FORVM, No. 384/385/386
April
1986

Das postmoderne Wissen

Ende Mai bringt der Böhlau Verlag die deutsche Übersetzung von Lyotards 1979 in Paris erschienenem Buch „La condition postmoderne“ heraus. Es ist bereits heute ein Klassiker. Wir bringen einen Vorabdruck der leicht gekürzten Einleitung und die ersten zwei Kapitel. Die Illustrationen stammen aus dem Buch „Modern French Cooking for the American Kitchen“ von Wolfgang Puck.

Diese Untersuchung hat die Lage des Wissens in den höchst entwickelten Gesellschaften zum Gegenstand. Man hat sich entschieden, sie „postmodern“ zu nennen. Dieses Wort ist auf dem amerikanischen Kontinent, bei Soziologen und Kritikern gebräuchlich. Es bezeichnet den Zustand der Kultur nach den Transformationen, welche die Regeln der Spiele der Wissenschaft, der Literatur und der Künste seit dem Ende des 19. Jahrhunderts getroffen haben. Hier orten wir diese Transformationen im Verhältnis zur Krise der Erzählungen.

In Konflikt

Die Wissenschaft ist von Beginn an in Konflikt mit den Erzählungen. Gemessen an ihren eigenen Kriterien, erweisen sich die meisten als Fabeln. Aber insofern sie sich nicht darauf beschränkt, die nützlichen Regelmäßigkeiten aufzuzeigen und das Wahre sucht, muß sie ihre Spielregeln legitimieren. So führt sie über ihr eigenes Statut einen Legitimiationsdiskurs, der sich Philosophie genannt hat. Wenn dieser Metadiskurs explizit auf diese oder jene große Erzählung zurückgreift wie die Dialektik des Geistes, die Hermeneutik des Sinns, die Emanzipation des vernünftigen oder arbeitenden Subjekts, so beschließt man „modern“ jene Wissenschaft zu nennen, die sich auf ihn bezieht, um sich zu legitimieren. So wird etwa die Konsensregel zwischen Sender und Empfänger bei einer Aussage mit Wahrheitswert für annehmbar gehalten, wenn sie sich in die Perspektive einer möglichen Einstimmigkeit der mit vernünftigem Geist Begabten einschreibt: das war die Erzählung der Aufklärung, worin der Heros der Wissenschaft an einem guten ethisch-politischen Ziel, dem universellen Frieden, arbeitet. Man sieht daran, daß die Legitimierung des Wissens durch eine Metaerzählung, die eine Geschichtsphilosophie impliziert, zur Frage über die Gültigkeit der Institutionen führt, die den sozialen Zusammenhang bestimmen: auch sie verlangen, legitimiert zu werden. So sieht sich die Gerechtigkeit unter demselben Titel wie die Wahrheit auf die große Erzählung bezogen. Bei extremer Vereinfachung hält man die Ungläubigkeit gegenüber den Metaererzählungen für „postmodern“. Diese ist ohne Zweifel ein Resulat des Fortschritts der Wissenschaften; aber dieser Fortschritt setzt seinerseits diese Ungläubigkeit voraus. Dem Verhalten des metanarrativen Dispositivs der Legitimation entspricht namentlich die Krise der metaphysischen Philosophie und der von ihr abhängigen universitären Institution. Die narrative Funktion verliert ihre Funktoren, den großen Heroen, die großen Gefahren, die großen Irrfahrten und das große Ziel. Sie zerstreut sich in Wolken, die aus sprachlich-narrativen, aber auch denotativen präskriptiven, deskriptiven, usw. Elementen bestehen, von denen jedes pragmatische Valenzen sui generis mit sich führt. Jeder von uns lebt an Punkten, wo viele von ihnen einander kreuzen. Wir bilden keine sprachlich notwendigerweise stabile Kombinationen, und die Eigenschaften derer, die wir formen, sind nicht notwendigerweise mittelbar.

Das Resultat des Fortschritts

So hängt die kommende Gesellschaft weniger von einer Newtonschen Anthropologie (wie der Strukturalismus oder die Systemtheorie) und viel eher von einer Pragmatik der Sprachpartikel ab. Es gibt viele verschiedene Sprachspiele — das ist die Heterogenität der Elemente. Sie führen nur mosaikartig zur Institution — das ist der lokale Determinismus.

Die Pragmatik der Sprachpartikel

Die Entscheidungsträger versuchen dennoch, diese Wolken des Gesellschaftlichen mittels Input-Output-Matritzen im Gefolge einer Logik zu verwalten, die die Kommensurabilität der Elemente und die Determinierbarkeit des Ganzen impliziert. Unser Leben wird durch die Entscheidungsträger der Vermehrung der Macht geweiht. Ihre Legitimation hinsichtlich sozialer Gerechtigkeit wie wissenschaftlicher Wahrheit wäre die Optimierung der Leistungen des Systems, seiner Effizienz. Die Anwendung dieses Kriteriums auf alle unsere Spiele geht nicht ohne Schrecken vor sich, weich oder hart: Wirkt mit, seid kommensurabel, oder verschwindet!

Diese Logik der höheren Leistung ist ohne Zweifel in vieler Hinsicht unhaltbar, insbesondere ergibt sich ein Widerspruch im sozioökonomischen Bereich: Sie verlangt gleichzeitig weniger Arbeit (um die Produktionskosten zu senken) und mehr Arbeit (um die soziale Last der nichtaktiven Bevölkerung zu mindern). Aber die Ungläubigkeit ist nunmehr eine solche, daß man von diesen Ungereimtheiten keinen Heilsweg mehr erwartet, wie Marx es tat.

Die postmoderne Lage

Die postmoderne Lage ist dennoch der Entzauberung fremd, wie auch der blinden Positivität der Delegitimation. Wovon kann die Legitimation nach den Metaerzählungen ausgehen? Das Kriterium der Operabilität ist ein technologisches, es taugt nicht, um über die Wahrheit und das Rechte zu urteilen. Der durch Diskussion erreichte Konsens, wie Habermas denkt? Er tut der Heterogenität der Sprachspiele Gewalt an. Und die Erfindung entsteht immer in der Meinungsverschiedenheit. Das postmoderne Wissen ist nicht allein das Instrument der Mächte. Es verfeinert unsere Sensibilität für die Unterschiede und verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen. Es selbst findet seinen Grund nicht in der Übereinstimmung der Experten, sondern in der Paralogie der Erfinder.

Die so eröffnete Frage ist diese: Ist eine Legitimation des sozialen Bandes, ist eine gerechte Gesellschaft gemäß einem der wissenschaftlichen Aktivität analogen Paradoxen praktikabel? Worin würde sie bestehen?

Das Wissen in den informatisierten Gesellschaften

Unsere Arbeitshypothese ist die, daß das Wissen in derselben Zeit, in der die Gesellschaft in das sogenannte postindustrielle und die Kulturen in das sogenannte postmoderne Zeitalter eintreten, sein Statut wechselt. [1] Dieser Übergang beginnt spätestens mit dem Ende der fünfziger Jahre, die für Europa des Ende seiner Wiederaufbauphase bezeichnen. Er geht, entsprechend den Ländern und innerhalb dieser entsprechend dem Wirtschaftsbereich mehr oder weniger schnell vor sich: Daher die generelle Dischronie, die nicht leicht ein Gesamtbild abgibt. [2] Ein Teil der Beschreibung kann nur aus Vermutungen bestehen. Es ist wie man weiß unklug, der Futurologie exzessiven Kredit einzuräumen. [3]

Eher als ein notwendig unvollständiges Tableau aufzustellen, werden wir von einer Charakteristik ausgehen, die unseren Gegenstand sofort bestimmt. Das wissenschaftliche Wissen ist eine Art des Diskurses. Nun kann man sagen, daß seit vierzig Jahren die sogenannten Pilotwissenschaften und -techniken die Sprache zum Gegenstand haben: Die Phonologie und die linguistischen Theorien, [4] die Probleme der Kommunikation und die Kybernetik, [5] die modernen Algebren und die Informatik, [6] die Computer und ihre Sprachen, [7] die Probleme der Sprachübersetzung und die Suche nach Vereinbarkeiten zwischen Sprache Automaten, [8] die Probleme der Speicherung und die Datenbanken, [9] die Telematik und die Perfektionierung „intelligenter“ Terminals, [10] die Paradoxologie: [11] All das sind beredte Zeugen, und die Liste ist nicht einmal erschöpfend.

Unsere sogenannte Arbeit

Eine erhebliche Wirkung dieser technologischen Transformation auf das Wissen scheint zwangsläufig zu sein. Es ist davon in seinen beiden hauptsächlichen Funktionen betroffen oder wird es werden: der Forschung und der Übermittlung der Erkenntnisse. Für die erste ist ein dem Laien zugängliches Beispiel in der Genetik gegeben, die ihr theoretisches Paradigma der Kybernetik verdankt. Es gibt deren hundert andere. Für die zweite: Es ist bekannt, wie man durch die Normalisierung, Miniaturisierung und Kommerzialisierung der Geräte schon heute die Verfahren des Erwerbs, der Klassifizierung, der Verfügbarmachung und Ausbeutung der Erkenntnisse verändert. [12] Man kann vernünftigerweise annehmen, daß die Vervielfachung der Informationsmaschinen die Zirkulation der Erkenntnisse ebenso betrifft und betreffen wird, wie die Entwicklung der Verkehrsmittel zuerst den Menschen (Transport) und in der Folge die Klänge und Bilder (Medien) betroffen hat. [13]

In dieser allgemeinen Transformation bleibt die Natur des Wissens nicht unbehelligt. Es kann die neuen Kanäle nur dann passieren und einsatzfähig gemacht werden, wenn die Erkenntnis in Informationsquantitäten übersetzt werden kann. [14] Man kann die Vermutung äußern, daß all das, was vom überkommenen Wissen nicht in dieser Weise übersetzbar ist, vernachlässigt wird, und daß die Orientierung dieser neuen Untersuchungen sich der Bedingung der Übersetzbarkeit etwaiger Ergebnisse in die Maschinensprache unterordnen wird. Die „Produzenten“ des Wissens sowie seine Benutzer müssen von nun ab für das, was die einen zu erfinden und die anderen zu lernen trachten, über die Mittel der Übersetzung in diese Sprachen verfügen. Die Untersuchungen über die Übersetzungsmaschinen sind schon fortgeschritten. [15] Mit der Vorherrschaft der Informatik ist eine bestimmte Logik, die sich durchsetzt, und daher auch Gefüge von Präskriptionen über die als „zum Wissen“ gehörig akzeptierten Aussagen gegeben.

Das alte Prinzip Bildung

Man kann von da an auf eine starke Veräußerlichung des Wissens gegenüber dem „Wissenden“ gefaßt sein, an welchem Punkt des Erkenntnisprozesses sich dieser auch befinden möge. Das alte Prinzip, wonach der Wissenserwerb unauflösbar mit der Bildung des Geistes und selbst der Person verbunden ist, verfällt mehr und mehr. Die Beziehung der Lieferanten und Benutzer der Erkenntnis zu etwas strebt und wird danach streben, sich in der Form darzustellen, die das Verhältnis der Produzenten und Konsumenten von Waren zu diesen auszeichnet: Die Wertform. Das Wissen ist und wird für seinen Verkauf geschaffen werden, und es wird für seine Verwertung in einer neuen Produktion konsumiert und konsumiert werden. Es hört auf, sein eigener Zweck zu sein, es verliert seinen „Gebrauchswert“. [16]

Man weiß, daß das Wissen in den letzten Dezennien zur prinzipiellen Produktivkraft wurde. [17] Das hat bereits die Zusammensetzung der Arbeitspopulation in den höchstentwickelten Ländern bedeutend verändert [18] und stellt für die Entwicklungsländer einen entscheidenden Flaschenhals dar. Im postindustriellen und postmodernen Zeitalter wird die Wissenschaft ihre Wichtigkeit im Arsenal der Produktionskapazitäten der Nationalstaaten beibehalten und ohne Zweifel noch verstärken. Diese Situation legt es nahe anzunehmen, daß der Abstand zu den Entwicklungsländern in Zukunft nicht aufhören wird, sich zu verbreitern. [19]

Über diesem Aspekt sollte aber ein anderer nicht vergessen werden, der ihm komplementär ist. Das Wissen ist in der Form einer für die Produktionspotenz unentbehrlichen informationellen Ware zunehmend ein bedeutender, ja vielleicht der wichtigste Einsatz im weltweiten Konkurrenzkampf um die Macht. Es ist denkbar, daß die Nationalstaaten in Zukunft ebenso um die Beherrschung von Informationen kämpfen werden, wie sie um die Beherrschung der Territorien und dann um die Verfügung und Ausbeutung der Rohstoffe und billigen Arbeitskräfte einander bekämpft haben. So findet sich ein neues Feld für industrielle und kommerzielle sowie militärische und politische Strategien eröffnet. [20]

Ausbeutung

Allein, die solcherart freigelegte Perspektive ist nicht so einfach wie eben gesagt. Denn diese Merkantilisierung des Wissens kann das Privileg, das die modernen Staaten-Nationen bei der Produktion und Verteilung der Erkenntnisse innehatten und noch innehaben, nicht unbehelligt lassen. Die von diesen aufgegriffene Idee vom „Gehirn“ oder „Geist“ der Gesellschaft, welches der Staat ist, wird sich in dem Maße als überholt herausstellen, wie das umgekehrte Prinzip sich verstärken wird, nach dem die Gesellschaft nur existiert und fortschreitet, wenn die in ihr zirkulierenden Nachrichten reich an Information und leicht zu decodieren sind. Der Staat wird für die Ideologie der kommunikativen „Transparenz“, die mit der Kommerzialisierung des Wissens einhergeht, als ein Faktor der Undurchsichtigkeit und des „Rauschens“ erscheinen. Unter diesem Gesichtspunkt könnte das Problem der Beziehungen zwischen den ökonomischen und den staatlichen Instanzen mit neuer Schärfe zutage treten.

der

Schon in den vorhergehenden Dezennien konnten durch jene neuen Zirkulationsformen des Kapitals, denen man den Gattungsnamen multinationale Unternehmungen gegeben hat, die ökonomischen Instanzen die Stabilität der staatlichen gefährden. Diese Formen implizieren, daß die Investitionsentscheidungen zunächst teilweise der Kontrolle der Nationalstaaten entgleiten. [21] Mit der informatischen und telematischen Technologie könnte diese Frage noch dorniger werden. Nehmen wir zum Beispiel an, eine Firma wie IBM sei berechtigt, einen Streifen im Umfeld der Erde zu besetzen und darauf Kommunikationssatelliten und/oder Datenbanken zu plazieren. Wem werden sie zugänglich sein? Wer wird die verbotenen Daten oder Kanäle definieren? Wird es der Staat sein, oder wird dieser nicht vielmehr ein Benutzer unter anderen sein? Auf diese Weise werden neue Rechtsprobleme gestellt und durch sie die Frage: wer wird wissen?

Rohstoffe

Die Veränderung der Natur des Wissens kann also auf die etablierten Öffentlichen Gewalten solcherart zurück wirken, daß sie diese nötig, ihre rechtlichen und faktischen Beziehungen zu den großen Unternehmungen und allgemeiner, zur bürgerlichen Gesellschaft erneut zu überdenken. Die Wiedereröffnung des Weltmarktes, die Wiederaufnahme einer sehr lebhaften ökonomischen Konkurrenz, das Schwinden der ausschließlichen Hegemonie des amerikanischen Kapitalismus, der Niedergang der sozialistischen Alternative, die wahrscheinliche Öffnung des chinesischen Marktes für den Handel und noch einige andere Faktoren haben schon zu Ende der Siebziger Jahre die Staaten zu einer ernsthaften Revision der Rolle gedrängt, die sie sich seit den Dreißiger Jahren zu spielen angewöhnt hatten und die in der Förderung, Leitung, eigentlich der Planung der Investitionen bestand. [22] In dieser Situation können die neuen Technologien, die die für Entscheidungen brauchbaren Daten (also die Mittel der Kontrolle) noch mobiler und die Piraterie noch zugänglicher machen, die Dringlichkeit dieser Revision nur verstärken.

Die Kraft des formgebenden Wertes

Man kann sich vorstellen, daß die Erkenntnisse, nicht Kraft ihres „formgebenden“ Wertes oder ihrer politischen (administrativen, diplomatischen, militärischen) Wichtigkeit, sondern wie Geld in Umlauf gebracht werden, und daß die diesbezügliche pertinente Unterscheidung aufhört, Wissen/Nichtwissen zu sein, um wie für das Geld „Zahlungserkenntnisse/Investitionserkenntnisse“ zu lauten, das heißt Erkenntnisse, die im Rahmen der Erhaltung des täglichen Lebens (Wiedergewinnung der Kraft für die tägliche Arbeit, „Überleben“) ausgetauscht werden, versus Erkenntniskredite hinsichtlich der Leistungsoptimierung eines Programms.

In diesem Fall stünde es um die Transparenz wie um den Liberalismus. Dieser hindert nicht, daß in den Geldströmen die einen dazu dienen, zu entscheiden, wogegen die anderen nur gut sind zu bezahlen. Man stellt sich Erkenntnisströme in gleicher Weise durch dieselben Kanäle fließend und von derselben Natur vor, von denen aber die einen den „Entscheidenden“ vorbehalten sein werden, wogegen die anderen dazu dienen, die fortwährende Schuld jedes einzelnen dem Sozialgefüge gegenüber zu tilgen.

Die Legitimation

Dies ist also die Arbeitshypothese, die das Feld bestimmt, in dem wir die Frage nach dem Statut des Wissens stellen möchten. Dieses Szenario — dem als „Informatisierung der Gesellschaft“ bezeichneten verwandt, obgleich in einem ganz anderen Geist vorgeschlagen — hat nicht den Anspruch, originell, nicht einmal den, wahr zu sein. Was von einer Arbeitshypothese verlangt wird, ist ein starker Unterscheidungswert. Das Szenario der Informatisierung der höchstentwickelten Länder erlaubt es, bestimmte Aspekte der Transformation des Wissens und deren Auswirkungen auf die öffentliche Gewalt und die bürgerlichen Institutionen aufzuhellen, selbst mit dem Risiko, sie exzessiv zu vergröbern, die unter anderen Perspektiven kaum wahrnehmbar blieben. Man muß ihm also keinen prognostischen Wert gegenüber der Realität einräumen, sondern einen strategischen bezüglich der gestellten Frage.

Dennoch kommt ihm eine hohe Glaubwürdigkeit zu und in diesem Sinn ist die Wahl dieser Hypothese nicht willkürlich. Seine Beschreibung ist durch die Experten schon weithin ausgearbeitet, [23] und es bestimmt bereits bestimmte Entscheidungen der öffentlichen Verwaltung und der am direktesten betroffenen Unternehmungen wie jene, die die Telekommunikation verwalten. Es zählt also schon teilweise zur Ordnung beobachteter Realitäten. Wenn man schließlich den Fall einer Stagnation oder einer allgemeinen Rezession, die etwa im andauernden Mangel einer Lösung des weltweiten Energieproblems ihre Ursache hätte, ausschließt, hat dieses Szenario gute Chancen, sich durchzusetzen: Denn es ist nicht ersichtlich, welche andere Orientierung die zeitgenössischen Technologien annehmen sollten, die sich als Alternative zur Informatisierung der Gesellschaft anbieten könnte.

gleichmäßig, kontinuierlich und einstimmig?
periodisch, discontinuierlich und konfliktreich?

Man könnte ebenso behaupten, die Hypothese wäre banal. Aber sie ist es nur in dem Maße, als sie das allgemeine Paradigma des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts nicht wieder in Frage stellt, dem das ökonomische Wachstum und die Entwicklung der soziopolitischen Macht ganz natürlich einen Wiederhall zu geben scheint. Man nimmt wie selbstverständlich an, daß das wissenschaftliche und technische Wissen sich akkumuliert, man diskutiert höchstens die Form dieser Akkumulation, die einen stellen sie sich als gleichmäßig, kontinuierlich und einstimmig vor, die anderen als periodisch, diskontinuierlich und konfliktreich. [24]

Diese Evidenzen sind trügerisch. Zunächst ist das wissenschaftliche Wissen, es war immer ein Überschuß, immer in Wettstreit und Konflikt mit einer anderen Art des Wissens, die wir vereinfachend narrativ nennen und später charakterisieren werden. Das heißt nicht, daß letzteres über das wissenschaftliche Wissen den Sieg davontragen könnte, sondern daß sein Modell mit den Ideen des inneren Gleichgewichts und der Geselligkeit (convivialité [25]) verbunden ist; im Vergleich dazu macht das zeitgenössische wissenschaftliche Wissen einen tristen Eindruck, vor allem, wenn es mehr noch als früher eine Veräußerlichung, im Verhältnis zum „Wissenden“ und eine Entfremdung zu seinen Benützern erleiden muß. Die daraus folgende Demoralisierung der Forscher und Unterrichtenden ist so wesentlich, daß sie, wie man weiß, bei jenen, die sich diesen Berufen widmen wollten, also den Studenten, im Laufe der Sechziger Jahre in allen höchstentwickelten Ländern ausgebrochen ist und während dieser Periode die Leistungsfähigkeit der Laboratorien und Universitäten, die nicht vor ihrer Ansteckung geschützt werden konnten, empfindlich zu schwächen vermocht hat. [26] Weder geht noch ging es darum, sich von dieser Entwicklung eine Revolution zu erwarten, sei es, sie zu erhoffen oder sie zu fürchten, wie das oft der Fall war; davon wird der Lauf der Dinge in der postindustriellen Zivilisation nicht von heute auf morgen verändert werden. Es ist aber ausgeschlossen, diese Hauptkomponente, den Zweifel der Gelehrten, nicht in Betracht zu ziehen, wenn es darum geht, das gegenwärtige und das zukünftige Statut des wissenschaftlichen Wissens zu bewerten.

Bedingungen der inneren Konsistenz

Umsomehr, als sie außerdem mit dem essentiellen Problem, nämlich jenem der Legitimation, interferiert. Wir verwenden das Wort hier in einem ausgedehnteren Sinn als dem, der ihm in der Diskussion der Autoritätsfrage bei den zeitgenössischen deutschen Theoretikern gegeben wird. [27] Gibt es ein bürgerliches Gesetz, so drückt es darin aus: Diese bestimmte Kategorie von Staatsbürgern (citoyens) muß diese bestimmte Art von Handlung setzen. Die Legitimation ist der Prozeß, durch welchen ein Gesetzgeber autorisiert wird, dieses Gesetz als Norm zu erlassen. Gibt es eine wissenschaftliche Aussage, so ist sie der Regel unterworfen: Eine Aussage muß eine bestimmte Menge von Bedingungen aufweisen, um als wissenschaftlich akzeptiert zu werden. Hier ist die Legitimation der Prozeß, in dem ein mit dem wissenschaftlichen Diskurs befaßter „Gesetzgeber“ autorisiert ist, die genannten Bedingungen (im allgemeinen die Bedingungen der inneren Konsistenz und der experimentellen Verifikation) vorzuschreiben, damit eine Aussage Teil dieses Diskurses ist und von der wissenschaftlichen Gemeinschaft in Betracht gezogen wird.

Die Annäherung mag gezwungen erscheinen. Man wird sehen, daß sie es nicht ist. Seit Platon ist die Frage der Legitmation der Wissenschaft unauflösbar mit jener der Legitimation des Gesetzgebers verbunden. In dieser Perspektive ist es recht, darüber zu entscheiden, was wahr ist, nicht unabhängig von dem Recht, darüber zu entscheiden, was gerecht ist, auch wenn die jeweils der einen oder der anderen Autorität untergeordneten Aussagen unterschiedlicher Natur sind. Es gibt nämlich eine Koppelung zwischen der Sprachgattung, die sich Wissenschaft nennt, und jener anderen, die sich Ehtik und Politik nennt: Die eine wie die andere gehen von derselben Perspektive aus, oder, wenn man so will, von demselben „Entschluß“, und dieser heißt Abendland.

Prüft man

Prüft man das aktuelle Statut des wissenschaftlichen Wissens, so wird man feststellen, daß selbst dann, wenn es mehr denn je den Mächten unterworfen scheint, und mit den neuen Technologien sogar der Gefahr ausgesetzt ist, eine der wesentlichsten Einsätze in den Konflikten zu werden, die Frage der doppelten Legitimation, weit entfernt, sich zu verwischen, nicht fehlen wird, sich mit umsomehr Schärfe zu stellen. Denn sie stellt sich in ihrer vollständigsten Form, der der Übertragung, die deutlich macht, daß Wissen und Macht zwei Seiten derselben Frage sind: Wer entscheidet, was Wissen ist, und wer weiß, was es zu entscheiden gilt? Die Frage des Wissens ist im Zeitalter der Informatik mehr denn je die Frage der Regierung.

[1A. TOURAINE, La societé postindustrielle, Paris 1969 (dt.: Die postindustrielle Gesellschaft, Frankfurt 1972); D. BELL, The Coming of Post-Industrial Society, New York 1973 (dt.: Die nachindustrielle Gesellschaft, Frankfurt 1976); Ihaab HASSAN, The Dismemberment of Orpheus: Toward a Post Modern Literature, New York 1971; M. BENAMOU/Ch. CARAMELLO (Ed.), Performance in Postmodern Culture, Center of XXth Century Studies & Coda Press, Wisconsin 1977, M. KÖHLER, Postmodernismus: Ein begriffsgeschichtlicher Überblick, in: Amerikastudien 22,1, 1977

[2Einen literarischen, hinfort klassischen Ausdruck hat M. BUTOR, Étude pour répresentation des Etats-Unis, Paris 1962, gefunden.

[3Jif FOWLES (Ed.) Handbook of Future Research, Westport, Conn. 1978.

[4N. S. TROUBETZKOY, Grundzüge der Phonologie (T. C. L. P. VII), Prag 1939.

[5N. WIENER, Mensch und Menschmaschine. Kybernetik und Gesellschaft, Frankfurt 1952; W. R. ASHBY, Einführung in die Kybernetik, Frankfurt 1974.

[6Siehe das Werk John von NEUMANNS.

[7S. BELLERT, La formalisation des systèmes cybernétiques, in: Le concept d’information dans la science contemporaine, Paris 1965.

[8G. MOUNIN, Les problèmes théoriques de la traduction, Paris 1963. Man datiert seit 1965 die Computer-Revolution mit der neuen IBM-Rechnergeneration 360: R. MOCH, Le tournant informatique, Documents contributifs, annexe IV: L’informatisation de la société, Paris 1978. R. M. ASHBY, La seconde génération de la micro-électronique, in: Recherche 2, Juni 1970. 127 ff.

[9C. L. GAUDFERNAN/A. TAIB, Glossaire, in: S. NORA/A. MINC, Die Informatisierung der Gesellschaft, Frankfurt 1979. R. BECA, Les banques de données nouvelle informatique et nouvelle croissance (dt. Kurzfassung: Die Datenbanken, Anlagenband: Neue Informatik und neues Wachstum, in: S. NORA/A. MINC, Die Informatisierung, 149 ff.).

[10L. JOYEUX. Les applications avancées de l’informatique (dt. Kurzfassung: Fortgeschrittene Anwendung der Informatisierungen, in: S. NORA/A. MINC, Die Informatisierung 272 ff.).

[11P. WATZLAWICK/J. HELMICK-BEAVIN/D. JACKSON, Menschliche Kommunikation. Formen, Paradoxien, Bern-Stuttgart 1969.

[12J. M. TREILLE, von der Groupe d’analyse et de prospective des systèmes économiques et technologiques. (G.A.P.S.E.T.) erklärt: „Man spricht nicht genug von den neuen Verbreitungsmöglichkeiten der Speicher, insbesondere dank der Halbleiter und des Laser. (...) Jeder wird bald zu niederem Preis die Information speichern können, wo er will, und über den Kapazitätszuwachs der eigenen Aufbereitung disponieren können.“ (La semaine media, 16. février 1979). Nach einer Enquête der National Scientific Foundation verwendet mehr als ein Schüler von zweien der high school laufend die Dienste eines Computers, die schulischen Einrichtungen besitzen mit Anfang 1980 alle einen (La semaine media 13, 25. janvier 1979).

[13L. BRUNEL, Des machines et des hommes, Québec Science, Montréal 1978. J. L. MISSIKA/D. WOLTON, Les résaux pensants, Paris 1978. Die Verwendung von Videokonferenzen zwischen Québec und Frankreich ist dabei, eine Gewohnheit zu werden: Im November und Dezember 1978 fand die 4. Periode von direkten Videokonferenzen (mittels des Satelliten Symhonie) zwischen Québec und Montréal einerseits und Paris (Université Paris Nord und Centre Beaubourg) andererseits statt. (La semaine media 5, 30. novembre 1978). Ein anderes Beispiel ist der elektronische Journalismus. Die drei großen amerikanischen Netzwerke A.B.C., N.B.C. und C.B.S. haben ihre Produktionsstudios über die ganze Welt so gut verteilt, daß jetzt fast alle vorkommenden Ereignisse elektronisch bearbeitet und in den USA via Satellit übermittelt werden. Nur die Büros von Moskau arbeiten immer noch mit Filmen, die sie nach Frankfurt schicken, um sie dort mittels Satellit zu übermitteln. London ist der große packing-point geworden (La semaine media 20, 15. mars 1979).

[14Die Einheit der Information ist das BIT. Für seine Definition siehe: GAUDFERNAN/TAIB, Glossaire; Diskussion in: R. THOM, un protée de la sémantique: L’information (1973), in: Modèles mathématiques de la morphogenèse, 10/18, 1974. Die Übertragung der Nachrichten in einen digital Code erlaubt insbesondere die Beseitigung von Ambivalenzen, siehe: WATZLAWICK, Menschliche Kommunikation, 98.

[15Die Firmen Craig und Lexicon kündigen an, daß sie einen Taschenübersetzer auf den Markt bringen: 4 Module, die verschiedene Sprachen gleichzeitig aufnehmen, jeder Speicher 1500 Worte. Die Weidner Communications Systems Inc. produziert ein Multilingual Word Processing, weiches erlaubt, eine mittlere Übersetzungskapazität von 600 bis 2400 Wörtern in der Stunde einzuführen. Es enthält ein dreifaches Gedächtnis: Zweisprachiges Wörterbuch, Wörterbuch der Synonyme und einen grammatikalischen Index (La semaine media 6, 6. décembre 1978, 5).

[16J. HABERMAS, Erkenntnis und Interesse, Frankfurt 1968.

[17„... der große Grundpfeiler der Produktion und des Reichtums ... Verständnis der Natur und die Beherrschung derselben durch sein Dasein als Gesellschaftskörper“, sodaß also „... das allgemeine gesellschaftliche Wissen, knowledge, zur unmittelbaren Produktivkraft geworden ist ...“ schreibt MARX in den Grundrissen zur Kritik der politischen Ökonomie (1857 bis 1858), Berlin 1953, 593. Auf jeden Fall räumt MARX ein, daß es nicht „nur in der Form des Wissens, sondern als unmittelbare Organe der gesellschaftlichen Praxis“ ist, daß die Erkenntnis wie die Maschinen zu einer Kraft wird: Diese sind „von der menschlichen Hand geschaffene Organe des menschlichen Hirns; vergegenständlichte Wissenskraft“. Siehe P. MATTICK, Marx und Keynes. Die Grenzen des „gemischten Wirtschaftssystems“, Frankfurt 1971. Diskussion in: J.F. LYOTARD, La place de l’aliénation dans le retournement marxiste (1969), in: Dérive à partir de Marx et Freud, 10/18, 1973.

[18Die Zusammensetzung der Arbeitskräfte in den USA hat sich in den letzten 20 Jahren (1950 bis 1971) wie folgt verändert:

  1950 1971
Arbeiter in Fabrik, Dienstleistung oder Landwirtschaft 62,5% 51,4%
Freie Berufe und Techniker 7,5% 14,2%
Angestellte 30% 34%

(Statistical Abstracts, 1971).

[19Aufgrund der Zeitdauer der „Fabrikation“ eines höheren Techmikers oder eines durchschnittlichen Wissenschaftlers im Verhältnis zu der Zeit der Rohstoffgewinnung und des Transfers von Geldkapital. Für das Ende der Sechziger Jahre schätzt MATTICK, Marx und Keynes, 259, den Prozentsatz der Nettoinvestitionen in den unterentwickelten Ländern auf 3-5% des Sozialprodukts, in den entwickelten auf 10-15%.

[20NORA/MINC, Die Informatisierung, insbesondere den 1. Teil: Die Herausforderungen. Y. STOURDZE; Les Etats-Unis et la guerre des communications, Le Monde, 13-15 décembre 1998. Der Weltmarktwert der Telekommunikationsmaschinen 1979; 30 Billionen Dollar; man schätzt, daß er in 10 Jahren auf 68 Billionen steigen wird (La semaine media 19, 8. mars 1979, 9).

[21F. de COMBRET, Le redéploiement industriel, Le Monde, avril 1978; H. LEPAGE, Demain le capitalisme, Paris 1978; Alain COTTA, La France et l’impératif mondial, Paris 1978.

[22Es handelt sich darum, die „Verwaltung zu schwächen“, einen „Minimalstab“ zu erreichen. Das ist der Niedergang des Wohlfahrtsstaates, die „Krise“ seit 1974 begleitend.

[23La nouvelle informatique et ses utilisateurs, annexe III: L’informatisation (tw. dt. Kurzfassung in: NORA/MINC, Die Informatisierung, Anlagenband 3: Die neue Informatik und ihre Anwender, 210 ff.).

[24B. P. LECUYER, Bilan et perspectives de la sociologie des sciences dans le pays occidentaux, Archives européennes de sociologie XIX, 1978 (Bibliogr.) 257 - 336. Eine gute Information über die angelsächsischen Strömungen: Hegemonie der Merton-Schule bis zum Anfang der 70er Jahre, gegenwärtige Auflösung, namentlich unter dem Druck von KUHN: wenig Information über die deutsche Wissenschaftssoziologie.

[25Der Begriff wurde von Ivan ILLICH, Selbstbegrenzung. Eine politische Kritik der Technik. Reinbek 1975, eingeführt.

[26Zu dieser „Demoralisierung“ siehe: A. JAUBERT/J. M. LEVY-LEBLOND (Ed.), (Auto)critique de la science, parti 1, Paris 1973.

[27J. HABERMAS, Legimitationsprobleme im Spätkapitalismus, Frankfurt 1973.

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