FORVM, No. 144
Dezember
1965

Sozialismus als christliche Idee

Marcel Reding, aus Luxemburg gebürtig, ist Professor für Theologie an der Freien Universität Berlin. Er gehört zu den hervorragenden Kennern, Kritikern — und fast hätten wir hinzugefügt: Schätzern — des Marx’schen Denkwerkes im christlich-katholischen Bereich. Sowohl seine Antrittsvorlesung an der Universität Graz „Karl Marx und Thomas von Aquin“ wie insbesondere sein Buch „Der politische Atheismus“ (Styria, Graz 1958) haben in der Geschichte des Dialogs zwischen Kirche und Sozialismus Epoche gemacht. Prof. Reding hat an diesem Dialog, unter anderem in Gesprächen während einer ausgedehnten Reise durch die Sowjetunion sowie im Rahmen der Paulus-Gesellschaft, auch intensiven praktischen Anteil.

Homer sah den Trojanischen Krieg anders als Agamemnon, Agamemnon zu Beginn des Krieges anders als nach dessen Abschluß. Hiemit soll nicht die triviale Wahrheit ausgedrückt sein, daß jeder jeden Gegenstand anders sieht, sondern daß die dichterische, die politische, die wissenschaftliche Sicht desselben Gegenstandes völlig verschiedene Momente an ihm zeigt und daß die politische Sicht, die einer Entscheidung vorhergeht, von jener, die schon deren Ergebnisse betrachten kann, unterschieden werden muß.

Die Sicht der Begründer des Sozialismus in bezug auf das Verhältnis zwischen Sozialismus und Kirche ist demnach erwartungsgemäß eine andere als jene des Politikers, der dieses Verhältnis nach hundert Jahren neu überdenkt.

Vor hundert Jahren konnten sich die Gründer der sozialistischen Bewegungen fragen: Hat die Kirche angesichts der materiellen, ethischen und geistigen Verfassung der Gesellschaft noch eine Chance? Ist die Verbindung von Kirche und Sozialismus in einer Epoche des Rückgangs des kirchlichen Lebens nicht eher hemmend für die sozialistische Bewegung als fördernd und deshalb zu meiden? Stehen die kirchlichen Ideen nicht in Widerspruch zu den Idealen der neuen Partei und müssen sie infolgedessen nicht bekämpft werden ?

Religion in Richtung nach links

Heute hat der Sozialist diese Fragen und deren damalige Beantwortung auf Grund der gewonnenen Erfahrungen erneut zu prüfen und sich zusätzlich zu fragen, ob angesichts der fehlenden Aufbaukräfte in unserer Gesellschaft die Kirche nicht berufen ist, dem politischen Leben festeren Boden zu geben; ob nicht religiöse Ideale in die gleiche Richtung weisen wie wesentliche sozialistische; ob die Kirche infolgedessen nicht eine wichtige Hilfe im Verfolg der kulturellen und politischen Aufgaben eines Volkes darstelle. Das sind grundsätzliche Fragen, in enger Beziehung zu der konkreten Situation eines Volkes, zu seinen Bestrebungen und Zielen einerseits und anderseits zu den theoretischen Überzeugungen, die eine Situation erleuchten und bewältigen sollen.

Politisches Denken in diesem Sinne ist eine enge Verbindung von Theorie und Praxis. Politische Theorie ist ohne Bezug auf die Praxis leer, politische Praxis ohne Theorie blind.

Die Dosierung von Theorie und Praxis gestattet viele Variationen politischen Denkens. Überwiegt das theoretische Moment, so verschiebt sich das Denken von dem des Politikers zu dem des Politologen oder des Philosophen der Politik. Verliert es sich in der Praxis, so entartet es zu bloßer Taktik. Aristoteles ist theoretischer als Marx, dessen Begriffe wegen ihrer Gerichtetheit auf die Praxis oft gewollt unscharf bleiben; Marx wieder theoretischer als viele Politiker der Gegenwart, die vorwiegend taktisch denken.

Das politische Denken, das zwar keineswegs Begründung von Wahrheit zum Ziel hat, sich aber an Wahrheit orientiert, ist vom Denken des taktischen Politikers wesentlich verschieden. Der Taktiker ist reiner Opportunist. In einem kirchlich gesonnenen Kreise wird er auf die Kirchenfreundlichkeit des Sozialismus hinweisen; in einer Gruppe, die zwar nicht ausgesprochen kirchenfeindlich ist, aber den Streit mit der Kirche für überholt hält, wird er die Verträglichkeit mit der Kirche hervorheben; in Zeiten und in Kreisen, die kirchenfeindlich sind, wird er geneigt sein, kirchenfeindliche Züge zwecks Gewinnung von Anhang zur Schau zu tragen.

Demoskopie statt Ideal

Die Aussagen des Taktikers orientieren sich weniger nach seiner Überzeugung als nach demoskopischen Erhebungen, richten sich nach der Konjunktur, anstatt ein politisches Ideal auch gegen eine Meinungswelle zu verteidigen.

Hingegen kann das praktische politische Interesse außer den grundsätzlich politischen und taktisch-politischen Motiven ein unmittelbar ethisches Motiv haben: die Entscheidung über Wert oder Unwert einer politischen Richtung; die Beratung des zweifelnden Gewissens bei der Entscheidung für dieses oder jenes politische Ideal; die Erhellung einer politischen Situation am Maßstab sittlicher Grundwerte.

Aussagen über politische Probleme brauchen aber keineswegs nur praktischer Natur zu sein. Die Geschichte zeigt, daß es neben der grundsätzlich politischen, der taktischen und der konkret ethischen Aussage immer auch die Wesensaussage gibt, die die Tagesinteressen vom Standpunkt einer Idee beurteilt und daher nicht selten geneigt ist, im Licht der Idee die Art der Verwirklichung falsch zu beurteilen.

Die kirchlichen Äußerungen zu politischen Fragen haben grundsätzlich keine technisch politische Bedeutung, sondern sollen in gegebener Situation die Gläubigen vor den religiösen und sittlichen Gefahren bestimmter zeitgenössicher Bewegungen warnen und schützen. Weder der überzeitlichen Idee noch den technisch politischen Fragen einer politischen Bewegung, sondern ihrer konkreten Gestalt und nur deren sittlicher und religiöser Wirklichkeit gilt die Sorge der Päpste.

Die Ursprünge des modernen Sozialismus gehen ins 18. Jahrhundert zurück und sind an die Namen Rousseau, Helvetius, Brissot geknüpft. Mit der Französischen Revolution gewinnt der Sozialismus in Frankreich und allmählich in ganz Europa, besonders in Deutschland und England, entscheidende politische Bedeutung. Die Ordnungsmächte der Zeit begegneten der zugunsten des Proletariats revolutionären, soziale und religiöse Unruhe stiftenden Bewegung feindlich und mißtrauisch. Welche Bilder sich die Päpste von der sich rasch entwickelnden sozialistischen Bewegung in den letzten hundert Jahren gemacht haben, wie sie diese Bewegung immer neu beurteilten und bewerteten, kann man aus den situationsbedingten päpstlichen Äußerungen ersehen. [1]

Pius IX. handelt in § 4 des Syllabus das Paket der zu verwerfenden Seuchen des Sozialismus, Kommunismus, der Geheimgesellschaften, der Bibelgesellschaften, der klerikal-liberalen Gesellschaften mit dem Hinweis auf frühere Lehräußerungen bündig ab. [2] Leo XIII. spricht zu Beginn seines Pontifikats in der Enzyklika Inscrutabili vom 21. April 1878 von der todbringenden Pest der menschlichen Gesellschaft (humanae societatis lethifera quaedam pestis), die ihr keine Ruhe gestatte und auf Neuerungen und auf Katastrophen hinstrebe, ohne den Sozialismus mit Namen zu nennen. Zu Ende des gleichen Jahres kommt Leo XIII. auf das Thema zurück und schreibt in der Enzyklika Quod Apostolici muneris vom 28. Dezember 1878:

Die Übel, die Wir damals beklagten, sind seit kurzem derart gewachsen, daß Wir wieder an Euch Unsere Worte zu richten Uns genötigt sehen, da der Prophet Uns gewissermaßen in die Ohren ruft: ‚Rufe, höre nicht auf, wie eine Posaune erhebe deine Stimme.‘ Ihr seht gewiß leicht ein, Ehrwürdige Brüder, daß Wir von der Partei jener Menschen reden, welche mit verschiedenen und fast barbarischen Namen Sozialisten, Kommunisten oder Nihilisten genannt werden und über die ganze Erde verbreitet sind und, durch ein verwerfliches Bündnis in engster Gemeinschaft miteinander stehend, nicht länger mehr durch das Dunkel verborgener Zusammenkünfte sich zu schützen suchen, sondern Öffentlich und keck hervortreten, um ihren schon längst gehegten Plan, die Grundlagen jedweder bürgerlichen Gesellschaft umzustoßen, zur Ausführung zu bringen. Es sind jene nämlich, welche, wie das Wort Gottes sagt, ‚das Fleisch beflecken, die Obrigkeit verachten und die Würde lästern‘. Nichts von all dem, was nach göttlichem und menschlichem Rechte zur Wohlfahrt und zum Schmucke des Lebens weise geordnet ist, lassen sie unberührt, noch unverletzt.

Den höheren Gewalten, denen nach der Lehre des Apostels jede Seele untertan sein soll und die von Gott das Recht zu gebieten zu Lehen empfangen, verweigern sie den Gehorsam und verkünden eine vollständige Gleichheit aller Menschenrechte und -pflichten.

Die auf der Natur beruhende Vereinigung zwischen Mann und Weib, selbst barbarischen Völkern heilig, entwürdigen sie, und das Band derselben, auf dem die häusliche Gesellschaft vorzugsweise ruht, lockern sie oder geben es sogar der Wollust preis.

Hingerissen endlich von der Gier nach den gegenwärtigen Gütern, ‚welche die Wurzel aller Übel ist‘, und sich ihr ergebend, sind einige vom Glauben abgewichen — bekämpfen sie das durch das Naturgesetz geheiligte Eigentumsrecht, und indem sie den Bedürfnissen aller Menschen zu dienen und ihren Wünschen zu entsprechen scheinen, suchen sie durch unsäglichen Frevel zu rauben und als Gemeingut zu erklären, was immer auf Grund rechtmäßiger Erbschaft oder durch geistige und körperliche Arbeit oder durch Sparsamkeit erworben wurde.

Und diese ungeheuerlichen Irrtümer verkünden sie in ihren Versammlungen, verbreiten sie durch Schriften, werfen sie durch eine Flut von Tagesblättern unter die Menge. Hiedurch erregten sie einen solchen Haß unter dem aufrührerischen Volke gegen die ehrwürdige Majestät und Gewalt der Herrscher, daß verbrecherische Verräter jede Zurückhaltung abwarfen und in kurzer Zeit mehr als einmal in gottlosem Wagnis gegen das Staatsoberhaupt selbst die Waffen kehrten. [3]

Vom Urteil nicht betroffen

Sozialisten, Kommunisten, Nihilisten werden hier noch in einem Atem genannt. In Rerum Novarum ist die Darstellung bedeutend differenzierter. Sie bezieht sich bereits auf einzelne Punkte des Marxismus und jener sozialen Bewegung, die in Amerika mit Henry George verknüpft ist. Pius XI. stellt seinerseits in Quadragesimo Anno fest, der Sozialismus habe sich seit Rerum Novarum tiefgreifend gewandelt.

Die Verurteilung des Kommunismus durch Pius XI. ist seither des öfteren wiederholt worden. Solange der von Lenin und Stalin propagierte kämpferische Atheismus für ihn maßgeblich bleibt, ist eine kirchliche Verurteilung unvermeidbar. Der Sozialismus hat sich jedoch seit 1931 in vielerlei Hinsicht entwickelt und verändert. Soweit er auf der Linie der von Pius XI. verurteilten Ideen bleibt, bleibt die ausgesprochene Verurteilung natürlich gültig. Soweit er der Charakterisierung von Pius XI. nicht mehr entspricht, ist er nicht mehr der verurteilte Sozialismus von damals und von dieser Verurteilung natürlich auch nicht mehr betroffen.

Johannes XXIII. ist in Mater et Magistra auf die Verurteilung von Quadragesimo Anno zurückgekommen. Nach ihm hat Pius XI. den gemäßigten Sozialismus aus drei Gründen verurteilt: weil er das letzte Ziel menschlichen Strebens auf das irdisch-gesellschaftliche Gemeinwohl begrenze; weil er die menschliche Freiheit unstatthaft einenge; und weil er die gesellschaftliche Autorität ungenügend begründe.

Johannes XXIII. bemerkt, offensichtlich im Hinblick auf das Godesberger Programm, mit Genugtuung, daß gewisse soziale Bewegungen, die gestern dem Privateigentum noch feindlich gewesen seien, gegenwärtig dieses Recht anzuerkennen bereit seien. Der gegenwärtige Sozialismus, sofern er der Charakteristik der Enzyklika Quadragesimo Anno nicht mehr entspricht, ist selbstverständlich von der Verurteilung durch Quadragesimo Anno auch nicht betroffen.

Das heißt natürlich nicht, daß das Programm und die Ziele neuer Arten von Sozialismus nun nicht mehr einer erneuten Prüfung bedürften. Denn mag auch eine Richtung nicht ausdrücklich durch ein Papstwort verurteilt sein, so stellt sie doch an das christliche Gewissen die Forderung der sorgfältigen Prüfung auf ihre Verträglichkeit mit der christlichen Wahrheit. Welcher Art sind die Kriterien, nach denen die Verträglichkeit eines Parteiprogramms mit den christlichen Forderungen festgestellt werden kann. [4]

Den Pluralismus der Weltanschauungen vorausgesetzt, kann der Christ nur unter der Bedingung Ja zu einem weltanschaulich pluralistischen Staate, zu einer weltanschaulich pluralistischen Partei sagen, daß ihm der Raum für seinen ganzen katholischen Glauben freigegeben wird, ohne daß er dabei den Anspruch erheben könnte, anderen diesen Glauben aufzuzwingen, für den einzustehen und zu werben er aber die Freiheit haben müßte.

Fünf Forderungen an den Sozialismus

Das bedeutet, daß eine Partei, in der ein Katholik mitarbeiten können sollte, ohne daß es ausschließlich eine Partei von Katholiken wäre — und das gilt ja bereits für eine Partei, in der katholische und evangelische Christen zusammenarbeiten —, dem katholischen Partner die ganze Freiheit seines Denkens und Wollens belassen müßte.

Das würde von einer Partei die fünf folgenden grundsätzlichen Stellungnahmen erfordern:

  1. Ein Nein zu der parteioffiziellen dogmatischen Begrenzung der menschlichen Ziele auf wirtschaftliche, staatliche oder im allgemeinen menschliche Ziele.
  2. Ein Nein zu einer parteioffiziellen materialistisch-atheistischen Weltanschauung.
  3. Ein Ja zu den fundamentalen naturrechtlichen oder ethischen Normen und Gestaltung des Programmes und der Wirklichkeit im Spielraum dieser Normen. Dieses Ja zu den Normen würde bedeuten: ein Ja zu ihrer Existenz, Offenheit zu ihrer möglichen philosophischen Begründung ohne Festlegung auf eine Philosophie, und Offenheit zu ihrer theologischen Begründung ohne einfache Behauptung einer solchen aus Rücksicht auf Andersdenkende.
  4. Offenheit zur möglichen Begründung der gesellschaftlichen und sittlich religiösen Wirklichkeit in Gott, und Offenheit für ein Ja zu dieser wirklichen Begründung bei den überzeugten Christen.
  5. Ein Ja zur Existenz und zur Arbeit der Kirche, zur Zusammenarbeit mit der Kirche und zu einem positiven Verhältnis von Kirche und Staat.

Heißt es mit solchen Forderungen nicht, offene Türen einrennen? Für manch einen ja, für viele nein und erst recht nicht für den mächtig weiterwirkenden Strom einer hundertfünfzig Jahre dauernden Tradition. Es genügt nicht, daß die Probleme in einsamen Köpfen gelöst werden. Zu einer wirklichen Verständigung und zur Beseitigung des Mißbehagens bedarf es der genauen Formulierungen, der genauen Absagen an eine lange Geschichte der Feindschaft zwischen Sozialismus und Kirchen.

Die Frage nach dem Verhältnis der Idee des Sozialismus zur Kirche gehört der rein theoretischen Ebene an. Mögen wirkliche sozialistische Bewegungen bis jetzt auch vielfach kirchenfeindlich gewesen sein, so bedeutet das nicht notwendig, daß die Idee des Sozialismus selbst im Gegensatz zu Ideen des Christentums stehen muß.

Sozialismus ist — von seinem Namen und seinem Willen her — soziale Theorie und soziale Bewegung. Er will Gerechtigkeit in der Gesellschaft und will sie von der richtigen Verteilung der Güter her. Er kommt von verschiedenen geistigen Horizonten, von der Bergpredigt (religiöser Sozialismus), von Idealen des 18. und 19. Jahrhunderts (materialistischer oder atheistischer Sozialismus), oder er hat bereits wieder Distanz zu diesen religionsfeindlichen Quellen gewonnen (demokratischer oder freiheitlicher Sozialismus). Wie die unmittelbaren Bestrebungen und ihre Herleitungen von umfassenden Überzeugungen, so variieren auch die ferneren Zielsetzungen: Verwirklichung des Reiches Gottes, der klassenlosen Gesellschaft, der Entfaltung aller menschlichen Wesenskräfte usw.

Der Sozialismus läßt sich nicht nur deshalb so schwer in seiner Eigenart erfassen, weil er geschichtlich so vielgestaltig ist, sondern auch, weil er seine Ideale, wie er sie aus vielerlei Quellen geschöpft hat, auch an vielerlei andere politische Richtungen weitergegeben hat. Ohne Altes und Neues Testament, ohne das Christentum, wäre der Sozialismus kaum verständlich, ohne die sozialistischen Bewegungen wären auch die Bestrebungen christlicher Parteien kaum zu verstehen.

Auch deshalb ist eine genaue Aussage über den Sozialismus so schwer, weil dem Begriff keine feste, unveränderliche Wirklichkeit in der geschichtlichen sozialistischen Bewegung entspricht. Und aus diesem Grunde ist auch eine Aussage so gewagt, die behauptet: ein Sozialismus, der nicht atheistisch sei, sei kein echter Sozialismus mehr, wie wenn der Begriff des echten Sozialismus mit Sicherheit aus gewissen Erscheinungsformen seiner doch erst kurzen Geschichte entnommen werden könnte.

Marxismus und Stromverbrauch

Debatten über den Sozialismus teilen das Schicksal aller Debatten über geschichtliche menschliche Gebilde. Das Werk des Heiligen Thomas ist gewiß eine feststehende Größe. Dagegen kann man bis heute darüber streiten, was das eigentliche Wesen des Thomismus sei, welche Kerngedanken man unter Weglassung vieler Nebensächlichkeiten festhalten müsse, um sich noch mit Recht als Thomist bezeichnen zu dürfen. Da der Sozialismus bedeutend vielgestaltiger ist, ist sein Wesen noch weniger klar und gewiß, was aus dem Beispiel des marxistischen Sozialismus deutlich hervorgeht. Der Streit um das Wesen des Marxismus, der seit geraumer Zeit weltgeschichtliche Bedeutung gewonnen hat, wäre unmöglich, wenn man das Wesen des Marxismus so einfach an den Marx’schen Sätzen ablesen könnte wie den Stromverbrauch am elektrischen Zähler.

Angesichts der Problematik von Wesensaussagen über lebendige geschichtliche Größen, über noch in Entwicklung begriffene Theorien und Systeme sollte man mit Aussagen darüber behutsam sein. Sonst wird man sich des berechtigten Vorwurfs der Kritiklosigkeit, des Dogmatismus oder der interessebedingten Parteilichkeit kaum erwehren können. Soviel wird man aber über die Idee des Sozialismus sagen können, daß sie an sich weder religiös noch antireligiös ist.

Das scheint mir selbst für den in seiner wirklichen Erscheinungsform antireligiösesten Sozialismus, den Marxismus, der Fall zu sein. Der Marxismus wird erst durch seine Fehlinterpretation der Religion als Idealismus, als Produkt unhaltbarer sozialer Zustände, die zum Absterben verurteilt seien, irreligiös und atheistisch. Wenn Marx sagt, der Sozialismus sei die Auflösung des Widerspruchs zwischen Existenz und Wesen, zwischen der oft genug unwürdigen wirklichen Daseinsweise vieler Menschen und der Würde ihres menschlichen Wesens; oder auch, der Sozialismus sei jene Bewegung, die die Ausbeutung eines Menschen durch den anderen beseitige — so sagt dies von vornherein nichts über Gottesverehrung oder Gottesleugnung.

Sicherung menschlicher Existenz und ihrer elementaren Bedürfnisse durch Sicherung einer gerechten Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums — der allerdings existieren muß, bevor er verteilt werden kann — durch würdige Wohnverhältnisse, ausreichende Ernährung der Gesamtbevölkerung, breitgestreute Bildungsmöglichkeit: das scheint das eigentliche Wesen des Sozialismus zu sein, zu dem sich im 19. Jahrhunder das sekundäre Merkmal der Kirchenfeindlichkeit und des Atheismus gesellte.

Daß Kirchenfeindlichkeit und Atheismus selbst für die kommunistischen Systeme sekundär sind, geht aus vielen ausdrücklichen Erklärungen kommunistischer Führer hervor. Der Kommunismus sei zwar wie selbstverständlich atheistisch, die Zukunft führe auch notwendig den Atheismus herauf. Das eigentliche Objekt seines Handelns sei aber die soziale Gerechtigkeit, und deshalb solle und könne der Kommunismus zur Erreichung der Gerechtigkeit auch mit den Christen zusammenarbeiten.

Der Kampf um die Gerechtigkeit verbindet sich im Kommunismus mit einer atheistischen Metaphysik und einer atheistischen Zukunftsdeutung. Das ist seit Bestehen des Kommunismus so gewesen und so geblieben. Aber man kann gute Gründe dafür anführen, daß die Verbindung seines ethisch-politischen Ideals mit dem Atheismus durchaus keine wesensnotwendige ist.

Selbst für die kirchenfeindliche Richtung des Sozialismus ist die Kirchenfeindlichkeit höchstens eine historisch-politische, aber keine wesensnotwendige. Jedenfalls bleibt das antireligiöse Moment selbst für sie ein sekundäres Merkmal, das ihre Führer aus persönlicher Überzeugung, aus zeitgeschichtlichen Motiven und taktischen Gründen mit ihrer ursprünglichen Idee verbanden.

Für den Christen allerdings kann die Existenz des Atheismus nicht von sekundärer Bedeutung sein. Daß der Sozialismus, soweit er atheistisch ist, für den Christen unannehmbar ist, ist selbstverständlich und sollte nicht als Ausfluß bösen Willens oder der sozialen Verständnislosigkeit gedeutet werden. Aber genau so wie der Christ den Atheismus in jeder Form zurückweisen muß, so ist er von seiner Christlichkeit her aufgerufen, den Atheisten als Menschen zu schätzen und zu achten.

[1Vgl. dazu Jean Villain, L’Enseignement social de l’Eglise, I. Bd., Paris 1953, S. 163-231

[2Vgl. Emil Marmy, Mensch und Gemeinschaft in christlicher Schau. Dokumente, Freiburg/Schweiz 1945, Nr. 38

[3Marmy, a.a.O., Nr. 140-145

[4Vgl. meinen Aufsatz in: Neue Gesellschaft, 5. Jg. (1958), H. 5

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