FORVM, No. 286
Oktober
1977

Bloch, Terrorist

Ernst Bloch
war seit den frühen Tagen des „Dialogs“ unser Autor, Mitherausgeber, Mitglied des Redaktionsbeirates

Er begründete Zukunft [1] und konnte zuletzt nichts mehr sehen. Er philosophierte über „aufrechten Gang“ des Menschen [2] und konnte zuletzt nicht mehr gehen. So starb er (am 4. August 1977 in Tübingen, 92 Jahre alt), Symbol seines „Prinzips Hoffnung“, [3] dessen Wesen die Nichtenttäuschbarkeit ist wider alle Erfahrung — er lebte selber jenes „Experimentum mundi‘“, [4] das sein letztes vollendetes Werk bleiben sollte.

So oder schlimmer werden Geistesschmocke aller Art sich auf den nun wehrlosen Alten stürzen. Alle Nachrufer im Kulturteil der Medienindustrie begehen Leichenfledderei: der große Mann ist tot, wir Kleinen leben weiter und tranchieren ihn in handliche Portionen zwecks Geistesnahrung des Publikums. Rasch surrt der Schwarm der Schmocke wieder weiter zu aktuellerem Geschmocke. Mediengerechte Fliegenschisse bleiben zurück auf jeder historischen Figur.

Mit seinem Satz „Die Philosophen haben die Welt verschieden interpretiert, es kömmt aber darauf an, sie zu verändern“ hat Marx aller ihm nachgeborenen Philosophie das gute Gewissen genommen. Bloch hat es ihr wiedergegeben — vorausgesetzt, sie beschäftigt sich mit dem einen Gegenstand, den der Marxsche Hammer übriggelassen hat: Veränderung der Welt; also Zukunft.

Zukunft als einzig würdiger Gegenstand der Philosophie im Zeitalter des Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus — das ist, in einem Satz, die Leistung Blochs.

Die Leistung der akademischen Philosophie ist die Weitergabe bisheriger Philosophie durch Philosophieprofessoren an künftige Philosophieprofessoren, deren Aufgabe die Weitergabe bisheriger Philosophie an künftige Philosophieprofessoren ist. Mit dem Leben der normalen Menschen hat das garantiert nichts zu tun.

Auch Bloch war Philosophieprofessor, aber mit Rückwirkung auf die Realität. In Leipzig wurden seine Vorlesungen überwacht, seine Studenten vom Staatssicherheitsdienst beschattet; seine Werke wurden in der DDR proskribiert. Er selbst wäre womöglich eingesperrt worden (wie sein Schüler Wolfgang Harich) — wäre er nicht 1961, nach dem Mauerbau, sicherheitshalber in Westdeutschland geblieben, wo er gerade auf Vortragsreise war.

In der BRD genoß er die Geistesfreiheit. Als Professor in Tübingen hat ihm niemand was getan, obgleich er deklarierter Kommunist blieb; im CDU-Staat gab’s noch kein Berufsverbot.

Als man ihm beiläufig vorwarf, er habe seinen Satz „Ubi Lenin, ibi Jerusalem“ nie revoziert, antwortete er, „Ubi Breschnew, ibi Jerusalem“ habe er nie gesagt. [5] Im Gegenteil, die sowjetischen Machthaber nannte er, als sie in Prag einmarschierten, „Enkel der Ochrana“ (des zaristischen Geheimdienstes). [6]

Die offizielle DDR nahm den Zukunftsphilosophen so ernst, daß sie ihn verfolgte; die offizielle BRD so unernst, daß sie ihn ignorierte. Geistesverfolgung heißt immer auch: Respekt vor dem Geist (in Form von Angst vor ihm); Geistesfreiheit immer auch: was einer denkt, ist uns Herrschenden herzlich Wurst.

Tolerant sind, die sich ihrer Herrschaft sicher fühlen. Als sich Blochs Wirkung, wie im Osten, so im Westen, zeigte, wurden zumindest ideologische Gegenmaßnahmen ergriffen.

Blochs Philosophie machte eine ganze Generation junger Theologen rebellisch. Gegen die aufeinanderfolgenden Wellen der sämtlich von Bloch inspirierten „Theologie der Zukunft“ (Rahner), „Theologie der Hoffnung“ (Moltmann), „Theologie der Revolution“, „Theologie der Gewalt“ (Metz, Girardi, Casalis) wurden ganze Kohorten mediokrer vatikanischer und lutherischer Hauskapläne in die Schlacht geführt.

Die vom vielhundertjährigen, alltäglichen Bündnis zwischen Kirche und Herrschaft zugeschütteten Quellen der christlichen Botschaft: Hoffnung, Zukunft, Veränderung — wurden vom Atheisten Bloch unerbittlich, liebevoll, kenntnisreich freigeschaufelt. [7] Sein Frühwerk „Thomas Münzer als Theologe der Revolution“ [8] ist ein christliches Standardwerk so gut wie ein marxistisches.

Folgerichtig stand die Entdeckung der Blochschen Philosophie am Ursprung des christlich-marxistischen „Dialogs“ der sechziger Jahre. Was in ihm herauskam an fundamentalen Gemeinsamkeiten von Christen und Marxisten, findet sich sämtlich bereitgelegt in der Blochschen Philosophie/Theologie. Nach einigen Jahren endigte der „Dialog“ mit Auswechslung der Dialogpartner innerhalb ein und derselben Dialogisten: ZK-Mitglied Roger Garaudy wurde Christ; Salesianermönch Giulio Girardi Marxist.

Solchem gefährlichen Unfug wurde vom Moskauer wie römischen Vatikan energisch gegengesteuert. Zugleich mit dem Einmarsch der Panzer in Prag wurde dem „Dialog“ der Garaus gemacht; sein Höhepunkt war der Kongreß der Paulus-Gesellschaft in Marienbad, ein Jahr vor dem Einmarsch; seine frühesten und heftigsten Protagonisten waren Figuren des Prager Frühlings wie der Extheologe, KP-Ideologe, Universitätsprofessor Milan Machovec, den wie die anderen Dialogisten Berufsverbot traf. Im „Westen“ schloß die KPF den Hauptdialogisten Garaudy aus.

Zugleich mit den sowjetischen rollten auch die vatikanischen Panzer. Hauptdialogist Pater Girardi, Konzilsberater und Vertrauter des Kardinals König, wurde — spiegelbildliich zu Machovec, Garaudy usw. — aller Funktionen, erst als Professor, dann als Priester, enthoben. Fast alle katholischen und protestantischen Dialogisten traf ein ähnliches Schicksal, außer Karl Rahner, der rechtzeitig die Kurve zurück ins Konservative kratzte.

Das II. Vaticanum, das die Signalflaggen gehißt hatte für die Begegnung mit dem Marxismus, wurde in diesem Punkte beinah so illegal und ausgetilgt aus dem offiziellen Gedächtnis wie der XIV. Parteitag der KPC vor dem sowjetischen Einmarsch.

Blochs ungeheurer Wirkung hinüber in den christlichen Bereich steht im marxistischen Bereich zunächst nichts Vergleichbares gegenüber. Unter seinen Schülern sind viel mehr Theologen als Marxisten.

Er war natürlich ein Erzrevisionist. Zum langen Marsch der weltgeschichtlichen sozialistischen Bewegung aus der Phase des abgesonderten „Lagers“ in jene der allmählichen „Integration“ in sämtliche bürgerliche Institutionen gehört die entsprechende ideologische Begleitmusik. Diese Musik ist der Revisionismus. Zwar erhoben schon Marx und Engels mit legitimer Arroganz den Anspruch, ihre Theorie beerbe alle Philosophie, insbesondere die gegnerische, idealistische. Aber erst Bloch hat diesen Anspruch wirklich eingelöst.

Für eine lange Zeit hinter Marx und Engels wirkte der Marxismus als ideologisches Werkzeug der Loslösung der Arbeiterklasse aus der bürgerlichen Formation, Verselbständigung der sozialistischen Bewegung; dies war berechtigt und nötig. In unserer Epoche ist diese Verselbständigung vollzogen; ebendarum ist der Einzug einer autonom gewordenen sozialistischen Bewegung in die bürgerlichen Institutionen national wie international möglich sowie auch notwendig, um die Entwicklung zum Sozialismus voranzutreiben. In einem solchen Zeitalter wird Bloch, der sich aus allen revolutionären Wurzeln der bürgerlichen Philosophie nährt und so zu einem revidierten, d.h. neugesehenen Marxismus gelangt, auf lange Frist zu dementsprechend epochaler Wirkung kommen.

Bloch macht vollen Ernst damit, daß der Marxismus die Aufhebung aller bisherigen Philosophie sei:

Aufhebung als Aushebelung, Vernichtung der historisch nutzlosen akademischen Varianten von Philosophie;

Aufhebung als Aufbewahrung aller auf Zukunft gerichteten Varianten von Philosophie;

Aufhebung als Emporhebung bisheriger Philosophie auf ein neues, der Marxschen Wende gemäßes Niveau.

Dies freilich um den Preis der Aufhebung auch des Marxismus selbst — in seiner bisherigen Gestalt als eine in rechtgläubige Sekten aufgespaltene Orthodoxie.

Seit Bloch sind Marxisten als Doktrinäre unmöglich, es sei denn als ebenso jämmerliche Figuren wie die diversen bürgerlichen Schulphilosophen. Die sowjetischen und, sowjetischer noch als die sowjetischen, DDR-Schulphilosophen, Blochs wütendste Gegner, sind einbezogen in den von Marx prophezeiten Untergang aller bisherigen Philosophie, und dies aus dem von Marx angegebenen Grund; sie begnügen sich mit Interpretation ihrer eigenen Welt, wo es doch darauf ankommt, diese zu verändern.

Unter dem Leitstern: Veränderung der Welt, also Zukunft, hat Bloch dem Marxismus unwiderruflich einverleibt alle großen, unterwegs liegengebliebenen Kategorien bisheriger Philosophie. Sein Marxismus ist deren Fortsetzung mit anderen Mitteln.

Die zeitgenössische, bürgerlich wie sozialdemokratische Haupt- und Staatsphilosophie ist der Positivismus, lendenlahme Kapitulation vor der Wirklichkeit, wie sie ist, nämlich gar nicht positiv, sondern kapitalistisches Mach- und Flickwerk (oder staatskapitalistisches Mach- und Flickwerk; auch die sowjetische Schulphilosophie ist auf ihre Weise „positivistisch“). Dem setzt Bloch entgegen die hinreißende Rehabilitierung der Utopie — sie ist nicht Illusion, gemessen an der übermächtigen Wirklichkeit, sondern künftige Wirklichkeit, die jetzt schon „deutlich vorausdämmert“, ein „Denken nach vorn“, bei dem Gegenstand wie Methode konkret angebbar sind durch ein von Bloch vielstrapaziertes Zitat des jungen Marx: „Traum von einer Sache, von der wir nur das Bewußtsein zu besitzen brauchen, um sie selbst zu besitzen.“ Das meint Bloch mit „konkreter Utopie“ als würdige Beschäftigung für wohlinformierte Hoffnung („docta spes“). [9]

Damit hat Bloch die von Marx und Engels ausgesprochene Verdammnis aller Utopie ins Gegenteil gewendet, aber auf dem Boden des Marxismus. Utopie ist ihm die höchste Kategorie aller Philosophie seit Platon, und seit Jesus die größte aller Religionen. Bloch gegenüber versinken die philiströsen Positivisten unsrer Tage auf das „streng wissenschaftliche“ Niveau des Doktor Pelikan bei Wilhelm Busch:

Und den Doktor Pelikan
sieht man sich bedächtig nahn,
und es spricht sein Angesicht,
wie es kommt, das weiß man nicht.

Daher soll auch nichts kommen, sondern sicherheitshalber alles bleiben, wie’s ist. Zukunft ist grundverdächtig für allen Positivismus. Dessen Papst Popper verfolgt alle „Utopisten“, von Platon über Jesus bis Marx und wieder retour, mit einer Mischung aus bornierter Arroganz und mühsam verwissenschaftlichtem Haß im Umfang von mehreren Bänden. [10]

Die bürgerliche Philosophie, und ihr nachfolgend die doktrinär-marxistische, entwickelte einen platten, verkümmerten und verkommenen Begriff von Materie und Materialismus. Dem setzt Bloch entgegen den ganzen von ihm freigelegten, blühenden Reichtum einer Materie, die nicht ärmlicher Gegensatz zum Geist ist, sondern diesen in sich enthält und desto mehr aus sich entfaltet, desto mehr sie in die Zukunft gerät.

Von den griechischen „materialistischen“ Philosophen, über „christlichen Materialismus“, als welchen er die deutsche Mystik (Jakob Böhme) enthüllt, bis zur Dissertation des jungen Marx und dessen späteren Materialismus-Definitionen (im Gegensatz zum Vulgärmaterialismus von Engels) leistet Bloch das wuchtigste Stück Rehabilitations- und Oppositionsarbeit aller Geschichte deutscher Philosophie überhaupt. [11]

Mit alledem hat man sich immerhin, ob für oder gegen Bloch, auf christlicher Seite höchst umfangreich und großteils auch intelligent befaßt. Die theologische Literatur zu Bloch füllt Regale. Von sozialistischer, kommunistischer, sozialdemokratischer Seite entspricht dem vorläufig nichts, weder an Qualität noch Umfang.

Am schlimmsten ist es bei den Sozialdemokraten. Helmut Schmidts Hausphilosoph ist Popper, Denunziant aller Systemveränderer; wer Zukunft will, und gar eine andere, ist kein harmloser Utopist, sondern „totalitär“, gemeingefährlich, geistiger Bombenwerfer, Terrorist. [10]

Ernst Bloch und seine Anhänger — die manchen, die er schon hat, und die vielen, die er noch kriegen wird — sind die Baader-Meinhof-Bande der Philosophie. Und Sozialismus, der denkt statt schießt, ist auf Dauer nicht umzubringen.

[1Erstmals in: „Geist der Utopie“, 1918, Neufassung 1923; Neuauflage in Gesamtausgabe Suhrkamp, Frankfurt 1959 ff (GAS), Bd. 3, 1964

[2„Naturrecht und menschliche Würde“, GAS, Bd. 6, 1961

[3Hauptwerk, 2 Bde. geschrieben 1938 ff, veröffentlicht in GAS, Bd. 5/I, II, 1959

[4GAS, Bd. 15, 1975

[5Spiegel, 8. August 1977

[7„Atheismus im Christentum“, GAS, Bd. 14, 1968

[81921, Neuauflagen Bibliothek Suhrkamp 1962, GAS, Bd. 2, 1969

[9„Geist der Utopie“, a.a.O.; „Prinzip Hoffnung“, a.a.O., passim

[10„Die offene Gesellschaft und ihre Feinde“, 2 Bde., München 1975

[11„Das Materialismusproblem“, GAS, Bd. 7, 1972

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