FORVM, No. 194/I
Februar
1970

Seipel und die Banken

Zu einem Buch von Karl Ausch

Karl Ausch, Nestor der österreichischen Wirtschaftsjournalistik, Währungspolitiker (seit 1952 Generalrat der Oesterreichischen Nationalbank) und Bankfachmann (1960 bis 1963 Stellvertretender Generaldirektor der Girozentrale), nützt die Jahre wohlverdienten Ruhestandes zu ruhelosem publizistischem Schaffen. Gleichsam zum Ausgleich dafür, daß er früher als Wirtschaftsjournalist der „Arbeiter-Zeitung“ Artikel um Artikel zu produzieren hatte, schreibt er jetzt Buch auf Buch. Allein während der letzten fünf Jahre deren drei. [1]

Was ihn früher als Kommentator und Akteur bewegte, bewegt ihn jetzt als Historiker. Seine Ausagen sind dementsprechend erlesen und nicht bloß angelesen. Sie sind ebenso unbequem wie früher, als er den Österreichern den Spiegel jener Familie Österreicher vorhielt, die über ihre Verhältnisse lebt. Unbequem ist bereits der Gegenstand seines neuen Buches: das Bankensterben der Zwischenkriegsjahre. Überdies führt er dieses traumatische und deshalb geflissentlich verdrängte Erlebnis unter anderem auf eben dieselbe Grundursache zurück, nämlich darauf, daß nach Zerfall der Monarchie der überdimensionierte Kreditapparat über die neugeschaffenen engen Verhältnise zu leben versuchte.

Nach Karl Ausch verabsäumte es der österreichische Kreditapparat damals, seine finanziellen Engagements in den Nachfolgestaaten der Monarchie rechtzeitig zu lösen. In Fortsetzung dieser Großmannssucht stürzten sich die österreichischen Banken zusätzlich noch in gewagte Währungs- und Aktienspekulationen. Dazu kam noch ein Übermaß an Korruption. Damit rundet sich nach Auffassung des Autors das Bild: die Kette von Bankzusammenbrüchen der Zwischenkriegsjahre wurde zur unausweichlichen Folge des Nichterkennenwollens beziehungsweise -könnens der Realität seitens der für Wirtschafts- und Kreditpolitik Verantwortlichen.

Doch Karl Ausch nimmt noch eine weitere Aufgabe auf sich, nämlich eine überaus kritische Analyse der budget- und währungspolitischen Vorgänge rund um die sogenannte Genfer Sanierung. Die Analyse der Seipel-Legende umfaßt den ganzen ersten Teil seines Buches. An Hand einer lückenlosen Aneinanderreihung überaus interessanter historischer Belege kommt er zu dem Schluß, daß das Genfer Sanierungswerk in Wahrheit keine Sanierung brachte, sondern das wirtschaftliche Siechtum verstärkte.

Durch die Genfer Sanierung gab Österreich einen wesentlichen Teil seiner Souveränität auf. Die wirtschaftspolitische Kuratel, unter die sich Österreich damals stellte, liefert beredtes Zeugnis für die Unfähigkeit der damaligen Wirtschaftspolitiker, die gewiß schwierige Situation aus eigenen Kräften, etwa nach den Vorschlägen der Sozialdemokraten, zu meistern.

Die von den Patronanzmächten der Genfer Sanierung Üsterreich auferlegte Deflationspolitik trug zum wirtschaftlichen Zusammenbruch der dreißiger Jahre nicht unwesentlich bei. Damit wurde zugleich der Nährboden für Austrofaschismus und Bürgerkrieg geschaffen.

In dieser sehr engagiert geschriebenen Einleitung skizziert Karl Ausch zugleich die allzu großen Schwächen des damaligen institutionellen Rahmens der Finanz-, Währungs- und Kreditpolitik. Bei der Lektüre des zweiten, dem Zusammenbruch selbst angesehener Kreditinstitute gewidmeten Teils („Zur Soziologie der politischen Korruption“) wundert sich der Leser nicht mehr, daß die zuständigen Instanzen und Männer weder fähig noch gewillt waren, das Notwendige zur rechten Zeit zu tun.

„Als die Banken fielen“ umfaßt somit zwei zu einem überzeugenden Ganzen vereinte Bücher. Beide sind durchaus geeignet, einen allzulang bestehenden Nachholbedarf zu decken. Bedauerlicherweise gab es nämlich bisher weder eine ähnlich umfassende und fundierte Darstellung der Probleme der Genfer Sanierung noch eine solche des Bankensterbens. Beide zu schreiben, wurde Karl Ausch von einem Freund nahegelegt. Die gegenwärtige Generation von Nationalökonomen, Bankfachleuten und Politikern sollte dem Autor dafür danken, so viel an Materialstudien im Interesse der Aufhellung bisher allzu unausgeleuchteter Zusammenhänge angestellt zu haben.

Das neueste Buch Karl Auschs hat allgemein Aufmerksamkeit und Zustimmung gefunden. Was in Rezensionen abgelehnt wurde, ist die gerade für diesen Autor ungewöhnliche Flüchtigkeit mancher Formulierung und vor allem der Autorkorrektur. Tatsächlich holpert an manchen Stellen der Formulierungswagen dieses ansonst überaus gewandten Schreibers beträchtlich. Tatsächlich blieben Satz- und Interpunktionsfehler unentdeckt und unkorrigiert.

Auch das politische Engagement wird Karl Ausch zum Vorwurf gemacht. Tatsächlich verdammt der Sozialist Ausch die bürgerliche Wirtschafts- und Bankpolitik der Ersten Republik. Dies allerdings nur unter Verwendung historischer Belege für ein uns heute kaum verständliches Übermaß an Unkenntnis, Korruption und zu katastrophalen Folgen führendem Versagen. Selbstverständlich kommt dabei die zeitgenössische Kritik, wie sie vor allem von den Sozialdemokraten vorgebracht wurde, besser weg. Manche Rezensenten erheben gegen den Autor dieses Buches überdies den Vorwurf, von einer eher klassischen als modernen Warte der Bankpolitik zu urteilen. Dieser Vorwurf gründet sich auf allzu vordergründige Feststellungen wie jene der angeblichen Überbetonung des Sicherheitsdenkens in der Argumentation. Diese Argumentation erscheint jedoch gerade angesichts der zahlreichen Zusammenbrüche von kleinen und großen Bankinstituten, wie sie die Erste Republik erleben mußte, durchaus legitim.

In seinen Schlußfolgerungen warnt Karl Ausch vor zuviel Selbstsicherheit. Wenn es richtig ist, daß die ungeheuren wirtschaftlichen Mißerfolge der Zwischenkriegszeit vor allem aus einer chronischen Krise des Staatshaushalts, aus einem Übermaß an Korruption und aus dem unverantwortlichen Verhalten der Banken erwuchsen, so zeigen sich gegenwärtig wiederum ähnlich drohende Zeichen an der Wand. Lassen wir dazu den Autor selbst zu Wort kommen. Zu den drei grundsätzlichen Gefahren stellt er fest:

  1. „Österreich steht in den nächsten Jahren Budgetdefiziten gegenüber, die alles übersteigen, was bisher als möglich und tragbar angesehen wurde.“
  2. „Der Contibankskandal, der eine Reihe unaufgeklärter Vorgänge bei den niederösterreichischen Landesgesellschaften Newag und Niogas einschließt, ist das typische Beispiel eines politischen Korruptionsfalles, wie sie zu Dutzenden die öffentliche Moral der Ersten Republik unterminierten. Sind die politischen Korruptionisten schon wieder unter uns?“
  3. „Die maßgebenden Kreditinstitute stehen heute immerhin unter einer fachkundigen und vorsichtigen Leitung, die ruhigen Devisen- und Effektenmärkte (!) bieten keinen Anreiz für größere Spekulationsgeschäfte ... Die Kreditinstitute nehmen eine einzigartige Stellung im Wirtschaftsleben ein. Sie verfügen über die gesamten Ersparnisse der Gesellschaft und damit über eine ungeheure Macht. Sie müssen sich daher einer besonderen Kontrolle unterwerfen. Diese Kontrolle wird derzeit durch das alte deutsche Kreditwesengesetz und das Nationalbankgesetz unzulänglich und lückenhaft geregelt. Diese Kontrolle ist vor allem deshalb so problematisch, weil das Finanzministerium dem Kreditapparat in zwei miteinander nicht zu vereinbarenden Funktionen gegenübersteht. Als Aufsichtsbehörde soll es dieselben Banken, Sparkassen und Genossenschaftsbanken kontrollieren, an die es sich um die Gewährung von Krediten und Anleihen zur Finanzierung der Budgetdefizite wenden muß. Daß dabei die Aufsichts- und Kontrollfunktion zu kurz kommt, steht außer Zweifel. In diesem Versäumnis [die Kreditaufsicht im Sinne der Beseitigung des Interessenkonflikts zu reformieren] liegt eine mögliche Gefahr.“

Wenn uns Karl Ausch vor zuviel Selbstsicherheit warnt, so sollte man diese Warnung um so ernster nehmen, als seit Erscheinen dieses Buches weitere Gefahrenmomente auftraten. Die Gefahr von Devisenspekulationen ist heute wieder akut. Auf den internationalen Geldmärkten werden neuerdings ähnlich hohe Zinssätze verzeichnet wie 1929. Die Gefahr, daß Kreditinstitute durch diese hohen Kreditzinsen einerseits und durch die monetären Restriktionen der ausländischen Währungsbehörden anderseits unter die Räder kommen, ist nicht länger zu übersehen.

Karl Ausch darf zu seinem neuen Buch herzlich gratuliert werden. Zu korrigieren wäre hingegen das Vorurteil mancher gegenüber Karl Ausch als Vertreter orthodoxer Wirtschaftsauffassungen. Wie kaum ein anderer versteht es nämlich gerade dieser Autor, bei Behandlung historischer Stoffe unorthodoxe Lehren für Gegenwart und Zukunft zu ziehen. Fachkollegen, politisch, wirtschaftlich und historisch Interessierten darf „Als die Banken fielen“ vorbehaltlos zur Lektüre empfohlen werden. Wenn ein Rezensent meinte, dieses Buch wäre notwendig, aber gefährlich, so ist festzustellen, daß es gefährlich wäre, dieses Buch nicht zu lesen und nicht zur Kenntnis zu nehmen.

[1Erlebte Wirtschaftsgeschichte, Europa-Verlag, Wien 1963, 359 Seiten; Licht und Irrlicht des österreichischen Wirtschaftswunders, Volksbuchhandlung, Wien 1965, 380 Seiten; Als die Banken fielen: Zur Soziologie der politischen Korruption, Europa-Verlag, Wien, Frankfurt, Zürich 1968, 452 Seiten.

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