Weg und Ziel, Heft 4/1995
Oktober
1995

Idealismus und Materialismus im Kriminalroman

Einige Thesen über ein Genre der Massenkultur

■ Der Kriminalroman ist ein uferloses Thema. Niemand kann es ganz überblicken; jeder ist Experte. Gerade deswegen lohnt es sich, die Diskussion darüber mit überspitzten Thesen zu führen. Dabei ist allerdings zu berücksichtigen, daß einzelne Gesichtspunkte für gewöhnlich nicht die ganze Wahrheit, sondern bloß eine bestenfalls begrenzte Einsicht verkörpern.

■ Das große Interesse am Kriminalroman hängt vor allem mit seinem kompensatorischen Charakter zusammen: Die Auseinandersetzung mit Verbrechen und ihre Bestrafung erleichert es durchschnittlichen BürgerInnen, in ihrem Alltagsleben an der Normalität festzuhalten. In diesem Sinn schreibt Thomas Wörtche in einem Feature über die britische Kriminalschriftstellerin Minette Walters (in: »Freitag«, 11/1995, S. 12): „Hauptsache, das Bedürfnis nach einer geordneten Welt, die durch ein Verbrechen verstört worden ist, wird befriedigt. (...) Der Wunsch nach Wiederherstellung einer ,guten’ Ordnung bleibt selbstverständlich hilflos gegenüber den ungeheuren Komplexi- zitäten zeitgenössischer Gesellschaften. Aber es wäre zynisch und gefährlich, ihn zu ignorieren: Der Erfolg solcher Romane artikuliert einen ‚Konsens über aufrechte Gesinnung‘, der offenbar noch immer nicht zerbrochen ist.“ Die Krimiliteratur hat den Vorteil, daß sie in dem von Wörtche aufgespannten Rahmen praktisch für jeden Geschmack, für jedes Bildungsniveau ein entsprechendes Angebot bereithält. Die angesprochene „aufrechte Gesinnung“ scheint jedermann zu teilen, sofern es der äußerst differenzierte „gute Geschmack“ zuläßt. Die diesbezügliche Bandbreite des Krimi ist riesig: Sie beginnt beim „banalen“ Dreigroschenromanheft und reicht bis zu Werken der Weltliteratur.

■ Es gibt in der Literatur übrigens kaum etwas, das an und für sich moralischer wäre als der Krimi. Selbst diejenigen Kriminalromane, die von dieser Norm abzuweichen scheinen, weil etwa das Verbrechen nicht geklärt oder gesühnt wird (wie in den „Ripley“-Romanen von Patricia Highsmith), tun das nur in Relation zur Moralität des ganzen Genres. Generalziel bleibt zumeist die Wiederherstellung einer Ordnung, die gestört wurde, beziehungsweise die Ausmerzung von Chaos. Insofern ist es fast unmöglich, Krimis zu finden, die über den Rahmen des Trivialen hinausgehen.

■ Vor diesem „gesinnungsmäßigen“ Hintergrund ist der Krimi das Unterhaltungsmedium der Prosaliteratur schlechthin, weil er nichts anderes tut, als ihren Zweck schlechthin zu erfüllen. Und der besteht darin, denkwürdige Geschichten zu erzählen. Gleichgültig, ob sie aus dem wirklichen Leben gegriffen oder gut erfunden sind. Ein Rezept für die entsprechende Zubereitung liefert Bertolt Brecht im „Dreigroschenroman“, und zwar durch den Mund von J. J. Peachum: „Sie, meine Herren, und du, lieber Schwiegersohn, verkaufen Rasierklingen und Uhren, Haushaltsgegenstände und was weiß ich, aber der Mensch lebt nicht davon allein. Er ist noch nicht in Ordnung, wenn er rasiert ist und weiß, wieviel Uhr es ist. Sie müssen weitergehen. Sie müssen ihm auch Bildung verkaufen, ich meine Bücher, ich denke an billige Romane, solche Sachen, die das Leben nicht grau in grau, sondern in lichteren Farben malen, die dem Alltagsmenschen eine höhere Welt vermitteln, ihn mit den feineren Sitten der höheren Schichten bekannt machen, der so erstrebenswerten Lebensweise der gesellschaftlich Bevorzugten. Ich rede nicht vom Geschäft, das damit zu machen ist — es kann bedeutend sein —, ich rede von der Menschheit, der damit ein Dienst erwiesen wird.“ (Gesammelte Werke, Band 13, Prosa 3, S. 1147)

Paul Flora, Das Verbrechen im Gebirge, 1982

■ Das Strickmuster der klassischen, vorwiegend britischen Krimis à la Sherlock Holmes ist idealistisch. In ihnen hat das operative Element, wie es etwa Dr. Watson verkörpert, bestenfalls eine Hilfsfunktion. Im Mittelpunkt steht die Frage: „Wer ist der Täter?“ Sie wird in erster Linie mit den Mitteln überlegener Geisteskraft beziehungsweise einer Mischung aus intellektueller Anstrengung und kombinatorischer Begabung beantwortet, ohne daß — fast im Stil der klassischen Tragödie — die Einheit von Ort und Zeit aufgehoben wird. Im Zeitalter der elektronischen Medien wird das offenbar allgemeine Bedürfnis, die intellektuellen Fähigkeiten und/oder den Bildungsstand zu überprüfen, nicht mehr vom Kriminalrätsel sondern vielmehr von verschiedensten Quiz-Sendungen in Radio und Fernsehen befriedigt.

■ Dashiell Hammett und Raymond Chandler haben im Gegensatz zum traditionellen idealistischen Ansatz eine materialistische Version des Krimi begründet. Die Aufklärung von Verbrechen ist nicht mehr Resultat einer geistigen Anstrengung, sondern setzt harten Körpereinsatz voraus und erweist sich als Ergebnis konkreter Recherchearbeit. Die statisch agierenden Kombinationsgenies aus meist höherer Gesellschaftsschicht von ehedem werden von beruflichen Versagern abgelöst, die sich als mobile „Schnüffler“ für ein paar Dollar die Absätze ihrer Schuhe ablaufen, um zu einem Ergebnis zu kommen. Hammett und Chandler versuchen aber nicht nur das Genre zu variieren, sondern auch die Voraussetzungen dafür zu schaffen, daß der Krimi zur Darstellung der Strukturen der bestehenden Gesellschaft genutzt werden kann. Eine Folge dieser Haltung ist es, daß die Verbrecher häufig bloß als ausführende Organe von Hintermännern erscheinen, die wegen ihrer sozialen Stellung nicht dingfest zu machen sind.

■ In der Praxis zeigen die Ergebnisse der Arbeit von Hammett und Chandler, daß der Krimi ebenso als Transportmittel für gesellschaftskritische Inhalte wie als Folie für die Demonstration formaler Meisterschaft brauchbar ist. In jedem Fall zeigt sich aber auch, daß die Eigengesetzlichkeit des Genres unüberwindbar ist. Andersrum gesagt: Die Spekulation mit dem Krimi geht nur auf, wenn seiner Spezifik Rechnung getragen wird.

■ Ausgehend von den beiden US-amerikanischen Vorläufern hat sich eine quantitativ und qualitativ beachtliche europäische Tradition entwickelt, den Krimi als Folie für die Verpackung von Gesellschaftskritik zu nützen. Zu nennen sind das schwedische Autorenpaar Mai Sjöwall und Per Wahlöö, der Niederländer Janwillem van de Wetering, der Däne Poul Orum, die Deutsche Doris Gercke, der Spanier Manual Vasquez Montalban usw. Diese AutorInnen bieten einen erstaunlichen Einfallsreichtum auf — unter anderem was die Charakteristik ihres Personals betrifft. Die Bandbreite reicht von einer — im Kontrast zu hochgerüsteten Sondereinheiten — traditionell arbeitenden Ermittlergruppe der schwedischen Polizei bei Sjöwall/Wahlöö bis zur Wodka schluckenden Privatdetektivin und ehemaligen Polizeibeamtin Bella Block bei Doris Gercke.

Paul Flora, Pinocchio und die Carabinieri, 1983

■ Bemerkenswert ist, daß namhafte deutschsprachige Autoren und Autorinnen — aus dem Sprachraum also mit der vermutlich striktesten Trennung von „anspruchsvoller“ und „trivialer“ Literatur — immer wieder versucht haben, das Krimi-Genre für ihre Zwecke zu nutzen. Die Reihe großer Namen beginnt bei Friedrich Schiller mit dem Krimi-Vorläufer und Romanfragment „Der Geisterseher“. Weitere Repräsentanten wie etwa Bertolt Brecht („Dreigroschenroman“) und Friedrich Dürrenmatt („Der Richter und sein Henker“) unterscheiden sich durch den Charakter ihres Zugriffs. Bedient Brecht sich bestimmter Formelemente zur Handlungsführung, ohne das Genre voll zu reproduzieren, verfaßt Dürrenmatt regelrechte, im Detail allerdings speziell aparte Kriminalromane. In diese Gruppe kann auch der österreichische Autor Helmut Zenker eingereiht werden, der mit den Serienfiguren Major Kottan und Minni Mann die Satire und die Groteske auf beachtliches Niveau geführt hat.

■ Schließlich gibt es Kriminalromane, die handwerklich so bemerkenswert literarisch gearbeitet sind, daß ihre Autoren, wie Hammett und Chandler, nicht in einem Atemzug mit den üblichen Praktikern des Genres (von Agatha Christie bis Ross McDonald) genannt werden können. Gemeint sind Ausnahmeerscheinungen wie sie neben den beiden Genannten meines Erachtens vor allem Friedrich Glauser („Studer“-Romane) oder auch Richard Hey („Ledermacherin“-Romane) darstellen.

■ Überzogen scheint die These der russischen Formalisten (in der Literaturkritik) um Boris Eichenbaum, die in den zwanziger Jahren die Meinung vertreten haben, die Besonderheit des Werks von Dostojewski beruhe auf der Kombination des überragenden Talents des Autors mit dem Konzept des Dreigroschenromans, den er auf eine einsame und ungeahnte Höhe geführt habe. Hingegen ist die Tatsache durchwegs überprüfbar, daß das Krimi-Genre kompositorische Eigengesetzlichkeiten besitzt, die jede Autorin und jeder Autor bei der Nutzung dieser Technik fast zwangsläufig aktualisiert.

■ Gründliche weitere Nachforschungen sind die Vermutung wert, daß diese Überlegungen zum Krimi von jenen AutorInnen inspiriert sind, in deren Werken Volkstümlichkeit (als Gegensatz zu Volkstümelei verstanden!) und Literatur miteinander verschmelzen. Insofern dürfte es kein Zufall sein, daß einige VertreterInnen des Genres sich in ihren Romanen besonders liebevoll mit Eß- und Trinkgewohnheiten als Elemente des Alltagslebens auseinandersetzen.

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