ...“ berichtete Robert Sole aus der KP-Hochburg Bologna:

    Nach den Unruhen (der Ultralinken) war Bologna eine besetzte Stadt ... gepanzerte Jeeps der Carabinieri patrouillieren, überall Polizisten mit dem Gewehr im Anschlag. Am Nachmittag ist Bologna befreit — von den Ultralinken, von der Polizei, von der Angst. 200.000 Menschen, die größte Demonstration, die es jemals gab in der Stadt, bringen die demokratischen Parteien, die Gewerkschaften, die Kameradschaftsverbände der antifaschistischen Partisanen auf die Beine. Man sieht keinen einzigen Polizisten ... Auf den Transparenten: ‚Nein zur Gewalt‘, ‚Nein zum Faschismus‘, ‚Die Provokation wird nicht siegen‘ ... Christdemokratische Aktivisten tragen weiße Fahnen mit dem Kreuz. Aber alles das ertrinkt in einem Meer von roten Fahnen, die Arbeiter kommen in dichten, breiten Reihen, ein Generalstreik von einigen Stunden wurde proklamiert ... An der Spitze marschieren Abgeordnete aller Parteien mit Schärpen in den Farben der italienischen Trikolore. Der kommunistische Bürgermeister, Renato Zangheri, bekommt eine ungeheure Ovation ... [11]

Das sieht schon sehr aus nach dem, was der Weimarer Republik fehlte zu ihrer Rettung. Aber diese großartige antifaschistische, antianarchistische Solidarität von Hunderttausenden Demonstranten und Streikenden muß operational werden auf Regierungsebene, durch eben jene Konstituierung des gemeinsamen Ausschusses von Arbeiterbewegung und Kapital, welcher die moderne parlamentarische Demokratie überhaupt erst begründet. Und der in Italien nicht und nicht zustandekommt.

Was auch damit zu tun hat, daß in Italien — ganz anders als in Weimar — eine sehr starke bürgerliche Partei da ist, zwar stark angeschlagen, aber mit letztlich ungebrochenem Machtbewußtsein.

Der Kapitalismus denkt ja gar nicht daran abzudanken. In seiner Form als „moderne Industriegesellschaft“ kann er nur auf zweierlei Weise am Leben bleiben: durch Zusammenarbeit mit der Arbeiterbewegung (Sozialdemokratie diesseits der Alpen, KP-SP jenseits der Alpen) oder durch Sturz in die Arme des Faschismus; dazwischen ist nichts. In Italien ist diese Allianz Arbeiterbewegung-Kapital immer noch ausständig, folglich eine Grundvoraussetzung für Faschismus immer noch da.

Muß Italien durchs Fegefeuer?

Ein moderner europäischer Industriestaat ist erst mit der fatalen-Zusammenarbeit von Arbeiterbewegung (Sozialdemokratie, Euro-KP) und Kapital konstituiert. Es ist aber nicht gesagt, daß diese Zusammenarbeit — Berlinguers „Historischer Kompromiß“, ob er ihn nun weiterhin so nennt oder nicht — auf Anhieb zustandekommt, schon beim ersten Versuch, wie ihn die KPI derzeit unternimmt.

Die historische Erfahrung spricht eher gegen ein Gelingen schon beim erstenmal. Der erste Übergang der Arbeiterbewegung aus der Isolation des eigenen „Lagers“ zur „Integration“ mit dem demokratisch-kapitalistischen Staat löst im Regelfall so starke Abwehr innerhalb der Arbeiterbewegung aus, Wegbrechen eines ultralinken Flügels, der so viel Schwächung verursacht, daß der Faschismus beide verschlingt: die kooperationswillige Mehrheit und die weggebrochene Minderheit. Bis beim zweiten Mal, nach furchtbarem, blutigem Zwischenspiel, die Sache gelingt ...

Das ist die deutsche, das ist die österreichische Erfahrung. Italien hat gewisse Voraussetzungen, daß sie ihm erspart bleibt. Wer gegen den Faschismus ist, muß Berlinguer Glück und Segen wünschen.

„Das hilft vielleicht dem System“

Gespräche mit Jungfaschisten [*]

Paolo, 26, hat gerade sein Universitätsdiplom gemacht, ist politisch nicht mehr aktiv. „In Mailand haben wir uns aufgelöst, isoliert von der Presse, von der Stadt, von unseren Familien, verfolgt von der Polizei, denunziert von jenem selben MSI, das selber dazu beigetragen hatte, uns zu bestärken und uns eine gemeinsame Ideologie zu geben. Der 12. April 1973, der Zwischenfall, bei dem der Polizeiagent Marino getötet wurde, gab auch uns den Todesstoß. Warum sind wir gestorben? Jene falsche Allianz zwischen allen Parteien, von der DC bis zur PCI, klebte uns die falsche Etikette auf, wir seien eine gefährliche Wiederbelebung des alten Faschismus. Das ist verkehrt. Der alte Faschismus ist tot und begraben, niemand von uns kannte ihn, niemand von uns weint ihm eine Träne nach. In Wahrheit waren wir Rebellen gegen unsere bürgerlichen Väter, gegen ihre Gesellschaft, beherrscht vom Geld um des Geldes willen, gegen ihre faulen Kompromisse, immer im Namen des Geldes, erst mit der gewerkschaftlichen Linken, dann mit der politischen Linken, gegen die unsinnige Vermassung in der Konsumgesellschaft. Wir sind festgenommen und verurteilt worden als alte Faschisten, und es war nicht wahr, einige von uns sind daraufhin zum noch radikaleren Extremismus übergegangen, nämlich zum nationalsozialistischen, der aber auch an Boden verloren hat. Aber die Motive für unsere Rebellion bestehen nach wie vor. Bei aller Distanz erkenne ich einige davon in den heutigen Slogans der Burschen von der autonomen Linken.“

Mario, 27, war einige Zeit bei den ersten Pistolenschützen der siebziger Jahre. „Es mag wie eine Beichte klingen, was ich da sage, und vielleicht ist es eine. Wenn sich die Presse und die Behörden damals die Mühe genommen hätten, uns mit weniger scheelen Augen anzusehen — vielleicht würde sich Italien heute nicht so rasch auflösen vor der Drohung des bewaffneten Guerillakampfes. Angewidert vom MSI, der immer nur bellte und nie biß, gelangten wir schon 1971/72 zur Theorie des bewaffneten Kampfes gegen den Staat. Als Söhne der Bourgeoisie kannten wir alle Übel dieser Bourgeoisie, ihre Korruption, ihre Unfähigkeit, die Zukunft zu bewältigen. Als Söhne der Bourgeoisie waren wir aber auch unfähig, einen wirklichen bewaffneten Kampf gegen sie zu führen. Im Augenblick, da wir bewaffnet auf die Straße gingen, packte uns schon der Schrecken. Der größte Teil von uns hat sich verdrückt, aber eine Minderheit kannte schon damals den Schlüssel für die Schwächung der Institutionen: Dieser Schlüssel liegt in den Vorstädten. Einige von uns nahmen junge Subproletarier in ihren Sold, die für ein paar Lire zu allem bereit und stolz wären, für den Augenblick einer Welt anzugehören, die für sie verschlossen war. Das subversive Potential der städtischen Peripherie war uns schon damals klar, als alle diese jungen Subproletarier noch als isolierte Figuren ansahen. Heute sind sie in Scharen auf der Straße. Damals schossen sie von rechts, jetzt schießen sie von links, aber es sind dieselben. Wir hingegen sind zu unseren Familien zurückgekehrt, haben einen bürgerlichen Beruf, wo wir jenes Geld verdienen, mit denen auch unsere Väter nie gespart haben.“

Aurelino, 25, ist noch politisch aktiv. „Aus den Vorstädten kommen sie zu uns immer seltener. Sie fühlen sich nicht sicher, die Polizei identifiziert sie sofort, und in unserem feinen Wohnviertel fühlen sie sich wie ausgestoßen. Jetzt gehen sie zur autonomen Linken. Dort fühlen sie sich geschützt. Wenn sie sich während einer Demonstration austoben und dann wieder einreihen, kann sie niemand herausfinden. Die Studenten zeigen sie bestimmt nicht an, in gewisser Weise solidarisieren sie sich mit ihnen. Wann haben wir je einen Zug von 50.000 Personen gehabt, der uns geschützt hätte? Außerdem glaube ich, daß die Polizei gar nicht alles dransetzt, um jene Leute auszuschalten, die mit der Pistole herumlaufen. Seinerzeit war es mit uns dasselbe wie jetzt mit ihnen; sie lassen uns herumschießen, denn das hilft vielleicht dem System. Heute erfüllen die Ultralinken diesen Zweck.“

Piera, 26, studiert jetzt, nach Jahren neofaschistischer Aktivität; sie ist ungewiß, ob sie nicht wieder am Jugendprotest teilnehmen wird. „Jahrelang hat man mich eine Faschistin genannt und auf diese Weise aus der Schule und aus meinem Wohnviertel herausgedrängt. Ich komme aus der Vorstadt, nicht aus einer feinen Gegend.
Sobald ich gesehen habe, daß die Parteien der Rechten und der Staatsapparat uns benützt, um die Macht der Bourgeoisie zu konsolidieren, habe ich ihnen alles hingeschmissen. Die heutige Protestbewegung erinnert mich an seinerzeit. Sie ist nicht faschistisch, sie ist auch nicht marxistisch, es ist einfach Jugendprotest, proletarisch und ziemlich verzweifelt. Ich bin schon zu alt, aber ich hätte Lust, mich anzuschließen.“

Abkürzungen

  • MSI: Movimento Sociale Italiano (Neofaschisten)
  • DC: Democrazia Cristiana
  • PCI: Partito Comunista Itallano

KP-Senatoren in Wallstreet

Generäle und Banker sind interessiert [**]
Bei den Bossen neuerdings zu Tisch:
Eugenio Peggio (rechts), Direktor des Wirtschaftsforschungsinstituts der KPI, tafelt mit Sir Arthur Norman, Chairman der De La Rue Company
Senator Pecchioli, Sie sind kommunistischer Abgeordneter, desgleichen Ihr Kollege Boldrini. Sie hatten Anfang April dieses Jahres im Wolkenkratzer der Salomon Brothers, Wallstreet, eine Zusammenkunft mit Generälen, Bankern und Industriellen, von Konzernen wie Chase Manhattan, Lehman Brothers, Mobil Oil, Pan American. Wie war’s?

Peccioli: In den USA sind Generäle und Banker besonders interessiert an der italienischen Entwicklung. Es war ihr erster direkter Kontakt mit Kommunisten. Sie hatten natürlich gewisse Besorgnisse. Wer bei uns investieren will, verlangt begreiflicherweise, daß Italien politisch stabil ist, daß es eine fähige, effektive Regierung gibt.

Wie sehen diese Leute die Rolle der KPI?

Peccioli: Sie sehen in der KPI eine Partei, die regieren und stabilisieren kann, eine Partei, die imstande ist, von den Arbeitern die nötigen Opfer zu fordern. Zugleich spürte ich auch Zweifel und Mißtrauen bei unseren Partnern. Bei einigen gab es die Tendenz, unsere Teilnahme an der Regierung zu verwechseln mit einer Machtübernahme. Wir erklärten diesen Partnern, daß in Italien keine andere Regierung möglich ist als eine Koalitionsregierung und daß auch die italienische Verfassung alle nötigen Garantien bietet.

Welche politischen Aufklärungen sind von Ihnen verlangt worden?

Peccioli: Man wollte im Detail wissen, welches die Gründe für die Polemik zwischen uns und den Sowjets sind, im Zusammenhang mit der Form von Sozialismus, die wir in Italien aufbauen wollen. Einer hat mich gefragt, warum wir uns noch immer Kommunisten nennen. Ich habe geantwortet, daß wir eine Tradition haben und daß der Name nicht wichtig ist — wenngleich sich mit unserem Namen die ganze Geschichte der Arbeiterbewegung Italiens verknüpft, eine Geschichte, der wir uns verbunden fühlen und weiterhin verbunden fühlen werden.

Welche Garantien wurden von Ihnen gefordert?

Peccioli: Z.B. daß der öffentliche Sektor in Italien nicht weiter ausgedehnt wird. Aber bei uns ist der öffentliche Sektor ohnehin ausgedehnt genug. Das Problem ist die demokratische Planung, und die ist auch eine Garantie für jene, die bei uns investieren wollen. Sie müssen wissen, daß unsere ökonomische Entwicklung bestimmte Ziele verfolgt und nicht von Tag zu Tag weitergewurstelt wird. Besonders insistiert wurde auf den Lohnstückkosten; wir haben erklärt, daß dies nur ein Aspekt der wirtschaftlichen Probleme Italiens sei.

Und was haben Sie den Generälen gesagt?

Peccioli: Wir haben wiederholt, daß ein Eintritt der Kommunisten in die Regierung nicht zur Folge haben wird, daß Italien aus der NATO austritt. Natürlich ist unser Ziel ein schrittweiser Abbau der Blöcke. Aber das militärische Gleichgewicht muß erhalten bleiben. Daher akzeptieren wir die Militärbasen in Italien. Man muß daran arbeiten, daß die Rüstung abgebaut wird, aber auf ausgeglichene Weise.

[1L’Europeo, 1. April 1977

[3L’Europeo, 1. April 1977

[4Le Monde, 14. März und 18. März 1977. Siehe auch Leon Roth: Blutfrühling. Italiens Studentenkämpfe, NF Juni/Juli 1977

[5Le Monde, a.a.O.

[7Frankfurter Rundschau, 24. März 1977, L’Espresso, 10. April 1977

[8Le Monde, 1. März und 18. März 1977

[9L’Europeo, 1. April 1977

[10Ebendort

[11Le Monde, 18. März 1977 (die Demonstration war am 16. März)

[*L’Europeo, 1. April 1977

[**La Repubblica, Rom, 6. April 1977

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