Amelie Lanier, 1. Zur Wirtschaftsge
 
1998

Die Geschichte des Bank- und Handelshauses Sina

Einleitung: Der Kaufmann als Agent des Werts

Die Kaufleute aller Epochen gaben und geben sich einer sehr eigentümlichen Tätigkeit hin: Sie kaufen, um zu verkaufen. Sie erwerben eine Ware nicht, um sie selbst zu benützen oder zu konsumieren, sondern um sie mit Aufpreis an andere weiterzugeben. Sie interessiert der Gebrauchswert der Dinge, mit denen sie handeln, herzlich wenig: Wofür ein Gegenstand taugt und von welcher Qualität er ist, ist für den Händler nur unter dem Gesichtspunkt von Bedeutung, als er die Verkäuflichkeit dieses Gegenstandes beeinträchtigt oder befördert.

Die Lage der Produzenten der einzelnen Waren und die Art ihrer Herstellung ist ihnen auch relativ gleichgültig. Sie machen Mangel und Not einerseits und Überschüsse andererseits gleichermaßen für ihre Ziele nutzbar. Der Erwerb der Waren durch den Kaufmann kann durch unmittelbare Aneignung, Raub, genauso erfolgen wie durch Tausch – der Verkauf geht auf jeden Fall nur als Tauschgeschäft über die Bühne. Der Käufer muß irgendeinen Gegenwert anbieten, um in den Besitz der Ware zu kommen. Das Prinzip, daß das Bedürfnis allein gar nichts gilt, sofern der Interessent nicht seinerseits etwas anzubieten hat, wird von den Kaufleuten verkörpert und ihrer Kundschaft aufgenötigt. Dadurch, daß das begehrte Gut nur gegen Gegenwert übergeben wird, erhält es überhaupt einen abstrakten Wert, der ihm selbst zunächst gar nicht innewohnt: Dieser Wert wird in der anderen, für sie eingetauschten Ware ausgedrückt. Wenn für einen goldenen Ring 5 Biberfelle verlangt werden, so ist das eben der Preis und in diesem Falle daher der Wert des Ringes.

Bei der Festlegung des Austauschverhältnisses hat der Händler um so größere Freiheiten, je weniger der Tausch in einer Gesellschaft üblich ist. Gegenüber Produzenten, die für sich und ihre nähere Umgebung erzeugen, kann er den Wert einer Ware nach seinem Belieben ansetzen. Je weniger ein Bauer, ein Nomade seine Produkte für den Tausch oder Verkauf herstellt, desto geringer ist aber auch sein Interesse daran, sie an den Händler zu veräußern. Dem erhöhten Gewinn oder Nutzen eines Kaufmannes bei einer einzelnen Transaktion in Gebieten und Gesellschaften mit Subsistenz steht ein geringer Umsatz an Waren gegenüber. Quantität und Gewinnspanne der Verkäufe werden also von der Produktionsweise bestimmt, der sich der Händler bei seiner Tätigkeit gegenübersieht. Erst wenn diese Tätigkeit einen bestimmten Umfang übersteigt, kann von einem Markt als Ort oder Zone des regelmäßigen Warenaustausches gesprochen werden.

Wenn in einer Gegend, einem Land immer mehr Gegenstände als Waren, d.h. zum Zwecke des Verkaufs erzeugt und auch erworben werden, so findet der Händler ein reiches Betätigungsfeld. Er trifft aber auch im verstärkten Maße auf seinesgleichen und muß mit ihnen bei der Festsetzung des Austauschverhältnisses konkurrieren. So pendelt sich ein mehr oder weniger fixer Preis, der für eine Ware verlangt oder gezahlt wird, ein. Spätestens dann entsteht das Bedürfnis, ein allgemein gültiges Wertmaß für die einzelnen Güter, die hier und dort veräußert werden, zu finden. Einen Träger von Wert, der überall anerkannt wird und überall als Zahlungsmittel eingesetzt werden kann, weil alle Verkäufer interessiert daran sind, dieses Zahlungsmittel zu erhalten.

Dieses Zahlungsmittel schaffen die Kaufleute zwar nicht, sondern diejenigen Gewalten, die die Oberhoheit über die Territorien haben, auf denen die Händler ihrem Geschäft nachgehen. Aber die findigen Vermittler zwischen den verschiedenen Käufern und Verkäufern bedienen sich dieses Zahlungsmittels, überschreiten damit Landesgrenzen, vermitteln und verbreiten es über das beschränkte Territorium hinaus, auf dem es per Gesetz ohnehin zu gelten hat. Die Kaufleute sind also nicht nur die Agenten des Wertes, sondern auch die Anwender, oft sogar die Monopolisten des Geldes, das sich in ihren Händen ansammelt.

Damit treiben sie dann nach Bedarf Handel eigener Art: Sie benützen das Zahlungsmittel nicht nur für Erwerb und Vertrieb von Waren, sondern behandeln es selbst als Ware: Sie handeln mit verschiedenen nationalen Geldern, machen sich den Bedarf nach fremden Münzsorten zunutze, die nur sie dem Reisenden, den in fremdem Gebiet sich aufenthaltenden Kriegsherren, den Vertretern ausländischer Mächte zu einem gegebenen Zeitpunkt verschaffen können.

Auch die Geldnöte der verschiedenen Gesellschaftsschichten machen sich die Händler zunutze, wenn sie sich als Geldhändler betätigen: Sie versorgen ihresgleichen, andere Kaufleute, mit Bargeld oder Wechseln, wenn diesen ein vorübergehender Mangel an Zahlungsmittel ein lohnendes Geschäft zu verhindern droht. Gegen einen kleinen oder auch größeren Aufschlag schießen sie hohen Herren Geld vor, wenn sie für Krieg oder aufwendige Geschenke einmal schnell etwas Bargeld benötigen. Regierungen geraten des öfteren in die Lage, für ähnlich geartete Ziele auf das Vermögen des Handelsstandes zurückzugreifen. Auch der kleine Mann benötigt manchmal geschwind Geld, um akute Notlagen, die Mißernten oder Todesfälle hervorrufen können, zu überbrücken, und er muß genauso wie höhergestellte Schuldner dafür einen Aufpreis, den Zins, entrichten.

Bei solchen Tätigkeiten sammelt sich mit der Zeit das bewegliche Vermögen eines Landes, einer Provinz in den Händen derjenigen an, die sich dem Ziel, ihr Vermögen zu vergrößern, als Beruf verschrieben haben. Dieser Beruf stellte lange Zeit eine Ausnahmeerscheinung dar, gegenüber einer Umgebung, die sich entweder sehr genügsam dem bloßen Verzehr ihrer Erzeugnisse widmete oder sich dem Kriegshandwerk verschrieb, um die Produkte fremden Arbeitsfleißes durch unmittelbare Aneignung dem eigenen Konsum zugänglich zu machen: Kaufleute trieben ihre Geschäfte in China und im Orient, in der Antike und im europäischen Mittelalter, ohne durch ihre Tätigkeit und ihre Erfolge die restlichen Bewohner dieser Gegenden zur Nachahmung zu veranlassen.

Die Kaufleute bedienen sich der Umstände, die sie vorfinden, aber sie sind auch Verursacher von Abhängigkeiten: Sie wecken Bedürfnisse nach Waren, die es an einem Ort vorher nicht gab und erhöhen damit auch die Notwendigkeit, zum Erwerb dieser Güter selbst eintauschbare oder verkäufliche Dinge herzustellen, um in den Besitz des Zahlungsmittels, des Geldes, zu gelangen, das allein wieder den universellen Zugriff auf Waren ermöglicht. Damit wird es für die Produzenten notwendig, einen Überschuß über ihren eigenen Bedarf zu erzeugen, mit dem der Warentausch bzw. Einkauf erst in die Wege geleitet werden kann. So wirkt die Tätigkeit des Händlers anspornend, aber auch zerstörerisch auf überkommene Formen der Produktion, auf solche nämlich, die einen solchen Überschuß entweder gar nicht oder nur auf Kosten ihrer unmittelbaren Notwendigkeiten hervorzubringen vermögen. Dieser Wirkung des Handels ist übrigens immer wieder durch Gewalt nachgeholfen worden, durch Raub, Drohungen, Handelsverträge zwischen Staaten usw.: Kaufleute waren und sind die Vorläufer und Vollstrecker von Eroberung und Kolonisation, sie tragen ihren nicht unwesentlichen Teil dazu bei, daß die von Regierungen erzwungene Unterordnung fremden Territoriums und seiner Bewohner auch faktisch vollzogen wird. Da ihr Interesse aber nicht automatisch dasjenige ist, das ihre jeweiligen Schutzherren bewegt, so kann es auch manchmal vorkommen, daß sie letzteren in die Quere kommen.

Die Kaufleute sind also einer der Faktoren, die die Vorherrschaft des Geldes in einer Gesellschaft befördern und vorantreiben. Wenn sich ihr Prinzip – kaufen, um zu verkaufen, und verkaufen, um zu kaufen – in einem Landstrich durchsetzt, zum die Produktion beherrschenden Prinzip wird, so kann es geschehen, daß der eine oder der andere Händler die Sphäre wechselt und einen Teil seines Vermögens in die Produktion investiert. Er versucht also nicht mehr nur, seinen Gewinn durch bloße Vermittlung der Waren zu machen, sondern durch Anwendung fremder Lohnarbeit im Produktionsprozeß: Viele Manufakturen wurden von Personen gegründet, die ihr Vermögen im Waren- und Geldhandel erworben hatten, und dadurch über das nötige Kapital verfügten, das für die anfängliche Investition in einen solchen Betrieb erforderlich war. Dabei wägt der Kaufmann ab, ob dieser Umstieg in die Produktion seine Gewinnchancen verbessert oder nicht, und deswegen kann dieser Schritt auch unterbleiben, wenn die Aussichten für Manufaktur- oder Fabriksbesitzer nicht so gut sind.

Diese Umwandlung von Handelskapital in produktives Kapital – oder genauer gesagt, ihre Unterlassung –, ist von den ungarischen Historikern immer wieder hervorgehoben worden. Der „Kaufmann als Vorläufer des Kapitals“ habe in Ungarn seine Rolle schlecht bis gar nicht erfüllt. Auf diesen Umstand weisen u.a. Gyula Mérei, Sándor Gyömrei, László Schäfer und Ödön Füves hin. Sie geben dafür mannigfache Gründe an: Die österreichische Politik gegenüber Ungarn, die Türkenherrschaft, schließlich den Umstand, daß die Kaufleute im 18. und 19. Jahrhundert Fremde waren, deren Interessen sich auf ihre Heimat außerhalb der Landesgrenzen Ungarns richtete. Das mag alles stimmen, verkehrt ist nur der ganze Ausgangspunkt, nämlich der teleologisch gefaßte Begriff der „Rolle“, als handle es sich um eine Verpflichtung gegenüber der Nation und der Nachwelt, der die einzelnen Subjekte nachzukommen hätten. Die Kaufleute aller Zeiten wissen nichts von einer solchen Verpflichtung: Sie vergleichen die verschiedenen Möglichkeiten, aus ihrem Vermögen mehr zu machen, besinnen sich auf die ihnen zur Verfügung stehenden Mittel und bleiben entweder bei ihrem Geschäft, oder versuchen sich in einer anderen Späre.

Bei den Handelsleuten nicht nur Ungarns, sondern auch der übrigen Gebiete der Monarchie läßt sich eher der Erwerb von Immobilen beobachten, wenn sie ihr Vermögen außerhalb des Handels unterbringen wollten, als daß sie sich als Gründer von Manufakturen hervorgetan hätten – bei letzterem rechneten sie sich offensichtlich keine guten Chancen aus.

Besitzer des allseits begehrten Zahlungsmittels, Vermittler fremden Reichtums in allen Formen, Beförderer des Handels und der Produktion: So stellen sich die Kaufleute an der Schwelle zum Kapitalismus dar.

Die Gruft der Familie Sina in Rappoltenkirchen/ Niederösterreich

I. Die österreichische Handelspolitik und die „Griechen“

1. Die Anwendung und das Scheitern merkantilistischer Prinzipien in Verbindung mit dem Levantehandel

1.1. Wirtschaftspolitik als Zollpolitik

Die österreichische Wirtschaftspolitik war seit ihren Anfängen merkantilistisch, d.h., auf Erzielung eines Handelsüberschusses orientiert. Als Mittel zur Steuerung der Ein- und Ausfuhr entdeckte die Staatsverwaltung im 18. Jahrhundert ihre Zollhoheit. Lokale Zölle und Mauten wurden abgeschafft und die Zölle an der Außengrenze sollten von nun an zweierlei, keineswegs verträglichen Bedürfnissen dienen: Mittel zur Steuerung der Wirtschaft zu sein und der Staatskasse Einnahmen zu verschaffen. Die Debatten diverser Regierungen um Erhöhung oder Senkung der Zollsätze wurden zwar unter Zuhilfenahme aller gängigen zeitgenössischen volkswirtschaftlichen Theorien über das Wohl der Nation und wie dieses zu bewerkstelligen sei, geführt, aber schließlich setzte sich immer die unmittelbare Notwendigkeit, einen Krieg, ein stehendes Heer oder ähnlich kostspielige Dinge finanzieren zu müssen, als letztes Argument in diesen Debatten durch. Die wenigen Anhänger des Freihandels oder auch nur der Beseitigung der inneren Zollgrenze zwischen Österreich und Ungarn konnten sich schon deswegen nie durchsetzen, weil ihre Vorschläge auf einen Schlag den Staat einer Einnahmequelle beraubt hätten, ohne einen gleichwertigen Ersatz zu bieten.

Die Prinzipien der Wirtschaftspolitik und die Bedürfnisse der Staatskasse gerieten sich bei den Einfuhr-, den Ausfuhr- und den Transitzollsätzen in die Quere. Sobald die Produktion eines Artikels im Inland und seine Ausfuhr durch niedrige Zollsätze gefördert werden sollte, erhoben sich gegenteilige Stimmen, die darauf hinwiesen, daß man Zölle, und zwar nicht allzu niedrige, eben gerade auf gängige Artikel erheben müsse, da Dinge, die kaum exportiert wurden, zu wenig Zolleinnahmen einbrachten. Hohe Zollsätze verursachten wiederum nicht nur eine Verteuerung der Waren und daher ein Nachlassen des auswärtigen Interesses an der jeweiligen Ware, sondern auch eine Zunahme des Schmuggels, dessen systematische Bekämpfung außerhalb der Möglichkeiten des damaligen Grenzpersonales lag.

Ähnlich verhielt es sich beim Import: Anhänger des Merkantilismus betonten die Notwendigkeit der Einfuhr von in Österreich nicht vorfindlichen Industrierohstoffen. Andere zogen in Zweifel, ob diese Materialien überhaupt in Österreich verarbeitet würden und ob nicht niedrige Zölle von gewissenlosen Subjekten dazu benützt würden, einen schwunghaften Transitohandel damit zu treiben. Die Einfuhr von Luxusgütern für den inländischen Konsum sollte tunlichst unterbunden werden, um den Abfluß von Geld ins Ausland zu verhindern, aber hohe Zollsätze führten auch hier, und noch mehr als bei der Ausfuhr, zu einer Zunahme des Schmuggels, nicht zu einer Verringerung der Einfuhr.

Ein drittes war der Transithandel, der vor allem im Zusammenhang mit der Levante von Bedeutung war. Hohe Zollsätze konnten hier zwar ohne die Gefahr der Beeinträchtigung der einheimischen Produktion verordnet werden, bargen aber die Gefahr in sich, daß die „Handelszüge“ dann eine andere Route einschlugen und das Gebiet der Monarchie umgingen. Das wollte die österreichische Regierung unter allen Umständen vermeiden, nicht nur wegen der Zolleinnahmen, sondern auch um des politischen Gewichtes willen, welches Österreich als Transitland besaß oder zumindest zu besitzen vermeinte.

Bei all diesen Debatten erwies sich

  1. daß eben alle diese Maßnahmen, so sehr ihre Notwendigkeit auch vom jeweiligen Staatsoberhaupt und dessen Ratgebern eingesehen und gebilligt wurden, hinter dem dringlicheren Anliegen des Füllens der Staatskasse zurückstehen mußten, und
  2. daß Zölle ein sehr schwaches Mittel der Wirtschaftspolitik waren, wenn sie nicht durch andere Maßnahmen gestützt wurden.

Merkantilistische Prinzipien wurden nicht nur bei der Festlegung der Zolltarife erhoben, sondern auch, und hier mit mehr praktischen Folgen, bei der Förderung inländischer Wirtschaftszweige. Während der Regierungszeit Maria Theresias und später wurden auf den Krongütern im Banat eine Reihe von landwirtschaftlichen Experimenten unternommen, deren Motiv darin lag, die Einfuhr teurer Produkte durch eigene Produktion derselben zu unterbinden. Damals wurde dort mit mehr oder weniger befriedigenden Ergebnissen der Hanfanbau, die Seidenzucht und der Anbau verschiedener Färbepflanzen unternommen. Andere Versuche, wie die des Anbaus von Pfeffer, Reis und Baumwolle, scheiterten an den klimatischen Bedingungen.

Die österreichische Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert orientierte sich also am Außenhandel. (Wirtschaftliche Überlegungen mußten allerdings dabei oft politischen Rücksichten weichen.) Besonders anschaulich stellt sich diese Wirtschaftspolitik gegenüber dem Osmanischen Reich dar. Die Einsicht, daß England und Frankreich als Vorbild der wirtschaftlichen Entwicklung angesehen werden müßten, daß Österreich jedoch nicht ernsthaft daran denken könne, mit diesen Ländern auf dem Gebiet der Manufakturprodukte zu konkurrieren, hatte sich in österreichischen Regierungskreisen durchgesetzt. Das Osmanische Reich hingegen, mit seinen archaischen Produktionsmethoden, seiner Behördenwillkür und Korruption, ohne eine sichtbare ordnende Hand in der Verwaltung, – dieses Gebilde schien den merkantilistischen Politikern wie geschaffen, um als Markt und Rohstofflieferant einer sich entwickelnden österreichischen Manufaktur zu dienen.

1.2. Das Verhältnis zum Osmanischen Reich

Nach den siegreichen Türkenkriegen Österreichs unter Karl VI. wurden die Konditionen und Freiheiten für die Händler beider Staaten in den Friedenstraktaten von Karlowitz 1699 und Passarowitz 1718 festgelegt. Die Bestimmungen des letzteren, genauer: des anläßlich des Friedensschlusses zusätzlich abgeschlossenen Handelstraktates waren die nächsten eineinhalb Jahrhunderte lang die Grundlage für alle Verhandlungen mit und Maßnahmen gegenüber dem Osmanischen Reich. Sie wurden im Frieden von Belgrad 1739 im großen und ganzen bestätigt, ansonsten je nach Stand der Kräfteverhältnisse zwischen den beiden Staaten und gegenüber anderen, gleichfalls am Levantehandel interessierten Staaten, modifiziert.

Zur Zeit des Friedensschlusses von Passarowitz stand Österreich auf dem Höhepunkt seiner militärischen Macht und territorialen Ausbreitung und die Regierung war fest entschlossen, diese Überlegenheit auch auf die zivile Sphäre des Handels zu übertragen. In diesem Traktat wird als wichtigste Bestimmung festgehalten, daß die Untertanen beider Länder auf dem Gebiet des anderen Staates frei Handel treiben dürfen und nur beim Überschreiten der – ausdrücklich „türkischen“– Landesgrenze 3% Zoll entrichten müssen, darüber hinaus soll „nicht das mindeste mehr zu fordern jemand sich unterstehen.“ (Art. III.) (Später wurde dieser Zollsatz auf 5% erhöht.) Wenngleich gerade diese Bestimmung für die Untertanen der beiden Reiche gilt, so ist ansonsten dem gesamten Traktat zu entnehmen, daß es eigentlich die Freiheiten der österreichischen Bürger in der Türkei zum Inhalt hat und daß die türkischen Untertanen nur hin und wieder aus diplomatischer Rücksichtnahme auch mit einigen Freiheiten ausgestattet werden: Über die Zahlung der Mautgebühr hinaus sei „keiner aus den kaiserlichen Kaufleuten zu belästigen.“ Der türkische Mautbrief (treskere) soll den österreichischen Untertan vor weiteren Gebühren schützen. (Art. III.) Die Donau soll von beiderlei Untertanen befahren werden, einschließlich Benutzung der Häfen, namentlich genannt werden jedoch nur Donauhäfen auf dem Gebiet der Türkei. (Art. II.) Als österreichische Untertanen sind „Deutsche, Niederländer, Italiener, Hungarn“ aller Konfessionen zu verstehen, selbst wenn sie „der Kaiserlich-Königlichen Herrschung“ nur „auf einige Zeit … untergeben … sein möchten“ (Art. I.) Schiffe unter österreichischer Flagge sollen alle Seehäfen des Osmanischen Reiches anlaufen dürfen. (Art. VII.) Der Artikel XIV. verpflichtet die Pforte, den in der Türkei handelnden österreichischen Kaufleuten die dortigen Juden vom Leibe zu halten. Österreichische Untertanen sollen der osmanischen Gerichtsbarkeit nur bedingt unterstellt und durch Konsuln geschützt werden (Art. V.), von türkischen Behörden gegebenenfalls Schutzbriefe verlangen (Art. XIII.), und Lagerräume und Herbergen in der Türkei benützen dürfen. (Art. XV.) Mit Ausnahme der Bestimmung des Zolles und dem Zugeständnis, daß auch die Pforte „Prokuratoren“ zum Schutz ihrer Untertanen in die Monarchie entsenden darf, ist keine dieser Bestimmungen wechselseitig, sondern ausschließlich zum Schutz der Bürger der Monarchie in der Türkei bestimmt.

Mit diesem Vertrag, so die Erwartung der österreichischen Regierung, waren die Grundlagen für rege und zu Gunsten Österreichs ausschlagende Handelsbeziehungen mit der Türkei gegeben. Österreich beabsichtigte, als Ergebnis der Türkenkriege die Rolle Venedigs im Levantehandel zu übernehmen. Allerdings unter geänderten Bedingungen: Auf dem Seeweg, der der wichtigere war, konnte Österreich nie mit den anderen mit der Türkei handelnden großen Nationen konkurrieren. Die österreichischen Häfen lagen einfach ungünstig, und sie konnten sich nie so recht als internationale Handelsplätze etablieren. Nur mit besonderen Freiheiten gelang es, nach Meinung der Börsendeputation 1801, Triest als Handelsplatz überhaupt zu halten, da die Fracht dorthin teurer käme als in irgendeinen anderen der „mitbuhlenden Häfen des Nord und Mittelmeeres.“ Die Bemühungen Österreichs konzentrierten sich daher im weiteren darauf, sich wenigstens als Hauptabnehmer und als Transitland für die Landfracht zu etablieren.

„Handel“ wurde übrigens auch in diesem Falle keineswegs rein ökonomisch aufgefaßt: Die – in der Vorstellung der Regierung – sich im Nachbarland tummelnden österreichischen Kaufleute sollten Mittel zur Einflußnahme auf und Grund zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten der Türkei sein.

Die handelspolitische Rechnung ging nur teilweise auf. Es entwickelten sich zwar rege Handelsbeziehungen und Österreich etablierte sich als Transitland, aber nicht in der Form, wie dies angestrebt worden war. Die Handelsbilanz Österreichs war gegenüber der Türkei über ein Jahrhundert lang negativ. Die Klagen über den Abfluß von Edelmetall in die Türkei füllen Bände und waren Gegenstand der Besorgnis mehrerer österreichischer Kaiser. Es fehlte nicht an Erlässen, die diesem Übelstand Abhilfe schaffen sollten – vergeblich. Die Vollstrecker dieses Handelspassivums waren die Kaufleute aus dem Osmanischen Reich und sie wurden als die Hauptverantwortlichen daür betrachtet, warum die scheinbare Überlegenheit Österreichs sich auf dem Gebiete des Handels so wenig Geltung verschaffen könne.

1.3. Die türkischen Untertanen

Während der napoleonischen Kriege wurde die Frage des Levantehandels aus mehreren Gründen wieder sehr aktuell. Eine Reihe von Gutachten sollte Vorschläge zur Verbesserung erbringen. Die wichtigste Frage an die verschiedenen Institutionen lautete, „durch welche Mittel vorzüglich der große Zweck erreicht werden könne, den für Österreich so wichtigen Levantiner Handel den Händen der türkischen Untertanen zu entreißen und den österreichischen zuzuwenden.“ Die Bankal-Administration, das Cambio-Mercantil-Gericht, die Fabriksinspektion und die niederösterreichische Landesregierung kamen unabhängig voneinander zu dem gleichen Schluß: Daß es für diesen Zweck eigentlich keine Mittel gebe.

Der Versuch der Ansiedlung österreichischer Handelshäuser im Osmanischen Reich sei vom Handelshaus Fries versucht worden und kläglich gescheitert. Das läge unter anderem daran, daß die österreichischen Waren in der Türkei nicht mit den französischen, englischen und holländischen konkurrieren könnten. Die Wechsel in der Türkei hätten eine längere Laufzeit als die österreichischen. Schließlich gäbe es in der Türkei häufig Pestepedemien. (Hier wird stillschweigend unterstellt, daß österreichische Untertanen davon schwerer betroffen sind als türkische Händler.) In ähnlicher Weise wird die im Osmanischen Reich übliche Bestechung der Behörden als ein Hindernis vorgestellt, das den ausländischen Kaufmann schwerer träfe als den dortigen.

Die Trägheit der österreichischen Händler, die lieber Export-Import-Firmen in Wien betrieben und dafür die für den Transithandel gedachten günstigen Zollsätze ausnutzen, anstatt sich um den Export österreichischer Produkte in die Türkei zu bemühen, wird in diesen Gutachten wiederholt beanstandet. (Wegen der Kontinentalsperre verlief der Levantehandel in dieser Zeit fast ausschließlich über Land bzw. über die Donau. Österreich versuchte, ihn durch niedrige Zollsätze auf österreichisches Staatsgebiet zu lenken.) Diese einheimischen Kaufleute, so die Beschwerde, bemühten sich gar nicht, inländische – eingestandenermaßen minderwertigere – Waren zu verkaufen. („Denn wenn ihm“, d.h. dem Käufer aus der Türkei „auf dem hiesigen Platz englische und französische Waren angeboten werden, so wird er sie unstreitig den österreichischen vorziehen.“ ) Die einzigen, die österreichische Manufakturprodukte nach der Türkei ausführten, seien – meist in Wien ansässige – türkische Untertanen. Deren Charakter stellt sich als ein Sammelsurium von Tugenden und Untugenden dar, die eines gemeinsam haben: Sie laufen den österreichischen Handelsinteressen zuwider:

„… Diese maßen sich alle Arten des Verkehrs an. Es gebe Spekulanten unter ihnen, die das ganze Jahr keinen Ballen Baumwolle beziehen, sondern sie geben nur Verkäufer auf dem hiesigen Platz ab, wodurch sie die Ware außerordentlich verteuern … Mit dem Speditionshandel treiben sie den größten Unfug …“ Die Zollbehörden und Paßämter verzweifeln an den griechischen und türkischen Händlern, nicht wissend, ob „dieser oder jener für einen türkischen oder kaiserlichen Untertanen sicher oder unsicher anzusehen sei.“ „Armenier, Raitzen“ (= Serben) „und türkische Juden“ trieben in Wien „alle Arten von Wucher und Maklerei-Geschäften.“ „Dann handelt der Türke und Grieche pilgrimsweise: Er kommt selbst mit seinen Waren hierher und geht mit jenem, was er erhält, zurück.“ Er zeichne sich durch Sparsamkeit aus. Seine Familienbeziehungen nütze er schamlos aus, um Waren günstiger zu erhalten. Weiters seien „die unzähligen sowohl in Ungarn als auch hier befindlichen Griechen eine wahre Pest für den hiesigen Handel … Sie untergraben allen Kredit, betrügen auf jede Art und Weise, verteuern nicht nur türkische Produkte, sondern jede andere Gattung von Waren, entweichen … nach Ungarn oder in die Türkei und lassen ihren Gläubigern das Nachsehen über.“ Man solle sie in eine eigene Vorstadt verbannen, dort ließen sie sich „leichter beobachten.“ Letzteres verwirft ein anderes Gutachten: „Solche gehässigen Maßregeln“ würden den Zusammenhalt dieser Personengruppe – eine ihrer Stärken – nur vergrößern. Man sollte zu anderen Maßnahmen greifen, um ihnen das Leben schwer zu machen, z.B. ihre Pässe nicht verlängern, sowie Vorschriften erlassen, die die Einheimischen den türkischen Untertanen gegenüber begünstigten und die Einhaltung dieser Vorschriften strenger überprüfen, weiters sie „auf keine Weise bei Errichtung von Handlungen … begünstigen.“

Es war gängige Praxis der Behörden, denjenigen Kaufleuten aus der Türkei, die sich zu österreichischen Untertanen erklärten, die Handelsbefugnis zu verweigern und sie „an andere Erwerbszweige anzuweisen“. Das hatte zum Ergebnis, daß sie ihren Handel ohne Befugnis fortsetzten. In einem Gesuch um Erteilung der Befugnis aus dem Jahre 1802 gaben die 12 Bittsteller an, seit 10, 20 oder 30 Jahren in Wien Handel zu treiben, und ausreichend Vermögen zu besitzen, all das, wie das Merkantilgericht verärgert feststellte, ohne irgendeine Handels-Befugnis. Für die Überprüfung dieser Firmen erklärte sich das Merkantilgericht unzuständig, weil erst befugte Kaufleute in seine Kompetenz fielen. Die Behörden wollten dem Gesuch nicht stattgeben, um nicht die außergesetzliche Tätigkeit im Nachhinein zu „belohnen“, und so blieb alles beim alten: Die Griechen handelten weiter, ohne Befugnis, und die Behörden beschwerten sich weiter über die unter den Griechen herrschende „Unordnung“.

Auch die Frage, wer jetzt eigentlich österreichischer Untertan sei und wer nicht, war nicht einfach zu klären, und die türkischen Untertanen konnten der österreichischen Gerichtsbarkeit nicht unterworfen werden. 1808 erhob der Geschäftsträger der Pforte in Österreich Beschwerde wegen des Vorgehens der Behörden gegen einige Griechen, die türkische Untertanen waren, und der Beschwerde wurde sofort stattgegeben, den betroffenen Kaufleuten alle beschlagnahmten Waren zurückgegeben, da Österreich damals an einem guten Verhältnis zur Pforte interessiert war und sich keine Verletzung der Traktate zuschulden kommen lassen wollte.

Den Griechen im besonderen bescheinigt das Gutachten darüber hinaus höchste politische Unzuverlässigkeit: Sie „zeigen … stets eine besondere Anhänglichkeit an den russischen Zepter … wie denn die Erfahrung lehret, daß man in den Wohnungen auch der gemeinsten Griechen, die für Bilder eine sonderbare Vorliebe hegen, überall die Abbildungen der russischen Regenten und Feldherren antrifft, vergebens aber jene der österreichischen sucht.“

Dieser Sichtweise der Behörden schlossen sich die von ihnen gleichfalls geschmähten österreichischen Kaufleute an und forderten mit ähnlich schmeichelhaften Charakterisierungen ihrer unliebsamen Konkurrenten Schutz gegen diese. Ein besonders schönes Dokument dieses Brotneides ist ein Gesuch zweier jüdischer (!) Händler aus dem Jahre 1803, in dem sie Erhöhung der Zölle auf die Waren der türkischen Untertanen verlangen, da diese keine Steuern zahlen, aber doch staatlich subventionierte Lebensmittel konsumieren! „Die Ausländer, welche sich hier befinden, nicht allein daß sie zu keiner Staats-Abgabe etwas beitragen, sondern auch durch die große Anzahl derselben vieles zur Teuerung beitragen, wodurch das allerhöchste Ärarium jährlich beträchtlichen Verlust erleidet als an Fleisch, Brot etc., welche Vorteile die österreichischen Untertanen im Ausland nicht genießen.“ Außerdem würden durch den Handel mit der Türkei und den Transport der von dort eingeführten Waren österreichische Brücken und Straßen benützt und in Mitleidenschaft gezogen – ein Grund mehr, so meinen die Verfasser, die türkischen Händler verstärkt zur Kasse zu bitten.

1.4. … und deren Fehler: Die unzureichende Produktion Österreichs

Die Fabriks-Inspektion schließt sich zwar auch dem Geschimpfe auf die türkischen Händler an, weist aber darüber hinaus auf einen der wirklichen Gründe für die ungünstige Entwicklung des Handels hin, nämlich auf das Niveau der österreichischen Manufakturproduktion. Sie errechnet – im Gegensatz zu den optimistischeren Daten, die im Bericht der Bankal-Administration aufscheinen –, ein Passivum von 5 Millionen Gulden, das notwendig einen Abfluß von Edelmetall zur Folge haben müsse, denn: „Eine Kompensierung in Wechseln finde nicht statt, weil wir mit keiner Nation einen Aktivhandel haben (Hervorhebung A. L.), folglich die Türken mit ihren Forderungen nicht an jene weisen können.“ Der Außenhandel mit der Türkei würde erst aktiv, wenn Österreich mehr produziere. Bis heute, so schließt dieses Gutachten, könne nicht einmal der Inlandsbedarf an „Manufakten“ gedeckt werden. Dieser Feststellung pflichtet die niederösterreichischen Landesregierung indirekt bei: Eine Art Qualitäts-Endkontrolle für Exportwaren („Beschau-Anstalten“), wie sie z.B. in Frankreich schon lange bestand, sei in Österreich überflüssig, da viel zu wenig „in die Türkei abgesetzt wird“. Man müsse für einen solchen Schritt „jene Periode abwarten“, in der mehr verkauft würde.

Der Bericht der niederösterreichischen Landesregierung kritisiert an den Berechnungen der Bankal-Administration vor allem die geschönten Zahlen über die Einfuhr aus der Türkei. Lebensmittel scheinen in deren Handelsbilanz gar nicht auf, obwohl auch hier ein Übergewicht der Türkei besteht. Diese nicht-industriellen Produkte würden gar nicht beachtet, obwohl sie einen bedeutenden Teil des Handels ausmachten. Der Gutachter weist darauf hin, daß Experimente zur Zucht neuer Produkte die eigentliche, angestammte Agrikultur in den Hintergrund drängen und dadurch den Import solcher Waren verursachen, die im Inland billiger hergestellt werden könnten, wie Vieh und Getreide. Als Beispiel führt er die Seidenzucht an, die stets von Regierungsseite nach besten Kräften unterstützt worden sei, um die Abhängigkeit von Seidenimporten aus der Türkei zu verringern. Was nützen diese Erfolge bei der Seidenzucht, so der Gutachter, wenn ein Vielfaches der solchermaßen gesparten Seide-Importsumme für den Import von Ochsen und Schafen wieder ins Ausland gelange!

Bei allen berechtigten Klagen über die türkischen Kaufleute und deren Schliche, die es den österreichischen Kaufleuten so schwer machte, sich gegen sie durchzusetzen, sollte nicht übersehen werden, so schließt dieses Gutachten, daß die Händler der mit Österreich konkurrierenden Nationen England, Frankreich, Holland, und in neuerer Zeit auch Rußland, die Schwierigkeiten des Levantehandels offensichtlich besser bewältigten als die österreichischen Firmen, daß erstere sehr wohl Niederlassungen in den wichtigen Handelszentren der Türkei unterhielten und auch mit der dortigen Zahlungsmoral besser zurechtkämen als letztere.

Der Stand der – agrarischen und industriellen – Produktion im Österreich des 18. Jahrhunderts entsprach nicht den ehrgeizigen Vorstellungen seiner Politiker. Die behauptete Überlegenheit gegenüber dem Osmanischen Reich hielt deshalb der praktischen Überprüfung nicht stand. Die natürlichen Ressourcen und das handwerkliche Können der Bewohner dieses Landes mußten von den österreichischen Orient- und Wirtschaftsfachleuten anerkennend zur Kenntnis genommen werden: „Ungeachtet der schlechten Verfassung, der immer zunehmenden Üppigkeit und Barbarei und der steten Unterdrückung aller Aufklärung und jedes Fortschrittes des Verstandes war es doch nicht möglich, dieses Reich in gänzlichen Verfall zu bringen.“

Diese Diskrepanz zwischen Anspruch unf Wirklichkeit war das Ärgernis der österreichischen Regierungen, Lokalbehörden, Handelsgremien usw. Sie war aber auch die Grundlage des Erfolges der Griechen.

2. Die Griechen

2.1. Das Auftauchen der Griechen in Österreich

Die bedeutendste Gruppe unter den Kaufleuten aus dem Osmanischen Reich waren die Griechen. Sie stammten größtenteils vom Territorium des heutigen Albanien, Mazedonien und Nordgriechenland. Vor der Vertreibung der Türken aus Ungarn waren sie bereits in den unter türkischer Herrschaft befindlichen Gebieten, der Hódoltság, als wandernde Händler tätig. Sie belieferten dort die türkischen Garnisonen und auch die angrenzenden habsburgischen Teile Ungarns. In Siebenbürgen waren sie zur Zeit der Fürsten Apafi die Kreditgeber des Hofes, im Gegenzug erhielten sie die einträglichen Posten des Zollpächters und des Münzwardeins.

Sie zogen in Karawanen vom Balkan nach Ungarn, später auch in die Erblande, und weiter nach Deutschland: „Die mazedonischen Kaufleute dringen mit ihren Wägen bis ins Innerste von Deutschland, verkaufen zuletzt Wagen und Pferde, entlassen ihre Bedienten und erwarten sie zu Saloniki zu einer neuen Reise.“ Sie waren mit Fuhrwerken und zu Fuß unterwegs, oft entlang der Flußläufe, mit vom Ufer aus gezogenen Frachtkähnen. In Ungarn fanden sie ein von Türken- und Kuruzzenkriegen ausgeblutetes Land vor, in dem jegliche Handelstätigkeit erlahmt war. „Die Griechen siedelten sich beinahe im Niemandsland an.“ Bevor sich in Ungarn regionale Märkte entwickelten, zogen die Griechen durch die Dörfer und verkauften den Bewohnern ihre Ware direkt an der Haustür. Ebenso bezogen sie Waren von den Kleinproduzenten aus erster Hand. Diese Praxis gaben sie auch später, wenn sie sich auf Märkten etabliert hatten, nicht auf und besaßen dadurch immer einen Vorsprung vor ihren deutschen oder jüdischen Konkurrenten, die aus zweiter Hand kauften, weil ihnen das Aufsuchen der Bauern zu mühsam war. Schwartner beschreibt das Auftauchen griechischer Händler bei den Zipser Leinwebern gegen Ende des 18. Jahrhunderts: „Wie die Zugvögel besuchen uns um Pfingsten aus entfernteren Gegenden aktivere Griechen, Zinzaren und Serbler, welche die Städte und Dörfer der Zipser Provinz durchstreifen, mit Ungeduld auf die oft nicht ganz fertige, oft durch ein dürftiges Draufgeld im voraus schon der Armut abgehandelte Ware lauern und diese dann, fast ohne Konkurrenz, … wohlfeil gekauft, mit vielprozentigem Gewinn tief in das Innere des Landes mit sich schleppen.“

Die Griechen zogen nie „leer“ durch die Gegend: Hatten sie etwas verkauft, so kauften sie sofort andere Waren, die sie in andere Gegenden verkauften. Obwohl der Handel mit der Türkei ihr wichtigstes Betätigungsfeld blieb, verschmähten sie deshalb keineswegs den Handel mit inländischen Waren und ließen sich durch Strapazen und Mühen nicht abschrecken, wenn sie dabei Gewinn witterten. Sie handelten mit Vieh, Getreide, Leder, Holzöl, Leinwand, Schaf- und Baumwolle, in geringerem Maße erst mit solchen Waren, die als eigentlich „türkische“ galten, wie Kaffee, Gewürze, exotische Früchte oder Gewebe.

Die Geschäfte der Sinas bestätigen die Behauptung Ödön Füves’, daß die Griechen außer mit Eisen praktisch mit allem gehandelt hätten, was sich verkaufen ließ, ganz gleich, ob es ihnen erlaubt war oder nicht. Sie handelten, allerdings bereits während der Napoleonischen Kriege, neben ihrem Haupt-Artikel, der Baumwolle, zumindest noch mit österreichischen Tüchern , französischen Weinen, Kupfergeschirr, Pottasche, Kaffee, Baumwollgarn, türkischen Schals, und „Silbergerätschaften“.

Später, als sich in den verschiedenen Städten Ungarns regelmäßige Markttage einbürgerten, unterhielten die griechischen Händler dort Warenlager, von denen sie die lokalen Märkte versorgten, die aber auch als Zwischenstationen für ihre großangelegten Handelszüge dienten. Sie durchliefen im Laufe der Jahrzehnte verschiedene Stadien zwischen Hausierern und Stadtbürgern: Dazu gehörte das Eröffnen eines ständigen Ladens, die Aufnahme in die alteingesessenen Handelskorporationen, der Erwerb des Bürgerrechtes der einen oder anderen Stadt. In den Erblanden scheint ihr Tätigkeitsbereich sich größtenteils auf Wien und Umgebung beschränkt zu haben: Eine Umfrage in Oberösterreich im Jahre 1794 ergab, daß beinahe niemand dort Handel mit Griechen und Türken trieb, und auch die wenigen Ausnahmen sich zu diesem Zwecke nach Wien begaben. Kamen einmal Griechen in die Gegend, so meist auf dem Weg nach Deutschland.

Die Griechen hielten sich durch ihre Mobilität immer die Möglichkeit offen, gegebenenfalls den Staub der Monarchie von den Füßen zu schütteln und in die Türkei zu verschwinden, sobald die Umstände es erforderten, im Falle eines Bankrottes, einer Schuldforderung oder einer gerichtlichen Klage. Sie handelten auch mit Geld, vor allem mit den in der Türkei wegen ihrer Prägungsqualitäten begehrten Maria Theresien-Talern. Ihre im Osmanischen Reich verbliebenen Verwandten unterstützten sie mit ihrem in Österreich verdienten Geld, und wenn sie sich aus dem Geschäftsleben zurückzogen, so kehrten sie oft in die Heimat zurück. Sie stellten dadurch ein unberechenbares Element für die österreichische Politik dar und standen stets im Verdacht, Geldabfluß zu verursachen. Ihre Stellung war daher Gegenstand immer neuer Reglements, Beschränkungen, jedoch auch Privilegien, denn sie waren und blieben die Träger des Levantehandels.

Um dieses „Vermögen“ der Griechen, welches sie außer Landes besaßen oder ins Ausland verschleppten, gab es auch immer wieder Gutachten und Meinungsverschiedenheiten. Als Georg Sina 1811 um die Großhandelsbefugnis ansuchte, wurde ihm zugutegehalten, daß er unter „die mit einem beträchtlichen Vermögen einwandernden Ausländer“ zu rechnen sei, deren Einbürgerung unbedingt unterstützt gehöre. Als ein Jahrzehnt früher einige Griechen ihr Gesuch um Großhandelsbefugnis mit der Bemerkung versahen, sie besäßen auch Vermögen in Österreich, wurde von dem Merkantilgericht bemerkt, sie hätten dieses hier erworben und keineswegs mitgebracht, sie seien „als mittellose Knaben“ hierher gekommen und hätten sich dann in Österreich bereichert. „Liegende Güter“ in der Türkei besäßen sie schon gar nicht.

Das „Vermögen“ eines Kaufmannes besteht zunächst eben nicht aus Immobilien, sondern bewegt sich in Waren oder Geldform durch die Lande, und daraus ergibt sich, daß es nie genau lokalisierbar ist. Bei den Klagen über die „Frugalität“ und „Anspruchslosigkeit“ der griechischen Händler ist auch nicht anzunehmen, daß sie sich in ihren Heimatorten Paläste gebaut oder Gelage veranstaltet haben, sondern der Großteil ihres Besitzes bewegte sich wahrscheinlich auf Leiterwägen zwischen Stambul und Deutschland hin und her. Damit ist auch die Behauptung Gyömreis, mit der Ablegung des Treueeids hätten die vormaligen türkischen Untertanen ihr Vermögen im Osmanischen Reich verloren, mehr als fragwürdig. Behördliche Konfiskationen von Waren türkischer Kaufleute fanden in Österreich statt, in der Türkei eher selten. Und die offiziellen oder weniger offiziellen Abgaben, die ein Kaufmann türkischen Obrigkeiten zu leisten hatte, hatten weniger mit seiner Untertanenschaft zu tun, als mit der geschätzten Höhe seines Vermögens. Die Klagen der österreichischen Behörden, die türkischen Untertanen sollten doch endlich ihr Vermögen nach Österreich bringen, beinhalteten genaugenommen nichts anderes als die Forderung, den Handel, oder zumindest diese Form des Handels, aufzugeben und einen anderen Beruf zu ergreifen.

2.2. Die Griechen in Ungarn und in den Erblanden – vaterlandslose Gesellen

Anfangs wurden die griechischen Händler von den Behörden geduldet, ihre Tätigkeit sogar begrüßt. Sie setzten immerhin Warenströme in Bewegung und sie waren auch als Heereslieferanten tätig. Mit Neid und Mißgunst wurden sie nur von ihren wenigen Konkurrenten, den in Zünften (den Handelsgremien) organisierten ansässigen Kaufleuten, verfolgt. Erst als die österreichische Politik sich vermehrt der Frage der Wirtschaftsförderung und des Handelsüberschusses zuwandte, begannen die Griechen störend aufzufallen. Zunächst deshalb, weil sie als türkische Untertanen jederzeit, unter Zurücklassung von Schulden, bei gleichzeitiger Mitnahme ihres Vermögens, die Monarchie verlassen und damit einen Abzug von Edelmetallen verursachen konnten. Mit der Einrichtung der Zwischenzollinie zwischen den österreichischen Erblanden und Ungarn waren sie auf einmal allen österreichischen Kaufleuten gegenüber privilegiert: Für sie galt diese Zollinie nicht, da dies den Bestimmungen des Passarowitzer Handelstraktates widersprochen hätte, demzufolge ein Untertan des einen Landes nur beim Überschreiten der gemeinsamen Grenze zwischen der Türkei und Österreich Zoll zu entrichten hatte, darüber hinaus dürfe „nicht das mindeste mehr zu fordern“ sein.

Angeblich habe, so Gyömrei, der Erlaß über den Treueeid 1774 einen entscheidenden Einschnitt für die Griechen bedeutet. Nach dem Frieden von Kücsük-Kajnardscha, der eine deutliche Schwächung der Türkei markierte, kündigte Maria Theresia praktisch die Handelstraktate, indem sie alle Privilegien der türkischen Untertanen strich und sie auf die Ableistung des Treueeides und damit der Annahme der österreichischen Staatsbürgerschaft verpflichtete. „Wer diesen Eid verweigerte, wurde auf den Handel mit Waren aus dem Osmanischen Reich beschränkt.“ Wer ihn ablegte, wurde mit österreichischen Kaufleuten gleichgestellt, durfte mit allen Waren handeln, Grundbesitz erwerben, unterlag aber auch den österreichischen Gesetzen und mußte so wie die Einheimischen Zölle und Abgaben entrichten. Das angestrebte Ziel, die Griechen mit der Einbürgerung ihrer Verbindungen in der Türkei zu berauben, wurde nicht erreicht. So schlug die Wiener Börsendeputation 1798 vor, „daß künftighin den türkischen Untertanen, die sich in den kaiserlich-königlichen Staaten seßhaft machen wollen, die angesuchte Naturalisation nicht erteilt werde, als wenn sie glaubwürdig erwiesen haben werden, ihr ganzes Vermögen hierüber gebracht, von ihren türkischen Handelsgenossen förmlich sich getrennt zu haben und mit selben in keinem anderen Verhältnisse als jenem zu stehen, in welchem ein österreichischer Trafikant mit Türken allfällig sich finden könnte.“

Welcher Art solche „Bestätigungen“ sein sollen, welche Behörde diese Behauptung glaubhaft bestätigen soll, bleibt dunkel, und es kann für einbürgerungswillige Balkanbewohner nicht sehr schwer gewesen sein, sich solche Papiere zu besorgen. Bei den Zollämtern gaben sie sich oft genug weiter als türkische Untertanen aus, wenn sie dadurch günstigere Zollsätze in Anspruch nehmen konnten.

Die negative Wirkung des Treueeides für die Griechen in Ungarn wird meist mit der rapiden Abnahme der türkischen Untertanen in Pest, also dem massenweisen Übertritt in den österreichischen Staatsverband, belegt. Dieser kann aber erstens andere Ursachen haben, – in Österreich, wie das Toleranzpatent, das den Griechen eine neue Konkurrenz in Gestalt der Juden verschaffte; und in der Türkei, wo Raubzüge der türkischen Soldaten und sonstiger Wegelagerer viele Griechen dazu veranlaßt haben können, ihren Wohnsitz endgültig nach Österreich zu verlegen. Auch die Folgen werden falsch wiedergegeben. Der Übertritt in die österreichische Untertanenschaft bedeutet keineswegs, daß diese Austro-Griechen den Handel aufgegeben oder mit weniger Erfolg betrieben hätten.

Die Anzahl der türkischen Untertanen war in Wien angeblich viel höher als in Pest. Gyömrei verweist als eine der Ursachen auf die Ansiedlung eines Großhändlers: „Eine große Wiener Handelsfirma, die Firma Natorp, eröffnete – vermutlich auf Wink der Regierung – eine Filiale in Pest und verdrängte die Griechen durch ruinöse Konkurrenz aus dem ihnen angestammten Gewürzhandel. … Vergleich mit der Lage in Wien …: Um 1800 gab es in Pest nur 12 griechische Händler, die türkische Untertanen geblieben waren, in Wien waren zur gleichen Zeit 217 türkische Firmen gemeldet, die ohne Zwang zur Ableistung des Treueeides frei Handel treiben durften, die Zahl der Griechen, die österreichische Untertanen waren, betrug 15.“

Diese Angaben sind trügerisch: Die Anzahl der protokollierten Firmen deckte sich keineswegs mit der der tatsächlich existierenden. Zwei solche Verzeichnisse aus Wien von 1802 führen einmal 139 türkische zu 63 österreichischen, einmal 126 türkische zu 69 österreichischen Firmen an. (Bei dieser Gegenüberstellung wurden Griechen, türkische Juden und Armenier zusammengezählt, die letzteren beiden sind aber eine verschwindende Minderheit.) Selbst wenn die Zahl der türkischen Firmen in Pest stimmt, besagt das für sich noch gar nichts. Gyömrei nennt keine Zahl für Griechen, die österreichische Untertanen waren. Wenn es eine große Menge solcher gegeben hätte, wäre die These über die negativen Auswirkungen des Treueeides auf den Handel der Griechen nämlich noch fragwürdiger. Zusätzlich ist noch zu berücksichtigen, daß viele vorher in Wien ansässige Griechen, die bereits österreichische Untertanen waren, ihre Geschäfte oder Warenlager nach Ungarn verlegten, weil sie vor Schikanen der Wiener Behörden den Schutz in Anspruch nahmen, den das ungarische Recht gewährte.

Über die exterritoriale Stellung der türkischen Untertanen berichtet ein Beamter der Hofkammer 1806 anläßlich einer Zwangsanleihe zur Aufbringung der Kontribution an die Franzosen:

Unter den vorgerufenen Parteien zur Erklärung über ihre Bereitwilligkeit zur Zahlung des Zwangsdarleihens waren auch einige hier angesiedelte Griechen. Die in Wien seßhaften Griechen sind zweierlei Natur. Einige derselben haben die östreichische Unterthansschaft oder Einbürgerung erworben. Die meisten derselben sind aber noch in dem Untertansverbande der ottomanischen Regierung, sind also türkische Untertanen und Fremde. Man hat bei der Besteuerung und Vorrufung der Griechen auf diesen Unterschied keine Rücksicht genommen. Baron Kielmannsegg überließ mir einen Teil der Griechen zur Verhandlung … An der Spitze derselben war ein Pope … Er wurde von den Seinigen zum Sprecher gewählt, weil er der deutschen Sprache … mächtig ist. Auf meine Eröffnungen und Zumutungen, die er ruhig und aufmerksam anhörte … machte er mich vor allem aufmerksam, daß er und seine Schar türkische Untertanen seien, und deduzierte mit eben so vieler Klarheit als Scharfsinn, wie er und seine Klienten mit Recht nicht in die Besteuerung gezogen werden könnten, und wie sie, wenn man darauf bestünde, nur der Gewalt weichen, jedoch die Vertretung ihrer Regierung anrufen würden. Wenn man aber ihr Recht anerkenne, so seien sie bereit, Opfer zu bringen, die sie näher bezeichneten. Die vorgetragenen Gründe machten auf mich überzeugenden Eindruck und bestimmten mich, die Verhandlung abzubrechen und die Herren auf Nachmittag zu bescheiden, … ich ward ermächtigt, ihre Erklärung anzuerkennen und ihr Offert in der gehörigen Form anzunehmen.

Simon Georg Sina, dessen erste – im Verein mit anderen Griechen geführte – Firma in den Akten als ein in Wien ansässiges Großhandlungshaus geführt wird, und der später eine eigene Firma als türkischer Untertan anmeldete, und erst mit der Erhebung in den Adelsstand 1818, wenige Jahre vor seinem Tod, österreichischer Untertan wurde, verzollte 1811 versehentlich einige Ballen Baumwolle falsch. Das Zollamt, das die Ware konfiszierte, wurde von einer anderen Behörde darauf hingewiesen, daß Waren türkischer Untertanen nach der zollämtlichen Instruktion von 1789 nicht konfisziert werden dürften und die Bedeutung des Levantehandels für Österreich erfordere, daß alle diesbezüglichen Verordnungen genau eingehalten würden. Eine andere Behörde meldet sich auch zu Wort und weist nachdrücklich darauf hin, daß Sina das Garn auszufolgen sei, mit folgenden zusätzlichen Ausführungen, die offenbar das Mißverständnis seitens der Zollbehörde, Sina sei österreichischer Untertan, beseitigen sollten:

1. Der Simon Georg Sina, dessen Gesuch zurückfolget, ist der Vater, und nicht er, sondern sein Sohn ist jüngst Großhändler geworden. 2. Der Besitz von Realitäten in den österreichischen Staaten schließt nach der Übung den türkischen Untertanen von den traktatmäßigen Begünstigungen nicht aus. 3. Der 2. Paragraph des Hausier-Patents bestätigt diese Übung, denn nach dieser gibt der Besitz einer österreichischen Realität keineswegs das Bürgerrecht.

Hier ist ausdrücklich von einer Übung, also nicht einem Gesetz, die Rede. Nach dem Gesetz konnte ein türkischer Untertan keinen Grund erwerben, wie S.G. Sina 1806 feststellen mußte, als er ein Haus in Wien-Landstraße kaufen wollte. Im folgenden Gutachten wird ausgeführt, daß den türkischen Untertanen solche Zugeständnisse deshalb nicht gemacht werden könnten, weil auch österreichische Untertanen in der Türkei keinen Grund erwerben dürften.

1810 wurde das Ansuchen Simon Georg Sinas um die Gewährung von Zollkredit abgewiesen, da türkische Untertanen, die „im Lande keine Ansässigkeit“ hätten und sich daher jederzeit in die Türkei absetzen könnten, von keinem Amt Kredit erhalten dürften und sich zu diesem Zwecke an private Kreditgeber zu wenden hätten.

Treueeid und behördliche Schikanen hin oder her, die Griechen hatten längst Mittel und Wege gefunden, um auf diesem Gebiet auftauchende Hindernisse möglichst zu umgehen.

2.3. Die Organisationsformen der griechischen Kaufleute

Die Griechen waren bereits vor ihrem Auftauchen in der Monarchie, also bereits in der Türkei, in sogenannten „Kompanias“ organisiert, einer Art Zunft, ähnlich den Handelskorporationen. Die erste Aufgabe dieser Vereinigung war die Organisation der Handelskarawanen. Die in der „Kompania“ vereinigten Händler entrichteten eine gemeinsame Steuer. Auch diese Tradition aus dem Osmanischen Reich setzten sie in Österreich fort. Schließlich hatten die in der „Kompania“ vereinigten Händler das Recht auf eigene Gerichtsbarkeit, durften ihre Richter und Geschworenen selbst wählen – vorausgesetzt, der Streitfall betraf nur Griechen. Eine kurze Schilderung des Streites und des Urteils mußte dann einer örtlichen Behörde übergeben werden. In Ungarn gab es 1752 10 solcher Vereinigungen, die nach Städten organisiert waren. In Wien wurde 1805 ein Gesuch um Einrichtung eines eigenen Gremiums für die Griechen abgelehnt. Das betraf aber nur die Rechtsförmlichkeit einer solchen Vereinigung, die neben der Kaufmannszunft der Wiener Kaufleute eine gleichberechtigte für die Griechen bedeutet hätte. Eine Eingabe von 1812 trägt die Unterschrift „Von den Vorstehern des hiesigen griechischen Gremiums ottomanischer Untertanen“. Mit oder ohne Anerkennung der Behörden setzten die Griechen ihre herkömmliche Organisationsform also ein, wenn sie es für geraten erachteten. Im gleichen Jahr gab es Pläne, in Stambul eine Art Dachverband für alle griechischen Kaufleute einzurichten, der Urkunden ausstellen und überprüfen und eine eingeschränkte Gerichtsbarkeit ausüben sollte. Die Pforte sollte dafür Sorge tragen, daß dessen Entscheidungen international anerkannt würden. Die österreichischen Behörden meinten, so etwas wäre „sehr bedenklich“.

Nachdem die Griechen Fuß gefaßt hatten, trat eine zweite Organisationsform in den Vordergrund, die der „Sozietät“. Diese bezeichnete kleine Unternehmen mit 2-3 Mitgliedern, meistens Familienbetriebe, bestehend aus Brüdern, oder Vater und Sohn, von denen oft einer die türkische Staatsbürgerschaft beibehielt, der andere die österreichische annahm. Damit kamen sie in den Genuß der Privilegien beider Arten von Untertanen. Häufig hielt sich der eine der „Consozii“ in der Türkei auf und erledigte dort die anfallenden Geschäfte, wie Ein- und Verkauf, Transport, Bestechung usw., der andere in Österreich. Außer den Consozii verfügten diese Unternehmungen meist noch über Angestellte.

Georg Sina, der „seit 1803 die Firma seines Herrn Vaters … führet und desselben Handlung leitet“, suchte 1811 mit Erfolg um die Aufnahme in den österreichischen Staatsverband an, während sein Vater noch weitere sieben Jahre türkischer Untertan verblieb. Trotz des oben geschilderten Verbots beim Grundkauf und den sich daraus ergebenden weiteren Nachteilen hielten es die Sinas also bis 1811 für vorteilhaft, ihr Geschäft als türkische Untertanen zu führen. Die Beschränkungen bei Grunderwerb hatten sie längst durch einen Strohmann (einen bereits eingebürgerten Verwandten der Frau Simon Georg Sinas), umgangen: 1812 wurde wegen einer Nachlässigkeit des „Hausadministrators des Simon Georg Sina“ eine Verwaltungsstrafe gegen letzteren verhängt, aus der hervorgeht, daß die Sinas zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Häuser in Wien besaßen, zusammen mit dem „Handelsmann Isak Gyra, auf dessen Namen Sina anfangs die Häuser schreiben ließ.“

1822 suchte Georg Sina um Änderung des Namens seiner Firma in „Simon Georg Sina“ an, nach der Firma seines in demselben Jahr verstorbenen Vaters. Aus diesem Gesuch geht hervor, daß sein Vater sein Unternehmen 1818 anläßlich seiner Erhebung in den ungarischen Adelsstand aufgelöst hatte. Bis dahin, von 1811 bis 1818, hatten die beiden also das System der zweifachen Staatsbürgerschaft benützt. Die Begründung, die Georg Sina für diese Umbenennung anführt, – er wolle „des Vaters Andenken ehren“ – kann nicht das wirkliche, zumindest nicht das einzige Motiv gewesen sein. Zwei Gründe sind denkbar: 1. Er wollte Privilegien, die sein Vater noch als türkischer Untertan bei der Gründung des Unternehmens erhalten hatte, stillschweigend übernehmen. 2. Er wollte die Verbindungen seines Vaters – und etwaige noch bestehende Verbindlichkeiten anderer gegen ihn – in der Türkei übernehmen.

2.4. Die Handelsverbindungen und das Kreditwesen der Griechen

Die Griechen standen im 18. Jahrhundert hauptsächlich mit ihresgleichen, gleichfalls aus der Türkei und meist auch aus dem gleichen Gebiet stammenden Personen in Handelsverbindungen. Sie verkauften ihre Ware zwar an österreichische Bürger oder Institutionen, aber als Angestellte oder Consozii nahmen sie nur Griechen auf. Auch im Wechselgeschäft standen sie hauptsächlich mit anderen Griechen. Bei der Handhabung des kaufmännischen Kredites oder bei der Abwicklung von Bankrotten fällt das Bemühen auf, bei anderen Griechen aufgelaufene Verbindlichkeiten nach Möglichkeit zu erfüllen, während die österreichischen Beteiligten durch die Finger schauen konnten.

Die Griechen brachten ein fertig entwickeltes Kreditwesen mit, mit dem Außenstehende wenig anfangen konnten. „Der Verwalter der königlichen Rechtsangelegenheiten reichte 1781 eine FiskalKlage gegen einen griechischen Händler ein, weil er 5000 fl. gegen eine monatliche Provision von 1% verliehen hatte, während der gesetzliche Zins 6% jährlich betrug. Im Laufe des Prozesses erläuterten 18 in Pest ansässige griechische Händler in einer Eingabe, daß man zu 6% nicht mehr als 1000 fl. erhalten könne. Derjenige, der einen Kredit zu 6% jährlich gegen eine Obligation aufnehme, zahle mehr als der, der auf einen bis drei Monate gegen 1% monatlich kreditiert wird, denn dieser Kredit ist sofort rückzahlbar, während der ObligationsKredit eine Kündigungsfrist von 3 Monaten hat. Darüberhinaus scheint ein gegen „Provision“ aufgenommener Kredit nicht in der Buchhaltung auf“ (wortwörtlich: „ist nicht öffentlich“) „und belastet den kaufmännischen Kredit des Betreffenden nicht. Ein Kaufmann ohne Immobilienbesitz erhielte nicht einmal 100 fl. zu 6%. Der Kredit zu 1% monatlich sei auch in Wien verbreitet, die Bankal-Deputation genehmige diese Art des Kredites auch, damit die Kaufleute nicht auf die (weit ruinösere) Form des PfandKredites angewiesen seien.“

Während die Griechen sich für kurzfristige Kredite anscheinend mit genannter monatlicher „Provision“ behalfen, berechneten sie beim Wechselkredit offenbar die langen Strecken ein, die bei ihrer Art von Handel zurückzulegen waren, und die Zeitspannen, die der Transport in Anspruch nahm. So beschwerte sich die österreichische Bankal-Administration 1804, daß die in der Türkei „verstreuten Handelsleute … einen unverläßlichen Kredit“ genießen, „ihre Tratten laufen über 13 Monate …“ Es fehlte auch nicht an Beschwerden der österreichischen Kaufleute, daß die Gesetzgebung der Pforte die gerichtliche Verfolgung der türkischen Untertanen erschwere, den Wechselregreß nicht anerkenne, zeitweise einfach das Wechselgeschäft verbiete, wodurch Wechsel überhaupt nicht mehr einklagbar seien, usw.

Der Kredit der Griechen untereinander beruhte jedoch nicht auf den jeweiligen Landesgesetzen, sondern auf dem Zusammenhalt, der einer ihrer Konkurrenzvorteile war und mit dem sie sich in einer feindseligen Welt behaupteten.

Ein grenzüberschreitender Streitfall der Bürger von Moscopolis im Jahr 1770, in dem viele Zeugen über die gefälschten Unterschriften von Bürgen zweier Obligationen entscheiden sollten, zeigt, wie wichtig für viele Beteiligte die rechtmäßige Bezahlung dieser Obligationen war: Der Kreditgeber, Georg Sina (der Ältere), muß von der Betrugsabsicht des Schuldners gewußt haben, da er aus der gleichen Stadt stammte und sowohl den Schuldner als auch die meisten der Leute, deren gefälschte Unterschriften unter dem Schuldschein standen, kannte. Dennoch machten die Bürger von Moscopolis einen Unterschied zwischen dem ehrenwerten Gläubiger, dessen Forderungen befriedigt werden mußten, und dem Gauner, der unbedingt verurteilt gehört. Ihr Interesse ist klar: Der Kredit innerhalb ihrer Personengruppe stand auf dem Spiel: Erhielt Georg Sina sein Geld nicht, so würde er vermutlich keinen der „Unterzeichneten“, womöglich keinen aus dieser Stadt stammenden Menschen mehr kreditieren, was bei seinen finanziellen Mitteln offensichtlich eine empfindliche Schrumpfung des Kreditvolumens für die Griechen von Moscopolis, und da diese Stadt eines der Zentren der Griechen war, für die gesamte griechische Kaufmannschaft bedeutet hätte.

Angesichts der ständigen Klagen der Zeitgenossen über die Unzuverlässigkeit und „Unordnung“ der Griechen ist noch erwähnenswert, daß die Einführung einer geregelten Form von Buchführung und „neue Formen des Geldverkehrs“ in Ungarn den Griechen zugeschrieben werden, auch sollen sie es gewesen sein, die den Wechsel in Ungarn eingeführt hätten. Während sich unter den restlichen Kaufleuten Ungarns nach Beendigung der Türkenkriege der Wechsel als Zahlungsmittel nie so recht durchsetzen konnte, kreditierten die Griechen einander munter mit ihren Wechseln, und aus ihren Rechtsstreitigkeiten läßt sich erkennen, daß diese Wechsel durch viele Hände gingen, bevor sie verfielen, daß sie also innerhalb dieser Gruppe problemlos angenommen wurden.

Die Umgangsformen der griechischen Händler zeichnen sich durch eine gewisse abgeklärte Heiterkeit aus, die allerdings auch durch die Übersetzung hervorgerufen sein kann:

Betreffend das

Begehren des Georg Sina, als … für 47 brab. Ellen Drap d’or, die er beim bei dem Serafin Bischof in Geras gelassen hat: Dies hat er dort zu suchen, wo ers gegeben hat.

(Schiedsspruch in einem Rechtsstreit G. Sinas in Wien, 1767)

… als wir an den hiesigen Platz kamen, mußten wir zu unserem Mißvergnügen feststellen, daß wir so viele Zahlungen zu leisten hatten, daß uns für Sie kein Geld mehr übrig blieb …

(Konstantin Damscho in Wien 1794 an Samuel Stankovics in Pest)

Er wird dir selbe (= Baumwolle) geben, nachher diese 200 Ballen werden, wie Gott es dir eingeben wird, verkauft worden sein, werde ich dir das Abgängige ersetzen, wenn etwas abgehen sollte, oder du wirst mir den Überfluß geben, wenn etwas überbleiben sollte. Lebe wohl.

(Nikolaus Haggi Michael und Demeter Psara 1796 an Johann Georg Turumtsa, beide in Wien)

Einige Ballen

Baumwolle sollen Sie ohne weiteres übernehmen … wenn Sie also diese erblicken, sogleich machen Sie einen Verbot darauf, weil uns der Constantin Moszka, der auch heute fallierte, schuldig ist. Daher jetzo zeigen Sie sich für uns als Freund und scheuen Sie keine Unkosten. …

(Simon Sina, Papa Naum & Co. in Wien 1796 an Konstantin Mazinka in Pest)

… sollen Sie dem dortigen Herrn Constantin Mazinka ohne weiteres übergeben, von welchem Sie auch Ihre Auslagen samt Ihrer Provision erhalten, und wir bleiben wieder gute Freunde, mithin ohne Widerrede sollen Sie die Baumwolle an gedachten Mazinka ausfolgen, damit wir keinen Wortwechsel haben.

(Simon Sina, Papa Naum & Co. in Wien 1796 an Konstantin Moszka in Pest)

… weil mir diese Tratte höchst nötig ist, so trachten sie auf alle Weise, daß diese nicht zurück kömme, sonst wird es meiner Ehre sehr nachteilig sein … ich bitte Sie abermals, meine Tratte von 300 fl. auszuzahlen, denn sie ist mir höchst nötig, beehren Sie mich zu jeder Zeit mit dero werten Befehlen …

(Konstantin Zygur in Semlin 1796 an Johann Georg Turumtsa in Wien)

Da wir wegen der Baumwolle unter unserem Signo, welche Sie wegen der Gelder, die wir Ihnen … schuldig sind, haben in Verbot schlagen lassen und wovon der … Magistrat für obige Summe Ihnen 170 Ballen Baumwolle gegeben, mit dem Preis also, wie der … Magistrat selber geschätzt hat, zufrieden sein und selber für gut verkaufte halten, worüber Sie nun Eigentümer sind (– und wünschen guten Nutzen).

(Simon Sina, Papa Naum & Co. in Wien 1796 an Demeter Argyr in Pest)
Schloss Rappoltenkirchen/Niederösterreich
Der Stammsitz der Familie Sina und das Verwaltungszentrum ihrer österreichischen Besitzungen bis zum Tode Georg Sinas 1856

II. Der Baumwollhandel, die napoleonischen Kriege und die Anfänge des Bankhauses

Die Geschichte, wie die Sinas den Grundstock ihres großen Vermögens gelegt hatten, hat Georg Sina einem Zeitgenossen erzählt. Unter der Voraussetzung, daß er die Wahrheit gesagt hat, verdanken die Sinas ihren Aufstieg einem industriellen Rohstoff und einem Krieg, in Verbindung mit rechtzeitig erfolgten Todesfällen und mit Eigenheiten der Beamtenrotation im Osmanischen Reich:

Der alte Georg Sina, der Begründer des Hauses ... eröffnete in Wien in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts einen Großhandel, unter dem Schutze der Privilegien der türkischen Untertanen. In jener Zeit wurde in Amerika noch keine Baumwolle angebaut, dieser Wirtschaftszweig florierte jedoch in ganz Mazedonien, und zwar übte der dortige Pascha ein Monopol aus; er gestattete nicht, daß die Bevölkerung ihre Baumwollernte Fremden verkaufe, er löste diese ein und verkaufte dann stets seinen ganzen Vorrat seinem Landsmann Sina. Dieser befand sich einmal in dieser Angelegenheit in Monastir und hatte gerade den Vertrag mit dem Pascha abgeschlossen, als er aus Wien einen Eilbrief erhielt, daß sein Prokurist sich in die Donau gestürzt habe. Sina eilte sofort in den Konak zum Pascha und teilte ihm mit, daß der Vertrag nichtig sei, da sein Freund, dem er sein Vermögen anvertraut, sich umgebracht habe und es könne sein, daß sein Geld verloren sei, er könne daher keine Verpflichtung übernehmen, die er vielleicht nicht erfüllen könnte. Worauf der Pascha bemerkte, daß Allah dem Menschen wohl Geld nehmen könne, Redlichkeit hingegen nicht, ihre Geschäftsverbindung bleibe also weiterhin aufrecht, es gehe lediglich darum, ihr eine andere Form zu verleihen. Von nun an werden sie als Gesellschaft fungieren, der Pascha werde die Baumwolle dem Bankier um einen noch zu bestimmenden Preis nach Wien schicken, der verkaufe sie auf gemeinsamen Gewinn, und er verwalte auch den Teil des Paschas; denn dieser ahnte bereits, daß die Zeit kommen werde, in der ihm der Sultan die seidene Schnur schicken und sein Vermögen einziehen werde, – der Bankier würde dann seiner Familie den ihr zustehenden Teil auszahlen. Auf dieser Grundlage florierte die Gesellschaft einige Jahre lang, endlich langte aus Stambul die seidene Schnur ein, aber nicht nur für den Pascha, sondern auch für seinen Sohn, die ganze Familie wurde ausgelöscht, und Sina, als der gesetzliche Erbe des Paschas, behielt die inzwischen angesammelte gewaltige Summe, die während der Franzosenkriege durch den Umstand erneut anwuchs, daß Simon Sina, der nicht nur der Sohn, sondern auch der Kompagnon seines Vaters war, auf den Ratschlag und unter Mithilfe eines bei Wagram verwundeten französischen Offiziers, der vor der Revolution Kaufmann gewesen war, und nun im Hause der Sinas gepflegt wurde, seine Bücher auf Silber umschreiben ließ, alle Anleihen und sein gesamtes Kapital in Silber einwechselte und so alle Verluste, die ihm aus dem Patent von 1811 hätten erwachsen können, vermied, während andere Wiener Häuser schwer in Mitleidenschaft gezogen wurden. [1]

1. Die Baumwolle

Im 18. Jahrhundert bauten die Bauern in Mazedonien und Nordgriechenland Baumwolle an, die Initiative dazu ging von den damaligen Paschas und Wesiren aus. Die Zentren für den Handel mit dieser Baumwolle waren Seres und Saloniki. In Österreich bezogen diese Baumwolle und die daraus verfertigten Garne hauptsächlich Weber in Siebenbürgen und Manufakturen in Mähren. Das Handelsvolumen war anscheinend beträchtlich, denn um die Jahreswende 1783/1784 wurde „zur Beförderung des Baumwoll-Handels“ ein österreichisches Konsulat in Seres eingerichtet. [2] Den größten Aufschwung nahm dieser Handel während der Napoleonischen Kriege, als der Seehandel mit der Levante erst wegen kriegerischer Handlungen im Mittelmeer, dann wegen der Kontinentalsperre ausfiel und alle Waren aus dem Osmanischen Reich auf dem Landweg und daher über Österreich oder Rußland transportiert werden mußten. Gleichzeitig nahm offenbar wegen des Bedarfs für die Heere die Nachfrage nach der Baumwolle zu. Das galt nicht nur für Österreich, sondern auch für andere Nationen: „Nach dem gegenwärtigen Fabriksstande wird in Österreich nicht nur allein türkische, sondern auch ost- und westindische verarbeitet.“ Diejenige aus der Levante „kommt freilich der von Bengalen, Siam, … Java, Jamaica … nicht gleich. Unter der Levantiner ist die von Zypern die vorzüglichste. Die mazedonische weicht ihr an Güte … Smyrna und Saloniki sind die Haupt-Verladeplätze dieses Produktes, von welchen beiden jährlich bei 120.000 Ballen ausgeschickt werden, die größtenteils Frankreich und Deutschland erhalten. … Endlich muß man daran erinnern, daß auch England und Holland Levantiner Baumwolle zum Fabrikbetriebe abnehmen, woraus sich … unwidersprechlich zeiget, daß Österreich von der Levante abhängig ist, denn wenn selbst England und Frankreich, welchen doch die Wolle aus Ost- und Westindien aus erster Hand zu Gebote steht, noch Wolle aus der Levante suchen, so ist für uns keine Möglichkeit vorhanden, dieses Bedürfnis aus einer anderen Quelle zu befriedigen.“ [3]

Diese solchermaßen konstatierte Abhängigkeit versuchte Österreich wiederholtermaßen durch eigenen Anbau zu überwinden. Bei diesen Anbauversuchen, noch im 18. Jahrhundert, hat sich ein Grieche, Christoph Nako, hervorgetan, der für seine Bemühungen, in der Gegend von Temesvár Baumwolle anzubauen, von Josef II. ausgezeichnet wurde. [4] Von großem Erfolg waren diese Versuche offenbar nicht gekrönt, denn die Baumwolle wurde weiterhin, vor allem aus der Türkei, eingeführt.

Eine neue Initiative, doch endlich Baumwolle selbst zu erzeugen, ging vom Hofkriegsrat aus. Es folgten Versuche, sie in der Militärgrenze anzubauen. 1808 züchtete ein Major in Pancsova Baumwolle, von der gemeldet wird, sie sei etwas kurz geraten, das könnte aber am vergangenen sehr trockenen Sommer liegen: „Auf jeden Fall würde es ein großer Vorteil für den Staat sein, dieses zum allgemeinen Bedürfnis gewordene Material, obgleich vielleicht nicht in der größten Vollkommenheit, auf eigenem Grund und Boden zu erzielen.“ Der Hofkriegsrat erteilte den Auftrag zur Fortsetzung des Experiments. [5] Des weiteren wurde ein Bericht eines „gelehrten Abtes“ angefordert und über den Internuntius in Stambul Baumwollsamen aus Mazedonien, Anatolien und überhaupt allen Anbaugebieten der Türkei angefordert, später beschaffte auch der österreichische Botschafter in Paris Samen aus Amerika. [6] Für die erbärmlichen Ergebnisse wurden abwechselnd Trockenheit, Hagel, Insekten oder Beschädigungen beim Transport der Samen verantwortlich gemacht. Ein Hauptmann der Militärgrenze unternahm einen heroischen Versuch, die Unzulänglichkeiten von Boden und Witterung durch den Einsatz von Mistbeeten zu überwinden. [7] Endlich setzte sich 1813 die Erkenntnis durch, daß sämtliche Gegenden Österreichs für den Anbau von Baumwolle ungeeignet seien. Ausschlaggebend dafür waren die Rückmeldungen der Spinnereien, die die einheimische Baumwolle als völlig unbrauchbar einstuften. [8] Somit war wieder bewiesen, wie unentbehrlich die levantinische Baumwolle für die Monarchie war.

2. Napoleon, die Baumwolle und Illyrien

1808, auf dem Höhepunkt seiner Macht, beschloß Napoleon, den Levantehandel, vor allem den mit der Baumwolle, dem Einfluß Österreichs zu entziehen und über von ihm beherrschtes Territorium zu lenken. Der Transport der Baumwolle und anderer Waren sollte, anstatt wie bisher hauptsächlich durch Serbien und Ungarn, über Bosnien, hernach über das mit dem Frieden von Wien 1809 an Frankreich gefallene Dalmatien, „Illyrien“, erfolgen. Die Entsendung eines französischen Konsuls nach Travnik diente unter anderem diesem Zwecke. Die neue Handelsroute verlief über Sarajevo, Travnik, Jajce und Prijedor nach Kostajnica, wo sie über die türkische Grenze auf französisches Gebiet gelangte. Napoleon betraute 1811 ein Marseiller Handelshaus mit der Abwicklung des Handels auf dieser Strecke. [9]

Die österreichische Regierung verfolgte diese Pläne mit Entsetzen. Eine offene Konfrontation mit Frankreich konnte sie sich zu diesem Zeitpunkt nicht leisten. Sie entsandte einen Gegen-Konsul nach Bosnien, mit dem Auftrag, die Pläne der Franzosen nach besten Kräften zu durchkreuzen. Die Meldungen der österreichischen Konsuln und anderer Kenner der Lage waren meistens beruhigend: Die Baumwolltransporte über Travnik und Kostajnica waren geringfügig, sie scheiterten an den strengen Zollabfertigungs-Vorschriften der Franzosen und an der Geographie und dem Klima der Gebiete, über die der Transport erfolgen sollte, weil „im Winter die Passage durch Illyrien sehr beschwerlich und über den Simplon kaum praktikabel sein soll.“ [10] Der Transport „zur Achse mit Ochsenwägen“ sei in Bosnien ganz unmöglich, weshalb „die Güter … bloß zu Pferd zu 2 Ballen auf eine Last mit großer Mühseligkeit über die Gebirge … transportiert werden“ [11] können, und die Fracht über Bosnien daher zwei- oder dreimal soviel Geld verschlinge wie die durch Serbien. Der Grund, warum überhaupt Baumwolle durch Bosnien verführt wurde, lag an Kriegshandlungen zwischen Rußland und der Türkei, die damals den Zug über Or‚ova behinderten. Nicht allzusehr, wie verlautet: „Was die durch den Krieg Rußlands mit der Pforte gehinderte Zufuhr der Baumwolle über Ungarn betrifft, versichert man, daß die Griechen Mittel gefunden hätten, dieselbe durch die Armeen hindurch zu bewerkstelligen.“ [12] Die noch wichtigere Strecke über Semlin war durch den serbischen Aufstand für Handelskarawanen unpassierbar.

Die Griechen, deren angestammtes Geschäft der Baumwollhandel war, – „dieser wichtige Handel befindet sich ausschließlich in den Händen der Griechen“ [13] – waren ebenfalls entschlossen, die Pläne der Franzosen zu vereiteln. Sie wollten die Monopolisten des Ankaufs der Baumwolle und ihres Transportes durch die Türkei bleiben und die Franzosen dazu nötigen, die Baumwolle von ihnen in Österreich zu kaufen und dann von dort (über Straßburg) nach Frankreich zu verführen. Solange die Baumwolle über Bosnien transportiert werden mußte, sorgten die Griechen dafür, daß der Handel der französischen Handelshäuser unbedeutend blieb, da alle Baumwolle vorher aufgekauft und über Brod nach Österreich eingeführt wurde. Es half auch nichts, daß die französische Regierung im Juni 1811 ein Einfuhrverbot für Baumwolle, die nicht über Illyrien eingeführt wurde, erließ. [14] Den Franzosen gelang es nie, den Griechen den Baumwollhandel zu entwinden, was zu einer gewissen Verärgerung eines betroffenen französischen Kaufmannes führte: „Man müsse alles liquidieren, und zwar je eher, desto besser, und müsse andere Handelswege ausfindig machen, Wege durch ein anderes Land, in dem man … mit den Menschen zusammenarbeiten könne.“ [15] Das Scheitern der illyrischen Transitpläne Napoleons wurde durch seine militärischen Niederlagen besiegelt.

Der Wortführer der Griechen bei den österreichischen und vermutlich auch bei den türkischen Behörden war Simon Georg Sina. Seiner in dieser Zeit entfalteten Tätigkeit ist vermutlich die Auffassung geschuldet, die Sinas stammten aus Sarajevo oder Brod. In dieser Zeit lebten sie aber bereits in Wien, wo auch Johann Sina, der „arme“ Sina, der zweite Sohn Simon Georg Sinas, 1804 geboren wurde. In Brod hatten sie, wenn überhaupt, nur eine Niederlassung. Laut Adelsakt von 1818 unterhielten sie eine „Filiale“ in Sarajevo. [16] Auf eine Anfrage der Bankal-Gefälls-Administration reichte Simon Georg Sina 1811 gemeinsam mit seinem Sohn eine Reihe von Verbesserungsvorschlägen zur Sicherung des Transithandels der Baumwolle über österreichisches Gebiet ein. [17] Sie lassen sich in 2 Punkte zusammenfassen: Die Zollabfertigung in Oršova sollte durch Bestellung verläßlicher Beamter und Zusammenlegung mit der Quarantäne erleichtert werden, die störungsfreie Abwicklung des Handels gehöre durch die Errichtung von Konsulaten in den türkischen Orten Neu-Oršova und Vidin gesichert. Zu den dabei entstehenden Unkosten würden die griechischen Kaufleute beitragen.

Dem Direktor der Bankal-Administration hielt Simon Sina noch einen oder mehrere ergänzende Vorträge zur Lage des Baumwoll-Transportes auf türkischem Gebiet: Die Strecke über Oršova sei vor allem wegen der zu entrichtenden überhöhten Abgaben an das russische Militär in Craiova und den korrupten türkischen Pascha von Vidin zu teuer geworden, aber damit sei jetzt Schluß, das Kriegsglück neige sich auf die Seite der Pforte, die Russen müßten Craiova räumen und für den Pascha von Vidin sei bereits ein Nachfolger bestimmt, nämlich „der Gouverneur von Mazedonien Ismail Beg, ein alter, gerechter und sehr weiser Mann“. Dieser war offenbar ein guter Bekannter Sinas, mit dem er bereits das Nötige geregelt hatte: „Ismail Beg verspreche den Handelsleuten, daß er in Vidin alles auf den alten Fuß setzen, nur 3 Piaster von 2 Ballen Ware nehmen und gute Nachbarschaft mit uns halten werde.“ Der Bankal-Administrator versicherte Simon Georg Sina, daß seine Vorschläge bezüglich der Erleichterung der Zollabfertigung berücksichtigt würden, darüber „war er sehr vergnügt und sieht dem Augenblick der Ausführung mit Sehnsucht entgegen: Er versicherte …, daß die Kosten dieser Maßregeln die interessierten Handelsleute gern bestreiten werden.“ [18]

Im Adelsakt werden die Verdienste Simon Georg Sinas um die Rettung des levantinischen Transithandels als Hauptgrund seiner Erhebung in den Adelsstand genannt, neben wohltätigen Spenden und den beträchtlichen Einnahmen, die er durch Entrichtung von Zoll der österreichischen Staatskasse verschafft hatte. [19] Schließlich enthält eine Beilage zu einem zollämtlichen Bescheid von 1811 die Bemerkung: „Übrigens nehme ich mir die Freiheit, Sinas (Vaters) geheime Dienste in Erinnerung zu bringen.“ [20]

3. Die Anfänge des Bankhauses

Der erste in Österreich aktenkundige Sina war Georg Sina (Popovics), und seine Anwesenheit in Wien ist von 1762 bis 1770 [21] nachgewiesen. Womit er handelte und ob er eine eigene Firma besaß, ob mit oder ohne Großhandelskonzession, ist nicht bekannt. Aus den Akten geht nur hervor, daß er offenbar über finanzielle Mittel verfügte, die diejenigen seiner Mitbürger von Moscopolis um einiges überstiegen. Ansonsten führte er das Leben eines griechischen Händlers, und reiste – vermutlich regelmäßig – von Wien auf den Balkan und wieder zurück. Woanders heißt es, die Famile sei „seit der Hälfte des vorigen Jahrhunderts in unseren Staaten ansässig“ gewesen. [22] „Ansässig“ heißt: Sie hielten sich des öfteren in Wien auf. Ihr Heimatort war Moscopolis, wo Simon Georg Sina 1753 geboren wurde.

Nachdem die Sinas diese Stadt verlassen hatten, sollen sie sich in Veles, [23] Sarajevo, und Bosanski Brod [24] aufgehalten haben. Sarajevo („Bosna-Seraj“) wird auch in den Nachrufen österreichischer Zeitungen [25] und in einem Adelsakt von 1832 als Herkunftsort der Familie angegeben. Diese Annahme beruht wahrscheinlich auf dem weiter oben erwähnten Irrtum. In einer Aufstellung der Pester Griechen von 1769 geben die aus Moscopolis stammenden Personen meist Belgrad und Semlin als Stationen ihres Umzuges von der Heimat nach Ungarn an, zwei von ihnen auch Niš. [26] Der übliche Weg von Mazedonien nach Österreich führte also im 18. Jahrhundert über Serbien, nicht über Bosnien. Georg Sina (der „große“, der „reiche“ Sina, 1783-1856, Wien) hat als seinen Geburtsort Niš angegeben, selbstverständlich ohne Beleg, da „er keinen Taufschein aufweisen könne, indem derselbe in der Türkei geboren sei, wo keine Taufscheine üblich sind.“ [27] Sein Vater und 5 andere Griechen, „die wir ihn von Kindheit kennen“, [28] bestätigten Geburtsort und -datum.

Simon Georg Sina, der Sohn des ersten und der Vater des „reichen“ Georg, eröffnete jedenfalls noch vor 1788 mit einigen anderen Griechen eine Firma unter dem Namen Papanaum, Sina, Saul & Co. [29] 1811 berief er sich darauf, „seit mehr als dreißig Jahren“ [30] im Levantehandel tätig zu sein. Diese erste bekannte Firma Simon Georg Sinas stattete u.a. das Militär mit Wechseln aus, [31] und handelte mit Baumwolle, nach der eine sehr heftige Nachfrage bestand. Zu ihren Geschäftspraktiken gehörte es offenbar, die „unter Wegs schwebende Baumwolle“ gegen Vorauszahlung gleich an mehrere Kunden gleichzeitig zu verkaufen, wie ein Streitfall von 1796 zeigt: Einer der Kunden, der wegen Beschlagnahme dieser ca. 250 Ballen Baumwolle durch einen Gläubiger von Sinas Firma seine Ware nicht erhielt, war die „Comercial Leih- und Wechsel-Banque“, und sie zeigte sich kulant: „Wir wollen uns um desto lieber noch bis Ende dieses Monats gedulden, da es doch dem Hause Papa Naum Sina Saul und deren Mitverwickelten allzeit höchst nachteilig sein würde, wenn wir bewiesen, daß sie die Ware an uns verkauft, die Valuta erhalten und sie dennoch zugleich an andere … wieder cediert haben.“ [32]

1798 wurde diese Firma aufgelöst und Simon Georg Sina gründete seine eigene, die seither unter diesem seinem Namen firmierte. Zunächst führte er sie mit einem Consozius in Seres, [33] von dem er sich 1802 trennte. Ab 1803 führte er die Firma gemeinsam [34] mit seinem Sohn, Georg Simon Sina, der später in den Ruf gelangte, der reichste Mann der Monarchie zu sein. Dieser erhielt 1811 die Großhandelsbefugnis mit der Begründung: Reiche Leute sind uns willkommen! In Ansehung seines kurz vorher erfolgten Übertrittes in den österreichischen Staatsverband und auf seine finanziellen Mittel „müßte doch der allerhöchst angeordnete Umstand für die mit einem beträchtlichen Vermögen einwandernden Ausländer seine volle Anwendung finden, welches auch bei dem Sina der Fall sei, da er in der Eigenschaft eines ottomanischen Untertanen bisher immer als ein Fremder zu betrachten war, und erst durch den freiwilligen Eintritt in die Zahl der kk. Untertanen seine Einwanderung vollendet hatte.“ [35]

Zurück zu der eingangs dieses Kapitels geschilderten Gründungssaga der Sinas: Der Mann, der den Pascha beerbte, kann sowohl Georg Sina der Erste oder Simon Georg Sina gewesen sein, wobei letzterer eher in Erwägung zu ziehen ist. Derjenige, der während der Napoleonischen Kriege das Geld in Silber eingewechselt haben soll, kann jedenfalls nur Georg Simon Sina gewesen sein, der in nicht näher spezifizierter Sache zum Jahreswechsel 1810/1811 über Straßburg nach Frankreich reiste. [36] Die französischen Verbindungen der Sinas, die später mit dem Tabak- und Wertpapierhandel ausgebaut wurden und bis zur Auflösung des Bankhauses währten, datieren jedenfalls aus dieser Zeit. Wie die Sinas ihr Vermögen in Silber umgewandelt haben, läßt sich nicht feststellen, nur soviel, daß sie in der Zeit zwischen dem Juli 1809 und September 1811 große Mengen französischen Weines, eines Artikels, mit dem sie vorher oder nachher kaum oder gar nicht handelten, einführten; und mit der Baumwolle, aber auch anderen Artikeln eine besonders rege Transithandels-Tätigkeit entfalteten. [37] Sie bemühten sich sichtlich, viel ins Ausland zu verkaufen, z.B. Baumwolle nach Augsburg, [38] um Waren gegen die im internationalen Zahlungsverkehr gebräuchliche klingende Münze, und nicht gegen österreichisches Papiergeld zu verkaufen.

In einem Nachruf auf Georg Sina steht, er hätte „dem berühmten Ali Pascha von Janina, mit welchem er seiner Zeit große Geschäfte gemacht, einen Teil seines Grundkapitals …“ [39] verdankt. Auch hier wurde, wie oft in Quellen über die Sinas, vermutlich einiges frei erfunden: Ali Pascha von Janina starb erst nach 1811, dem Jahr des Devaluationspatentes, übrigens auf weniger elegante Weise als oben beschrieben. Er war vermutlich der einzige Pascha des Balkans, den die österreichische Öffentlichkeit kannte, deshalb mußte er in diesem Fall herhalten. So wie hier hat überhaupt die Herkunft der Sinas vom Balkan die Phantasie ihrer Zeitgenossen zu Erfindungen aller Art angeregt. Völlig aus der Luft gegriffen sind z.B. alle Momente der von Károly Herein kolportierten Geschichte, Georg Simon Sina sei „mit einem gewaltigen Vermögen aus der Gegend des Bosporus gekommen, … die türkische Regierung hätte 1847 seine Auslieferung von der Wiener Regierung verlangt“ und wegen deren Weigerung, aus diplomatischer Verstimmung, Kossuth 1849 nicht ausgeliefert. [40] Georg Sina stand auf bestem Fuß mit mehreren türkischen Regierungen und war Träger der höchsten Auszeichnungen des Osmanischen Reiches. [41] Dieses wiederum bedurfte keines besonderen Grundes, Kossuth nicht auszuliefern: Die Auslieferung fremder Bürger war dort nicht gängige Praxis, das Osmanische Reich war einige Jahrhunderte lang das Aufnahmeland konfessionell und politisch Verfolgter, mehrheitlich aus Ländern unter habsburgischer Herrschaft.

Der Handel mit levantinischer Baumwolle, der noch bis zum Ende der Napoleonischen Kriege von so außergewöhnlicher Bedeutung für die österreichische Außenpolitik und Wirtschaft gewesen war, verlor mit der Niederlage Frankreichs schlagartig an Bedeutung. Wahrscheinlich begann damals – dank dem Wiedererstarken Englands – die Versorgung der europäischen Staaten mit Baumwolle aus Amerika. Damit verloren auch die Griechen ihre wichtigste Einkommensquelle. Die Sinas führten noch 1816 mindestens 2000 Ballen Baumwolle ein, [42] ihr letzter aktenmäßig erfaßter Import von Baumwollwaren datiert von 1817, auch da handelte es sich bereits um verarbeitete Baumwolle, nämlich um Schals. [43] Sie waren daher genötigt, sich nach anderen Handelsgütern und Erwerbszweigen umzusehen.

III. Die Hndelstätigkeit Georg Sinas

1. Der Tabakhandel

1.1. Vorgeschichte: Tabak, Händler und Tabak-Gefälle

Die ungarische ständische Verfassung verhinderte die Einführung des in den Erblanden bestehenden Tabakmonopols in Ungarn. Das bedeutete, daß die ungarischen Pflanzer nicht darauf verpflichtet werden konnten, ihren Tabak dem Gefälle zu verkaufen und daß dieses daher mit privaten Händlern konkurrieren mußte. Gleichzeitig stammte der inländische Tabak beinahe ausschließlich aus Ungarn. Sonst wurde noch in Galizien in größerem Umfang Tabak angebaut, ferner in Tirol und der Steiermark, vermutlich auch in Italien, aber in sehr geringen Mengen. Die Form, wie der ungarische Tabak aus den Händen der Pflanzer in die Fabriken des Tabakgefälles gelangte, beziehungsweise gelangen sollte, war durch Lieferverträge an einen Zwischenhändler, der sich verpflichtete, innerhalb einer festgesetzten Frist bestimmte Mengen zu einem bestimmten Preis an das Gefälle zu liefern. Hielt er den Vertrag nicht ein, so mußte er ein Pönale entrichten. Diese Zwischenhändler waren stets Bankhäuser, weil nur sie über genügend Kapital verfügten, um die Tabakbauern meist schon während der Zeit des Anbaus und der Ernte, vor der Ablieferung, zu kreditieren, das Geld also vorzuschießen und den Tabak erst nach der Ernte und einer Zeit der Lagerung, die für die Fermentierung notwendig war, an das Gefälle zu liefern. Der Tabakhandel setzt also eine größere Menge frei verfügbaren Geldes auf Seiten des Aufkäufers voraus.

Diese Verträge waren ein äußerst einträgliches Geschäft für die Bankhäuser, weil sie den Gutachten der Hofkammer zufolge meistens so vorgingen: Sie kauften alle vorrätigen Tabakblätter auf bzw. sicherten sich durch Kredite im voraus das Recht auf die Ernte, um dann dem Gefälle nur einen Teil der versprochenen Menge zu liefern. Den Rest lagerten sie und zahlten dem Gefälle das Pönale für den Vertragsbruch. Die Staatsverwaltung, für die die Einnahmen aus dem Zigaretten- und Tabakverkauf wichtig waren, war genötigt, die fehlende Menge an Rohmaterial öffentlich zum Kauf auszuschreiben. Auf den daraufhin stattfindenden Aufkaufs-„Konkurrenzen“ traten dann Agenten der Tabakhändler auf, die die Preise so lange in die Höhe trieben, bis ihren Auftraggebern, die dann ihre versteckten Vorräte über die Agenten an das Gefälle verkauften, trotz des entrichteten Pönales noch immer ein satter Gewinn übrig blieb.

Angesichts dieses sicheren und dem Händler mehr oder weniger ausgelieferten Abnehmers waren die Tabaklieferverträge eine begehrte Pfründe. Bei der gewöhnlichen öffentlichen Ausschreibung konnte jedoch nur der, der das billigste Anbot machte, den Vertrag erhalten. Georg Sina unternahm 1829 einen Versuch, mit den anderen drei Wiener Bankhäusern Rothschild, Geymüller und Arnstein & Eskeles, mit denen er sich in enger Interessensgemeinschaft befand, auf andere Art und Weise in das Tabakgeschäft einzusteigen. Zunächst schickte er ein Mitglied der Familie Gyra vor, um das Terrain zu sondieren: Konstantin Gyra reichte bei der Hofkammer Anfang dieses Jahres den Vorschlag ein, das Tabakgefälle zu verpachten. Das war die Form, wie der Tabakaufkauf und Vertrieb von Rauchwaren in den Erblanden vor dem Tabakpatent Josephs II. organisiert worden war. Damals, 1784, hatte der Kaiser beschlossen, dieses einträgliche Geschäft nicht mehr zu verpachten, sondern der Staatsverwaltung direkt zu unterstellen. Gyra beteuerte, sich lediglich um des lieben Allgemeinwohls mit dieser Frage zu beschäftigen und selbst keinerlei Absichten auf die Pacht zu hegen. Die Hofkammer behandelte den Vorschlag gar nicht, da ihr „kein Interesse darin erkennbar“ war. Das Interesse trat einige Monate später auf: Im Mai richteten die vier Bankhäuser ein Gesuch an die Hofkammer. Sie schrieben: „Dem Vernehmen nach ist die hohe Staatsverwaltung gesonnen, einige Gefälle zu verpachten; es sollen auch bereits Anträge auf das Tabakgefäll gemacht worden sein.“ Weiters führten sie aus: Bevor sie das Gefälle förmlich pachten, hätten sie gerne einen Liefervertrag, und zwar auf 10-12 Jahre. (Die übliche Laufzeiten für solche Verträge waren 2-5 Jahre.) Falls ein Vertrag abgeschlossen würde, sollte er Monopolcharakter haben und „Lizitationen“ mit ihren ganzen „Umtrieben“ ausschließen. Das Gefälle hätte also auf andere Ankaufsmöglichkeiten zu verzichten.

Die Hofkammer ersuchte den Ungarischen Kanzler Reviczky, sich zu dieser Frage zu äußern, mit der Bemerkung, am geeignetesten wären ihrer Auffassung nach „einige solidere und unternehmendere ungarische Grundbesitzer“ als Vertragspartner des Gefälles. Reviczky äußerte sich positiv zu dem Vorschlag der Wechselhäuser. So ein Vertrag mit „soliden Unternehmen“ wäre den Versuch wert, müßte aber im Falle des Auftretens von Mißständen jederzeit aufkündbar sein und selbst dann dürfte er nicht mehr als 6 Jahre umfassen. Was die zweite Frage betreffe: „Leider hat die Erfahrung bewiesen, daß die wenigen soliden Gutseigentümer in Ungarn, welche sich mit Handel und industrieller Spekulation abgaben, um so eher ihre Solidität einbüßten, je unternehmender sie waren.“ Außerdem verfüge kein Gutsherr in Ungarn über die nötigen Mittel, um einen solchen Vertrag einhalten zu können.

Die Hofkammer war auch sehr für den Vertragsabschluß mit den Wechselhäusern, der „in Rücksicht auf die Sicherheit des Gefälls einen entscheidenden Vorteil“ darbiete. Die vier Bankhäuser galten deshalb als verläßlich, weil die Behörden zu Recht annahmen, daß die Bankiers im Interesse ihres guten Rufes bei der Staatsverwaltung, mit der sie auch sonst allerlei Verträge eingingen, von den beim Tabakhandel üblichen Betrügereien absehen würden.

Die Direktion der Tabakfabriken war weniger begeistert. Den ihr vorgelegten Preisvorschlag der Wechselhäuser hielt sie für überhöht und zog ihrerseits das Anbot von Lämel [44] und Kohn vor.

1.2. Der erste Liefervertrag

Die vier Wechselhäuser erhielten jedenfalls keinen Vertrag. Sinas Chance, in dieses Geschäft einzusteigen, kam dann, als Joseph von Eichhoff Präsident der Hofkammer wurde. [45] Für das Jahr 1834, in dem Eichhoff seinen Vorgänger Nádasd ablöste, war das 1826 in Konkurs gegangene, aber offenbar weiterbestehende Handelshaus Stametz der Kontrahent des Gefälles. In einem Vortrag an den Kaiser zeichnete Eichhoff ein bedrohliches Bild der Versorgung der österreichischen Tabakfabriken mit dem nötigen Material. Einige Jahre der Mißernten und die Tatsache, daß auch in anderen Ländern der Handel mit Rauchwaren ein Monopol des Staates sei, wodurch eine zahlungsfähige Nachfrage garantiert sei, hätten den „Tabakhandel auch im Auslande zum Gegenstand der leidenschaftlichsten Spekulation“ gemacht. Stametz und die mit ihm kooperierenden ungarischen Tabak-Aufkäufer, „Juden, welche bedeutende Tabak-Vorräte besitzen“, stellten keine Ausnahme dar, da Stametz hoffe, daß er „bei Zunahme der Verlegenheit der Hofkammer leicht der Bestimmer des Preises bleiben werde“. „Der Rückstand des Kontrahenten Stametz war bis Ende Oktober mit dem Betrage von 77.000 Ztr. ausgewiesen.“ Eichhoff kam schließlich zum Kern seines Anliegens: „Ich hielt es daher für notwendig, die Sache wieder in ein solches Geleise zu bringen, auf welchem sie allmählich in ihren natürlichen Gang zurückkehrt, aus dem sie jetzt durch Naturereignisse, durch unüberlegte Verheißungen, durch das unter anderen Verhältnissen aufgestellte System und durch Leidenschaft gerückt wurde.“

Zu diesem Zeitpunkt lagen Eichhoff bereits zwei Anbote auf Beschaffung von Tabakblättern vor, das eine – auf Lieferung von Tabak aus der Pfalz – von Sina, das andere von einem anderen Wiener Kaufmann namens Weikersheim. Das Anbot des zweiten hatte den Schönheitsfehler, daß er einen Vorschuß aus der Staatskasse von 100.000 fl. pro 50.000 Ztr. beantragte und als seinen Bürgen für diesen Vorschuß – ausgerechnet Sina anführte. Sina hingegen war in seinem Anbot bereit, seinerseits den Staat zu kreditieren, gegen entsprechenden Zins selbstverständlich. Unter diesen Umständen fiel es Eichhoff nicht schwer, seine Wahl zu begründen, obwohl das Anbot Weikersheims günstiger war: „Ich persönlich … müßte … mich für den Großhändler Sina erklären, da mir die Intervention eines Mannes dieser Art allein die nötige Beruhigung einflößen könnte, daß bei der Ausführung des Geschäftes kleinliche Gewinnsucht und Täuschung fern geblieben und der von dem Ärar genommene Gewinn auf das bedungene Prozent beschränkt geblieben sei, wofür die bisherige Tätigkeit Sinas bei den mit der Staatsverwaltung geführten bedeutenden Kreditgeschäften mir hinlänglich Bürge zu sein scheint, während Weikersheim für die Vorschüsse, deren Sina nicht bedarf, eben diesen Letzteren als Bürge stellen will.“

Sina erhielt den Auftrag. Er belief sich auf eine Liefermenge von 60-100.000 Zentnern, einen Höchstpreis von 17 fl. 30 kr./Ztr. und eine Lieferfrist – Ende September 1835 – für die Lieferung nach Hainburg, der größten Tabakfabrik, vorgeschrieben. Die eingekauften Blätter mußten vor ihrer Verfrachtung nach Österreich von einem Kommissär des Gefälls überprüft und für geeignet befunden werden. Die Bedingung der Gefällsverwaltung, daß Sina für Transportschäden verantwortlich gemacht werden könnte, wurde von ihm zurückgewiesen. Der verzweifelte Stametz, der seine Felle davonschwimmen sah, machte noch eine anonyme Eingabe bei der Hofkammer, worin er anführte: Es gebe gar keinen Mangel an Tabak in Ungarn und durch öffentliche Ausschreibungen könne leicht Abhilfe geschaffen werden. Der Import ausländischer Tabakblätter schädige einheimische Produzenten, weil sie auf ihrer Ware sitzenbleiben. Das Schließen eines etwaigen „Kommissionsvertrages“ mit einem einzelnen Händler dränge „die Vermutung auf…, daß man bei jeder Gelegenheit zum Nachteile des Staates einzelne Individuen bereichern wolle.“ Eichhoff erledigte diese Vorschläge mit der Bemerkung: „Eure Majestät geruhten über diese Eingabe, deren Verfasser ohne Zweifel nicht dem Stande der von ihm vertretenen gedrückten Produzenten angehört, keinen … Vortrag zu verlangen.“

Der Kameral-Administrator von Máramaros, Gerzon, der auch als Aufkäufer für das Gefälle tätig war, berichtete währenddessen vom Stand der ungarischen Tabakvorräte und erwähnte, bereits im November 1834 einen Bericht an die Hofkammer geschickt zu haben, wie man die „Spekulanten“ übertölpeln könnte, er habe aber keine Antwort erhalten. Gerzon zufolge war der ungarische Tabak, der ihm angeboten wurde, auch bei den derzeitigen überhöhten Preisen günstiger als der Pfälzer Tabak. Zudem könne er wegen der Schutzzölle des Deutschen Zollvereins schwer ausgeführt werden. Eichhoff hatte sich anscheinend bemüht, die Lage kritisch werden zu lassen, um den Einstieg Sinas zu ermöglichen. Sina lieferte vertragsgemäß die Pfälzer Blätter, was ein starkes Fallen der Tabakspreise in Ungarn zur Folge hatte. Das Gefälle konnte sich dann auch relativ günstig mit einheimischen Tabakblättern eindecken. Der Vertrag mit Stametz wurde aufgelöst. Sina erhielt 1835 noch einen Auftrag, nämlich den, ausländische Spezialblätter einzukaufen: Portorico-, Virginia- und Maryländer Blätter. Zu den durch die Liefer-Tätigkeit Sinas Geschädigten gehörte einer der Subkontrahenten von Stametz, der Pester Kaufmann Moritz Ullmann, der seine Vorräte mit geringem Gewinn oder sogar Verlust verkaufen mußte und dessen Feindschaft von diesem Zeitpunkt an Sina bei allen seinen ungarischen Unternehmungen zu spüren bekam. Ullmann strengte sogar einen Prozeß wegen unlauterer Konkurrenz gegen Sina an, den seine Söhne nach seinem Tod fortzusetzen versuchten.

1.3. Tabak-Anbau, -Handel und -„Einlösung“

Als Georg Sina seinen zweiten Liefervertrag erhielt, entwickelten der Hofkammerpräsident, das Gefälle und Sina selbst gemeinsam ein duales System des Aufkaufs, bei dem die herkömmlichen Einlösungsstationen in mehreren Städten Ungarns, an das die Pflanzer selbst die Tabakblätter liefern konnten, wieder in Betrieb genommen wurden. Diese Art des Ankaufs, genannt „Einlösung“, war auch bis 1818 betrieben worden. Dann waren dem Tabakgefälle die Preise zu hoch geworden und es hatte den Umstieg auf die Lieferverträge unternommen. Das wichtigste Prinzip für das Tabakgefälle waren also damals niedrige Ankaufspreise.

Dem ungarischen Tabakhändler Deyack zufolge war die Verteuerung der Tabakblätter eine Folge der Napoleonischen Kriege, die den Verbrauch ansteigen ließen, während die Produktion nicht damit Schritt hielt. Vorher war die Deckung des inländischen Bedarfes kein Problem gewesen, und auch das nicht einführbare Tabakmonopol in Ungarn hatte kein besonderes Hindernis bedeutet. Die hohen Preise begünstigten aber nur die Händler, die Pflanzer zogen wegen der Inflation daraus kaum einen Nutzen. Die erste Reaktion des Gefälles auf die hohen Preise war die Einführung eines Ausfuhrzolles von 12 fl./Ztr. Tabakblätter (bei einem Ankaufs-Preis von 4-6 fl./Ztr.) und führte zwar zu einer völligen Einstellung aller Exporte, aber nicht zu einem Sinken der Preise. Daraufhin schritt das Gefälle zur Vergabe der Lieferverträge. Sie wurden öffentlich ausgeschrieben, mit fixen Lieferfristen, und der billigste Bieter erhielt den Zuschlag. Der erste Kontrahent des Gefälles war Moritz Ullmann, und alle späteren waren entweder von ihm als Agenten eingesetzte Personen oder sie scheiterten wie Deyack bei der Erfüllung ihrer Lieferverträge, wenn sie nicht gewillt waren, mit ihm und seinen Agenten zusammenzuarbeiten. Ullmann und seine Leute drückten die Preise so, daß viele Pflanzer den Tabakanbau bleiben ließen oder die Bearbeitung und Trocknung der Blätter vernachlässigten, sodaß sowohl die Quantität als auch die Qualität der an das Gefälle abgelieferten Ware immer mehr nachließen. Beim Tabak kam nämlich das Erfordernis einer sachgerechten Trocknung und Lagerung hinzu, denn die Tabakblätter wurden nicht frisch angekauft, sondern erst nach einer Zeit der Fermentation: „Die Blätter müssen die erste Fermentation überstanden haben …“

Bei den Tabakblättern war also der Zeitraum zwischen Anbau und Veräußerung noch länger als bei anderen Produkten, die gleich nach der Ernte verkauft werden konnten. Dieser Umstand stellte bei dem Bargeldmangel auf dem Lande ein ernstes Hindernis für den Tabakanbau dar, und wurde durch das System der Vorschußzahlung zu für den Pflanzer äußerst ungünstigen Bedingungen vom Aufkäufer ausgenützt. Seit der Einführung der Lieferverträge mehrten sich die Beschwerden und Klagen der Pflanzer, und es kam zu einer Reihe von Gerichtsverfahren, aber die Lieferverträge wurden trotzdem immer wieder nach dem gleichen System vergeben, da sie das Gefälle etwas billiger kamen als der direkte Ankauf in den letzten Jahren vor 1818.

Das endgültige Scheitern dieser Art der Lieferverträge trat deutlich zutage, als auch noch Mißernten hinzukamen und die Preise bedeutend stiegen. Für schlechte Qualität und unzureichende Quantität mußte nun auch noch ein erhöhter Preis bezahlt werden. Die Hofkammer war – jenseits des guten Verhältnisses zwischen Eichhoff und Sina – auf jeden Fall genötigt, zu handeln.

1.4. Der zweite und dritte Liefervertrag

Mit Berufung auf die durch seine Liefertätigkeit 1835 bewiesene Verläßlichkeit Sinas schloß Eichhoff mit ihm am 10.12.1835 einen Vertrag für die Belieferung des Gefälles für das Jahr 1836 und am 14.6.1836 einen weiteren Liefervertrag über drei Jahre. Es fiel ihm nicht schwer, dem neuen Kaiser Ferdinand in beiden Fällen die Vorzüge eines solchen Vertrages auszumalen und von ihm die Genehmigung zum Abschluß zu erhalten. Bei den Preisfestsetzungen für die verschiedenen Blattsorten und die Transportkosten bis Hainburg diente der vorherige Vertrag des Gefälles mit Stametz und die Einlösungspreise von 1818 als Grundlage. Das neue System, nach dem der Tabakankauf ab 1836 vonstatten ging, sah so aus: In verschiedenen Städten Ungarns bestanden staatliche Einlösungsstationen, auf denen Fachleute des Tabakgefälles die Blätter übernahmen, klassifizierten und bezahlten. Deren Entscheidung war definitiv, die Blätter durften später vom Gefälle nicht mehr beanstandet werden. Sie waren Angestellte der Tabakfabriken, die während der Zeit der Einlösung für dieses Geschäft abgestellt und normal weiter entlohnt wurden. Alle anderen Kosten für den Ankauf, die Lagerung und den Transport der Blätter sowie deren Organisation übernahm Sina und erhielt dafür bei Ablieferung in Hainburg einen Fixpreis pro Zentner, je nach Blattsorte. Das erste und wichtigste Angebot Sinas bestand also darin, das Gefälle zu kreditieren: „Freiherr von Sina erbot sich, sämtliche durch die Abwaage … der von den Pflanzern und Zwischenhändlern eingelösten oder von ihm selbst an die Einlösungskommission abgegebenen Blatt-Qualitäten entspringenden Auslagen zu übernehmen …“

Sina stellte weiters beim Vertragsabschluß die Bedingung, daß alles, was er über die vereinbarte Menge hinaus lieferte, zu einem zwar geringeren als für die vertraglich bedingte Menge, aber auch im Vertrag festgelegten Preis, abgenommen werden müsse. Diese Bedingung wurde ihm, in Anbetracht der früher gemachten Erfahrungen, bei denen immer ein Mangel an Tabakblättern aufgetreten war, ohne weiteres zugestanden. Übererfüllungen aus einem vorherigen Vertragsjahr sollten ihm im Falle einer Mißernte und daraus sich ergebendem Mangel an Tabakblättern gutgeschrieben werden.

Für den ersten einjährigen Vertrag betrug die Mindestmenge der zu liefernden Blätter 100.000 Ztr., für den Dreijahresvertrag 150.000 Ztr. gewöhnlicher plus 10.000 Ztr. besonderer, sogenannter Gartenblätter. Diese Gartenblätter waren eine Sorte, die frischer verarbeitet werden mußte und daher nicht so lange gelagert werden konnte. Bei den Gartenblättern galt die zu liefernde Menge als Höchst-, nicht wie bei den anderen, als Mindestmenge.

Die Forderung nach einem Vertrag über mehrere Jahre (Sina forderte ursprünglich vier Jahre) hatte er damit begründet, daß nur längerfristige Verträge mit den Pflanzern eine kontinuierliche Belieferung zu kalkulierbaren Preisen gewährleisten könnten. In einem späteren Akt wird erwähnt, daß er mit der Tabakpflanzer-Gemeinde Fadd einen Liefervertrag über drei Jahre geschlossen habe. Aus der Gemeinde stammte der größte Teil der offenbar höherwertigen „Gartenblätter“.

Öffentliche Aufkaufskonkurrenzen schloß der Vertrag ausdrücklich aus: „Um die Spekulationssucht anderer, wenn auch nicht gänzlich zu unterdrücken, doch bedeutend zu lähmen, dürfte es am zweckmäßigsten sein, die … Preise für die Pflanzer lohnend so anzusetzen, daß die Vorkäufer bei höheren Preisen ganz und gar nicht ihre Rechnung fänden. Es müßte daher … während der Contractjahre nur in den Einlösungs-Stationen übernommen und und an niemand ein höherer Preis als der zur Einlösung in den Stationen … festgesetzte bezahlt werden.“

Um die Bezahlung der Lagerung an Sina und die Lieferung von Spezial-Blättern kam es zu einer kleinen Unstimmigkeit, im Laufe derer Eichhoff die Verschläge Sinas schroff zurückwies und ihn unverschämter Forderungen bezichtigte. Die Schwierigkeit bestand darin, daß Tabakblätter während ihrer Fermentation und Trocknung einen Gewichtsverlust erleiden, Sina nach Gewicht bezahlt wurde und zwischen der Übernahme in den ungarischen Stationen und der endgültigen Lieferung nach Hainburg ein Gewichtsschwund eintrat, dessen Abgeltung nicht vertraglich geregelt war. Es erfolgte schließlich eine Einigung, Sina lieferte fertig getrocknete Blätter und erhielt dafür eine Entschädigung, den sogenannten „Fermentations-Calo“.

Die Lieferung bereits fermentierter Blätter hatte sich übrigens erst in den dreißiger Jahren eingebürgert. Im Preisvorschlag Lämels von 1829 stellte das Angebot, 20.000 Ztr. bereits fermentierter Blätter zu liefern, noch eine Ausnahme dar.

Ungeachtet dieser Auseinandersetzung bescheinigte der Direktor der Tabakfabriken, Hoffmann, in einem Resümee die Liefer-Tätigkeit Sinas als großen Erfolg für das Gefälle und die Tabak-Kultur in Ungarn: Das bei Vertragsabschluß von Seiten der Hofkammer ins Auge gefaßte Ziel, die Tabakkultur in Ungarn zu befördern, sei „glänzend erreicht. Das Haus Sina, durch die ihm bewilligten lohnenden Fracht- und Spesen-Vergütung in die Lage gesetzt, auch über die von der Staatsverwaltung bestimmten Preise zu kaufen, die Pflanzer, wenn auch mit Gefahr eines teilweisen Verlustes, mit sehr bedeutenden Geldvorschüssen zu unterstützen und durch mit ihnen abgeschlossene langjährige Kontrakte ihnen den lohnenden Absatz zu sichern, hat den Bau sehr bedeutend erweitert und neue Pflanzungen entstehen lassen.“

Dieser Erfolg, so erfreulich er einerseits war, brachte die Direktion der Tabakfabriken jedoch in Verlegenheit: Es mangelte an Lagerräumen: „Das Ergebnis dieser Bemühungen, unter Mitwirkung einer gesegneten Fechsung“ (=Ernte) „im Jahre 1837, war eine Übernahme ungarischer Tabakblätter im Jahre 1838 in der noch nie auch nur annähernd erhaltenen Menge von 577.064 Ztr.“

Um diese Zahl ins richtige Licht zu rücken: Den jährlichen Bedarf des Gefälles hatte Eichhoff 1835 mit ungefähr 230.000 Ztr. angegeben. Diese Menge konnte damals bereits seit Jahren nur unter Zukauf ausländischer Blätter aufgebracht werden. Für das Jahr 1838 allein hatte Sina seinen Vertrag um mehr als das Doppelte übererfüllt. Allerdings war auch der Tabak-„Verschleiß“ und damit das Bedürfnis des Gefälles an Tabakblättern, gestiegen, aber nicht in einem Maße, wie es Sinas Lieferungen entsprochen hätte: Der Verbrauch wurde für 1838 mit geschätzten 346.163 Ztr. jährlich angegeben.

Hoffmann gab die zu lagernden Mengen mit 687.200 Ztr. an. Diese Menge übersteige alle Kapazitäten des Gefälles, das sich genötigt sah, Lagerräume anzumieten, auch „die Verpflegungsmagazine in Preßburg, selbst strohgedeckte Scheunen“ mußten herhalten. Und gerade, als die Verlegenheit am größten war, kündigte Sina „eine neuerliche Tabakblätter-Übergabe in Ungarn von 390.000 bis 440.000 Ztr. an.“ Dazu meinte Hoffmann: „Massen von solcher Größe würden die Gefällsverwaltung erdrücken.“

Hoffmann war voll des Lobes für die Tätigkeit Sinas und befürwortete wärmstens eine Verlängerung des Vertrages, aber mit Modifikationen:

  1. Nicht Mindestgrenzen für die zu liefernde Menge, sondern Höchstgrenzen seien festzulegen.
  2. Es gehe nun nicht mehr um die Erhöhung der Quantität der anzubauenden Tabakmenge, sondern um die der Qualität: Die Preise sollten auch bei Blättern der gleichen Sorte stärker variieren können, um einen Anreiz zur Veredlung zu geben. Auch hier habe Sina bereits den richtigen Weg eingeschlagen: „Das Haus Sina kann diesen Zweck durch die von ihm abgeschlossenen, noch mehrere Jahre dauernden, die Pflanzer ermunternden Kontrakte, durch Zahlung besserer Preise für edlere Ware, durch Verweigerung von Darangaben an trügerische Pflanzer, und durch Strenge bei der Übernahme am ersten erreichen; und es wird diesem Zwecke stets näher zu kommen auch wollen, denn es hat sich im Laufe der letzten drei Kontraktsjahre sehr reell und willfährig benommen, die Blätter der bedeutenden besseren Pflanzungsorte, ohne davon etwas auszuscheiden, abgeliefert, unter den Gartenblättern solche, welche später als Stations- oder Bezirks-Blätter“ (=eine bessere Sorte) „anerkannt werden mußten, als ordinäre übergeben, und selbst Opfer – z.B. bei der Lieferung der unentbehrlich gewordenen viel teureren Zigarren-Deckblätter zu den Preisen der ordinären Szegediner nicht gescheut.“
  3. Sonderformen, wie der bei der Versendung anfallender Bruch („Rebel“) und lose Blätter, sowie die Mengen und Preise für besondere Sorten und die Lieferungen nach Lombardo-Venetien seien gänzlich neu zu regeln.

Sina machte, im Unterschied zu seinen Vorgängern, seinen Gewinn durch die Masse des Profits, nicht durch die Rate. Er schlug seine Konkurrenten im Aufkauf durch hohe Preise, nicht durch deren Herabdrücken. Für dieses Vorgehen brauchte er das Monopol auf die Lieferung, das ihm durch die Zusage der Abnahme aller gelieferten Blätter zugesichert worden war. Die zweite Voraussetzung war, daß er über genügend Geld verfügte, um alle Auslagen vorschießen zu können. Mit seinen Aufkäufen und Verträgen erreichte er, daß die Ankaufspreise für die Tabakblätter sich stabilisierten, da er alle anderen Spekulanten der Möglichkeit, ihre Ware dem Gefälle teurer zu verkaufen, beraubte. Sie mußten ihre Vorräte, wie alle anderen auch, zu den fixen Einlösungspreisen losschlagen. Das war auch einer der Gründe für den plötzlichen Überfluß an Tabak: Die zurückgehaltenen Blätter früherer Jahre tauchten ebenfalls auf. Sina verschaffte also dem Gefälle überreichliche Tabakmengen zu fixen Preisen.

Auf der anderen Seite bot er durch seine Verträge den ungarischen Pflanzern, sowohl Grundherren als auch leibeigenen Bauern, einen verstärkten Anreiz, auf den Tabak zu setzen und ihn zu kultivieren. Er bot ihnen offenbar Vorschüsse, mit denen sie ihr Auskommen fanden und die die Produktion dieser Pflanze für den Verkauf attraktiv machten.

Schließlich organisierte er auch den Transport und die Lagerung der Blätter neu und sicherlich effizienter als vorher, denn er erhielt laut Vertrag einen Fixpreis pro Zentner für den Transport aus den verschiedenen Stationen nach Hainburg, je nach Entfernung der Station. Die Stationen waren in Debrecen, Szeged, Pest und Tolna. Die im Vertrag festgesetzten Preise orientierten sich an den bisherigen Transportkosten, die wiederum auf den verschiedenen Transportmitteln beruhten. Durch Einsparung auf diesem Gebiet konnte Sina sich zusätzliche Gewinne erwirtschaften. Sein Interesse am Ausbau der Kommunikationsmittel, Straßen, Brücken, der Flußschiffahrt, von dem im folgenden noch die Rede sein wird, wurde sicher durch seine Handelstätigkeit, erst mit der Baumwolle, dann mit dem Tabak, entfacht und bestärkt.

Bei diesen überaus positiven Ergebnissen konnte es nicht ausbleiben, daß Sina einen neuen Liefervertrag erhielt.

1.5. Der vierte Liefervertrag

Zum Jahresanfang 1839 verfaßte Eichhoff einen Bericht zur Situation des Tabakgefälles. Das alte System der öffentlichen Ausschreibungen und der allgemeinen Korruption, das nur schlechte Blätter zu hohen Preisen erbracht habe, sei glücklich überwunden. Für Details über diese schlimmen Zustände verwies er auf die Akten der Hofkammer. Jetzt hingegen seien zuviele Blätter da: „Gewöhnt, beinahe seit dem Bestande des Gefälles immer mit Schwierigkeiten in der Aufbringung des kurrenten Bedarfes zu kämpfen, … an der Möglichkeit, ausgiebige Reservevorräte beizuschaffen, beinahe verzweifelnd, war man bei dem Entwurfe des Reglements für die Einlösung und demselben zur Seite gehenden Übereinkommen mit Sina vom 17.12. 1835“ (dem zweiten Liefervertrag, der als Grundlage für den dritten diente,) „nicht darauf gefaßt, schon nach so kurzer Zeit in die entgegengesetzte Verlegenheit zu geraten.“

Nach langen Erwägungen, wie sich dieses Problem bewältigen lasse, kommt er zu dem Schluß, daß die Lösung nur darin liegen könne, eine Mittelsperson zu kontrahieren, die ihrerseits die Lagerung der überschüssigen Mengen übernehme und das Gefälle kontinuierlich beliefere. Diese Mittelsperson solle gleichzeitig darauf verpflichtet werden, immer Reserven an Blättern anzulegen, damit in Jahren der Mißernte kein Engpaß eintrete.

Davon, diese „Mittelsperson“ durch öffentliche Konkurrenz auszuwählen, riet er ab: Es würde sich wieder die gesamte Bagage melden, von der man sich soeben glücklich befreit hat. Er zählt namentlich die ungarischen jüdischen Händler Kaan, Wodianer, Ullmann und Landauer auf, ferner Schramm und Lämel, die im vergangenen Jahr wieder einmal Maryland-Blätter zu zwar geringerem Preis, aber in erbärmlicher Qualität geliefert hätten.

Eichhoff schlägt daher eine Kontraktierung Sinas vor. Er errechnet, daß der Tabakpreis 1818 im Durchschnitt 18 fl. 30 kr./Ztr. betragen haben, jetzt, 1839, käme der Zentner im Durchschnitt auf 9 fl. 25. Sina habe also den Tabak bedeutend verbilligt, das spräche für ihn, außerdem verfüge er über das nötige Kapital für dieses Geschäft, da „zur Durchführung der Maßregel bedeutende Geldkraft erforderlich ist“.

Sina rechnete anscheinend fest mit einer Verlängerung des Vertrages und hatte seinerseits auch einige Modifikationen ins Auge gefaßt: Er wollte einen Vertrag auf 9 Jahre, bis 1848, und das „Zugeständnis“, 2/3 des Bedarfes selber liefern zu dürfen, die direkt verkaufenden Pflanzer und etwaige andere Tabakhändler sollten sich das verbleibende Drittel teilen. Solches „wurde als völlig unzulässig ohne weiteres abgelehnt.“ Sina habe zwar bisher mehr als 2/3 der Blätter geliefert, aber wenn sich infolge eines modifizierten Vertrages seine Ankaufstätigkeit verringere, so sei zu erwarten, daß die „Privaten“ mehr direkt zur Einlösung bringen würden. Ein neuer Vertrag käme höchstens für 6 Jahre in Frage.

Sina beklagte die „Opfer an Kapital“, die der Lieferstopp ihm verursache, er habe 1,840.000 fl. in Tabakblätter investiert, wenn er die nun nicht gleich verkaufen könne, so erleide er einen Zinsverlust von 200.000 fl. Eichhoff meinte, wenn Sina wirklich einen Vertrag über 6 Jahre erhielte, so sei das eine angemessene Kompensation. Die Preise für den Aufwand Sinas sollten auf dem bisherigen Niveau bleiben, erst für das letzte Jahr war Sina bereit, von diesen Preisen nachzulassen. Unter „Aufwand“ wurde Fracht, Verladung, Lagerung etc. zusammengefaßt. Die Einlösungspreise sollten jährlich von der Gefällsverwaltung festgesetzt werden, die sich damit ein Mittel zur Regelung des Bedarfes vorbehielt. Die Sina zugestandene Liefermenge, die ihm abgenommen werden mußte, betrug in diesem neuen Entwurf 260.000 Ztr. jährlich. Der Kaiser genehmigte diese Bedingungen am 7.März.

Der Vorsitzende der Staatskonferenz, Anton Graf Kolowrat, nötigte Sina noch zu einer Herabsetzung der Kontraktsdauer auf 5 Jahre. Mit diesen Änderungen wurde der Vorschlag Sinas von Anfäng Jänner schließlich genehmigt, und zwar am 16.3. 1839. Er war also für weitere 5 Jahre, bis 1844, alleiniger Kontrahent des Gefälles. Eichhoff bemerkte noch abschließend: „Von den … Eingaben des Moritz Ullmann und Wodianer und Sohn kann kein Gebrauch gemacht werden, da diese … zur Konkurrenz für die Transportierung des in Ungarn eingelösten Tabaks beigezogen werden wollen, von einer solchen Konkurrenz aber unter den dermaligen Verhältnissen keine Rede sein kann.“

Mit diesem Liefervertrag erhielt Sina auch den Auftrag, die Tabakfabrik in Galizien mit ungarischen Blättern zu beliefern, ebenso die anderen Fabriken in Österreich (Göding, Fürstenfeld, Sedletz), sofern diese solche Lieferungen anfordern sollten.

Alle diese vier Verträge unterlagen strengster Geheimhaltung, sodaß der Direktor der Tabakfabriken noch Ende 1840 vom neuen Hofkammerpräsidenten Kübeck gesondert die Erlaubnis erbat, mit diesen Verträgen im Zusammenhang stehende Daten an die Hofbuchhaltung mitteilen zu dürfen.

Ab 1840 leistete Sina einen jährlichen Beitrag von 150 fl. zu Reparatur und Ausbau „des Anlandungs- und Verladungsplatzes für die nach Hainburg kommenden Tabakschiffe.“ Er beförderte also die Tabakblätter von Ungarn auf der Donau nach Hainburg. Für den Transport nach Galizien bediente er sich „jüdischer Unterpächter“, die wiederum wenig vertrauenswürdige Individuen als Fuhrleute heuerten, wie die galizische Zollverwaltung mißbilligend feststellte. 1841 trat Sina die Nachfolge des Transportunternehmers L. Bondi an, der bisher die Tabaktransporte von Hainburg in die restlichen Fabriken durchgeführt hatte. Die Belieferung der italienischen Fabriken, die er bereits mit dem vorigen Vertrag übernommen hatte, behielt er bei. Zur Lagerung der von ihm aufgekauften Tabakblätter mietete er teils bereits bestehende Lager des Gefälles in Ungarn, oder er errichtete eigene Gebäude, z.B. in Szeged. In dieser Stadt ließ er auch die Ufer der Theiß befestigen, um das Anlegen von Schiffen zu ermöglichen.

Schließlich begann er auch, Tabak zu exportieren. Diese Notwendigkeit ergab sich aus seiner Stellung als „Mittelsperson“ zwischen den Pflanzern, denen gegenüber er sich zur Übernahme der Ernte verpflichtet hatte, und dem Tabakgefälle, dem er nur die vertraglich festgesetzte Menge liefern durfte. Sein Abnehmer war die französische Tabakregie. Die Initiative war zunächst von den Franzosen ausgegangen, die sich im Jahr 1838 für die ungarischen Tabakblätter zu interessieren und mit Einverständnis des Gefälles in Ungarn nach geeigneten Blattsorten umzusehen begannen. Das französische Tabakmonopol schickte einen Tabakspezialisten nach Ungarn und schloß einen Liefervertrag für von ihm einzukaufenden Tabak mit dem Luxemburger Handelshaus J.P. Pescatore, das den organisatorischen Teil der Lieferung abwickeln sollte. Zunächst waren die Franzosen mit ungarischen Tabakhändlern in Geschäftsbeziehungen getreten, hatten 1839 rund 75.000 Ztr. Tabakblätter gekauft und die dabei üblichen gemischten Erfahrungen gemacht. Schließlich konnten sie jedoch an Sina, der über die meisten Verträge mit Pflanzern und die größten Tabakvorräte verfügte, nicht vorbei. Der erste Vertrag zwischen Sina und Pescatore „auf gemeinschaftlichen Gewinn oder Verlust“ kam 1840 zustande. Sina lieferte die Blätter von Ungarn nach Triest, wo sie nach Frankreich verschifft wurden. Er hatte wegen einer schlechten Ernte 1840 Schwiergkeiten mit der Erfüllung des Vertrages, deshalb erhielt einer seiner Konkurrenten, Wodianer, 1841 ebenfalls einen Auftrag von der französischen Regie. Außerdem waren in Ungarn noch Aufkäufer aus Neapel und Turin unterwegs. Der ungarische Tabak erfreute sich anscheinend europaweit immer größerer Beliebtheit. Das Gefälle begann wieder um seine Lieferungen zu fürchten, sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Beziehung. Da es nicht möglich war, Aufkäufe für das Ausland zu verbieten, sollte durch die Erhöhung der jährlich neu festzusetzenden Ankaufs-Preise für die Tabakblätter der inländische Bedarf gesichert werden.

Das wiederum lief dem Anliegen der Hofkammer, den Tabak zu verbilligen, zuwider.

Sina rechnete in den Vertragsjahren 1840-1844 wie auch während seines vorigen Vertrages einmal jährlich mit einer Schlußrechnung mit dem Gefälle ab. Diese Schlußrechnungen sowie in diesen Jahren vorgenommenen Änderungen des Vertrages von 1839 waren Gegenstand endloser Querelen zwischen Sina einerseits und der Tabakfabriken-Direktion und der Hofkammer andererseits. Der eigentliche Grund dafür war, daß der Nachfolger Eichhoffs als Hofkammer-Präsident, Kübeck, ein erklärter Gegner dieses Vertrages mit Sina war, ihn aber nicht aufkündigen konnte. Also wurde jeder Anlaß, eine Lieferung oder einen Posten in der Abrechnung zu beanstanden, heftigst für einen größeren Papierkrieg genutzt. Sina scheint aber im großen und ganzen seine Verpflichtungen erfüllt zu haben, ein Vertragsbruch oder ein arger Lieferrückstand wurde nie beanstandet.

1.6. Interregnum: Der Tabakhandel von 1844 bis 1850

Nach Auslaufen des Vertrages mit Sina ging das Gefälle auf Drängen des Hofkammerpräsidenten dazu über, selbst Verträge auf mehrere Jahre mit den Pflanzern abzuschließen, und den Tabakanbau selbst zu organisieren. Durch Ausschaltung des Zwischenhandels hoffte die Staatsverwaltung bedeutend billiger wegzukommen als bisher. Dafür verzichtete sie auch auf die Kreditierung durch den Vertragspartner und war bereit, die Vorschüsse an die Produzenten selbst zu übernehmen. Dafür wurde dem Tabakgefälle jährlich eine Summe von 1 Million Gulden bewilligt. Ein Vorschlag für einen solchen Vertrag mit Pflanzern liegt vor, seine Verfasser waren aber hochkarätige ungarische Politiker der habsburgfreundlichen Fraktion, sodaß er nicht als Prototyp solcher Verträge angesehen werden kann. Die Grundbesitzer György Apponyi und Emil Dessewffy verlangten einen garantierten Abnahmepreis von 8 fl./Ztr. vor Ort, also ohne Transportkosten, für die 6 Jahre der Vertragsdauer und einen Vorschuß von 10.000 fl.

Der Transport der Blätter in die Tabakfabriken sollte wieder durch Ausschreibung an verschiedene Fuhrunternehmen vergeben werden. Bereits im letzten Lieferjahr Sinas, also an der Schwelle der Einführung seines Systems mußte Kübeck zugeben, daß letzteres auch kein Königsweg war: „So sehr ich fortwährend bemüht bin, … durch Einführung und Erweiterung auf den Kameralgütern in Ungarn und durch Zustandekommen von Verträgen mit den angesiedelten und den bereits bestehenden Pflanzer-Gemeinden dem Gefälle seinen Bedarf … sicher zu stellen, so wird es doch der ah. Einsicht Eurer Majestät nicht entgehen, daß die Erfolge dieser Maßregel mit dem immer fortschreitenden Bedürfnisse unmöglich gleichen Schritt halten und für sich nicht genügen können …“ 1845 erbat die Hofkammer vom Kaiser die Genehmigung, von Sina 80.000 Zentner Tabakblätter kaufen zu dürfen, von einem anderen Händler eine geringere Menge. 1846 kaufte das Gefälle 120.000 Ztr. Tabak von Sina.

Sina hielt die Verbindung mit der französischen Regie aufrecht. Er lieferte 1845 und 1846 an Pescatore jeweils rund 40.000 Ztr. Tabakblätter, 1847 11.000 Ztr. direkt an die französische Tabakregie. Im Jänner 1848 lieferte er noch 5.000 Ztr., dann scheinen die politischen Ereignisse den Transport verhindert zu haben und Sina versuchte, seine Blattvorräte dem Gefälle zu verkaufen, das dieses Angebot zurückwies. Im Zusammmenhang mit diesem zurückgewiesenen Gesuch Sinas stellte sich heraus, daß der Bedarf des Gefälles gar nicht so gewachsen war, wie immer wieder behauptet wurde: „Das jährliche Bedürfnis an ungarischen Blättern beträgt ungefähr 250.000 Ztr.“ Das war der Verbrauch, den Eichhoff 1838 angegeben hatte. Es mag sein, daß seither mehr aus dem Ausland dazugekauft wurde, um die Rauchwaren abwechslungsreicher zu gestalten. Es ist jedoch offensichtlich, daß die Hofkammer den Bedarf absichtlich übertrieben hatte, um ihre – für die Staatskasse sicher mit bedeutenden Kosten verbundenen – Maßnahmen zu rechtfertigen. Diese zielten auf Hervorrufung einer Überproduktion an Tabak und infolgedessen zu einer Senkung der Einkaufspreise. So gedachte der Hofkammerpräsident den Tabakhandel von der von ihm als „Getriebe der Leidenschaften“ bezeichneten, zutiefst verhaßten Spekulation zu befreien. Und damit von deren Repräsentanten, unter denen er Georg Sina an vorderste Stelle reihte.

Während all dieser Jahre, also seit den 30-er Jahren, belieferte Sina auch die Tabakfabriken in Venedig und Mailand, die der Tabakfabriks-Direktion nicht unterstellt waren, sowohl mit ungarischen Tabakblättern als auch mit importierten Virginia- und Maryland-Blättern. 1844 schloß er mit den Tabakfabriken in Mailand und Venedig einen Vertrag auf drei Jahre ab, demzufolge er jährlich 240.000 „metrische Pfunde“ von Virginia-Blättern zu liefern hatte. Er baute auf seinen eigenen Gütern im Banat Tabak an.

1850 schloß Sina erneut einen Vertrag ab, über eine im Vergleich zu seinen früheren Verträgen lächerlich wirkende Menge, 17.000 Ztr. Spezialblätter. Sie stammten aus den Erntejahren 1844-1848, er hatte sie also teilweise bis zu 6 Jahre gelagert.

In den Jahren von 1844 bis 1850 bemühte sich die Staatsverwaltung, angeblich mit Erfolg, immer größere Mengen von Tabak von den Pflanzern direkt aufzukaufen. Da sie sich aber das Ziel gesetzt hatte, keineswegs höhere Preise als die Einlösungspreise zu zahlen, hatte Sina durch seine Vorschußkredite die Möglichkeit, mittels höherer Preise und günstigerer Bedingungen immer noch beträchtliche Mengen ungarischer Tabakblätter an sich zu bringen. In dieser Zeit starb Ullmann, einer seiner großen Rivalen in Ungarn, ein anderer, Wodianer, wurde sein Partner, eine Verbindung, die über den Tod Georg Sinas hinaus währte.

1.7. In Konkurrenz mit dem Tabakmonopol

Nach der Niederschlagung der Revolution in Ungarn wurde die ungarische ständische Verfassung aufgehoben und das Tabakmonopol konnte in Ungarn eingeführt werden. Alle Pflanzer wurden mit dem 1851 in Kraft tretenden Monopolgesetz darauf verpflichtet, ihren Tabak direkt an den Staat zu verkaufen. Diese Verpflichtung ließ sich aber nicht so einfach gesetzlich dekretieren: Bereits existierende Verträge mit Händlern konnten nicht ohne weiteres aufgekündigt werden, liefen aber meist über mehrere Jahre. Sina und Wodianer bemühten sich 1850, im letzten Jahr vor der Einführung des Monopols, noch möglichst viele Verträge auf 6 Jahre abzuschließen. Das Gefälle verfolgte diese Versuche mit Mißbilligung, ohne sie verbieten zu können: „Die verhältnismäßig hohen Vorschüsse waren von jeher und sind insbesondere unter den gegenwärtigen, durch die Kriegs- und Revolutions-Ereignisse herbeigeführten traurigen Umstände der Köder für die Gemeinden, sich zu Verträgen herzugeben, sie sind aber zugleich gegen die Gemeinden das unfehlbare und leider schon vielfältig bewährte Mittel, dieselben den Kontrahenten fortan tributär zu erhalten, sie zu vollständiger Verarmung zu bringen, dieselben unter dem fortwährenden Schrecken der Exekution auf alle möglichen Arten zu bedrücken und ihnen die härtesten Bedingungen aufzuerlegen, denen sie sich fügen müssen.“ Wenngleich der Bericht des Gefälles, vom eigenen Interesse geleitet, in bezug auf die „Bedrückung“ durch den Kreditgeber etwas übertrieben sein mag, so war doch das greifbare Ergebnis sehr störend: Wollte die Staatsverwaltung diese Pflanzer direkt für sich gewinnen, so mußte sie ihnen 1. ebenfalls Vorschüsse gewähren, 2. aber „die Schulden derjenigen Pflanzer ohne Aussicht auf Einbringlichkeit übernehmen“.

Um Sina und Wodianer zuvorzukommen, versuchte das Gefälle noch die gesetzliche Einführung des Monopols zu beschleunigen – ab diesem Zeitpunkt durften keine Verträge mehr mit Privaten abgeschlossen werden. Es versuchte, selbst möglichst viele Verträge mit Pflanzern abzuschließen und diesen auch Vorschüsse zu gewähren. (Das wird als besondere Maßnahme besprochen, die Hofkammer sah also vor, vom System der Vorschüsse abzugehen.) Für das erste Jahr des Monopols, 1851, sollten höhere Preise für die Einlösung geboten und die Fristen für selbige großzügiger gehandhabt werden. Es kaufte in diesem Jahr keine Blätter von Sina und Wodianer, um ihnen nicht noch finanzielle Mittel in die Hand zu geben, „ihre Bestrebungen zum Nachteile der Regie … fortzusetzen“. Mit der Einführung des Monopols wurde die dem Gefälle zur Verfügung gestellte Summe auf 1 Million 200.000 fl. erhöht.

Auf die Einführung des Monopols reagierten Sina, Wodianer und einige andere Händler mit verstärkten Exportbemühungen. Das war dem Gefälle auch wieder nicht recht. Denn in diesem Jahr – 1851 – war die Ernte schlecht und das alte Zittern und Zagen um die Vorräte des Gefälles ging wieder los. Aber Sina und Wodianer verfügten bereits über eine Ausfuhrgenehmigung für dieses Jahr und nach anfänglichen Beschlagnahmungen mußte die Szegeder Bezirksverwaltung ihm seine Blätter zur Ausfuhr überlassen. Er suchte auch für die folgenden Jahre um solche Bewilligungen an: Für das das erste Jahr, also 1852, verlangte er, 88.000 Ztr. ausführen zu dürfen, für die weiteren Jahre je 46.000 Ztr. Entgegen allen gefaßten Vorsätzen kaufte das Gefälle doch wieder größere Tabakmengen von Sina, mittels Übereinkommen vom 13.5. 1851: Zwischen als 40.000 und 52.000 Ztr. um ungefähr 12 fl./Ztr. Sina verpflichtete sich, sie im Verlauf der nächsten Monate zu liefern.

Die Monopolverordnung schien Verträge mit Privaten offenbar nicht in der gewünschten Eindeutigkeit zu verbieten, denn im November 1851 forderte die Hofkammer ein solches Verbot zusätzlich zu den Bestimmungen der Verordnung. Sina schloß weiterhin Verträge ab und nützte seine bestehenden aus, außerdem tätigte er zusätzliche Ankäufe über dem Einlösungspreis. Angeblich benutzte er die Exportgenehmigung, um aufgekauften Tabak im Ausland zwischenzulagern und abzuwarten, daß das Gefälle genötigt würde, für höhere als die Einlösungspreise Tabak anzukaufen. Was letztere Berechnung betrifft, so war sie sehr realistisch, das Gefälle sah wieder einmal seine Vorräte zu Ende gehen. Die Hofkammer bzw. deren Nachfolger, das Finanzministerium, konstatierte weiterhin eine ihr sehr unangenehme Abhängigkeit von Sina.

Die Lieferverpflichtung vom Mai 1851 erfüllte Sina unvollständig, dafür bedrängte er die Tabakfabriks-Direktion wiederholtermaßen mit der Erlaubnis, zusätzlich „lose Blätter und Rebel“ liefern zu dürfen, nach Ansicht des zuständigen Beamten, um „sich bei Aufräumung seiner Magazine der seit Jahren angehäuften und nicht verwertbaren Abfälle und Unrates auf die möglichst vorteilhafte Weise zu entledigen.“ Sina hatte gerade entscheidend dazu beigetragen, das Zwangsanlehen der Finanzverwaltung durch seine Beteiligung zu ermöglichen und konnte sich daher dem Gefälle gegenüber einiges herausnehmen, ohne mit Sanktionen wegen Vertragsbruches rechnen zu müssen. Außerdem scheint er in dieser Zeit den Entschluß gefaßt zu haben, sich aus dem Tabak-Liefergeschäft zurückzuziehen und war nicht mehr an einem guten Verhältnis zur Gefällsverwaltung interessiert.

Als diese mit einer Klage drohte, trat Sina nach Ansicht der Tabaks-Fabriksdirektion sehr anmaßend auf: „Die Darstellung … ist in der Tat bemerkenswert und charakterisiert den Mann, von welchem sie ausgeht. … Er entblödete sich sogar nicht, mit zynischer Offenheit zu bekennen, daß es ihm, wenn er geglaubt hätte, die Tabak-Fabriks-Direktion werde auf die Erfüllung des Kontraktes dringen, ein Leichtes gewesen wäre, die jetzt noch verlangten 5725 Ztr. beizuschaffen, daß er dieselben mitterweile an das Ausland verkauft habe.“ Um seine Verdienste um Tabak-Anbau und -Verarbeitung herauszustreichen, verwies er auf mehr als zwei Millionen Zentner Tabakblätter, die er im Verlaufe von 16 Jahren an das Tabakgefälle geliefert habe. Der Direktor der Tabakfabriken riet, auf eine (vermutlich fruchtlose) Klage zu verzichten und statt dessen die Geschäftsbeziehungen mit Sina abzubrechen, da dieser nur auf den „möglichst großen Gewinn, den die rücksichtslose Benützung der Momente gestattet“, scharf sei.

Der Wunsch des obersten Tabak-Beamten ging nicht in Erfüllung. Die Klage gegen Sina wurde eingestellt, letzterer lieferte 1852 erneut Blätter an das Gefälle, er übergab sie direkt in Pest und in dem nach 1849 für die Tabakblätter anscheinend immer wichtiger werdenden Fiume. Nach Meinung des gleichen Direktors Habermann, der sich zwei Monate vorher so nachteilig über Sina geäußert hatte, erschien „das Offert des Freiherrn von Sina … nicht überspannt und … in allen Teilen zur Annahme geeignet“.

Sina war in diesen Jahren auch an den Tabak-Importen der österreichischen Tabakfabriken beteiligt. So wurden Importe aus der Türkei über ein Belgrader Handelshaus, den österreichischen Konsul in Belgrad und das Handelshaus Sina in Wien abgewickelt. Sein Partner bei den Lieferungen nach Frankreich, Pescatore, schloß am 12.9.1851 mit dem Gefälle einen Liefervertrag auf Havanna-Zigarren, deren Bezahlung ebenfalls über Sina abgewickelt wurde. 1852 schloß er – zusammen mit Rothschild – einen Liefervertrag mit dem Gefälle über den Import von 50 Millionen Zigarren aus den Vereinigten Staaten.

Die letzte aktenkundige Lieferung Georg Sinas an das Gefälle betrug 13.500 Ztr. im Jahre 1853, eine im Vergleich zu früheren Zeiten lächerliche Menge. Aufgrund eines Dekretes vom 5.2. 1853 mußte er sie wirklich zum Einlösungspreis übergeben. Es handelte sich höchstwahrscheinlich um die letzten Reste. Nach 1853 gibt es keinerlei Hinweise mehr auf Lieferungen Sinas an die österreichischen Tabakfabriken.

Aus dem Tabakhandel stieg Georg Sina dennoch bis zu seinem Tod 1856 nicht aus. Seit 1851 besaß er zusammen mit Wodianer und dem Triester Händler Philipp Kohen die Lizenz für Tabakausfuhr. Er lieferte mit den beiden anderen zusammen relativ geringe Mengen nach Piemont-Sardinien, Parma, an die römische Tabak-Regie und nach Frankreich. Die Exporttätigkeit war ein ständiger Zankapfel zwischen Sina und den Behörden, die darin den Versuch erblickten, dem Gefälle Tabakblätter zu entziehen, um sie gegebenenfalls – nach Ablauf der Einlösungsfrist und mit Knappheit an Vorräten rechnend –, teurer an dieses verkaufen zu können. Die meisten Akten sind verlorengegangen, aber an den Indizes läßt sich Exporttätigkeit bis Juni 1856 verfolgen.

2. Die Wolle

Wie fast alle großen und mittleren Bank- und Handelshäuser Wiens handelte auch Sina mit ungarischer Wolle. Die Wolle war neben dem Weizen der Haupt-Ausfuhrartikel Ungarns, verarbeitet wurde sie meist in Manufakturen in den Erblanden und in Mähren. Wem Georg Sina die Wolle verkaufte, ist nicht bekannt. Mehr Informationen gibt es darüber, wem er sie abkaufte. Zu seinen Lieferanten zählte ein guter Teil des ungarischen Hochadels, sogar der Palatin Joseph, der auf seinem Gut Alcsút auch Schafzucht betrieb. Wiederholt kaufte Sina die Wolle Stephan Széchenyis, ferner handelte er 1833 und 1834 mit einem Grafen Batthyány. 1843 bot er Széchenyi 95 fl. für die Wolle. (Es scheint, daß die Preise in Konventionsmünze und pro Zentner notiert wurden.) 1846 verkaufte Széchenyi die Wolle von seinen Besitzungen um 102 fl., aber wahrscheinlich nicht an Sina.

Széchenyi war nie in der bedrängten Lage, Notverkäufe machen zu müssen, und holte von allen Seiten Anbote ein, bevor er einen Vertrag abschloß. Viele andere Grundherren brauchten jedoch das Geld so dringend, daß sie die Wolle bereits vor der Schur verkauften und dafür einen schlechteren Preis in Kauf nehmen mußten: „Unsere Grundbesitzer lieben den Luxus, da sie aber nicht die nötigen Mittel dazu besitzen, befinden sie sich in ständiger Geldverlegenheit, vor allem im Winter. Es ist daher ein sehr vorteilhaftes Geschäft, ihnen zu Beginn der Saison einen zur Erntezeit fälligen Vorschußkredit zu geben, um sich ihre Produkte zu einem lächerlich geringen Preise zu sichern. Nach Einbringung der Ernte sind sie verpflichtet, ihre Produkte zum vereinbarten Preise zu liefern …“

Ein Beispiel für die Art der Abwicklung des Wollhandels stammt aus einer (abgewiesenen) Klageschrift gegen Georg Sina:

Im August 1840 ersuchte die Witwe Ghika den Baron Sina, die seit zwei Jahren in seinem Magazine liegende Bellatinczer Wolle zu verkaufen, weil sie dringend Geld brauche, worauf Sina diese Schaf- und Baumwolle im Gesamtgewichte von 21.395,25 Pfund netto am 17.11. 1840 zu 80 fl./Ztr. käuflich übernahm, da die Wolle wegen der damaligen Krisis nicht verkäuflich war, und die Witwe Ghika bedankte sich bei Baron Sina, … daß er die Wolle zum Tagespreise übernahm. Am 23.11. 1841 verkaufte nun Baron Sina die Baumwolle per 1.371 Pfund netto, um 90 fl., die übrige Wolle aber am 6.2. 1841 auf 3 Monate Zeit um 87 fl./Ztr.

Hieraus erhellet, daß die Wolle durch Kauf in Sinas Eigentum überging und eine etwaige Verpflichtung, den durch Wiederverkauf erzielten Gewinn der Witwe Ghika zuzuwenden, müßte erst im Zivil-Rechtswege erwiesen (werden),… wobei überdies nicht übersehen werden darf, daß Baron Sina die Wolle nur darum teurer an (den) Mann brachte, weil er sie teilweise auf Zeit verkaufte und dabei die Gefahr einer inzwischen eintretenden Zahlungsunfähigkeit des Käufers auf sich nahm, … der Sensal Neumann erklärte … daß Sina die Wolle besser als jeder andere, und zwar um 10-15 fl. teurer verkaufte, weil er sie auf Kredit gab.

Ein zweites Beispiel: Im März 1849 schloß Sina (der Bürgerkrieg war für ihn sichtlich kein Grund, bei seinen Geschäften eine Stockung eintreten zu lassen,) einen Vertrag mit einem Grafen Keglevich. Sina schickte einen Agenten, der den Vertrag unterschrieb und eine Anzahlung machte. Außerdem gab dieser Bevollmächtigte Sinas dem Grafen eine schriftliche Zusicherung, daß dieser auch weitere Zahlungen auf Vorschuß über das Bankhaus tätigen lassen könne.

Als Sina diese Zusicherung gab, berücksichtigte er offenbar die vom Bürgerkrieg geprägten Zeitumstände nicht, die Transporte durch Ungarn zeitweise unmöglich machten. Er rechnete mit dem Eintreffen der Wolle bald nach der Schur, also spätestens im Juni. Dem war aber nicht so, er erhielt sie erst im August und September. Während der Monate Juli und August kam es infolgedessen zu einem spannungsgeladenen Briefwechsel zwischen dem zahlungsunwilligen Bankier und dem in Geldnöten befindlichen Grafen, der immer wieder kleinere und größere Summen verlangte und sich entschuldigte, daß „es im geringsten meine Schuld nicht sei, daß die Wolle bis jetzt nicht geliefert worden“ sei. Die meinige auch nicht, dachte Georg Sina vermutlich und begann ein grausames Spiel mit dem Grafen: Er sagte ihm schriftlich Beträge zu, deren Auszahlung er dann den Angestellten Keglevichs verweigerte oder verweigern ließ. Der Graf schickte aus verschiedenen Orten immer drängendere Briefe, des Inhalts, daß die Wolle schon von den Schafen herunten sei, die eine oder andere Straße passierbar und es nur mehr eine Frage der Zeit sei, bis die Wolle in Preßburg (bei Sinas dortigem Spediteur) eintreffen müsse. Und bitte, Sina möge doch dem einen Gläubiger Keglevichs seinen Wechsel und einem anderen, seinem Angestellten, etwas Bargeld auszahlen. Sina zahlte säumig und schickte ihm Rechnungen, auf denen nicht ausgezahlte Beträge dennoch verzeichnet waren. Der Graf schäumte, bat aber zähneknirschend noch um eine Galgenfrist. Inzwischen hatte er festgestellt, daß die Wollpreise gewaltig gestiegen waren und er bei späterem Vertragsabschluß 20 fl. pro Zentner mehr erhalten hätte. Sina hatte mit ihm also zu 105 fl. abgeschlossen, der Preis stand im August aber bereits auf 125 fl. Im September war schließlich alle Wolle abgeliefert, sie belief sich auf ca. 300 Zentner. Nach der Abrechnung verblieben dem Grafen abzüglich der im Laufe der vergangenen Monate gemachten Vorschüsse ganze 336 fl.CM Bargeld. Einen bereits zugesagten Kredit auf einen noch auszuzahlenden Wechsel verweigerte Georg Sina ihm, nachdem er ihn vorher 1 1/2 Stunden darauf warten hatte lassen.

Die beiden „Geschäftspartner“ schieden, wie nach dem bisher Angeführten begreiflich ist, in Unfrieden. Der Graf konnte es sich nicht verkneifen, Sina im Dezember davon zu benachrichtigen, daß er seine Wolle für das Jahr 1850 an einen anderen Händler zu einem besseren Preis als die von 1849 verkauft hatte – zu 117 fl. Diese „Erfolgsmeldung“ beinhaltet aber gleichzeitig die Information, daß sich Keglevich in noch größerer Geldnot als im Jahr zuvor befand, da er bereits im Dezember die Wolle des kommenden Jahres verkauft hatte.

Bei der Wolle schloß Sina, ähnlich wie beim Tabak, manchmal längerfristige Lieferverträge: In einem Vertrag ist die Rede von einem „auf alle Illésházy’schen Güter … ausgedehnten … noch 5 Jahre zu bestehen habenden Woll-Kontrakt“.

In der Bilanz des Bankhauses vom 18.5. 1856 scheint unter „Schaf Woll Lager“ die Summe von 53.267 fl. auf, es befanden sich also, wenn man die Preise von 1849 zur Grundlage nimmt, rund 450 Ztr. Wolle im Lager des Bankhauses – zu einem Zeitpunkt, wo die Schur gerade erst begann, also noch keine diesjährigen Lieferungen eingetroffen waren. Aus dem läßt sich auf ein ziemlich geräumiges Lager und eine umfangreiche Handelstätigkeit schließen. Unter den „Debitoren“ des Bankhauses scheint eine Brünner Firma mit der Ergänzung „Woll Conto“ auf, an die Sina die Wolle zur Weiterverarbeitung verkaufte.

3. Sonstiges

3.1. Holz und Kohle

Georg Sina handelte in den Jahren 1835 bis 1843, vielleicht auch länger, mit Brennholz, das er aus Ungarn einführte und nach Wien verkaufte. Wahrscheinlich stammte dieses Holz von seinen ungarischen Besitzungen.

Er handelte auch mit Steinkohle. Er war von 1835-1846 Pächter der Steinkohlengruben von Brennberg (bei Sopron). In dieser Eigenschaft folgte er dem Bankhaus Fries, nachdem dieses in Konkurs gegangen war. Er verpachtete diese Gruben entgegen den Vertragsbestimmungen weiter an den Ziegelfabrikanten Alois Miesbach, der bereits 1836 dampfgetriebene Loren und Pumpen beim Abbau einsetzte. Gemeinsam reichten die beiden 1838 eine Beschwerde an die Hofkammer wegen der Lieferbestimmungen an Soproner Unternehmer ein. Es gab nämlich kontraktmäßig festgesetzte Preise und Lieferverpflichtungen an die Stadt Sopron, deren Ausdehnung auf Privatabnehmer die beiden Pächter bestritten.

In den Jahren 1830 und 1831 bemühte sich Sina gemeinsam mit den Wechselhäusern Rothschild, Geymüller, Arnstein & Eskeles, Stametz, Schnapper und Wertheimstein um Erlangung eines Privilegiums zum Steinkohlen-Bergbau in Dalmatien. Sie wollten ein Steinkohlenflöz „am Monte Promina bei Dernis“ erschließen, das schon seit 50 Jahren bekannt, jedoch aus Mangel an Hilfsmitteln, d.h., Kapital, nie ausgebeutet worden sei. Die Pläne dieser versammelten Vertreter des Großkapitals waren ehrgeizig: Sie wollten eine Eisenbahnlinie zum Meer errichten, eigene Dampfschiffe für den Kohlentransport bauen, neben dem Bergwerk Ziegelbrennereien errichten und so die Ziegelproduktion erhöhen und Lagerstätten auf der Insel Lissa (Vis, Kroatien) errichten. Bei Erhalt des Privilegs wollten sie auf ihre Kosten die gesamte dalmatinische Küste „von Cattaro (Kotor, Montenegro) bis Monfalcone“ nach weiteren Kohlevorkommen untersuchen lassen. Für diese großangelegten Pläne wollten die Initiatoren eine AG gründen und erbaten sich von der Regierung ein Privilegium auf 99 Jahre.

Die Staatsverwaltung war von dem Projekt sehr eingenommen. Allem Anschein nach ist aber nichts daraus geworden, denn es gibt keine weiteren Hinweise darauf, daß die AG gegründet oder der Abbau in Angriff genommen worden wäre. Die Ursache für dieses Ansuchen war der Kohlebedarf der DDSG [46] und der Eisenbahnen, und der Plan wurde hinfällig, als sich den Betreibern woanders kostengünstigere Kohlevorkommen auftaten, im Banat und in Mähren.

3.2. Salz

Als Sina sich aus dem Tabakgeschäft zurückzog, faßte er den Handel mit einer anderen Monopol-Ware ins Auge, mit dem Salz. Dabei war er gegenüber seinem großen Konkurrenten, Rothschild, im Nachteil, der bereits 1845 eine Saline bei Venedig gepachtet hatte und seither mit Salz, offenbar mit Meersalz, handelte. Sina verlegte sich auf das siebenbürgische Salz. Die Gelegenheit zum Einstieg in dieses Geschäft bot sich ihm im Revolutionsjahr 1848. Er übernahm einen Vertrag auf ca. 15.000 nach Preßburg zu liefernde Pfund Salz von 2 ungarischen Händlern, Janicsar und Buday, die aufgrund der Kriegshandlungen ihre Verpflichtungen nicht mehr erfüllen konnten. Sina gelang es, den Transport, wenngleich mit einiger Verspätung, zu bewerkstelligen. Außerdem übernahm er einen Salzlieferungs-Vertrag der ungarischen Zentraleisenbahn für Salzlieferungen nach Komárom und Győr.

Im letzten Jahr seines Lebens, 1855, übernahm Georg Sina die Abwicklung der Zahlungen für eine Salzlieferung nach Russisch-Polen. Gleichzeitig versuchte er den Salzhandel Österreichs mit Serbien in seine Hand zu bekommen.

Dieser war zunächst ein Anliegen der österreichischen Regierung. Dabei sollte siebenbürgisches Salz über die Theiss und Donau nach Belgrad geliefert werden. Dieser Salzhandel wurde von Seiten Österreichs als willkommenes Mittel zur Einflußnahme auf Serbien betrachtet. Das Geschäft wurde über den österreichischen Konsul in Belgrad abgewickelt. Der erste Versuch der Salzlieferung endete mit einem Flop, da die österreichische Seite – angeblich wegen des niedrigen Wasserstandes der Flüsse, vor allem des Maros –, ihre Lieferverpflichtungen nicht einhalten konnte.

Die serbische Regierung war einer Verlängerung des Vertrages eher abgeneigt. Der türkische Kommandant der Belgrader Festung jedoch legte Wert auf eine Fortsetzung der Handelsverbindung mit Österreich, außerdem bot ihm der durch die Säumigkeit der österreichischen Regierung eingetretene Knappheit willkommene Gelegenheit, sich als bessere Alternative zur serbischen Regierung zu präsentieren. Er beauftragte den griechischen Kaufmann Fitzio mit der Sicherstellung dieser Salzlieferung. Fitzio wandte sich an Georg Sina und wurde mit ihm allem Anschein nach schnell handelseinig. Sina beantragte ein Salzquantum von 100.000 Ztr. jährlich. Das Salz sollte über das noch in türkischer Hand befindliche Bosnien geliefert werden. Obwohl die österreichischen Behörden weiterhin versuchten, mit der serbischen Regierung direkt ins Geschäft zu kommen, beantragte Sina die gesamte mit Fitzio vereinbarte Salzmenge 500.000 Ztr. innerhalb von 5 Jahren – für Bosnien. Diese wurde ihm verweigert, weil die Verhandlungen des österreichischen Konsuls mit der serbischen Regierung noch nicht abgeschlossen waren und die Konkurrenz Sinas unerwünscht war. Mit diesem Stand der Dinge erbte der Sohn Georg Sinas das Geschäft. Der Vertrag mit Fitzio bestand anscheinend, es galt, ihn zu erfüllen. Simon Sina beantragte zunächst 70.000 Ztr. Ihm wurde mitgeteilt, daß er diese Menge aus den Lagerräumen in Szeged beziehen könne. Daraufhin begann ein Tauziehen zwischen dem Ärar und Sina: Der Ärar bestand darauf, ihm das Salz in Szeged zu verkaufen, Sina hingegen wollte es an das Save-Ufer gestellt bekommen, da es sein Belgrader Partner unbedingt über Bosnien beziehen wollte. Der weitere Verlauf dieses seltsamen Salzhandels ist unbekannt.

3.3. Kupfer?!

Schließlich räumte Georg Sina der „oberungarischen Waldbürgerschaft“ einen Kredit ein, als angeblich andere diesem Gremium kein Geld mehr leihen wollten. Diese Waldbürgerschaft war ein Verein von Bergweksbesitzern in der Zips, die sich in den dreißiger Jahren von den ärarischen Hütten in Schmöllnitz (Smolník, Slowakei) und Altwasser (Stará Voda, Slow.) lösen und ihre Erze selbst verhütten wollten. Neben zwei von ihnen betriebenen Hütten in der Nähe von Schmöllnitz, in denen Silber- und Kupfererze verarbeitet wurden, begannen sie 1845 mit dem Bau einer neuen Hütte bei Krompachy. Mit diesem Bau hatten sich die Gewerke übernommen, außerdem bedienten sie sich bei der Verarbeitung der stark antimonhaltigen Erze veralteter und nicht zielführender Verfahren. Dadurch wuchs die ursprünglich für den Bau der dritten Hütte aufgenomme Schuldsumme, die „Waldbürger“ mußten bereits die für den Bergwerksbetrieb vorgesehenen Notgroschen angreifen, um die Zinsen für die Kredite zahlen zu können. Sina gewährte ihnen 1853 einen Kredit, zu den folgenden Bedingungen:

-# Diese Waldbürgerschaft verbindet sich, ihre sämtlichen für den Wiener Platz bestimmten Kupfer & Quecksilber, und zwar mindestens 1000 Ztr. Kupfer monatlich, dem Hause Sina allein, franco aller Spesen loco Wien zu übergeben.

  1. Sie vergütet diesem Haus 1 1/2% Verkaufsprovision und 1/2% Magazinage.
  2. Das Haus SGS eröffnet der Waldbürgerschaft ein Conto current gegen 6% gegenseitige Zinsen und 1/2% Bankprovision, mit 3monatlichem Abschluß.
  3. Das Haus Sina verbindet sich der Waldbürgerschaft gegen obige Deckung von 1000 Ztr. Kupfer monatlich 70.000 fl.CM al+ Vorschuß zuzumitteln.
  4. Dasselbe Haus übernimmt die Kommissions-Kupfer bei J.G.Schuller von 1900 Ztr. und bezahlt an dieses Haus die waldbürgerliche Schuld von 95.599 fl. und an Ludwig Kuschel den Vorschuß von 30.000 fl.
  5. Den Verkauf besorgt das Haus Sina, nach Maßgabe der Ärarialpreise, aber es bleibt ihm anheim gestellt, wenn es die Verhältnisse erfordern, auch darunter zu verkaufen.

Was Sina zu diesem Kredit bewogen hat, läßt sich nur raten. Ein zukunftsträchtiges Unternehmen, das sich nur auf einer kurzfristigen Durststrecke befand, scheint dieses Verhüttungsprojekt nicht gewesen zu sein. Ein Beweggrund persönlicher Natur ist denkbar: Der Vorsitzende der Waldbürgerschaft war György Andrássy, ein alter Freund Széchenyis. Vielleicht war es ihm gelungen, Sina zu dem Kredit zu überreden. Sina mag sich gedacht haben, mit dem als Pfand und Teilabzahlung erhaltenem Kupfer werde sich wohl auch ein Geschäft machen lassen. 40 Jahre früher hatte er auch mit Waren aller Art gehandelt und war zu der Überzeugung gelangt: Verkaufen läßt sich alles!

Es scheint aber nicht alles nach Wunsch gelaufen zu sein. Ursprünglich war der Vertrag nur „auf ein Jahr“ befristet. Die ursprüngliche Kreditsumme wurde nicht genannt. Der Kredit wurde auf jeden Fall verlängert und vermutlich auch ausgedehnt. 1856 betrug die Schuld der Waldbürgerschaft beim Bankhaus Sina 430.353 fl. In der Bilanz des Bankhauses scheint gleichzeitig ein „Kupfer-Conto“ auf, mit einem äußerst geringen Betrag von 7.000 fl. Wenn die Waldbürgerschaft tatsächlich 1000 Ztr. monatlich geliefert hat, wie sie sich in obigem Vertrag verpflichtet hatte, so heißt das, daß Sina das Metall sehr schnell an den Mann gebracht hatte, da sich kaum etwas im Lager befand. Wahrscheinlicher sind jedoch Stockungen bei der Lieferung.

IV. Die Finanztätigkeit des Bankhauses

1. Geschäfte mit dem Staat

1.1. Das Kreditwesen im Vormärz. Die Wechselhäuser

Der Einstieg in das Geschäft mit dem Staat gelang Georg Sina 1826. Bei dem ersten Anlehen, das in diesem Jahr stattfand, hatte sich das in Geldschwierigkeiten befindliche Bankhaus Fries an ihn gewandt, weil dieses aus eigener Kraft nicht mehr imstande war, seine Verbindlichkeiten in der Höhe von 1 Million fl. gegenüber der Staatsverwaltung zu erfüllen, dieses aber den Zuständigen aus verschiedenen Gründen auch nicht mitteilen wollte. Als Fries im Frühjahr 1826 den Konkurs anmelden mußte, nützte Sina die Gelegenheit, mit Berufung auf seine praktisch schon erfolgte Teilnahme an der vorigen Anleihe an der nächsten auch offiziell beteiligt zu werden. In seiner Eingabe an die Hofkammer betonte er, daß es ihm nicht nur um diese eine Anleihe ginge, sondern daß er auf Dauer Partner der Staatsverwaltung in dergleichen Kreditgeschäften bleiben wolle. Das Ansuchen wurde positiv erledigt.

Georg Sina war der letzte, der in dieses illustre Gremium der Krediteure des österreichischen Staates aufgenommen wurde. 6 Jahre vor ihm hatte es Salomon Rothschild nach einigen vergeblichen Versuchen mit Hilfe des Hamburger Bankiers David Parish geschafft, in diese Domäne einzudringen und danach letzteren daraus verdrängt, worauf Parish sich einige Jahre später aus Verbitterung über diesen Vertrauensbruch das Leben nahm. Diese Episode soll nur den Kampf um diese Art von Kreditgeschäft verdeutlichen und das Interesse, das in der ganzen Welt des Geldkapitals des In- und Auslandes daran herrschte. Die anderen, die 1826 neben Rothschild daran beteiligt waren, das jüdische Bankhaus Arnstein & Eskeles und der Schweizer Geymüller, waren – ebenso wie das ebenfalls aus der Schweiz stammende Bankhaus Fries, über das Sina Zugang zu dieser Pfründe erhielt – bereits im 18. Jahrhundert Krediteure des österreichischen Staates und hatten sich während der Napoleonischen Kriege um die Aufbringung der Kontributionen während der französischen Besatzung verdient gemacht. Geymüller schied 1841 wegen Konkurs aus, und bis in die 50-er Jahre waren Rothschild und Sina, in etwas geringerem Maße Arnstein & Eskeles, die Monopolisten des Staatskredites. Sie verhinderten, daß andere Bankiers sich direkt mit der Staatsverwaltung in Verbindung setzten. Beteiligungen anderer an den Staatsanleihen kamen während des Vormärz’ nur mit Erlaubnis von und über Vermittlung dieser „Geldfürsten“ zustande. Es gab zwar „Subskriptionsanleihen“, die öffentlich ausgeschrieben wurden und an denen sich auch andere beteiligen konnten, – aber eben erst, nachdem die „Großen“ den Löwenanteil für sich gesichert hatten. Die Staatsverwaltung ihrerseits legte auf diese Bankiers deshalb so großen Wert, weil sie sich bei ihnen sicher sein konnte, daß sie in der Lage sein würden, ihre Verbindlichkeiten zu erfüllen. Hätte sie mehr Geldkapitalisten zu dem Geschäft zugelassen, so hätte die Verläßlichkeit und Pünktlichkeit der Ratenzahlungen darunter gelitten.

Das Bankhaus Geymüller schied 1841 mittels Konkurs aus dieser „Viererbande“ aus. Es verfügte über zuwenig Reserven, als die Einschränkung des Kreditrahmens der Bankhäuser bei der Nationalbank durch den neuen Hofkammerpräsidenten Kübeck verfügt wurde. Dadurch ging Geymüller von einem Tag auf den anderen seiner Zahlungsfähigkeit verlustig. Im Juli 1841 meldete er Konkurs an. Die anderen Bankhäuser waren nicht bereit, mit Stützungskrediten einzuspringen. An Geymüller hing aber ein guter Teil der kleineren Bankhäuser. Die Staatsverwaltung sah Handlungsbedarf gegeben, um den Schaden zu begrenzen: Sie gewährte einen Monat später einen Kredit von 4 Millionen Gulden, um Folgekonkurse nach Möglichkeit zu vermeiden. Mit der Verteilung dieser Kredite an die Finanzwelt wurden die drei anderen Großbankiers betraut.

Arnstein & Eskeles standen 1848 vor dem Konkurs. Im In- und Ausland forderten Bankhäuser ihre Außenstände ein, kündigten Kredite vor der Zeit, Wechsel platzten, der gesamte europäische Privatkredit verknappte sich zusehends. Die österreichische Staatsverwaltung versuchte, über die „außerordentliche Kreditkasse“ zu erreichen, daß der „hiesige Platz vor den schwersten Folgen“ verschont bliebe. „Allein plötzlich stellten mehrere Frankfurter Häuser, darunter vorzüglich das Haus Haber und Söhne, ihre Zahlungen ein, und hierdurch wird das hiesige Wechselhaus Arnstein & Eskeles mit dem Untergange bedroht.“

Die Folgen wären für die gesamte österreichische Wirtschaft katastrophal gewesen. Dieses Bankhaus hatte den Bau einer Eisenbahn in Lombardo-Venetien und andere „Industrieunternehmungen“ finanziert. Diese Unternehmen hätten dann ebenfalls nicht mehr weiter bestehen können. Die Bankhäuser Stametz und Wertheimstein, die an dem Bankhaus „mit sehr namhaften Summen beteiligt“ waren, hätten Folgekonkurs anmelden müssen. Arnstein & Eskeles waren bei der Nationalbank hoch verschuldet und standen bei der Sparkasse „mit beiläufig 2 Millionen in Obligo“. Diese beiden Geldinstitute wären also mit einem Konkurs des Bankhauses ins Wanken geraten. Der Markt wäre mit Staatspapieren überschwemmt worden, weil das Bankhaus selbst und alle Mitbetroffenen sämtliche bei ihnen befindliche Wertpapiere veräußern würden. Ein Fall des Kurses der Staatspapiere unter eine bestimmte Grenze hätte – einer geheimen Klausel gemäß – den Anleihenvertrag vom März 1847 (über 80 Millionen fl.) aufgehoben, die Wechselhäuser ihrer Verpflichtungen entbunden und damit die Anleihe selbst platzen lassen.

Von der durch dieses Ereignis herbeigeführten unheildrohenden Lage der Dinge überzeugt, haben die beiden Wechselhäuser Rothschild und Sina dem Freiherrn v. Kübeck die Notwendigkeit dargestellt, das Haus Arnstein & Eskeles vor seinem Untergange zu bewahren und sich erklärt, zu diesem Zwecke ihre eigenen disponiblen Kräfte aufbieten zu wollen. Weil aber diese in der gegenwärtigen bedrängten Lage zur Erreichung des beabsichtigten Zweckes nicht hinreichen, haben sie um die Mitwirkung der Finanzverwaltung gebeten.

Die Finanzverwaltung sollte ihnen Staatspapiere im Wert von 6,6 Millionen ausfolgen, die beiden Wechselhäuser würden ihre eigenen Wechsel sowie Aktien verschiedener Unternehmungen – sowohl ihrer eigenen als auch der von Arnstein & Eskeles finanzierten – in gleichem Wert als Sicherheiten hinterlegen.

Das bedeutet, daß Rothschild und Sina im Jänner 1848 Staatspapiere für sicherer und leichter veräußerlich ansahen als Eisenbahn- und DDSG-Aktien.

Rothschild und Sina verbürgten sich dafür, daß Arnstein & Eskeles ihre Schulden bei der Nationalbank begleichen würden, und zwar eine halbe Million Gulden pro halbem Jahr. Dies stellt eine für ein gerade vom Konkurs bedrohtes Bankhaus sehr hohe Summe dar. Mit welchen Mitteln die anderen beiden diesen Schuldendienst erzwingen wollten, geht aus den Akten nicht hervor, die ganze Aktion war hochgeheim. Es läßt sich schließen, daß Arnstein & Eskeles mit mehreren Millionen Gulden bei der Nationalbank verschuldet waren.

Die Aktien der Mailand-Comoer Bahn nahm die Staatsverwaltung nur ungern in Pfand, sie sah die Bahn als besonders verlustreiches Unternehmen an. Genau diese Bahnaktien sollten jedoch nach Willen der beiden Bankhäuser unbedingt vor Wertverfall gerettet werden, weil sie von einem solchen unheilvolle Folgen für ihre eigenen Bahnaktien (Rothschild für die Nordbahn, Sina für die Südbahn) befürchteten.

Welche Verpflichtungen Arnstein & Eskeles gegenüber den anderen beiden Bankhäusern eingingen und in welcher Form sie sie erfüllten, ist größtenteils nicht aktenkundig. In den 50-er Jahren gingen einige Immobilien aus ihrer Hand in den Besitz des Bankhauses Sina über. (Siehe dazu: VI. Der Grundbesitz)

Die Übernahme und Plazierung der österreichischen Staatsanleihen erfolgte also während des Vormärzes:

  1. von 1815 bis 1820 durch Geymüller, Arnstein & Eskeles, Fries und einige ausländische Wechselhäuser
  2. von 1820 bis 1826 von Geymüller, Arnstein & Eskeles, Fries und Rothschild
  3. von 1826 bis 1841 von Geymüller, Arnstein & Eskeles, Rothschild und Sina,
  4. von 1841 bis 1848 von Arnstein & Eskeles, Rothschild und Sina

1.2. Anleihen

1.2.1. Eine „gewöhnliche“ Metalliques-Anleihe (1841)

Die eigentlichen Anleihengeschäfte fanden so statt, daß die Bankhäuser die auszugebende Staatsanleihe zu einem bestimmten Preis „kauften“. Am Beispiel der Anleihe von 1841 sei dies kurz dargestellt: Sie war ursprünglich auf 80 Millionen Gulden sogenannter Münzobligationen oder Metalliques geplant, abgeschlossen wurde sie schließlich auf 40 Millionen. Diese waren zu 5% verzinslich. Ihre Bezeichnung hatten diese Obligationen daher, daß sie auf Konventionsmünze, also auf das wertbeständigere Silbergeld, lauteten und auch dessen Kurs zufolge verzinslich waren, wenngleich ihre Auszahlung in Papiergeld erfolgte. Die Käufer der Obligationen waren dadurch gegen etwaige Kursschwankungen des Papiergeldes gegenüber dem Münzgeld, das sogenannte Agio, gesichert.

Diese fünfprozentigen Münzobligationen waren der Gradmesser für den österreichischen Staatskredit: Fielen sie im Kurs, so stand es um den Ruf des Staates und damit auch seine Kreditwürdigkeit nicht zum Besten und die Finanzverwaltung beeilte sich, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Die Metalliques waren auch das Zugpferd am Wertpapiermarkt: Sie bestimmten den Zinsfuß aller privaten und öffentlichen Anleihegeschäfte, denn diese mußten mit ihnen konkurrieren. Die Aktien, die im Vormärz ausgegeben wurden, mußten ihren Aktionären einen fixen Zins zahlen, um überhaupt Anleger zu finden, und konnten diesen praktisch nicht unterhalb der 5% ansetzen, da die Aktien sonst kaum jemand gezeichnet hätte.

Auch die anderen Schuldverschreibungen des Staates hatten sich an den 5%-igen Obligationen zu messen. Eine zu nur 3% verzinsliche Anleihe hatten die Bankiers 1835 zu 75 für 100 übernommen, wodurch der von der Staatskasse zu entrichtende Zins auf 4,27% zu stehen kam. Dabei verschuldete sich der Staat mit 40 Millionen, um dafür 30 Millionen zu erhalten. Der Hofkammerpräsident Eichhoff argumentierte in seinem Gutachten mit dem Vorteil des niedrigeren Zinsfußes, verschwieg jedoch beflissen, daß dieser mit einer erhöhten Neuverschuldung erkauft war.

Die Anleihe von 1841 wurde zu 104% abgeschlossen. Das heißt, daß die Bankhäuser einen um einige Prozentpunkte höheren Preis entrichteten, als es dem Nennwert der Obligationen entsprach. Die Anleihe von 1841 stellte in dieser Hinsicht eine Ausnahme dar: Sie war die erste, die „über pari“ abgeschlossen wurde. Bis dahin hatten die Bankhäuser stets einen unter dem Nennwert liegenden Preis oder den Nennwert selbst entrichtet. Der neuernannte Hofkammerpräsident Kübeck hielt sich viel darauf zugute, einen solchen guten Preis für „seine“ erste, also die erste von ihm abgeschlossene Anleihe, herausgeschlagen zu haben. Er gab dann zwar zu, daß die Bankhäuser eine Provision verlangt hatten, und sich der Übernahmepreis der Anleihe nach Abzug derselben und aller Taxen eigentlich auf 102% stelle, aber immerhin: immer noch besser als seine Vorgänger! Die Grundlage für diesen hohen Preis war der damals eben vorherrschende hohe Kurs der Staatspapiere. Dieser wiederum war durch verschiedene Maßnahmen des neuen Hofkammerpräsidenten, die den Privatkredit trafen und eine Reihe von Konkursen hervorriefen, verursacht worden: Alle Anleger suchten Staatsschuldverschreibungen als sicheren Hafen für ihr Kapital.

Für die Übernahme und Bezahlung der Obligationen wurden 22 monatliche Termine festgesetzt. Die Obligationen waren also in diesem Zeitraum, vom 30.11. 1841 bis 31.8. 1843, zu übernehmen. Die Bankhäuser hatten 40 Millionen zu entrichten und erhielten dafür Obligationen im Wert von 38 Mill. 461.500 fl.

Die Bankhäuser knüpften noch einige eigene Bedingungen an diesen Abschluß:

  1. „die Facultät, … einen Teil der 5%igen Staatsschuldverschreibungen … in Obligationen mit italienischem Text oder in dergleichen Staatspapiere umschreiben zu lassen“. Dazu später.
  2. Es dürfe in den nächsten 15 Jahren keine Zinsenreduktion für Staatsschuldverschreibungen geben, mit Ausnahme der Rückzahlung der zu diesem Zeitpunkt bereits per Dekret reduzierten. Dies bezog sich auf frühere „Konversionen“ von Obligationen, bei denen der Zinsfuß nachträglich heruntergesetzt worden war, was das Vertrauen der Käufer von dergleichen Papieren nicht gerade gefördert und den Handel mit Wertpapieren erschwert hatte. (Siehe nächster Abschnitt: Eine Konversionsanleihe)
  3. Wenn die Anleihen während der 22 Monate mehr als 14 aufeinanderfolgende Tage 8% oder mehr unter ihren Nennwert fallen sollten, so sei ein neuer Vertrag zu schließen. Eine solche Klausel war bis dahin nicht üblich, etwaige Kursverluste hatten die Bankhäuser als Risiko mit in das Darlehensgeschäft übernommen.
  4. Die Staatsverwaltung dürfe während der ersten 15 Monate keine neue „auf das allgemeine Kreditwesen gegründete“ Anleihe aufnehmen. Die Bankhäuser waren nämlich im November 1841 noch damit beschäftigt, die Obligationen aus der Anleihe von 1839 auf dem Wertpapiermarkt unterzubringen. Sie setzten daher eine Frist, innerhalb derer sie die neuen Staatsanleihen unterzubringen hofften. Wäre dann noch eine weitere Anleihe abgeschlossen worden, so wäre der Markt mit Staatsanleihen überschwemmt worden, was unweigerlich zu einem Kursverlust aller Staatspapiere geführt hätte. Oder sie hätten, um die Menge der Papiere gering zu halten, bei sich im Tresor Münzobligationen horten müssen, die sie nicht verwerten konnten, für die sie aber bereits Bargeld erlegt hatten.
    Mit der Formulierung „auf das allgemeine Kreditwesen gegründet“ war aber der Staatsverwaltung ein Hintertürchen offengelassen worden, für den Fall, daß sich plötzlich ein unvorhersehbarer Kreditbedarf ergeben sollte. Ohne eine solche Ausnahme hätte die Regierung dieser Bedingung schwerlich zugestimmt, da sie eine Einschränkung ihrer Finanzhoheit und daher ihrer politischen Handlungsfähigkeit darstellte. Die Quelle solcher plötzlich auftretenden Kreditbedürfnisse waren Kriege. Sofern so ein Waffengang für Österreich ungünstig ausfiel, verursachte er auch noch einen Kurssturz der Anleihen. Dieser Umstand machte die Krediteure des Staates zu Pazifisten. Vor allem Salomon Rothschild hatte in den 30-er Jahren wiederholtermaßen darauf gedrungen, daß alle zur Aufnahme von Anleihen abgeschlossenen Verträge im Kriegsfalle als nichtig anzusehen sein würden, und damit angeblich einmal sogar den Unmut Metternichs auf sich gezogen, „indem er sich niemals dazu verstehen würde, die Entscheidung der Kriegs- und Friedensfragen von dem Wohlgefallen der Wechselhäuser abhängig zu machen.“ Eine diesbezügliche fixe Klausel wurde zwar nie in die Verträge aufgenommen, aber diese Frage war immer wieder Gegenstand der Erörterung. Bei einer Anleihe im Jahre 1831 war den Bankhäusern zugesichert worden, daß ein „wirklich ausgebrochener Krieg einer europäischen Macht mit Österreich“ die Bankiers ihrer vertraglichen Pflichten entbinden würde.
  5. Für den Fall, daß die Bankhäuser Obligationen vor den festgesetzten Terminen übernehmen und bezahlen würden, könnten sie der Staatsverwaltung den – damals 4%igen – Diskontsatz verrechnen. Das war für den Fall gedacht, daß entgegen den Berechnungen der Bankiers ein solch reißender Absatz der Obligationen stattfinden würde, daß sie vor den festgelegten Terminen Nachschub benötigen würden.
  6. Die Bankhäuser verlangten ferner, daß der Diskonto, d.h. Zinssatz der Nationalbank für die Diskontierung von Wechseln während der Laufzeit des Anlehens auf 4% bleibe. Dies war wichtig, um ihren eigenen Kreditrahmen zu erhalten. Die Wechselescompte-Abteilung der Nationalbank wurde nämlich hauptsächlich von den Bankhäusern, zum Diskontieren ihrer eigenen „trockenen“ oder Sola-Wechsel benützt. Mit dem 4%-Diskontsatz sicherten sie sich einen beinahe unbegrenzten Rahmen für zu 4% verzinsliche Kredite, während sie selbst Geld zu 5% und mehr verliehen. Kübeck hatte ursprünglich sein Amt mit der Absicht angetreten, diese Praxis der Bankhäuser durch Einschränkung ihres Kreditrahmens zu erschweren. Nach einer Konkurswelle im Banksektor und angesichts einer neuaufzunehmenden Anleihe hatte er nun für das Anliegen der Bankhäuser Verständnis. Er meinte in seinem Gutachten, eine Veränderung des Diskontos würde das Anleihengeschäft stören.

Die Anleihen wurden in halbjährlichen Terminen getilgt. Der Staat kaufte bei diesen „Zahltagen“ seine Obligationen zurück. Die Obligationen, die an diesen Terminen voll ausbezahlt wurden, wurden duch Los ermittelt. Auf die anderen, noch nicht bezahlten Obligationen wurden die Zinsen entrichtet. Die Laufzeit solcher Anleihen hing daher sowohl von der Höhe der aufgenommenen Summe als auch vom Umfang der jeweiligen halbjährlichen Zahlungen ab. Die Obligationen von 1820 und 1821 waren mehr als 20 Jahre später noch im Umlauf. Mit diesen regelmäßigen Tilgungsterminen pflegte die Staatsverwaltung das Ideal der Entschuldung: Aus dem Umstand, daß sie aufgenommene Schulden öffentlich und aus eigener Initiative abzahlte, wollte sie beweisen, daß es ihr tatsächlich um die Tilgung der Schuld ging und nicht um deren Perpetuierung, daß Staatsschulden sozusagen etwas Vorübergehendes seien und daß diesem staatlichen Schuldner an Gewissenhaftigkeit kein Privater das Wasser reichen konnte. Damit sollten auch alle Zweifel über die Solidität neuer Anleihen ausgeräumt werden – die Aufnahme neuer Schuld war ja deshalb unbedenklich, weil die alten Schulden nicht nur zinsenmäßig bedient, sondern auch tatsächlich in vollem Umfange zurückgezahlt worden waren oder noch wurden. Daß das mittels neuer Schuldaufnahmen aufgenommene Geld gerade dazu diente, die alten Anleihen abzuzahlen, war jedem, der sich dafür interessierte, leicht erkennbar und wurde oft von der Staatsverwaltung selbst als Grund für eine Kreditaufnahme angegeben. Dies schadete aber der Glaubwürdigkeit des Schuldners nicht – und nur wegen dieser wurde das ganze Manöver veranstaltet: Um den Kredit des Staates zu befestigen.

Die Anleihe von 1841 wies gegenüber den anderen gewöhnlichen 5%-Anleihen zwei Besonderheiten auf: Den Abschluß über dem Wert der Obligationen und auch den Umstand, daß das eine der Bankhäuser, Geymüller, während der Verhandlungen um die Ausgabe der Anleihe durch Konkurs ausschied und die anderen drei die auf ihn entfallende Summe übernahmen.

1.2.2. Eine Konversionsanleihe (1830)

Im Jahr 1830 hatte die Staatsverwaltung nach langem Hin und Her eine „Konversionsanleihe“ begeben. Dabei waren – ebenfalls über die 4 Bankhäuser – zu 4% verzinsliche Obligationen in Umlauf gebracht worden, die gegen die älteren, zu 5% verzinslichen Staatsschuldverschreibungen eingewechselt werden mußten. Obligationsbesitzern, die ein zu 5% verzinsliches Wertpapier gekauft hatten, wurde somit mitgeteilt, daß sie sich von nun an mit 4% zufriedengeben müßten. Der damalige Hofkammerpräsident, Nádasdy, hatte dieses Vorgehen für zweckmäßig erachtet, um den Schuldendienst des österreichischen Staates zu erleichtern. Die während der Napoleonischen Kriege in bis dahin unbekanntem Ausmaß aufgehäufte und seitdem nicht geringer gewordene Staatsschuld beunruhigte die damaligen Währungshüter. Zusätzlich zu den Versuchen, die im Umlauf befindlichen Obligationen durch den Tilgungsfonds und eine ähnliche Kasse in Oberitalien anzukaufen und dadurch aus dem Verkehr zu ziehen, sollte auch noch die Zinsenmenge verringert werden, eben mit Hilfe dieser Konversion. Das ganze Manöver hatte von Anfang an etwas leicht Widersprüchliches an sich, der Staat strapazierte seine Verschuldungsfähigkeit, um sich von Schulden zu befreien, er verschuldete sich zum Zweck der Entschuldung.

Die Konversion betraf Schuldverschreibungen im Gesamtumfang von 20 Millionen Gulden. Zunächst waren 50 Millionen ins Auge gefaßt worden, dieser Plan wurde aber später fallengelassen. Die zu halbjährlich festgesetzten Terminen umzuwechselnden Obligationen wurden mittels Los ermittelt. Zur Umwechslung ausgeschriebene, aber von den Besitzern nicht umgetauschte Obligationen verfielen. Es gab für die Besitzer der 5%igen Obligationen auch die Möglichkeit, sie freiwillig umzutauschen, aber darauf, daß dies massenhaft erfolgen werde, verließ sich die Staatsverwaltung wohlweislich nicht. In verschiedenen Zirkularen wurde der einheimischen Bevölkerung mitgeteilt, daß der unmittelbare Schaden, den sie durch diese Zinssenkung erlitten, die Staatskasse entlaste, daher im allgemeinen und in weiterer Folge auch im besonderen Interesse jedes Einzelnen liege.

Bei ausländischen Kunden war die Sache etwas schwieriger, da ließ sich diese Umwandlung nicht so einfach dekretieren und man konnte sich auch nicht auf Patriotismus verlassen. Den Frankfurter und Amsterdamer Bankhäusern, die im Ausland die österreichischen Anleihen verbreiteten, wurde mitgeteilt, diese Konversionsmaßnahmen „auf die geeignete Weise zur Kenntnis der dortigen Besitzer von österreichischen Staatspapieren zu bringen“ und dann „über die Willfährigkeit der Kapitalbesitzer rücksichtlich der freiwilligen Umsetzung ihrer Schuldbriefe“ nach Wien zu berichten. Die Aufgabe, die 4%igen Obligationen auch im Ausland einzutauschen, wurde gegen entsprechende Vergütung ebenfalls den 4 Bankhäusern übertragen. Für die Abwicklung der Plazierung dieser Anleihe im Inland war bereits vorher ein Abkommen mit ihnen geschlossen worden.

Obwohl der Hofkammerpräsident in einem Gutachten bemerkte, daß die Bedingungen der 4 Bankhäuser so beschaffen waren, daß sie die ganze Absicht der Verringerung der Schuldenlast torpedieren mußten – „der pekuniäre Vorteil, welcher daraus für den Staat hervorginge, wäre von keinem wesentlichen Belange“–, den Besitzern der Obligationen schadeten und nur der Bereicherung der Bankhäuser dienen konnten, wurde die Anleihe dennoch ausgegeben. Die Bankhäuser übernahmen die Anleihe zu einem Kurs von 97 und zahlten die Hälfte des Kaufpreises für die Obligationen nicht in Bargeld, sondern in ihren eigenen, auf sich selbst ausgestellten, Wechseln. Der Staat und die Bankhäuser tauschten somit ihre jeweiligen Schuldscheine gegeneinander aus.

Die Konversionsanleihe war von ihrem Zweck her – der Reduktion der Schuld – sicherlich ein Flop. Zusätzlich erschütterte sie ebenso sicher das Vertrauen des In- und Auslandes in die österreichischen Staatsschuldverschreibungen. Nach 1830 wurde keine solche Anleihe mehr begeben.

1.2.3. Eine Losanleihe (1839)

Die Los- oder Lotterieanleihen hatte Salomon Rothschild 1820 in Österreich eingeführt. Sie hatten eine niedrigere Verzinsung, die dadurch wettgemacht wurde, daß der Besitzer einer solchen Anleihe bei den jeweiligen Zahlungsterminen zwar eine – meist zu 2,5- oder 3% verzinste – „Niete“ ziehen konnte – oder aber einen „Treffer“. Die Losanleihen verbanden die Solidität des hoheitlichen Schuldners mit dem Nervenkitzel eines Glücksspiels und sollten die Staatsanleihen auch solchen Bevölkerungsschichten interessant machen, die ihnen vorher ablehnend oder gleichgültig gegenübergestanden waren. Die Treffer betrugen das Doppelte des Nennwertes der Obligation oder noch mehr. Die höchsten „Treffer“ waren stets auf die letzten Ziehungstermine der Anleihe verteilt, um die Obligationen für die gesamte Laufzeit der Anleihe attraktiv zu halten. Von Rothschild stammte auch die Praxis, die Schuldverschreibungen in Serien zu unterteilen. Im Falle der Anleihe von 1839 wurden 120.000 Obligationen auf 6.000 Serien von jeweils 20 Stück verteilt. Drei Monate vor dem Ziehungstermin gaben die Bankhäuser über die Zeitungen und die Börse bekannt, welche Serien bei dem nächsten Termin verlost würden. Dadurch lösten sie eine zusätzliche Nachfrage nach Losen dieser Serien aus, und konnten alle etwaigen Restbestände noch schnell loswerden. Bei der Anleihe von 1839 wurden auch Ziehung und Auszahlung zeitlich voneinander geschieden: Die Auszahlung erfolgte erst 3 Monate nach der Ziehung.

Eine andere Einführung Rothschilds war die Unterteilung der Obligationen in Teil-Obligationen, 1839 in Fünftel. Zielgruppe dieser Maßnahme waren einkommensschwache Personen: Sie konnten sich mit Verwandten oder Freunden zusammenschließen und eine Obligation gemeinsam erwerben, wobei durch die Form der Obligation, d.h. ihre Unterteilung, Betrügereien oder Streit über die Verteilung etwaiger Gewinne möglichst vermieden werden sollten.

(Diese Tricks der Wertpapier-Gestaltung, -Bewerbung und des Handels mit ihnen übertrug Rothschild auch auf die Privatanleihen und auf die unter seiner Mitwirkung ausgegebenen Aktien.)

Die Anleihe von 1839 war zu 4% verzinslich. Das heißt, daß bei jeder Ziehung 4% Zinsen auf die weiterhin im Umlauf befindlichen Obligationen ausgezahlt wurden, berührte die Frage der Verteilung der Zinsen auf die ausgezahlten Schuldverschreibungen aber nur am Rande. Die ausgeschütteten Gewinne mußten sich vermutlich aus der den 4% entsprechenden Summe rekrutieren, zu Lasten der restlichen abgezahlten Obligationen. Vielleicht wurde auch noch etwas zugesetzt. Genauere Angaben über die Abwicklungen der Ziehungen existieren deshalb nicht, weil die Verhandlungen mit der Staatsverwaltung und die Verträge nur ein Teil der Organisation der Anleihen waren. Die gegenseitigen Absprachen der Bankhäuser machten den anderen Teil aus, diese sind aber nicht aktenmäßig erfaßt.

Diese Losanleihe von 1839 wurde – im Unterschied zu den Losanleihen von 1820 und 1821 – im Ausland nicht beworben und auch nur auf dem Gebiet der Monarchie ausgezahlt. Sie wurde – wie andere Anleihen auch – mittels der Wiener Zeitung und verschiedener Provinzblätter unter die Leute gebracht.

Die Bankhäuser zogen die Form der Losanleihe der gewöhnlichen Anleihe vor, da die Papiere leichter abzusetzen waren und die Bankiers mehr Freiheiten in der Preisfestsetzung hatten. Die Staatsverwaltung zog fix verzinsliche Schuldverschreibungen vor, da diese weniger starken Kursschwankungen ausgesetzt waren und, wie Kübeck später einmal ausdrückte, „leichter in feste Hände“ gerieten. Während bei den gewöhnlichen Anleihen das Zielpublikum bürgerliche Existenzen waren, die ihre Spargroschen in fix verzinslichen Wertpapieren anlegen wollten, zogen bei den Losanleihen die Kursgewinne die Spekulanten an, die sich große Mengen dieser Anleihen verschafften und im Falle einer als günstig eingestuften Lage des Geldmarktes auf den Markt warfen. Es konnte dadurch immer zu überraschenden Kursstürzen kommen, die den Kurs der übrigen Anleihen negativ beeinflußten und auch die Ausgabe neuer Anleihen erschwerten. Das Interesse der Bankhäuser an den Losanleihen kam auch darin zum Ausdruck, daß sie bei gewöhnlichen Anleihen eine Provision verlangten, bei Losanleihen nicht.

Die Losanleihen waren daher meistens ein letztes Hilfsmittel, wenn die Kurse schlecht standen und der Staat dringend Geld brauchte. So war es 1820 und 1821, als Österreich noch immer damit beschäftigt war, die Verwüstungen, die die Franzosenkriege im Kreditwesen verursacht hatten, zu beseitigen. 1839 hingegen hatten alle Staatspapiere einen hohen Kurs, es stand gerade einmal kein Krieg vor der Tür und die Bedingungen für eine 5%-Anleihe wären äußerst günstig gewesen – für die Staatsverwaltung, nicht aber für die Bankhäuser. Diese verfügten nämlich stets über eine größere „Interventionsmenge“ an Staatspapieren, die sie zu genau dem Zeitpunkt, in dem sie in Verhandlungen mit der Staatsverwaltung eintraten, auf den Markt warfen, um die Kurse zu drücken und mit dem Hinweis auf den gegenwärtig schlechten Stand der Staatspapiere einen günstigen Preis für den Kauf der Anleihe auszuhandeln.

Dies war ihnen 1839 offenbar nicht gelungen, oder sie hatten den damaligen Hofkammerpräsidenten, Joseph von Eichhoff, von Anfang an für ihr Projekt der Losanleihe gewonnen, mit der Aussicht, dafür von ihrem üblichen Manöver abzusehen. Eichhoff verfaßte jedenfalls ein Gutachten, demzufolge ausgerechnet die hohen Kurse der Staatspapiere ein Hindernis für eine gewöhnliche Anleihe darstellen würde. Daher sei die Losanleihe die einzige Möglichkeit, derzeit eine Anleihe zu begeben. Die Anleihe wurde vom Kaiser genehmigt und zu den Bedingungen der Bankhäuser abgeschlossen. Nach 1839 wurde im Vormärz keine Losanleihe mehr ausgegeben. Erst in den 50-er Jahren erfolgten erneut solche Anleihen.

1.2.4. Das Nationalanlehen von 1854

Die Ereignisse von 1848/49 hatten nicht nur die österreichische Staatskasse völlig geleert, sie hatten auch den Kredit Österreichs im In- und Ausland schwer geschädigt. Die Ausgabe von Anleihen war schwer bis unmöglich geworden. Die Künste der Bankhäuser waren mehr denn je notwendig, um Käufer für die Staatspapiere zu finden. Die Anleihe von 1849 trug bereits alle Züge einer Zwangsanleihe, vor allem die künstlich wirkende Begeisterung in der Berichterstattung der Behörden über den Erfolg dieser Anleihe. 1851 gab der Staat eine Anleihe heraus, die er mit den Bankhäusern Sina, Rothschild und Biedermann abschloß. Von dieser Anleihe zeichnete Sina 5,160.000 fl. Diese Anleihe kann sich daher auf höchstens 15 Millionen belaufen haben. (Biedermann zeichnete sicher weniger, Rothschild wahrscheinlich gleich viel wie Sina.) Eine weitere Anleihe wurde 1852 begeben, vermutlich in ähnlicher Höhe. Diese beiden Anleihen dienten vor allem der Zahlung von Zinsen im Ausland, die Obligationen wurden im Ausland abgesetzt. Um überhaupt wieder zu Einnahmen zu gelangen, die einer Großmacht den ihr entsprechenden finanziellen Spielraum verschaffen könnten, griff die Staatsverwaltung 1854 zu dem Mittel eines „Nationalanlehens“, mit anderem Namen Zwangsanleihe. „Die Abnahme dieses Anlehens wurde den Bürgern und Korporationen zwangsweise auferlegt, indem sie einen auf Grund ihrer Steuerleistung bemessenen Betrag zeichnen mußten. Die Behörden gingen hierbei schonungslos vor und trieben die erpreßten Summen mittels Exekution ein. In den zeitgenössischen Journalen und Bankberichten ist von dieser Glanzleistung der Bachschen Verwaltungskunst kein Wort zu finden. Im Gegenteil, wir lesen allenthalben die begeistertesten Lobeserhebungen über das Gelingen dieser patriotischen Anleihe.“

Diese Anleihe erstreckte sich von 1854 an über die folgenden 4 Jahre und sollte sich auf 500 Millionen Gulden österreichischer Währung belaufen. Die projektierte Summe wurde jedoch überschritten, der österreichische Staat begab zwischen 1854 und 1859 in Wirklichkeit 611 Millionen Gulden. Diese Überschreitung war zwar hochgeheim, ließ sich aber auf die Dauer nicht verheimlichen. Sie „kam zu Tage, als Piemont“ (nach dem Anschluß der Lombardei) „einen Teil der österreichischen Staatsschuld übernehmen sollte und Napoleon III, zum Schiedsrichter aufgerufen, Auskunft über deren Stand verlangte.“ Diese zusätzlichen Schuldverschreibungen waren angeblich auf ausländischen Börsen verkauft worden, aber auch da war es zu kleinen Pannen gekommen: Im Jahre 1859 waren Obligationen dieser Anleihe unter dem Verdacht der Fälschung an der belgischen Grenze von den Zöllnern beschlagnahmt worden, „weil die frische Druckerschwärze mit der aufgedruckten Jahreszahl 1854 im Widerspruch zu stehen schien.“ Der Fälscher, wie sich dann herausstellte, war der Aussteller selbst. Solche Ereignisse waren nur in eingeschränktem Maße geeignet, die Kreditwürdigkeit Österreichs im Ausland wiederherzustellen.

Von dieser Nationalanleihe zeichnete das Bankhaus Sina 5 Millionen Gulden. Zusätzlich mußte Georg Sina noch in seiner Eigenschaft als Grund- und Hausbesitzer den staatlich verordneten Anteil an der Anleihe entrichten. Einen Teil dieser Geldsummen verabfolgte er in den auf diese Güter entfallenden Grundentlastungs-Obligationen. Diese Papiere waren ein Ergebnis der Bauernbefreiung in Österreich: Die den Grundherren als Entschädigung für aufgehobene Natural- und Robotleistungen ihrer ehemaligen Untertanen zugesprochene Summe war zur Hälfte vom Bauern zu leisten. Die andere Hälfte übernahm das Land, das diese Summe nicht in Bargeld, sondern eben in den Grundentlastungs-Obligationen auszahlte. Für diese Schuldscheine haftete der Staat, und sie wurden bei jährlichen Terminen eingelöst. Die Besitzer der jeweils einzulösenden Obligationen wurden durch Los ermittelt.

Es gelang Sina also, einen Teil der Anleihe mit – noch dazu staatlichen – Kreditzetteln an Stelle von Bargeld zu bezahlen. Er versuchte auch noch, zweifelhafte Außenstände seiner Bank auf diesem Wege zu „verwerten“, dies wurde aber von der Finanzverwaltung abgelehnt.

Georg Sina bemühte sich, einen Teil der Anleihe auf auswärtigen Börsen unterzubringen. Er lud seine ausländischen Geschäftspartner mittels Zirkular ein, sich an der Anleihe zu beteiligen. Mit denjenigen ausländischen Bankhäusern, die nicht direkt bei der Staatsverwaltung subskribierten, schloß er Verträge mit ab, denen zufolge diese eine bestimmte Anzahl von Obligationen aus dieser Anleihe von ihm zu übernehmen hatten. Diese Bankiers mußten zur Sicherheit eine Kaution dafür hinterlegen. So hoffte Sina, auch einen Teil der von ihm freiwillig gezeichneten 5 Millionen fl. an den Mann zu bringen. Der Verkauf der Obligationen war dann Sache seiner Vertragspartner.

Diese Anleihe scheint bereits bald international in ein schiefes Licht geraten zu sein. Ende 1855 benachrichtigte Sina das Finanzministerium, daß einer seiner Vertragspartner, das Antwerpener Bankhaus Havenith, auf die weitere Teilnahme an der Anleihe verzichtet habe. „Die Erklärung ist zu bestimmt, als daß sich auf gütlichem Wege eine Änderung ihres Sinnes erwarten ließe“, meinte Sina und gab bekannt, deshalb den Rechtsweg beschreiten zu wollen. Er erinnerte das Ministerium, daß es bereits ähnliche Fälle gegeben habe, die „unter Vermeidung gerichtlicher Entscheidungen … den politischen Behörden zur Austragung zugewiesen“ worden waren, um nicht (weiteres) nachteiliges Aufsehen um diese Anleihe zu erregen. Da „Ausländer keiner Exekution unterzogen werden“ konnten, waren die Aussichten einer solchen Klage eher ungünstig. Das Finanzministerium teilte Sina mit, gegen eine private Klage gebe es kein staatliches Bedenken. Jede politische Hilfestellung bei diesem Verfahren lehnte das Ministerium ab.

Bei dieser Anleihe (und mit ziemlicher Sicherheit auch bei den beiden vorhergehenden von 1849 und 1851) machte Georg Sina die gleiche Erfahrung wie viele Krediteure von Regierungen und Herrschern vor und nach ihm: Die Geschäfte mit dem Staat waren eine reich sprudelnde Einnahmequelle, solange die Macht dieses Staates sich im In- und Ausland eines angemessenen Ansehens erfreute. Wurde seine Souveränität jedoch in Frage gestellt, mußten Aufstände mit fremder Hilfe niedergeschlagen werden und gingen Bündnispartner oder Kriege verloren, so wurde es zusehends schwieriger, Käufer für die Schuldverschreibungen eines solchen Staates zu finden. Sina konnte jedoch die Dienstleistung, die in solchen schweren Zeiten von ihm gefordert wurde, nicht verweigern: Sein Reichtum beruhte auf der Verbindung mit dem Staat, dieser war sein Hauptabnehmer beim Handel, von ihm erhielt er Privilegien und Monopolien, Kredit und Zinsgarantien, von ihm schließlich hatte er einen guten Teil seines Grundbesitzes gekauft. Ein großer Teil seines Vermögens bestand aus Immobilien in Österreich und aus Schuldverschreibungen dieses Staates oder seiner eigenen privaten Unternehmungen. Hätte er sich der Beteiligung an diesen für ihn wahrscheinlich verlustreichen Anleihen zu entziehen versucht oder auch nur in einem geringeren Maße beteiligt, als dies die Finanzverwaltung von ihm erwartete, so hätte er keine andere Wahl gehabt, als zu dem letzten Hilfsmittel seiner Vorfahren zu greifen: sein mobiles Vermögen zusammenzupacken und über die türkische Grenze in Gegenden zu verschwinden, die sich dem Zugriff der österreichischen Staatsgewalt entzogen.

1.2.5. Das Anleihengeschäft nach 1849

Zunächst einige Zahlen:

Wenn man einen Durchschnitt

(für ihre Beteiligung an Staatsanleihen)

auf der Basis der letzten 10 Jahre annimmt, so entfällt auf jedes der Häuser Sina und Rothschild jährlich ungefähr der Betrag von 5 Millionen Gulden., mit welchem sie an hiesigen Staats-Anlehen seit Anfang 1840 beteiligt wurden. Als Fixprämie kann hierbei die Provision von 2%.genommen werden, welche sie in der Regel bei Staats-Anleihen bezogen. Der Hauptgewinn bestand aber bei diesen Geschäften in dem jeweiligen Unterschiede zwischen dem Börsenkurse und dem Übernahmspreise der Obligationen, der bei den 3%-Anleihen gewöhnlich zwischen 4 und 6% schwankte, bei dem 1839-er Anlehen aber ein Mal sogar 40% betrug. Dagegen darf nicht unerwähnt bleiben, daß bei dem 1847-er Anlehen in dieser Beziehung Verluste für sie eintraten.

Wenn man einen 10-jährigen Durchschnitt der Summen annimmt, mit welchen jedes der Häuser den Kredit bei der Nationalbank im Escompte- und Leih-Geschäft in Anspruch nahmen, so resultiert für das Haus Rothschild der jährliche Betrag von 4 Millionen 700.000 Gulden, für Sina 4 Millionen.

Schließlich wird noch der Umstand erwähnt, daß in den letzten zwei Jahren der Gewinn aus den Staats-Anlehen durch das geänderte Finanz-System zwar aufgehört hat, daß aber das an die Stelle der Papier-Spekulation getretene Devisengeschäft (Valuta-Spekulation) wenigstens keine schmälere Quelle des Einkommens abgibt.

Nach dem Ableben Georg Sinas reduzierte sich die Rolle, die das Bankhaus Sina bis dahin in der österreichischen Finanzwelt gespielt hatte. Das Kartell der Krediteure war nach 1848 zerbrochen. Um die Staatsanleihen konkurrierten nunmehr verschiedene Finanzgruppen, diejenige, die den besten Preis bot, erhielt den Zuschlag. Das Bankhaus Sina bildete in Gemeinschaft mit Wodianer, (der an der Anglo-Österreichischen Bank beteiligt war,) und ausländischen Bankhäusern die eine Gruppe. 1863 stach die von den Rothschilds geführte Konkurrenz bei einer Anleihe in Höhe von 40 Millionen Gulden dieses Konsortium aus. Es handelte sich übrigens um Los-Obligationen einer Anleihe von 1860, die auf diese Art versteigert wurden. Auch 1860 war also bereits eine Los-Anleihe begeben worden.

1864 wurde die Sina-Gruppe bei einer Los-Anleihe von 40 Millionen mit 13,5 Mill. beteiligt, der Rest ging an Rothschild und an die CA. Aus den Akten zu dieser Anleihe geht hervor, daß sich die Finanzverwaltung wieder einmal in großer Not befand, die Auslandsschulden kaum bedienen konnte und im Inland der Markt noch von den Obligationen der Anleihe von 1861 überschwemmt war, die sich auf 200 Millionen belaufen hatte. Wegen außenpolitischer Verwicklungen – es ging um den Streit um Schleswig-Holstein – war die Aufnahme eines Kredites im Ausland unmöglich. Deshalb entschloß sich die Regierung wieder einmal zu einer Losanleihe, der für sie selbst ungünstigsten Anleihenform.

Ebenfalls 1864 übernahm ein aus den Bankhäusern Sina, Wodianer, Baring Brothers in London und der Anglo-Österreichischen Bank 23,5 Mill. Gulden aus einer Silber-Anleihe von 70 Millionen, zu einem Kurs von 77%. Wegen einem rapiden Fall des Wertes der österreichischen Staatsanleihen wurde diese Summe später auf 14 Mill. 495.000 fl. herabgesetzt und in ein „Ersatzanlehen“ umgewandelt. Die Akten geben in erster Linie Aufschluß über die prekäre Lage der österreichischen Staatskasse, weniger über Gewinne oder Verluste der bei diesen Anleihen beteiligten Bankhäuser. Sie erhielten 1 Achtelprozent Provision, „die an jedem einzelnen Platze übliche Courtage, mit Ausnahme der 2 ersten Verkaufstage, an welchen doppelte Courtage genehmigt wird“ und Vergütung aller Spesen.

Es ist anzunehmen, daß die Anleihen eines Staates, dessen Kredit im In- und Ausland schlecht stand, keine so lukrative Einnahmequelle darstellten wie in der Zeit vor 1848.

1865 wurde vom Finanzministerium ein Überbrückungskredit („Vorschüsse“ auf die nächste Anleihe) mit in- und ausländischen Bankhäusern aufgenommen, von der das Bankhaus Sina im Verein mit Wodianer und zwei deutschen Bankhäusern 3,25 Millionen übernahm. Hier betrug die Provision 0,75%.

Bei all diesen Operationen übernahm Wodianer die Initiative für das gemeinsame „Syndikat“. Vom Bankhaus Sina erschien nur der Prokurist Metaxa. Dieser führte praktisch während der letzten 20 Jahre die Geschäfte des Bankhauses, wenngleich Johann Sina bis 1869 formell dessen Vorstand war. Hier ist ein Ratschlag zu erwähnen, den Georg Sina einem seiner Trentschiner Angestellten erteilte: „daß es seine Sache sei, durch eine gute billige Behandlung sich bleibende Diener zu schaffen.“

1876 oder 1877, nach dem Tode Simon Sinas, wurde das Bankhaus aufgelöst. Die Witwe führte es noch solange weiter, bis alle Verbindlichkeiten getilgt und alle laufenden Geschäfte abgeschlossen waren.

1.3. Geschäfte mit Lombardo-Venetien

1.3.1. Vorgeschichte: Das Finanzsystem Lombardo-Venetiens und der napoleonische Monte

Das Geld- und Kreditwesen der Monarchie war im Vormärz uneinheitlich. In den Erblanden, Ungarn und Galizien war der Konventionsgulden die als Recheneinheit benützte Leitwährung, auf der dann das zirkulierende Papiergeld, zunächst Einlösungs- und Antizipationsscheine, genannt Wiener Währung, beruhte, im Verhältnis 1:2,5. Während des Vormärz’ wurden sie durch fortwährende Einlösung durch „Bankvaluta“, das den Konventionsgulden repräsentierende Papiergeld der Nationalbank, ersetzt. In Lombardo-Venetien hingegen war vor allem die 1823 eingeführte österreichische Lira, mit Verhältnis 3:1 zum Konventionsgulden, im Umlauf – offenbar in Münzform. Das Papiergeld konnte sich nämlich bis 1848 nie durchsetzen, und auch in den folgenden 11 Jahren nicht. (In diesem sturen Festhalten der Italiener am Münzgeld offenbarte sich ein anhaltender Widerstand gegen die österreichische Oberhoheit, die sie mit der Verwendung der österreichischen Banknoten ein Stück weit anerkannt hätten.) Deshalb wurde auch eine Filiale der Nationalbank, die zwecks Ausgabe und Umtausch der Banknoten in Oberitalien eingerichtet worden war, später wieder geschlossen. Die Weigerung der Bevölkerung der Lombardei und Venetiens, Papiergeld anzunehmen, brachte die Privaten, aber auch den Staat oft in Verlegenheit, wenn es galt, Geldüberweisungen vorzunehmen. Auch die in Italien stationierten Truppen mußten in Metallgeld bezahlt werden. Sina gelang es 1830, zusammen mit dem Bankhaus Arnstein & Eskeles, für dieses Jahr von der Staatsverwaltung den Auftrag für die Geldüberweisungen nach Italien zu erhalten. (Vorher war dies das Geschäft Geymüllers gewesen, der von den beiden unterboten worden war.)

Eine ähnliche Sonderstellung nahm Lombardo-Venetien hinsichtlich der staatlichen Anleihen ein. Sowohl die Lombardei als auch Venetien hatten während der Napoleonischen Kriege mehrmals den Besitzer gewechselt. Eine Zeitlang waren sie Teil des von Napoleon gegründeten „Königreichs Italien“ gewesen. Damals war der „Napoleonische Monte“ gegründet worden, ein staatliches Kreditinstitut, das aus drei Abteilungen mit gesonderter Buchführung bestand. Eine dieser Abteilungen zahlte Pensionen und kirchliche Dotationen aus, eine gab zu 5% verzinsliche Anleihen heraus und bediente die Zinsen auf diese; die dritte, die Amortisationskasse, kaufte die Anleihen früherer Regierungen an. Der Monte übernahm somit die Altschulden der Reiche, die vorher auf dem Boden des Königreichs Italien bestanden hatte, und gab neue Schuldverschreibungen heraus, unter anderem zur Finanzierung der Feldzüge auf italienischem Boden, wie 1810 für die Eroberung des Trentino. Nach der Niederlage Napoleons mußte Österreich entscheiden, wie es mit diesen in Oberitalien zirkulierenden Kreditzetteln verfahren wollte. Der von Metternich 1814 gemachte Vorschlag, die gesamte Altschuld für nichtig zu erklären, wurde vom damaligen Finanzminister Stadion nicht angenommen, vor allem deshalb, weil die Beschlüsse des Wiener Kongresses 1815 dahingehend lauteten, daß die Nachfolgestaaten des Königreiches Italien die Verbindlichkeiten des Napoleonischen Monte zu übernehmen hätten. Es handelte sich also nicht um eine Entscheidung, die Österreich allein treffen konnte. Nach langwierigen Verhandlungen der betroffenen Staaten – Österreichs, Piemont-Sardiniens, Parmas, Modenas und des Kirchenstaates –, wurde am 15.8. 1820 ein „Atto di Riparto“, ein Aufteilungsvertrag, für die Schulden und Aktiva des Napoleonischen Monte unterzeichnet. Die Aktiva bestanden aus Immobilien, Gütern und Gebäuden des ehemaligen Königs von Italien und aus Gebäuden der Staatsverwaltung, die in das Eigentum der Regierungen der Nachfolgestaaten übergingen.

1.3.2. Der lombardo-venetianische Monte

Zur Abwicklung der Verbindlichkeiten, die sich aus dieser älteren Staatsschuld der Lombardei und Venetiens ergaben, wurde von der österreichischen Regierung 1822 der lombardo-venetianische Monte gegründet. Die von Napoleon eingerichtete Dreiteilung der Kasse wurde beibehalten, aber modifiziert: Die eine Kasse, die für Ausgabe von Anleihen zuständig war, nahm dafür Einlagen an. Die „Kreditoren“ des Monte „erhielten Papiere, die zu 5% verzinslich waren. Die Bedienung dieser Zinsen hatte den Vorrang vor allen anderen Verbindlichkeiten des Königreiches Lombardo-Venetien.“ Der Monte gab also den Personen, die dort ihr Geld einlegten, den „Kreditoren“, eine Art Depositenscheine über ihr eingelegtes Vermögen, die zu 5% verzinslich waren. Diese Papiere, die auf den Überbringer lauteten, hießen Renturkunden. Für den Anleger glich diese Investition einer Spareinlage, die aber den gleichen Zinssatz wie eine Staatsschuldverschreibungen hatte. Vermutlich gab es eine Mindestgrenze für Einlagen, sonst hätten die Sparkassen der Lombardei und Venetiens, die einen geringeren Zinssatz anboten, nicht bestehen können, da jeder sein Geld zum Monte getragen hätte. Zum Unterschied von einem Sparbuch konnte der Besitzer dieses Wertpapier jedoch weiterverkaufen oder an Zahlungs Statt verwenden.

„Die Einnahmen aus dem Verkauf öffentlicher Güter in Lombardo-Venetien wurden der Amortisationskasse des Monte zugeteilt, zur Einlösung dieser Obligationen und dadurch zur vollständigen Aufkündigung dieser alten Schuld.“ Diese Kasse sollte also in erster Linie Schuldverschreibungen früherer Regierungen aufkaufen, und dadurch aus dem Verkehr ziehen. Die Annahme von Einlagen wurde offiziell ebenfalls diesem Zweck untergeordnet: Sie sollten sicherstellen, daß die Amortisationskasse für ihr Geschäft stets genügend Liquidität zugeführt bekam. Der bei der Einrichtung des Monte ausgegebene Grundsatz, daß diese Institution der Verringerung der in Lombardo-Venetien im Umlauf befindlichen Staatsschulden dienen sollte, wurde weder von der österreichischen Staatsverwaltung noch von der Präfektur des Monte je ernst genommen. Die Amortisationskasse kam dem Auftrag der Reduktion der älteren Schuld vor allem dadurch nach, daß sie den Besitzern älterer Obligationen diese alten Kreditzettel gegen neue, eben ihre eigenen, eintauschte. Diese Obligationen wurden also emittiert, wenn eine Spareinlage eingeflossen war, eine alte Obligation angekauft oder ein Vermögenswert des Monte veräußert worden war. Sodaß es genaugenommen zwei Arten dieser Renturkunden gab: Solche, die auf einer unmittelbaren Spareinlage beruhten und solche, die als Folge anderer Manöver des Monte ausgestellt wurden.

Da diese Obligationen des Monte – mit anderen Namen auch „Inskriptionen“, italienisch: „cartelle“ – durch Einlagen und die Hypothek des staatlichen Vermögens besichert waren, standen sie im Rufe besonderer Solidität. Genaugenommen gewährten diese Einlagen zwar gar keine Sicherheit, denn sie wurden ja zum Ankauf der alten Schuldzettel, die danach vernichtet wurden, oder der bereits zirkulierenden Renturkunden verwendet. Aber der Besitz von und fortgesetzte Zustrom an realem Vermögen verschaffte den Schuldverschreibungen des Monte große Popularität. „Die Schuld“ (des Monte) „belief sich 1841 auf 222 Millionen österreichischer Lire. Die Schuldscheine des Monte galten als sicherer Titel und eine beträchtliche Menge dieser Papiere befand sich – wenngleich sie mit der Zeit abnahm – im Portefeuille der (Mailänder) Sparkasse.“ (Die Mailänder Sparkasse hatte nämlich – wie viele Geldinstitute dieser Zeit – das Problem, wie sie die Einlagen der Sparer gewinnbringend anlegen könnte, um die Zinsen, die sie darauf zahlte, zu erwirtschaften. Sie griff daher zu einem höher verzinstem Staatspapier. Später stiegen die oberitalienischen Sparkassen auf Hypothekarkredite um und wurden zu den wichtigsten Kreditinstitutionen für die Modernisierung des Agrarsektors. )

Der Zinssatz für diejenigen Renturkunden, die auf einer Einlage beruhten, wurde 1830 im Einklang mit dem Zinssatz für die Staatsanleihen von 5 auf 4% herabgesetzt. Gleichzeitig wurden auch weiterhin 5%-ige Obligationen für den Ankauf älterer, ebenfalls 5%-iger Anleihen ausgestellt. Es gab Obligationen, die auf Namen und solche, die auf Überbringer lauteten. Die beiden besaßen eine unterschiedliche Rechtsstellung. Es ist den Akten, die sich mit den Geschäften Sinas befassen, nicht zu entnehmen, wann es bei seinen Ansuchen um welche Art dieser Schuldscheine ging.

Weder vom Interesse der Staatsverwaltung, ihre Verschuldungsfähigkeit auszudehnen, noch von der Seite der verschiedenen Kunden des Monte (Einleger und Abnehmer der Obligationen) gab es also einen Grund, die Ausgabe dieser Obligationen des Monte zu beschränken, wie es ursprünglich vorgesehen gewesen war.

1.3.3. Sinas erste Geschäfte mit den italienischen Obligationen

Georg Sina kannte die Renturkunden zunächst vermutlich als die einzigen in Lombardo-Venetien existierenden Schuldverschreibungen. In Oberitalien zirkulierten nämlich kaum Wechsel, da dort das Ausstellen eines Wechsels als Eingeständnis von Zahlungsunfähigkeit aufgefaßt wurde und daher niemand Wechsel annehmen wollte. Daher, und auch wegen der mangelnden Akzeptanz des Papiergeldes, waren Überweisungen nach Lombardo-Venetien und innerhalb des Königreiches eben nur in Münzgeld möglich – oder man bediente sich der Renturkunden, als Geldersatz.

1830 stellte Georg Sina erstmals den Antrag, Obligationen des Monte in der Höhe von 600.000 fl. von seinem Anteil an der Staatsanleihe von 1830 zu beziehen. Die Finanzverwaltung war sehr beflissen, diesem Wunsch nachzukommen. Die Obligationen wurden in Mailand gedruckt und per Postkutsche nach Wien gebracht. Aus dem Schriftverkehr der Behörden und der Form der Abwicklung läßt sich schließen, daß zumindest die Hofkammer bei dem Begehr Sinas keine Spekulationsabsichten vermutete, sondern das Verlangen nach den Kreditpapieren des Monte im Zusammenhang mit den von Sina in diesem Jahr übernommenen Geldüberweisungen sah.

Ebenfalls in diesem Jahr wandte sich einer der Handelspartner Sinas, das Mailänder Wechselhaus Regni, an Sina mit der Bitte, seiner Beschwerde über die Amortisationskasse des Monte bei der Staatsverwaltung Nachdruck zu verleihen. Diese Kasse, die für den Ankauf von Schuldverschreibungen der älteren und neueren Staatsschuld eingerichtet worden war, übernehme ihre eigenen Renturkunden nur von der Mailänder Sparkasse und erschwere und gefährde dadurch den Handel mit diesen Papieren. Die Hofkammer wies den Vizekönig des Königreiches an, diese Praxis zu unterbinden oder den Fonds der Amortisationskasse in zwei Teile zu teilen, um außer von der Sparkasse auch an der Mailänder Börse Staatspapiere ankaufen zu können. Sina hatte in seiner Beschwerde ausdrücklich darauf hingewiesen, daß die Unterbindung des freien Handels dem Kurs der Renturkunden schade.

1831 bezog er abermals Obligationen des Monte anstelle von Anleihen, in der Höhe von 120.000 fl.CM. Aus einem anderen Akt geht hervor, daß allen 4 Wechselhäusern in einem der Anleihen-Verträge von 1831 (es gab in diesem Jahr 3 Staatsanleihen) das Recht eingeräumt worden war, einen Teil des von ihnen übernommenen Betrages auch in Obligationen des Monte zu beziehen. Sowohl die Anleihe überhaupt als auch diese Klausel sollten geheim bleiben: Seine Kaiserliche Hoheit, die die Anleihe schließlich genehmigt hatte, – so teilte der damalige Hofkammerpräsident Klebelsberg den Behörden Lombardo-Venetiens mit –, habe zur Kenntnis genommen, „daß diese Maßregel keiner eigenen Kundmachung bedarf, da auch das damit in Verbindung stehende Anlehen nicht besonders bekannt gemacht worden ist.“

Sina verband weiters seine privaten Kreditgeschäfte in Mailand mit den Renturkunden und mit seiner Kreditierung des Staates. Er ersuchte, angeblich auf Verlangen einiger seiner Mailänder Geschäftspartner, Gelder von Waisenkassen in Oberitalien in Obligationen des Monte anlegen zu dürfen, was bis dahin rechtlich nicht möglich gewesen war. Dies würde den Absatz dieser Obligationen sehr befördern, was doch auch im Interesse der Staatsverwaltung sei. Er erbat entsprechende Weisungen. Die Hofkammer teilte ihm mit: Solche Weisungen seien inzwischen hinfällig, da inzwischen alle Obligationen auf den Besitzer ausgestellt werden könnten und damit das rechtliche Hindernis entfiele.

1832, nach einem Jahr umfangreicher Anleihen, an denen Sina in sehr hohem Ausmaß beteiligt war, richtete er ein Schreiben an die Hofkammer, in dem er darum ersuchte, einen Summe von 400.000 fl. statt in 5%-igen Metallique-Obligationen in Renturkunden der Monte zu übernehmen. Er berief sich diesmal auf seiner persönlichen Verwaltung unterstehende Waisengelder, die er in Renturkunden anlegen zu wollen. Der folgende Schriftverkehr der Ämter läßt erkennen, daß nun erstmals Bedenken gegen die Gewährung dieses Gesuches auftraten. Ein Gutachten wies darauf hin, daß in dem den Renturkunden aufgedrucktem Text ein Patent von 1820, das sich wahrscheinlich auf den „Atto di Riparto“ bezog, erwähnt wurde. Die Ausstellung dieser Papiere berühre also die Interessen anderer Staaten. Ferner erwähnte das Gutachten, daß Ausgabe dieser Urkunden an vorausgegangene Liquidationen alter Schuldverschreibungen des Königreichs Italien gebunden sei. Dann schränkte der Gutachter ein, daß eine ähnliche Bestimmung auch für die österreichischen Schuldverschreibungen erlassen worden, aber schon längst stillschweigend außer Kraft gesetzt worden war.

Dem Ansuchen Sinas wurde stattgegeben. Da die Renturkunden nur in Mailand ausgestellt und übergeben werden konnten, erhielt er diesmal in Wien Anweisungen auf diese Papiere in Mailand. Diese Renturkunden wurden auf den Namen des Einlegers ausgestellt. Sina ließ also entweder die Namen der Mündel, deren Gelder er verwaltete, oder die seiner italienischen Partner, die dies für ihn besorgten, auf den Urkunden eintragen.

Mit all diesen Geschäften war tatsächlich in einem entscheidenden Punkt gegen die Bestimmungen des Monte verstoßen worden. Das besondere Prinzip dieses Kreditinstitutes war gerade gewesen, daß jeder Ausstellung von Schuldscheinen eine Einlage in Geld oder anderen Vermögenswerten entsprechen sollte. Die Zahlung, die Sina leistete, blieb jedoch in den Händen der Staatsverwaltung in Wien und landete nie in Mailand. Das Geld der Waisen, das Sina zum Anlaß für den Umtausch in Renturkunden genommen hatte, verblieb in seiner eigenen Disposition. „In anderen Worten, so wurden österreichische Schulden mit italienischem Geld bezahlt.“

Es ist anzunehmen, daß sich die anderen Wechselhäuser in ähnlichem Umfang an der Spekulation mit den Obligationen des Monte beteiligt haben. Sina hatte im Dezember 1834 der Hofkammer eine Abrechnung vorgelegt, in der er die innerhalb eines Jahres bezogene Nominal-Summe für Renturkunden mit 3,5 Millionen fl. angab. Für die nächsten Jahre liegen keine ähnlichen Gesuche oder Abrechnungen Sinas vor.

1.3.4. Die endgültige Einbeziehung des Monte in das System der österreichischen Staatsanleihen

Bei der Anleihe von 1841 wurde das Recht, bei den jeweiligen Übernahmeterminen statt der gewöhnlichen Staatschuldverschreibungen auch die Renturkunden des Monte beziehen zu dürfen, in dem Anleihen-Vertrag festgehalten. Dies scheint eine Bedingung der Bankhäuser gewesen zu sein, zu der diese auf die vom Hofkammerpräsidenten in diesem Vertrag gesetzten Bedingungen einzugehen bereit waren. Wieder äußerte der Erzherzog des lombardo-venezianischen Königreiches Bedenken, und wies auf Textierung und Bestimmung der Urkunden hin. Dieser Bedenken wurden von Kübeck zurückgewiesen: Da bisher beim Handel mit den Urkunden keine Störung aufgetreten sei, auch keine Anfragen an die Bankhäuser oder die Finanzverwaltung gestellt worden seien, sei von einer Änderung des Textes der Urkunden abzusehen. Diese Textierung sei auf ausdrücklichen Wunsch der Bankhäuser beibehalten worden. Aus Gründen der Vertrauensbildung sollte also die inzwischen unrichtige Bestimmung dieser Obligationen, nämlich zur Tilgung von Altschulden zu dienen, weiter behauptet werden.

Dies alles, obwohl zwei Monate vorher bei der Hofkammer angefragt worden war, ob ein Kurssturz der Renturkunden auf der Mailänder Börse vielleicht auf die Tätigkeit Sinas zurückgeführt werden könnte?

Während bei den früheren Renturkunden-Bezügen Sinas in den 30-er Jahren immer noch ein Zusammenhang zwischen einem konkreten Überweisungs- bzw. Anlagebedürfnis und der Ausstellung der Urkunden von ihm angegeben worden war, so übernahmen die 3 Bankhäuser in den 40-er Jahren große Mengen von Anweisungen auf den Monte, deren weitere Verwendung nicht mehr aktenkundig ist. So hat nur Sina im Jahr 1841 360.000 fl., 1843 408.000 fl., 1844 bereits mehr als 1,060.000 fl., 1845 sogar 1,760.000 fl. in Anweisungen auf Renturkunden bezogen. Im Jahre 1846 machte er immerhin noch ein Interesse auf 1,147.000 fl. geltend.

Die Papiere … wurden auf der Börse gehandelt und … ihr Wert stieg von einem Minimum von 86% im April 1831 auf mehr als 111% im Jahr 1837. 1844 erreichten sie 118%. In diesem Jahr fiel der Kurs auf 105, – als Folge von Gerüchten über Manipulationen der Fonds des Monte, die durch geheime Dekrete aus Wien angeordnet worden waren (diese Gerüchte wurden später bestätigt) –, und erreichte in Zukunft nicht mehr als 111%.

Im Jahr 1846 begannen für Sina Schwierigkeiten im Handel mit diesen Obligationen, er richtete deshalb ein Gesuch an die Hofkammer: „Nachdem der Absatz einer so bedeutenden Summe nur langsam von statten gehen kann, diese Inskriptionen daher noch sehr lange Zeit in meinem Besitze bleiben und sich die ohnedem schon 3 Jahre darauf haftenden Zinsen auf 4 Jahre und länger aufhäufen dürften,“ ersuchte er, die fälligen Zinsen an einen Mailänder Geschäftspartner, das Handelshaus Balabio Besana, auszahlen zu lassen. Dieses Gesuch stürzte die Finanzverwaltung in Verlegenheit. Sie befürchtete, daß die Gewährung von Sinas Ansuchen die Machinationen um diese Wertpapiere öffentlich machen könnte. Aus dem Schriftverkehr wird klar, daß Sina nur die in Wien ausgestellten Anweisungen auf die Mailänder Kassa besaß, die er bisher nicht eingelöst hatte. Wäre er bzw. der von ihm genannte Vertreter mit diesen inzwischen 3 Jahre alten Anweisungen bei der Kassa des Monte erschienen, so hätte dies Aufsehen erregen können. Außerdem bestand zwar eine Verpflichtung des Monte, auf bereits ausgestellte Renturkunden Zinsen zu entrichten, bezüglich der ominösen Anweisungen herrschte jedoch ein rechtliches Vakuum. Die Hofkammer erklärte sich bereit, den fälligen Zinsbetrag an Sina in Wien zu zahlen und für die in Sinas Händen befindlichen Anweisungen neue, aktuelle auszustellen, deren Einlösung in Renturkunden und deren regelmäßige Verzinsung er dann seinem Mailänder Partner überlassen könne.

Dann begannen Gesuche Sinas, sowohl Anweisungen als auch bereits auf ihn ausgestellte Renturkunden in Metallique-Obligationen umtauschen zu dürfen. In der Behandlung des Gesuches steht der Grund für Sinas Wunsch, sich der Renturkunden zu entledigen: „Auch stehen gegenwärtig die Monte-Obligationen niedriger als die 5%-Obligationen.“ Da diese an Sina ausgefolgten Renturkunden bereits in der Buchhaltung des Monte figurierten, und da die ganze Angelegenheit ohnehin rechtlich heikel war, stürzten diese Gesuche die Finanzverwaltung abermals in Verlegenheit. Sie befürchtete einen weiteren Kurssturz der Obligationen des Monte. Sinas Gesuche wurden schließlich 1848 nach langem Hin und Her abgelehnt. Aufgrund der Unruhen in Italien war der Kurs der Monte-Papiere offenbar noch schneller als der der gewöhnlichen Staatsanleihen gesunken. Als schließlich alle österreichischen Staatspapiere 1848 entwertet waren, wurde es für Sina auch uninteressant, Kursunterschiede auszunützen.

Ein letztes Mal tauchen „lombardische Metalliques-Obligationen“ in Gesuchen aus den Jahren 1851 und 1852 auf. Der Monte, als Moment der administrativen Eigenständigkeit Lombardo-Venetiens, war offenbar bereits aufgelöst, seine Obligationen der Menge der restlichen Staatsanleihen einverleibt worden. Sina ersuchte, die fälligen Zinsen auf diese Obligationen in Frankfurt anweisen zu lassen. Ein Teil dieser Zinsen – für Obligationen, die er einem ausländischen Kunden verkauft habe –, sei ursprünglich in Amsterdam zahlbar gewesen. Diese im Vormärz – zumindest bei den italienischen Obligationen – unübliche Praxis, Zinsen auf das Ausland anweisen zu lassen, ist vermutlich im Zusammenhang mit den Bestrebungen der Monarchie zu sehen, ihr Kreditwürdigkeit auch außerhalb der Landesgrenzen wiederherzustellen. In diesem Falle hingegen war die Bemühung nicht sehr stark: Das Ansuchen Sinas wurde wegen Fristversäumnis abgelehnt.

1.4. Das Auffüllen des Bankschatzes und die Abwicklung des Zahlungsverkehrs im Inland

Der Hofkammerpräsident hatte bereits 1830 von einer besorgniserregenden Abnahme des Münzschatzes der Nationalbank berichtet. Die Finanzverwaltung hatte sich nämlich selbst die Verpflichtung einer gewissen prozentuellen Bedeckung des im Umlauf befindlichen Papiergeldes durch klingende Münze auferlegt. Zur Stützung des Vertrauens in das Papiergeld erteilte sie der Bevölkerung das Recht, bei bestimmten Kassen Papiergeld gegen Münzgeld umzuwechseln. Das Lästige war, daß die Menschen dieses Recht nicht nur als Beweis der Solidität der staatlichen Kreditzettel zur Kenntnis nahmen, und dem Papiergeld grenzenloses Vertrauen entgegenbrachten, sondern daß sie von diesem Recht auch Gebrauch machten. Vor allem in Krisenzeiten, wenn verschiedene Anzeichen auf Krieg hindeuteten und eine verstärkte Vermehrung und damit Entwertung des Papiergeldes zu befürchten war, hortete das Volk gerne Münzgeld. Nach einem Bericht eines Nationalbankdirektors hatte die Julirevolution in Frankreich einen Fall aller, auch ausländischer, Staatspapiere verursacht und die Nachfrage nach Münzgeld steigen lassen. Infolgedessen habe die Nationalbank innerhalb eines Jahres 9 Millionen Gulden Silbergeld auszahlen müssen. Dadurch sei die Deckung des in Umlauf befindlichen Papiergeldes bedenklich zurückgegangen.

Dafür, bei welchen Quantitäten staatliche Stellen dieses Verhältnis als bedenklich einstuften und wann als beruhigend, gibt es keine Anhaltspunkte. Es ist zu bezweifeln, daß es für die Unterscheidung wissenschaftlich fundierte Kriterien gab oder überhaupt geben kann. Jedenfalls sah die Finanzverwaltung im Jahre 1831 Handlungsbedarf gegeben und beschloß, im Ausland Silber anzukaufen, um es dann in Münze zu prägen. Diese Operation bedurfte „der äußersten Vorsicht in Beziehung auf den ausländischen Wechselkurs“. Zu deutsch: Wären die Silberkäufe publik geworden, so hätten diese das Vertrauen in die österreichische Währung erschüttert, und den Absatz österreichischer Anleihen im Ausland erschwert.

Für diese delikate Aufgabe wurden abermals die 4 Bankhäuser eingesetzt. Sie wurden beauftragt, Silber im Gegenwert von 12 Millionen Gulden CM im Ausland anzukaufen. Nicht nur ihre Diskretion befähigte sie dazu, sondern auch der Umstand, daß sie für den Ankauf von Edelmetall staatliche Kreditzettel als Vorschuß-Zahlung annahmen, die sogenannten Zentralkassa-Anweisungen, mit denen sie dann bei der Zentralkasse der Nationalbank „Bankvaluta“, also Papiergeld, erhielten. Ihre Einnahmen bestanden lediglich aus einer Provision von 1%, was bei 12 Millionen 120.000 fl. ausmacht. Sie erhielten für Silber vom Gewicht einer feinen Mark 24 Gulden CM. Das war der offizielle Umrechnungskurs, aber es ist anzunehmen, daß sie Möglichkeiten hatten, ihre Einkäufe im Ausland zu einem niedrigeren Preis zu tätigen. Schließlich bedungen sie sich aus, daß die Zentralkassa-Anweisungen, die sie als Zahlung erhielten, „7 Monate nach dato zahlbar“ seien. In diesen 7 Monaten verwendeten sie diese Anweisungen auf Bargeld wie Wechsel und verschafften sich vermutlich dabei noch einen zusätzlichen Verdienst.

Diese Zentralkassa-Anweisungen waren ein Papiergeld-Ersatz des Staates, mit dem die Nationalbank die Hofkammer kreditierte. Sie waren praktisch Schuldscheine des Staates auf sich selbst und dienten den Bankhäusern vor allem als Mittel für Überweisungen im Inland. Sie konnten nämlich auch auf Filialkassen der Nationalbank umgeschrieben und dann dort vom Empfänger eingelöst werden. Mit ihnen konnte also in solche Orte Geld überwiesen werden, in denen eine Filiale der Nationalbank bestand. Sina hatte daher immer eine große Menge dieser Anweisungen vorrätig, um zu jedem verlangten Datum Überweisungen vornehmen zu können. Er übersendete solcherart 1847 an Stephan Széchenyi eine „Bankanweisung auf Ofen“ in der Höhe von 100.000 fl. für die unter seiner Leitung stattfindende Regulierung der Theiß. Dafür verrechnete er eine Provision von 11/6%, 62 fl. 30 kr. und bezeichnete dies als die sicherste Möglichkeit, eine solch bedeutende Summe zu überweisen.

1840 und 1841 war Sina ebenfalls an einer Silberlieferung beteiligt, bei der die Münzprägeanstalten in Mailand und Prag beliefert wurden, über die Hintergründe und Details dieses Geschäftes existieren jedoch keine Unterlagen.

1.5. Der Zahlungsverkehr mit dem Ausland, besonders im Jahre 1848

Der gesamte Zahlungsverkehr mit dem Ausland konnte nur entweder in Münzgeld oder unter Inanspruchnahme der Bankhäuser abgewickelt werden. Silbergeld und Dukaten durch die Lande zu schicken, war immer mit Risiko verbunden, vor allem auf dem Balkan, wo die Straßenräuberei von allen Kreisen der Bevölkerung, Beamte mit eingeschlossen, ausgeübt wurde. Die Staatsverwaltung bediente sich daher sehr häufig der Dienste der Bankhäuser für Zahlungen, die sie im Ausland zu tätigen hatte. Das Bankhaus Sina überwies seit den 30-er Jahren immer wieder mittels Wechsel oder Kreditbrief Geld an die Auslandsvertretungen in Belgrad, Galatz, Saloniki, Istanbul, Athen, und versah Mitglieder des Hofes und der Staatsverwaltung für ihre Auslandsreisen mit Kreditbriefen, die auf seine Handelspartner in den betreffenden Städten lauteten.

Während der Jahre 1848 und 1849 leistete das Bankhaus Sina im wahrsten Sinne des Wortes unbezahlbare Dienste für den österreichischen Staat. Es erwies sich nämlich, daß der private Kredit dieses Bankhauses während und nach Revolution und Bürgerkrieg intakt blieb, während der des Staates für ein Jahrzehnt lang schweren Schaden im In- und Ausland nahm.

Im Bestreben, für die österreichischen Staatsanleihen auch im Ausland Käufer zu finden, hatte die Staatsverwaltung seit den 20-er Jahren auch in Frankfurt Ziehungen eingerichtet, die über die Bankhäuser Bethmann und Rothschild abgewickelt wurden. Es kam das Revolutionsjahr 1848, das durch eine internationale Finanzkrise eingeleitet wurde. Alle Kreditpapiere, staatliche und private, waren auf einmal zweifelhaft, und die Frankfurter Bankhäuser verlangten Bargeld, um die Zahlungen auf die österreichischen Staatsanleihen weiterhin leisten zu können. Sie selbst waren offenbar nicht mehr willens, dem österreichischen Staat Kredit zu geben, und die Besitzer der Obligationen wollten bare Münze empfangen und nicht staatliche oder private Schuldverschreibungen.

Die österreichische Staatsverwaltung wollte um jeden Preis weiterhin die Zinsenzahlung und Einlösung der Obligationen in Frankfurt leisten, um nicht im Ausland ein neuerliches Datum für Mißtrauen in den Staatskredit zu setzen. Außerdem wurde über Rothschild auch das in den deutschen Staaten stationierte österreichische Militär besoldet und die Beiträge Österreichs an den Deutschen Bund abgeführt. Auch diese Zahlungsverpflichtungen wollte die Staatsverwaltung unbedingt weiter erfüllen, da hier der Einfluß im Deutschen Bund, d.h. die Staatsmacht selbst, auf dem Spiel stand.

Trotz des Mangels an barer Münze im Inland – wie immer, wenn die Zeichen auf Krise standen, hortete das Volk Metallgeld – übersendete die Finanzverwaltung Silbermünzen nach Frankfurt. Diese Lieferungen mußten bald eingestellt werden, da sie zu Aufruhr der Einwohner Böhmens in den grenznahen Gebieten führte, die die Verschickung von Metallgeld ins Ausland als einen Akt des Verrats gegen die eigene Bevölkerung auffaßten.

Die Überweisung einer Geldsumme von 150.000 fl.CM an Bethmann war bereits 1847 und Anfang 1848 durch Wechsel des Bankhauses Sina auf Frankfurt erfolgt. Im November überwies Sina weitere 52.000 fl.CM über Wechsel, die er der Staatsverwaltung zu einem Kurs von 110% verrechnete, ausgerechnet an Rothschild in Frankfurt. Die Verbindungen des Hauses Rothschild zwischen Frankfurt und Wien, die den ganzen Vormärz hindurch zum Prosperieren dieses Bankhauses beigetragen hatten und eine Säule der österreichischen Finanzverwaltung gewesen waren, waren also zu diesem Zeitpunkt nicht existent, sodaß Sina hier einspringen mußte. Diese Wechsel, die Sina nach Frankfurt übersendete, waren zudem nicht Eigenwechsel oder auf ein Frankfurter Bankhaus ausgestellte Wechsel, sondern sie lauteten auf eine Summe in Franc und auf ein Pariser Bankhaus namens Tavernier. So besoldete der österreichische Staat 1848 seine Soldaten in Deutschland: Über auf Paris lautende Wechsel eines Wiener Privatbankiers.

Ähnliches spielte sich auch in einer ganz anderen Gegend ab: Die österreichischen Truppen, die zur Niederschlagung des ungarischen Insurgentenheeres in Siebenbürgen eingesetzt worden waren, wurden über Bukarest verpflegt und besoldet. Das zweite Bankhaus, das neben Sina versuchte, das lecke Schiff der österreichischen Finanzen vor dem Versinken zu bewahren, Stametz, konnte schließlich seine Verpflichtungen gegenüber einem Bukarester Bankhaus nur dadurch erfüllen, daß es über Sina Wechsel auf London bezog und diese an seine Bukarester Geschäftspartner weiterleitete. Sina organisierte selbst eine andere Geldauszahlung in Bukarest an das österreichische Heer, bei der er sich mit „Anweisungen auf Mailand“ behalf.

2. Darlehen an die Gemeinde Wien

2.1. Darlehen zur „Verproviantierung der Stadt“

Im Jahre 1831 kam es zu einem Versorgungsengpaß mit Fleisch und Mehl in Wien. Der Grund dafür lag wahrscheinlich in der in der ganzen Monarchie wütenden Cholerawelle der Jahre 1830/31, die die Handelsströme im Land teilweise zu Erliegen brachte. Die ausreichende Versorgung der Hauptstadt war der Regierung schon immer, noch mehr seit der französischen Revolution, ein dringendes Anliegen, da sie bei Lebensmittelknappheit Aufstände befürchtete. Die Stadtverwaltung Wiens war daher angewiesen, diesem Übelstand schnellstens abzuhelfen und das für Lebensmitteleinkäufe nötige Geld durch ein Darlehen zu beschaffen. Bereits 1816 und 1817 waren solche Vorschüsse zur Versorgung Wiens ausgezahlt worden. Die 4 Bankhäuser wurden daher aufgefordert, den Wiener Bäckern und Fleischern ein Darlehen in der Höhe von 280.000 fl.CM „zur Anschaffung von verstärkten Vorräten an Getreide und Schlachtvieh“ zu gewähren. Sie verlangten und erhielten eine Schuldurkunde der Gemeinde Wien, die sie bei der Hofkammer hinterlegten und dafür die bereits bekannten Anweisungen auf die Zentralkassa erhielten. Die Laufzeit der Schuldurkunde war ein Jahr ab ihrer Ausfertigung, die im Oktober stattfand. Die Zentralkassa-Anweisungen hatten den 20.4.1832 als Verfallsdatum, an diesem Tag mußten sie also bei dieser Kasse eingereicht werden. Auf Wunsch der Bankhäuser wurde die Laufzeit dieser Anweisungen um ein halbes Jahr verlängert. Bis dahin waren sie so etwas wie Wechsel, die die Bankhäuser wie Zahlungsmittel, Geldersatz, zirkulieren lassen oder die weiter oben erwähnten Überweisungen tätigen konnten. Während der Laufzeit des Darlehens mußte die Gemeinde Wien „Abschlagszahlungen“ auf das Darlehen an die Bankhäuser leisten. Für dieses Darlehen verlangten die Bankhäuser 5% Zinsen, und keine Provision.

Die Bankhäuser hatten also 280.000 fl.CM zu 5%, – was in einem Jahr, als der Staat seine Schuldverschreibungen auf 4% konvertierte, ein relativ hoher Zinsfuß war –, auf ein Jahr verborgt. Das Geld erhielten sie aber nicht erst am Ende dieser Frist, sondern im Verlaufe jenes Zeitraums, während dessen die Kreditzettel der Staatsverwaltung, die Zentralkassa-Anweisungen, zu ihrer Verfügung standen. Sie gaben also genaugenommen gar kein Zahlungsmittel aus der Hand, erhielten aber dafür dennoch Kreditzinsen.

2.2. Darlehen für den Bau einer Wasserleitung

„Für die westlichen Vorstädte Wiens“ sollte in den 30-er Jahren eine Wasserleitung aus der Donau gebaut werden. Dabei handelte es sich um ein Pilotprojekt: „Für eine Anstalt wie die vorliegende, welche sich erst durch ihr Gelingen den Kredit in publico verschaffen muß, weil ein ähnliches Werk in der Monarchie noch nicht besteht, … konnte, so sehr der gemeine Wunsch und Eifer für dessen Gelingen bei Gemeinden und Privaten besteht, auf letztere insofern nicht gerechnet werden“, als sie nicht bereit waren, ihr voraussichtlich benötigtes Wasser im voraus zu bezahlen. (Mit „Privaten“ waren die Bewohner der Gemeinden gemeint.) Die Gemeinden wiederum, so wird in dem betreffenden Gutachten ausgeführt, könnten nicht mit Dumpingpreisen für die künftigen Abnehmer Werbung betreiben, weil sie diesen möglichst hohe Wasserpreise verrechnen wollten, um „Mittel zu gewinnen, den Leistungs-Dividenden für ihren eigenen Wasserbedarf auf Brunnen und Bassins so viel als möglich zu vermindern.“ Sie kalkulierten also von vornherein mit einem gespaltenen Wasserpreis, durch den sie ihren eigenen Bedarf auf Kosten der Privathaushalte verbilligen wollten. „Herr des Preises sind die Gemeinden aber nur dann, wenn das Gelingen des Unternehmens dasselbe gesprochen hat.“

Die Verhandlungen über dieses Darlehen liefen seit 1835. 16 Gemeinden sollten mit Wasser versorgt werden. Die Kosten für die Leitung wurden mit 1,1 Mill. fl.CM veranschlagt. Die Leitung wurde in drei Etappen gebaut, sodaß bereits nach Inbetriebnahme des ersten Abschnittes Einnahmen erzielt würden und dadurch der Kreditbedarf niedrig gehalten werden konnte.

Der schließlich noch benötigte Kredit belief sich auf 240.000 fl.CM. Die Stadt Wien übernahm die Haftung für die Gemeinden. Das Bankhaus Sina erteilte den Kredit im Jahr 1839, zu ähnlichen Bedingungen wie denjenigen von 1831: Die Stadt Wien stellte einen Schuldschein aus, den übergab Sina der Hofkammer gegen Zentralkassa-Anweisungen. Dieses Darlehen war nur mehr zu 4% verzinslich. Es hatte eine Laufzeit von 6 Jahren.

Vor Ablauf dieser Frist, im Juni 1843, nahm die Gemeinde Wien beim Bankhaus Rothschild ein Darlehen zu 3% auf und zahlte das von Sina zurück, um die Zinszahlungen zu verringern. Die beiden größten Bankhäuser der Monarchie konkurrierten hier also um eine Summe von 3% Zinsen auf 80.000 fl.CM, innerhalb von 2 Jahren in Raten von 40.000 zu tilgen, also um 2.400 fl. (1.Jahr) + 1.200 fl. (2.Jahr) = 3.600 fl. Diese Summe verdiente Rothschild durch sein Zinsen-Dumping gegenüber Sina.

3. Privatkredit

3.1. Die Privatanleihe

Die Privatanleihen, auch unter dem Namen Partialobligationen bekannt, wurden von den Zeitgenossen als österreichische Besonderheit betrachtet, sie existierten aber in geringerem Maße auch im Ausland. Sie waren nach dem Muster der Staatsanleihen gestaltet. Es ist möglich, daß auch diese Anleihen von Rothschild in Österreich populär gemacht wurden. Er vertrieb zumindest die bei ihm aufgenommenen über die Frankfurter Niederlassung auch in den deutschen Staaten.

Privatanleihen wurden fast ausschließlich von Mitgliedern des Hochadels begeben, die einem Bankhaus eine oder mehrere Schuldurkunden, die sogenannten Hauptschuldverschreibungen, ausstellten. Dann wurden auf diesem Haupt-Schuldschein beruhende Teilschuldverschreibungen gedruckt und durch das Bankhaus unter die Leute gebracht. Der Schuldner war verpflichtet, an fixen halbjährlichen oder jährlichen Terminen die Zinsen zu zahlen und einen Teil der Schuld zu tilgen. Genauso wie bei den Staatsanleihen gab es auch hier fix verzinsliche und Lotterie-Anleihen.

Die Frage der Haftung gegenüber den Partialen-Gläubigern befand sich in einer rechtlichen Grauzone und es kam auch in den 20-er Jahren zu Mißbräuchen dieser Verschuldungsform. [47] Die erste in einer Druckschrift erwähnte Privatanleihe stammt von dem Fürsten Grassalkovich aus dem Jahre 1820. Die Tatsache, daß dies eine Schwindel-Anleihe mit über 20 Jahre dauernden Folgeprozessen war, tat der Beliebtheit dieser Anleihenform bei ihrem Zielpublikum offenbar keinen Abbruch. Von den seriösen Privatanleihen waren die begehrtesten die der Fürsten Eszterházy, deren erste wahrscheinlich 1825 begeben wurde. In den 30er- und 40-er Jahren nahmen diese Anleihengeschäfte sehr zu, sowohl der Anzahl als auch dem Umfang nach. Nach 1849 scheinen keine neuen Privatanleihen mehr aufgenommen worden zu sein.

Der Zins dieser Anleihen betrug zwischen 4,% und 6%. Der Nennwert der Partialobligationen bewegte sich zwischen 250 fl. und 1000 fl. CM, bei den Lotterie-Obligationen um 40 oder 50 fl. CM. Auch ihre Laufzeit glich derjenigen der Staatsanleihen und erreichte manchmal beinahe ein Menschenalter. Der eigentliche Gewinn der Bankhäuser lag bei diesen Anleihen in der geheimgehaltenen Provision, die sicher eine fünfstellige Summe ausmachte.

Das Bankhaus Sina war an diesen Anleihegeschäften stets zusammen mit Rothschild und/oder Arnstein & Eskeles beteiligt, es gab – zumindest soweit aus den Akten ersichtlich – nie alleine eine Privatanleihe heraus. Diese Bankhäuser wickelten zusammen folgende Privatanleihen ab:

KreditnehmerGesamtsummeJahr der Anleihebeteiligte BankhäuserBeteiligung Sinas
Fürst Paul Esterházy  7,000.000 fl. 1836 R, S 3,600.000 fl.
Josef und Anton Szapáry X300.000 fl. 1843 R, S, A&E 100.000 fl.
Erzhzg. Karl Ludwig v. Lucca 1,600.000 fl. 1844 R, S 800.000 fl.
Graf Niczky X340.000 fl. 1844 R, S, A&E 113.000 fl.
Fürst Paul Esterházy 6,400.000 fl. 1844 R, S 3,200.000 fl.
Graf Henckel-Donnnersmark 1,125.000 fl. 1846 R, S, A&E 375.000 fl.
Christian von Waldstein 2,700.000 fl. 1847 R, S, A&E 900.000 fl
Summe (= Beteiligung des Bankhauses Sina): 9,088.000 fl.

Diese Summe geht von der Annahme aus, daß die jeweiligen Bankhäuser zu gleichen Teilen an jeder der von ihnen abgewickelten Privatanleihen beteiligt waren. Außerdem erhebt die obige Liste keinen Anspruch auf Vollständigkeit, da nicht alle Privatanleihen in den Akten aufscheinen.

Die Obligationen aus diesen Privatanleihen wurden von den Bankhäusern ähnlich wie die der Staatsanleihen unter die Leute gebracht – als Wertpapiere auf der Börse, als Anlage für ihre Privatkunden usw. 1838 verfaßten Sina und Rothschild eine gemeinsame Beschwerde gegen die Behinderung des freien Verkaufs von Privatanleihen-Obligationen in Lombardo-Venetien. Sie waren dort nur mit Rückkaufbestimmungen und erhöhten Gebühren gehandelt worden. Das war ein Ausdruck des Mißtrauens, das generell in Oberitalien gegen Geldersatz und Wertpapiere existierte. Es kann auch sein, daß diese Praxis eine Reaktion auf die in den 20-er Jahren vorgekommen Betrügereien mit Privatanleihen war. [48]

3.2. Gewöhnliche Darlehen an Privatpersonen

In der Bilanz des Bankhauses von 1856 macht die gesamte an „Debitoren“ verliehene Summe beinahe 11 Millionen Gulden aus. Unter diesen Schuldnern figurieren jedoch sowohl Privatpersonen als auch Bank- und Handelshäuser im In- und Ausland, mit denen das Bankhaus Sina Geschäftsverbindungen unterhielt und die sich in diesem Augenblick bei der gegenseitigen Verrechnung im Minus befanden. Die Zahl der eigentlichen Privatschuldner [49] belief sich in diesem Ausweis auf ungefähr 70 Personen, fast ein Sechstel der gesamten Schuldner. Die Summe der an diese Personen verliehenen Gelder betrug über 2,7 Millionen Gulden, beinahe ein Viertel der gesamten (an Personen gebundenen) Außenstände und weniger, als sich zur gleichen Zeit im Wechselportfolio des Bankhauses befand. Der Löwenanteil dieser Schulden, 1,113.891 fl., entfiel auf zwei ungarische Adelige. [50] Ansonsten entstammten diese Privatschuldner allen Schichten der Gesellschaft, es gab unter ihnen Angehörige des Kaiserhauses und kleine Leute aus der Provinz. Die Schuldsummen reichten von 2 fl. 53 kr. bis 566.575 fl. Der überwiegende Teil stammte aus den verschiedenen Teilen der Monarchie, einige wenige aus Frankreich oder Deutschland.

Das Bankhaus Sina war die erste Adresse für den ungarischen Adel. Széchenyi vermerkte in seinen Tagebüchern öfter, von ungarischen Adeligen darum ersucht worden zu sein, ihnen durch seine Fürsprache bei Sina ein Darlehen zu verschaffen. Das deutet darauf hin, daß diese Personen entweder unter gewöhnlichen Umständen kein Darlehen erhalten hätten, schon gar nicht bei einem anderen Bankhaus; oder zu wesentlich ungünstigeren Konditionen. 1830 schilderte Széchenyi die Lage für Ungarn so: „Wenn Sina keinen Kredit gibt, so gewiß auch kein anderer.“ In einem Nachruf auf Georg Sina heißt es, er hätte eigentlich in Ungarn die Rolle einer Bank eingenommen.

3.3. Kontoführung, Filialen, Überweisungen

Das Bankhaus Sina eröffnete auch auf Verlangen seinen Kunden Konten und wickelte dann deren Zahlungsverkehr für sie ab. Es berechnete 4% an Haben-Zinsen und 5% an Soll- bzw. Kreditzinsen für diese Kontoinhaber. [51] Für besondere Transaktionen, meist Käufe oder Verkäufe von Immobilien, eröffnete das Bankhaus zusätzlich zu dem gewöhnlichen „Conto corrente“ ein „Conto separato“, zu Konditionen, die mit dem Kontoinhaber gesondert verhandelt wurden und sich entsprechend von denen des „Conto corrente“ unterscheiden konnten. Die sahen z.B. so aus: Der Kunde durfte von diesem Sonderkonto nie mehr als 10.000 fl. auf einmal erheben, die Zinsen wurden alle 3 Monate erhoben, zu einem Zinsfuß von 6% jährlich. Da dieser Kredit bei einer Filiale des Bankhauses eingeräumt wurde, die nicht über die gleiche Liquidität verfügte wie das Bankhaus in Wien, war für jede Abhebung eine Vorankündigung von 14 Tagen erforderlich.

Das Bankhaus Sina erledigte auch Einkäufe für seine Kunden im Ausland und zog Preis und Spesen dieser Transaktionen vom Konto (corrente) ab. Auch Transport und Zollformalitäten wurden vom Bankhaus erledigt. [52] Oft wurden Konten im Zuge eines durch das Bankhaus getätigten Einkaufes (von Wolle, Baumwolle etc.) eröffnet und nur solange geführt, bis das Guthaben des Verkäufers erschöpft war.

Das Bankhaus erledigte ferner Überweisungen im Inland. Zu diesem Zweck bediente es sich seiner Filialen in verschiedenen Städten der Monarchie. Diese Filialen waren durch Verwandtschaft, Heirat oder Herkunft mit den Sinas verbundene selbständige Bank- und Handelshäuser. Sinas Filiale in Pest war das Haus Konstantin Derra, in Preßburg Konstantin Kalotta. (Über ersteren wickelte Georg Sina auch viele mit seiner eigenen Handelstätigkeit in Ungarn verbundenen Zahlungen ab, vor allen in Verbindung mit seinen Tabakgeschäften. Bei Kalotta unterhielt Sina ein Lager für seinen Wollhandel.)

Eine andere Möglichkeit für Überweisungen waren die bereits erwähnten Anweisungen auf die Filialen der Nationalbank. Diese Form des Zahlungsverkehrs war aber nur beschränkt einsetzbar, da die Nationalbank nicht überall Filialen besaß. (In Ungarn wurden nur an wenigen Orten solche Filialen eröffnet, und auch die recht spät.) Dort, wo es weder Filialen der Nationalbank noch solche des Bankhauses gab, überwies das Bankhaus an ein anderes Bank- und Wechselhaus, was höhere Spesen verursachte.

Lebte ein Kunde ständig oder temporär in einer anderen Stadt als Wien, so wurde ihm ein Zusatzkonto bei der an seinem Wohnort befindlichen Filiale des Bankhauses eröffnet. Die Bilanz, d.h. der Kontoauszug, wurde stets von der Zentrale erstellt und verschickt, meist halbjährlich, im Januar und Juni/Juli. Zusätzlich erfolgten, ebenfalls von der Zentrale, unmittelbare Benachrichtigungen über jede größere Transaktion.

Bei Überweisungen ins Ausland bediente sich das Bankhaus Sina für private Kunden der gleichen Kredit- und Wechselbriefe und Handelspartner [53] wie auch bei seinen für den Staat erledigten Auslandstransaktionen. Es verrechnete dabei ca. 1% an Provision & Spesen.

Einen Teil der Bankhaustätigkeit machte auch die Vermögensverwaltung aus. Vor allem die in Wien und Ungarn ansässigen Griechen und deren Nachkommen vertrauten ihr Geld, aber manchmal auch ihre Immobilien dem Bankhaus zur Verwaltung an, wenn der Familienvater verstarb oder sie sich aus anderen Gründen aus dem kommerziellen Leben zurückzogen. Das Bankhaus fungierte auch als eine Art Waisenkasse bei den Griechen. Für diese Vermögensverwaltung berechnete das Bankhaus 5 oder 6% Provision.

3.4. Handel mit Wertpapieren

Das Bankhaus Sina handelte mit allen Arten von Wertpapieren, die in der Monarchie zirkulierten, und mit einer großen Menge von ausländischen Anleihen und Aktien.

Zunächst verfügte es durch seine Tätigkeit als Krediteur des Staates stets über eine große Menge von Obligationen der österreichischen Staatsanleihen. Es besaß und handelte auch mit Staatspapieren, die in Zeiten ausgegeben waren, als das Bankhaus noch nicht Kreditgeber des Staates gewesen war, wie mit Papieren des Wiener Stadt-Bancos aus dem 18. Jahrhundert. Für besonders wichtige Kunden reservierte es eine ansehnliche Anzahl Obligationen zum Nennwert, noch vor ihrer offiziellen Veräußerung an der Börse, oder zu einem unmittelbar nach der Ausgabe erreichten niedrigen Wert. Dann trieb es im Verein mit den anderen Großbankiers die Kurse in die Höhe, sodaß der Kunde automatisch einen Gewinn machte. [54]

Bei Losanleihen stellte Sina es den Kunden im Falle einer Ziehung frei, ob sie die verloste Obligation in bar beziehen oder aber gegen eine noch unverloste eintauschen wollten. (Dies war dann vorteilhaft, wenn die Kurse gerade im Steigen begriffen waren.) Diese Wahlmöglichkeit hatten alle Kunden, die diesbezügliche Aufforderung wurde nämlich mittels vorgedrucktem Formular verschickt. Es gibt einen Hinweis darauf, daß das Bankhaus auch über Möglichkeiten verfügte, diejenigen Nummern, die als Haupt-Treffer bei Losanleihen gezogen wurden, im vornherein zu kennen und für spezielle Kunden zu reservieren.

Über seine ausländischen Geschäftspartner bezog es Obligationen aus fremden Staatsanleihen und ausländische Aktien. Für Széchenyi besorgte Georg Sina z.B. Aktien der Rhein-Dampfschiffahrts-Gesellschaft und französische 5%-ige „Renten“, eine Form von Staatsanleihen. Ebenso verkaufte das Bankhaus auf Verlangen des Kunden für ihn Wertpapiere, auch wenn diese gar nicht über selbiges bezogen worden waren.

Da Wertpapiere vererbt wurden und es vor allem in Frankreich und Italien üblich war, Obligationen auf den Namen des Besitzers auszustellen, so wandten sich die Erben oft mit der Bitte um Umschreibung auf den Namen des neuen Besitzers an das Bankhaus. Die Besitzer dieser umzuschreibenden Obligationen stammten aus Frankreich oder aus der französichen Schweiz. Es läßt sich mangels zusätzlicher Angaben nicht feststellen, ob diese Gesuche deshalb aus diesen Ländern bei dem Bankhaus Sina einlangten, weil das Bedürfnis nach Namens-Obligationen dort so stark ausgeprägt war, oder deshalb, weil dies die bevorzugten ausländischen Absatzgebiete des Bankhauses für österreichische Staatsanleihen war.

Nach 1849 wurde der österreichische Wertpapiermarkt durch die Grundentlastungs-Obligationen um ein zweifelhaftes Element bereichert. Aus der Art und Weise, wie sie vom Bankhaus Sina eingesetzt wurden – als Kaution bei Staatsanleihen, als Zahlungsmittel zum Kauf anderer Staatspapiere, – läßt sich schließen, daß diese Papiere als Objekte der Spekulation wenig hergaben. Sie waren ein staatlich garantiertes Papier ohne kommerziellen Wert und landeten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit wieder beim Aussteller selbst. Das Bankhaus Sina besaß diese Papiere in großen Mengen aufgrund seines ausgedehnten Grundbesitzes und versuchte sich ihrer zu entledigen, sobald sich eine Gelegenheit bot.

3.5. Handel mit Wechseln und Schuldscheinen

Um den (oft nicht vorhandenen) Unterschied zwischen diesen beiden Kreditpapieren begreiflich zu machen, ist es nötig, darauf hinzuweisen, was ein Wechsel ist und kurz auf die Wechsel einzugehen, die in der Monarchie zirkulierten.

Ein Wechsel ist ein kommerzielles Zahlungsmittel, er kommt mit dem Händewechsel einer Ware auf die Welt. Der Käufer hat kein Geld, rechnet aber mit Einkünften in absehbarer Zeit und braucht die Ware jetzt. Der Verkäufer will das Geschäft nicht an der augenblicklichen Zahlungsunfähigkeit des Käufers scheitern lassen und kreditiert ihn daher. Der Käufer in seiner neuen Eigenschaft als Schuldner, verspricht Zahlung an einem bestimmten Ort und Zeitpunkt. Der klassische Wechsel, wie er in Gegenden zirkulierte, wo eine rege Handelstätigkeit bestand, war der gezogene Wechsel, bei dem eine dritte Person als derjenige, der die Zahlung zu leisten hatte, genannt wurde. Der Aussteller, derjenige, der Wechsel annahm und der, der auf Zahlung verpflichtet wurde, hafteten in unterschiedlichem Maße für die Geldsumme, auf die der Wechsel ausgestellt wurde. Der Gläubiger verwahrte den Wechsel meist nicht bis zum Zahlungstag in der Schublade, sondern gab ihn bei einem von ihm getätigten Kauf an Zahlungs statt weiter. So konnte ein Wechsel bis zum Zahlungstag durch viele Hände gehen, wobei jeder, der ihn weitergab, selbst in gewissem Grade für die Bonität des Wechsels bürgte. Es hing vom Ruf aller auf dem Wechsel verzeichneten Personen ab, wie leicht ein solcher Wechsel angenommen wurde und wie oft er als Geldersatz diente.

Der Wechsel war eine der Vorformen des Papiergeldes und von großer Wichtigkeit in Zeiten, in denen es beschwerlich und gefährlich war, Münzgeld durch die Lande zu transportieren.

Wird der Wechsel am Verfallstag nicht beglichen, „platzt“ er also, so wird der letzte, der ihn unterschrieben hat, zur Zahlung verpflichtet. Er kann diese Zahlung wieder bei seinem Vorgänger einfordern, und so weiter bis hin zum Aussteller. Dieser „Wechselregreß“ ist genauso wie die Modalitäten der Ausstellung und Cession gesetzlich geregelt. Der ausgiebigste Wechselverkehr bestand jedoch in jenen Ländern und Zeiten, in denen rege Handel getrieben wurde und viele Käufe und Verkäufe in kurzer Zeit stattfanden, und nicht dort, wo strenge Gesetze herrschten. Der Wechsel bezieht seine Wichtigkeit und Einsetzbarkeit aus der Ökonomie und nicht aus staatlichen Garantien. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

In Ungarn gab es bis 1841 kein Wechselgesetz und daher auch keine Möglichkeit der Klage im Falle des Nicht-Zahlens am Fälligkeitstag. Die ungarischen Wechsel zirkulierten entweder überhaupt nicht oder – außerhalb Ungarns – nur mit Hilfe einer Bürgschaft (des sogenannten Akzeptes) eines außerhalb Ungarns ansässigen österreichischen Handelsmannes, der sich diese Garantie meist mit 4% der Summe vergüten ließ. Mit dem vom ungarischen Reichstag erlassenen Wechselgesetz von 1841, das auch den Angehörigen des Adels das Ausstellen von Wechseln gestattete, verlor der Wechsel vollends seinen Charakter als kommerzielles Zahlungsmittel und wurde zum Synonym für „Schuldschein“ überhaupt.

In Lombardo-Venetien war das Ausstellen von Wechseln unüblich, dort scheint bei Käufen und Verkäufen aller Art meistens Barzahlung verlangt und auch geleistet worden zu sein.

In den Erblanden schließlich hat sich der gezogene Wechsel als Zahlungsmittel aufgrund der Schwäche des Handelskapitals nie so recht durchgesetzt. Die hier gängigen Wechsel waren meistens Solawechsel, d.h., auf den Aussteller selbst lautende Wechsel, denen schwer anzusehen war, ob sie Zeugen eines bloßen Geldverleihs oder eines tatsächlichen Verkaufes waren. Auch sie dürften, wie es ein Preßburger Kaufmann für Ungarn beanstandete, in den meisten Fällen ein „totes Papier“ gewesen sein, das von dem, der es angenommen hatte, bis zum Zahlungstag aufbewahrt wurde und nicht als Zahlungsmittel weiter zirkulierte.

Es mag sein, aber darüber liegt der Verfasserin kein Material vor, daß Böhmen und Mähren die einzigen Gebiete der Monarchie waren, in denen ein auf Warenverkauf beruhender etwas regerer Wechselverkehr stattgefunden hat.

Die Nationalbank mit ihren Zensoren konnte es sich nicht leisten, bei der Beurteilung der Wechsel strenge Maßstäbe anzulegen und „richtige“ Handelswechsel zu fordern. Sie hätte in diesem Falle kaum Wechsel eskomptieren können. Das Wechseleskompte war jedoch eine der Haupt-Einnahmequellen der Nationalbank, die bei ihrer Gründung 1816 quasi darauf verpflichtet worden war, wie ein privates Institut zu wirtschaften und Gewinne und Verluste zu bilanzieren. Die Nationalbank ging mit diesem Dilemma so um, daß sie fast nur die Sola-Wechsel der 4 „Häuser“ annahm, sodaß jeder andere Geschäftstreibende seine Wechsel bei diesen Bankhäusern eskomptieren lassen mußte, zu einem höheren Zinsfuß als den 4% der Nationalbank. Da Sina, Geymüller und Eskeles auch Bankdirektoren waren, liegt die Annahme nahe, daß sie für diese eingeschränkte Handhabung des Wechselescomptes der Nationalbank (mit)verantwortlich waren, die ihre privaten Wechselgeschäfte so sehr begünstigte. (Siehe dazu: VII.2. Das Wechselescompte)

Als die sich Nationalbank 1848 durch die politischen Wirren veranlaßt fand, ihre Bilanzen zu veröffentlichen, glich dies einem Offenbarungseid: Im Wechselportfolio befanden sich nämlich keine Wechsel, sondern die sogenannten Anweisungen, d.h. Schuldscheine der Hofkammer und die Solawechsel, also auch Schuldscheine, der großen Bankhäuser.

Sicherlich diskontierte das Bankhaus Sina selbst große Mengen von Wechseln, und vergab auf ungarische Wechsel Akzepte. Aus den wenigen Fällen, die aktenkundig wurden, geht jedenfalls hervor, daß es in Fragen der Solidität von Schuldscheinen, in Kenntnis der Kreditverbindungen der inländischen Kaufleute, im Sammeln von Informationen über ausländische Bank- und Handelshäuser sehr beschlagen war und diese Eigenschaft auch von Privaten und Behörden in Anspruch genommen wurde.

1834 tauchten in einer Schublade eines soeben pensionierten Beamten der Hofkammer Wechsel aus dem Jahre 1806 auf, die damals von einem Offizier des französischen Heeres zur Bezahlung einer Salzlieferung an die Hofkammer übergeben worden waren. Diese Wechsel waren von Linzer und Augsburger Handelshäusern ausgestellt worden, insgesamt lauteten sie auf 10.000 fl.. Die Hofkammer wandte sich schließlich 1839 an Sina mit der Bitte, diese Summe einzutreiben. Der Schriftverkehr des Bankhauses mit Augsburger und Linzer Kaufleuten zog sich durch das ganze Jahr 1839, mit dem Ergebnis, daß keiner der Aussteller mehr existierte, und deren Erben, die das Bankhaus ausfindig machte, wegen Verjährung oder Mangel an Eigenmitteln jede Verpflichtung von sich wiesen.

1852 brachten Verwandte der Familie Sina, die sich von Georg Sina übervorteilt fühlten, eine Reihe von Klagen gegen ihn ein, die alle von den Gerichten zurückgewiesen wurden. Einer der Klagepunkte, der zwar als wahr, aber nicht als strafbar erkannt wurde, lautete: Georg Sina hatte dem Grafen Moritz Fries, dem Erben des in Konkurs gegangenen Bankhauses Fries, zwei von diesem als uneinbringlich angesehene Schuldscheine abgekauft. Beide waren von bereits aufgelösten griechische Handelhäusern in Pest ausgestellt. [55] Der erste lautete auf 44.170 fl. und wurde 1833 von Fries an Sina cediert, um 6.000 fl. Den zweiten im Betrag von 24.000 fl. kaufte Georg Sina 1841 ebenfalls um 6.000 fl. Laut Klage soll Sina den Grafen Fries vorher mit Alkohol in einen unterschriftswilligen Zustand versetzt haben, was letzterer aber vor Gericht bestritt. [56] Sina wußte, daß die (zum Zeitpunkt des von den Erben geführten Rechtsstreites bereits verstorbene) Mutter der Kläger mit den Ausstellern dieser Schuldscheine verwandt oder verschwägert war, daher als deren Rechtsnachfolger haftbar gemacht werden konnte. Er verrechnete ihr diese alten Schulden zusammen mit ihren eigenen und erwarb im Gegenzug von der Dame günstig eine Immobilie in Pest.

Vom Bankhaus Todesco auf Sina ausgestellter Wechsel von 1858

 V. Unternehmungen

Die Unternehmer der ersten Stunde in Europa waren oft Männer, die ihr Vermögen mit Handelstätigkeit erworben hatten und bereit waren, zumindest einen Teil davon in Manufakturen, Maschinen, neue Produktionsmethoden zu investieren. So war es auch bei den Sinas. Es erwies sich hier jedoch, daß diese Investitionen kommerziell erfolglos blieben, im besten Falle den politischen Einfluß des Bankhauses auf den Staatsapparat sicherten und erhöhten.

Dies ist ein Hinweis auf die allgemeine Lage in der Donaumonarchie, zumindest für die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts: Der größte Unternehmer war der Staat, privates Kapital bildete sich bei denen, denen es gelang, mit der Staatsverwaltung in Geschäftsbeziehungen zu treten.

Privates Unternehmertum florierte, wenn überhaupt, nur mit Unterstützung staatlicher Stellen. Diese Unterstützung konnte politischer oder finanzieller Natur sein, und sie erfolgte dann, wenn der Staat ein Interesse an der Existenz eines Verkehrsweges oder Industriezweiges besaß. Konkret sah diese Unterstützung so aus, daß staatliche Beamte zur Verfügung gestellt oder spezielle Kreditkassen eingerichtet wurden. Als Unterstützer und auch, um sich ihren politischen Einfluß zu sichern, kauften Behörden oder einzelne Politiker Aktien von Unternehmen, an denen sie ein gesteigertes Interesse besaßen. Im In- und Ausland wurden nach Möglichkeiten politischer Widerstand aus dem Weg geräumt. All das reichte meistens gerade dazu aus, diese Unternehmen vor dem Bankrott zu bewahren, aber nicht dazu, ihren Initiatoren Gewinne zu verschaffen.

Das Bankhaus Sina ist vor allem bekannt für seine Unternehmungen (oder Beteiligung an solchen) auf dem Gebiet der Infrastruktur, die alle mit Ungarn in Verbindung standen. Die Grundlage dieser Unternehmungen – der DDSG, der Eisenbahnen und der Kettenbrücke, – war die über ein Jahrzehnt währende Freundschaft zwischen Georg Sina und dem ungarischen Magnaten Stephan Graf Széchenyi. [57] Über die Beteiligungen an produktiven Unternehmen ist sehr wenig bekannt. Aus gutem Grund: Es war dies eben derjenige Teil der Tätigkeit des Bankhauses, der am wenigsten ins Gewicht fiel.

1. Fabriken und Manufakturen

Das größte Engagement bei Investitionen in die Produktion und neue Technologien bewies der ständig im Schatten seines älteren Halbbruders stehende Johann Sina. Das war wahrscheinlich auch der Grund, warum er von den Zeitgenossen als der „arme Sina“ bezeichnet wurde: Seine Unternehmungen rechneten sich nicht, sie brachten ihm keinen Gewinn ein und auch keinen besonderen Ruhm. Bereits beim Ableben seines Bruders im Jahre 1856 war er mit 1,756.871 fl. bei dem Bankhaus verschuldet, als er 1869 starb, war diese Schuld noch nicht abgetragen und ging auf seine Witwe über.

1.1. Zuckerraffinerien

Johann Sina setzte auf die Rübenzuckergewinnung und -raffinierung. Er ließ ausgerechnet „in den bewegten Jahren 1848-49, begleitet von Kanonendonner“, angeblich auf Anregung seines damaligen Gutverwalters Eduard Egán, auf seinem Gut Szent-Miklós in Ungarn eine der größten Zuckerfabriken Europas errichten. Auf einer Fläche von 2.400 Katastraljoch ließ er Zuckerrüben anbauen, für deren Bearbeitung im Sommer mehrere hundert Taglöhner aufgenommen wurden. Zur Steigerung des Ertrages ließ die Gutsverwaltung Prämien an die Arbeiter auszahlen. Die Erträge reichten jedoch nie aus, um die Kapazitäten der Fabrik auszulasten, sodaß regelmäßig sowohl Zuckerrüben als auch Rohzucker angekauft werden mußten. 1851 z.B. wurden 137 Zentner Rüben pro Joch, im folgenden Jahr nur 51 Zentner pro Joch geerntet.

Die Fabrik war ursprünglich auf eine Kapazität von 350.000 Zentner Rüben pro Jahr eingerichtet, später, 1860, ist die Rede von einer „Leistungsfähigkeit täglicher 2.564 Ztr. frischer Rüben“, also selbst bei einer 5 Tage-Woche fast das Doppelte. Diese Verarbeitungsmenge hat sie nie erreicht, nicht nur wegen Schwierigkeiten in der Beschaffung des Rohstoffes, sondern auch wegen fehlender Absatzmöglichkeiten. Im besten Jahr (1864/65) verarbeitete sie 320.832 Ztr. Rüben, im schwächsten Jahr (1856/57) 66.167 Ztr.

Die notwendige Energie zum Betreiben der Maschinen wurde hauptsächlich durch Verbrennen von Torf erzeugt, zu einem Viertel mit Braunkohle. Letztere wurde nur bis 1854 verwendet.

1852 erzeugte die Fabrik 13.019 Ztr. Zucker und 7.143 Ztr. Melasse, 1864 25.475 Ztr. Zucker. Aus Melasse und Sirup wurde in zwei Destillerien – in Szent-Miklós und in Bormaz – Schnaps gebrannt. Der Zucker wurde in Wien und Pest verkauft. Die Produkte der Fabrik gewannen Preise auf mehreren Weltausstellungen.

Johann Sina war offenbar stets bereit, neue Verfahren auszuprobieren – vielleicht auch, um die Misere der ewig nicht ausreichenden Zuckerrüben zu beheben. 1856 wurden in der Zuckerfabrik Versuche gemacht, aus Maisstroh Zucker zu gewinnen. Es wurde „kein weiterer Versuch dieser Zuckererzeugung gemacht, … da die Zuckerausbeute gar zu gering war.“

1860 suchte die Gutsverwaltung von Szent-Miklós um eine Erhöhung des Steuerkredites von 130.000 auf 180.000 fl. jährlich an. Die Fabrik war also (wahrscheinlich aufgrund der möglichen Verarbeitungsmengen) steuerlich viel höher eingestuft, als es ihrem tatsächlichen Umsatz oder Gewinn entsprach. Um diese Krediterhöhung wurde „anläßlich der Anschaffung einer größeren Quantität Rüben“ angesucht, Sina setzte dafür ein anderes seiner ungarischen Güter als Hypothek ein. [58]

1866 wurde die Fabrik aufgelassen. Sie war bis zu ihrem Ende die größte Zuckerfabrik Ungarns und eine der größten der Monarchie. Ihr Scheitern soll außer auf die Schwierigkeiten mit dem Rübenanbau auch auf die Zollpolitik Österreichs zurückzuführen gewesen sein. In einem Nachruf auf Johann Sina heißt es, daß sie „für ihn mit bedeutenden materiellen Verlusten verbunden war, sodaß er es vorzog, den Betrieb dieser Fabrik einstellen zu lassen.“

Fast gleichzeitig mit derjenigen in Szent-Miklós ließ Johann Sina auch eine Fabrik im mährischen Rossitz errichten. Über diese Fabrik ist wenig bekannt. 1851 ersuchte die Gutsverwaltung um Steuernachlaß, da durch heftige Schneefälle der Transport der Zuckerrüben behindert war und der Betrieb zeitweilig eingestellt werden mußte. Das heißt, selbst wenn Johann Sina auch in Rossitz Rüben anbauen ließ, so reichten sie dort ebenfalls nicht für den Eigenbedarf und mußten von woanders bezogen werden. 1867 gehörte die Fabrik mitsamt dem gesamten Besitz Rossitz nicht mehr Johann Sina, sondern seinem Neffen Simon. In dessen Vermögensausweis wird sie 1876 mit einem jährlichen Gewinn von 121.834 fl. angeführt, fast so viel als die ganze restliche Herrschaft Rossitz, und mehr, als irgend ein anderer Besitz der Sinas einbrachte. Anscheinend hatte die Fabrik also begonnen, doch Gewinn abzuwerfen. Wann und wodurch der Umschwung herbeigeführt wurde, ist nicht mehr rekonstruierbar.

1.2. Andere Fabriks-Unternehmungen

1853 plante Johann Sina, eine sonderbare Art der Biererzeugung in großem Maßstab aufzuziehen. Bei dem Verfahren sollte die Bierwürze zu einem Konzentrat („Getreidestein“) verfestigt werden, was Lagerung und Transport dieses Stoffes sehr vereinfacht hätte. Dieses Verfahren sollte sich aber angeblich auf die Qualität des daraus gewonnenen Bieres negativ auswirken; ein anderer Einwand der Behörden war, daß dieser Getreidestein ein Exportartikel war und im Falle ausgiebiger inländischer Verwendung der Staat um seine Zolleinnahmen umfiele!

Aus dem Unternehmen scheint nichts geworden zu sein.

Das Bankhaus Sina war zusammen mit Constantin von Reyer, (einem Triester Zuckerfabrikanten), bis Oktober 1856 Besitzer einer Flachsspinnerei in Pottendorf. Diese Spinnerei wurde einige Monate vor ihrem Verkauf mit einer Schuld von 530.248 fl., aufgeteilt auf drei verschiedene Posten, in der Bilanz des Bankhauses geführt. Wann und wie die Spinnerei in den Besitz der Familie Sina gelangte, ist unbekannt. Georg Sina soll auch „Repräsentant und Mitinteressent … der Klein-Neusiedler Papierfabrik“ gewesen sein. Von dieser Fabrik besaß das Bankhaus 1856 Aktien im Wert von 120.300 fl.

2. Finanzkonsortien

Da nach 1848 die Staatsanleihen dem Bankhaus nicht mehr in solchem Maße Einnahmen verschafften wie in den drei Jahrzehnten davor, da auch keine neuen Privatanleihen mehr aufgenommen wurden, war das Bankhaus Sina wie auch seine beiden Konkurrenten Rothschild und Arnstein & Eskeles auf andere Geschäftssphären verwiesen. Die Staatsverwaltung und der Adel verloren als Kunden an Gewicht, und die Privatwirtschaft und das Ausland nahmen an Bedeutung für die Kredittätigkeit des Bankhauses zu. Deshalb begann es auch, sich bei Manufakturen zu beteiligen.

Bei dem Versuch, ausländische Bündnispartner zu gewinnen, befand es sich im Nachteil zum Bankhaus Rothschild, das bereits international gewesen war, bevor Salomon Rothschild sich in Österreich niedergelassen hatte, und damit bei der Einbeziehung ausländischer Finanzquellen über weitaus größere Möglichkeiten verfügte als Sina. Das Bankhaus Sina mußte daher kürzer- oder längerfristige Bündnisse mit anderen Bankhäusern eingehen, wenn es für einen bestimmten Zweck größere Geldsummen bewegen wollte. Mit dem Bankhaus Wodianer gab es eine dauernde Verbindung, die jedoch wegen der deutlich geringeren Mittel dieses Bankhauses nicht wesentlich zur Verstärkung der Kapitalkraft beitrug. Zweimal verband sich Sina mit Arnstein & Eskeles und damit mit dem Credit Mobilier, [59] anläßlich des Verkaufes der Staatsbahnen und des gescheiterten Versuches zur Gründung der Creditanstalt. Die Einbeziehung des französischen Kapitals brachte dem Konsortium jedesmal den Ruf ein, den Ausverkauf der Nation zu betreiben – ein Verdacht, der den Rothschilds gegenüber weitaus weniger in Anschlag gebracht wurde.

2.1. Die Privilegierte Österreichische Staatsbahn-Gesellschaft

Zum Jahreswechsel 1854/1855 verkaufte die Staatsverwaltung eine Eisenbahnlinie in von Bodenbach über Brünn (Brno, Tschechien) nach Olmütz (Olomouc, Tschechien), eine Linie von Szeged in Ungarn bis Marchegg bei Wien (die von der Staatsverwaltung ausgebaute ungarische Zentralbahn) und einige in Bau oder Planung befindliche Abschnitte im Banat. Damit gelangte ein großer Teil des österreichischen Eisenbahnnetzes wieder in Privatbesitz. Der Grund für diesen Verkauf war die finanzielle Not des Staates, dessen Repräsentanten damit ungern, aber notgedrungen die staatliche Planung des Eisenbahnnetzes wieder aus der Hand geben mußten. Die Erfahrungen der ersten Periode des Eisenbahnbaues, in der die Linien nach allen möglichen Gesichtspunkten errichtet wurden, aber nicht unbedingt dort, wo sie vom volkswirtschaftlichen, verwaltungsmäßigen oder militärischen Standpunkt wichtig oder nützlich waren, hatten die Regierung zur weitgehenden Verstaatlichung der Eisenbahnen bewegt. Der traurige Zustand der Finanzen veranlaßte sie 1854, diesen Schritt rückgängig zu machen. [60]

Die Käufer dieser Strecken waren neben dem Bankhaus Sina das Bankhaus Arnstein & Eskeles und die Societé Generale de Credit Mobilier. Die Frage ist nun: Was bewegte Georg Sina (– er war als Chef des Bankhauses für die Entscheidung verantwortlich –,) dazu, diesen Kauf zunächst in die Wege zu leiten [61] und sich selbst daran in nicht unbeträchtlichem Ausmaß zu beteiligen?

Das bisherige Engagement beim Eisenbahnbau hatte nämlich nicht gerade zum Florieren des Bankhauses beigetragen, die Eisenbahn stellte eher einen steten Zuschußposten dar. Die Aktien aller österreichischen Eisenbahngesellschaften waren lange Zeit hindurch von Kursstürzen bedroht gewesen, sodaß in den 40-er Jahren eine staatliche Kreditkasse zur Stützung dieser Aktien durch fortwährende Ankäufe gegründet worden war. Bei der Übernahme der Südbahn durch die Staatsverwaltung im Jahre 1853 war die Rede von einer „schwebenden Schuld“ von „2 Millionen 136.338 Gulden“, die die vorherige Wien-Gloggnitzer Eisenbahn-AG auf sich nahm. Das war also eine Schuld, die durch den Bau oder den Betrieb im Laufe der Zeit aufgelaufen war und beim Verkauf nicht auf den Käufer abgewälzt werden konnte.

Die Überlegungen Sinas scheinen die gleichen gewesen zu sein wie diejenigen, die ihn vor 1848 bei seinen Eisenbahnunternehmungen geleitet hatten:

  1. Er vertraute darauf, daß die Eisenbahnen einmal ertragreich werden müßten.
    Dieses Vertrauen beruhte auf einer positiven Einschätzung der künftigen Wirtschaftsentwicklung. Wird viel an Waren oder Personen transportiert, weil viel produziert wird, reger Handel herrscht und die Reisetätigkeit zunimmt, so kann eine Eisenbahnlinie Gewinne abwerfen – in einer Zeit, in der es noch keine solche Alternative für schnelle Beförderung gab, wie sie heute durch Auto und Flugzeug existieren.
  2. Er nahm an, daß die Eisenbahnen erst dann ihre volle Wirkung entfalten würden, wenn sie durch Ausbau ein Netz darstellten und an das ausländische Netz angeschlossen würden. Deshalb schrieb er die bisherigen Verluste vor allem den noch nicht existierenden Verbindungen zu.
  3. Er wollte seinen politischen Einfluß dadurch stärken und befestigen, daß er die für das gesamte Staatswesen wichtige Infrastruktur betreute und in sie investierte.
    Das Bankhaus Sina soll bei diesem Verkauf zusammen mit Arnstein & Eskeles 45 Millionen französische Francs gezeichnet haben. Bei der Vorbesprechung des Verkaufes war erst die Rede von 30 Millionen Francs (11,55 Mill. fl.), die die beiden Bankhäuser nicht aufbringen konnten oder wollten, weswegen sie bis zur gelungen Unterbringung der Aktien auf einen staatlichen Überbrückungskredit angewiesen waren.

Der genaue Umfang der finanziellen Beteiligung des Bankhauses Sina an der „Staatseisenbahn-Gesellschaft“ läßt sich nicht feststellen. Unter anderem deshalb, weil aufgrund der volkswirtschaftlichen Wichtigkeit bei gleichzeitiger ungünstiger Ertragslage der Eisenbahnen alle möglichen Zusatz-Wertpapiere zur Deckung von Schulden und anläßlich von Stützungsaktionen durch die Staatsverwaltung entstanden:

1856 scheinen 1932 Stück Aktien dieser Gesellschaft in der Bilanz des Bankhauses auf, mit einem Wert von 684.165 fl.
Dazu kommen noch „Staatsbahn-Certifikate“ mit einem Wert von 1,720.147 fl.
Außerdem scheinen „Gloggnitzer [62] Metalliques Obligationen“ auf, im Wert von 1,470.533 fl.
Dazu gesellen sich „Oedenburger [63] Metalliques Obligationen“ um 83.962 fl.
und „Gloggnitzer Prioritäts-Obligationen“ im Wert von 3.116 fl.
Außerdem besaß das Bankhaus auch noch Aktien der ältesten Eisenbahn Ungarns, der Pferdebahn von Preßburg nach Tyrnau (Trnava, Slow.) im Wert von 2.880 fl.
Das zu diesem Zeitpunkt in Eisenbahnunternehmungen investierte Kapital des Bankhauses stellt sich also als eine Summe von
dar.
3,280.638 fl.

Über spätere Entwicklungen liegen keine Angaben vor.

2.2. Die Idee des Credit Mobilier und die gescheiterte Bankgründung

Die Idee, eine österreichische Variante des Credit Mobilier [64] zu gründen, ging sicher von den Brüdern Pereire und deren österreichischen Verwandten aus und nicht vom Bankhaus Sina.

Die damals populären Anschauungen über die Aufgaben einer solchen „Gründerbank“ sahen so aus:

  1. Die Bank sollte an neu zu gründende Industrieunternehmungen Kredite vergeben, um den Aufschwung der nationalen Industrie zu befördern. Das für diese Kredite notwendige Kapital sollte sie außer über Aktien über Bank-Anleihen beschaffen, unter möglichst hoher Einbeziehung ausländischen Kapitals.
    Einer der Gesichtspunkte einer solchen Bank war also die Dienstbarmachung internationalen Kapitals für nationale Zwecke.
  2. Die nötigen Sicherheiten für die Gewährung solcher Kredite sollte der Staat durch Garantien aller Art oder durch Stützung durch Staatspapiere zur Verfügung stellen. Hier wurde also das Ideal einer Nationalbank vom Standpunkt der Grundlage in Vereinigung mit einer privatwirtschaftlichen Kommerzbank bezüglich der Tätigkeit entworfen.
    Ein weiteres Merkmal dieser Bank war also die Wirtschaftsförderung durch Staatskredit, aber nicht durch Direktsubventionen, sondern vermittelt durch ein gewinnorientiertes privatwirtschaftliches Unternehmen.
  3. Schließlich erhoffte sich die Staatsführung in Frankreich bei der Gründung des Credit Mobilier eine Einschränkung der Abhängigkeit der Regierung vom Bankhaus Rothschild. Napoleon III. wollte sich für seine ehrgeizigen innen- und außenpolitischen Projekte einen zuverlässigen Partner im Bereich des Kreditwesens schaffen, und setzte aus diesem Grund auf die Brüder Pereire.
    Ein weiterer Geburtshelfer dieses Bankmodells war also der Kreditbedarf des Staates. Die Überlegung zielte auf eine zeitverschobene Rückwirkung der staatlichen Unterstützung durch das solchermaßen geförderte Institut: Wenn sich die Wirtschaftsförderung bewährte – davon gingen alle beteiligten Parteien aus –, die mittels Kredit geförderten Unternehmungen Gewinne abwerfen würden und die Bank durch die Solidität ihre Schuldner an Finanzkraft und dadurch Kreditwürdigkeit gewinnen würde, so könnte sie auch als Stütze des Staatskredits dienen. Eine gewisse Reziprozität der Kreditierung war also von beiden Seiten eingeplant.

Angesichts der dezidiert nationalen Ausrichtung dieses Bankmodells ist es begreiflich, daß es in Österreich von Staats wegen Widerstand gegen dieses Projekt gab. Ebenso hätte sich jede andere Regierung gegen eine solche zweifelhafte „Filiale“ einer national eingestellten Bank verwehrt. Diese Art von Bank mußte vaterländisch sein, sie konnte sich notwendigerweise außerhalb der Landesgrenzen nicht etablieren.

Gleichzeitig gab es aber von der österreichischen Staatsverwaltung ein Interesse an einer eigenen nationalen „Gründerbank“. Vor allem der 3. Punkt – die vorgestellte Sanierung der in sehr schlechtem Zustand befindlichen Staatsfinanzen – hatte es dem damaligen Finanzminister Bruck angetan. Wie weit der gesamte Entwurf einer solchen Bank widersprüchlich, ihr Erfolg von Anfang an zweifelhaft war, soll hier nicht abgehandelt werden. Klar ist nur: Ein österreichischer Ableger des Credit Mobilier wäre nicht zugelassen worden.

Es war das Pech des Bankhauses Sina – andererseits ein notwendiges Ergebnis der Rivalität zu den Rothschilds –, zu derjenigen Bewerbergruppe zu gehören, die aufgrund ihrer ausländischen Provenienz zum Scheitern verurteilt war.

VI. Der Grundbesitz

Der Grundbesitz der Sinas war – zumindest in den 40-er und 50-er Jahren des vorigen Jahrhunderts – gewaltig. Georg Sina galt als der größte Grundbesitzer Ungarns. Etwas geringer waren die Besitzungen des Bankhauses in den Erblanden und in Böhmen und Mähren.

Auch an Häusern in diversen Städten der Monarchie herrschte kein Mangel. Ein Chronist des Vormärzes schrieb: „So lebte in Wien der griechische Großhändler Sina, welcher schon um das Jahr 1827 so viele große Häuser besaß, daß man die damaligen großen Zinssteigerungen vorzugsweise ihm zuschrieb.“

Der Grunderwerb entsprang zunächst einer Verlegenheit der Bankiers: Wohin mit dem vielen Geld? In Häusern, in Grund und Boden „parkten“ sie sozusagen einen Teil ihres Vermögens, das auf diese Art zwar keine so hohen Gewinne abwarf wie Handel und Geldverleih, aber eine zusätzliche und auch regelmäßigere Einkommensquelle darstellte.

Durch den Erwerb vormals dem Adel gehöriger Güter suchten die Bankiers, die nicht aus dem Adelsstand und oftmals auch nicht aus Österreich stammten, ihre Integration in die bessere Gesellschaft der Monarchie zu befördern – mit wechselndem Erfolg. Diese Akzeptanz hing nämlich sehr von der anderen Seite, den Mitgliedern des Hochadels ab. Diese verübelten es den Emporkömmlingen, daß sie ihre eigenen Standesgenossen aus ihren angestammten Besitzungen „verdrängt“ hatten und zeigten den Bankiers die kalte Schulter – außer, sie brauchten wieder einmal Geld. Diesen Klassenhaß mußte Georg Sina als wirkliches Hindernis bei vielen seiner Unternehmungen wahrnehmen, auch seinem Sohn soll er – obwohl er eher wegen seiner wohltätigen Stiftungen von sich reden machte, als durch seine Handelstätigkeit – schwer zu schaffen gemacht haben.

Schließlich erhöhte der Grundbesitz die Kreditwürdigkeit der Bankhäuser. Als sich 1846 die wirtschaftliche Krise ankündigte, vermerkte ein Beobachter: „Man fängt an, nur mehr jenen für reich zu halten, der einträgliche Realitäten besitzt und wird deshalb auf Baron Sina immer mehr aufmerksam. “ Beim Grundbesitz besaßen die Sinas einen großen Vorsprung auf ihre jüdischen Konkurrenten, die in Ungarn keinen adeligen Besitz erwerben durften, [65] und denen auch in anderen Teilen der Monarchie alle nur erdenklichen Hindernisse in den Weg gelegt wurden.

1. Städtische Immobilien

Für Häuser und Immobilien innerhalb der Stadtgrenzen galten anderen Regelungen als für den adeligen Grundbesitz, Kauf und Verkauf derselben waren viel einfacher. In Ungarn unterlag der städtische Grundbesitz nicht den Bestimmungen der Avitizität, konnte daher problemlos veräußert werden und war auch hypothekfähig.

Die ersten Immobilien, die die Sinas erwarben, waren Stadthäuser, und zwar in Wien. In einem Akt von 1812 schreibt der „Hausadministrator“ der Sinas: „In den Häusern des Herrn Sina wohnen auch mehrere hohe und niedere Staatsbeamte …“ Die Rede ist sowohl von Wohnungen als auch von „Gewölben“, also Geschäftslokalen, die in diesen Häusern vermietet wurden.

Das war im Jahr nach dem Staatsbankrott von 1811. Diesem Staatsbankrott war eine bis dahin unbekannte, durch verlorene Koalitionskriege und erstmals in großem Ausmaß betriebene staatliche Gelddruckerei bedingte Inflation vorangegangen. Eine der Möglichkeiten, Bargeld vor Entwertung zu sichern, war der Kauf von Immobilien. Die Sinas hatten sich dieser Möglichkeit bedient.

In Pest besaßen die Sinas viele Häuser am Vörösmárty-tér und in dessen Umgebung. 1840, als die Immobilien ganz Pests nach der Hochwasserkatastrophe von 1838 neu vermessen und geschätzt wurden, machte der Wert der Sinaschen Grundstücke und Häuser, die sich in dieser Zone befanden, insgesamt 93.313 fl. CM aus.

2. Landgüter

2. 1. Die Anfänge des Imperiums

Der erste Landbesitz, den die Sinas – noch unter der Leitung des älteren Simon Sina – erwarben, waren 1814 die Herrschaften Teplitz und Bistritz (Teplička nad Vahom, Nová und Stará Bystrica, Slowakei) im Komitat Trentschin von einem Grafen Brentano Cimaroli. Die Sinas zahlten 250. 000 fl. WW in bar, der Rest des Kaufpreises bestand im Auszahlen der Schulden des Vorbesitzers. Die Höhe dieser Summe ist unbekannt.

Es folgten 1818 die Ortschaften Kizdia (Chizdia oder Coşari, Rumänien) und Hodos (Hodoş, Rum.) im Temeser Banat. Sie gehörten zur Herrschaft Blumental des Feldmarschalls Schwarzenberg. Im Ansuchen Schwarzenbergs wird erwähnt, daß die Sinas zu diesem Zeitpunkt bereits „Realitäten“ in Ungarn besaßen. Wie die Sinas den Besitz ihrer Trentschiner Realitäten legalisiert hatten, ist unbekannt. Vielleicht bedienten sie sich auch hier eines Strohmannes. Mit dem Kauf der Banater Ortschaften erhielten – kauften [66] – sie nämlich nach den ungarischen Gesetzen gleichzeitig den (einfachsten) ungarischen Adelstitel, „von“. Und erst mit dem ungarischen Adel erhielten sie die rechtliche Möglichkeit, ungarische Herrschaften zu erwerben.

Der letzte Besitz, der noch von Simon Sina erworben wurde, war 1821 Simontornya in Westungarn vom Grafen Karl Eszterházy von Galantha. Die Sinas kauften die Herrschaft um 1. 000 Golddukaten und 685. 000 fl. CM in Silber. Davon entrichteten sie rund 201. 000 in Bargeld an den vormaligen Besitzer, den Rest in der Form, daß sie die auf Simontornya intabulierten Schulden Eszterházys auszahlten. Manche Schuldner Eszterházys versuchten nachträglich, Schulden intabulieren zu lassen und von den Sinas einzutreiben, wahrscheinlich ohne Erfolg. Simon Sina instruierte den Gutsverwalter: „Sollte jemand mutwillig einen Prozeß führen wollen, so steht es ihm frei, denn von Prozessen lassen wir uns nicht scheu machen“. Aus den Akten geht ferner hervor, mit welcher Feindseligkeit andere ungarische Adelige den Grundkauf der Kaufmannsfamilie zur Kenntnis nahmen. Sie bestürmten offenbar Eszterházy, das Gut nicht an die Sinas zu verkaufen, mußten aber dem Verkauf tatenlos zusehen, weil sie selber nicht die finanziellen Mittel besaßen, über die die Sinas verfügten.

2. 2. Die Grundkäufe der 30-er Jahre. Die Hilfe Eichhoffs

Dem Kauf eines Landgutes standen im Vormärz viele rechtliche und bürokratische Hindernisse im Weg. Vor allem bei den unklaren Eigentumsverhältnissen in Ungarn gab es oft mehrere Anspruchsberechtigte auf das Gut oder auf Teile desselben. In den Erblanden erwarb Georg Sina einige Herrschaften aus dem Religionsfonds, die im Zuge der Reformen Josephs II. in Staatsbesitz übergegangen waren, wo aber noch Ansprüche kirchlicher Institutionen bestanden. Einige Herrschaften kaufte Georg Sina in einem Leibrenten-Vertrag von Personen, die kinderlos geblieben waren. Solche Transaktionen berührten das Devolutionsrecht der Krone, nach dem herrenloser Landbesitz in den Besitz der Herrscherfamilie überzugehen hatte. Schließlich waren alle diese Besitzungen mit Schuldforderungen und Abgabenverpflichtungen aus mehreren Jahrhunderten belastet, deren Abgeltung oder Übernahme in dem auch damals schon umfangreichen Dschungel rechtlicher Bestimmungen jahrelang steckenbleiben konnten. In den Erblanden wurden in Staatshand befindliche Güter mittels Versteigerung veräußert. Hier war es nützlich, die Anbote oder Voranzahlungen der Mitbieter rechtzeitig zu kennen, um sie überbieten zu können.

Zur Bewältigung all dieser Schwierigkeiten war es äußerst hilfreich, auf das Wohlwollen eines oder mehrerer einflußreicher Mitglieder der Staatsverwaltung zählen zu können. Seinen Gönner fand Georg Sina in der Gestalt des Hofkammerpräsidenten Joseph von Eichhoff, mit dem ihn eine geheimnisvolle Freundschaft verband. Die umfangreichsten Grundkäufe der Sinas fielen daher in die Zeit der Präsidentschaft Eichhoffs, in die Jahre 1834-1840. [67]

Mit seiner Hilfe – Eichhoff war damals noch nicht Präsident der Hofkammer, aber bereits der wichtigste Mann nach dem damaligen Präsidenten – erwarb Georg Sina 1833 die Religionsfonds-Herrschaft Mauerbach und die Staatsherrschaft Fahrafeld. Bei Mauerbach hatte Sina einen prominenten Konkurrenten: Kaiser Franz hätte diese Herrschaft nämlich selbst gerne gekauft. Er hätte 250. 000 fl. dafür bezahlt, Sina überbot ihn um 60. 000 fl. und erhielt den Zuschlag. Es ist anzunehmen, daß Eichhoff Sina rechtzeitig informierte, daß angesichts der Stellung des Mitbieters ein deutlich höheres Angebot vonnöten sei.

Es folgten 1835 die Kameral-Ortschaften Orczidorf (Orţişoara, Rum.) und Kalacsa (Călacea, Rum.) im Temeser Banat. Hier wurde von Eichhoff nach Ende der Bewerbungsfrist die Person, die den bis dahin höchsten Preis geboten hatte, unter einem Vorwand zurückgestellt und das noch höhere Angebot Sinas angenommen.

Im gleichen Jahr kaufte Georg Sina Trentschin und Bán (Banovce nad Bebravou, Slow.) im Komitat Trentschin und Brumov in Mähren sowie diverse Häuser in Preßburg mittels eines Leibrenten-Vertrages vom kinderlosen Grafen Stephan Illésházy. „Stephan, als letzter männlicher Sproß der Familie, mußte seine drei Schwestern bar auszahlen, dadurch wurden die Besitzungen nochmals beträchtlich belastet.“ Er verkaufte die Güter an Sina um 1,5 Millionen Gulden, wovon ihm nach Abzahlung der Schulden zuwenig übrig geblieben wäre, um ein standesgemäßes Einkommen zu erhalten. Sina verpflichtete sich zur Zahlung von 34. 000 fl. CM jährlich, wovon 10. 000 an die Person Illésházys gebunden waren, 24. 000 an einen Fonds, aus dem seine Frau eine Rente beziehen und etwaige Kosten für das letzte im Besitze Illésházys verbliebene Gut, Karva, bestritten werden sollten. Dafür erhielt Sina das gesamte nach dem Verkauf noch verbliebene Bargeld in Verwahrung. Für die Preßburger Häuser bedung sich Illésházy ein lebenslängliches Nutzungsrecht.

Sina hatte Glück: Stephan Illésházy starb drei Jahre später. Wie lange die Witwe lebte und das Bankhaus noch in den Fonds einzahlen mußte, ist unbekannt.

Es ist anzunehmen, daß die Bedingungen des Verkaufes für Illésházy unvorteilhaft waren, daß er aber keinen anderen Käufer fand, der eine so hohe Summe auf einmal aufbringen konnte.

Mit dem Erwerb dieser Trentschiner Güter besaß die Familie Sina einen großen Teil des Komitates. Diese Besitzungen bildeten den einen Schwerpunkt ihres ungarischen Besitzes, der andere befand sich im Banat. In den folgenden Jahrzehnten bemühte sich Georg Sina auch, diese Herrschaften durch kleinere und größere Grundstückskäufe zu ergänzen und zusammenhängende Territorien zu schaffen. In den 40-er Jahren folgte noch eine Reihe von Grundkäufen in Westungarn und in der Nähe von Pest.

Ebenfalls 1835 erwarb Georg Sina Mislibowitz in Mähren vom Grafen Joseph von Taaffe. Er zahlte einen Teil des Kaufpreises bar, den Rest schrieb er auf das Konto gut, das Taaffe bei ihm hatte und über welches er seine Zahlungen abwickeln ließ.

1837 erwarb Sina die Religionsfonds-Herrschaft Wellehrad in Mähren.

1840 leitete Eichhoff den bis dahin größten Gutserwerb Georg Sinas ein, den der Religionsfonds-Herrschaft Podiebrad in Böhmen. Die Fläche dieser Herrschaft umfaßte mehr als 1,5 Millionen Katastraljoch. Auch hier hatte Sina einen sehr prominenten Konkurrenten: Neben vielen anderen Bewerbern meldete ein Herzog von Sachsen-Coburg beim Kaiser selbst Interesse am Kauf des Gutes an. Eichhoff sorgte dafür, daß das Ansuchen so lange nicht beantwortet wurde, bis die Versteigerung abgeschlossen war und Sina mit dem höchsten Angebot von 1,634. 050 fl. CM als Käufer feststand. Dann folgte eine Überraschung für die Organisatoren des Verkaufes, vielleicht nicht für Eichhoff selbst: Einen Tag, nachdem Sina angekündigt hatte, den Preis des Gutes sofort und in bar zu zahlen, meldete er, daß er unter dieser Barzahlung eine Schuldenstreichung bei der Gefällsverwaltung begriff, bei der er ein Guthaben von über 2 Millionen Gulden für Lieferungen ungarischer Tabakblätter stehen hatte. Die Staatsgüterverwaltung möge sich bei der Gefällsverwaltung bedienen. Auch dieses Ansuchen genehmigte Eichhoff sofort. Die böhmische Landtafel forderte die ihr zustehenden Gebühren ein, die ihr die Gefällsverwaltung offenbar nicht überweisen wollte. Dann erfolgte der Rücktritt Eichhoffs. Sein Nachfolger Kübeck, der den Verkauf an Sina sichtlich mißbilligte, aber nicht mehr rückgängig machen konnte, unterstützte die Forderung der böhmischen Landesverwaltung. Wegen dieser Summe und wegen Schulden, die die Bauern des Gutes bei der Staatsverwaltung hatten, zog sich der endgültige Vertragsabschluß bis ins Jahr 1848.

Mit dem Abgang Eichhoffs fanden die Grundkäufe aus Staatsbesitz ein Ende, von da ab gingen die Herrschaften ausschließlich von Privaten in den Besitz des Bankhauses über.

2.3. Erweiterung und Ergänzung. Nützliche Konkurse

1842 erwarben die Sinas Charlottenburg (Charlotenburg, Rum.), Kevermes (heute Ungarn, Komitat Csanád), Vizes (Vodnik, Rum.), Blumenthal (Maşloc, Rum.) und Fibis (Fibiş, Rum.) im Temeser Banat von Péter Thököly, dessen Frau eine Verwandte der Frau von Johann Sina war. Diese Güter waren, aufgrund der komplizierten Besitzverhältnisse in Ungarn und gerade im Banat, nie völlig in den Besitz Thökölys übergegangen. Aber als die Beamten der Hofkammer dies 10 Jahre nach dem Verkauf bemerkten, war die Sache schon verjährt und Sina konnte in seinem Eigentum nicht mehr angefochten werden.

1843 kaufte Georg Sina Missen (Omšenie, Slow.) im Komitat Trentschin und Baracska [68] von Simon von Bossányi.

1844 folgte Rossitz in Mähren von Joseph von Ugarte um 1,062. 000 fl.; Eichhorn, ebenfalls in Mähren, von einem Grafen Wasa; Simongát (bei Kaposvár) von Hunyadi; und Szent-Miklós (Fertőszentmiklós) in Westungarn um 700. 000 fl. von Stephan Széchenyi, der das Gut als Vormund seiner Stiefkinder, der Grafen Zichy, verwaltete. Da der Grundbesitz in Ungarn rechtlich nicht eindeutig bestimmt war und unzählige Verwandte Anspruch auf das Gut erhoben, gestaltete sich der Kauf kompliziert und zog sich über mehrere Monate hin.

1845 erwarb Sina Ercsi in Ungarn (Komitat Fejér) von den Grafen Eötvös. Dieses Gut gelangte aus der Konkursmasse von Ignácz Eötvös in den Besitz Georg Sinas. Der Nachlaßverwalter strengte gegen die Gläubiger einen Prozeß an, konnte aber den Verkauf der Herrschaft an Sina nicht verhindern.

1846 oder vorher kaufte Georg Sina von Erzherzog Karl Leopoldsdorf in Niederösterreich. Ebenfalls um diese Zeit Féregyház (Firiteaz, Rum.), von einem Ehepaar Koits.

1847 erwarb er Nagy und Magyar Atád in Somogy von Emanuel Zichy-Ferraris., und im gleichen Jahr Kajmád (Tolna) von einem Grafen Friedrich Bombelles. sowie Béba (Beba Veche, Rum.) von Károly Batthyány um 857.000 fl. CM und 5000 Dukaten.

Georg Sina erwarb zwischen 1826 und 1832 über Verträge auf Rittberg (Tormac, Rum.) von einem Fürsten Rohan., das er aber erst endgültig 1848 von dessen Erben Péchy um 300.000 fl. und 5000 Dukaten.

Um 1849 herum ging das Gut Bellatincz (Bellatinc, Slowenien) in den Besitz der Sinas über, die mit den vorherigen Besitzern verschwägert waren.

Hatvan und Gödöllő in Ungarn fanden 1851 auf gerichtlichem Wege aus der Erbmasse des Fürsten Grassalkovich ihren Weg in den Besitz des Bankhauses. Der letzte Grassalkovich war 1841 gestorben und hatte bereits zu Lebzeiten einen Konkursprozeß auf dem Hals gehabt. Er war einer der berüchtigtsten Kreditschwindler und Schuldenmacher der Monarchie gewesen, und die Abwicklung der Erbschaft zog sich daher über mehr als 10 Jahre hin. Grassalkovich war nicht bei Sinas verschuldet gewesen, sondern bei dem Bankhaus Arnstein & Eskeles, auf deren Aktiva Sina durch seine Stützungsaktion 1848 ein Vorrecht besaß.

Mit Gödöllő erwarb Georg Sina ein Gut von über 3 Millionen Katastraljoch vor den Toren Pests. Er soll angeblich Pläne gehabt haben, den Anbau auf den Gründen von Gödöllő zu modernisieren und sich durch die Belieferung der Stadt mit Lebensmitteln eine neue Einnahmequelle zu erschließen. Ähnliche Pläne dürfte er für die ebenfalls in der Nähe der Hauptstadt gelegenen Herrschaften Érd und Ercsi gehabt haben. Es ist bezeichnend für die kaufmännische Kalkulation Georg Sinas, daß er nicht wie Kossuths Ungarische Handelsgesellschaft Raps nach Belgien und Wein nach Brasilien verkaufen, sondern sich auf die vor der eigenen Haustür befindliche Kaufkraft konzentrieren wollte.

Es ist aber – vermutlich wegen Georg Sinas Tod – allem Anschein nichts aus diesen Plänen geworden und Gödöllő wurde in den 60-er Jahren an eine belgische Bank verkauft.

Im gleichen Jahr und auf ähnliche Weise erwarb das Bankhaus Sina Dalleschitz, Slawetitz und Waltsch in Mähren. Auch diese Güter waren eine Bürgschaft für Kredite, die ihre letzten Besitzer beim Bankhaus Arnstein & Eskeles aufgenommen hatten, und auch sie gingen als Folge der seinerzeitigen „Rettungsaktion“ von 1848 in den Besitz des Bankhauses Sina über. [69]

2.4. Nutzung und Verwaltung

Zumindest auf den ungarischen Gütern wurden zu Lebzeiten Georg Sinas diejenigen Produkte erzeugt, die auch den Schwerpunkt seiner Handelstätigkeit bildeten. Simon Sina bezog sich 1856 in einem Rundbrief auf die auf den meisten ungarischen Gütern betriebene Schafzucht und ordnungsgemäße Klassifizierung der Wolle. Auf den Banater Gütern siedelte Georg Sina viele Tabakpflanzer an. In mehreren ungarischen Städten unterhielt er ausgedehnte Lagerräume für die von ihm angekauften Tabakblätter.

Das ständig anwachsende Imperium von Besitzungen wurde von einem Heer von landwirtschaftlichen Angestellten, Verwaltern und Inspektoren betreut. Georg Sina unternahm regelmäßig Reisen, auf denen er seine Güter persönlich inspizierte und die nach seinen Anweisungen geführten Bücher akribisch prüfte. Für alle Güter erließ er jährlich „Instruktionen“, in denen die Pflichten der Gutsverwaltungen festgelegt wurden. Diese Instruktionen waren damals üblich, auch sein Sohn versendete sie jährlich. Im Unterschied zum Vater scheint er sie aber nicht selbst verfaßt zu haben, sondern dieses Geschäft vollständig seinen Angestellten überlassen zu haben.

Zu Lebzeiten Georg Sinas geschah kaum etwas, wozu er nicht persönlich seine Einwilligung gegeben hätte. 1839 erteilte der Großbankier und Großgrundbesitzer, der den Staat kreditierte und die Kettenbrücke finanzierte, seinem Gutsverwalter schriftliche Anweisungen, wie eine desolate Gartenlaube zu reparieren sei: mit „Rutengeflecht, … dort, wo sie noch einer Ausbesserung fähig ist, mit möglichst wenigen Kosten.“

Wahrscheinlich bis 1856 wurden die Besitzungen zentral verwaltet. Der in einem Buch über die Zuckerraffinerie erwähnte Eduard Egan war 1848 nicht nur Verwalter von Szentmiklós, sondern „Güter-Inspektor“ aller Sinaschen Güter in Ungarn. Daraus ist ersichtlich, daß diese Güter ungeachtet der etwaigen Aufteilung zwischen den Familienmitgliedern zumindest bis 1848 einer gemeinsamen Verwaltung unterstanden.

Der letzte Sina, Simon, betrachtete offensichtlich den Grundbesitz nicht mehr als Geschäftsmittel, sondern als Einkommensquelle, die seine privaten Ausgaben irgendwie decken sollte. Er nahm 1858 bei der Nationalbank einen Kredit von 9 Millionen fl. Bankvaluta auf, mit dem er 23 Güter hypothekarisch belastete. Die Vertreter der Nationalbank erwähnten die Berücksichtigung des Grundsatzes, „daß die Nationalbank nur bis zur Hälfte des nachgewiesenen Wertes der Hypothek ein Darlehen gewähre.“ Diese Güter, die aber noch nicht den gesamten Grundbesitz Simon Sinas ausmachten und den seines Onkels nicht erfaßten, wurden also damals auf mindestens 18 Millionen fl. geschätzt.

Die Abrechnungen für die Güter der Sinas bieten ein anschauliches Beispiel dafür, daß die Bauernbefreiung hauptsächlich die Grundherrn von Lasten und Hindernissen bei der Bewirtschaftung ihrer Güter befreite: Allein für die Trentschiner Güter stiegen die Reinerträge von 1855-1875 im fünfjährigem Durchschnitt von 67. 736 auf 151. 520 fl. pro Jahr. Dies, obwohl der Besitzer nie seinen Fuß auf diese Güter gesetzt hatte: „Solche durchschnittlich günstigen Resultate verdienen um so mehr Anerkennung, als der bisherige Gutsherr sich sehr wenig um das Nähere der Verwaltung kümmerte, ja die Güter nicht einmal in Augenschein genommen hatte.“

Auch ein weiteres Moment der Grundablösung läßt sich an den Sinaschen Besitzungen studieren: der Kampf, der zwischen den Grundherren und den Bauern um das Land und seine Früchte ausbrach. Dieser Kampf wurde noch durch die auch nach der Grundentlastung weiterbestehenden gemeinsamen Nutzungsrechte für Weiden und Wald angeheizt. Die Güterverwaltungen führten jahrzehntelang Prozesse um „die Rückgabe besetzter Höfe“, „um die Festlegung der Grenzen und Abtrennung der Weiden“, „Ersatz für Waldschäden“, „Besitzstörung des Waldes“, „Rückgabe gepachteter Kurial-Gründe“, „Zahlung der Abgaben für eine Mühle“, „Anerkennung der Rechte auf Urbarial-Holz“, „besetzte Grundstücke und Regelung der Nutzungsrechte“, schließlich um den „Aufkauf der Remanencia“. [70] Der letzte Rechtsstreit zwischen den Sina-Erben und einer Gemeinde wurde 1911 abgeschlossen.

Bei diesen Prozessen um besetztes Land, gestohlenes Holz usw. gerieten die Grundherren auch oft in Konflikt mit der Kirche. Erstens weil sie selber Grundherr war, zweitens weil viele der abzulösenden Bauern-Grundstücke mit Verpflichtungen gegenüber der Kirche belastet waren. Ein großer Teil der Prozesse wurde gegen Pfarren geführt, über viele Jahre zogen sich Rechtsstreitigkeiten mit dem Bischof von Nitra hin.

VII. Die Macht des Staates und die Privatmacht des Geldes: Georg Sina als Direktor der Nationalbank

Georg Sina war von 10.2. 1825 [71] bis 1849 Direktor, von 1849 bis zu seinem Tod 1856 Vize-Gouverneur der Nationalbank. [72] Während der Gouverneur der Nationalbank ein von der Regierung eingesetzter hoher Staatsbeamter war, hatte den Posten des Stellvertreters immer einer der großen Bankiers innegehabt. Von 1825 bis 1831 war dieses ehrenwerte Institut sogar ohne Gouverneur ausgekommen, der Vize-Gouverneur Melchior Steiner (der Chef eines 1841 in Konkurs gegangenen Bankhauses) und der Direktor Bernhard Eskeles hatten abwechselnd den Vorsitz innegehabt.

Mit Ausnahme Rothschilds saßen beinahe alle wichtigen Bankiers des Vormärz in der Direktion der Nationalbank. Hier zeigte sich das Wechselspiel von Staats- und Privatinteresse am deutlichsten.

1. Der Bankschatz

Bei der Gründung der Nationalbank 1816 war der Gedanke Pate gestanden, eine ungehemmte Papiergeldausgabe, wie sie während der Napoeonischen Kriege stattgefunden hatte, zu verhindern. Die Statuten der Nationalbank waren – ungeachtet aller Abänderungen – dem widersprüchlichen Ideal des gedeckten Kredites verpflichtet: Jede ausgegebene Banknote sollte auf einem realen Wert beruhen. Zusätzlich wurde eine eigene Kasse, der Tilgungsfonds, eingerichtet, um die alten Geldscheine – Einlösungs- und Antizipationsscheine, die sogenannte Wiener Währung (WW) – aufzukaufen, damit schließlich nur mehr die „soliden“ Banknoten der Nationalbank im Umlauf bleiben sollten. Diese Unterscheidung äußert sich auch darin, daß verschiedene Politiker des Vormärz die Bezeichnung „Papiergeld“ immer nur für ältere, von der Finanzverwaltung direkt herausgegebene oder herauszugebende Geldscheine verwendeten, im Unterschied zu den „Banknoten“ der Nationalbank, die sie offenbar nicht als Papiergeld betrachteten. [73]

Die eingezogenen älteren Scheine wurden bis in die 20-er Jahre in regelmäßigen Abständen öffentlich verbrannt. [74] Diese kleinen Autodafés sollten ebenfalls den Respekt vor den Banknoten der Nationalbank erhöhen: Seht her, das unsolide Teufelszeug wird vernichtet, es bleibt nur mehr richtiges Geld im Umlauf.

Die Vorstellung, daß ein Kredit durch den Gläubiger gedeckt sein soll, ist zunächst in sich selbst widersprüchlich: Sobald eine Bank oder ein Privater Kredit gibt, so gibt er Zahlungsmittel aus der Hand – ob in Münzen oder Banknoten. Er hat es dann selbst solange nicht mehr, bis er es vom Schuldner zurückerhält. Die Vorstellung, die genau gleiche Summe, die der Gläubiger gerade verborgt hat, müßte gleichzeitig bei ihm als Deckung des Kredits im Tresor verbleiben, nötigt zur Schatzbildung und verbietet genaugenommen jeden Geldverleih.

Mit diesem Widerspruch ging und geht bis heute die Finanzpolitik so um, daß sie ein Deckungsverhältnis festlegt. Dieses wird rein willkürlich festgesetzt. Darüber, ob 1:6 oder 1:50 als Verhältnis von Bankschatz und Umlaufmittel die Solidität einer Währung verbürgen, läßt sich solange gelehrt streiten, als niemand diese Währung – bzw. im Falle einer einzelnen Bank ihre Zahlungsfähigkeit – in Frage stellt. Bei einem Run auf ein Geldinstitut muß jedes, gleich ob privat oder staatlich, früher oder später die Auszahlung einstellen und ihre Zahlungsunfähigkeit einbekennen.

Bezüglich der Deckung bestand eine gewisse Zweideutigkeit: Als Bankschatz im strengen Sinne galten nur Silberbarren oder geprägtes Münzgeld. Sina erklärte sich einmal für die Barrenform als die geeignetere: „Man wisse dann allgemein, daß es (= das Silber) in der Bank liegt, das gewährt Beruhigung und beseitigt unliebsame Ansprüche an fein geprägtes Geld.“ Das „allgemeine Wissen“ bezog sich auf die 1848 eingeführte Praxis, die Aktiva und Passiva der Nationalbank monatlich zu veröffentlichen, um durch Transparenz das Vertrauen in die Banknoten wiederherzustellen. Dieses Beruhigungsmittel hatte oft den gegenteiligen Effekt: Die Bilanzen der Bank erhöhten eher das Mißtrauen in die Banknoten und lösten bei vielen Bürgern ein starkes Bedürfnis nach Einwechslung in wirkliches Geld, also in klingende Münze, aus. Um dem einen Riegel vorzuschieben, empfahl Sina die Barrenform.

Aber auch die bei der Bank deponierten Wechsel – im Wechselescompte – und Pfänder – in der Darlehensabteilung – berechtigten die Nationalbank zur Ausgabe von Banknoten, galten also auch als Deckung.

Die Bestimmung, daß die ausgegebenen Banknoten in einem Verhältnis zum Bankschatz stehen müßten, zielten auf eine Beschränkung des Notenumlaufes. Wenn unter diesem Bankschatz nur Silber- oder Goldmünzen verstanden worden wären, so wäre diese Bestimmung in der Tat die echte Beschränkung der Notenausgabe gewesen, als die sie stets vorgestellt wurde. Als Deckung figurierten aber außerdem die kommerziellen Wertpapiere und die Schuldverschreibungen der Hofkammer. Der Finanzbedarf der Staatsverwaltung wurde also über die Diskontierung dieser Schuldzettel durch die Nationalbank in gleichem Ausmaß beschafft, als ob die Hofkammer die Banknotenpresse selbst in Betrieb gesetzt hätte. Für die Buchführung der Nationalbank galt die Diskontierung dieser Schuldverschreibungen aber als Eingang und der dafür verrechnete Diskontsatz als Einnahme. Sie hatte daher von ihrem eigenen Interesse, Gewinne zu erwirtschaften, keinen Einwand gegen die Annahme dieser Papiere.

Der Umstand, daß die Finanzverwaltung ihre eigenen Prinzipien nicht ernst nahm und mit ihren Schuldenzetteln unterlief, ermöglichte erst das Funktionieren einer geregelten Banknoten-Zirkulation. Wenn der Wirtschaft nämlich plötzlich Umlaufmittel entzogen worden wäre, nur weil der Münzschatz der Nationalbank abgenommen hatte, so hätte dies für Unternehmer, Kaufleute und alle von deren Gedeihen abhängige Personen unabsehbare Folgen haben können. Der Bedarf der Wirtschaft an Umlaufmittel hängt nämlich von deren Konjunkturen, – dem Umfang der Produktion, der allgemeinen Zahlungsfähigkeit, der Geschwindigkeit des Händewechsels der Waren usw. – ab und steht in gar keinem Verhältnis zum Münz- oder Devisenschatz der Nationalbank.

Das erste Mitglied der Staatsverwaltung, das sich gegen diesen unernsten Idealismus der Solidität der Banknoten durch Deckung wandte, war Sinas Freund Joseph von Eichhoff. Über die Details seiner Kritik ist leider wenig bekannt, die vorhandenen Angaben sind widersprüchlich. [75] Es scheint, daß er überhaupt ein Gegner von staatlicher Kreditschöpfung war und eher darauf drang, die Einnahmen der Staatskasse zu erhöhen und ihre Ausgaben einzuschränken. Damit geriet er in Gegensatz zu denjenigen Institutionen, die die größten Belastungen des Staatshaushaltes verursachten, dem außenpolitischen Ressort und dem Hofkriegsrat.

Der Widerspruch zwischen Theorie und Praxis des Verhältnisses von Bankschatz zu Umlaufmittel ergab sich aus dem Umstand, daß die Nationalbank eben kein unabhängiges Institut war, welches sich nach dem Gutdünken ihrer Leiter der Finanzpolitik widmen konnte, sondern daß sie zur Befriedigung der Finanzbedürfnisse des Staates herhalten mußte – wie jede Nationalbank.

Wenn eine Krise im Finanzsektor auftrat – die immer eine Krise der Staatsmacht war –, so besann sich die Finanzverwaltung auf ihre eigenen Prinzipien, auf das Ideal der Deckung des umlaufenden Papiergeldes, und drang darauf, die Menge der Banknoten zu beschränken oder den Münzschatz zu erhöhen. Dabei ist z.B. einem neueren Chronisten der Nationalbank der Umstand bekannt, daß die Krisen der Staatsmacht ihren Ursprung nicht im Finanzsektor haben, daher auch mit finanzpolitischen Mitteln nicht zu bekämpfen sind: „Auf den Schlachtfeldern von Solferino und Magenta gingen alle finanziellen Vorteile wieder verloren …“ [76] Auch ein Politiker des Vormärz wußte, daß der Kredit durch die Staatsmacht befestigt wird und nicht umgekehrt: „Sehen sie, das Kreditsystem bewährt sich nicht. Im Frieden hat man Kredit, ohne ihn zu brauchen, und im Kriege braucht man ihn, ohne ihn zu haben.“ [77] Er vergaß, etwas Wesentliches hinzuzufügen: In verlorenen Kriegen. England im 19. Jahrhundert [78] oder Amerika im 20. dienen als Beispiele dafür, wie gewonnene Kriege den staatlichen Kredit beflügeln.

Georg Sina bekämpfte wiederholtermaßen die Idee und Praxis des Verhältnisses von Deckung zu Umlaufmittel als – ohnehin notwendigerweise immer sehr kurz währende – Aufhäufung von ungenütztem Geld in den Tresoren der Nationalbank. [79] Zunächst sträubte sich dagegen wohl sein kaufmännischer Verstand: Geld, das in Truhen oder Sparstrümpfen herumliegt, wird nicht in die Zirkulation geworfen, kann daher nicht „arbeiten“, bringt keinen Gewinn und vermehrt sich daher nicht. Es ist als bloßer Schatz totes Kapital.

Darüberhinaus war für ihn nicht zu übersehen, daß die Pflege des Bankschatzes immer dann in den Vordergrund gerückt wurde, wenn das Volk bereits die Einwechslungskassen stürmte und es sich absehen ließ, daß die Einlösbarkeit der Banknoten bald aufgekündigt werden müsse. Der Bankschatz mußte also immer als letztes und untaugliches, weil rein ideelles, Rettungsmittel einer ins Strudeln geratenen Währung herhalten. Allerdings nur theoretisch, in Debatten und Verordnungen, die dann nicht eingehalten wurden: Sina „könne sich hierbei nicht verhalten zu bemerken, daß wenngleich … neue Bestimmungen in den wichtigsten Punkten, als: Verhältnis des Münzschatzes zum Notenumlauf usw. aufgestellt werden, demnach ihre genaue Einhaltung nicht als verbürgt angesehen werden kann.

Die Erfahrung der letztverflossenen Jahre habe deutlich genug gezeigt, wie die in den alten Statuten ... vorgezeigten Grenzen durch den Drang der Umstände und in Folge der unabweislichen Bedürfnisse des Staates überschritten werden mußten.“ [80]

Als der Kurs der österreichischen Banknoten gegenüber dem Silbergeld und gegenüber den ausländischen Währungen immer mehr abnahm, stand wieder einmal die Debatte um das Verhältnis von Banknoten zu Münzschatz an: Sina wies darauf hin, daß das Verhältnis von Münzschatz zu Banknoten 1840 viel schlechter gewesen sei, während die Kurse stabil blieben, und drückte damit seine Zweifel daran aus, ob dieses Verhältnis irgendetwas mit Kursstürzen zu tun habe. Er wußte eben auch, daß es darauf nicht ankam, sondern auf „Siege österreichischer Armeen“ und eine „glückliche Beilegung der Wirren“. [81]

Der Bankschatz erhielt in den Krisenjahren 1848/49 noch eine andere Bedeutung für die Regierung: Münzgeld war im Unterschied zum nur im Inland zirkulationsfähigen Papiergeld Weltgeld und unabdingbar für alle Zahlungen ans Ausland. (Die eigenen italienischen Provinzen wurden übrigens wie Ausland betrachtet und behandelt.) Während die Staatsverwaltung ein Münzausfuhrverbot [82] für Private verhängte, versuchte sie selbst, ihre eigenen Auslandszahlungen in Silbermünze abzuwickeln. [83]

Das Festhalten der Staatsverwaltung und der Nationalbank am Bankschatz hatte seinen gewichtigsten Grund in der behaupteten Parität zwischen Münze und Papiergeld:

2. Die Konvertibilität der Banknoten

Während der Napoleonischen Kriege war für das Papiergeld der Zwangskurs eingeführt worden. Das heißt, daß die Verweigerung der Annahme von Papiergeld unter Strafe gestellt wurde, aber auch, daß Ämter und Behörden das Papiergeld als Zahlungsmittel annehmen mußten. Dies hatte zur Folge, daß das kommerzielle Treiben der Bevölkerung sich stark reduzierte und die Versorgung mit den Gütern des täglichen Bedarfs nur mehr über den Schwarzmarkt stattfand, wo Münzgeld oder andere reale Werte als Zahlungsmittel gefordert wurden. Das Ergebnis für die Staatskasse war ernüchternd: Alle Einnahmen durch Steuern, Zölle und Abgaben verringerten sich, diejenigen, die noch hereinkamen, wurden auch nur mehr in den eigenen entwerteten Papierzetteln geleistet, die im In- und Ausland keiner haben wollte.

Um wieder einen geregelten Warenverkehr und eine halbwegs funktionierende Geldwirtschaft einzurichten, wurde der Zwangskurs aufgehoben und die Banknoten der Nationalbank als der Leitwährung, dem Konventionsgulden, gleichwertig erklärt – mit dem Recht auf jederzeitige Einlösung bei den entsprechenden Kassen der Nationalbank. Das war als vertrauensbildende Maßnahme nach den Jahren der Inflation – der ersten Inflation in der Habsburgermonarchie – sicherlich notwendig. Das Vertrauen in das neue Papiergeld, die Banknoten der Nationalbank, muß aber bei der Gewährung einer solchen Einlösbarkeit bereits vorhanden sein: Wird nämlich der Beweis tatsächlich eingefordert, stürmen also alle Papiergeldbesitzer die Kassen, so läßt sich die Konvertierbarkeit nicht aufrechterhalten.

1816 war Österreich Siegermacht nach einem langwierigen Krieg, es war federführend bei der Neuordnung Europas und hatte seinen alten Glanz als Großmacht wiedergewonnen. Deswegen wurde die Parität zwischen den Geldarten geglaubt und das Papiergeld anstandslos angenommen.

Wurde das Vertrauen in die Währung erschüttert, verlangte die Bevölkerung die Einwechslung ihrer Banknoten in klingende Münze, so war das Ende vom Lied immer die Aufhebung oder zumindest Einschränkung der Konvertibilität, was das Mißtrauen gegen das Papiergeld noch zusätzlich erhöhte. Es zeigte sich, daß die Regierung mit der Gewährung eines dualen Geldsystems [84] und mit dem Versprechen auf Konvertibilität ihre währungstechnischen Ziele nur bedingt erreichte.

Die Umwechslung der Banknoten wurde 1848 zwar nicht gänzlich eingestellt, aber stark eingeschränkt: Die Höchstsumme pro Person wurde auf 25 Gulden festgesetzt, gleichzeitig der Zwangskurs verkündet. [85] Sina, der – wie auch die übrigen Direktoren der Nationalbank – unbedingt die Umwechslung der Banknoten aufrechterhalten wollte, riet noch zusätzlich zu kürzeren Öffnungszeiten und möglichster Verschleppung des Umtauschvorganges durch die Kassabeamten. [86] Er wies auch gesondert darauf hin, daß diese Einschränkungen der Erhaltung des Bankschatzes und damit der Silberreserven im Lande dienten und „nicht so, wie es das Finanzministerium … andeutet, lediglich als Begünstigung für die Bank anzusehen, sondern als unerläßliche Notwendigkeit und im Interesse der Staatsverwaltung selbst “ zu betrachten seien. [87]

Das Vertrauen in die Währung wurde durch dergleichen Tricks nicht wiederhergestellt, das Agio bestand weiterhin. Die Staatsfinanzen erholten sich auch in den 50-er Jahren nicht, und die vollständige Konvertibilität wurde nicht wieder eingeführt.

3. Das Wechselescompte

Die zweite Quelle der Vermehrung des Bankschatzes durch Schulden – neben den Kassa-Anweisungen der Hofkammer – waren die Sola-Wechsel der großen Bankhäuser. Sie erreichten es im Vormärz und auch noch nachher, [88] daß die Diskontierung von Wechseln ihr beinahe ausschließliches Privileg blieb. Für andere Inanspruchnehmer des Wechselescomptes galt, daß sie erstens in Wien ansässig sein mußten und zweitens einen sehr beschränkten Kreditrahmen erhielten. Der Rest der Handels- und Bankhäuser Österreichs konnte seinen Kreditbedarf dann nur noch über die Darlehensabteilung der Nationalbank decken, gegen Erlegung eines Pfandes, zu einem höheren Zinsfuß und außerdem nach ausdrücklicher Genehmigung der Direktion.

Mit dieser Quasi-Beschlagnahme des Wechselescomptes schlugen die Großbankiers zwei Fliegen auf einen Schlag: Sie verschafften sich selbst Kredit zu günstigen Konditionen, d.h., zu einem niedrigen Zinssatz von 4%. Und sie verpflichteten zweitens die Mehrheit der kreditsuchenden Kaufleute, ihre Wechsel – selbstverständlich zu einem höheren Diskontsatz – bei denjenigen privaten Bankhäusern zu diskontieren, die Zugang zum Wechselescompte der Nationalbank hatten.

Immer, wenn die Finanzverwaltung Währungspflege betreiben und zu diesem Zwecke die Menge des umlaufenden Papiergeldes beschränken wollte, so entdeckte sie das Wechselescompte der Nationalbank als Quelle der Geldvermehrung. [89] Das war in zweifacher Hinsicht konsequent: Erstens dienten die Wechsel der Bankhäuser als Deckung der Banknoten und verursachten Ausgabe derselben. Zweitens hatten die Schuldscheine der Hofkammer, die sich ebenfalls im Wechselportefeuille aufhielten, den gleichen Effekt. Begreiflicherweise sahen die Finanzpolitiker diesen Balken im eigenen Auge nicht und richteten ihre Mahnungen an die Privatbankiers.

Als die Direktion der Nationalbank 1840 die Summe der im Wechselportefeuille versammelten Wechsel von 33 Millionen Gulden als zu hoch empfand und über ihre Verringerung debattierte, machte Sina seinem Ärger über diese Diskussion Luft: „indem einige 30 Millionen für den Handelsverkehr der ganzen Monarchie, welche nur eine Bank habe, gewiß nicht überspannt erscheinen; überdies aber von den für die bereits bewilligten Bahnunternehmungen erforderlichen 54 Millionen Gulden nur ca. 1,5 bis 2 Millionen von der Bank ... angesprochen worden sind.“

Er bezog sich hierbei auf den Umstand, daß ein Teil der Kreditierung der Eisenbahnunternehmungen der Monarchie auch über das Wechselescompte stattfand. Dies erschien manchen Bankdirektoren als unzulässige Inanspruchnahme und sie wollten die Abweisung von Wechseln der Eisenbahnunternehmungen durchsetzen, mit der Begründung, sie spiegelten nicht den „wahren Bedarf der Wirtschaft“ wider. Dagegen Sina, der übrigens zu diesem Zeitpunkt für sein Unternehmen, die Wien-Raaber Bahn, das Wechselescompte fast nicht in Anspruch genommen hatte: Eisenbahnen seien doch wohl genauso wichtig als Wolle, Indigo oder Zuckerfabriken, ihre Kreditbedarf genauso „wahr ... und vielleicht noch weniger gefährlich … übrigens erscheine es beinahe lächerlich, dem Publikum von Seite der Bank vorschreiben zu wollen, in welche Gattung von Geschäften es sich einlassen soll und welche nicht, und sich hiedurch gleichsam zum Vormund der Privatunternehmungen aufschwingen zu wollen.“

Sina erklärte sich zum Schluß gegen jede Beschränkung und meinte, diese seit einem Jahr dauernd geführten Debatten über Beschränkung des Escomptes, der Darlehen, der Banknoten-Umlaufmenge etc. würden nur „mit Gewalt Angst und Furcht im Publikum hervorrufen“ und damit den Kredit der Bank untergraben, anstatt ihn zu befördern. [90]

4. „Gefahren“ für „den Staat, die Nation, die Bank“ [91]: 1848-49

Die Ernennung Georg Sinas zum Vize-Gouverneur erfolgte im April 1849. Die Stelle war seit dem durch seinen Konkurs bedingten Ausscheiden Geymüllers im Jahre 1841 unbesetzt gewesen. Der Bankgouverneur Lederer, schloß sich dem einstimmigen Antrag der Bankdirektoren, Sina in dieses Amt zu wählen, „mit der Bemerkung an, daß Freiherr v. Sina die Bedenken, welche er früher gegen die Annahme dieser Stelle erhoben hat, nunmehr aufgegeben habe und daß bei den ganz vorzüglichen Eigenschaften des Freiherrn v. Sina, bei der ausgezeichneten Stellung seiner Handelsfirma, seinen intellektuellen Fähigkeiten und seiner seltenen Welterfahrung“ [92] zweifelsohne kein Geeigneterer für dieses Amt gefunden werden könne.

Die vom Gouverneur erwähnten Bedenken Georg Sinas gegen die Annahme dieses Amtes gründeten sich wahrscheinlich auf die heftige Feindschaft zwischen ihm und dem Hofkammerpräsidenten Kübeck. Nach dessen Rücktritt 1848 und angesichts der bedrängten Situation der Regierung und der Nationalbank verschloß sich Sina dem Drängen der Staatverwaltung nicht länger. In seiner Antrittsrede bezeichnete er es als die wichtigste Aufgabe für die Nationalbank und daher auch für ihn, „die Parität zwischen Banknoten und Münze wiederherzustellen.“ [93] Das Papiergeld sollte also von der Bevölkerung als der Münze gleichwertig angesehen werden, das Agio für die Banknoten sollte verschwinden. An dieser Aufgabe scheiterte Sina, und übrigens auch seine Nachfolger für die nächsten Jahrzehnte: Von 1848 bis 1878 dauerte die „Epoche des Silberagios“, mit einer Differenz von durchschnittlich 20%. [94]

Im April 1849 lagen die österreichischen Staatsfinanzen im argen. In Oberitalien und in Ungarn hatten Aufstände die Oberhoheit des Kaiserhauses in Frage gestellt, die österreichische Regierung war damit beschäftigt, diese Gegenden zurückzuerobern. Das war in mehrfacher Hinsicht ungünstig für die Staatskasse:

  1. Ein Staat, der sein eigenes Territorium nicht im Griff hat, ist im In- und Ausland nicht kreditwürdig. Xxx xxxXXNiemand kauft seine Anleihen.
  2. blieben die Abgaben aus den umstrittenen Gebieten aus, weder Steuern noch Zölle noch Gebühren xxxxxxxflossen in die Staatskasse.
  3. mußten die Kriegszüge der Armee zur Niederschlagung der Aufstände finanziert werden.
    Das Verhältnis von Einnahmen zu Ausgaben war endgültig aus den Fugen geraten.

Von den drei Bankhäusern, die den Staatskredit die letzten Jahrzehnte hindurch gesichert hatten, war das eine, Arnstein & Eskeles, praktisch bankrott. Salomon Rothschild hingegen hatte offenbar noch die Worte seines Protektors Metternich im Ohr: „Holt mich der Teufel, so holt er sie auch“ [95] und hatte, um es nicht darauf ankommen zu lassen, ebenso wie jener sein Heil in der Flucht aus Österreich gesucht. Das Wiener Bankhaus wurde zwar von seinem Sohn weitergeführt, seine Aktivität war jedoch bis zur Beendigung des Bürgerkrieges gering.

Die Dienste der Nationalbank waren in dieser Situation gefragter denn je. Sie mußte für Rechnung des Staates, also auch als Kredit an ihn, Silber im Ausland ankaufen, vor allem für die Bestreitung der Kosten, die durch den Einsatz der Armeen in den aufständischen Provinzen entstanden.

Gleichzeitig war die Bank bemüht, ihren eigenen Münzschatz immer wieder aufzufüllen, um die Konvertibilität der Banknoten und damit das Vertrauen in sie aufrechtzuerhalten. Zu diesem Zweck mußte sie ständig Münzgeld an ihre Filialen in der Provinz schicken, auch in das gefährdete Triest und das der staatlichen Kontrolle teilweise gänzlich entglittene Ungarn. Die Geldsendungen nach Ungarn und Siebenbürgen – Buda, Temesvár, Herrmannstadt (Sibiu, Rumänien) – waren deshalb wichtig, weil die Nationalbank mit allen Mitteln versuchte, die eigenen Banknoten im Verkehr zu halten und gegenüber den Kossuth-Noten als einziges „richtiges“ Geld zu behaupten.

4.1. Die Kossuth-Noten

Am 8.6. war die Direktion der Nationalbank von der Absicht der ungarischen Regierung, eigene Banknoten auf die Beträge von 1 und 2 Gulden zu drucken, benachrichtigt worden:

… Sina erkannte in ganzem Umfange die schlimmen Folgen einer solchen Emission ungarischer Noten durch das dortige Ministerium und drückte die Besorgnis aus, daß es nicht bei 12,5 Millionen sein Bewenden haben werde, sondern daß man in der Summe der Noten-Emission immer weiter gehen und so die Österreichischen Noten nach und nach ganz aus Ungarn verdrängen werde, wo dermalen doch zwischen 30 und 40 Millionen im Umlauf sein dürften.

Wir müssen uns nicht täuschen ... auch in finanzieller Beziehung will sich Ungarn gänzlich von uns emanzipieren und trennen.

Die Bank muß sich diesfalls an den österreichische Finanzministerium wenden, muß wünschen und bitten, daß mit allem Nachdruck dahin gewirkt werde, diese Maßregel rückgängig zu machen, wenn möglich; es muß sich auf das Bank-Privilegium berufen; es muß gefragt werden, ob denn nach der neuen Verfassung Ungarns dem dortigen Ministerium das Recht zustehe, das Privilegium der Österreichischen Nationalbank offenbar zu verletzen.

Es muß alles aufgeboten werden, um eine solche Emission ungarischer Noten abzuwenden. [96]

Als dies nicht gelang und die Nationalbank im August 1848 erfahren mußte, daß Ungarn tatsächlich eigene Banknoten emittiert, ein Verbot für Münzausfuhr in die Erblande erlassen und die Annahme der österreichischen Banknoten von 1 und 2 Gulden verboten hatte, blieb Sina zuversichtlich: Wenn die Leute in Ungarn weiter die höheren Banknoten der Nationalbank – zu 50 oder 100 fl. – annehmen sollten, würden sie die kleineren auch nicht zurückweisen. [97] Er sprach sich deshalb auch dafür aus, trotz der bedrohlichen politischen Umstände die Bargeldbeträge bei den ungarischen Filialkassen der Nationalbank nicht zu reduzieren und alles zu unternehmen, um sie weiterhin im Umlauf zu halten. [98]

Nach der Einnahme Budas und Pests erhielt die Nationalbank im Mai 1849 die gesamten dort vorgefundenen Silbervorräte, 1 Million in Münze und Barren im Wert von 310.321 fl.CM., somit das „ganze Silberquantum, welches zur Deckung der eingezogenen ungarischen Noten zu 1 und 2 fl. vorhanden war“. [99] Die Nationalbank hätte diese Silbermenge dazu verwenden sollen, eigene Banknoten zu 1 und 2 fl. herauszugeben und gegen die Kossuth-Noten einzutauschen. Als die Bank jedoch das Geld erhielt, neigte sich das Kriegsglück gerade wieder auf die Seite des ungarischen Heeres und an ein Einziehen der Kossuth-Noten konnte nicht gedacht werden, sodaß diese Silbermenge zur Deckung anderweitiger Bedürfnisse eingesetzt wurde.

Als später die Kossuth-Noten aus dem Verkehr gezogen und durch Banknoten der Nationalbank ersetzt wurden, waren diese genausowenig durch Silber „gedeckt“ wie die übrigen im Umlauf befindlichen Geldscheine.

4.2. Kredite für Handel und Industrie

Weiters wurde die Nationalbank von Darlehensgesuchen praktisch aller Unternehmen Österreichs und der gesamten Welt des Handels bestürmt, deren Gewährung ebenso problematisch war wie deren Ablehnung: Jedes nicht gewährte Darlehen konnte eine Konkurswelle verursachen, die wiederum viele im Escompte oder der Depositenkasse der Nationalbank liegende Papiere entwertet hätte. Unternehmen wie die Nordbahn, die DDSG oder der Österreichische Lloyd wiederum waren von großer Bedeutung nicht nur für die Wirtschaft, sondern auch für das Militär und die Verwaltung und mußten unbedingt gestützt werden.

Außerdem barg die Abweisung eines Darlehens auch politischen Sprengstoff in sich. Wenn von einem Betrieb oder einem Erwerbszweig ein ganzer Landstrich abhing und deren Vertretern kein Kredit zur Fortsetzung der Produktion gewährt wurde, konnte das in dem von Aufständen erschütterten Land einen weiteren Unruheherd schaffen. Ähnliches stand zu befürchten, wenn den Vertretern eines Handelsgremiums, dessen Mitglieder das kommerzielle Leben in Städten wie Pest, Brünn oder Prag in der Hand hatten, der Kredit verweigert wurde.

Im August wurde die Nationalbank von der Staatsverwaltung ersucht, zur Dotierung eines Komitees für arbeitslose Handwerker eine halbe Million Gulden beizutragen. Die Direktion wollte zunächst davon nichts wissen, Sina bemerkte, „daß die Absicht gut sei, wenn sie zu realisieren möglich wäre, es sei aber nicht so, sondern verkehrt, man werde immer mehr bekehret; Paris liefere ein Beispiel, das Ideal scheint gut zu sein, was lehrt aber die Ausführung? Die neuen Theorien, welche vom 15. März datieren, haben die Krawalle erzeugt und stets vermehrt.“ [100]

Dieses Komitee bewährte sich tatsächlich nicht als Mittel zur Befriedung der aufgebrachten Massen, obwohl die Nationalbank schließlich den Kredit zur Verfügung stellte: 2 Monate später herrschte auch in den Straßen Wiens Aufruhr.

4.3. Der Kreditbedarf des Staates

Weil die Münzvorräte für den Bedarf der Regierung nicht ausreichten und um den Kredit der Nationalbank nicht zu stark in Anspruch zu nehmen, gab das Finanzministerium in den Jahren 1848 und 1849 eigene Zahlungsanweisungen heraus, mit denen sie Soldaten besoldete und Lieferungen an das Heer bezahlte, die sogenannten „Salinenscheine“, bei denen die Gmundner Saline als hypothekarische Sicherheit eingesetzt wurde; ferner „Anweisungen auf die Landeseinkünfte Ungarns“ und zu 3% verzinsliche „Kassaanweisungen“. Im August 1849 erwog sie schließlich eine „Verschmelzung“ dieser Kreditzettel zu einem einzigen „Zirkulationsmittel“. Sina erinnerte daran, daß damit ein zusätzliches Umlaufmittel geschaffen würde, der Staat den Banknoten der Nationalbank mit seinen eigenen Druckerzeugnissen Konkurrenz mache, „die üblen Folgen wären vorauszusehen.“ [101] Die Mahnung kam zu spät, denn es gab diese anderen Zirkulationsmittel ja bereits, die üblen Folgen ebenfalls: Diese zusätzlichen Geldersatzmittel trugen zum Mißtrauen der Bevölkerung gegen das Papiergeld, also auch die Banknoten, das ihrige bei: Sie bewiesen, wie einfach Papiergeld zu emittieren war und ließen es dadurch zweifelhaft erscheinen, daß diese Scheine wirklich den auf ihnen behaupteten Wert darstellten.

Die Regierung ersuchte aber auch bereits 1848 um Darlehen zur Bedeckung ihrer außerordentlichen Bedürfnisse. Im April erbat sich die Staatsverwaltung einen Kredit von 30 Millionen. Es folgten weitere Kredite gegen Kassaanweisungen, und Vorschüsse auf diese Kredite in Silbermünze, die die Nationalbank gegen ausländische Devisen, also Papiergeld anderer Staaten, im Ausland ankaufte. Für den Kauf dieser ausländischen Devisen verwendete sie natürlich ihre eigenen Banknoten, deren Wechselkurs gegenüber den ausländischen Währungen damals nicht so schlecht stand, weil auch diese von Unruhen erschüttert waren. Durch alle diese Manöver erhöhte sich natürlich Banknotenumlauf. Gleichzeitig nahm der Wert der Banknoten gegenüber dem Silbergeld ab, was sich an dem Agio zwischen den beiden Geldsorten feststellen ließ. Manche Direktoren befürchteten deshalb eine Wiederholung der Inflation zu Anfang des Jahrhunderts und drangen auf eine Einschränkung des Kredites der Staatsverwaltung. Dagegen wies Sina darauf hin, daß doch wohl die Staatsgewalt und deren Bestand die Grundlage und Voraussetzung der Nationalbank und der Banknoten sei, und nicht umgekehrt: Er deutete „umständlich die Verbindlichkeiten an, die der Staat jetzt und in nächster Zukunft zu erfüllen haben wird, wobei sich herausstellt, daß wenn er denselben nicht nachkommen könnte, unfehlbar die Staatsmaschine stille stehen und die Bank der Vorwurf treffen würde, die Hilfe, welche sie allein jetzt gewähren kann, in den Zeiten der höchsten Bedrängnis versagt zu haben.“ [102]

5. Der Liberalismus und seine Grenzen

Georg Sina vertrat als Direktor bzw. Vizegouverneur der Nationalbank die Positionen des klassischen Wirtschaftsliberalismus, demzufolge der Staat sich nach besten Kräften aus der Wirtschaft heraushalten solle. Einschränkungen aller Art behindern demzufolge das freie Spiel der Marktkräfte, und schaden schließlich auch dem Staat auf der Einnahmeseite, weil er aus seinen Wirtschaftssubjekten weniger Steuern erzielen kann. Diese Auffassung äußerte sich bei Sina – in seiner Eigenschaft als Nationalbank-Direktor – vor allem bei seiner Stellungnahme gegen eine Einschränkung der Geldmenge.

Das ist natürlich nur die eine Seite des liberalen Repertoires. „Ausmischung“ wird dort verlangt, wo staatliche Vorschriften eine Behinderung der unternehmerischen Tätigkeit verursachen. Andererseits ist die Einmischung des Staates sehr gefragt, wenn es darum geht, daß die eigene Staatsmacht ausländische Gewalten willfährig machen soll, um Handelsschranken zu beseitigen oder darum, daß der Staat finanzielle Hilfen wie Subventionen oder Kreditgarantien zur Verfügung stellen soll. Und schließlich war sich Sina auch bewußt, daß seine gesamten Unternehmungen darauf beruhten, daß die „Staatsmaschine“ funktionierte und die Oberhoheit über die von ihr beherrschten Gebiete behaupten konnte.

Dieser Liberalismus stand zu Zeiten Kübecks im Gegensatz zur staatlichen Auffassung, derzufolge das Privatinteresse eine ständige Gefahr für die staatlichen Interessen darstellte und die Privatsubjekte am besten vor jeder größeren Unternehmung bei ihm um Erlaubnis anfragen sollten. Die Position Sinas, und auch die mit ihm in vielen Punkten übereinstimmende seines Kollegen und Konkurrenten Daniel Eskeles waren aber auch von der Staatsführung immer dadurch anerkannt, daß ihnen ein gewichtiger Einfluß in der Leitung der Notenbank zugestanden wurde.

Wer in Fragen der Geldpolitik recht hatte, der Bankier oder die Hofkammer bzw. ihr Nachfolger, das Finanzministerium, wurde nie entschieden, – es läßt sich wahrscheinlich auch gar nicht entscheiden – denn letztlich spielte und spielt bei der Geldpolitik weder Liberalismus noch Monetarismus eine entscheidende Rolle, sondern – wie schon bei der Frage der Zölle – die Staatskasse. Im Vormärz und vor allem in den Jahrzehnten danach war sie für die gerade anstehenden Ziele der Regierung meistens zu dürftig ausgestattet. Die Politiker warfen dann alle vorher mit Vehemenz vertretenen finanzpolitischen Grundsätze über den Haufen und vermehrten die Geldmenge mit Kassenanweisungen, Schatzscheinen, Salinenscheinen und anderen Zahlungsanweisungen des Staates auf sich selbst. Etwas anderes waren und sind die Banknoten niemals. Daher sind sie immer so viel wert wie der Staat, der sie ausgibt.

Dessen Zahlungsfähigkeit und Kreditwürdigkeit ist dann wieder die Grundlage, aber nicht der Garant des Erfolges seiner Unternehmer. Oder umgekehrt?

Tabakpreise und der Verbrauch der Tabakregie 1818-1852

1. Preise

1818

Ungarische Blätter, pro Zentner und in CM: [103]
1. Einlösungspreise
in Debrecen: 10 fl. 55 kr.
in Szeged: 12 fl. 30 kr.
in Tolna: 10 fl. 4 kr.
2. inklusive Fracht bis Hainburg:
Debreziner: 16 fl.10 kr.
Szegediner: 16 fl. 4 kr.
Tolnaer/Fünfkirchner: 12 fl.6 kr.

1834/35

1. Pfälzer Tabak, pro Zentner und in CM:
Preisanbot Weikersheims für 1835: 16 fl. 31 kr.
Durchschnittspreis für Pfälzer Blätter nach einer Ausschreibung vom Oktober 1834: 17 fl. 13 kr.
Durchschnittspreis für Pfälzer Blätter nach einer Ausschreibung vom Dezember 1834: 19 fl. 25 kr.
Preisanbot und Vertragsabschluß Sinas für Pfälzer Blätter 1835: 17 fl. 33 kr.
Alle Preise inklusive der Fracht bis Wien und der Provision für den Händler.
2. Ungarische Blätter, pro Zentner:
Szegediner Blätter, Dezember 1834 25 fl.WW (=10 fl.CM)
inklusive Fracht bis Pest
„Im Debreziner Jahrmarkte“, also Debreziner Blätter, Dezember 1834: 22-23 fl.WW
(= 9 fl. CM)
Debreziner Blätter, Preise bei den Bauern in den Komitaten Bihar und Szatmár: 15 fl.WW
(= 6 fl. CM)
Ausstich-Blätter (besonders gute Qualität) im Komitat Szabolcs, Jänner 1835: 16 fl.WW
(= 6 fl.24 kr. CM)
(Alles Einkaufspreise der Händler bei den Pflanzern)
Verkaufspreise:
Anbot Samuel Österreichers an Gerson: Blätter „bester Qualität“: 13 fl. 12 kr.CM
mit Fracht bis Pest
Preis Moritz Ullmanns mit Fracht bis Hainburg: 24 fl.CM
Vom Hofkammer-Rat Gerson geschätzter tatsächlicher Verkaufspreis der Händler an das Gefälle 1835: 40 fl.WW
(= 16 fl.CM)
3. Amerikanischer Tabak, pro Zentner, inklusive Fracht bis Hainburg, in CM:
Portorico-Blätter: 36 fl.40 kr.
Virginia-Blätter: 34 fl.
Maryland-Blätter, 2. Klasse: 38 fl.

1836:

Preise Sinas für ungarische Tabakblätter, nach dem 2. Liefervertrag (für 1836), pro Zentner, Aufkaufspreis vor Ort, in CM:
Debreziner Blätter: 5 fl. 45 kr.
Szegediner Bl. (aus Szeged und Tolna): 6 fl.
Inklusive Fracht bis Hainburg:
Debreziner Bl.: 10 fl. 45 kr.
Blätter aus Szeged: 9 fl. 45 kr.
Blätter aus Tolna: 8 fl.45 kr.
Spezialblätter, sog. Gartenblätter, Zuschläge zusätzlich zu den Einlösungspreisen für Debreziner Blätter, vor Ort, pro Zentner, in CM, 1836:
1. „Stations“blätter
Lettinger: 10 fl.
Fadder: 8 fl.
Debreziner: 4 fl.
2. „Bezirks“blätter
Lettinger: 5 fl.
Fadder: 5 fl.
Debrőer Mehlblätter: 8 fl
(wenn der Einlösungspreis für Debreziner Blätter z.B. 5 fl. betrug, so waren zu diesem Preis der Zuschlag und die Vergütung zu addieren, ein Zentner z.B. in Tolna angekaufter „Lettinger“ Stationsblätter kam dann loco Hainburg auf 17 fl.35 kr. zu stehen.)
Frachtkosten bis Hainburg:
von Debrecen: 5 fl.
von Szeged: 3 fl.45 kr.
von Tolna: 2 fl.35 kr.

1839:

An Sina zu entrichtende Vergütung für Lagerung, Verpackung, Transport usw., für die Jahre 1839-1842, pro Zentner, in CM, bis Hainburg
von Debrecen: 5 fl.
von Szeged: 3 fl. 45 kr.
von Tolna: 2 fl. 35 kr.
Sinas Zuschläge für die Gartenblätter, in CM, pro Zentner: 1839 gleich wie 1836.
Abschlußforderung Sinas 1839: 2 Mill. 647.646 fl.CM
Preis, den Tournier, der Agent der französischen Tabakregie, für den versuchsweise angekauften Tabak bezahlte: 6 fl.38 kr. + 1 fl. Kommission/Ztr.
Durchschnittspreise in CM für Tabakblätter pro Zentner, 1818-1839:
1818: 18 fl.30 kr.
1828-1834: 8 fl. 17 kr.
1829: 9 fl. 29 kr.
1835: 15 fl.19 kr.
1836: 12 fl.
1837: 9 fl. 48 kr.
1839: 9 fl. 25 kr.

1844

Ankaufspreise Sinas in der Gegend von Arad, Szegediner Blätter, pro Zentner
1. Klasse: 16 fl.WW (= 6 fl.24 kr.CM)
2. Klasse: 10 fl.WW (= 4 flCM)
Tabak-Käufe des Gefälles für 1845, Voranschlag:
Ungarischer Tabak: 2 Mill. 455.000 fl.
Havanna-Zigarren: 855.000 fl.
Andere ausländische Blätter: 274.900 fl.
Insgesamt: 3 Mill. 584.900 fl.
Preisforderung Dessewffys 1844, vor Ort (ohne Fracht), pro Zentner:
für Ausstichblätter: 8 fl.
für Debreziner Blätter: 6 fl.
Preise Sinas für ihm vertragsmäßig verpflichtete Pflanzer, pro Zentner:
Szegediner Blätter, 1. Klasse: 16 fl.WW (= 6 fl.24 kr.CM)
2. Klasse: 10 fl.WW (= 4 fl. CM)
Preise für Szegediner Blätter, nach Hainburg, in Zentnern und CM, 1844-1848
1844: 8 fl.49 kr./Ztr.
1846: 9 fl.30 kr./Ztr.
1848: 7 fl./Ztr. (wegen der Aufstände in Ungarn vom Gefälle vorgeschlagener Notverkaufs-Preis)

1850

Fadder Gartenblätter, bis Pest, pro Zentner, in CM:
1. Klasse: 17 fl.
2. Klasse: 14 fl.
3. Klasse: 9 fl.10 kr.

1851

Szegediner Blätter, nach Pest, pro Zentner:
1. Klasse: 11 fl. 45 kr.
2. Klasse: 9 fl. 30 kr.
Debreziner Blätter: 13 fl.

1852

Szegediner Blätter, nach Pest, pro Zentner:
„Zigarren-Deckblätter“: 20 fl.
1. Klasse: 17 fl.
2. Klasse: 14 fl.
Fadder Blätter, nach Pest, pro Zentner:
1. Klasse: 20 fl.
2. Klasse: 17 fl.

2. Mengen

1829

jährlicher Verbrauch der galizischen Fabrik in Winiki: 30.000 Zentner
1835
Einkauf Sinas im Ausland, Pfälzer Blätter: 60-100.000 Zentner
Bedarf des Gefälles an ungarischen Blättern: 230.000 Zentner
1836
Lieferverpflichtung Sinas: 100.000-200.000 Zentner ungarische Blätter, zusätzlich 10.000 Zentner Gartenblätter
Erwartete Lieferungen Sinas: 300.000 Zentner ungarischer Tabak, 30.000 Zentner Pfälzer Tabak
Vorräte des Gefälles Anfang 1836: 130.000 Zentner
1837-1839

jährliche Lieferverpflichtung Sinas:

gewöhnliche ungarische Blätter: mindestens 150.000 Zentner
Gartenblätter: bis zu 10.000 Zentner

Von 1818-1838 verdoppelte sich angeblich der Bedarf des Gefälles.

1838
von Sina abgelieferte ungarische Blätter: 577.064 Zentner
Einkauf an ausländischen Blättern: 78.400 Zentner
Projektierter jährlicher Verbrauch (vom 11.5. 1838 bis 30.4. 1839): 282.025 Zentner
Versendungen nach Lombardo-Venetien: 37.825 Zentner
bei der Trocknung eingetretener Schwund (bei einer Menge von über 900.000 Zentnern): 26.263 Zentner
Lagerkapazitäten des Gefälles: 687.200 Zentner
Czerbel: nur für Göding: 2.600 Zentner

(nur Göding und Fürstenfeld benutzen Czerbel.)
(1837 und 1838 waren überdurchschnittlich gute Erntejahre.)

1839
Sinas Lieferdrohung: 390.000-440.000 Zentner

(d.h., 1838 war noch mehr geerntet worden, da ja nicht alle geernteten Blätter an Sina verkauft wurden)

Jährlicher Verbrauch der Tabakfabriken, in Zentnern
für die deutschen Provinzen: 233.000
für Lombardo-Venetien: 34.000
zusammen also 267.000
1840-1844
jährliche Lieferverpflichtung Sinas:
gewöhnliche ungarische Blätter: bis 260.000 Zentner
Gartenblätter: 6.000-10.000 Zentner
Export ungarischer Tabakblätter
1. nach Frankreich
1839: 75.000 Zentner
1841: 55.000 Zentner
davon durch Sina:
1840: 11.000 Zentner
1841: 25.000 Zentner
2. nach Italien (Lombardei, Turin, Neapel)
1841: 30.000 Zentner
1845
Projektierter Verbrauch des Gefälles, in Zentnern:
Szegediner Blätter: 120.000
Debreziner Blätter: 60.000
Fünfkirchner Blätter: 50.000
Gartenblätter: 10.000
Vorräte des Gefälles:
Szegediner Blätter: 61.720
Debreziner Blätter: 75.359
Fünfkirchner Blätter: 18.528
Gartenblätter: 17.145
Exporte Sinas nach Frankreich:
1845: 30.000 Zentner und 21.906 Pfund
1846: 40.000 Zentner
1847: 11.000 Zentner
1848: 5.000 Zentner
1846-47
jährlicher Bedarf der Tabakfabriken in Mailand und Venedig an Virginiablättern, in metrischen Pfunden: 260.000
Lieferung Sinas an das Gefälle 1847: 120.000 Zentner Szegediner Bl.
1848
jährlicher Bedarf des Gefälles: 250.000 Zentner
Angestrebte Vorräte des Gefälles, mitsamt Oberitalien: 708.222 Zentner
Tatsächliche Vorräte des Gefälles, ohne Oberitalien: 627.720 Zentner
Zusätzlich vorhandene Blätter aus der diesjährigen Ernte in Galizien: 120.000 Zentner
1851
Ausfuhrbewilligung Sinas: 50.000 Zentner
Bedarf des Gefälles an ungarischen Blättern: 405.000 Zentner
Vorräte: 340.746 Zentner
Zusätzlicher Bedarf für 1852: 262.000 Zentner

Alle Angaben aus Akten des Finanzarchivs aus den Jahren 1829 – 1851.

Staatsanleihen und Notenumlauf 1820-1864

1.Anleihen

JAHR Gewöhnliche Anleihen Lotterie-Anleihen 
Umfang (Mill.fl.CM) Verzinsung/Kurs Umfang (Mill.fl.CM)
1820 20
1821 35 + 37,5
1823 36
30, Auslandsanleihe, in England
5%/82
5%
1826 4 + 2,5 = 6,5 5%
1827 15 5%
1828 3,8 5%
1829 9,3
23,256
5%
4%/86
1830 20 Konversions- 4%/97
1831 36 (Kommissions-A,)
37,5 (Subskript.-A.)
57,144 (Subskr.-A.)
5%
5%/80
5%/84
1833 40 5%/ 89 & 75
1834 25
1835 40 3%/75
1839 30
1841 40 5%
1843 30 5%
1847 80 5%
2,5%
1849 71 4,5%
1851 ?
1854 National/Zwangs-anl.
500 (611)
1858 Hypotheken-Anl., 9
1860 40
1861 200
1864 70 (Silber-) anl. 40

Die umseitige Tabelle erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit.

2. Staatsschuld im Jänner 1829

„Anleihen von 1816, 1823 und 1826 und … andere Finanzoperationen zu 5%, … zum Behufe der Verzinsung der älteren Staatsschuld“ 292 Mill. 799.306 fl.
„Für die verlosten Kapitalien der älteren Staatsschuld“ 26 Mill. 190.306 fl.
„Schuld der Monte“ 42 Mill. 619.526 fl.
„freiwillige Anleihen in Tirol“ 19.955 fl.
„Landesschuld in Tirol“ 2 Mill. 139.373 fl.
„Landesschuld in Salzburg“ 350.609 fl.
„Zwangsanlehen von Krain“ 737.855 fl
Insgesamt: 364 Mill. 856.930 fl.
Im Ausland:
„Bei Bethmann, Hoge und Osy“ und die „Estische Anleihe“: 15 Mill. 081.050 fl.

3. Geldmengen 1827 und 1829

im Jänner 1827:

Banknoten: 83 Mill. 280.540 fl.
Metallgeldvorrat der Nationalbank und angeschlossener Kassen: 15 Mill. 226.587 fl.

im Jänner 1829:

Banknoten: 95 Mill. 697.515 fl.
Metallgeldvorrat der Nationalbank und angeschlossener Kassen: 22 Mill. 302.068 fl.

Alle Zahlen aus den Präsidialakten:

  • 1915/1830
  • 2217 & 3033/1834
  • 1996/1839
  • 10346/1847
  • 10117/1849
  • 1449/1851
  • 1999/1863
  • 695 & 736/1864

sowie den Indizes der Präsidialakten

Archive und Bestände

I. Wien

1. Finanzarchiv (FA)

  • Geheime Protokolle bzw. Geheimes Präsidium 1831-1855 (GP)
  • Präsidialakten (PA) ab 1848
  • Bancale, Indizes und Akten ab 1848
  • Camerale, Indizes und Akten ab 1848

2. Haus-, Hof- und Staatsarchiv (HHStA)

  • Ministerkonferenz- und Ministerrats-Akten (KK und MRZ)

3. Hofkammerarchiv (HKA)

  • Bancale, Indizes und Akten bis 1848
  • Camerale, Indizes und Akten bis 1848
  • Kommerz, Indizes und Akten
  • Präsidialakten (PA) bis 1848

4. Kriegsarchiv (KA)

  • Hofkriegsrat: Indizes, Protokollbücher und Akten

5. Wiener Stadt- und Landesarchiv (WSLA)

  • Handelsgericht, Verlassenschaften

6. Archiv der DDSG (DDSG)

  • Protokollbücher

7. Archiv der Nationalbank (NB)

  • Sitzungsprotokolle von 1825-1856

II. Budapest

8. Fővárosi Levéltár (FL)

  • Relationes
  • Missiles

9. Országos Levéltár (OL)

  • József Nádor Titkos Levéltára (JNTL)
  • P Szekció – Nemesi Családi Levéltárak (P)
  • Helytartótanácsi Levéltár, 132: Széchenyi Istvánnak, a közlekedési bizottság elnökének, iratai (Htt. 132)

10. Magyar Tudományos Akadémia, Kézirattár (MTA)

  • Briefe Georg Sinas an Stephan Széchenyi
  • Széchenyi-Nachlaß (K)
  • Briefe Simon Sinas

11. Országos Széchényi Könyvtár, Kézirattár (OSzK, Kt)

  • Fol. Germ. 1575
  • Fol. Lat. 3866/8
  • Levelestár

III. Übriges Ungarn

12. Esztergom, Vízügyi múzeum (heute: Duna Múzeum) (ESL)

  • Stornó-Levéltár

13. Széchenyi-Múzeum Nagycenk (Nagycenk)

  • Stornó-Levéltár

IV. Slowakei

14. Štátny Oblastný Archív v Bytče, Bytča, kaštiel

  • Akten der Familie Illésházy
  • Krajský Súd Trenčin, Inventár (Kreisgericht Trentschin, Prozesse im Zusammenhang mit Kommassierung und Grundablösung)

Literatur

  • Amtliches Curs-Blatt der Wiener Börse, Wertpapier-Kurse
  • Andrić Ivo, Travniker Chronik (Wesire und Konsuln). dtv 1993
  • Austria Tabakwerke: Zum 10-jährigen Bestehen des Tabakmuseums. Wien 1991
  • Bácskai Tamás – Huszti Ernő – Simon Péterné, A pénz. Budapest 1974
  • Bácskai Vera, Széchenyi pesti tervei. Budapest 1985
  • Baltzarek Franz, Die Geschichte der Wiener Börse. Wien 1973
  • Bártfai Szabó László, Adatok Széchenyi István és kora történetéhez. Budapest 1943
  • Beer Alfons, Die Staatsschulden und die Ordnung des Staatshaushaltes unter Maria Theresia. Wien 1895 (Neuauflage 1972) – Beer 1
    • Österreichische Handelspolitik im 19. Jahrhundert. Wien 1892. (Neuaufl. 1972) – Beer 2
    • Die österreichischen Finanzen im 19. Jahrhundert. Wien 1877. (Neuaufl. 1973) – Beer 3
  • Beidtel Ignaz, Geschichte der ö. Staatsverwaltung 1740-1848, hrsg. v. Alfons Huber. Innsbruck 1896
  • Bidermann Ignaz, Der österreichische Staatsrat (1760-1848) Wien 1879 (eigentlich begonnen von Hock, abgeschlossen von Bidermann.)
  • Berghoeffer Christian Wilhelm, Meyer Amschel Rothschild. Frankfurt/M. 1923
  • Brandt Harm-Hinrich, Der österreichische Neoabsolutismus. Göttingen 1978
  • Brusatti Alois, Unternehmensfinanzierung und Privatkredit im Vormärz. In: Mitteilungen des Österreichischen Staatsarchivs (MÖSTA) Bd. XIII/1960
  • Corti Egon Caesar Cte, Der Aufstieg des Hauses Rothschild. Wien 1949
  • Deyack Joseph, Geschichtliche Darstellung der ungarischen Tabakkultur. Pest 1822
  • Eckhart Ferenc, Kereskedelmünk közvetítői a 18. században. Századok 1918
    • A bécsi udvar gazdaságpolitika Maria Teresia korában. Budapest 1922
  • Ehrenberg, Große Vermögen. Die Fugger-Rothschild-Krupp. Jena 1925
  • Einige Worte über den gegenwärtigen waldbürgerlichen Kupfer- und Silberhüttenbetrieb in Ober-Ungarn, von einem oberungarischen Waldbürger. Leutschau 1852
  • Füves Ödön, A görög kereskedők bevándorlása Pestre 1718 és 1774 között. Különlenyomat az Antik Tanulmányok 1975 évi XXII/1 számából – Füves 1
    • Görögök Pesten 1686-1931 (Kandidatusi értekezés 1972, unveröffentlicht) – Füves 2
  • Gárdonyi Albert, Pest városa keleti kereskedelme a XIII században, Budapest 1930
  • Gentz, Friedrich von, Tagebücher. Leipzig 1873
  • Glossy Karl, Wien 1840-1848. Schriften des literarischen Vereins Bd 23-24. Wien 1919
  • Greenfield Robert, Economia e liberalismo nel risorgimento. Bari 1940
  • Grunzel Joseph, Die Handelsbeziehungen Österreich-Ungarns zu den Balkanländern, Wien 1892
  • Gyömrei Sándor, Pest-Buda gazdaságtörténete a manufaktura korszakában (1686-1800) (Kandidatusi értekezés 1955, unveröffentlicht) – Gyömrei 1
    • A kereskedelmi tőke kialakulása és szerepe Pest-Budán1849-ig. In: Tanulmányok Budapest múltjából, 1957 – Gyömrei 2
  • Handlungs- und Schiffahrts-Tractat zwischen Ihrer Römisch-Kaiserlichen Majestät an einem, dann Dem Türkischen Groß-Sultan am anderen Theile. Aufgerichtet ohnweit Passarowitz, am 27. Juli 1718
  • Károly János, Fejér vármegye története (IV. kötet), Székesfehérvár 1901
  • Kovács, Lajos, Széchenyi István közéletének 3 utolsó évei 1846-1848. Budapest 1889
  • Kübeck von Kübau, Freiherr von, Tagebücher. Herausgegeben von Max v. Kübeck, Wien 1909-1910
  • La Cassa di Risparmio delle province Lombarde 1823-1923, Mailand 1923
  • Λαιος Γεωργιος, Σιμων Σινας. Athen 1972
  • Lipthay Sándor, Gróf Széchenyi István műszaki alkotásai, Budapest 1896
  • Loehr August, Entwicklung von Wertpapieren & Geldzeichen II. Ö 1703-1816. Anzeiger der Österreichischen Akademie d.W. 1953 – Loehr 1
    • Österreichische Geldgeschichte. Veröffentlichung des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 4. Wien 1946 – Loehr 2
  • März Eduard, Österreichs Industrie- und Bankpolitik in der Zeit Franz Josefs I. Wien 1968
  • Magyar helységnév-azonosító szótár. Budapest 1992
  • Magyar történelmi fogalomtár. Budapest 1989
  • Magyar városok monografiája XXI, Kispest, Pestlőrinc, Pestszentimre. Bp 1937
  • Matlekovits Sándor, Magyarország államháztartásának története, I kötet (1875-ig) Budapest 1894
  • Meynert Hermann, Peter Joseph Freiherr von Eichhoff. Wien 1849
  • Natorp Tivadar, A dohány és a dohányjövedék. Budapest 1896
  • Pásztor Mihály, A 150 éves Lipotváros. Statisztikai Közlemények 93 kötet, 1940
  • Peyfuss Maximilian Demeter, Die Druckerei von Moschopolis 1731-1769. Habilitationsschrift 1988 (unveröffentlicht)
  • Pólya Jakab, Geschichte der Entstehung unf des 50-jährigen Bestandes der Pester Ungarischen Commerzial-Bank. Budapest 1892
  • Поповић Душан J., O цинцарима. Beograd 1937
  • Pressburger Siegfried, Österreichische Notenbank 1816-1966. Wien 1966 – Pressburger 1
    • Das österreichische Noteninstitut, Bd. 1. Wien 1959 – Pressburger 2
  • Protokoll der zu Igló am 25.7. 1853 abgehaltenen General-Versammlung der oberungarischen Waldbürgerschaft, Schmöllnitzer Distrikt. Leutschau 1853
  • Probszt Günther, Österreichische Münz- und Geldgeschichte von den Anfängen bis 1918. Wien 1973
  • Pulszky Ferenc, Életem és korom. Budapest 1884
  • Raudnitz Josef, Das österreichische Staatspapiergeld und die privilegierte Nationalbank. Wien 1917
  • Roider Karl A., Austria’s Eastern Question. Princeton 1982
  • Sandonà Augusto, Il Regno Lombardo-Veneto 1814-1859. La Constituzione e l’Amministrazione. Mailand 1912
  • Schäfer László, A görögök vezetőszerepe Magyarországon a korai kapitalizmus kialakulásában, Budapest 1930
  • Schnee Heinrich, Rothschild. Göttingen 1961
  • Schwartner Martin, Statistik des Königreichs Ungarn. Ofen 1809-1811
  • Spira György, 1848 Széchenyije és Széchenyi 1848-a. Budapest 1964
    • Egy pillantás a Hitel írójának hitelviszonyaira. In: Történelmi szemle 1963
  • Steiner Fritz, Die Anfänge des Mobilbankwesens in Ö. Studien zur Sozial, Wirtschafts- und Verwaltungsgeschichte. Wien 1913
  • Strach Hermann, Geschichte der Eisenbahnen Ö-U von den Anfängen bis zum Jahre 1867. Geschichte des Eisenbahnwesens der ö-u. Monarchie 1/1. Wien 1898
  • Széchenyi István, Levelei. Összegyűjtötte Majláth Béla. Budapest 1889-1891 – Széchenyi 1
  • Széchenyi István, Naplói. Szerkesztette Viszota Gyula. Budapest 1939 – Széchenyi 2
  • Vajk Artúr, A brennbergi szénbányászat és a bécsi hajózható csatorna. In: Soproni szemle 1940
  • Wachtler Bernhard, Freymüthige Bemerkungen zu einer Wechsel- und Prozeßordnung für Ungarn. Preßburg 1831
  • Wersak Wenzel August, Einige Bemerkungen über die Wichtigkeit des Handels auf der Donau, nach dem schwarzen Meere und über dieses hinaus. Pest 1820
  • Wiener Moszkó, A magyar cukoripar története, Budapest 1897
  • Wurzbach Constant von, Biographisches Lexikon des Kaisertums Österreich, Wien 1877-
  • Zelovich Kornél, A magyar vasutak története, Budapest 1925
    • A budapesti lánchíd, Budapest 1899

[1Pulszky, S 205-206

[2HKA, F 34, 117 und 132, jeweils 4 aus Nov. 1783

[3HKA, Kommerz Litorale, F 132 (r. Nr. 683) 1801-1804, Bericht der niederösterreichischen Landesregierung

[4Schwartner I, S 327

[5HKA, Kommerz Ungarn, F 47, 8 aus Januar 1808

[6HKA, Kommerz Ungarn, F 47, 11 aus Oktober 1811

[7HKA, Kommerz Ungarn, F 47, 12 aus März 1811

[8HKA, Kommerz Ungarn, F 47, 32 aus Okt. 1813

[9Andrić, S 300, das Handelshaus hieß „Frayssinet“.

[10HKA, Kommerz Litorale, F 132 (r. Nr. 683) Juni 1811

[11KA, Hkr., B 1-22/24 aus 1811

[12HKA, Kommerz Litorale, F 132 (r. Nr. 683) Januar 1811

[13HKA, Kommerz Litorale, F 132 (r. Nr. 683) Sept. 1804

[14HKA, Kommerz NÖ, F 66, (r.Nr. 163) 10 aus September 1811

[15Andrić, S 328, Äußerung Frayssinets im Sommer 1812

[16OL, Libri Regii, 4100/1818, zitiert nach Λαιος

[17KA, Hkr., B 1-22/24 aus 1811

[18HKA, Kommerz Litorale, F 132 (r. Nr. 683) August 1811

[19OL, Libri Regii, 4100/1818, zitiert nach Λαιος.

[20HKA, Bancale, F 4/2, r.Nr. 1987, 528 aus Nov. 1811

[21FL, Rel. aa. 88 und 91 sowie Miss. aa. 4817

[22Allgemeines Verwaltungsarchiv, Hofakt, 17005/1660 aus 1832, zitert nach: Λαιος, S 295

[23Λαιος, S 409 und Popović, S 150

[24Поповић, S 150

[25Deutsche Zeitung, Abendausgabe und Tagblatt vom 15.4.1876

[26Gárdonyi, S 30-32

[27WSLA, Handelsgericht, Verlassenschaften, 76/1856, F 3, S 17

[28ebd., S 20

[29Λαιος, S 249-250, mit Berufung auf nicht mehr auffindbare WSLA-Akten.

[30KA, Hkr., B 1-22/24 aus 1811

[31KA, Hkr., Protokollbuch 1794, Buchst. B, Seite 2403

[32FL, Rel. am. 3069

[33Λαιος, S 249-250, mit Berufung auf nicht mehr auffindbare WSLA-Akten.

[34ebd.

[35HKA, Kommerz NÖ, F 66, r.Nr. 163, 47 aus Juli 1811

[36WSLA, Handelsgericht, Verlassenschaften, 76/1856, F 3, S 18

[37HKA, Bancale, Indizes 1809-1811

[38HKA, Bancale, F 3/2, r.Nr. 1859, 5 und 186 aus Feber 1811

[39Pester Lloyd, 20.5. 1856, Abendausgabe

[40Magyar városok monográfiája XXI, S 13

[41WSLA, Handelsgericht, Verlassenschaften, 76/1856, F 6, S 17

[42HKA, Ung. Camerale, F 18, 14 aus August 1816

[43HKA, Bancale, F1/2, r.Nr. 1880, 120 aus März und Juli 1817

[44Lämel war ein Prager Bankier und einer der großen Konkurrenten Sinas, dem es in Verein mit den anderen drei „Häusern“ gelang, ihn während des Vormärzes von den einträglichsten Geschäften mit der Staatsverwaltung fernzuhalten.

[45Über das Verhältnis Sinas zu Eichhoff siehe: VI. Der Grundbesitz

[46„Steinkohlen sind bekanntlich die Seele der Dampfschiffahrt ... Bisher versahen wir uns aus drei Gruben, die von Brennberg, Mohács und Oravicza, worunter die letzte die vorzüglichste, aber auch die entferntesten sind, daher sie für die oberen Schiffe auch nur zur Bergfahrt verwendet werden. ... Gewiß wird die Hoffnung auf lohnenden Absatz mit der Zeit mehrere Kohlenlager auffinden lassen ... wie uns die Moldau hinlänglich für unsere Magazine in Galatz versieht,“ allerdings recht teuer. .... Oberösterreich ... „Die in Dalmatien aufgefundenen Steinkohlen haben die Aufmerksamkeit eines Hauses auf sich gezogen, dessen große Geldmittel es vorzüglich zu Unternehmen geeignet machen, welche eine große Vorauslage und Zeit erfordern, um die angelegten Kapitalien zum Ertrag zu bringen. Es steht zu erwarten, daß diese Kohlen-Werke auf eine Art betrieben werden, um tief liegende Adern zu gewinnen, was fast bei allen Kohlen-Werken in Österreich noch zu geschehen hat, und dann werden unsere, so wie alle Dampfboote des Mittelmeeres, einer großen Sorge enthoben sein und dieser Brennstoff wohl auch minder teuer sein als der, den wir aus England holen müssen.“ Archiv der DDSG, Protokollbuch I, Sitzung vom 13.2. 1837

[47Für eine ausführlichere Beschreibung dieser Anleihen, siehe Brusatti

[48zu dem Betrug mit den Privatanleihen siehe: Amelie Lanier, Das Kreditwesen Ungarns im Vormärz, Wien 1995, Die Partialobligationen

[49Die Unterscheidung wird dadurch möglich, daß bei den Bank- oder Handelshäusern meist die Stadt genannt wird, in der sie sich befinden, bei den Privatschuldnern selten oder nur dann, wenn es sich um gänzlich unbekannte Orte handelt.

[50Karl Graf Viczay und Fürst Paul Esterházy

[51Alle Einzelheiten über die Kontoführung hauptsächlich aus: ESL, Storno levéltár (Széchenyi-Schriften) Dort befinden sich zahlreiche Kontoauszüge und begleitende Schreiben zu den Verrechnungsmodalitäten zwischen dem Bankhaus und dem Kunden.

[52Széchenyi bezog regelmäßig kubanische Zigarren und französischen Wein, unregelmäßig andere Gegenstände, wie z.B. Maulbeerbäume aus Frankreich oder englische Sättel, über das Bankhaus Sina.

[53diese waren z.B. Thurneyssen & Co. in Paris und Stieglitz & Co. in St. Petersburg (ESL), Johann Cumandi in Belgrad (FA, PA 11779/1852), Havenith & Co. und L.R. Bischoffsheim in Antwerpen (FA, PA 21802/1855 und WSLA, Handelsgericht 76/1856, F6, S. 148-151), Süsskind in Augsburg (FA, PA 3626/1839), Königswarter in Frankfurt (KMA, Umschlag 3, 19.7. 1847), Josef Epstein und Gustav Landau in Warschau, M.R. Mieses in Lemberg, Epaminonda Parra in Galatz, Oppenheim in Breslau, Giovanni Batista Negri in Mailand, J. Papadopolou in Venedig, Ralli in Triest, J. Alleon & Co. in Stambul, L. Forchheimer in Berlin, Salomon Heine und L. Behrens in Hamburg, Salomon Oppenheim in Köln, Lafuente & Pasquali und Figli Baltazzi & Co. in London, (WSLA, Handelsgericht, Verlassenschaften 76/1856, F 6, S. 148-151)

[54z.B. ESL, Briefe vom 11. und 12.4.1839. Sina hatte Széchenyi zum Kurs von 105 mit 50.000 fl. an der Anleihe von 1839 beteiligt, deren Kurs angeblich bereits auf 111 stehen würde. Er bat sich strengste Geheimhaltung aus. Diese Obligationen waren in monatlichen Raten über mehrere Jahre abzuzahlen. Die Ratenzahlung erledigte das Bankhaus selbst vom Konto Széchenyis. (Brief vom 17.5. 1839) Einige Zeit später unterrichtete er Széchenyi, daß diese Obligationen inzwischen auf 138 stünden. (Brief vom 19.2. 1840). 1842 bedankte sich Széchenyi dafür „daß Sie mich durch das neue Anleihen in dem Gewinn mehrerer 100 fl. partizipieren ließen. … was meinen belasteten Verhältnissen sehr wohl tat. Denken Sie, ich bitte, ein ander Mal auch auf mich“ (MTA, Ms 4221/41, Brief vom 6.2. 1842)

[55J. Rosa Emanuel & Co und Konstantin Ghika

[56Genau äußerte sich Fries so, „daß er durchaus keine Beschuldigung einer absichtlichen Berauschung gegen Baron Sina aussprechen“ könne – er bestritt also die Absicht Sinas, nicht aber seine eigene Berauschung …

[57zu diesem Thema verweise ich auf die Publikation: Antal András Deák/Amelie Lanier: Die Verbindung von Stephan Széchenyi und und Georg Sina und das Unternehmen Kettenbrücke

[58FA, Bancale, F 8.3., 48817/1860. (Dieser Akt ist auch eine Auskunft über die österreichische Steuerpolitik in Ungarn nach 1849: Die vorgeschriebenen Steuern waren viel zu hoch, sie wurden daher meist nicht gezahlt und konnten auch mit Gewalt nicht eingetrieben werden; die Steuerrückstände wuchsen mit jedem Jahr.)

[59Der eine Begründer des Bankhauses, Nathan Adam Arnstein, hatte – da er keine männlichen Nachkommen besaß – seinen Schwiegersohn Heinrich Pereire 1810 adoptiert, um die Kontinuität des Bankhauses und des Namens aufrechtzuerhalten. Die Verbindung mit den Gründern des Credit Mobilier reichte also bis in die Napoleonischen Kriege zurück. (Wurzbach-Lexikon, Arnstein-Pereire)

[60Für eine erschöpfende Darstellung dieses Verkaufes siehe Strach und Brandt.

[61Sina reiste selbst nach Paris, um dort mit Vertretern des Credit Mobilier zu verhandeln. FA, GP 9531/1854

[62Die „Gloggnitzer“ Wertpapiere bezeichnen aus dem Betrieb und/oder Verkauf des hauptsächlich vom Bankhaus Sina finanzierten Teils der späteren Südbahn herrührende Wertpapiere. Diese Bahn verkaufte das Bankhaus 1853 – nicht ganz freiwillig – an die Staatsverwaltung.

[63Die „Oedenburger“ Bahn zwischen Wiener Neustadt und Sopron war von einer aus ungarischen Adeligen und Soproner Bürgern bestehenden AG gebaut und betrieben worden. Das Bankhaus Sina hatte sie von Anfang an kreditiert und dadurch den Bau überhaupt erst ermöglicht.

[64zu der detaillierten Beschreibung der Idee und Realität des Credit Mobilier siehe: Steiner, S. 54-59

[65Dieser Umstand hat Salomon Rothschild sehr gestört, der 1847 bei Széchenyi anfragen ließ, ob ihm dieser nicht den ungarischen Adelstitel verschaffen könne. Széchenyis Reaktion war eindeutig: „Er soll sich taufen lassen!“ Széchenyi 2, 31.10.1847

[66Der Adel war zu dieser Zeit käuflich, die Summen wurden für jeden individuellen Antragsteller von Mitgliedern der Regierung, nach Einschätzung seiner Vermögensverhältnisse, festgesetzt. „Der durch seinen Reichtum berüchtigte“ Simon Sina hatte sich deshalb in dem Kaufvertrag für die Ortschaften gegenüber Schwarzenberg ausbedungen, daß dieser selbst den Preis für die Verleihung des Adelstitels an die Sinas zahlen mußte. Sina wurde von den Mitgliedern des Kabinetts aufgrund seines offenbar bereits damals legendären Reichtums auf 100.000 fl. CM (mindestens 250.000 fl. WW) veranlagt. Sie wußten nichts von der Bestimmung des Vertrages. Schwarzenberg mußte seinen ganzen Einfluß aufbieten, um eine Reduzierung dieser Summe auf 80.000 fl. WW zu erreichen. Polizeihofstelle 8690 aus 1817, zitiert nach: Λαιος, S. 262-263; sowie FA, Ung. Camerale, F 13/1, 158 aus Jänner 1818.

[67Angesichts der Vorwürfe, die Eichhoff von seinem Nachfolger gemacht wurden, ist festzuhalten, daß aus den Akten wohl eine Bevorzugung Sinas gegenüber seinen Konkurrenten hervorgeht. Dies gilt für die Tabakgeschäfte ebenso wie für den Güterverkauf. Es ist jedoch nicht nachzuweisen, was die Gegner Eichhoffs ihm vorwarfen: Daß er durch diese Vorgangsweise die Staatskasse geschädigt hätte. Im Gegenteil: Er gab Sina deshalb den Zuschlag, weil dieser mehr bot. Auch bei den Tabaklieferungen hörten sich mit der Ära Sina die ewigen Engpässe des Tabakgefälles auf.
Worauf genau das gute Verhältnis zwischen Sina und Eichhoff beruhte, ist der Verfasserin nicht herauszufinden gelungen. Es kann sein, daß die DDSG sie zusammenführte. Eichhoff war in den 20-er Jahren Experte für Schiffahrt und an der Ausarbeitung mehrerer Schiffahrts-Traktate beteiligt. (s. Meynert). Außerdem ähnelten sich ihre Auffassungen in Fragen der Finanzpolitik.

[68Es kann sich um eine Ortschaft im Komitat Fejér handeln, genauere Angaben fehlen.

[69Die bisherige Aufzählung umfaßt nur die Güter, bei denen erkennbar ist, wann sie in den Besitz der Sinas gelangten.
Außerdem befanden sich im Besitz des Bankhauses bzw. der Familie die Güter Gföhl, Dross, Rechberg, Imbach, Sieghartskirchen und Rappoltenkirchen in Niederösterreich; Hrottowitz, Borotin, Slatina und Albendorf in Mähren; Érd, Tolna, Ráró und Liczkó in Westungarn; Szenc (Senec, Slow.) bei Preßburg; Valkány (Vălcani, Rumänien), Moroda (Moroda, Rum.), Székesút (Secusigiu, Rum.), Bencsek (Bencecu de Jos, Rum.) und Buzad (Buzad, Rum.) im Banat; schließlich Dudest und Zimiceltele in der Walachei und Heptalophos in Griechenland. (WSLA, Handelsgericht, Verlassenschaften, Nr. 76/1856 und Nr. 32/1869; Bytča, Illésházy, Nr. 148; und Pásztor, S. 65)

[70„Remanencia“ bezeichnet zunächst diejenigen Grundstücke, die, obgleich von den Leibeigenen genutzt, im Urbarium Maria Theresias als Allodial-Gründe geführt wurden. Die Grundbesitzer hatten damals teilweise absichtlich falsche Angaben gemacht, um das Allodium auf Kosten der Leibeigenen-Gründe zu vergrößern. Außerdem kannten sie selbst die Grundstücke nicht so genau, machten also auch unabsichtlich fehlerhafte Angaben. Später vergrößerte sich die Fläche des Grundes mit unklarer Zugehörigkeit noch durch Rodungen und Trockenlegen von Sümpfen, also der Vergrößerung des bebauten Landes. Über die Zugehörigkeit dieser „Restgründe“ konnten sich die Politiker 1848/49 nicht einigen. Erst mit einem Patent von 1853 wurde dieses Land, das für Ungarn 1,4 Millionen Katastraljoch umfaßte, endgültig den Grundherren zugesprochen.

[71SA, GP 3414/1849 und NB, Sitzungsprotokolle 1825

[72HHStA, KK – MRZ 222/1855

[73z.B. Kübeck, Bd. II, S. 314-316, Gespräch Kübecks mit Kolowrat und S. 470, Gespräch Kolowrats mit dem Kaiser

[74siehe dazu die Sitzungsprotokolle der Nationalbank bis 1829. Gleichzeitig wurde, wenngleich in geringen Mengen, weiter Wiener Währung gedruckt: 1839 erteilte die Direktion der Nationalbank die Weisung, die entsprechenden Pressen nicht zu vernichten, da man – zumindest die kleineren – Scheine der Wiener Währung weiter produzieren wolle.

[75siehe Meynert und Kübeck

[76Pressburger 1, S. 95

[77Kübeck, Bd. II, S. 314, Aussage Kolowrats

[78Vorbild der Österreichischen Nationalbank war die Bank of England, ihre Bankakte dienten als Vorlagen für die Statuten der NB. Die Erfolge Englands auf militärischem und ökonomischem Gebiet ließen sich leider nicht mittels Bankakte übertragen.

[79Pressburger 2, S. 312 und 371. Aus Sitzungsprotokollen der Jahren 1850 und 1852

[80NB, Sitzung 20 vom 12.4. 1849

[81NB, Sitzung 28 vom 8.6. 1849

[82Die Behauptung Pressburgers (Pressburger 1, S. 53 und Pressburger 2, S. 242), daß Sina sich am 30.3. 1848 gegen das Münzausfuhrverbot ausgesprochen hätte, ist unrichtig: Am 30.3. wurde diese Frage gar nicht behandelt, am 1.4. erklärte sich Sina ausdrücklich dafür, weil die Silbermünzen in Österreich billiger zu erhalten seien als in Frankreich und deshalb von Italien nach Marseille ausgeführt und dort zu Francs umgeprägt würden. Das Verbot konnte dem aber nur beschränkt entgegenwirken: Im Laufe des Jahres 1848 erörterte die Direktion immer wieder die Frage, wie dem Münzschmuggel nach Bayern und Italien Einhalt geboten werden könnte.

[83Das Ausfuhrverbot wurde am 1.4. verkündet. Am 12.4. protestierten aufgebrachte Bürger bei Eger gegen die staatliche Münzausfuhr nach Frankfurt, die infolgedessen eingestellt wurde. Siehe dazu IV. 1.4. Das Auffüllen des Bankschatzes …

[84Die Grundlage des vormärzlichen Geldsystems war der Konventionsgulden, eine Silbermünze, deren Gehalt und Gewicht im 18. Jahrhundert festgelegt worden war, den die österreichische Regierung prägte und für dessen Reinheit sie garantierte. Im Vormärz wurde der papierene Gulden im gleichen Verhältnis zum silbernen angenommen, später nicht mehr.

[85Pressburger 1, S. 55-56

[86NB, Sitzung 36 vom 15.6.1848

[87NB, Sitzung 38 vom 23.6. 1848

[88Im Wechselportefeuille der NB beanspruchten 7 Firmen im April 1850 mit 16,6 Millionen Gulden zwei Drittel des Wechselkredits, den Rest mußten kleinere Handelshäuser unter sich aufteilen. An der Spitze der Inanspruchnehmer stand das Bankhaus Sina mit 3,8 Millionen, es folgten Arnstein & Eskeles mit 2,7 Millionen, Rothschild mit 2,5 und die ihm nahestehende Nordbahn mit 2 Millionen. Nach Brandt, S. 641 Fußnote, mit Berufung auf: FA, GP 5155/1850
Diese Monopolstellung der Bankhäuser ging gar nicht immer von ihnen aus, sondern war auch ein Ergebnis der Zögerlichkeit der Nationalbank und der Hofkammer, die immer von der Besorgnis um ihren eigenen Kredit geleitet waren: Erst nach langen Debatten, bei denen sich Sina und Geymüller für den „nicht ansässigen“ Rothschild einsetzten, wurde ihm der Zugang zum Wechselescompte gewährt. (NB, Sitzung 52 vom 24.12.1829) Der Prager Handelsstand begehrte 1840, daß die dortige Filiale der Nationalbank nicht nur Banknotenumwechslung betreiben, sondern auch Bankfunktionen ausüben solle. Vor allem die Diskontierung von Wechseln war ein Anliegen der Prager Kaufleute. Sina, Eskeles und Geymüller waren für die Gewährung dieses Ansuchens, da „es kaum wohl möglich sein werde, … die fortwährend sich erneuernden und im Wesentlichen auch begründeten Ansprüche der übrigen Handelsplätze der Monarchie gänzlich zurückzuweisen …“ Die Direktion der Nationalbank wies es jedoch ab. (NB, Sitzung 8 vom 20.2. 1840)

[89Es scheint übrigens ein beliebtes Mittel neu ernannter Finanzminister gewesen zu sein, sich als wackere Kämpfer der Währungsstabilität zu erweisen, indem sie zum Sturm auf das Wechselescompte bliesen. So ging Kübeck 1841 vor, auch Baumgartner 1852 (Pressburger 2, S. 371), nachdem schon sein Vorgänger Krauß das Wechselescompte als Schuldigen der andauernden Finanzkrise dingfest gemacht hatte. Gegen dessen Anschuldigungen verwiesen die betroffenen Bankiers und Nationalbank-Direktoren auf den Umstand, daß das Finanzministerium sich in weitaus größerem Rahmen des Wechselescomptes für seine Kreditbedürfnisse bediente. (Beer 3, S. 234) Dann kam Bruck – und erhöhte den Diskontsatz, um das Wechselescompte einzuschränken. Vor dieser Maßnahme waren seine Vorgänger zurückgeschreckt, weil sie den Kredit für die Staatsverwaltung, die sich ebenfalls aus dem Wechselescompte bediente, verteuerte.

[90NB, Sitzung 19 vom 7.5. 1840

[91NB, Sitzung vom 8.4. 1848, aus der Rede Sinas

[92SA, GP 3414/1849

[93NB, Sitzung 14 vom 1.3.1849

[94Pressburger 1, S. 71

[95Kübeck, Supplementband: Metternich & Kübeck, S. 37

[96NB, Sitzung 35 vom 8.6.1848

[97NB, Sitzung 46 vom 17.8.1848

[98NB, Sitzung 51 vom 21.9.1848

[99NB, Sitzung 23 vom 3.5.1849

[100NB, Sitzung 47 vom 24.8.1848

[101NB, Sitzung 42 vom 30.8.1849. Es kam übrigens nicht zu der geplanten Vereinheitlichung, ob als Wirkung von Sinas Argumentation oder aus anderen Gründen, läßt sich nicht feststellen.

[102NB, Sitzung 53 vom 5.10.1848

[103Der Münzfuß des solchermaßen verwendeten Konventionsguldens war von Franz von Lothringen festgesetzt und 1753 mit Bayern vertraglich abgesichert worden. 20 Gulden CM wurden der feinen kölnischen Mark und 131/3 Reichstalern gleichgesetzt. Ein Gulden CM teilte sich in 60 Kreuzer. Dieser Konventionsgulden war eine rein nominell verwendete Münze, sie kam nur auf Schuldbriefen und Verträgen vor und war praktisch nicht im Umlauf. Ihr Verhältnis zum Papiergeld-Gulden stabilisierte sich nach anfänglichen Schwankungen auf 1 : 2,5.

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