Ivan Illich
Beiträge
FORVM, No. 185

93mal Inquisition

Fragen an Monsignore Ivan Illich
Mai
1969

Was J. B. Metz („Gegenreformation 1969“, FORVM, Jänner 1969) und gar E. Schillebeeckx („Neoinquisition 1969“, FORVM, Anfang März 1969) da so sagten, mag manchem Leser übertrieben vorgekommen sein. Uns eigentlich auch. Aber da ist nun ein Text in unsere Hände gefallen: ein schriftliches Inquisitorium‚ (...)

FORVM, No. 198/II/199

Illich vor Studenten: „Setzt Universität außer Betrieb!“

Juni
1970

Hager, fast ausgemergelt, braungebrannt und impulsiv macht Ivan Illich alles nur nicht den Eindruck eines katholischen Geistlichen. Der Sohn eines kroatischen Katholiken und einer spanischen Jüdin, der seit zehn Jahren das „Centro Intercultural de Documentacion“ (CIDOC) in Cuernavaca, 70 km von (...)

FORVM, No. 381/382/383

Das Elend der Entwicklung

Mexiko vor und nach dem Beben
Dezember
1985

Das Erdbeben in Mexiko am 19. und 20. September hat nach offiziellen Angaben 5.000 Todesopfer gefordert. Inzwischen weiß man allerdings, daß es mindestens 35.000 waren, die durch das Beben umgekommen sind, und daß etwa 250.000 Menschen ihr Obdach verloren haben, was die Regierung jedoch (...)

Streifzüge, Heft 57

Bildung braucht Gastlichkeit

Zum Gedenken an Ivan Illich
März
2013

„Den größten Teil dessen, was wir wissen, haben wir alle außerhalb der Schule gelernt. Schüler lernen das meiste ohne ihre Lehrer und häufig trotz dieser. … Wie man leben kann, lernt jeder außerhalb der Schule. Wir lernen, sprechen, denken, lieben, fühlen, spielen, fluchen, politisieren und arbeiten, (...)

Streifzüge, Heft 69

Das Fremde, die Grenze und die Kunst des Nein-Sagens

Juni
2017

Ein Gespräch mit der emeritierten Professorin und Ivan Illich-Schülerin Marianne Gronemeyer. RM: Frau Gronemeyer, in Ihrem Vortrag zur „Macht der Bedürfnisse“ von 2011 kündigen Sie an, die Geschichte des Zaunes schreiben zu wollen. Was ist daraus geworden? MG: Der Geschichte des Zaunes bin ich (...)

Streifzüge, Heft 70

Diktatur des Effizienzdenkens

September
2017

Wir leben in einer effizienzversessenen Gesellschaft, die, um möglichst viel Output in kürzestmöglicher Zeit auszuspucken, alle Lebensvollzüge bis zur Raserei auf Trab bringt. Die alte Einsicht, dass alles, was gut getan sein soll, seine Zeit braucht, dass es ein angemessenes, stimmiges Verhältnis (...)

Streifzüge, Jahrgang 2022

Selbstbestimmung statt Expertenherrschaft

Dezember
2022

Noch bevor ich in meiner Schulzeit – neben viel belletristischer Literatur – Robert Jungk und Paulo Freire las, kreuzte ein allererster kritischer Denker meinen Weg. Es muss 1972 gewesen sein, als ich mit 14 Jahren erstmals von Ivan Illich hörte. Mein Vater – in seinen katholischen Kreisen im (...)

Streifzüge, Jahrgang 2022

Ivan Illich – „Jüdischer Wanderer und christlicher Pilger“

Dezember
2022

Aus dem Buch „Ivan Illich – Sein Leben, sein Denken“ von Martina Kaller-Dietrich, Professorin für Geschichte an der Universität Wien, lernen wir auch seine bis dahin wenig bekannte Kindheit und Jugend kennen. 1926 in Wien geboren, wuchs er die ersten sechs Jahre im dalmatinischen Split und auf der (...)

Streifzüge, Heft 87

Eine „verplante, technisierte Hölle“?*

August
2023

Morbide Gesellschaft und Ritualisierung der Krise Das Medizinsystem macht krank, so lautet die Kernthese eines Buches, das Mitte der 1970er Jahre in zahlreichen Sprachen erschienen ist. Im Deutschen hat es den Titel Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens; darin (...)

Beiträge von Ivan Illich
FORVM, No. 190

Entmythologisierung der Schulpflicht

Oktober
1969

Eingeleitet und übersetzt von Gerhard Kornat, Bogotá Voltaire hat seiner Generation gezeigt, daß eine Kultur ohne Gottesgnadentum der Könige und ohne zentralisierte Kirche bestehen kann. Ich möchte meine Generation zu einer Gesellschaft ohne traditionelles Schulsystem überreden. Ivan Illich (...)

FORVM, No. 194/I

Aus Durst wird Coca-Cola

Hilflose Entwicklungshilfe
Februar
1970

Es ist heute üblich zu fordern, daß die reichen Völker ihre Kriegsmaschinerie in ein Entwicklungsprogramm für die dritte Welt umwandeln mögen. Die ärmeren vier Fünftel der Menschheit vermehren sich in unkontrollierbarer Weise, während ihr Konsum ständig abnimmt. Dies ist bedrohlich und bleibt es, auch (...)

FORVM, No. 197/II

Muß die 3. Welt wie die 1. werden?

Mai
1970

Ivan Illich, Exmonsignore (er verließ den Priesterstand, nachdem ihm das Hl. Offizium ein Inquisitorium von 93 haarsträubenden Fragen stellte (Wortlaut NF Mai 1969), Leiter des CIDOC-Instituts, Cuernavaca bei Mexico City, gehört zu den originellsten Theoretikern und Politikern der (...)

FORVM, No. 202/I

An Paul VI.

Oktober
1970

FORVM, No. 240

Für eine freundliche Gesellschaft

Die postindustrielle Struktur (I. Teil)
Dezember
1973

Zwei Drittel der Menschheit könnten es noch vermeiden, durch das Industriezeitalter hindurchzugehen. Sie müßten sich jetzt für eine Produktionsweise entscheiden, die auf einem postindustriellen Gleichgewicht beruht — für dieselbe, zu der die überindustrialisierten Staaten sich unter der Drohung des (...)

FORVM, No. 241/242

Werkzeug-Krise

Die freundliche Gesellschaft, II. Teil
Januar
1974

Die Symptome einer herannahenden weltweiten Krise sind unverkennbar. Überall forscht man nach ihren Ursachen. Ich für mein Teil schlage folgende Erklärung vor: Die Wurzel der Krise liegt im Scheitern des Grundstrebens unserer Zeit, nämlich des Versuchs, den Menschen durch die Maschine zu ersetzen. (...)

FORVM, No. 251

Gesundheitsverbrecher

Wider den medizinischen Hygienewahn
November
1974

Die Ärzte sind zu einer ernsten Gefahr für die Gesundheit geworden. Depression, Infektion, Arbeitsunfähigkeit und Dysfunktion, von der Medizin hervorgerufen, verursachen heute mehr Leiden als alle Verkehrs- und Arbeitsunfälle zusammengenommen. Einzig der Schaden, den die industrielle (...)

FORVM, No. 309/310

Selig in der 3. Dimension

Referat vor der Wiener UNO-Konferenz am 24. August 1979
September
1979

Ivan Illich hat eine neue Theorie. Die „sanfte Technik“ wird schon von der Weltbank vereinnahmt, propagiert — also bricht der Prophet der Alternativen auf zu neuen Ufern. Es geht ihm um eine neue Lebensform, in der nicht mehr Waren produziert werden, sondern, nach dem Modell der Hauswirtschaft, (...)

FORVM, No. 309/310

Klapp off, Rom!

Diskussion bei der Anti-UNO
September
1979

Während sich bei der offiziellen UNO-Veranstaltung die Militärdiktatoren der Dritten Welt um ein paar Brosamen vom Tisch der Multis balgten, während auf der zugehörigen Fachleutekonferenz im Wiener Eisenbahnerheim die Konsulenten der Weltbank Wissenschaft markierten, fand die einzig bemerkenswerte (...)

FORVM, No. 325/326

Schattenarbeit

Unbezahlte Plackerei in der Industriegesellschaft
Januar
1981

Vor der Einführung der Lohnarbeit waren Frauen und Männer gleichberechtigt. Die Ökonomie des Kapitalismus und auch des Marxismus degradierte die Mühe der Frauen zur Schattenarbeit im Gefängnis des Haushalts, neuerdings mit einem kleinen Auslauf in schlecht bezahlte Jobs. Es leisten aber auch die (...)

FORVM, No. 335/336

Der gemeine Friede

Von der Knappheit zur Ganzheit
November
1981

Ivan Illichs neue Theorie der „Schattenarbeit“, daß sich hinter dem Mehrwertsektor eine Menge unbezahlter Plackerei in Haushalt, Verkehr usw. verbirgt, war kaum im FORVM skizziert (Jännerheft), erscheint es auch schon als Buch im Rowohltverlag, Hamburg. Diesmal definiert Illich die (...)

FORVM, No. 339-341

Das echte Geschlecht

Genus statt Sexus
Mai
1982

Ivan Illich‚ österreichisch-amerikanischer Kulturphilosoph, Priester, Vorreiter alternativen Lebens und Wirtschaftens, hat ein neues Buch in Arbeit, worin er für das echte Geschlecht und gegen ökonomisch ausgebeuteten »Sex« eintritt. — Günther Nenning hat übersetzt, in erweiterter Fassung erscheint der (...)

FORVM, No. 366

Grüne Politik als Kunst des Möglichen

Juni
1984

Die „Besänftigung“ der Produktionstechnik ist mehr als Naturschutz: Sie ist Forderung nach Gleichberechtigung und Autonomie. Es ist an der Zeit, „sanft“ nicht mehr mit „grün“ zu verwechseln, auch wenn die grüne Politik in der Praxis sich weitgehend für Besänftigung der naturgestaltenden Technik (...)

FORVM, No. 395/396

Für eine Geschichte der Leiblichkeit

Plädoyer
Januar
1987

Das Streben nach Gesundheit wurde mit dem Aufkommen der Nationalstaaten zu einem öffentlichen Thema, als das Volk sich als Ressource, als „Population“ zu verstehen begann. Gesundheit wurde zu einer Qualitätsnorm für die Armeen, und, im Laufe des 19. Jahrhunderts, für Arbeiter; später auch für Mütter. (...)

FORVM, No. 436-438

„Das menschliche Leben“

Der institutionelle Aufbau eines neuen Fetischs
April
1990

Zur Abhängigkeit der modernen Wirklichkeit von den Bedürfnissen professionellen Managements und zur Mission der Kirche, mittels des Wortes Gottes über Fetische zu urteilen. Rede in Chicago Meine Damen und Herren. Am 1.Jänner 1988 wurde, wie Sie mir mitteilten, die Evangelisch Lutherische Kirche (...)

FORVM, No. 458/459

Gesundheit in eigener Verantwortung: Danke, nein!

Die Substantivierung des Lebens im 19. und 20. Jahrhundert — eine Herausforderung für das 21. Jahrhundert
März
1992

Sie haben mich hierher eingeladen, obwohl sie sehr wohl wußten, daß ich ihrem Vorhaben widersprechen werde. Ich bin davon überzeugt, daß Gesundheit und Verantwortung einer verlorenen Vergangenheit angehören, und daß ich — da ich weder Romantiker, Phantast noch Aussteiger bin — auf beides verzichten (...)

Ivan Illich (* 4. September 1926 in Wien als Ivan Ilić; † 2. Dezember 2002 in Bremen) war ein österreichisch-US-amerikanischer Autor, Kulturkritiker, Philosoph, Theologe und römisch-katholischer Priester.

Herkunft und Ausbildung

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Illichs Mutter Ellen Rose Ilić, geb. Regenstreif, stammte aus einer jüdischen Familie deutscher Herkunft. Sie konvertierte zum Christentum und ließ sich evangelisch taufen. Eine andere Quelle gibt an, die Mutter sei Jüdin sephardischer Abstammung. Sein Vater Petar (Piero) Ilić, von Beruf Bauingenieur und aus einer Grundbesitzerfamilie stammend, war ein römisch-katholischer Kroate.[1] Illich schrieb zum Schicksal seiner jüdischen Vorfahren, dass sie im Jahr 1492 aus Toledo vertrieben wurden.[2] Die Familie Piero Ilić wohnte bis 1932 in der Nähe der kroatischen Hafenstadt Split in der Region Dalmatien.

Illichs Großvater mütterlicherseits war Friedrich Regenstreif, ein Holzhändler in Bosnien und Herzegowina. Er hatte nach den Plänen des Architekten Friedrich Ohmann im Wiener Stadtteil Pötzleinsdorf von 1914 bis 1916 die Villa Regenstreif erbauen lassen. Dort lebte die Mutter mit ihren drei Kindern Ivan, Micha und Sascha von 1932 bis 1942. In seinem Geburtstagsbrief an den Bildungsforscher Hellmut Becker, der unter dem Titel Verlust von Welt und Fleisch veröffentlicht ist,[3] hat Illich 1992 die landschaftliche Atmosphäre von Pötzleinsdorf, sein Empfinden und Denken am 10. März 1938 – zwei Tage vor dem Anschluss Österreichs – beschrieben.

Ivan Illich verkehrte als Kind im Hause Sigmund Freuds, zu dessen Freundeskreis die Familie zählte.

Nach dem Anschluss Österreichs musste er wegen der jüdischen Abstammung seiner Mutter 1941 die Schule in Wien verlassen. Er machte 1943 als externer Schüler in Florenz sein Abitur. An der Universität Florenz studierte er zuerst Chemie und Geschichte. Dann studierte er als Diözesankandidat von Split Philosophie von 1944 bis 1947 und von 1947 bis 1951 Theologie am Collegium Romanum (Päpstliche Universität Gregoriana) in Rom. Am 24. März 1951 wurde er zum römisch-katholischen Priester geweiht. Illich promovierte Ende 1951 an der Theologischen Universitätsfakultät – einer Vorgängerinstitution der 1962 wiederbegründeten Universität Salzburg – bei P. Albert Auer, OSB (Benediktiner), und Thomas Michels mit der Schrift Die Philosophie Toynbees. Die philosophischen Grundlagen der Geschichtsschreibung bei Arnold Toynbee. Da die Arbeit verschollen war, die aber in der Universitätsbibliothek Salzburg überliefert ist, konnte sie bisher in einer Diskussion der wissenschaftlichen Schriften, die Illich veröffentlichte, nicht berücksichtigt werden.[4]

Berufe und Stationen

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Nach seiner Priesterweihe war Illich kurzzeitig im Vatikan tätig. Von 1951 bis 1956 arbeitete er als Priester in der Incarnation-Pfarrei, gelegen auf der West Side von Manhattan (New York). In dem Viertel wohnten überwiegend Puertoricaner. In dieser Zeit nahm Illich die US-Staatsbürgerschaft an. Im Jahr 1956 wurde er Vize-Rektor der Katholischen Universität von Puerto Rico in Ponce; das Rektorat führte Illich bis 1960.

Hier begann sein persönlicher Konflikt mit der vatikanischen Südamerika-Politik, indem er die US-amerikanische Technokratie in Lateinamerika kritisierte und die Mechanismen der traditionellen Kirche, der institutionalisierten Bildung und die Inhumanität der technisierten Medizin angriff. Dabei verstand sich Illich weniger als objektiver Wissenschaftler denn als ein der Befreiungstheologie nahestehender Intellektueller, der sowohl Fehlentwicklungen in der Ersten Welt als auch Missstände in der Dritten Welt anprangern wollte. In wirkungsvollen und stark polemischen Schriften kritisierte er die Praxis des schulischen Lernens und forderte eine „Entschulung der Gesellschaft“. Weitere Kritik richtete er gegen die moderne Medizin, deren Expertokratie zwar zur medikalisierten Mentalität der Gesellschaft passe, aber kranken Menschen oft nicht weiterhelfe. Vor allem in Ländern der „Dritten Welt“ würden die von Experten entworfenen Großsysteme des Bildungs- und des Gesundheitswesens oft mehr Schaden als Nutzen stiften.

Sowohl Illichs Forderung einer Entschulung der Gesellschaft als auch seine kulturgeschichtlichen Thesen wurden von Theologen der katholischen Kirche oft als weltfremd abgelehnt. Eine seiner provokanten Kernthesen lautete etwa, dass die westliche Zivilisation nur als Korruption der christlichen Botschaft angemessen verstanden werden kann.

1960 war Illich zusammen mit John Considine MM maßgeblich an der Gründung des Center for Intercultural Formation an der Fordham University beteiligt.[5] Dabei wurde er von Kardinal Francis Spellman, Erzbischof von New York, unterstützt.[6] Aus dem Center for Intercultural Formation ging – mit Unterstützung seiner Freunde – das Centro Intercultural de Documentación in Cuernavaca (Mexiko) hervor. Dorthin wurde Illich von seiner Erzdiözese New York als Leiter abgeordnet.

Nach dem Tod seines Förderers Kardinal Spellman im Jahr 1967 fiel Illich in der Römischen Kurie in Ungnade, obwohl Papst Paul VI. ihn verteidigte.[7] Am 18. Juni 1968 wurde ihm im Vatikan im Gespräch mit Kardinal Franjo Šeper ein ausführlicher Fragebogen bezüglich seiner theologischen und kirchenkritischen Äußerungen vorgelegt.[8] Infolge der Auseinandersetzungen mit der Kurie verzichtete Illich ab 1969 auf die Ausübung priesterlicher Funktionen. Zugleich bat er darum, weder vom Zölibat noch vom Breviergebet befreit zu werden.[9] Denn beides war – nach seinem Verständnis – ein Ausdruck seiner priesterlichen Berufung, die er auch fortan leben wollte.[10]

Illich wandte sich fortan dem Thema Erziehung zu und forderte die Abschaffung jeglicher Institutionen, allen voran der Schulen.

Illich gehörte – gemeinsam mit André Gorz, Jochen Steffen und Ernst Ulrich von Weizsäcker – zum Beraterkreis des damaligen Magazins Technologie und Politik, dessen Herausgeber Freimut Duve war. 1979 wurde Illich Gastprofessor in Kassel, Marburg, Oldenburg und in Bremen. 1981/1982 zählte er zu den ersten Fellows des neugegründeten Wissenschaftskollegs zu Berlin.[11]

1998 wurde Illich mit dem Kultur- und Friedenspreis der Villa Ichon in Bremen ausgezeichnet.

Auf eigenen Wunsch und durch schriftliche Fürsprache der früheren Bremer Bürgermeister Hans Koschnick und Henning Scherf wurde Ivan Illich auf dem Friedhof in Bremen-Oberneuland beigesetzt.

Werke und Rezeption

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Illich prägte den Begriff Konvivialität (Conviviality), wobei es ihm um einen lebensgerechten Einsatz des technischen Fortschritts ging. In seinem Werk „Selbstbegrenzung – Tools for Conviviality“ schreibt Illich: „Unter Konvivialität verstehe ich das Gegenteil der industriellen Produktivität … Von der Produktivität zur Konvivialität übergehen heißt, einen ethischen Wert an die Stelle eines technischen Wertes, einen realisierten Wert an die Stelle eines materialisierten Wertes setzen.“

Des Weiteren sieht er in der Konvivialität die „individuelle Freiheit, die sich in einem Produktionsverhältnis realisiert, das in eine mit wirksamen Werkzeugen ausgestattete Gesellschaft eingebettet ist“. Gleichzeitig will er auf die Konsequenzen eines falsch eingesetzten technischen Fortschritts aufmerksam machen: „Wenn eine Gesellschaft, ganz gleich welcher Art,[12] die Konvivialität unter ein gewisses Niveau drückt, dann wird sie dem Mangel anheimfallen; denn keiner noch so hypertrophierten Produktivität wird es jemals gelingen, die nach Belieben geschaffenen und multiplizierten Bedürfnisse zu befriedigen.“[13]

Posthum sind 2006 seine Gespräche mit dem kanadischen Rundfunkredakteur David Cayley unter dem Titel „In den Flüssen nördlich der Zukunft“ erschienen. Der Titel entstammt einem Gedicht von Paul Celan.

Bis heute existiert an der Universität Bremen ein Zusammenschluss von Illich-Schülern und -Freunden, darunter Barbara Duden und Johannes Beck (1938–2013), unter dem Namen Denken nach Illich.[14]

Für verschiedene philosophisch-politische Richtungen war Illichs Denken prägend. Dazu gehören Strömungen der Wachstumskritik, der zugehörigen wachstumskritischen Bewegung und des Ökofeminismus.

Als Kulturkritiker thematisierte und problematisierte Ivan Illich in seinem Werk „Die Nemesis der Medizin – Von den Grenzen des Gesundheitswesens“ (s. Fußnoten; Reinbek 1977, S. 49 u. 51.) den Zusammenhang zwischen der modernen Leistungs- und Konsumgesellschaft mit ihren fast pathologischen Zügen einerseits und dem auf sie hin spezialisierten modernen Medizinbetrieb andererseits. Der moderne Medizinbetrieb, so schreibt er dort, „stützt eine morbide Gesellschaft, in der die soziale Kontrolle der Bevölkerung durch das medizinische System eine der wichtigsten ökonomischen Aktivitäten ist … Menschen, die durch ihre industrielle Arbeit und Freizeit verstört, krankgemacht und invalidisiert werden, bleibt nur die Flucht in ein Leben unter ärztlicher Aufsicht, das sie zum Stillhalten verführt und vom politischen Kampf um eine gesündere Welt ausschließt.“ Wilhelm Korff kommentierte dazu: „Mit dieser provokanten These verliert die moderne Medizin gleichsam ihre gesellschaftliche Unschuld. Gesellschaftskritik ist hier zugleich Medizinkritik.“[15] Seine Ablehnung moderner Schulmedizin wurde jedoch auch heftig kritisiert. Der Soziologe Helmut Schoeck sah Ivan Illich als vor allem „kommerziell angetriebenen Unternehmer einer ‚Pamphlet-Industrie‘ mit 14 Angestellten“.[16]

„Meine Arbeit ist ein Versuch, mit großer Traurigkeit die Tatsache der westlichen Kultur zu akzeptieren. [Christopher] Dawson … sagt, dass die Kirche Europa ist und Europa die Kirche, und ich sage: Ja! Corruptio optimi quae est pessima [Die Verderbnis des Besten ist das Schlimmste]. Durch den Versuch, die Offenbarung zu sichern, zu garantieren, zu regeln, wird das Beste zum Schlimmsten …

Ich lebe außerdem in einem Gefühl größter Zwiespältigkeit. Ich komme nicht ohne Tradition aus, aber ich muss erkennen, dass ihre Institutionalisierung die Wurzel von etwas Bösem ist, das tiefer geht als alles Böse, das ich mit unbewaffnetem Auge und Geist erkennen könnte.“[17]

Veröffentlichungen

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Schriften

  • 1951: Die philosophischen Grundlagen der Geschichtsschreibung bei A. J. Toynbee. Dissertation. Salzburg.
  • 1970: Klarstellungen. Pamphlete und Polemiken. Beck, München 1996. (Wiederauflage)
  • 1970: Almosen und Folter. Verfehlter Fortschritt in Lateinamerika. Kösel, München. (Aus dem Englischen von Helmut Lindemann. Titel der amerikanischen Originalausgabe: Celebration of Awareness. Doubleday and Company 1970.)
  • 1971: Entschulung der Gesellschaft. ISBN 3-466-42030-X, (1987) ISBN 3-499-15246-0.
  • 1972: Schulen helfen nicht. Über das mythenbildende Ritual der Industriegesellschaft. Rowohlt, Reinbek.
  • 1973: Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. Rowohlt, Reinbek 1975, ISBN 3-498-03201-1. (Deutsch von Nils Thomas Lindquist. Originaltitel: Tools for Conviviality. Harper and Row, New York 1973.)
  • 1974: Die sogenannte Energiekrise oder die Lähmung der Gesellschaft. ISBN 3-499-11763-0.
  • 1975: Die Enteignung der Gesundheit – Medical Nemesis. Rowohlt, Reinbek, ISBN 978-3-498-03202-9.
    • Die Nemesis der Medizin. Die Kritik der Medikalisierung des Lebens. 5. Auflage. Beck, 2007, ISBN 978-3-406-56072-9.
  • 1978: Fortschrittsmythen. ISBN 3-498-03204-6.
  • 1980: Schattenarbeit oder vernakuläre Tätigkeiten. Zur Kolonisierung des informellen Sektors. In: Freimut Duve (Hrsg.): Technologie und Politik. 15/1980, S. 48–63.
  • 1981: Die Nemesis der Medizin. Von den Grenzen des Gesundheitswesens. ISBN 3-499-14834-X.
  • 1982: Vom Recht auf Gemeinheit. ISBN 3-499-14829-3.
  • 1983: Genus. Zu einer historischen Kritik der Gleichheit. Hamburg. ISBN 3-498-03207-0.
  • 1984: Schule ins Museum. Phaedros und die Folgen. Bad Heilbrunn 1984.
  • 1985: Vernakuläre Werte. In: Satish Kumar/Roswitha Hentschel (Hrsg.): Metapolitik. Die Ernst Friedrich Schumacher Lectures. Dianus-Trikont-Verlag, München, S. 166–184, ISBN 3-88167-130-7.
  • 1987: H20 und die Wasser des Vergessens. ISBN 3-499-12131-X.
  • 1988: mit Barry Sanders: Das Denken lernt schreiben. Lesekultur und Identität. ISBN 3-455-08293-9.
  • 1991: Im Weinberg des Textes. Ein Kommentar zu Hugos „Didascalicon“. ISBN 3-630-87105-4.
  • 1991: Was macht den Menschen krank? 18 kritische Analysen. ISBN 3-7643-2583-6.

Gespräche

  • 2005: The Rivers North of the Future. The Testament of Ivan Illich as Told to David Cayley. House of Anansi Press, Toronto
    • Deutsche Ausgabe 2006: In den Flüssen nördlich der Zukunft. Letzte Gespräche über Religion und Gesellschaft mit David Cayley. Aus dem Englischen übersetzt von Sebastian Trapp. Beck, München, ISBN 3-406-54214-X; 2. Auflage ebenda 2020, ISBN 978-3-406-76299-4.
  • David A. Gabbard: Silencing Ivan Illich: A Foucauldian Analysis of Intellectual Exclusion. Austin & Winfield, 1993, ISBN 99939-73-28-9.
  • Hans Halter: Entführungen ins Schattenreich. In: Der Spiegel. Nr. 48, 1979, S. 268–272 (online26. November 1979).
  • Lee Hoinacki, Carl Mitcham (Hrsg.): Challenges of Ivan Illich the: A Collective Reflection. State University of New York Press, 2002, ISBN 0-7914-5422-3.
  • Martina Kaller-Dietrich: Ivan Illich (1926–2002). Sein Leben, sein Denken (= Bibliothek der Provinz.) Verlag für Literatur, Kunst und Musikalien, Wien 2008, ISBN 978-3-85252-871-7.
  • Edith Kohn: Versuch, sich dem Werk Ivan Illichs aus verschiedenen Perspektiven zu nähern. Ein Beitrag zur pädagogischen Ideen- und Wirkungsgeschichte einer radikalen Gesellschaftskritik. Dissertation. Fachbereich Erziehungswissenschaften der Johann Wolfgang Goethe-Universität, Frankfurt am Main 2006.
  • Wolfgang Palaver: Ivan Illich (1926–2002): Kritiker der Moderne und apokalyptischer Christ. In: M. Benedikt u. a. (Hrsg.): Verdrängter Humanismus – verzögerte Aufklärung. Band VI: Auf der Suche nach authentischem Philosophieren. Philosophie in Österreich 1951–2000. facultas.wuv, Wien 2010, ISBN 978-3-7089-0446-7, S. 1160–1170.
  • Thierry Paquot: Ivan Illich. Denker und Rebell. Aus dem Französischen übersetzt von Henriette Cejpek und Barbara Duden. Beck, München 2017, ISBN 978-3-406-70704-9.
  • Stephan H. Pfürtner (Hrsg.): Wider den Turmbau zu Babel. Disput mit Ivan Illich. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1985, ISBN 3-499-15640-7.
  • Winfried Süß: Enteignete Gesundheit? Ivan Illich und die Pathologien der Industriemoderne. In: Zeithistorische Forschungen. Band 17, 2020, S. 378–385.
  • Helmut Woll: Ivan Illichs sozialphilosophische Kritik an der modernen Industriegesellschaft. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Band 5, Heft 188/189, 2016, S. 45–52.

Einzelnachweise

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  1. Rosa Bruno-Jofré, Jon Igelmo Zaldivar: Ivan Illich Fifty Years Later: Situating Deschooling Society in His Intellectual and Personal Journey. University of Toronto Press, 2022, ISBN 978-1-4875-4508-6.
  2. Ivan Illich: Vernakuläre Werte. In: Satish Kumar, Roswitha Hentschel (Hrsg.): Metapolitik. Die Ernst Friedrich Schumacher Lectures. Dianus-Trikont-Verlag, München 1985, S. 166.
  3. Barbara Duden, Silja Samerski: Zum Tod des Kulturkritikers Ivan Illich. In: Der Freitag vom 13. Dezember 2002.
  4. Helmut Woll: Ivan Illichs sozialphilosophische Kritik an der modernen Industriegesellschaft. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Band 188/189, Heft 5, 2016, S. 45–47. Online.
  5. Todd Hartch: The prophet of Cuernavaca. Ivan Illich and the crisis of the West. Oxford University Press, Oxford 2015, ISBN 978-0-19-020456-3, Kapitel 2: The Center for Intercultural Formation.
  6. Ivan Illich: Historia del C.I.F. 1960–1965. Cuernavaca 1966.
  7. Un amigo de OCI nos deja, defunción de Ivan Illich. In: Asociación Católica Mundial para la Comunicación: Signis Info, Jg. 2003, Heft 1, S. 7.
  8. Samuel E. Ewell: Faith seeking conviviality. Reflections on Ivan Illich, Christian Mission, and the promise of life together. Cascade Books, Eugene 2020, ISBN 978-1-5326-1463-7, S. 70.
  9. Francine du Plessix Gray: Divine disobedience: profiles in Catholic radicalism. Hamilton, London 1970, ISBN 0-241-01904-4, S. 314.
  10. Samuel E. Ewell: Faith seeking conviviality. Reflections on Ivan Illich, Christian Mission, and the promise of life together. Cascade Books, Eugene 2020, S. 72.
  11. Hans-Albrecht Koch: Geschichten aus dem Grunewald. Uwe Pörksen erzählt von der Frühzeit des Wissenschaftskollegs zu Berlin. In: Neue Zürcher Zeitung vom 10. Januar 2015, internationale Ausgabe, S. 53.
  12. Illich bezieht sich hier insbesondere auf die 1973 bestehenden und vorherrschenden Systeme Marktwirtschaft und Planwirtschaft.
  13. Selbstbegrenzung – Tools for Conviviality. S. 32 f.
  14. Internetpräsenz der Gruppe Denken nach Illich. (Memento des Originals vom 27. August 2005 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.pudel.uni-bremen.de
  15. Wilhelm Korff: Wie kann der Mensch glücken – Perspektiven der Ethik. R. Piper GmbH & Co. KG, München / Zürich 1985, ISBN 978-3-492-10394-7, S. 316.
  16. Helmut Schoeck: Das Geschäft mit dem Pessimismus. S. 11.
  17. Ivan Illich in Conversation. Toronto 1990, S. 242–243.