Weg und Ziel, Heft 4/1996
Oktober
1996

Ansatzpunkte für eine zeitnahe Reformulierung der historisch-materialistischen Klassenkonzeption*

1. Ökonomische Verhältnisse

Bislang gibt es keine überzeugenden Einwände dagegen, von Klassen als Ergebnis ökonomischer Verhältnisse, — wie sie für die kapitalistische Produktionsweise charakteristisch sind, — zu sprechen. Folgenschwere theoretische Verkürzungen bestehen darin, die ökonomischen Verhältnisse nicht als Gesamt der Produktions- und Verkehrsverhältnisse aufzufassen, sondern die Bedeutung der Produktionsverhältnisse — Kapital als Klassenverhältnis — zum Anlaß zu nehmen, das Gesamt der Produktions- und Verkehrsverhältnisse zu vernachlässigen.

2. Verhältnisse

Von Klassen als Erzeugnisse ökonomischer Verhältnisse zu sprechen, beinhaltet, daß Klassentheorie nicht separate Klassen, sondern Klassen in Verhältnissen zum Gegenstand hat, welche die Individuen im Prozeß ihrer Lebensgewinnung vorfinden und eingehen. Es geht also nicht darum, mit dem Klassenbegriff die Gesellschaft einfach „einzuteilen“, sondern darum, „Klasse“ als ein Verhältnis aufzufassen, durch das Beziehungen von Menschen wesentlich gestaltet werden.

3. Gesellschaftliche Verhältnisse

Die Betrachtung kapitalistischer Vergesellschaftungsweise nach der ökonomischen Struktur legt die Eigentumsform frei, durch die die Beziehungen der gesellschaftlichen Individuen im Produktionsprozeß bestimmt sind. Folgenschwere theoretische Verflachungen beginnen dort, wo die ökonomische Kategorie der Klasse als ein gesellschaftlicher Begriff konzipiert wird: Ökonomische Eigentumsformen konstituieren nicht unvermittelt gesellschaftliche Klassen.

4. Reproduktion der Produktionsverhältnisse

Ökonomische Verhältnisse sind nicht als steinernes Fundament zu denken, auf dem die Individuen in gesellschaftlichen Verkehr eintreten. Folgenschwere theoretische Verflachungen bestehen darin, Klassen als über gesellschaftliche Veränderungen erhabene Größen anzusehen, statt sie in ihren Verhältnissen als gesellschaftliche Prozeßkategorien zu formulieren. Es geht um den Entwurf der Klassentheorie als Theorie der Reproduktion der ökonomischen Verhältnisse, der Regulierung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse.

Reproduktion und Regulierung der Verhältnisse, in denen gesellschaftliche Individuen in Produktion und Verkehr arbeiten und leben, sind nicht wie in einem Kreislauf als stetige Wiederholung des Immergleichen zu denken. Klassen in ihren Verhältnissen als Prozeßkategorien zu formulieren, verlangt von einer theoretischen Fassung, daß sie zugänglich sein muß für die Veränderung der Formen der Reproduktion und Weisen der Regulierung der Produktions- und Verkehrsverhältnisse. Klassen sind Entwicklungen unterworfene, veränderliche Größen.

5. Krisendimension

Es gibt bislang keinen überzeugenden Grund, von der Einsicht Abstand zu nehmen, daß in der kapitalistischen Produktionsweise Widersprüche der Mehrwertproduktion und -realisierung liegen. Die Verwertung des Werts, die Reproduktion der ökonomischen Verhältnisse, vollzieht sich im Zuge von Krisen, Krisenregulierungen und Krisenbewältigung. Der Krise verdankt das Kapital seine Lebens- und Entwicklungsfähigkeit. Die Formierung und Deformierung von Klassen sollte als krisengesteuerter Entwicklungsund Veränderungsprozeß der kapitalistischen Vergesellschaftungsweise und ihrer Regulierung konzipiert werden.

6. Perspektive der Umwälzung

Als zur Erfassung gesellschaftlicher Verhältnisse und ihrer Reproduktion bestimmte Theorie ist Klassentheorie bislang als Theorie der gesellschaftlichen Umwälzung formuliert worden. Das Aufgeben der Perspektive der Umwälzung würde die Klassentheorie in eine beliebige Theorie der Vergesellschaftung verwandeln. Reformulierung der Klassentheorie beinhaltet demnach die Wiedererarbeitung einer Theorie der gesellschaftlichen Umwälzung. Als solche ist die Klassentheorie angehalten, die Dimensionen des Ökonomischen, Sozialen, Kulturellen und Ideologischen sowohl die Aspekte des Gesellschafts- wie Subjektwissenschaftlichen zu integrieren. Klassentheorie umschließt nicht die Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse, wohl aber das Konzentrat der umwälzungsrelevanten Momente der Reproduktion der Produktions- und Verkehrsverhältnisse.

7. Subjekt der Umwälzung

Bislang galt die Arbeiterklasse im marxistischen Denken als das revolutionäre Subjekt. Dagegen sind immer schon, in letzter Zeit grundsätzliche, Einwände erhoben worden. Solange die Klassentheorie als Theorie der gesellschaftlichen Umwälzung zurückgebunden wird an das antagonistische Verhältnis zwischen Kapitalverwertungsklasse und der Klasse der Lohnarbeiter und Lohnarbeiterinnen bleibt ihr nicht erspart, zu benennen, wie sich ein Subjekt der Umwälzung formiert.

8. Klassen

Durch die ökonomischen Eigentumsformen und die dazugehörigen Einkommensquellen (Lohn, Unternehmergewinn [Profit], Rente und zunehmend Zins) sind Klassen als ökonomische Kategorien bestimmt. Diese Bestimmung erscheint als Grundriß der Klassenverhältnisse. Die ökonomische Betrachtungsweise der Klassenverhältnisse, des bestimmten Ausbeutungsverhältnisses (unbezahlte Mehrarbeit bzw. „Diebstahl fremder Arbeitszeit“), ist zwar notwendig, reicht aber nicht für die Bestimmung der Klassen aus.

In der marxistischen Tradition hat sich die Identifizierung von Klasse als Kürzel für das ökonomische Ausbeutungsverhältnis und als Chiffre für eine soziologisch bestimmbare reale Großgruppe festgesetzt. Diese Identifizierung von ökonomischem Kürzel und soziologischer Chiffre ist revidierungsbedürftig. Das Nichtidentische der Identität von Klasse als ökonomischer Kategorie und als soziale Verkörperung ökonomischer Verhältnisse ist stärker systematisch neu zu konzipieren.

Marxistische und nichtmarxistische Analytiker, die dem Klassenbegriff einen Platz in ihren theoretischen Arrangements reserviert haben, beklagen seit längerem übereinstimmend die immensen Schwierigkeiten, die Grenzen der Arbeiterklasse in ihrer spezifischen Bestimmtheit zu zeichnen. Es gehört zu den zentralen folgenschwersten Unterlassungen, keine oder wenig Mühe darauf verwendet zu haben, die sich herausbildende und um sich greifende Nichtidentität von Arbeiterklasse und Klasse der Lohnarbeiter in Form der Differenzierung von Klasse als ökonomischer Kategorie (Lohnarbeit) und als soziologischer Kategorie (Arbeiterklasse) abzubilden.

9. Mittelklasse

Der „gordische Knoten“ der anfangslogischen Schwierigkeiten ist gewiß nicht mit der Einführung einer weiteren Klasse in die Klassentheorie zu durchhauen. Im klassischen ökonomischen Grundriß des „Kapitals“ sind „drei große Klassen“ genannt: Lohnarbeiter, Kapitalisten, Grundeigentümer. Im ökonomisch-politischen Grundriß des „Manifests“ sind zwei Klassen als für die entwickelte kapitalistische Produktionsweise charakteristisch ausgewiesen: Bourgeoisie und Proletariat. Für einen zeitnah zu zeichnenden ökonomischen Grundriß gäbe es gute Gründe, mit Blick auf die Einkommensquellen als vierte Klasse noch die der Bezieher von Zins-Revenuen eigens aufzuführen (Stichwort: Verflechtung von Bank- und Industriekapital). Auf der Ebene der Klassenverhältnisse als Ausdruck ökonomischer Verhältnisse, das heißt von Klasse als ökonomischer Kategorie ist es schlüssig, ein polares Klassenschema zu konzipieren. Auf der Ebene der Klassenverhältnisse als Ausdruck gesellschaftlicher Verhältnisse, das heißt von Klasse als soziologischem Begriff, ist auf dem Weg zu einer Refor- mulierung des Klassenparadigmas die ökonomisch-politische Figur der Zwei-Klassen-Struktur einer gründlichen Reflexion und Diskussion zu unterziehen. Die Konzeption der realen Nichtidentität von Arbeiterklasse und Klasse der Lohnarbeiter, von Klasse als ökonomischer Kategorie und soziologischem Begriff, sollte sich einstweilen die Option für ein Mehr-Klassen-Modell, für den Begriff der „Mittelschicht“ offenhalten.

10. Differentielle Klasse

Ungeachtet des Ausgangs der Diskussion um ein Zwei- oder Mehr-Klassen-Modell ist eine Reformulierung der Klassentheorie angehalten, die internen Gliederungen und Differenzierungsprozesse der Klassen theoretischanalytisch zu gewichten. Hat bislang aus konventionalisierten Gründen der politischen Strategie („Subjekt der Umwälzung“) die vorgeschriebene Optik sozialökonomischer Einheitlichkeit der Arbeiterklasse dominiert, so ist darüber nachzudenken und zu befinden, ob es gerade im Hinblick auf die politische Einheitlichkeit nicht von Vorteil ist, sich von der ökonomischsozialen Uneinheitlichkeit, der Heterogenität der Klasse leiten zu lassen. Der Vorteil scheint im Realismusgewinn, in der Eindämmung bzw. Vorbeugung gegen harmonistische Illusionsbildungen zu bestehen. In diesem Zusammenhang sind ökonomische Theorien und Forschungen daraufhin zu befragen, was sie über die Konsistenz der ökonomischen Kategorie der Lohnarbeit zu sagen wissen. Die differentielle Betrachtungsweise ist demnach nicht erst auf der Ebene der Klasse als soziologisches Problem zur Geltung zu bringen.

11. Segmentierung

Die Angst, die Arbeiterklasse könnte von internen Gegensätzen objektiver Natur geprägt sein, ist kein guter Ausgangspunkt. Ein zu formulierendes Konzept der sozialen Klasse hat Prozesse des Entstehens, der Festigung, des Austragens von Gegensätzen und der Krise einzuplanen. Eine klassentheoretische Konzeption von Segmentierungen und deren Kollisionen bedingt eine mehrdimensionale Bestimmung von sozialer Klasse. Als Grunddimension zeichnet sich die Verortung der Klassenindividuen in der Sphäre der Produktions-, der Verkehrs- und der Reproduktionsverhältnisse ab: Stellung im System der Wirtschaft, Wert- und Preisbestimmung der Ware Arbeitskraft, Formen und Standards der einfachen und erweiterten Reproduktion der Arbeitskraft. Kurz, es geht um eine mehrdimensionale Charakterisierung des „doppelt freien Lohnarbeiters“ und der Struktur seiner Interessen.

12. Mobilität

Es ist unverzichtbar, die segmentierungstheoretische Konzeptualisierung unter dem Gesichtspunkt horizontaler und vertikaler Mobilitätsprozesse vorzunehmen. Soziale Klassen reproduzieren sich intra- und intergenerativ, reproduzieren sich durch Verschiebungen im sektoralen und regionalen Gefüge der Wirtschaft und des gesellschaftlichen Lebens.

13. Soziale Lage und Lebenschancen

Die Struktur der Lebenslagen der Klasse der Lohnarbeiter/innen ist mit der Unsicherheit der Bedingungen der lebensnotwendigen Reproduktion entscheidend gekennzeichnet. Wie alle Waren, wie jeder Wert bedarf auch die Arbeitskraft der Verwertung. Die Grade der Unsicherheit bzw. die Wahrscheinlichkeit, Kontinuierlichkeit und qualifikationsgebundene Art der Verwertung variieren aber innerhalb der Klasse der Lohnarbeiter ganz erheblich. Der gewordene und reproduzierte Wert der Ware Arbeitskraft bestimmt wesentlich die soziale Lage und die hieraus resultierenden Lebenschancen im Sinne von Möglichkeiten erfüllter, entwicklungsoffener Lebensgewinnung. Ein Konzept der segmentierten Klasse erfordert demnach die Ausarbeitung einer elastischen Typologie unterschiedlicher sozialer Lagen, Lebenschancen und Lebensweisen, von sozialen Scheide- und Trennlinien innerhalb der ökonomischen Kategorie der Klasse der Lohnarbeiter. Eine hierauf gründende Phäno- und Soziographie der Verteilung der Lebensrisiken bzw. der sozialen Lagen, Lebenschancen und Lebensweisen sind unverzichtbare, ständig fortzuschreibende Stationen auf dem Wege zu einer differentiellen Theorie der sozialen Klasse.

14. Forschung

Eine Reformulierung der Klassentheorie sollte von Anfang an der Verführung widerstehen, sich gegen empirische Forschung und Erfahrung abzuschotten, um wahrnehmbaren Unstimmigkeiten aus dem Weg zu gehen. Die „immunisierenden“ Verformungen innerhalb der marxistischen klassentheoretischen Tradition, gerechtfertigt mit dem schematischen Hinweis auf die Differenz zwischen Wesen und Erscheinung, sind zu korrigieren. Ein klassentheoretischer Ansatz wird erst dann wissenschaftlich produktiv und politisch fruchtbar, wenn er Forschungsfragen nicht nur gestattet, sondern provoziert.

*) Entnommen aus: Friedhelm Kröll, Monika Wammerl: Angebetet und verworfen — Streitfrage „Arbeiter­klasse“, Marburg 1992, S. 209-214.

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