Mondfahrt: Apologie
Gespräch mit Prof. Hermann Bondi, Generaldirektor der European Space Research Organisation; Audouin Dollfus, Präsident der Mondkommission der Internationalen Astronomischen Union; Albert Ducrocq, Professor für politische Wissenschaften, Paris.
Ducrocq: Die Menschheit hat schon viel größere Summen für viel weniger wichtige Zwecke ausgegeben.
Ducrocq: Darauf ist im voraus keine Antwort möglich. Als man mit dem elektrischen Strom zu experimentieren begann, wußte man nicht, daß sich daraus Licht und Kraft gewinnen lassen. Man konnte nichts damit anfangen, als winzige Mengen gewisser Metalle zu erzeugen, die damals gleichfalls unnütz waren. Man sagte daher: Wozu Elektrizität?
1957 sagte man übrigens: Wozu ein Satellit, der die Erde umkreist? Man wußte damals gleichfalls keine Antwort. Heute braucht man Satelliten für die Navigation von Schiffen und Flugzeugen, Wettervorhersage, Nachrichtenübermittlung, Erdvermessung, Mappierung der Naturschätze usw. usw. Es hat in der Menschheitsgeschichte noch keine unnütze wissenschaftliche Entdeckung gegeben, die nicht späterhin reichen technischen Nutzen abwarf.
Ducrocq: Auf dem Mond haben wir endlich einen Platz, von dem aus man die Erde als Ganzes beobachten und untersuchen kann. Eine neue Wissenschaft von der Erde wird die Folge sein.
Desgleichen eine neue Astronomie: alle bisherige war nur Prolog; jetzt werden wir den Himmel endlich richtig sehen, ohne atmosphärische Dunsthaube.
Weiters: eine neue Physik. Das ist heute vor allem: Wissenschaft von den Elementarteilchen. Auf der Erde baut man heute Teilchenbeschleuniger in der Größenordnung von 200 bis 400, später vielleicht 1000 GEV (Giga-Elektronen-Volt = 1 Milliarde Elektronen-Volt). Aber das ist lächerlich; im Weltraum gibt es Teilchen mit einer Energie von Tausenden GEV. Auf dem Mond, wo sie von keiner atmosphärischen Hülle verschluckt werden, können wir sie studieren.
Schließlich eine neue Moral: Die Menschheit kann ihren Planeten endlich als Einheit sehen — als das gemeinsame Boot im Meer des Weltraums.
Ducrocq: Das ist eine unbewiesene Annahme. Es läßt sich im Gegenteil sagen: Wenn man nicht weiß, was das Leben ist, weiß man auch nicht, was der Krebs ist, daher auch nicht, wie man ihn behandeln soll. Die Wissenschaft vom Leben wird durch die Astronautik auf eine Weise vorwärtskommen, daß dann wahrscheinlich der Sieg über den Krebs eher möglich sein wird als auf bisherigen traditionellen Wegen.
Dollfus: Man muß die Ambitionen des Menschen ins rechte Licht rücken. Fast alles, was ein Mensch auf dem Mond machen kann, können auch mechanische oder elektronische Automaten machen; aber Menschen auf dem Mond — das ist dennoch etwas anderes: Verwirklichung eines Traumes.
Dollfus: Im großen und ganzen das, was die Kameras der „Surveyor“-Sonden bereits gezeigt haben.
Bondi: Der Mond ist aber nicht nur als Mond interessant. Wir finden dort aufbewahrt, was auf der Erde da war: ein Museum der Erdgeschichte.
Dollfus: Die Erosion auf der Erde ist nämlich derart rapid, daß alle Landschaftsformen schon in wenigen Millionen Jahren zerstört sind. Auf dem Mond war die Erosion sehr schwach; wir finden dort Formen, die vermutlich ebenso alt sind wie die Entstehung des Sonnensystems.
Dollfus: Ich glaube, daß die Seefahrer im Heldenzeitalter der Entdeckungen größere Risken auf sich nahmen; sie wußten überhaupt nicht, wohin sie fuhren.
Ducrocq: Aber gewiß: Wernher von Braun hat mir anvertraut, daß er begründete Hoffnung habe, noch auf dem Mars zu landen. Und ich bin jünger.
Ducrocq: Sehr wahrscheinlich gibt es kein Leben auf der Mondoberfläche.
Bondi: Aber nichts spricht dagegen, daß es unter der Oberfläche Leben geben könnte; möglicherweise gibt es dort auch Wasser.
Ducrocq: Aber wir wissen doch gar nicht, was Leben ist, so im Detail. Eine allgemeine Definition wäre: Leben ist eine Organisationsform, die jene der Materie transzendiert; solche die Materie transzendierende Organisationsformen kann es alle möglichen geben, ganz andere als auf der Erde, wir dürfen nicht alles nach unserem eigenen Bild messen.
Im übrigen wollen Sie sich bitte Marsbewohner vorstellen, die unsere Erde mit Geräten betrachten, die für ultraviolettes Licht empfindlich sind; dieses Licht wird von der Erdatmosphäre absorbiert. Sie würden also sagen: „Es gibt auf der Erde kein Leben; aber vielleicht gibt es irgend etwas unterhalb der Oberfläche.“ Was den Mond betrifft, sind wir in derselben Situation.
Dollfus: Ich glaube, wir haben auf dem Mond genug anderes zu tun; die Suche nach Leben scheint mir keine Priorität zu haben, denn Leben ist sehr unwahrscheinlich.
Ducrocq: Um gegen mich selbst zu argumentieren: die „Surveyor“-Sonden haben nicht nur die Mondoberfläche untersucht, sondern auch darunterliegende Schichten; diese wiesen alle die gleiche Zusammensetzung auf. Leben erzeugt aber verschiedenartige Schichtungen. Diese Homogenität spricht also gegen die Anwesenheit zumindest höheren Lebens.
Bondi: Da haben Sie Pech. Mit demselben Argument ließe sich doch sagen, daß es im Meer kein höheres Leben gibt.
Ducrocq: Es wird sicher Städte auf dem Mond und auf dem Mars geben.
Ducrocq: Die Häuser werden nicht viereckig sein, sondern sphärisch; wir müssen ja nicht nur Wände haben, sondern darin, darüber und rundum Atemluft. Gegen 1980 werden schon einige Hundert Menschen auf dem Mond leben.
Bondi: Nein, das läßt sich schwer voraussagen: Mit der gegenwärtigen Technologie ist es relativ einfach, menschliches Leben auf dem Mond zu erhalten, aber die Reise wird vielleicht schwierig und teuer bleiben.
Ducrocq: Das kann man absolut nicht wissen. 80 bis 90 Prozent der technischen Produkte, die 1985 existieren werden, sind heute noch gänzlich unbekannt.
Bondi: Einverstanden.
[1] In demselben Dezennium betrug die gesamte Entwicklungshilfe aller Länder ebensoviel; hingegen betragen die Rüstungsausgaben aller Staaten pro Jahr etwa 130 Milliarden Dollar. P. Rieger, 0,62 Prozent Nächstenliebe, Neues FORVM, Mai 1968.



