FORVM, No. 291/292
März
1978

Unreine Jugend

Tunix in Berlin, 27. bis 29. Jänner 1978
Nachdenklich, skeptisch, rebellisch:
Die Jugend ’78 ist nicht so brausend wie die ’68, aber zäher.

Geschundene Haustiere

Es sollen zwischen 15.000 und 20.000 gewesen sein. Niemand hat sie gezählt. Deutsche, Italiener, Franzosen. Fünf Österreicher. Sie trafen sich im Audimax der Technischen Universität, in vielen kleinen Hörsälen, im Yorck-Kino in Kreuzberg (Tunix-Filmfestival), am intensivsten in den Gängen und im Foyer der TU. Dort war dauernde Bewegung nach allen Richtungen, in rätselhafter Ordnung.

Kaum fand ich einen Platz zum Verschnaufen, prallte eine Woge Menschen auf mich wie ein Windstoß, riß mich ein Stück mit, spuckte mich wieder aus. Da war kein Entkommen. Die Stadt wie besetzt. Auf der Straße, in der U-Bahn, in jeder Kneipe überall Gruppen von Tunix-Reisenden. Sogar in verschlafenen Pizzerias, die sonst Gastarbeitern vorbehalten sind.

Wie über Tunix berichten? Notizblock und Kassettenrecorder hatte ich in der Aufregung vergessen. Das ganze lebte von Stimmungen und Emotionen, nicht von Fakten oder Ergebnissen. Es war nur von innen zu verstehen, dem Beobachter verschloß es sich.

Wie hat’s begonnen?

Schleyer, Mogadischu, Stammheim — das ließ Angst in den Bierdunst der Berliner Linkskneipen einziehen. „Das Selbstbewußtsein war flötengegangen, es war überhaupt kein Optimismus mehr da“, erzählt einer der Organisatoren des Treffens, der, wie die meisten der anderen Tunix-Erfinder, tagsüber im Maulwurf-Buchvertrieb arbeitet. Man kündigte einen Kongreß der „inneren Emigration“ an: Uns langt’s jetzt hier! Wir schlagen vor, daß sich alle bis zum 30. März 1978 aus diesem Land verpfeifen! So stand’s im Tunix-Aufruf.

Es traf genau das Lebensgefühl einer großen Gruppe junger Leute. Ihr Motto ist das der Bremer Stadtmusikanten: „Kommt mit, sprach der Esel, etwas Besseres als den Tod finden wir überall.“

Im Grimm-Märchen hauen die geschundenen Haustiere ab und verdingen sich als Straßenmusiker — eine alte Arbeitslosenmasche. Auch im Tunix-Aufruf gibt’s Zukunftsmusik: Am Strand von Tunix „bauen wir unsere eigenen Hütten, wir schnitzen uns Gewehre und Sandalen. Der angestrengte Typ vom Anwaltskollektiv räuchert überm Feuer seiner alten Jura-Schinken die viel saftigeren der Schweine von gestern. Stets ein Gewinn wird jeder Einsatz der Genossen Kommunisten in der Arbeiterklassenlotterie. Heinrich Böll kocht Tee und diskutiert mit Wallraff über die neue Sinnlichkeit.“

Das vierseitige graue Flugblatt mit dem popigen Text mauserte sich zum meistgelesenen der letzten Jahre: 50.000 Auflage. Aus den entlegensten Provinzkaffs frug man an, manche nahmen’s wörtlich: „Ich hab euer Flugblatt gelesen. Das gefällt mir.“ „Na gut, komm Ende Jänner nach Berlin!" „Ach nee — ich möcht gleich direkt nach Tunix!“ Der DKP-nahe Berliner Extradienst reagierte preußisch-schroff mit einem „Tu was!“.

Cohn-Bendit kriegt Saures

Erster Anblick im Foyer der TU: Eine Fünfzigjährige schreit, fuchtelt herum, dreht sich um ihre Achse. Glatzköpfig wie Mühl verkündigt sie laut sein Evangelium vom Ficken. Sie reißt ihren Pulli hoch, zeigt ihre Brüste. Ich höre, das sei Helga, Berliner Original. Leute stehen um sie herum, verschwinden wieder, neue kommen; sie sind reserviert, halb belustigt, halb mitleidig. Gehört Papa Mühl in Berlin schon zum alten Eisen?

Erste Veranstaltung im Audimax: „Endlösung Stammheim.“ Ein Libération-Reporter erzählt über die RAF-Diskussion in Frankreich. Daß die historisch belastet ist. Nix Neues. Dann kreiselt’s sich zu Tode um die Frage Mord oder Selbstmord. Das ganze ersäuft in Emotion, die Menschen retten sich aus dem Saal.

Für acht Uhr abends ist die Eröffnung angesagt. Das Audimax geht über. Draußen nochmal soviel Leute. Heiße, erwartungsvolle Stimmung, wie bei einem Popkonzert. Tatsächlich — eine schwarze Band trommelt und flötet. Alle klopfen rhythmisch auf die Bänke, klatschen und singen. Dann erzählen Bärtige die Geschichte von Tunix. Feierliche Ruhe im Auditorium. Ein linksradikales Blasorchester (vier Mann, eine Frau) trompetet ein Potpourri aus Pop und Weill. Scharfe Mischung! Mädchen mit riesigen Transparenten stürmen die Bühne: „Tunix — ohne Frauen läuft nix“ und „Wir sind alle Sympathisantinnen“. Es seien so wenige Frauenveranstaltungen geplant, da hätten sie sich gedacht, Tunix am besten gleich zu eröffnen — sagt eine kleinwüchsige Feministin mit aufgeregter, dünner Fistelstimme ins Mikrophon. Sie verliest einen Text aus der Frankfurter, von Daniel Cohn-Bendit herausgegebenen Stadtzeitung Pflasterstrand. Da berichtet einer genüßlich, wie er seine Freundin geschlagen hat und zieht Resümee: Ja, es war eine „positive Erfahrung“. Buh-Rufe, Gelächter, Klatschen im Saal. Der rote Dany kriegt Saures.

Dazwischen immer wieder Rufe „Heute Skandal! Heute noch Skandal!“ — ein Spruch, der auch in dicken Sprühlettern auf der Fassade der TU zu lesen ist. Monika, eine der Organisatorinnen, verliest das Märchen von den Bremer Stadtmusikanten, unter besonderer Betonung der bewußten Stelle. Das ist manchen zu lang, sie schreien’s gleich hinaus. Genossen vom Georg-von-Rauch-Haus berichten über ihre Schwierigkeiten, kündigen ihre Veranstaltung an. Einer aus einem „Kneipen-Kollektiv“ möchte mit anderen Kneipenwirten in Kontakt kommen, unter dem Titel: „Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation?“ Schwule in Badetrikots und Liegestühlen (Strand von Tunix?) werben für ihr Thema „Das Schwule und das Linke“ zu ihrer Veranstaltung am nächsten Tag. Dann ein Film über Verfassungsschutz. Eine Rolle lang — und der Projektor ist hin. Um elf muß die TU geräumt werden. Man soll zumindest den groben Dreck raustragen. „Der Saal muß besenrein werden, weil morgen um neun schreiben da irgendwelche Dösköppe eine Klausur!“ Klaustrophob bedrohlich, wenn sich Tausende Leute durch zwei Glastüren wie durch einen Flaschenhals quälen. Magnetisch zieht’s alle in die Kneipen.

Kurze Nacht in fremden Betten, auf Teppichen, in Korridoren. Um zehn erbarmungslos raus, Kaffee — für elf ist die Demo durch Alt-Moabit angesagt. Anlaß: Vier Drucker der linken Agit-Druckerei sitzen dort seit vier Monaten unter verschärften Haftbedingungen in Untersuchungshaft. Nach den Gewaltparagraphen (129, 130a) wird ihnen vorgeworfen, das Info-Bug (Informationsblatt Berliner Undogmatischer Gruppen) gedruckt und nicht zensiert zu haben: Dort waren unter anderem Äußerungen der RAF und der „Bewegung 2. Juni“ erschienen. In Ermangelung anderer Bösewichte lochte man die Drucker ein ...

Indianertanz in Moabit

Es beginnt lustig und friedlich. Stadtindianer in Kriegsbemalung und herausgeputzte Schwule tanzen Reggae, den jamaikanischen Rumarbeiterrock: „You can get it, if you really want ...“ Ratlose Gastarbeitergesichter blicken aus den Fenstern schäbiger Quartiere. Was dem Indianer Pfeil und Bogen, ist dem Stadtindianer seine Sprühdose. Boden, Hauswand, Auslagenscheibe, Auto — alles wird zum Medium: „Wir wollen alles“, sprüht einer. Der Nächste ergänzt: „Aber jetzt!“ Der Übernächste: „Gefälligst!“

Es gibt fast keine Transparente. In der öden Moabiter Gegend allerdings auch kaum Passanten, die es zu informieren gälte. Die Demo hat ihren Sinn in sich selbst: Heute gehört uns die Straße, morgen die ganze Stadt. Die alte irrationale Faszination von Massenaufmärschen, die selbst abgebrühte Linke sentimental stimmt.

Polizeiangriff, hustender Passant:
Tunix-Demo in Berlin, 28. Jänner 1978
Bild: id-foto

Zwischenstopp vorm Moabiter Knast. Bedrohliche Bullenreihen davor, zum Bürgerkrieg gerüstet: Helme, Schlagstöcke, Schilder wie die alten Römer. Traurige Figuren. „Wir grüßen alle Eierdiebe und Terroristen, die hier einsitzen. Am liebsten würden wir dieses Gebäude hier Stein für Stein abtragen, aber das werden die Bullen verhindern. Aber vielleicht könnt ihr drinnen schon mal anfangen!“ dröhnt’s über die Gefängnismauer. Was sich die drinnen wohl denken? Weiter, weiter! An der nächsten Kreuzung stehen sinnlos Panzerwagen. Locken Farbeier. Dann heißt’s, wir hätten angefangen. Die Polizei droht, die Demo aufzulösen. Es wird immer spannender. Ich hab das Herz in der Hose.

Von einer Minute auf die andere wird’s sonnig warm. Das linksradikale Blasorchester spielt auf zum Ringelreihn. Die unbändige Meute bringt Leben in die tote Gegend aus halbverfallenen Backsteinbauten, Gefängnissen, Polizei- und Industriebauten. Halt vorm Frauenknast. Sprechchöre. Ab jetzt wird immer wieder „Stopp!“ geschrien. Ein Teil bleibt stehen, der Zug reißt auseinander, nach ein paar Minuten wird laufend aufgeholt. Jetzt sind wir richtig in Schwung.

Schwitzende schwatzende Schwule werfen rosarote Zuckerln auf die Polizisten, die jetzt schon in doppelten Reihen den Zug säumen. Geschmeidig parieren diese die Geschosse mit ihren Schildern. Sie dürfen nicht lachen und nicht weinen. Sind Bullen. Unter einer Brücke, knapp vorm Kranzler-Eck, dem Beginn des Kurfürstendamms, brechen sie von der Seite in den Zug ein. Reihen enger schließen! So plötzlich, wie’s begann, ist’s wieder aus. Aber jetzt sitzen Knüppel und Pflastersteine locker. Das Amerikahaus wird zur ersten Zielscheibe gereizter Demonstranten. Dort hat man vorgebaut: Strapazfähige Plexiglasscheiben federn Wurfgeschosse elegant zurück auf den Absender. Dann krachen die Scheiben der Industrie- und Handelskammer.

Am Kranzler-Eck wird die Demo aufgelöst. Allgemeines Aufatmen. Eine BRD-Flagge mit der Aufschrift „Modell Deutschland“ wird an einer Ampel montiert und angezündet. Das raucht mehr, als es brennt. Der Wind spielt mit glosenden schwarzen Fetzen — da hören wir die Feuerwehr. Tatütata kommt immer näher, fährt eine Bresche in den Demonstrantenpulk. In den frei werdenden Raum stürmen Hunderte Polizisten und knüppeln die Jugendlichen wie Hasen den Kurfürstendamm hinauf. Wilde Jagd durch Blumenbeete und verschreckte Touristen, die in die Kaffeehäuser flüchten. Einer löst verbissen mit einem Taschenmesser Pflastersteine aus dem Gehsteig und schleppt sie wie Schätze davon. Vor einer Stunde hat er womöglich noch Ringelreihn getanzt!

Durch Seitengassen geht’s dann in kleineren Gruppen meist im Laufschritt Richtung TU. Dazwischen donnert’s immer wieder gehörig, Scheibenklirren, hysterisches Losrennen. Wir erschrecken jetzt schon vorm Dröhnen der U-Bahn. Verängstigte, erschöpfte, zornige, verletzte Krieger kommen in der TU an und stärken sich erst mal mit Eintopf aus der Gulaschkanone.

50 Schwule im Waggon

Im Audimax hat inzwischen eine Diskussion mit dem Berliner SPD-Stadtrat für Bildung und Wissenschaft, Peter Glotz, und dem Präsidenten der Freien Universität, Eberhard Lämmert, über „Die Theorie von den zwei Kulturen“ begonnen. Ich krieg nur mehr einen Stehplatz in der hintersten Reihe am Balkon, sehe nicht drüber und kann Stimmen und Personen nicht zusammenbringen; höre nur Fetzen einer platten Talk show: Ja, das mit dem Jugendprotest sei immer schon so gewesen, siehe Burschenschaften im Biedermeier. Wert zu legen sei auf „das Gespräch zwischen den beiden Kulturen“, die aber in Wahrheit nur zwei Seiten einer seien. Ein zorniger Mescalero hat es satt, daß sich Vertreter des Establishments huldvoll zur Diskussion stellen. Dabei sei noch nie was rausgekommen, im Gegenteil: Berufsverbote, Gewaltparagraph usw. „Was haben diese Typen in Tunix verloren?“ regt sich einer auf und erntet regen Beifall. In einem Fernsehinterview meint Glotz später, er sei für das Nebeneinander von zwei Kulturen, sie dürften sich nur nicht gegenseitig behindern ... Im Foyer treffen inzwischen die ersten Verletzten aus der Unfallklinik ein. Auf einem Transparent werden Glotz die Leviten gelesen: „Das Kerbholz des Doktor Glotz.“ Im laufenden Semester seien an TU und FU schon 20 politische Ordnungsverfahren eingeleitet und 17 Relegationen ausgesprochen worden.

Diskussion „Theorie von den zwei Kulturen“
Berliner TU, 28. Jänner 1978: Berliner Wissenschaftssenator Peter Glotz (links am Tisch) diskutiert mit FU-Präsident Lämmert (rechts neben ihm), Ton Verkamp (ESG) und den Göttinger Mescaleros (Verfasser des berühmten Buback-Nachrufs)

Ich freu mich auf die Schwulenveranstaltung. Die wird sicher lustiger. Aber finden! Im angekündigten Lichthof ist sie nicht, der wurde im letzten Moment nicht an Tunix vermietet. Hörsaal, höre ich. Ich zwänge mich durch, stolpre über Verstärkerkabel einer dröhnenden Popgruppe, latsche mitten durch eine Theatervorstellung — endlich finde ich den Hörsaal 102. Der ist auch schon übergegangen. Nach langem Hin und Her wird Umzug ins Schwulenzentrum in der Kulmerstraße beschlossen.

U-Bahn. 50 Schwule im Waggon! Auch die gespenstischen U-Bahn-Schächte und Gänge haben inzwischen Parolen abgekriegt: „Malt die Sumpfblüten eurer Träume in die Neonzonen der entfremdeten Zentren.“ Immer wieder „Tunix — heute Skandal!“ oder das Anarchismus-„A“ mit dem Kreis herum.

Im Schwulenzentrum erst ein Sketch: „Das Bewegungsgericht.“ Moralinsaure Vertreter von Schwulen-, Frauen- und Männerbewegung machen sich über einen armen Schwulen her, der gerade auf der Klappe erwischt wurde. „Das ist doch gerade das patriarchalische Unterdrückungsficken, von dem wir wegkommen wollen!“ ermahnt die Männerbewegung. Frauenbewegung: „Na und dein Freund, der ist doch höchstens erst zwölf, das kann doch niemals eine egalitäre Beziehung werden. Das ist doch fast Gewalt gegen ein Kind!“ Geschrieben wurde der Sketch vom Frankfurter Schwulenzentrum anläßlich eines Teach-In zum Fall Peter Schult, der einem neuen Verfahren entgegensieht.

Dann ein Referat über Homosexuellenunterdrückung und Arbeiterbewegung — echt langweilig. Am besten noch der Titel: „Über die Schwierigkeit, an zwei Krankheiten zu leiden.“ Die Homosexuellenbewegung tritt auf der Stelle: eingezwängt zwischen Linken, die in der Krise wieder mehr aufs Ökonomische schauen, und verängstigten „gewöhnlichen“ Homosexuellen findet sie keinen Platz zum Leben. Braucht sie plakative Feindbilder, wie die Schwulenfresserin Anita Bryant in den USA? Die hat dort ein großes Verdienst an der Aufrüttelung bisher angepaßter Homosexueller. In Berlin wußte man keine Antwort.

Ich bin enttäuscht und müde und schwänze die Abendveranstaltung: „Ihre tausendfache Angst wird tausendfach bewacht. Der Staat: Erobern oder zerstören?“ In der Nacht ist große Fete in der Taverne am Lützowplatz. Spontis sind berühmt für ihre Feste. Oft erschöpft sich ihre ganze Politik in der Veranstaltung von Festen. Schon wieder Drängerei. Da geht’s zu wie am Oktoberfest: verschwitzte, alkoholisierte Stimmung, laute Musik, Politrock. Die Taverne kostete ein paar tausend Mark Miete. Die Veranstalter wollten das durch Eintritt wieder reinkriegen. Es funktioniert nur kurz; dann werden die Kassiere beschimpft und überrannt, das Fest gestürmt. Aggression und Wut muß raus, richtet sich oft gegen die eigenen Leute.

Das war ein anstrengender Tag! Erst der Fußmarsch durch halb Berlin, dann von einer Veranstaltung zur andern — und jetzt das Fest! Die Ausdauer dieser Menschen ist schier unglaublich. Ich reibe mir die Augen. Im Trubel verliere ich meine Quartiergeber. Neue Schlafstelle suchen. Das geht hier ganz leicht. Im Auto quer durch Berlin zu einer Wohngemeinschaft. Es wird schon wieder hell. Um neun werde ich aufgescheucht. Nur so früh kriegt man einen guten Platz bei der Psychiatrieveranstaltung, höre ich. Beim Frühstück diskutieren die Kommunarden, ob es sich für junge Lehrer politisch lohnt, in den Staatsdienst zu gehen. Ich seh die Welt durch schmale Schlitze.

In Liebe & Haß baden

Ich ergattre tatsächlich einen Sitzplatz — das erste Mal in Tunix. Es geht los mit einem Sketch der Theatergruppe Zarathustra. Autoritäten der Psychoanalyse, auch prominente Antipsychiater werden heruntergeputzt: Freud (er zefleddert einen Strohpatienten), Deleuze und Guattari (Automatenmenschen paradieren zackig — Libidomaschinen), Irigaray (sie redet übers Reden und verliert sich in einem Nonsens-Monolog), Foucault. Das ganze etwas bildungsbürgerlich. Es wird bejohlt.

Dann setzen sich Typen im Türkensitz ums Mikrophon. Sie kündigen an, Erfahrungen in antipsychiatrischen Projekten berichten zu wollen. Das Publikum wird unruhig. Die vorne brechen wieder ab und reden jetzt über mögliche Vorgangsweisen. Für eine Podiumsdiskussion sind sie zuwenig vorbereitet. Im Plenum mit ein paar tausend schaut nichts raus: es bilden sich dauernd völlig unüberschaubare Allianzen und Gruppen, die Unverständliches in den Saal plärren, um von einer anderen, neuen Gruppe niedergeschrien zu werden. Auf dem Bühnenhintergrund sichtbar David Cooper, Felix Guattari und Peter Brückner — alle drei etwas verlegen. Sollen sie was sagen oder nicht? Die Moderatoren meinen nein. Die ausländischen Gäste seien gekommen, um sich über die deutsche Situation zu informieren. Außerdem hätten sie doch genug geschrieben. Im Publikum Sprechchöre: „Cooper! Cooper!“, dann Pfiffe und trommeln — für oder gegen? Cooper schiebt sich vor zu einem Mikrophon. Er sieht aus wie der liebe Gott persönlich: Kugelbauch & Rauschebart. Auf amerikanisch läßt er einige Gemeinplätze in den Raum: „Die Dialektik der Psychiatrie ist nicht zu trennen von der Dialektik des Klassenkampfs!“ Damit macht er sich sehr unbeliebt. Ein Orkan braust auf: „Quatschkopf! Fällt dir nichts Besseres ein?“

Die Spontis killen ihre Helden:
Antipsychiatrieguru David Cooper (mit weißem Bart) wurde bei seinem Auftritt im Audimax der Berliner TU ausgebuht

Als nächster stellt sich Guattari der Meute, die ihre Stars mit Wechselbädern aus Liebe und Haß empfängt. Auch er findet nicht den richtigen Ton. Ins totale Chaos platzt ein gewisser Doktor Erwin Pape, der von seinen mehrmaligen Entmündigungen und willkürlichen Anhaltungen in psychiatrischen Anstalten berichtet. Er leiert das sehr fließend herunter. Ist seine Geschichte offenbar schon öfter losgeworden. Im Saal geht’s wieder los: „Faß dich kürzer!“ Andere meinen, es sei doch toll, wenn endlich wer was Konkretes sagt.

Ein echter Freak ist mir schon mehrmals aufgefallen: Er ist schwer körperbehindert, stützt sich mit seinen übergroßen Armen auf die Bank, schleppt sich auf zwei Krücken dahin. Mit funkelnden Augen beobachtet er die Veranstaltungen, bei denen immer wieder von „Alternativen“ die Rede ist, und er schreit endlich seine Erfahrung hinaus: „Es gibt keine Alternative! Es gibt keine Alternative!“, und: „Ihr seid alle Faschisten!“ Er macht die Leute unsicher. Dann schreit ihn einer an: „Halt’s Maul!“ Er zurück: „Ihr Behindertendiskriminierer! Ihr Behindertendiskriminierer!"

Der Doktor Pape erregt den besonderen Unmut des Freaks: „Spiel dich nicht auf! Was weißt du!“ Er robbt vor, bringt sich hinterm Mikro in Positur. Er plärrt was hinein völlig unverständlich. Der Haß lähmt ihm die Zunge. Vor ihm die antipsychiatrische Prominenz, die nicht weiß, wo sie hinschaun soll. Guattari will die Situation retten: Kein Wunder, daß es bei diesem Thema so zugehe. Das habe er schon oft erlebt. „Wie können wir verhindern, daß es einem so geht wie diesem Freund da?“

Die Oralen kommen!

Mir wird’s zuviel. Ich stehle mich aus Tunix. Andere erzählen, sie hätten’s auch kaum ausgehalten. Trotzdem ist ihr Gesamteindruck positiv: „Klar war’s ein Chaos. Aber wir haben uns wieder mal gesehen und gerochen und gemerkt, was für eine Masse wir sind. Das ist gut. Ich habe jetzt nicht mehr das Gefühl, vereinzelt zu sein.“

Ich ordne meine Eindrücke: Wer sind die Tunix-Reisenden? Jobber, Studenten, Schüler, Arbeitslose, Akademiker ohne Stellung, Berufsverbotsopfer, Leute, die sich durch selbstgebastelte Kleinbetriebe (Buchhandlungen, Verlage, Kneipen) über Wasser halten. Eigentlich sind sie alle Arbeitslose: Kaum einer steckt in der kapitalistischen Produktion. Karl Heinz Roth nennt sie „Sozialproletariat“, während das klassische Proletariat „den Gewerkschaften als dem genuinen Nebenmotor des ‚Modell Deutschland‘ überlassen blieb“. [1]

Ihr politisches Credo heißt Autonomie. „Autonomie, das heißt, sich einen Namen geben, auszugehen von seinen Bedürfnissen und Wünschen, die Totalität verändern, also auch den Alltag, die Subjektivität an erster Stelle setzen“, definiert die Münchner Stadtzeitung Blatt. Das Engagement der Spontis entzündet sich nicht an allgemeinen, „objektiven“ politischen Erkenntnissen, sondern an hautnahen Individualerfahrungen: Sexualität, Medizin, Psychiatrie, Drogenselbsthilfe, Anti-Atom. Im Hinblick auf die Arbeiterklasse plagte die Spontis kein Schuldgefühl: Sie sind ihr eigenes revolutionäres Subjekt. Ein Informationsstand über den gleichzeitig mit dem Tunix-Treffen stattfindenden Hafenarbeiterstreik in Hamburg blieb unbeachtet.

In Frankreich haben die Autonomisten durch den Rückgang der Maoisten an Boden gewonnen. Inzwischen legen sie sich eher mit den Linken als mit der Reaktion an: Pariser Autonomisten zerlegten in den letzten Wochen trotzkistische Parteilokale, versuchten, die Croissant-Demo zu sprengen, besetzten die Redaktion der linken Tageszeitung Libération. Die rapide Verbreiterung der Sponti-Scene ist auch in der BRD eine Reaktion auf den K-Gruppen-Streß der letzten Jahre. Dem autoritären Parteienrummel antwortet eine extrem antihierarchische, antiinstitutionelle Gegenströmung.

Johann August Schülein, Soziologieprofessor aus Gießen, deutet die Schaukelbewegung zwischen Sponti- und K-Gruppen sozialpsychologisch. [2] Beide kommen aus dem Wandel des bürgerlichen Sozialcharakters. Die Adenauer-Ära brauchte den analen Typus. Sparsamkeit, Beharrungsvermögen, Ehrbarkeit, starkes und starres Über-Ich. Im modernen Kapitalismus kommt es zum Vormarsch der Oralen: Konsumfähigkeit, Opportunismus, Regression als Abwehr und Objektwechsel werden die gefragten Charakterzüge.

Vor diesem Hintergrund sieht Schülein orale Spontis gegen die Ks — als letzte Bastion der Analen — kämpfen. Doch in ihrer jeweiligen Fixierung werden sie zu den zwei Kehrseiten einer Medaille: „Den unsinnigen und haarspalterischen Exegesen, die die Dogmatiker pflegen, entsprechen die berühmten Nullpunktdiskussionen der Spontis“ (Schülein). Auch die Spontis haben Dogmen: etwa die Ablehnung der K-Gruppen ...

In Tunix kündigte sich eine Art Sponti-Internationale an: Seit Stammheim und Croissant, seit der Mißhandlung Foucaults (der auch in Tunix war) durch deutsche Verfassungsschützer (Spiegel 52/1977) interessieren sich französische Linksradikale für ihre deutschen Genossen. Es wurde beraten, wie die deutsche Sponti-Bewegung von Frankreich aus zu unterstützen sei. Italienische Stadtindianer waren begeistert: Tunix war noch toller als ihr Kongreß im Juni vergangenen Jahres in Bologna.

Der BRD-Staat hat seine kritische Jugend in den letzten Jahren brutal ins ökonomische und politische Abseits gedrängt. Das rächt sich jetzt, massenhaft tauchen Spontis, Mescaleros, Stadtindianer auf. Das brodelt, das gärt, das kann in alle Richtungen losgehen.

[1Karl Heinz Roth: Modell Deutschland gegen Massenautonomie, in: Autonomie Nr. 1/1978, München 1978

[2Johann August Schülein: Von der Studentenrevolte zur Tendenzwende oder der Rückzug ins Private, in: Kursbuch 48 („Zehn Jahre danach“), Rotbuch Verlag, Berlin 1977

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Das Treffen in TUNIX fand vom 27. bis 29. Januar 1978 in der Technischen Universität (TU) in West-Berlin statt und war der kurzfristige Versuch einiger Initiativen von „Unorganisierten“, die noch zerstreute neue Generation nach der 68er-Bewegung zu versammeln, die einen Gegenpol zum Politikverständnis der maoistischen K-Gruppen und der DDR-orientierten Organisationen wie der SEW bildeten.[1] Die Teilnehmer, deren Zahl von den Veranstaltern auf 15.000 geschätzt wurde,[2] nutzten ein vielfältiges Programm zur Vorstellung ihrer Aktivitäten, zu Diskussion, Austausch und Vergnügen. In der Folge kam es zu einer Vielzahl von Gruppen- und Projekte-Gründungen in Stadt und Land und deshalb gilt das Treffen als „Geburtsstunde“ der Alternativbewegung.

„Tunix“ ist eine kecke Form des Imperativs „Tue nichts“ und spielt auf die Kreativität an, die nur in Situationen des „Nichtstuns“ entstehe.

Das Treffen in TUNIX wurde von der Berliner Spontiszene und von Basisgruppen aus dem vorangegangenen Berufsverbotestreik an den Berliner Universitäten, Hoch- und Fachhochschulen 1976/77 auch in Reaktion auf den Deutschen Herbst initiiert und stand dem gesamten linken Spektrum mit Ausnahme der Dogmatiker offen.[3] Im Ankündigungstext kritisieren die Initiatoren den polizeilichen Fahndungsdruck jener Wochen und die repressiven Auswüchse der damaligen sozialliberalen Politik, welche gern mit dem Begriff „Modell Deutschland“ etikettiert wurde:

„Uns langt’s jetzt hier! Der Winter ist uns zu trist, der Frühling zu verseucht und im Sommer ersticken wir hier. Uns stinkt schon lange der Mief aus den Amtsstuben, den Reaktoren und Fabriken, von den Stadtautobahnen. Die Maulkörbe schmecken uns nicht mehr und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst. Das Bier ist uns zu schal und auch die spießige Moral. Wir woll’n nicht mehr immer dieselbe Arbeit tun, immer die gleichen Gesichter zieh’n. Sie haben uns genug kommandiert, die Gedanken kontrolliert, die Ideen, die Wohnung, die Pässe, die Fresse poliert. Wir lassen uns nicht mehr einmachen und kleinmachen und gleichmachen. Wir hauen alle ab! … zum Strand von Tunix.“[4]

Der Aufruf traf einerseits die Stimmung der Jugendlichen in ganz Deutschland, zum andern bestand in Berlin durch den Unistreik ein hoher Mobilisierungsgrad der bereits in der Öffentlichkeit diskutierten „Neuen Studentenbewegung“. In Politik und Medien war mittlerweile erkannt worden, dass hinter dieser Bewegung sich keine kommunistischen oder gar terroristischen „Drahtzieher“ befanden. Zwar wurde im linken Berliner Extra-Dienst das „Stelldichein aller spaßigen Spontis, fröhlichen Freaks, munteren Mescaleros“ belächelt und in der Berliner Morgenpost der Vergleich mit einem „orientalischen Bazar“ gezogen, doch die Teilnehmer interessierte das nicht:

„Ihr Grundsatz war: ‚Wir wollen keinen Minimalkonsens, der so platt und abstrakt wie richtig ist. Wir wollen das Maximale für jeden. […] wir können trotzdem – oder gerade deswegen – gemeinsam kämpfen.‘“

Georg-Ludwig Radke: Spontis und Stadtindianer, in: Berliner Stimme, 4. Februar 1978.

Ablauf des Treffens

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Das Programm des Tunix-Treffens umfasste Diskussionsrunden, Vorträge, Filme und Kulturveranstaltungen. Dazu kamen mehrere Podiumsdiskussionen und die Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung im Audimax der TU.[5] Aus feministischer Perspektive wurde im Nachhinein vor allem kritisiert, dass keine der Veranstaltungen feministische Themen behandelte und dass überdies die Podien vorwiegend mit männlichen Rednern besetzt waren.[6]

Freitag, 27. Januar 1978

  • 14–20 Uhr: Treffpunkt Technische Universität (Foyer, Audimax): Informationen, der große Bazar (Stände der Gruppen, Verpflegung).
    Musik (Trotz & Träume, Klaus der Geiger, Mobiles Einsatzorchester, High Cracks, Professor Faust-Troll)
    Theater (Theatergruppe Ratiborstr., Hobbit-Puppenbühne, Gauckler und Feuerschlucker).
Deckblatt Programmheft des Treffens in TUNIX

parallel:

TUNIX-FILM-FESTIVAL [an allen drei Tagen] mit 26 Filmen und Veranstaltungen im Yorck-Kino

  • Alternative Filmarbeit
  • Initiativen für linke „Wochenschauen“ (Themen: BI Westtangente, Abriss der Feuerwache Kreuzberg u. a.)

Samstag, 28. Januar 1978

  • AGIT-ACTION in verschiedenen Stadtteilen
  • 11 Uhr: Demonstration „vom Knast in die Innenstadt“
  • 14 Uhr: Die Theorie von den 2 Kulturen (TU-Audimax – Podiumsdiskussion mit Wissenschaftssenator Glotz, FU-Präsident Lämmert, Peter Brückner, Daniel Cohn-Bendit, Ex-Asta-Göttingen und drei Vertretern der Subkultur-Scene)

parallel:

  • Selbstverwaltete Jugendzentren (Georg-von-Rauch-Haus und die Verlängerung des Mietvertrages)
  • AGIT-ACTION (Möglichkeiten der Öffentlichkeitsarbeit‘; Sinn und Zweck von Komitees; Formen von Aktionen)
  • Feminismus und Ökologie
  • Überleben im Stadtteil
  • Veranstaltung der Einzelkämpfer
  • ab 14 Uhr: Mobiles Kulturprogramm (MEK-Bilk, Krause-Berlin, Berliner Stadtmusikanten, Los Tros Tornados, Theatergruppe Fuddels, Theater aus Frankreich: Studio 4, Les Maroniers)
  • 17 Uhr, TU Audimax: Linke Tageszeitung in der BRD (Ströbele, Günter Wallraff, Lotta Continua und Alternativzeitungen)
  • Wissenschaft – Utopie – Widerstand (Veranstaltung der Berliner Herausgeber von Buback – Ein Nachruf)
  • Schillern der Revolte (Merve-Verlag mit Ex-AStA Göttingen)
  • Verhältnis der Linken zum Staat – Reaktionen des Staats auf die Linke.

abends:

Sonntag, 29. Januar 1978

  • Psychiatrie, Antipsychiatrie, (Vertreter verschiedener Psychiatrie-Projekte, David Cooper, Félix Guattari)
  • Basisgruppen zur Situation an den Hochschulen
  • Schwule Arbeitsgruppen / Schwule Projekte / Schwule autonome Theorie
  • Stand der Anti-AKW-Bewegung (Gorleben, Grohnde, Kalkar)
  • Kampf der Stadtzerstörung (Autobahn, Sanierung, Luftverschmutzung, Stromrechnungsboykott)
  • Selbstversorgung und Aufbau einer eigenen Nahrungsmittelkette
  • Alternative Energiegewinnung und Technologien
  • Medizinische Selbstversorgung und Selbstkontrolle unserer Gesundheit
  • Ausstellung ‚Dauernde Energie‘ (im Sozialistischen Jungarbeiter- und Schülerzentrum)

parallel:

  • Alternative Stadtführung: Wo ist die ‚Reichshauptstadt Berlin‘ geblieben?
  • Überleben im Stadtteil
  • Feminismus und Ökologie
  • Berufsverbot für Rechtsanwälte
  • Alternative Medienpraxis – Gegenöffentlichkeit
  • Politik der Minderheiten (Merve Verlag und Autonomie)
  • ab 14 Uhr: Kulturprogramm im TU Audimax (Hobbit Puppenbühne/Kindertheater), Zauberer Bernd Heller (GRIPS-Theater)
  • Was ist los mit dem linken Buchhandel
  • Gibt es einen neuen Faschismus in der BRD? (Veranstaltung der Zeitschriften alternative, Berliner Hefte, Ästhetik und Kommunikation mit Karl Heinz Roth und ausländischen Gästen) – TU Audimax
  • Linke Kneipen: Gegenöffentlichkeit oder Abfüllstation?
  • Vorbereitung 'Freaktreffen in Frankfurt', Juli 1978

20 Uhr: Schlussveranstaltung im Audimax

Empfohlen werden im Programmheft 58 Kneipen und Restaurants in sechs Stadtteilen. Auf der Rückseite des Programmheftes ein „Wegweiser für Frauen“ mit 16 Galerien, Läden, Werkstätten, Zentren, Cafés und Kneipen.

Demonstration am 28. Januar 1978

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„Aus dem Zug von etwa 5000 Teilnehmern[7], […] die aus Berlin, Westdeutschland und dem westeuropäischen Ausland gekommen waren – darunter sogenannte Spontis und Stadtindianer sowie andere nichtorganisierte Linke – wurde vor dem Frauengefängnis in der Lehrter Straße zunächst mit Farbeiern und später dann vor dem Gerichtsgebäude in der Moabiter Turmstraße bereits mit Pflastersteinen geworfen.“

Der Tagesspiegel: Kundgebung wurde gewaltsam. 29. Januar 1978.

Auf dem Weg zur Innenstadt gelang es der Polizei, den Zug zu teilen, „nachdem die ersten Steine gegen das Amerika-Haus geflogen waren. […] Daraufhin warfen Teilnehmer aus dem abgetrennten Zug einen wahren Steinhagel, so daß die Polizei zurückweichen mußte und der Zug sich wieder vereinen konnte. Er zog zum Kurfürstendamm.“[8]

„Eine große deutsche Fahne war mit der Aufschrift ‚Modell Deutschland‘ an einen Lautsprecherwagen der Demonstranten gebunden und durch den Straßenschmutz gezogen worden. An der Ecke Kurfürstendamm/Joachimstaler Straße wurde die Fahne dann vor den Augen von Polizisten und Passanten in Brand gesteckt. […] Nach dem Verbrennen der Fahne räumte die Polizei und die Demonstranten erklärten den Zug für beendet.“[9]

„Etwa 30 Polizisten wurden zum Teil erheblich verletzt. Mehr als 15 Schaufensterscheiben von Banken und Geschäften gingen zu Bruch.“[10] Die Frankfurter Rundschau meldete: „Die Polizei gab am Sonntag bekannt, 30 von tausend eingesetzten Polizisten seien leicht verletzt worden. […] Festnahmen gab es nicht. […] Nach Augenzeugenberichten hat eine Rockergruppe aus Hamburg [in Moabit] angefangen, die Polizisten mit Steinen zu bewerfen.“[11]

Diskussionsveranstaltung „Die Theorie von den 2 Kulturen“

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Unmittelbar nach der Demonstration folgte die angekündigte Hauptveranstaltung: „In teilweise sehr erregter Atmosphäre begann […] die Diskussion mit Wissenschaftssenator Glotz und FU-Präsident Lämmert in dem mit knapp 3000 Zuhörern überfüllten Auditorium maximum der Technischen Universität über die von Glotz geäußerte These, daß Teile der Studentenschaft sich in einer Subkultur befänden, deren Sprache für viele nicht mehr verständlich sei.“

Die Diskussion kam nach den Ereignissen auf der Demonstration nur mühsam in Gang und die Erklärung von Lämmert, „die Demonstranten sollten mit Argumenten an die Öffentlichkeit treten und nicht mit Steinen …“, spiegelte für viele Teilnehmer die Wirklichkeit nicht wider. Ein Student wies darauf hin, „daß man sich in dem Dilemma befände, sich durch den Dialog mit den Politikern einerseits nicht integrieren lassen zu wollen, zum andern aber Integrationsversuche auch nicht mit Steinwürfen verhindern wolle, sondern einen eigenen Weg finden müsse.“[12]

Glotz meinte, sein Vorgehen sei keine „Umarmungsstrategie“, er sei hier, da er den Eindruck habe, „eine geistige Auseinandersetzung sei in Gang gekommen.“[13]

„Der Ring Christlich Demokratischer Studenten (RCDS) begrüßte das beispielhafte Auftreten […] von Dr. Glotz in der TU vor Tausenden der freiheitlich demokratischen Grundordnung feindlich gesinnter Studenten. ‚Durch fundierte Argumentation und überzeugendes Auftreten gelang es ihm, den demokratischen Dialog mit der neuentstandenen Subkultur Tunix zu führen.‘ Nach den Worten des RCDS-Vorsitzenden Köhler sollte diese offensive Auseinandersetzung Vorbildcharakter für alle deutschen Politiker haben.“[14]

Abschlussveranstaltung am 29. Januar 1978

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Sprecher der Tunix-Organisatoren gaben bekannt, dass 15.000 Besucher gezählt worden seien. Das Chaos auf dem Treffen hätten sie nicht verhindern können. Man hoffe auch auf Solidarität, wenn „jemand für die Aktion mit der bundesdeutschen Fahne juristisch verantwortlich gemacht werden sollte.“ Ausländer aus Frankreich und Italien äußerten, sie nähmen den Eindruck mit zurück, „daß Tausende in Deutschland das Leben unter der Repression ablehnten.“ FU-Professor Flechtheim vertrat die These, dass „gegenwärtig kein Faschismus herrsche“. Es gäbe aber eine „langsame und unscheinbare Entwicklung, die Demokratie scheibchenweise abzubauen.“ Teilnehmer meinten, es sei gelungen, sich die Vielfalt der eigenen Bewegung deutlich zu machen: „Das ‚Tunix‘-Treffen, das mit viel Musik, Theater, Tanz und Filmprogrammen ablief, (war für viele) ein Ereignis, für wenige Tage in Massen ein alternatives Denken und Fühlen gegenüber der Gesellschaft zu erleben – darauf liefen die meisten Einschätzungen in der Abschlußdiskussion hinaus.“[15]

Am Montag, den 30. Januar 1978 gab Wissenschaftssenator Glotz eine Pressekonferenz, in der er die Ansicht vertrat, die neue Generation habe „das angestrengte gewaltsame Kriegsspielen der maoistischen K-Gruppen satt […] Er mache sich allerdings keine Illusion darüber, daß die von der Sponti-Bewegung angezielte ‚Alternative Kultur‘ […] eine Kampfansage an das sei, was diese Gruppen als ‚Sozialdemokratismus‘ bezeichneten.“[16]

Doch die neue Dynamik der Bewegung drückte ein Flugblatt der ASH (Arbeiterselbsthilfe) Bonames – Betriebe in Selbstverwaltung – aus: „Wir sind ganz schön viele […] und wir werden nicht warten, bis in alle Ewigkeiten – wie sie es gerne hätten – und werden auch nicht woanders damit anfangen – wie sie es gerne hätten –, sondern jetzt und hier, jeder in seiner Stadt, gleich am Montag – nach dem großen Fest.“

Bedeutung und Wirkungsgeschichte

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Das Treffen war der organisatorische Beginn der Alternativbewegung in Berlin und Westdeutschland, es markierte eine Wende im Politikstil der Neuen Linken.[17] Alternative Zeitungsprojekte, unter anderen das der späteren taz, wurden vorgestellt, auch das Konzept einer bundesweiten Ökologie-Partei – zuerst waren dazu „Alternative Listen“ zu Wahlen vorgesehen, später entstand daraus die neue Partei Die Grünen. Auch die Frauenbewegung fand hier den entscheidenden Aufschwung. Die schwul-lesbischen Christopher-Street-Day-Paraden ab 1979 sowie die homosexuelle Entsprechung des Tunix-Treffens, der Homolulu-Kongress, und das Netzwerk Selbsthilfe wurden hier initiiert. Als Treffpunkt in der Stadt wurde bereits kurz zuvor das „Schwarze Café“ in der Kantstrasse eröffnet.

Kritisiert wurde am Treffen in Tunix von den liberalen Diskussionspartnern – ungeachtet ihres „Verständnisses für die Entwicklung einer alternativen Kultur“[18] –, dass die Bewegung „gegen die zentralen Werte der pluralistischen Kultur gerichtet sei.“ Linke bemängelten, „daß das eigentliche Ziel von Tunix, neue Formen des Widerstandes zu erfinden, nicht erreicht worden sei.“[19] Die Boulevard-Presse konzentrierte ihre Berichterstattung auf die gewaltsamen Aktionen des Demonstrationszuges: „Chaoten auf dem Kudamm – 30 Polizisten verletzt“ und die Forderung nach „gesetzlichen Grundlagen … um gegen ein derartiges Treiben an der TU vorgehen zu können.“[20]

Doch die Diskussionen und ihre Themen – weder in den Gruppen noch im Audimax mit Senator Glotz und FU-Präsident Lämmert, weder über die Gewaltfrage noch über die Realität zweier oder mehrerer Parallelgesellschaften – entschieden nicht über die Bedeutung von Tunix. Fakt ist, dass in der Folge des Treffens in Berlin und in Westdeutschland eine Projekte-„Gründerwelle“ in allen Bereichen einsetzte: Der Austausch mit Gleichgesinnten hatte ermutigt, Kontakte ermöglicht und in einem kaum zu überschätzenden Umfang Kompetenzen miteinander verknüpft. Es ging nicht mehr darum, im nächsten Schritt die bestehende Gesellschaft umzustürzen oder sich nur auf den Widerstand gegen die Staatsmacht zu konzentrieren, sondern Alternativen in die Tat umzusetzen – die „Alternativbewegung“ hatte sich manifestiert und wurde zum Begriff.

  • Michael März: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. Eine Geschichte des linken Spektrums im Schatten des „starken Staates“ 1977–1979. Transcript, Bielefeld 2012, ISBN 978-3-8376-2014-6.[21]
  • Geronimo: Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen. 4. Auflage. Edition ID-Archiv, Berlin 1995, ISBN 3-89408-004-3.
  • Anina Falasca: "Spaßige Spontis" und "fröhliche Freaks". Zur theoretischen Neuorientierung der Neuen Linken um 1978, in: Zauber der Theorie – Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 72–87.
  • Wolfgang Neuss: Tunix ist besser als arbeitslos. Sprüche eines Überlebenden. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986, ISBN 3-499-15556-7.
  • Jens Gehret (Hrsg.): Gegenkultur. Von Woodstock bis Tunix, von 1969 bis 1981. MarGis, Asslar 1985, ISBN 3-921764-12-2.
  • Ronald Glomb: Auf nach Tunix. In: J. Gehret (Hrsg.): Gegenkultur heute. Die Alternativbewegung von Woodstock bis Tunix. Azid Presse, Amsterdam 1979, ISBN 90-70215-03-9, S. 137–144.
  • Dieter Hoffmann-Axthelm, Otto Kallscheuer, Eberhard Knödler-Bunte: Zwei Kulturen. TUNIX, Mescalero und die Folgen. Verlag Ästhetik und Kommunikation, Berlin 1978, ISBN 3-88245-201-3.
  • Jana König: "Falsche Wege und Neue Anfänge". Die Bedeutung von Theorie in Zeiten linker Krisen – Im Kontext von "Deutscher Herbst" 1977 und "Wiedervereinigung" 1989, in: Zauber der Theorie – Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 88–104.
  1. Frank Bachner: 40 Jahre "Tunix"-Kongress - eine Erinnerung. Tagesspiegel, 26. Januar 2018, abgerufen am 31. März 2018.
  2. „Nach Angaben von Glotz sind zu dem Tunix-Treffen 4800 Personen am Wochenende über die Transitwege angereist, von denen 3000 bis 4000 an der Demonstration teilgenommen hätten. Eine Minderheit der insgesamt 6000 Demonstranten hätten mit Steinen geworfen. […] in den Räumen [der TU] hielten sich zeitweise bis zu 7000 Teilnehmer auf.“(Der Tagesspiegel, 31. Januar 1978.) Die Gesamtzahl wird hier wie auch in der Berliner Stimme vom 4. Februar 1978 mit 15.000 angegeben.
  3. Jana König: "Falsche Wege und Neue Anfänge". Die Bedeutung von Theorie in Zeiten linker Krisen - Im Kontext von "Deutscher Herbst" 1977 und "Wiedervereinigung" 1989, in: Zauber der Theorie - Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 88–104.
  4. Edition ID-Archiv (Hrsg.): Geronimo: Feuer und Flamme - Zur Geschichte der Autonomen. 1990, ISBN 3-89408-004-3, Kap. 1 (nadir.org).
  5. Die Aufstellung (auch die Orthografie) entspricht dem „endgültigen“ Programmheft, es gibt aber keine Gewährleistung dafür, dass es unverändert durchgeführt wurde. Zu den Ankündigungen siehe: Koordinationsausschuß TUNIX: TUNIX und was alles passieren wird, Flugschrift Januar 1978.
  6. Tunix Die phallokratische Linke gab sich die Ehre, in: berliner frauenzeitung Courage, Heft 3 1978, S. 56f
  7. Die Berliner Morgenpost meldete am 29. Januar 1978 6200 Teilnehmer.
  8. Tagesspiegel, 29. Januar 1978.
  9. Tagesspiegel, 29. Januar 1978.
  10. Berliner Morgenpost, 29. Januar 1978.
  11. Frankfurter Rundschau: Ausschreitungen in Berlin. 30. Januar 1978.
  12. Beide Zitate: Tagesspiegel, 29. Januar 1978.
  13. Berliner Stimme, 4. Februar 1978.
  14. Berliner Morgenpost: Senator Glotz diskutierte mit „Spontis“. 29. Januar 1978.
  15. Tagesspiegel vom 31. Januar 1978 und Berliner Stimme vom 4. Februar 1978.
  16. Tagesspiegel: Glotz hält an Diskussionen fest. 31. Januar 1978.
  17. Anina Falasca: "Spaßige Spontis" und "fröhliche Freaks". Zur theoretischen Neuorientierung der Neuen Linken um 1978, in: Zauber der Theorie - Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 72–87.
  18. Berliner Morgenpost: Senator Glotz diskutierte mit "Spontis", 29. Januar 1978.
  19. Georg-Ludwig Radke: Spontis und Stadtindianer, in: Berliner Stimme, 4. Februar 1978.
  20. B.Z., 30. Januar 1978.
  21. Uwe Sonnenberg: M. März: Linker Protest nach dem Deutschen Herbst. H-Soz-Kult, 10. Mai 2012, abgerufen am 31. März 2018.