Sex & Kapital als Reich der niederen Dämonen
1. Die gleichzeitige Entmythisierung und Remythisierung der Sexualität ist ein Exempel für die Doppelnatur der bürgerlichen Gesellschaft, die gleichzeitig progressive und retardierende Tendenzen entfaltet. Die Remythisierung der Sexualität, das retardierende Moment also, wird von rechts wie von links betrieben.
Ein gutes Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung in »Weg und Ziel« 2/1996.
Sosehr in den einzelnen Beiträgen auch um einen rationalen Umgang mit diesen Komplex gerungen wird, so laufen die Argumentationen letztlich doch auf eine Remythisierung hinaus.
Der gemeinsame Nenner aller dieser Beiträge ist implizit oder explizit die Zurückweisung einer Sexualität als „Spaß ohne Ecken und Kanten“, der vollendeten Entmythisierung der Sexualität also. Warum darf „Spaß ohne Ecken und Kanten“ nicht wenigstens als Desideratum formuliert werden? Weil offenbar die Sexualität direkt oder indirekt in die politische Pflicht genommen wird.
Dies kann bloß zu neuen Mythisierungen führen; wenn Sexualität revolutionären Treibstoff liefern soll, dann kann sie keine entspannte freudige Selbstverständlichkeit sein, sondern muß in ein außergewöhnliches Spannungsverhältnis getaucht werden. Die wiederum führt zur unweigerlich zu einer Mythisierung; das heißt zu einer nichtmaterialistischen Betrachtungsweise
2. Sexualität wurde in fast allen linken Strömungen vorwiegend unter dem Gesichtspunkt abgehandelt, die Prinzipien der bürgerlichen Tugendhaftigkeit gegen die reale Liederlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft auszuspielen. So nimmt es nicht Wunder, daß die Monogamie eine ganz unmaterialistische höhere Weihe erhält.
Realistisch gesehen ist die Monogamie ein Produkt des ökonomischen Zwangs. Während des größten Teils der menschlichen Geschichte war die Familie der entscheidende ökonomische Verband; typisch dafür ist etwa die bäuerliche Lebensund Wirtschaftsform.
Das blanke Überleben der Menschen hing also von stabilen und funktionierenden Familienverhältnissen ab. Unter diesen Umständen ist es kein Wunder, daß die Monogamie verherrlicht und die Promiskuität verteufelt wurde.
Sobald jedoch Menschen in der Lage waren, sich diesem Zwang zur Familienwirtschaft zu entziehen, wurden sie in der einen oder anderen Form polygam oder genauer mehr oder weniger promisk. Dies galt für den oberen wie für den unteren Pol der gesellschaftlichen Stufenleiter, für Aristokraten wie für Gesetzlose.
Demokratisierung der Gesellschaft bedeutet also auch, daß zunehmend alle Menschen die Chance erhalten, promisk zu leben. Diese Entwicklung verläuft freilich wie die Echternacher Springprozession: Jeder Bewegung nach vorn folgt wieder ein Rückschritt, wenn auch in der Gesamtsumme eine fortschreitende Bewegung sichtbar wird.
3. Das „Glas Wasser“ als Chiffre für rein hedonistische sexuelle Kontakte war eine polemische, den russischen Verhältnissen der damaligen Zeit entstammende Formulierung, die allerdings eine konsequent materialistische Fassung des Problems darstellte. Unpolemisch ausgedrückt und an westliche Sprachgebräuche angepaßt handelt es sich um nichts anderes als um die inkriminierte Option für „Spaß ohne Ecken und Kanten“.
4. Die strikte Sexualmoral, die von Marx über Lenin bis zur Gegenwart zumindest in der Theorie die Position der meisten Linken prägte, verrät auch einiges über den Marxismus selbst.
Der Marxismus ist allenfalls eine Anatomie der kapitalistischen Wirtschaftsform, aber keine theoretische Vorwegnahme einer nachbürgerlichen Gesellschaft.
Mehr noch; gerade in den Bereichen des „Überbaus“ konserviert der Marxismus eher frühbürgerliche, längst von der realen kapitalistischen Entwicklung überholte Elemente. Diese „kulturelle Rückständigkeit“ war wohl auch ein wesentlicher Faktor für den Zusammenbruch nicht bloß der Sowjetunion, sondern aller marxistischen Bewegungen; sie findet sich nicht erst im sowjetischen Kommunismus, sondern keimhaft bei Marx und Engels selbst.
Konkret auf die Fragen der Sexualität bezogen ist etwa die Position Lenins nichts weiter als eine Adaptierung der „Tugend“ der französischen Jakobiner, eine Art Konservierung der Positionen Robespierres und Saint Justs.
Die „Ungleichzeitigkeit“ sozialistischer Bewegungen erstreckt sich aber noch viel weiter. Immer wieder wurde und wird versucht, den Kapitalismus durch das Anknüpfen an vorbürgerliche Denkformen, Produktionsweisen und Kulturen aufzusprengen; ein Versuch, der wesentlich zum praktischen Scheitern und zur theoretischen Verlotterung dieser Bewegungen beigetragen hat.
5. Das theoretische Konzept Volkmar Siguschs wurde wohl mit vollem Recht als theoretischer Richtpunkt gewählt. Dieses Konzept zeigt nicht nur die linke Remythisierung der Sexualität; es markiert den Punkt, an dem das Denken der Linken vom Materialismus in Mystizismus umschlägt.
Siguschs Arbeiten selbst mögen wenig bekannt sein; sie drücken aber eine weitverbreitete Grundströmung präzis und mit theoretischen Anspruch aus.
Die Gesamtheit des Lebens in der bürgerlichen Gesellschaft wird aus dem Warenfetisch als System der Verblendung, als Totalität des Falschen konstruiert.
Damit werden der bürgerlichen Gesellschaft und dem Kapital ihre vorwärtstreibende Potenz abgesprochen; ihr Doppelcharakter, sowohl progressive als auch retardierende Elemente zu entwickeln, wird verneint.
Der Kapitalismus erscheint dann als ein statisches und geschlossenes, entwicklungsunfähiges und geschichtsloses Reich des Bösen. Die dialektische Entwicklung wird verworfen; Widersprüche erscheinen nicht mehr als Elemente eines Prozesses, sondern als bloße Antinomien.
Wenn aber der Kapitalismus zu einer Totalität des Verwerflichen gerinnt, wenn in ihm keine progressive Dialektik wirkt, dann kann es auch keine Umwälzung geben, die aus der inneren Bewegung der bürgerlichen Gesellschaft selbst hervorgeht. Dann bleibt nur die hohle und bereits reichlich irrationale Hoffnung auf die „Peripherie“ oder das Warten auf ein Wunder.
Auf der Ebene des Bewußtseins entspricht dem die Behauptung, der Kapitalismus habe einen radikaleren Verblendungszusammenhang geschaffen als alle früheren Gesellschaften. Bei näherer Betrachtung etwa der Religionsgeschichte wird diese Behauptung recht fadenscheinig; der springende Punkt ist aber, daß nach dieser Konzeption strenggenommen jede Rationalität unmöglich und jedes Denken verkehrt und falsch ist. Ausgenommen davon wäre nur eine kleine intellektuelle Elite, die sich durch eifrige Marx- und Freudlektüre im Geiste frei von der kapitalistischen Totalität gemacht hätte. Diese Elite wäre eine Art moderne Wiedergeburt der spätantiken Gnostiker, die sich durch die mühsame Aneignung verborgener Weisheitslehren von der satanischen Welt distanziert glaubten.
Folgerichtig wird jede Vorstellung abgewehrt, in der bürgerlichen Gesellschaft könnten Fortschritte zum vernünftigen Denken gemacht werden oder das Wirken des Kapitals könnte zumindest potentiell die Menschen zur Rationalität zwingen.
Eine solche Konzeption mag sich auf Marx berufen; allerdings zu Unrecht. Im „Kommunistischen Manifest“ umreißen Marx und Engels die Entwicklung des Massenbewußtsein im Kapitalismus so:
Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht, und die Menschen sind endlich gezwungen, ihre Lebensstellung, ihre gegenseitigen Beziehungen mit nüchternen Augen anzusehen.
6. Ein Grundfehler der linken Theoriebildung wird am Beispiel der Sexualitätsdebatten besonders deutlich. Es ist die Vermanschung verschiedener Erkenntnis- und Praxisebenen, das Hereinzerren begrifflicher Instrumentarien in Bereiche, auf die sie nicht zugeschnitten sind.
So sind die Marxschen Begriffe auf ganz bestimmte Felder der gesellschaftlichen Tätigkeit bezogen. Jeder Versuch, sie außerhalb dieser Felder anzuwenden, erzeugt Deformationen und führt zu Mystifizierungen, wie die oben angeführte Ausdehnung des Warenfetisch auf die Gesamtheit der bürgerlichen Gesellschaft.
Die Forderung, die Trennung von „privaten und politischen Fragen“ aufzuheben ist beinahe ein Stehsatz linker Sexualitätsdebatten. Dies ist die praktische Seite des theoretischen Synkretismus, in dem der Marxismus für alle möglichen Aufgaben herangezogen wurde.
Auf dem Scherbenhaufen von zweihundert Jahren Revolutionsgeschichte sollte allerdings auch die Überlegung platzgreifen ob nicht derartige Crossovers zum Bankrott des Sozialismus wesentlich beigetragen haben. Für die Zukunft könnte es wohl recht nützlich sein, die Differenz der Ebenen und der Praxisarten zu beachten und sie nicht in einer schlechten Totalität zusammenzuzwingen; die Differenz von Politik und Gesellschaft, von „privat“ und „öffentlich“ zu akzeptieren und „auszuhalten“.


