FORVM, No. 317/318
Mai
1980

Wildkatzen & strenge Herrinnen

Zu Gast im Stundenhotel

Die durch nichts zu ersetzende Anziehungskraft, die die ‚Hure‘ auf den Freier ausübt, rührt daher, daß er sie für das bezahlt, was er unter Lust versteht — und das ist, da er ein Mann ist, kläglich und schnell geschehen.

(Pascal Bruckner/Alain Finkielkraut: Die neue Liebesunordnung, München 1979)

Genaueres wissen wir auch nicht.

Wir machen uns aber nicht daran, dem „ewigen Rätsel Weib“ auf die Schliche zu kommen, wie Otto Weininger in „Geschlecht und Charakter“ (Wien 1903). Weininger kommt zu dem Schluß:

Der Ursprung, die letzte Ursache der Prostitution bleibt gleichwohl vielleicht für immer in ein tiefes Rätsel gehüllt.

Die realen Bedingungen der Alltagsexistenz von Frauen sind nicht sonderlich rätselhaft.

An der Hausfrau, der Kontoristin, der Arbeiterin oder der Schriftstellerin ist nichts sonderlich Rätselhaftes; auch die wenigen theoretischen Diskursivierungen des Problems sind vermutlich nicht gemeint. Sondern vielmehr die symbolischen Präsentationen, die projektiven Sehnsüchte, die weiblichen Trägerfiguren für männliche Sehnsüchte.

(Silvia Bovenschen: Die imaginierte Weiblichkeit, Frankfurt 1979)

Wir beschreiben hier den Tagesablauf einer Gruppe von Prostituierten in einem konservativen Altwiener Stundenhotel. Kein Sonderfall, eine von vielen Möglichkeiten. „Unflätigkeiten“ wurden nicht zensuriert, Banalitäten, Widersprüche und Provokationen nicht entfernt.

Theorie haben wir keine anzubieten. Solange die Tabus, Mythen und Vorurteile existieren, nützt die Verzierung mit soziologischem Vokabular wenig. Vielleicht ist die Prostitution auch kein Phänomen, über das man den Raster einer glatten Strukturanalyse stülpen kann.

B. L./K. J.
Fotos aus dem Hotel Weinstock von Elisabeth Kmölniger

Ein kleines Hotel

Sieben Uhr früh. Alle anderen Häuser in der kleinen Gasse im zweiten Wiener Gemeindebezirk sind um diese Zeit schon offen. Aus einem gegenüberliegenden Haus kommt eine ältere, rundliche Frau mit Kopftuch. Sie wird Hansi genannt. Beim Gehen tut sie sich etwas schwer. Sie klopft an das niedrige Fenster neben der verschlossenen Tür des kleinen Hauses mit den Geranien in den Fenstern. Die Tür wird geöffnet.

Der verschlafene Nachtportier geht in die Portierloge zurück, packt seine Sachen zusammen und setzt sich in die Küche. Hansi stellt den Kaffee zu. „Wie war’s denn heut nacht?“ „Mäßig“, sagt der Portier.

„Aso a schlechtes Gschäft hamma scho seit Jahren nicht mehr ghabt. | waaß ned, was des is. Wenigstens die Häferln selber wegräumen könnten sie!“ Hansi räumt das dreckige Geschirr in die Abwasch. Mit einem zerrissenen Waffelhandtuch wischt sie über das grünlilaweiße, in den Farben auf die Küchenbank abgestimmte Plastiktischtuch. Sie stellt zwei saubere Häferln auf den Tisch, eines mit roten Tupfen und eines mit der Königin Elisabeth, und streicht Butter auf die frischen Semmeln. „Was die immer redn, daß’ daham putzn — hier merki nix davon. Die Gina überhaupt, die schnazt an allem herum und dann laßt sa’s stehn. Seit’s in der Queen Anne die Grande Dame spielt, ist sie überhaupt nimmermehr auszuhalten. War sie gestern überhaupt da?“

Der Nachtportier: „Ich glaub, man müßte mit allen einmal ein ernsthaftes Wort reden. Zuerst sitzen alle da und lösen Kreuzworträtsel, dann streitet sich die Schönste der Schönen mit der Königin der Nacht. Die Schönste ruft ein Taxi und fahrt weg. Eine halbe Stunde später sitz ich überhaupt allein da. Ich hab draufhin die Tür zugsperrt. Drei Stunden später kommen zwei aus dem Kaffeehaus zurück und ich hab dann einfach nicht mehr aufgemacht.“ Hansi, die Stubenfrau, inzwischen beim Aufwischen des graumelierten Küchenbodens, stellt energisch den Wasserkübel beiseite: „Recht hams’ ghabt, also das hätt’s bei der Gabi nicht gegebn. Die vertragn das nicht, wenn man gut zu ihnen ist. Da werdens’ alle übernatürlich.“

Schuhe klappern über den Steinboden. Eine Frau um die fünfzig, gepflegter Hausfrauentyp, kommt herein: „Guten Morgen!“ Sie stellt ihre unauffällig braune Lederhandtasche mit Bügel auf das Fensterbrett. Das einzige Küchenfenster geht auf den Korridor. Eigentlich gibt es einen bestimmten Platz für Handtaschen und „persönliche Dinge“ — ein Regal hinter der Küchentür.

„Was, halb acht ist es schon“, sagt der Nachtportier, „ich werd jetzt langsam gehn.“ Die Stubenfrau meint: „Am besten gfallts dir ja doch hier.“ Der Nachtportier widerspricht nicht, wünscht allen „Mäderln“ einen erfolgreichen Tag und geht.

Ein Gast um acht

„Do host an Kaffee“, wendet sich die Stubenfrau der Doris zu. „Sowieso“, sagt Doris, nimmt das Häferl und geht auf den Korridor. Sie stellt sich hinter die Glasfensterflügeltür, eineinhalb Meter hinter der Eingangstür. Jedesmal, wenn ein Auto vorbeikommt, schaut sie automatisch auf die Straße.

Ein Auto, das sie kennt: Sandra bringt ihren Hund. Sie läßt ihn aus dem Auto. Doris macht die Flügeltür auf. Hexi, ein Spaniel mit ausdrucksvollen Augen, begrüßt Doris, rennt dann in die Küche, schauen, wer da ist. „Kommst schon wieder herein mit de dreckigen Fiaß, jetzt hab ich grad die Küche aufgewaschen“, schimpft die Hansi und jagt ihn aus der Küche. „Arme Hexi, gutes Hundi, alle sind so bös zu dir“, streichelt ihn Doris. Sandra ist inzwischen weggefahren.

Acht Uhr. Der erste Gast betritt das Hotel. Ein fescher junger Mann, Ende zwanzig, Haare dunkelbraun, gewellt. Ausdrucksvolle Augen. Schnurrbärtig. Er trägt eine braune Lederjacke und Schnürlsamtjeans. Doris, nicht teuer, aber solid gekleidet, grüßt halblaut „Servas“ und sagt laut „Guten Tag“. Worauf sich die Hansi in die Portierloge stürzt und an den Schreibtisch setzt. Sie reicht der Doris ein Päckchen (das Präservativ) aus der Schreibtischschublade. Der Gast bezahlt das Zimmer (das andere wird im Zimmer bezahlt). Die Hansi sagt: „Gehst ins Ochta.“ Doris geht mit dem Feschen auf den Gang und sagt: „I geh ins Ochta.“

In der Zwischenzeit sind Ida und Babsi gekommen. Ida, um die vierzig, groß, versucht gar nicht zu verbergen, daß sie mollig ist. Sie ist unauffällig gekleidet — Rock und Pulli. Die blondgefärbten Haare trägt sie kurz, eine Mischung aus mütterlich und burschikos.

Ein Hund trinkt Kaffee

Babsi ist auch mollig und nur ein wenig jünger, wirkt aber durch ihre dezent-teure Kleidung schlanker und jünger. Sie ist ganz „junges Mädchen“, und im nächsten Augenblick laut und resch. Ida holt sich einen Kaffee und setzt sich in die Küche. Babsi klappert auf hohen Stöckeln munter durchs Haus — ihren frischgekauften Apfelduft bringt sie aufs Häusl. Die Hansi stellt ihr inzwischen den Kaffee hin. Ida gießt ein bißchen Kaffee auf die Untertasse und stellt sie dem Hund hin.

Doris und Ida haben sich aus der Garderobe Sessel und Stockerln geholt; sie sitzen nun hinter der Glasfensterflügeltür einander gegenüber. Die Flügeltür öffnet sich. Ein vogelgesichtiger Glatzkopf, kurzbeinig und häßlich, aber sauber und adrett, kommt herein. Er ist Stammgast, von Beruf Maurer. „Ist die Babsi da?“ fragt er. „Sie is eh in der Küche“, sagt Ida. Er steckt den Kopf hinein, betritt die Küche aber nicht. „Ich trink nur meinen Kaffee aus“, sagt Babsi. Der Glatzköpfige lehnt sich an die Wand, senkt den Kopf und lächelt vor sich hin.

Der Tagportier kommt. Er schaut zuerst in die Küche, wer da ist. Den an der Wand lehnenden Gast blickt er grantig an, geht in die Portierloge, nimmt den Tagesbogen aus der Schublade und zählt das Geld in der Kasse nach. Der Glatzköpfige wartet immer noch. Er tut es in der festen Überzeugung, daß die Babsi ihn eigentlich heimlich liebt und deshalb quält.

Ein Blader mit Lodenmantel, leicht alkoholisiert, betritt den Korridor. Ein „gemütlicher Typ“ mit wässrigblauen Augen und derbrotem Gesicht. Einmal in der Woche kommt er geschäftlich nach Wien.

Er plaudert ein bißchen mit dem Portier über Wetter und Straßenverkehr und zahlt das Zimmer. „Auf’s Achta“, sagt der Portier. Die Ida geht aber lieber aufs Zehna.

Babsi kommt aus der Küche und fragt Doris, ob sie gestern ferngesehen hat. Doris hat nicht. Der Glatzköpfige schaut immer noch zu Boden und manchmal von unten herauf Babsi an. „Na ja, dann gemma halt“, sagt Babsi.

Kumm eine oda geh scheißn!

Es ist zehn Uhr. Später als sonst kommt Lisa, abgehetzt. Sie war beim Frisör. Sie geht sofort zum Spiegel neben der Portierloge. Durch diesen Spiegel kann der Portier den Eingang beobachten. Lisa zupft an den silberblondgetönten, kunstvoll gelegten Haaren. „Is schon besser als vorher, schaut guat aus?“ fragt sie erwartungsvoll. Doris murmelt Unverständliches. Der Portier liest weiter in seinem Western. Lisa ist mäßig gekränkt. Sie ist ganz Dame in ihrem schwarzen Kleid mit weißer Stoffrose und der kurzen eleganten Nerzjacke.

Die Hansi versorgt alle schnell mit Kaffee, stellt weiteren Kaffee warm und läuft mit ihrem Einkaufswagen einkaufen. Obwohl es draußen kalt ist, trägt sie nur Kleid und leichte Wollweste. Ihr ist immer heiß.

Zwei jüngere Ausgeflippte gehen draußen vorbei. Lisa öffnet die Flügeltür: „Kumm eine Schatzi, na kumm scho.“ Die beiden gehen weiter. „Na dann ned, geht’s scheißen!“ Sie lacht.

Ein Arbeiter aus der Werkstatt nebenan kommt vorbei, um Geld zu wechseln. „Wo san denn die Luster her, die er do grad verladn tut?“ fragt Ida. „Die ham ma zsammgstückelt aus Einzelteile. Der Alte hat’s eingekauft in Italien.“ — „Was, die san ned alt?“ — „Naa, die san ganz neich, schaun aba aus wie alt.“ — „Was kostens’ denn?“ fragt Babsi. „Des trau i mir gar ned sogn“, sagt der Arbeiter und geht wieder.

„Na, wo is denn des Frauerl, bist scho traurig“, fragt Doris den herumschleichenden Hund, der sich reihum von allen streicheln läßt. „Die kommen noch früh genug und das Geschrei geht los“, giftet Ida. „Dann is’ aus mit der Ruhe. Da kummans’ eh schon.“

Sandra holt die Susi immer mit dem Auto ab, deshalb kommen die zwei zusammen.

Augsoffm wiera Rade

Susi, Typ hantige Geschäftsfrau, kommt ungeschminkt, in Hose und Pelzjacke. Die dunkel nachwachsenden Blondhaare sind unter einer dunklen Perücke versteckt. Sie erzählt von ihrem Haberer, der gestern wieder betrunken war.

„Augsoffm wiera Rade, sagt er ‚Ich hasse dich‘, mindestens zehn moe. Dann greift er ma am Oarsch und sagt ‚ich liebe dich‘ — Paßauf. — I krieg an Zurn — Greif mi ned an, sog i — er greift wieder hin — ‚ich liebe dich‘ — paßauf, sog i, loß mi in Ruah! Na nix. I nimm die Hoabürschtn. I haus’ eam am Schädel. Mindestens hundert Mal. Da merk i schon, wie’s grean wird. ‚Hör auf‘, sogt er, ‚heast auf‘ ... I hau eam die Hoarbürschtn no a paar Mal auffe und dann renni. Amoe hota mi scho anbundn und wollt mi mit der Hundepeitschn daschlogn. Paßauf. I renn außi in Gortn, bloßfüssig en Nochthemd. Da Hund is scho unters Bett kräut, der spürt des sofuat. Dann schau i beim Fenster eini, wosa mocht. Er tamet umadum, fluacht und redt mit si söba. ‚Wo is er‘ sogt er. Weil er glaubt nämlich, daß i an Beidl [1] mitbracht hab. ‚I bring ihn um‘, sogta. ‚Ich hasse sie.‘ I denk ma: ‚Deine Zahlscheine kann i scho zahln von den Göd von de Beidln.‘

Dann sitzt er am Bett, streichelt den Hund und fangt zum Wanan an. ‚Und dennoch liebe ich sie.‘ I denk ma ‚Schlaf endlich ein, du Hund, du vaschissena.‘ Oba er steht auf und setzt si zum Telefon. Dann wöhta, besetzt, er wöht wieda, besetzt. ‚Wo san se‘, sagta wieda, und so geht des mindestens a Stund, bis er endlich im Bett liegt und schnoacht. I schleich mi eine, auffe in de Mansarde, duat is’ saukoed. — Paßauf. — I zitter am ganzn Keapa und brauch mindestens zwa Stund zum eischlafm.“

Die anderen kennen solche Geschichten schon, lachen ein bißchen, reagieren aber sonst nicht darauf.

Nur Sandra, die den „Haberer“ Karli auch kennt, nickt während der Erzählung immer wieder. Sandra richtet das Wäschepaket für ihren Freund, der im Gefängnis sitzt. Sandra ist um die dreißig, schwarzhaarig und hat helle Augen. Zierlich. Sie hat etwas Altägyptisches, weckt Sehnsucht nach Immer-schon-Gekanntem.

Tummelts euch, ihr Lapperln!

Susi pickt sich in der Zwischenzeit die falschen Wimpern auf. Die Hansi holt in einem Plastikwäschekorb die frischgewaschenen Handtücher. Der Portier dreht das Radio auf. Babsi, Doris und Ida reden über die Fernsehserie „Das Haus am Eaton Place“, in der eine vornehme englische Familie gezeigt wird. Wieder kommt ein Stammgast. Ein großer fescher Dunkelhaariger, Ende zwanzig. Teppichhändler. „Zigeuner, oba sauber“, wie Ida immer sagt, „da können si manche was ooschaun!“ — „Ist die Susi da“, fragt er. Susi kommt ganz verlegen. Die Wimpern kleben erst auf einem Augenlid: „I bin jo no gor net gschminkt, oba mocht nix, mia kennan uns eh scho lang.“ Sie tut die eine Wimper wieder runter und geht mit ihm aufs Zehnerzimmer.

Hintereinander kommen drei weitere Gäste. Noch ein Stammgast, Chinese, Koch in einem Spezialitätenrestaurant. Der Portier kennt ihn schon. „Kathi“, schreit er in den Stock hinauf. Kathi ist die einzige Frau, die im Haus wohnt. Sie kommt halb verschlafen, im rosa Nachthemd und himmelblauen Flanellmorgenrock herunter. Sie ist Ende dreißig, eher derb, die „Frau vom Land“, mit einem Gang, der an Westernhelden erinnert. „Daß du wiedereinmal kommst“, sagt sie. „Jetzt muaßt woatn“, sagt der Portier, „alle Zimmer sind besetzt.“ Sie wartet zwei Minuten, dann plärrt sie so laut, daß man es in den Zimmern hört: „Na ihr Lapperln, tummelts euch a bisserl!“ Als erste kommt die Ida aus ihrem Zimmer. „Bist narrisch“, sagt sie, „der is eh so sensibel.“ [2] Der „Sensible“ trödelt noch eine Weile im Zimmer herum. Dann kommt er heraus und grinst verlegen, ein rotgesichtiger Fleischhauertyp mit engstehenden Augen. „Also dann“, sagt er, „auf Wiedersehen!“

„Und lassen Sie den Schirm nicht stehen“, reimt Ida wie immer bei diesem Gruß und öffnet mit übertriebener Höflichkeit die Flügeltür. Der Sensible geht hinaus.

Die Schneiderin kommt

Nach zehn Minuten sind alle Frauen wieder in der Küche und essen Schweinsbraten mit Knödeln, den Hansi von zu Hause geholt und aufgewärmt hat.

Doris geht nach dem Mittagessen wie immer nach Hause. Sie lebt allein. Es zahlt sich nicht aus, daß sie für sich selbst kocht. Das Geld, das sie am Vormittag verdient, reicht ihr. Sie hat keinen Zuhälter.

Nach dem Mittagessen kommt Rebekka. Sie ist hager, groß, mit einem klaren Gesicht, elegant unauffällig gekleidet. Strahlt Herzlichkeit aus. Sie verkauft privat Kleider, Kostüme und Hosen, sehr schöne und auch sehr scheußliche Sachen. Sie hat höhere Preise, aber die Frauen schätzen das Service, und daß sie ihr was schuldig bleiben können.

„Jessas, die Rebekka kommt und i hob erst aan Beidl, und i kann ihr des Göd ned zoin“, erschrickt Susi. Sie ist jetzt geschminkt und schaut ein bißchen aus wie Liz Taylor.

„Jö, das is lieb!“ ruft Babsi, stürzt zum Spiegel bei der Portierloge und hält sich einen lila Pulli unters Gesicht. Alle verschwinden in verschiedenen Zimmern, um Kleider anzuprobieren. Susi fragt den Portier: „Wie paßt ma des?“ — „Wann du zwanzig Kilo abnimmst und zwanzig Zentimeter wachst, dann tät’s dir gut passen“, bemerkt er boshaft, ein Lächeln unterdrückend. Die Susi ärgert sich: „I kann ja nix dafür, daß du nur auf auszahte Weiba stehst!“

Die Frauen tauschen noch mehrmals die Kleider, Kostüme, Pullis und Hosen. Zum Schluß kauft jede was. Die, die gerade ihre Schulden bezahlt haben, haben schon wieder neue.

Eventuell auch Ehe

Währenddessen kommt der Briefträger und ein weiterer Gast. Der Gast ist groß, blond, bleich und sanft. Juniorchef eines großen Betriebes. Um die dreißig. Babsi nimmt automatisch die Peitsche aus der Schreibtischschublade und geht besonders strahlend mit ihm aufs Zimmer.

Der Briefträger verteilt Versandhauskataloge an die Frauen, Rechnungen und einen Prospekt der Handelskammer an den Portier. Dann gibt es noch einen Brief, der an das Management des Hotels gerichtet ist und einen Heiratswunsch beinhaltet:


Wien, ... 1979

Sehr verehrte gnädige Frau!

Da ich schon einige Male darüber gelesen habe, daß die Madame eines Etablissements in rührender Weise um das Wohl ihrer Schützlinge besorgt ist, erlaube ich mir, diese Zeilen an Sie zu richten.

Ich bin 48 Jahre alt, 170 cm groß, 73 kg schwer und von Beruf Buchhalter. Da ich ganz unvorstellbar unglücklich verheiratet bin und seit vorigem Jahr in Scheidung lebe, suche ich nun schon längere Zeit eine neue Partnerin. (Lebensgefährtin, Dauerfreundin, eventuell auch Ehe.) Viel Geld habe ich bereits für Inserate und Institute ausgegeben, alles für die Katz.

Die meisten Frauen sind heutzutage derart seelisch degeneriert, daß sie für eine harmonische Bindung ungeeignet sind. Ich habe bisher nur eine glückliche Partnerschaft beobachtet, die meines Onkels Franz, der eine ehemalige Prostituierte zur Gefährtin gewonnen hat. Bei diesen Damen findet ein Mann noch Herz und Gemüt und Verstehen.

Deshalb mein Angebot: Falls Sie eine Dame kennen, die sich vom Beruf zurückziehen möchte, würde ich ihr gerne meine Hand reichen, soferne sich eine genügende Übereinstimmung in unseren Anschaungen und Neigungen feststellen läßt. Sie sollte anhanglos und mütterlich sein. Gerne möchte ich mit ihr ein stilles Glück aufbauen und den Rest unseres Lebens in Frieden und Fröhlichkeit genießen. Wenn sie mir eine herzensgute, verläßliche Kameradin ist, auf die ich mich verlassen kann, werde ich sie innig verehren und von ganzem Herzen lieb haben.

Falls eine Dame an mir interessiert ist, würde ich sie gerne zu einem unverbindlichen Gespräch in ein gemütliches Lokal einladen,

Aber BITTE machen Sie sich keinen Scherz mit mir, denn ich meine es ehrlich und bin ohnedies momentan schwerst angeschlagen!

Ich freue mich auf eine positive Antwort und zeichne

mit freundlichen Grüßen
Josef

N. S. Da ich zur Zeit noch im Urlaub bin, habe ich auch tagsüber Zeit,

Danke schön!
J.


Ein leichtes Geschäft

Babsi kommt aus dem Zimmer und ruft mit hoher Stimme „Frau Rebekka, sind Sie noch da? Ich brauch nämlich eine Franke.“ [3] — „Wieso“, sagt die Frau Rebekka. Alle lachen. „Des is so“, erklärt die Susi, „der wü nur, daß ma einigeht, ihn anschaut und sehr entrüstet tut. Dafür zahlt er drei Kilo. [4] Es muß aber eine anständige Frau sein.“ — „Am besten ist es“, meint Sandra, „man sagt pfui Teufel, daß sich der Mensch nicht geniert, sowas gehört ja vergast oder irgendsowas.“ Alle lachen wieder.

Frau Rebekka zögert, „Und was tut er?“ fragt sie, „Er kann nix tun“, sagt die Babsi, „weil er is am Kleiderständer angebunden.“

Frau Rebekka geht ins Zimmer, kommt nach zwei Minuten wieder und meint, daß es ein leichteres Geschäft wäre als Kleider verkaufen. Sie läßt einen durchbrochenen schwarzen Pullover zum Probieren für die Eva da und verabschiedet sich.

Der Niederpuderant

In der Zwischenzeit waren einige Gäste da. Ein älterer mit Glatze. Ein Weinhändler, der sich selbst als Dorfstier sieht. Er ist unbeliebt im Hotel Weinstock und muß sich hin und wieder anderswo eine Frau suchen. Er führt das darauf zurück, daß er so männlich und stark ist und nennt das „Niedapudern“. Die Frauen nennen das auch so und mögen ihn daher nicht.

Die Sandra kommt gerade aus dem Einserzimmer; kurz darauf folgt ihr ein prominenter Künstler, den Schlapphut tief ins Gesicht gezogen, damit man ihn nicht kennt. „I versteh ned, daß der da her kommt“, wundert sich die Sandra „wo er doch so a schene Frau hat.“

Sie ist froh, daß Frau Rebekka schon weg ist. Sie muß nämlich dringend Zahlscheine aufgeben. Wegen ihrer Schulden will sie aber nicht, daß Rebekka sieht, daß sie noch Geld hat.

Der Portier erklärt sich bereit, auf die Bank zu gehen, weil ihm das Westernlesen eh schon fad ist. Das ist wie ein Signal. Alle kommen mit ihren Zahlungen. Offene Rechnungen von Versandhäusern, Mieten, Telefon, Kredite, eigene und die von den Haberern, Versicherungen.

Während der Portier auf die Bank geht, vertritt ihn die Hansi.

Ein Enkel, ein Hund und ein Schweinsbraten

Kurti, der zwölfjährige Enkel von der Hansi, ruft an und will die Oma sprechen. „Bist scho ganz angschütt“, sagt sie ins Telefon „i bin’s ja eh selber!“ Kurti findet nichts zum Essen. „‚Kumm umi“, sagt die Oma, „hier gibt’s Schweinsbraten.“

Wenig später kommt Kurti, ein lieber sanfter Bub, mit stupsnasigem Lausbubengesicht. Die Hansi hat ihn adoptiert, weil ihre Tochter ihn abtreiben wollte. Sie tut oft so, als würde sie sich Sorgen machen, weil Kurti so wenig „männlich“ ist. In Wirklichkeit ist sie aber stolz auf ihn.

Der Bub hockerlt sich hin und streichelt den Hund.

Während er Schweinsbraten ißt, erzählt er, wie seine Fußballmannschaft verloren hat.

Halb vier. Die „Nachtlisl“ kommt. Wie der Name sagt, arbeitet sie in der Nachtschicht (von fünf Uhr nachmittags bis zwei Uhr früh). Sie ist Anfang dreißig, hat ein auffallend schönes klares Gesicht, langes dunkelblondes Haar, nicht gefärbt und ist sehr dick.

Krückenmutter

Babsi fragt sie, wieso sie schon so früh da ist. Sie sagt „Der Hofer, weißt eh.“ Fünf Minuten später kommt der Hofer im Taxi. Er ist Invalide und kann sich nur ganz langsam auf Krücken fortbewegen. Er schläft im Obdachlosenheim und ißt am Würstelstand. Leben tut er von einer Fürsorgerente, vom Betteln und einem Nebenjob als Wächter. Die Nachtlisl bezahlt er pauschal und besucht sie gegen Voranmeldung einmal wöchentlich. Taxler und Nachtlisl tragen ihn ins Sechserzimmer.

Das Gespräch im Korridor dreht sich jetzt um den Strich. Wie viele echte Huren und Solide [5] es früher gegeben hat und jetzt gibt, neuartige Werbemethoden, Dumpingpreise und verschärften Konkurrenzdruck. Babsi phantasiert vor sich hin: „Wißt’s ihr, wos i mechat? I mechat, daß alle 900 oder 1000 Registrierten und alle Soliden dazua, daß die alle tot warn. Dann kaufert i ana jedn a Gruft von meim eigenen Göd und die Gräber miaßaten schön ausschaun. Mit Lorbeerkränz drauf und Vergißmeinnicht und Engerl. Dann setzat i mi am Friedhof mitten unter die Gräber und tät’s pflegn. Und tät die Blumen gießen. Und dann tät i sitzen auf an Sessel und warten. Und wenn dann so a Beidl kummt und wü mit mir pudern, dann sagert i, da steig obe zu deiner Hur!“

Der Hofer, der gerade aus dem Zimmer gekommen ist, steht ganz entgeistert unter dem Glasdach auf seinen Krücken und sagt fasziniert: „Die Frau ist ja wirklich sadistisch.“ Die anderen biegen sich vor Lachen.

Für den Hofer nimmt sich die Nachtlisl immer eine halbe Stunde Zeit, aus Mitleid. Für ihn ist sie eine Liebesbeziehung, Freundin-Mutter-Schwester. Sie tratschen hauptsächlich. Beim Hofer begreifen die Frauen, warum er herkommt. Deswegen mögen ihn alle.

Angebot & Nachfrage

Der Portier ruft Susi zum Telefon. So gesprächig sie normalerweise ist, so kurz angebunden ist sie jetzt. Sie telefoniert mit ihrem Lebensgefährten, der inzwischen nüchtern ist und schuldbewußt. „Bist daham“, sagt sie, laut genug, ihn auch ohne Telefon stimmlich zu erreichen, „hast des Geschirr scho abgwaschn? Du kannst derweil die Schwammerl putzen, gehst eh mit’n Hund äußerln? Die Einbrenn mach lieber ned, weil die brennt dir sonst an. Naja, is guadi, eh um sechs.“ So redet sie immer mit ihm. Der Freund arbeitet die meiste Zeit, früher als Taxler, bis man ihm den Führerschein entzogen hat, jetzt als Schweißer, das hat er gelernt.

Die Frauen sitzen an den beiden Seiten des schmalen Korridors und warten. Gäste kommen und gehen, sie müssen an den wartenden Frauen vorbei. Wenn einer verlegen herumsteht und nicht weiß, was er soll, sagt meist eine: „Geh, suach da ane aus.“ Die jüngeren, schlankeren Frauen verdrücken sich. Die Szene ist ihnen peinlich. Sie kommen erst wieder aus ihren Schlupfwinkeln hervor, wenn der „Beidl“ mit einer der anderen in einem Zimmer verschwunden ist.

Kaffee für den Ministerialrat

Die Aktentasche unter den Arm geklemmt, drückt sich verlegen-bescheiden, die Wangen gerötet, ein Beamtentyp in mittleren Jahren durch die Flügeltür. Er deutet auf Lisa, die mit ihm in die Portierloge geht. Beim Zahlen des Zimmers fällt ihm die Geldbörse aus den fahrigen Händen. Als er sich bückt, reißt er den Aschenbecher vom Schreibtisch. Sein Gesicht rötet sich noch mehr. „Ich habe heut Strafe fürs Auto zahln müssen“, meint er entschuldigend. Mit gelassenem Desinteresse hören die Anwesenden zu, als er im Büro anruft und erklärt, daß er leider dringend was auf der Polizei erledigen muß. Seine Sekretärin soll derweil einen Kaffee machen für den Ministerialrat.

Sandra hat inzwischen dem Hund ein Schweinskotelett hingelegt. Hexi, schwanzwedelnd, wartet. Sie wartet meistens, bis jemand vorbeikommt, dann knurrt sie. Damit deutet sie an, daß sie ihr Kotelett verteidigen will. Wenn niemand auf ihr Spiel einsteigt, nimmt sie das Kotelett und legt es der Stubenfrau vor die Füße. Würde die es ihr wegnehmen, hätte sie die Möglichkeit, sich als böser Wachhund zu profilieren. Jetzt nimmt sie das Fleisch und bringt’s dem Portier, der sie aber nur ein bißchen streichelt. Sie knurrt. Beleidigt trägt sie das Fleisch wieder auf den Gang hinaus und wartet auf einen Fremden. Ginge der knapp an ihr vorbei, hätte sie endlich Gelegenheit für ihren groBen Auftritt.

Der Schüchterne macht einen großen Bogen um Hexi. Sie knurrt und wartet auf den nächsten Fremden.

Gibt’s in Ägypten an Strich?

Der nächste Gast sucht sich, wie viele junge „Beidln“, zielstrebig eine der molligeren Frauen, die Susi aus. Er ist besonders schön, höchstens fünfundzwanzig, glutäugig und schwarzgelockt. Er spricht Englisch mit sanfter Stimme. Der Portier hilft übersetzen. Der Schöne stellt sich als Ägypter vor und schüttet sein gesamtes Geld auf den Schreibtisch. Der Portier, den er verständnisheischend anschaut, zählt nach. Es reicht, es bleibt sogar noch etwas übrig.

Nach zehn Minuten kommt Susi aus dem Zimmer: „Was soll i denn mochn, i versteh eam ned. Geht’s, kummts her und höfts ma. Er is ee scho wieda auzogn.“ Sandra, die Englisch kann, geht mit. Sie kommt gleich wieder und erzählt, der Ägypter habe gesagt, die Susi wäre sehr schön und erinnere ihn an seine Tante.

Kurz darauf ruft Susi wieder: „Geh, Sandra kumm!“ Sandra geht. Sie berichtet, der Schöne habe der Susi einen Job in Ägypten angeboten. Susi kommt aus dem Zimmer: „Was glaubt er denn, daß i duat tuan soll. Gibt’s in Agypten an Strich?“ Schließlich übersetzt Sandra, daß er Susi nach Luxor eingeladen hat, als Gast, ohne Gegenleistung. Susi schreibt sich gerührt die Adresse auf, und der Ägypter entfernt sich höflich.

Die Polizei kommt auch vorbei

Gegen Ende des Tages kommt noch die Sonne hervor. Die Frauen stellen sich an die Eingangstür. Zwei sitzen im Fenster der Portierloge. Die Schneiderin von gegenüber kommt auf einen Tratsch vorbei. Automatisch schaut eine immer in die Richtung, aus der die Autos kommen. Plötzlich ruft sie: „A weißer Fiat, die Häh!“ [6] Alle rennen ins Haus. Die zwei am Fenster lassen sich ins Zimmer fallen. Mit Getöse poltern Sessel und Stockerln. Als das Polizeiauto vorbeikommt, stehen alle keuchend, aber lachend drinnen.

Die Polizisten schaun grantig drein, weil sie keine erwischt haben. Nur ein Älterer, der hinten sitzt, grinst. „Dea is leiwaund, aba dea vuan, der Junge, der wü no was wern. Dea is scharf.“ Sie strecken den Beamten, die schon fast außer Sichtweite sind, die Zunge nach.

Schichtwechsel bei den Stubenfrauen. Die Nachtstubenfrau Mitzi kommt immer etwas früher, bleibt auch meist länger. Für sie ist das Hotel eine Art Zuhause. Mit ihren bald siebzig Jahren könnte sie längst in Pension sein. Sie schaut jünger aus und adrett. Sie trägt eine blonde Perücke — aus Resignation, weil sie ihre Wünsche beim Frisör nicht durchsetzen kann.

Jetzt bindet sie sich die weiße Schürze um und konzentriert ihre Aufmerksamkeit auf einen Chinakohl, den sie sorgfältig zerschneidet.

Der Hofrat & der Sozi

Auch der Tagportier wird abgelöst. Der Nachtportier, ein pensionierter Hofrat, kommt ziemlich blau und unglücklich an.

Er war vorher mit seinem Freund, der Sozi ist und bei den letzten Wahlen seine Bezirksvorsteher-Funktion verloren hat, saufen. Der Nachtportier ist zwar engagierter ÖVPler und freut sich über den Wahlerfolg seiner Partei, aber die Niederlage des Freundes tut ihm in der Seele weh. „Der hat zwar die falschen Ansichten, ist aber so ein lieber Mensch!“

Er zählt das Geld in der Kasse nach und widmet sich dann seinem Hobby, den Briefmarken.

Margot, sonst eher resch, ist heute ganz „liebes Mäderl“ und begrüßt die Anwesenden als „Zwetschkerln“. Sie ist die einzige, die alle einzeln begrüßt, wenn sie kommt. Mit ihren Stöckelschuhen ist sie größer als die anderen Frauen, schlank, Mitte zwanzig, hat schwarze Augen und eine nostalgische Lockenfrisur. Wenn sie aber zu reden anfängt, zuckt man zusammen. „Sie redt wiara Blechhäfm“, sagen die anderen.

Noch ungeschminkt, setzt sich Margot in die Küche und beginnt, die Wimmerln in ihrem Gesicht auszudrücken. Ihr Spaniel tobt mit der Hexi. Hexi holt sofort ihr Fleisch herbei und will, daß der Foxi es wegnimmt. Der tut’s aber nicht, weil er sie schon kennt, er läuft statt dessen zur Mitzi und stellt die Vorderpfoten aufs Küchenkasterl. Mitzi jagt ihn herunter. Er muß gestreichelt werden. Jetzt ist Hexi beleidigt und muß auch gestreichelt werden.

Margot verdeckt die aufgequetschten Wimmerln mit Make-up-Schichten. Sie schaut jetzt viel „schöner“ aus. Sie zieht sich, wie die anderen auch, in der Küche um. Während sie in eine Disco-Hose aus schwarzem Satin, ein Leiberl und eine Pelzjacke schlüpft, beklagt sie sich bei der Mitzi über ihren Exfreund, der gerade im Gefängnis sitzt. Er hat eine höhere Position in der Unterwelt und schreibt ihr erpresserische Liebesbriefe. Sie erledigt zwar noch alle möglichen „Zahlungen“ für ihn, hat aber einen neuen Freund, der „normal“ arbeitet.

Der Waldi ist weg!

Der Nachtportier kommt auch in die Küche. Er kommentiert die Erzählung damit, daß die Haberer eigentlich alle in ein Arbeitslager gehören, ihn das aber eigentlich alles nix anginge. Margot stellt fest, daß er wieder einmal blau ist und setzt sich zu den anderen auf den Korridor.

Das Gespräch dort bewegt sich um den schlechten Geschäftsgang. „Hundert Schülling krieagt die Mitzi, die Zigaretten hobe a no ned zoit, dann hobe Erlagscheine aufgem. Jetzt is nix mehr da. I brauch an Beidl, wos haßt an Beidl. I brauch a Göd!“ — „Wo san de Beidln? Haums ka Marie oder loßt’s de Oede ned?“

Die längste Zeit schon beobachten sie einen, der immer wieder mit dem Auto vorbeigefahren ist und jetzt vor dem Hotel im Auto sitzt.

„Do sitzt ana im Auto und wixt“, registriert Margot den Geschäftsentgang, „am lieabsten war ma, waun die Beidln nur einikumatn und es Göd hilegn tatn.“ Die Flügeltür schwingt auf, Lena kommt herein, ganz aufgeregt. „Der Waldi ist weg!“ schluchzt sie. Alle werden bleich. Sie erzählt, wie sie den Waldi frei bei einer Baustelle herumlaufen lassen hat. Dann war er verschwunden. Nach vier Stunden Suchen hat sie Polizei und Tierschutzhaus verständigt. Alles umsonst.

„Vielleicht hat er sich irgendwo versteckt“, versucht Babsi sie zu trösten, „oder es hat ihn ein Arbeiter mitgenommen.“ „Was tu ich“, jammert Lena, „wann er in a Maschin kumman und tot is, bring i mi um. Und i bin söba schuld. Oba wer kann sie sowas denkn!“

Sie weint. Alle versuchen zu trösten. Babsi streichelt die Hexi. Die anderen fangen auch an, die Hunde zu streicheln, zwei beginnen zu weinen.

Die neuankommende Erika wird über Waldis traurige Geschichte informiert. Sie weiß nicht, was sie sagen soll, sie ist ganz starr. Schließlich sagt sie: „Das kann niemand verstehen, der das nicht erlebt hat!“

[1Beidl (von „Beutel“, sprich „Beil“, deutsch: Sack) = Mann

[2Ein „sensibler Beidl“ ist einer, dem „der Beidl“ (oder genauer: „Des Nudel“) leicht umfällt. Ein lautes Wort — schon ist es geschehen! Der wahre Horror für die Prostituierten ist aber einer, „dem was der Beidl immer stee bleibt“: „Do kaunsd oabeitn und oabeitn, oba dea schbridzd ned oo!“

[3Franke = Frau, die keine Prostituierte ist

[4Ein „Kilo“ im Wienerischen sind hundert Schilling (im Gegensatz zu dem Griechischen, wo es Tausend bedeutet)

[5Solide = Geheimprostituierte

[6Die Häh (von „Höhe“) = Polizei

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