Amelie Lanier, 1. Abschnitt
 
2011

Zusammenfassung des I. Abschnitts

Ware und Geld

Erstes Kapitel:
Die Ware

1. Die zwei Faktoren der Ware: Gebrauchswert und Wert (Wertsubstanz, Wertgröße)

Gebrauchswert – Tauschwert – was bedeutet das jeweils? Der eine ist nicht meßbar, der andere schon. Alle Gesellschaften stellen Gw her, und oftmals kommt auch Tw vor – aber im Kapitalismus ergreift der Tw alle Erzeugnisse, alles wird zu Ware. Die Besonderheit des Kapitalismus ist daher die Dominanz des Tw über den Gw.
Das hat Folgen: was nicht verkauft werden kann, fällt der Vernichtung anheim – auch wenns wer brauchen könnte. Anderes, was auch nötig und nützlich wäre, wird gar nicht erst produziert. Umgekehrt, wird jede Menge Luxus-Schnickschnack-Bedürfnis bedient, weil es dafür Zahlungsfähigkeit gibt.

Wie vergleichen sich die Waren – über ein gemeinsames drittes, die aufgewendete Arbeit, die die Substanz des Wertes bildet.

2. Doppelcharakter der in den Waren dargestellten Arbeit

Was heißt das für die Arbeit, wenn sie wertbildend ist, sein muß? Das heißt, sie ist abstrakte Arbeit, oder ges.d.n. Arbeit. Aufwand pro Zeit, in der alle Arbeiten gleichgesetzt werden.
Qualitative Unterschiede der Arbeit kommen nur mehr als quantitativ verschiedene vor: Einfache und komplizierte Arbeit (z.B. Maurer – Architekt)

Hier der wissenschaftliche Fortschritt Marx’s gegenüber den damaligen Nationalökonomen: Die Konkurrenz bestimmt die Durchschnittsarbeit und die gilt, nicht die individuell aufgewandte Arbeit, für die Bildung des Werts. Soviel zur sogenannten Arbeitswertlehre, die damals fraglos anerkannt war und inzwischen in der Nationalökonomie als Irrlehre gilt, gegenüber der heute gelehrten „subjektiven Wertlehre“.

3. Die Wertform oder der Tauschwert

Der Wert kann erst am Markt realisiert werden – oder auch nicht.

Ware A trifft Ware B.
B kauft A, verleiht ihr daher Wert. Also ist A in der relativen Wertform, sucht einen Käufer, der ihr Wert verleiht. B ist in der Äquivalentform, ist in der Lage, Wert zu verleihen.
Daraus folgt:

  1. Wert braucht Tausch, um sich zu manifestieren. Wo kein Markt, kein Tausch, dort kein Wert.
  2. Es gibt 2erlei Waren: Die einen sind bereits als Wertträger anerkannt, die anderen müssen das erst schaffen.
    Je mehr Waren, desto mehr Drang nach Realisierung. Jede Ware will Wert sein, und sich durch Tausch beweisen.
    (Heute: Weltwährungssystem.)

Schließlich kristallisiert sich eine Ware als allgemeines Äquivalent heraus. Das ist einerseits eine Notwendigkeit der Marktentwicklung, trägt also dem Bedürfnis der Marktteilnehmer, der Warenbesitzer nach einem objektiven Wertmaß Rechnung. Andererseits ist es eine Frage der Gewalt, denn natürlich will jeder in den Besitz des a.Ä. kommen, das unumstritten ist und von jedem gesucht wird, seinen Wert also nicht mehr beweisen muß.
Auf diesem Stand der Analyse ist jedoch das a.Ä. immer noch auch eine Ware, besitzt auch einen Gebrauchswert und ist ein Produkt von Arbeit. In diesem 3. Kapitel sind jedoch alle Gründe genannt, warum das Geld sich davon auch emanzipieren kann.

4. Der Fetischcharakter der Ware und sein Geheimnis

Dieses Kapitel ist einer der greatest hits des Kapitals, im Realsoz wie bei den Wertkritischen. Drüben wie hüben galt/gilt der Fetischcharakter der Ware als der Grund, warum die Arbeiter ihrer vermeintlichen historischen Rolle nicht entsprechen und das Joch des Kapitals nicht abwerfen: weil sie den gesellschaftlichen Charakter des Austauschverhältnisses nicht erkennen, und deshalb den Tauschwert für die Bedingung von Produktion überhaupt halten.
Die gedankliche Verlängerung bzw. Folge des Warenfetisches ist der Geldfetisch – der sich verselbständigt habende Wert gilt als Beweis für die unumstößliche Notwendigkeit des Werts als Bedingung jeglicher Produktion.

Wichtig ist auch der Ort, wo Marx den Hinweis für angebracht hält: die Einführung dieses Gedankens geschieht am Ende des 1. Abschnitts, wo sich lediglich Warenbesitzer als Gleiche gegenüberstehen, vor der Einführung des Kapitalverhältnisses. Das Schwierige am Begreifen dieser Produktionsweise und ihrer Schädlichkeit liegt also nicht im Begreifen der Ausbeutung, der Aneignung der unbezahlten Mehrarbeit der Produzenten, sondern im Verständnis dessen, daß in der Ware, im Geld die Negation des Bedürfnisses und der Ausschluß von den Gütern dieser Welt angelegt ist.

Zweites Kapitel:
Der Austauschprozeß

Die Waren können nicht selbst zu Markte gehn und sich nicht selbst austauschen. Wir müssen uns also nach ihren Hütern umsehn, den Warenbesitzern.

Wie gestalten sich die Verhältnisse der Menschen, wenn sie sich als Warenbesitzer begegnen? Sie werden zu Konkurrenten, die die anderen von ihren Gütern ausschließen, um sie ihnen dann um gutes Geld zu verkaufen. Homo wird zwar nicht zu homini lupus, ber der Schacher ist eine Light-Version des ständigen Angeknabbert-Werdens.
Sie müssen Eigentümer sein und frei von Bindung an die Scholle und anderen Beschränkungen. Das ist ein weiterer Hinweis daraus, daß es hier eine übergeordnete Gewalt braucht, ein Monopol der Gewalt außerhalb des Marktes, das diese Konkurrenz erst ermöglicht.

Sie müssen etwas erzeugen, was über den Kreis ihrer Bedürfnisse hinausgeht:

Alle Waren sind Nicht-Gebrauchswerte für ihre Besitzer, Gebrauchswerte für ihre Nicht-Besitzer.

Sie müssen also auch etwas herstellen, was jemand anderer 1. braucht und 2. bezahlen kann. Der Verkäufer tritt dem Käufer also als jemandem gegenüber, dessen Not er ausnützen kann und will.
Alles kein sehr angenehmes Verhältnis, eher ein Gegeneinander, als ein Füreinander.

Wenn der Anbieter das von ihm angepeilte zahlungsfähige Bedürfnis jedoch nicht findet, so bleibt er auf seiner Ware sitzen – diese entwertet sich und damit auch seine Arbeit – er hat sie umsonst verausgabt.
Da im allgemeinen die Waren nicht auf Bestellung und unter garantierter Abnahme hergestellt werden, so findet ihre Produktion zwar individuell statt, zu ihrer Realisierung braucht der Produzent aber die Gesellschaft, also bis zum Verkaufsakt anonyme andere, die ihm seine Ware abkaufen.

Auch der Preis, zu dem die Ware die Hände wechselt, ist Quelle von Gegensätzen. Der eine hätte gern möglichst viel für sein Produkt, der andere will sie möglichst günstig erwerben. Der muslimische Basar ist das Anschauungsmaterial dieser Praktiken, wo alles mögliche an Phantasie aufgeboten wird, um sich an diesem Gegensatz abzuarbeiten.

Da der Wert aller Waren sich in Geld bemißt, wird das die Ware Nr. 1, an die alle herankommen wollen:

Da alle andren Waren nur besondre Äquivalente des Geldes, das Geld ihr allgemeines Äquivalent, verhalten sie sich als besondre Waren zum Geld als der allgemeinen Ware.

Erst der Besitz der „allgemeinen Ware“ eröffnet einem den Zugriff auf alle anderen besonderen Waren. Aus der Logik des Warentausches ergibt sich also die Jagd nach dem allgemeinen Äquivalent, dem Geld, ohne das man von der Welt der Waren ausgeschlossen ist. Die Grundlage der „Geldgier“ ist also die Not dessen, der keine Ware vorzuweisen hat.

Der Wert des Geldes schließlich ergibt sich wiederum aus der Warenzirkulation – nur in dieser beweist es sich immer von neuem als König, und verurteilt die anderen zu ihren Diensten an seinem Glanz.

Drittes Kapitel:
Das Geld und die Warenzirkulation

1. Maß der Werte

Ich setze überall in dieser Schrift, der Vereinfachung halber, Gold als die Geldware voraus.
Die erste Funktion des Goldes besteht darin, der Warenwelt das Material ihres Wertausdrucks zu liefern oder die Warenwerte als gleichnamige Größen, qualitativ gleiche und quantitativ vergleichbare, darzustellen. So funktioniert es als allgemeines Maß der Werte, und nur durch diese Funktion wird Gold, die spezifische Äquivalentware, zunächst Geld.

Die erste Funktion des Geldes ist also, die Waren quantitativ vergleichbar zu machen, indem sie sie auf ein Drittes bezieht, das auch eine Ware sein kann (Gold), aber nicht sein muß (Papiergeld).

Geld als Wertmaß ist notwendige Erscheinungsform des immanenten Wertmaßes der Waren, der Arbeitszeit.

Geld ist also damit sozusagen der verselbständigte Wert.

Es widerspricht dieser Geldfunktion, wenn es zwei verschiedene Wertmaße nebeneinander gibt, wie Gold und Silber früher, oder Dollars und nationale Papierzettel (Weichwährung) heute.

Die von Marx getroffene Unterscheidung zwischen „Wertmaß“ und „Preismaßstab“ ist in Zeiten des Papiergeldes hinfällig, weil dem Papiergeld kein immanenter Wert zukommt. Sie fallen in eins: Alle Warenwerte drücken sich in Geld aus.

Wechsel im Wert des Goldes hatten keinen Einfluß auf die Warenwerte, weil diese proportional stiegen oder fielen. Heute, in Zeiten der Wechselkurse und nationalen Papiergelder wäre das anders.
Die Preise fallen nicht mit dem Wert zusammen, weil sich der ja ständig im Verlauf der vielen Warentausche neu bildet, während in den Preis die individuellen Kosten eines Produzenten eingehen.

Geld als Wertmaß ist auch dafür notwendig, damit die Ware ihren Wert überhaupt behaupten kann, bevor sie ihn auch bestätigt erhält: Preiszettel

2. Zirkulationsmittel

In der Zirkulation werden Werte getauscht: Wert in Geldform gegen Wert in Warenform. Jeder Marktteilnehmer ist immer Käufer in einem Augenblick und Verkäufer in einem anderen. W – G von der einen seite ist G – W von der anderen Seite betrachtet.

Um als Geld zu funktionieren, muß das Gold natürlich an irgendeinem Punkt in den Warenmarkt eintreten. Dieser Punkt liegt an seiner Produktionsquelle, wo es sich als unmittelbares Arbeitsprodukt mit andrem Arbeitsprodukt von demselben Wert austauscht.

Irgendwer mußte dem Goldbesitzer sein Gold entweder abkaufen oder rauben. Heute geht das eleganter, und Banken und die NB (EZB) machen sich das miteinander aus, zu welchem Zins das Zirkulationsmittel in den Kreislauf gelangt.

Die dauernd nebeneinander stattfindenden Tauschakte finden zwar einerseits unabhängig voneinander statt, hängen jedoch über das Geld zusammen – jemand kann nur kaufen, wenn er vorher verkauft hat. Jeder gescheiterte Verkauf läßt möglicherweise einen Kauf scheitern, der für die andere Seite ein Verkauf ist und diesen wieder an einem Kauf hindert. Je mehr Verkäufe und Käufe gleichzeitig stattfinden, um so schneller zirkuliert das Geld und um so mehr Verkäufe können durch einen Geldschein vermittelt werden, um so weniger Geld ist daher für eine gleiche Anzahl von Transaktionen notwendig.
Gegen alle Theorien, die mit der Geldmenge den Geldumlauf steuern wollen: Die benötigte Geldmenge ist nicht fix, sondern verhält sich umgekehrt proportional zur Umlaufgeschwindigkeit, bei gleichbleibender Menge von Transaktionen.
Als Mittel zur Beschleunigung des Geldumlaufs erweist sich der Kredit, der den Austausch von Ware gegen Geld in zwei verschiedene Transaktionen zerfallen läßt, sodaß augenblicklicher Geldmangel den Verkauf/Kauf nicht scheitern lassen muß.
Ein Abreißen der Kette der Verkäufe und Käufe durch sich allgemein ausbreitende Zahlungsunfähigkeit kann durch den Kredit nur hinausgezögert, nicht verhindert werden.

Wie die Feststellung des Maßstabs der Preise, fällt das Geschäft der Münzung dem Staat anheim.

Hiermit ist wieder einmal ausgedrückt, daß das Geld, das in einem Staat zirkuliert, durch Gewalt eingerichtet wird – und alle Wirtschaftssubjekte auf dieses Maß der Werte verpflichtet werden. Hier ist eben auch der Grund ausgesprochen, warum Edelmetall durch Papier ersetzt werden konnte:

Relativ wertlose Dinge, Papierzettel, können also an seiner Statt als Münze funktionieren. In den metallischen Geldmarken ist der rein symbolische Charakter noch einigermaßen versteckt. Im Papiergeld tritt er augenscheinlich hervor.

Papiergeld kann also Edelmetall ersetzen, aber es muß sich in der Zirkulation als Vermittler von Wert beweisen. Gelingt das nicht mehr, stagnieren also die Käufe und Verkäufe, so droht die Gefahr „allgemeiner Diskreditierung“, in der es nicht mehr als Repräsentant von Wert anerkannt ist.

3. Geld

Damit Geld auch wirklich Geld ist, muß es sich auch als Wert bewähren, wenn es gerade nicht zirkuliert. Es muß fähig sein, den Wert zu bewahren.
Als Schatz wird Geld der Zirkulation entzogen, um sich für die Zirkulation fit zu halten, also auch dann kaufen zu können, wenn man gerade nicht verkaufen kann. Der Entzug des Schatzes aus der Zirkulation entspringt also den Notwendigkeiten und möglichen Stockungen derselben, ist ihr Ergebnis und kein Verstoß gegen sie.

Für den Kredit ist die Werthaltigkeit des Geldes ebenso wichtig wie für die Schatzbildung – in einem Geld, daß sich jeden Augenblick entwerten kann, will einen niemand kreditieren.

In Zeiten der Krise verschwindet das Geld aus der Zirkulation, weil es sich jeder gegen ihre Betriebsunfälle sichern will, und sich selbst gegen die Not abzusichern, kaufen zu wollen, ohne im Besitz des allgemeinen Äquivalents zu sein.
Mangel an Zirkulationsmittel tritt auf, erstens wegen der Verlangsamung der Warenzirkulation, und zweitens, weil Geld aus dem Umlauf in Safes und Matratzen verschwindet. Dem entsprechen auf der anderen Seite unverkäufliche Warenberge.
Das ist jedoch ebenso eine notwendige Verlaufsform der Warenzirkulation wie ihre gesteigerte Geschwindigkeit und ihre durch Kreditierung schier unerschöpfliche Zahlungsfähigkeit in Zeiten der Prosperität.

Da jedes nationale Geld zunächst nur ein Ausdruck derjenigen Gewalt ist, die es gestiftet hat und derjenigen Nationalökonomie ist, die ihm durch ihre Warenzirkulation Leben einhaucht, bedarf es weiterer Schritte, um ihm außerhalb der Landesgrenzen als Repräsentant von Wert Gültigkeit zu verschaffen. Weltgeld – ob Gold oder Devisen – muß also von der NB gehortet werden:

Wie für seine innere Zirkulation, braucht jedes Land für die Weltmarktszirkulation einen Reservefonds.

Ebenso wie der individuelle Händler mit seiner Schatzbildung verschafft sich der Staat mittels eines Schatzes Zahlungsfähigkeit für den Fall, daß er kaufen können muß, auch wenn derzeit nichts verkauft werden kann. Aber auch hier ist ein zu großer Schatz Zeichen für irgendwelche troubles:

Länder entwickelter bürgerlicher Produktion beschränken die in Bankreservoirs massenhaft konzentrierten Schätze auf das zu ihren spezifischen Funktionen erheischte Minimum.

Ein Schatz ist nämlich totes Kapital, er bringt nichts ein. Geld muß sich bewegen, damit Geschäfte gemacht werden können.

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