FORVM, No. 157
Januar
1967

Als man in Österreich-Ungarn den Sport erfand

In den sanften bürgerlichen Zeiten der Neunzigerjahre liebte man Schwäne, aß Korinthenbrot, und die wollenen Strümpfe der Damen dufteten nach Lavendel oder zerriebenen Zitronenschalen. Die Großmütter blickten gütig lächelnd durch eisenumränderte Brillen. Man glaubte an Metschnikoff und Professor Jäger.

Einmal in der Woche wurde gebadet. Fahrzeuge mit Fässern voll heißen Wassers zogen durch die Straßen und boten für billiges Geld ihre Ware feil. Aus den Fenstern angerufen, hielten sie vor dem Haustor, und die bärtigen Kutscher brachten, Danaiden gleich, Wasser in zahllosen Bottichen und einen Badetrog über die steilen Treppen herauf. Die Köchin fütterte den Trog mit einem blütenweißen Leinentuch, in das man sich beim Baden rettungslos mit allen Gliedmaßen verstrickte wie in ein Spinnennetz. Spät am Abend holten die Männer die leergebadeten, seifenschaumigen Gefäße ab, wobei sie mit zusammengepreßtem Mund und leicht gelangweiltem Gesichtsausdruck den Kopf zur Erde neigten. Man hatte ein Gefühl, als hätten sie unserem körperlichen Dasein die Beichte abgenommen.

In jener Zeit, im Sommer, mit acht Jahren, wurde ich in das Sportleben eingeführt. Nach der ersten Schwimmstunde in der Badeanstalt öffnete sich meiner sechs Jahre alten Kusine der lichtblaue Bademantel, und ich sah, wie Frauen beschaffen sind. Dann ging ich Tee trinken und riß unbekümmert viele Blätter von den Lorbeersträuchern im Park, um aus ihnen, wenn der Sommer einmal vorüber sein würde, Öl und Erinnerungen zu pressen.

Sport galt zu jener Zeit als gefährlich. Gute Turner hatten einen schlechten Leumund beim Lateinprofessor, und wer Bock und Reck beherrschte, galt als verrucht. Fußball war fast gleichbedeutend mit Kartenspiel oder verbotener Liebe; nur die Schlechtesten in der Klasse waren gelenkig. Der Turnlehrer grüßte die Herren Kollegen weit vorgebeugt mit inferiorem Hutschwung. Er war der einzige unter ihnen, der keinen Bart trug.

Das Zeitalter roch nach Pomade, Hauskost mit viel Einbrenne und einer penetranten Verehrung für Dichter und Musiker; Dinge, die der freien Entwicklung des Körpers hinderlich sind. Es gab noch wenig Leute, die der Meinung waren, daß die Frauenfigur der Fortuna auf einem Medizinball einherrollt, und keinen, der Mädchenbrüste mit Tennisbällen verglich. Als die Kunde von England kam, daß es für die Entwicklung des Geistes, also der Geschäfte, nicht unbekömmlich sei, den Körper auch unterhalb der Gürtellinie täglich mit kaltem Wasser abzureiben, gab es ein allgemeines Kopfschütteln wie bei der Erfindung der Dampflokomotive. Der zart rosafarbene Schleier einer unhygienischen, aber milden Weltanschauung bekam von der Nachricht ein Loch wie von einem Messerhieb. Es war der Anfang des Endes der humanistischen Idee.

Sport betrieben nur die Gentry, Grafen, Barone und ein Bierbrauereibesitzer. Sie setzten im Frühling graue Zylinderhüte auf und fuhren zum Rennen hinaus, worauf es sofort in Strömen zu regnen begann. Um diesem magischen Schauspiel beizuwohnen, defraudierten einige kleine Kassierer und Versicherungsagenten, Kassenboten und Schweinezüchter und je ein Beamter des Agrar- und des Kultusministeriums, letztere sozusagen ex offizio. Mit dem ersten Revolverschuß des ersten Selbstmörders konnte die Saison als eröffnet betrachtet werden. Am selben Abend schüttelten in sämtlichen Lehnstühlen des Landes die bürgerlichen Väter ihre bärtigen Köpfe und hoben vor den Söhnen warnend den Zeigefinger.

Amerika war um diese Zeit noch nicht entdeckt. Wie sollte man Sport treiben: Ein Mann konnte sich noch so sehr ausziehen, er mußte den Bart anbehalten, der beim Laufen wie ein Feigenblatt der Seele protestierend im Wind flatterte. Je keuscher man den Körper hielt, desto kühner dachte man sich den Geist, der damals noch Seele hieß. Das Nebeneinander dieser zwei, die schwere Trapez-Balancier-Nummer des Menschen, wurde zu einem unerquicklichen Gegenüber, bei dem der Geist hoheitsvolle Fratzen schnitt und in angeblich lichte Höhen schnellte, was dem Körper ständigen Brechreiz verursachte. Er hielt sich dafür im Dunkeln schadlos. Gestalten wie der Ritter Freystädtler, dessen Palais jahrzehntelang von nächtlichen Orgien widerhallte, hielt die Phantasie von ganz Österreich-Ungarn in Bann.

Der Mensch hat Freude am Spiel, und so fand er heraus, daß man sich gegen die Unbilden der Witterung und des Geschlechtes durch Kleidung schützen sollte. Schön ist auch ein Zylinderhut und Glasketten auf dem tätowierten Körper, darüber ein sinnloser Sonnenschirm. Doch die Bürgerlichen der Neunzigerjahre hatten den Geschmack am Spiel verloren und somit den Geschmack schlechthin, gegen sogenanntes schlechtes Wetter schützten sie sich durch Zuhausebleiben, sie wußten daher mit ihrer Kleidung ebensowenig anzufangen, wie mit ihrem Körper. Es entstand ein dunkles, faseriges Wesen, das den Sonnenschein floh, im Regen sich hüpfend vorwärtsbewegte, währen es sich bei Wind bald entblätterte wie eine vertrocknete Zwiebel. Wurde es durch ein freudiges Ereignis in erregten Gemütszustand versetzt, dann hob es langsam das Bein, schaute sich ängstlich nach allen Seiten um und machte eiligst zwei kleine Schritte vorwärts und rückwärts. So entstand die Polka.

Das Regenschirmtier dieser Zeit vermehrt sich durch Spaltung. Von ihm zum Idiosaurus einer kommenden Epoche führt der Weg über das fröhlich harmlose Muskeltier von heute. Den Anstoß zu dieser Entwicklung gab die Feuerwehr von Debrecen, die im Jahre 1896 den ersten Preis bei den olympischen Spielen in Athen gewann. Die Infektion verbreitete sich im Land fast so rasch wie geistige Seuchen, und bald begannen die ersten Exemplare der Gattung schamlos Fußball zu spielen. Das Antlitz der Welt veränderte sich langsam.

Dann kam der Weltkrieg.

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