FORVM, No. 185
Mai
1969

Prognose: Militärdiktatur in Moskau

Im Nachhang zu der vom NEUEN FORVM, Kritischer Klub, veranstalteten Diskussion mit Milovan Djilas im überfüllten Hörsaal 1 der Wiener Universität am 6. Mai lassen wir den Autor hier ein bißchen Orwell spielen: wie wird 1984 die Welt, speziell der Weltkommunismus, aussehen? Man möge diese Prognose vor dem Hintergrund seines neuen, eben erschienenen Buches lesen („Die unvollkommene Gesellschaft — jenseits der Neuen Klasse“, Molden, Wien; Vorabdruck im FORVM Mitte April: „Warnung an die Neue Linke“).

I.

Im Jahre 1918 wandte sich eine Delegation von Kommunisten aus Petrograd mit der Frage an Lenin: Können sich Kommunisten, welche besondere politische Pflichten zu erfüllen haben, ein separates Restaurant einrichten, in dem es besseres Essen gibt, als der gewöhnliche Bürger bekommt? Lenin antwortete: „Die Arbeiterklasse kann nicht ohne ihre Aktivisten und Organisatoren in der Vorhut der Revolution marschieren. Den Aktivisten gilt daher unsere besondere Obsorge, wir müssen sie gegenwärtig im Rahmen des Möglichen physisch unterstützen. Ein separates Restaurant soll eingerichtet werden. Die Arbeiter werden für diese Notwendigkeit Verständnis aufbringen.“

Diese Entscheidung sanktionierte die Schaffung einer neuen privilegierten Schicht in einer Revolution, die die Abschaffung sozialer Unterschiede zu ihrem höchsten „wissenschaftlich bestimmten“ Ideal erhoben hatte.

Damit hielten die ersten Konflikte und Zweifel Einzug in die revolutionäre Ordnung; eine sogenannte Arbeiteropposition entstand, es kam zur Revolte der Kronstädter Matrosen im Februar 1921, es gab die ersten Zusammenstöße im Machtkampf zwischen Stalin und Trotzki. Aber die Revolution war noch zu jung und Lenins Autorität zu groß. Erst nach seinem Tod im Jahre 1924 begannen jene bitteren dogmatischen Kämpfe, die zu Stalins Alleinherrschaft führten — zu einer der grausamsten Tyranneien der Geschichte.

Anders als Trotzki, der an die Verbreitung der russischen Revolution über die ganze Welt glaubte, und anders als Bucharin, der die Diktatur der Parteiführung allmählich demokratisieren wollte, erkannte Stalin, daß die Erhaltung der neuen Ordnung nur möglich ist, wenn sich die „neue Klasse“ — d.h. die Parteibürokratie — im Namen des „Aufbaus des Sozialismus“ eine Vorrangstellung in der Sowjetgesellschaft sichert. Zugleich mußte sie sich zum Träger der imperialistischen Ziele Rußlands machen, in Namen der „führenden Rolle“ des russischen Kommunismus innerhalb des Weltkommunismus.

Das erforderte eine beschleunigte Industrialisierung und die Liquidierung jeglicher Opposition, besonders in den eigenen Reihen. Stalins Säuberungen waren nicht die Metzeleien eines Verrückten, vielmehr sollten sie Lenins revolutionäre Partei mit Gewalt in eine privilegierte und imperialistische Kaste umwandeln. Stalin, unter dem der Kommunismus den höchsten Gipfel der Macht erreichte, war der unbarmherzigste Vernichter von Kommunisten. Jüngsten sowjeamtlichen Statistiken zufolge wurden rund 700.000 Mitglieder der KPdSU ermordet oder starben in sowjetischen Konzentrationslagern.

Stalin half der „neuen Klasse“ in den Sattel und verwandelte Rußland in eine imperialistische Weltmacht. Das aber war zugleich der Ursprung aller Niederlagen des Dogmas wie auch der regierenden Schicht.

Die von Stalin mit grausamsten Mitteln aufrechterhaltene ideologische Einheit erwies sich als unhaltbar, sobald verschiedene kommunistische Staaten etabliert waren. Als erstes rebellierte 1948 das kleine Jugoslawien gegen das neue Imperium und weckte somit die nationalistischen Gefühle von Kommunisten in aller Welt.

1963 trat China als kommunistische Großmacht auf den Plan und verursachte ein Schisma innerhalb der Universallehre.

Die kürzlich erfolgte Besetzung der Tschechoslowakei hat die Transformation der Sowjetunion von einer ideologischen in eine imperialistische Weltmacht vollendet.

Die Sowjetunion wurde zur konservativsten Macht der Erde, verdeckte diese Tatsache jedoch mittels einer immer maßloseren „revolutionären“, „internationalistischen“ und „sozialistischen‘“ Phraseologie. Keine kommunistische Partei kann weiterhin die ideologische Einheit mit der sowjetischen Bürokratie wahren, ohne ihre Nation und die gute Sache des Sozialismus zu verraten.

Die Kluft zwischen Theorie und Leben hat sich so vertieft, daß heute alle bedeutenden schöpferischen Geister Osteuropas und der westeuropäischen kommunistischen Parteien entweder „Revisionisten“ sind oder sich von der Parteibürokratie und ihren Dogmen gänzlich entfremdet haben.

Auch Mao Tse-tung hat erkannt, daß die Sowjetunion nicht die angestrebte vollkommene Gesellschaft, sondern die Herrschaft der Parteibürokratie über die Gesellschaft erreicht hat. Aber statt realistische und demokratische Lösungen zu suchen, stürzt er China in die mystischen Orgien und Extravaganzen der sogenannten „Kulturrevolution“.

Die Krise des Stalinismus erweist sich als die Krise des Marxismus. Das muß so sein, da es sich um eine Krise des faktischen Wirkens der regierenden marxistischen Parteien handelt.

Es ist daher verständlich, daß die nichtkommunistischen Länder sich von den kommunistischen „wissenschaftlichen“ Prognosen immer weniger beeindruckt zeigen.

Stalin war der erste Tito

Die neuen, seit kurzem freien Nationen haben ihre eigenen Wege gewählt und nicht die von den Hegemonisten in Moskau, Peking oder Havanna „selbstlos‘‘ vorgeschrieben.

Die westlichen Gesellschaften stehen nicht unter dem marxistisch-leninistischen „Gesetz“ der wiederkehrenden Krisen und sind auch nicht dem Chaos und der Dekadenz verfallen; vielmehr haben sie eine neue technologische Revolution eingeleitet. Die westlichen Staaten haben sich auch als genügend solidarisch erwiesen, um es der sowjetischen Bürokratie unmöglich zu machen, ihre eigenen internen Schwierigkeiten durch externe Aggression zu lösen.

Die Konsequenzen dieser Veränderungen sind zahlreich, aber die folgenden scheinen die wichtigsten zu sein:

  1. Der Weltkommunismus besteht nicht mehr als eine einheitliche Bewegung, sondern als eine Ansammlung von nationalen Bewegungen mit ideologisch immer schärferen Divergenzen.
  2. Die Beziehungen zwischen den zwei kommunistischen Großmächten Sowjetunion und China sind von Gegensätzen belastet, die nicht geringer, wenn nicht größer, sind als jene zwischen ihnen und den sogenannten kapitalistischen Staaten des Westens. Die kleinen kommunistischen Staaten und Parteien werden vor allem von diesen Großmächten bedroht.
  3. Das marxistisch-leninistische Dogma ist in eine unheilbare Krise geraten.
  4. Die herrschende Parteibürokratie ist von Krise und Zweifel befallen.

Alle Arten des Kommunismus sind — oder waren — identisch hinsichtlich ihres Anspruchs auf dogmatische Exklusivität; daran scheitert nun jede von ihnen auf ihre eigene nationale Weise.

Das trifft sogar für den Kommunismus in der Sowjetunion zu, obwohl die soziale Schicht, die ihn dort stützt, kompakter und selbstbewußter ist als in den anderen osteuropäischen Ländern.

Der Sowjetkommunismus unter Stalin wurde selbst als erster „national“, indem er die Idee der „führenden Rolle“ der Sowjetunion als „Hauptkraft“ des Weltkommunismus entwickelte. Der Sowjetkommunismus wurde eine Mischung von Imperialismus und Totalitarismus und ist es essentiell bis auf den heutigen Tag geblieben.

Der sowjetisch-großrussische Imperialismus wird nicht automatisch verschwinden, noch werden sich in der Sowjetunion freiere Formen von selbst entwickeln. Wahrscheinlich werden auch während der nächsten fünfzehn Jahre Freiheitskämpfer in Rußland und anderen Sowjetrepubliken sich opfern und in die Gefängnisse wandern.

Die Krise der Parteibürokratie wird sich in der Sowjetunion von der Krise in den anderen Parteien stark unterscheiden. In den anderen osteuropäischen Ländern zum Beispiel fördern diese Krisen Reformbewegungen und nationalen Widerstand; diese Bewegungen werden auch künftig nicht nur im Volk, sondern auch in bedeutenden Teilen der regierenden Parteien breite Unterstützung finden. In der Sowjetunion aber wird hiervon nur die dünne Schicht der schöpferischen Intelligenz (Schriftsteller, Künstler, Wissenschaftler) erfaßt, während sich die Masse des Volkes noch passıv verhält.

In der Sowjetunion werden die Krisen hauptsächlich an der Spitze heranreifen, ausgelöst durch einzelne Führer als Vertreter verschiedener Strömungen innerhalb der regierenden Partei.

Die regierende Partei besteht nicht nur aus dem Parteiapparat und der passiven Masse der Mitglieder, sondern auch aus fast dem gesamten Offizierskorps und bedeutenden Teilen der technischen Intelligenz. Das Abbröckeln der Ideologie, die Unfähigkeit, neue Ideen auf den alten Grundlagen zu entwickeln, wird in jeder Schicht der regierenden Partei auf verschiedene Weise zum Ausdruck kommen.

Die gegenwärtige Regierung der sowjetischen Parteioligarchie muß auf andere gesellschaftliche Kräfte Rücksicht nehmen und Konzessionen machen. Diese Konzessionen betreffen vorwiegend die Schichten der höheren Offiziere und der technischen Intelligenz. Angesichts der Unmöglichkeit, sich stalinistischer Methoden zu bedienen, kann Breschnjews Rückkehr zum Stalinismus nur einen Balanceakt zwischen den diversen Kräften des sowjetischen und des Weltkommunismus sein.

Der verminderte Einfluß des Sowjetkommunismus auf den Weltkommunismus und speziell die Verbreitung reformistischen Denkens in der Sowjetunion wird den Parteiapparat mehr und mehr verbittern und demoralisieren.

Die technische Intelligenz wird erkennen, daß die Sowjetunion unter der Herrschaft des Parteiapparates nicht fähig ist, mit der technologischen Revolution in Westeuropa oder gar in den USA Schritt zu halten. Unter der sowjetischen technischen Intelligenz, deren Vorreiter Professor Sacharow ist, [1] werden die antidogmatischen demokratischen Strömungen anwachsen. Aber innerhalb des sowjetischen Offizierskorps wird der Wunsch überwiegen, das Imperium und die Ordnung zu „retten“. Die Marschälle haben den „Zivilisten“ Ustinow als Minister für die Streitkräfte bereits abgelehnt. In den sowjetischen Militärzeitungen finden sich schon einige sehr antileninistische Theorien über die unabhängige Rolle der Armee.

Ohne schöpferische Ideologen und Führer wird der Parteiapparat den militaristischen „Rettern“ des „Staates“ und des „Sozialismus“ keinen Widerstand leisten können. Im Gegenteil: Durch ihre starr antidemokratische Einstellung ebnen die Apparatschicks den Weg der Militärs. Sie werden sich ihnen letztlich beugen, um ihre eigenen Privilegien zu retten.

Im Jahre 1984 wird die marxistisch-leninistische Ideologie in der Sowjetunion gestorben sein, die Partei wird nicht existieren oder doch ruiniert sein. Der Parteiapparat und die Geheimpolizei werden unter Herrschaft der Armee stehen. Die führende Rolle der Militärs im öffentlichen Leben wird offen akzeptiert werden.

Aber in allen Sphären wird sich der „Revisionismus“ — d.h. neues demokratisches Gedankengut — verbreiten. Sekten aus „reinen“ Leninisten, „humanistischen“ Marxisten und Anarchomarxisten werden aus den Ruinen des unverwirklichten Glaubens an eine ideale Gesellschaft auferstehen. Auch wird es einen Kommunismus der Orthodoxen Kirche geben.

Die bedeutendste Rolle werden die Kommunisten der degradierten und unterjochten Nationen spielen mit ihrer offenen Forderung nach größerer Unabhängigkeit für ihre Republiken. Die unterdrückten osteuropäischen Staaten werden dem bürokratisch-militaristischen Sowjetimperialismus zur unerträglichen Last werden.

Auch in den unterdrückten osteuropäischen Staaten wird sich eine Tendenz zur Militärdiktatur manifestieren, aber das öffentliche Leben und der Kampf um die staatliche Unabhängigkeit wird von den oppositionellen Strömungen der demokratischen Sozialisten und demokratischen Nationalisten geprägt sein.

Das militärbürokratische Regime wird schwächer sein als das heutige Sowjetregime. Die Welt wird sich von ihm nicht mehr bedroht fühlen müssen als sie es heute schon durch die Herrschaft des derzeitigen Parteiapparates ist, eines Apparates, den das Absterben der Ideologie verwirrt und den die wachsende Rolle der Armee erschreckt. Der Aufstieg der Armee wird hauptsächlich interne Ursachen haben. Die Sowjetunion wird keinen Napoleon hervorbringen.

Vielleicht wird Europa — das ist jedoch nicht sicher — zu größerer Einheit finden, denn die USA werden mächtiger bleiben als die UdSSR, während im Osten ein besser organisiertes China aufsteigen und mit mehr Nachdruck die Rückgabe der Territorien fordern wird, die die russischen Zaren seinem Reich entrissen.

Die sowjetische Militärbürokratie wird sich gezwungen sehen, dem Westen gegenüber eine vernünftigere Haltung einzunehmen und die wirtschaftliche Zusammenarbeit zu intensivieren. Ohne frische Ideen, ohne Einfluß auf fortschrittliche Gruppen der Gesellschaft, ohne Basis in Eigentumsbeziehungen kann die Militärbürokratie nur den Todeskampf der gegenwärtigen politischen und imperialen Struktur verlängern. Eine militärische Despotie wird in der Sowjetunion keine neue Ordnung sein, sondern die Fortsetzung der zusammengebrochenen alten Ordnung mit anderen Mitteln. Sie wird das letzte Widerstandsnest in der abbröckelnden Festung der politischen Bürokratie sein.

Die Vorherrschaft der militärischen Bürokratie wird die Auflösung der Ideologie und das Ende der Partei als „führende Kraft der Gesellschaft“ anzeigen. Damit werden die gesellschaftlichen Widersprüche und die nationalen Forderungen eindeutiger als bisher sich offenbaren.

Der unverblümte Machtkampf unter den Militärs wird dem Mythos von der Armee als Retterin der Gesellschaft und des Vaterlandes bald ein Ende setzen. So wird die Militärdespotie in Rußland die entscheidenden demokratischen Veränderungen einleiten.

Mao ist der bessere Stalin

Als in China die „Kulturrevolution“ begann, dachte ich, wir stünden vor Entwicklungen, ähnlich jenen, die Rußland unter Stalin durchmachte. Heute glaube ich das nicht mehr.

Zwischen der „Kulturrevolution“ in China und der stalinistischen „Verschärfung des Klassenkampfes“ gibt es wichtige Unterschiede. Die Verabsolutierung des Dogmas in der Sowjetunion und in China, der „Persönlichkeitskult“ Maos und Stalins sind weder inhaltlich noch in der Tendenz identisch. Für Stalin war das Dogma hauptsächlich ein Instrument des Machtkampfes; für Mao Tse-tung ist es nicht Mittel, sondern Ziel.

Mao erkannte, daß sich die chinesische Parteibürokratie zu einer privilegierten Kaste entwickelte und daß sich dies unter dem Einfluß des sowjetischen Modells vollzog. Eine solche Entwicklung verurteilte die Chinesische Revolution zur Entartung, China und seine Führung zu einer elenden Existenz im Schatten des Kremls.

Es blieb Mao nichts anderes übrig, als die Jugend für die dogmatischen Ideale zu mobilisieren und sich auf die Armee zu verlassen — dies war desto eher möglich, als ja die Armee und nicht die Partei die bedeutendste Kraft der chinesischen Revolution war.

Ohne Zweifel hat Mao China mit Erfolg in eine unabhängige Weltmacht verwandelt. Es scheint, daß es ihm auch gelingt, die „realistische“ Parteibürokratie zu besiegen.

Dies ist desto wahrscheinlicher, als China die Mittel für eine schnelle Industrialisierung fehlen und die Parteibürokratie daher ihren „historischen Auftrag“ nicht genügend rechtfertigen kann.

Mao kommt zustatten, daß die moderne Technologie auch unterentwickelten Ländern die Herstellung von Atomwaffen ermöglicht. Als vorwiegend landwirtschaftlicher Staat wird China noch lange nicht in der Lage sein, eine Expansion außerhalb seiner engeren Nachbarschaft zu betreiben, aber auf absehbare Zukunft wird es sich auch keiner „atomaren Erpressung“ beugen müssen.

Jedoch wird Mao für seine Siege einen Preis bezahlen müssen. Zu diesem Preis zählt nicht die Verzögerung einer utopischen kommunistischen Gesellschaft, deren „Aufbau“, wie Mao selbst sagte, ohnehin Jahrhunderte dauern wird; aber er wird gesellschaftliche Beziehungen in Kauf nehmen müssen, wie er sie nicht konzipiert hat.

Nach Maos Tod wird China die ideologische Krise des Kommunismus nicht erspart bleiben. Das wird die Machtergreifung der Parteibürokratie behindern, höchst wahrscheinlich sogar verhindern. Gleichzeitig werden regionale und andere traditionelle chinesische Tendenzen anwachsen. Die Militärs und die Staatsbürokratie werden die entscheidenden politischen Faktoren sein. China wird jede Aussicht verlieren, Nährboden des Weltkommunismus zu werden.

Ich glaube nicht, daß Maos Nachfolger seinen Kult zerstören werden, wie das mit Stalin geschah. Wie Lenin in Rußland, könnte auch Mao zur mythischen Figur verklärt werden; sein Despotismus ist weniger persönlich als der Stalins, seine dogmatischen Lehren sind Denkformen, durch die China Einigkeit und Unabhängigkeit erlangte.

Chinas Rolle als Weltmacht wird an Bedeutung gewinnen, aber seine Ideologie, so ethisch sie auch scheinen mag, hat keine Aussicht auf Verbreitung über jene Territorien hinaus, die China durch seine Position und Masse an sich zieht.

Die Führer glauben nicht an Marx

II.

Die verschiedenen Schattierungen des Kommunismus sind auch deshalb wichtig, weil sie gewisse Bewegungen in der jeweiligen Gesellschaft und herrschenden Partei widerspiegeln. Schließlich unterscheidet sich der moderne Kommunismus von früheren ähnlichen Lehren gerade durch seine Fähigkeit, sich den Tatsachen anzupassen. Die osteuropäischen Führer, die heute an die Erreichbarkeit einer utopisch-kommunistischen Gesellschaft selber glauben, kann man an den Fingern einer Hand abzählen; und doch würde es ihnen deswegen nie einfallen, auf ihr Machtmonopol zu verzichten.

Da ich ein prinzipieller Gegner des gegenwärtigen Regimes in Jugoslawien bin, ist es nur natürlich, daß ich seine Veränderung wünsche. Doch will ich, als demokratischer Sozialist, daß sich die Änderungen ohne Gewaltanwendung vollziehen. Und ich möchte, daß Tito das Jahr 1984 erlebt, um selbst beurteilen zu können, wie richtig seine Vorhersagen waren und wie richtig die meinen.

Seit seinem Zusammenstoß mit Moskau im Jahre 1984 hat sich Jugoslawien — zickzack, aber unausweichlich — in Richtung auf nichtdogmatische Formen entwickelt und nähert sich nun offenbar einem kritischen Punkt, den es wahrscheinlich nach Tito, vielleicht aber auch noch unter ihm, erreichen wird.

Das Streben der Kroaten und Slowenen nach größerer Unabhängigkeit und der Serben nach nationaler Einheit übertönen den Wunsch nach Demokratisierung, obwohl die beiden Bestrebungen sich nicht ganz trennen lassen. Die kommunistischen Parteien der jugoslawischen Republiken werden mit Abnahme der Dogmatisierung immer nationalistischer.

„Revisionismus“, „Liberalisierung“ und ähnliches waren nicht die wirklichen Gründe für die sowjetische Intervention in der ČSSR; sie werden dies auch nicht sein, wenn die Sowjetunion in Jugoslawien intervenieren sollte. Der Grund für eine solche Aktion wird die imperialistische Zielsetzung der Sowjetbürokratie sein. Doch hat die Sowjetbürokratie viel weniger Chancen, ihr Ziel in Jugoslawien zu erreichen als in der Tschechoslowakei.

Im jugoslawisch-sowjetischen Konflikt von 1948 fand man die bei weitem größte Anzahl der Unterstützer Stalins unter den Serben, besonders unter jenen aus Gegenden mit traditionellen Bindungen zu Rußland (z.B. Montenegro); unter den „verwestlichten“ Kroaten und Slowenen gab es kaum Unterstützer Stalins. Aber die Sowjetführer werden sich täuschen, wie sie es schon 1948 und immer dann getan haben, wenn sie versuchten, ihre serbischen Freunde zu Instrumenten und Untergebnen zu machen.

Die jugoslawische Gesellschaft ist heute schon so verändert, daß sie für keinerlei sowjetische Einflüsse empfänglich ist. Nichtsozialistische Formen des Eigentums sind — mit Ausnahme der Landwirtschaft — unbedeutend und unterdrückt, jedoch im Anwachsen. Viel bedeutsamer ist jedoch, daß der sozialistische Sektor der Wirtschaft sich in Formen entwickelt, die den sowjetischen zuwiderlaufen.

Schon seit langem ist die jugoslawische Wirtschaft mehr an den Westen als an den Osten gebunden. Im Jahre 1984 werden die sozialistischen kooperativen Formen des Eigentums in Jugoslawien frei von Staatskontrolle sein, die privaten einer nur geringfügigen staatlichen Kontrolle unterstehen.

Die jugoslawische Wirtschaft wird in die westeuropäische integriert sein.

Die Einfuhr ausländischen Kapitals wird beträchtlich sein, jedoch, wie in den westlichen Ländern, staatlichen Beschränkungen unterliegen.

Bis 1984 wird die jugoslawische Föderation den Status einer Konföderation erlangt haben. Die Diskussion nichtmarxistischer Ideen und sogar die Kritik am Marxismus wird frei sein. Sollte es nicht schon verschiedene politische Parteien geben, so werden sich doch die kommunistischen Parteien der jugoslawischen Republiken zu Organisationen entwickeln mit freier Meinungsbildung und garantierten Rechten auch für ihre Minderheiten.

Ähnliche Wandlungen werden sich in den kommunistischen Parteien des Westens vollziehen. Alle möglichen Gruppen werden von ihnen absplittern. Ihre Mehrheiten werden sich faktisch mit den Sozialdemokraten vereinigen.

Das wird im Westen viele Zweifel über die Absichten des Ostens zerstreuen und wird im Osten viele zur Vernunft bringen. Aber es wird auch das Ende des Mythos bedeuten, daß die vereinigten Kommunisten und Sozialisten siegen können; denn Wahlstimmen genügen nicht, um die Verwandlung der gegenwärtigen politischen Strukturen zu erreichen. Neue Ideen, neue Programme und neue Bewegungen sind weit wichtiger.

[1Andrej D. Sacharow, Wie ich mir die Zukunft vorstelle. Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit. Nachwort von Max Frisch, Diogenes, Zürich, 1969.

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