FORVM, No. 329/330
Mai
1981

Leben Trotzki & Lenin?

Diskussion über Danzig und Kronstadt

Im FORVM vom März/April stellte Michael Siegert die Gleichung Danzig (1980) = Kronstadt (1921) auf.

Lieber Michael,

Deine Gleichung „Danzig = Kronstadt“ mag zwar als journalistischer Gag verlockend sein, als Beitrag zur politischen Interpretation der revolutionären antibürokratischen Bewegung in Polen ist sie jedoch untauglich.

Du tust den Giereks, Kanias, Breschnews und Husaks eine völlig ungerechtfertigte Ehre an, wenn Du ihnen bestätigst, daß sie sind, was sie von sich behaupten: nämlich „rechtmäßige Erben“ des revolutionären Bolschewismus aus der Zeit Lenins. Deine Behauptung einer Kontinuität von der Politik Lenins und Trotzkis bis zum Einmarsch in der CSSR 1968 führt Dich überraschenderweise zur Bestätigung eines zentralen Elements der ideologischen Rechtfertigung der stalinistischen Herrschaft.

In eine so unangenehme Lage und in eine derart wenig ehrenwerte Gesellschaft kommst Du, weil Du vergißt, daß zwischen 1920/21 und 1968 oder 1980 immerhin eine Kleinigkeit wie die bürokratische Konterrevolution in der Sowjetunion und der Sieg des Stalinismus in der kommunistischen Weltbewegung liegen. Der Sieg des Stalinismus — er hat bekanntlich in der „Großen Säuberung“ Millionen Kommunisten und fast die ganze alte Garde des Bolschewismus das Leben gekostet — war nichts anderes als Ausdruck der sozialen Machtergreifung einer bürokratischen Kaste, die im Namen des Sozialismus eine totalitäre Diktatur über die Arbeiterklasse errichtet hat. 1968 sandte Breschnew die Panzer zur Rettung dieser bürokratischen Herrschaft nach Prag. Aus dem gleichen Grund müssen der Kreml und seine Warschauer Vasallen danach trachten, die polnische Arbeiterbewegung niederzuwerfen.

Der sowjetrussische Staat hatte 1921 einen völlig anderen Charakter: er war das unmittelbare Resultat der Arbeiterrevolution vom Oktober 1917 und des Bürgerkrieges. Die Bolschewiki versuchten den im Inneren und international isolierten revolutionären Arbeiterstaat zu erhalten und zu verteidigen. Die Arbeiterklasse war durch den Bürgerkrieg fast ausgerottet worden und die Räte ihres Inhalts beraubt. Die bolschewistische Partei, in der die Arbeitervorhut des Landes organisiert war, war als einziges revolutionäres Machtorgan aus dem Bürgerkrieg hervorgegangen; durch einen Aufbau der Wirtschaft, eine Wiederentstehung einer Arbeiterklasse und die Hilfe der Weltrevolution hoffte man auf eine Normalisierung der Situation.

Man mag jetzt die bewaffnete Niederwerfung der Sezession von Kronstadt für einen in Quasi-Bürgerkriegszeiten unvermeidlichen Schritt ansehen oder diesen Beschluß für untauglich, ja verbrecherisch halten: gegangen ist es damals auf jeden Fall um Überleben oder Zerfall des Arbeiterstaates. Zu Kronstadt (dessen Matrosen übrigens nicht die revolutionäre Vorhut von 1917 waren, sondern kurz eingezogene Bauernsöhne, deren Unruhe u.a. die Unzufriedenheit am Land widerspiegelte) waren zahlreiche andere Abfallsbewegungen von Bauern in den verschiedenen Teilen des Landes gekommen.

„Morgen beginnt das große neue Leben!“ (Szpilki, Warschau, 1. Februar 1981)

Wird heute die polnische Bürokratie gestürzt, so wird sich relativ rasch ein System der demokratischen Arbeitermacht auf der Grundlage einer sehr starken und aktiven Arbeiterklasse und einer sozialisierten Industrie etablieren, das eine ungeheure Ermutigung für die Arbeiterkämpfe in den kapitalistischen Ländern und die Massen in den anderen Oststaaten bedeuten würde.

Wäre die bolschewistische Herrschaft 1921 zerstört worden oder wären die Bolschewiki abgetreten (nichts anderes hieß damals die Forderung nach Sowjets ohne Parteien und „Dritter Revolution“), dann hätte es keine soziale Kraft und keine die Partei ersetzenden Organe gegeben, die die Funktionen des Arbeiterstaates (Verteidigung, Versorgung der Städte, wirtschaftlicher Wiederaufbau, Unterstützung der internationalen Revolution) hätte erfüllen können. Sowijetrußland wäre auseinandergefallen und die Konterrevolution hätte sich wieder erhoben. Eine Situation ähnlich der in China vor der Zweiten chinesischen Revolution 1926/27 wäre entstanden: rivalisierende Militärs, Marionetten des imperialistischen Auslands, Parteien aus der vorrevolutionären Zeit hätten die Kontrolle über verschiedene Teile des Landes übernommen.

Vielleicht hätte es einige kurzlebige anarchistische Enklaven (Kronstadt) und eine bolschewistische Guerillabewegung gegeben. Irgendein General hätte sich das ganze dann unter den Nagel gerissen — nur ein neuer Bürgerkrieg (wie zwischen Tschiang Kaischek und Mao) hätte ihn wieder verdrängt. Es wäre eine katastrophale Niederlage für die russische und die gesamte internationale Arbeiterbewegung gewesen.

Von der Stellung im internationalen Klassenkampf her gesehen haben Kronstadt 1921 und Danzig 1980 sehr wenig miteinander zu tun. Vom Charakter der einander gegenüberstehenden Kräfte auch. Das Nebeneinanderstellen von aus dem geschichtlichen Zusammenhang gerissenen Forderungen ändert daran wenig. Dir geht es aber offensichtlich vor allem darum, Kronstadt und den Kriegskommunismus als den großen „Sündenfall“ des Bolschewismus und die Wende hin zum Totalitarismus darzustellen. Hinter Deiner schiefen Gleichung Danzig = Kronstadt lugt die noch schiefere hervor: Lenin/Trotzki = Breschnew/Gierek/Kania, oder Leninismus/Trotzkismus = Stalinismus.

Das zeigt sich, wenn Du meinst, das „trotzkistische Gewerkschaftsprogramm“ — das heißt der im Bürgerkrieg gemachte Vorschlag auf Verstaatlichung der Gewerkschaften durch Trotzki — sei von Stalin in den zwanziger Jahren und heute in den Oststaaten „durchgesetzt“.

Auch hier unterschlägst Du den Bruch in Charakter von Staat und Partei und siehst diese Position nicht im Zusammenhang mit der Situation, in der sie gemacht wurden. Daß ein „produktionistischer Kurs“ bei Zerstörung fast der gesamten Wirtschaft durch den Bürgerkrieg — ähnlich wie heute in Nikaragua — ein Gebot der Stunde ist, dürfte unbestreitbar sein. Aus einem Vorschlag in einer extremen Ausnahmesituation wurde aber noch lange nicht das „trotzkistische Gewerkschaftsprogramm“ für Übergangsgesellschaften, wie Du durchblicken läßt.

Im Übergangsprogramm, dem Gründungsdokument der Vierten Internationale, verfaßt von niemand anderem als Leo Trotzki, heißt es im Kapitel über die UdSSR:

Der Kampf für die Freiheit der Gewerkschaften und der Fabrikkomitees, für die Versammlungs- und Pressefreiheit wird sich in einen Kampf für die Wiedergeburt und Entfaltung der sowjetischen Demokratie verkehren (...) Ohne Legalisierung der sowjetischen Parteien ist die Demokratisierung der Sowjets undenkbar. Die Arbeiter und Bauern werden mit ihren freien Wählerstimmen selbst zeigen, welche sowjetische Parteien es gibt.

Trotzkis Vorstellungen zur Rolle von Partei und Gewerkschaft in der Zeit des Kriegskommunismus waren unrealistisch und falsch. Aber trotzdem ist es unrichtig zu behaupten, der Stalinismus habe diese Pläne dann verwirklicht: für Trotzki ist auch in den Zeiten der schlimmsten kriegskommunistischen Verirrungen die Aktivierung der Selbsttätigkeit der Arbeiter im Vordergrund gestanden. Bei einer Zerstörung von 90 Prozent der Industrie war der elementare Wiederaufbau für ihn eine — zweifelsohne zu einseitig verabsolutierte — Voraussetzung dafür. Aber es ist völlig absurd und unhaltbar, daraus zu schließen, seine Politik hätte auf eine politische Abtötung der Arbeiterklasse, auf Passivität und Friedhofsruhe abgezielt, wie sie der Stalinsmus durchgesetzt hat.

In dem aus der Bürgerkriegssituation heraus gemachten Schritt zum Einparteiensystem und besonders dessen Theoretisierung durch die bolschewistischen Führer liegen reale Probleme. Aber deswegen, weil sich die Bürokratie dann ähnlicher Formen bedient hat, kann man doch nicht die russische Revolution, inklusive ihrer Schwächen (Kronstadt war 3½ Jahre nach dem Oktober!) mit ihrer Degeneration zum Stalinismus gleichsetzen. Das wäre, mit Verlaub, wie wenn man das allgemeine Wahlrecht für den Sieg des Faschismus verantwortlich machen würde, weil Hitler über Wahlen Reichskanzler geworden ist. In Wirklichkeit war natürlich Hitler genauso der Totengräber des Parlamentarismus, wie Stalin und Breschnew jene der Revolution und des revolutionären Geistes Lenins!

Ob es Dir nun gefällt oder nicht: Trotzki war halt nicht der Vorläufer der Stalins, Breschnews, Giereks etc., sondern der Begründer der konsequentesten antistalinistischen Strömung innerhalb der Arbeiterbewegung, die seit über 50 Jahren gegen die verschiedenen kleinen und größeren Ausgaben der Gattung „stalinistische Bürokraten“ kämpft. Diese Tatsache sollte schwerer wiegen als oberflächliche Analogien und zweifelhafte Zitate (wie der berüchtigte und nie bewiesene „Rebhühner“-Ausspruch).

Die Vierte Internationale ist überall für die Rechte der Arbeiter in den bürokratischen Übergangsgesellschaften eingetreten, und schließlich ist es auch kein Zufall, daß Du und wir auch in Österreich seit Jahren gemeinsam in der Ostsolidarität tätig sind.

Dein Eintopf von revolutionärem Marxismus und Stalinismus wird die Vorurteile vieler Oppositioneller in Osteuropa gegen Sozialisten im Westen eher stärken als abbauen. Denn wozu sich auseinandersetzen, wenn eh alle lauter kleine Husaks oder Giereks sind?

Ob es das ist, was wir jetzt brauchen?

In Freundschaft Dein

Raimund Löw

Lieber Raimund,

Du unterschätzt immer noch die Tiefe unserer Meinungsverschiedenheiten. Meine Ketzerei geht so weit, daß ich auch Lenin ablehne. Deine Mahnung, Stalin nicht auf Lenin zu reduzieren, nutzt nix — ich glaube, daß der Leninismus mit dem Zusammenbruch des Giereksystems 1980 am Ende ist, und zwar nicht nur in Polen (es wäre doch gar zu herzig, wenn Du jetzt mit Kania sagen würdest: nicht der Sozialismus ist schuld, sondern die Abweichungen von ihm. — Radek sagte während der Kollektivierung einmal: Wenn es keine Milch gibt, ist das nicht Schuld des Sozialismus, sondern der Kühe).

Mit Leninismus meine ich dabei das System der zentral geleiteten Staatswirtschaft, durch Polizei bewacht, mit all dem übrigen totalitären Klimbim, der ja nur Konsequenz dieses frühesten Sündenfalls ist. Und der datiert schon von den ersten Monaten der bolschewistischen Herrschaft. Volin-Eichenbaum beschreibt ein Erlebnis, das er Ende 1917 in der Petrograder Petroleumfabrik Nobel hatte, kaum acht Wochen nach der Novemberrevolution: die Arbeiter hatten die Initiative ergriffen, die Produktion wieder in Gang zu bringen, sie hatten Material und Rohstoffe beschafft, zusammen mit Eisenbahnern den Transport organisiert, für den Absatz der Produkte gesorgt usw. Der Arbeitskommissar Schljapnikow (ein Linker in der Führung! Er bekämpfte später Trotzkis Militarisierung der Arbeit), verbot es ihnen; sie sollten auf Anweisung von oben warten, bis dahin hätten sie bezahlten Urlaub. [1]

Im Sozialismus gibt’s ka Sünd
„Natürlich ist wieder einmal kein Apfel da!“ (Szpilki, Warschau, 1. März 1981)

Ich hingegen glaube an die „freie Assoziation der Produzenten“ vom guten alten Marx und kann den trockenen Burschen Lenin überhaupt nicht leiden. Auch die Polen mögen ihn nicht, weil er ihnen den Segen des Gosplan-Systems 1920 auf den Spitzen der Bajonette bringen wollte, was bekanntlich gescheitert ist. Deswegen existiert in Polen kein Leninismus, es gibt ihn einfach nicht; alle dortigen Machthaber berufen sich auf die ominösen Bajonette, das ist die ganze Legitimation, die Kania & Co. zu bieten haben.

Man muß sich geradezu fürchten vor der Urgewalt dieses Kotzens, wenn Osteuropa einmal die hunderte Millionen Leninbände ausspeit, die man den Menschen dort hineingestoßen hat. Trotzki mag gegen diesen Robespierre ein Danton, ein Mann mit literarischem Geschmack gewesen sein, aber seine freigewählte Unterordnung unter den Leninismus reißt ihn als Figur mit in den historischen Abgrund.

Wenn man die jüngst erschienene sechsbändige Dokumentation des Fraktionsstreits der zwanziger Jahre durchblättert, [2] erschrickt man vor der holzköpfigen Brutalität von Nullen wie Sinowjew und Stalin, diesem synthetischen Gespinst aller bolschewistischen Sünden. Traurig sieht man, wie begabtere Leute wie Trotzki und Bucharin sich dem Niveau anpassen und dabei zugrundegehen (man kann den äußeren Liquidierungstod in der sprachlichen Selbstliquidation schon erahnen).

Solange Du, mein lieber Raimund, Dich in diesen abgelebten Sprachfloskeln windest, Deine Argumentationsfiguren von dort erborgst, bewegst Du Dich als Museumwiärter in einem Wachsfigurenkabinett. Staub eines halben Säkulums!

Der grüne Plan unserer Gegenwart ist die Arbeiterselbstverwaltung, die dazumal noch Arbeiterkontrolle hieß, als sie in den ersten Monaten nach der Novemberrevolution von Lenin und Trotzki zerschlagen wurde. Es gibt jetzt keinen anderen Ausweg aus der Krise mehr, in Ost wie West.

Nehmen wir Polen. Könnte es nicht dahin kommen, daß die zögernde Parteiführung durch ihre fortwährende Sabotage eines Wirtschaftsreformprogramms so tief in den Dreck kommt, daß die Arbeiter dann einfach die Betriebe in die Hände nehmen müssen, die Produktionsprogramme neu definieren und selbst, durch Verbindung mit anderen Betrieben, auf der Basisebene von unten her zu planen beginnen? Die zehntausende Bürokraten in den Überbau-Etagen der Produktionsvereinigungen, der Branchenverwaltungen und Industrieministerien werden dann einfach nicht mehr gefragt, die Arbeiter kümmern sich selbst um Produktion und Verteilung. Die Struktur der MKZ (d.s. Regionalgewerkschaften) und sogar die „horizontalen“ Kontakte der POP (Betriebsparteiorganisationen) à la Torun weisen ja bereits in diese Richtung.

Also vorwärts auf dem Weg zur praktischen Produzentendemokratie! Das wird Euch die bürokratischen Flausen schon aus den Trotzköpfen treiben. Denn natürlich waren Lenin und Trotzki Vorläufer Stalins und Breschnews, wie uns ja („mit Verlaub“) die Bourgeoisie, die uns das allgemeine Wahlrecht zum Spielen schenkte, gelegentlich auch einen Hitler beschert. Aber das ist Geschichtsphilosophie ...

Ihr könntet ja, sagen wir, bei Volin und Solschenizyn das nötige über Euern Lenin nachlesen — aber ich weiß schon, daß auch Linke nicht gern zu Büchern greifen, die ihnen gegen den Strich gehen. Je weniger man sich über eine Sache informiert, desto lauter schreit man sich die alten Formeln zu. Das Leben wird’s lehren, im Vorwärtsschreiten zu neuen Ufern (oder schwimmen wir da?) werden wir uns finden.

In diesem Sinne, lieber Raimund, mit FreiheitsgrüBen Dein

[1Volin-Eichenbaum: Die unbekannte Revolution, Bd. I, Hamburg 1975, S. 277 ff

[2Die linke Opposition in der Sowjetunion 1923-28, 6 Bände, Berlin 1976/77

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